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Als Spross einer vermögenden Familie von Zauberern ist der junge James Gremory in jeder Hinsicht privilegiert. Mit seinen Eltern bewohnt er ein großes Herrenhaus und wird in Kürze die wunderschöne Elisabeth heiraten. Die Sorgen und Nöte anderer sind dem Einzelgänger fremd. Anlässlich der Verlobungsfeier seines Sohnes bereitet James' Vater eine besondere Darbietung vor, doch dabei geschieht etwas Unvorhergesehenes: Durch einen missglückten Zeitzauber reist James zehn Jahre in die Vergangenheit. Dort begegnet er nicht nur seinem jüngeren Ich, sondern sieht sich auch mit Personen und Geschehnissen konfrontiert, an die er sich nicht erinnern kann. Während James verbissen an einem Rückreisezauber arbeitet, droht sein Blick in die Vergangenheit seine gesamte Zukunft in Frage zu stellen. Welche Konsequenzen wird sein Erscheinen in der Vergangenheit für alle Beteiligten haben?
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Für Martin
Katharina Stürmer wurde 1992 in einer Kleinstadt in Mittelfranken geboren und lebt seit 2015 in einer noch etwas kleineren Stadt, in der sie als Physiotherapeutin arbeitet.
Die verlorene Erinnerung ist ihr Debütroman, den sie unter dem Pseudonym Catherine R. Striker im Eigenverlag veröffentlichte.
Weitere Informationen zur Autorin finden Sie auch auf ihrer Website: catherineschreibt.de
Familie Gremory:
James Henry - Sohn der Familie, Zauberer
Richard - Vater von James, Bürgermeister, Zauberer
Mary - James‘ Mutter, Richards Frau
Familie Collins:
Alice - Gouvernante von James
George - Alice‘ Zwillingsbruder
Margret - Mutter von Alice und George
Sonstige Personen:
Elisabeth (Lissy) Williams - James‘ Verlobte
Andrew Wainwright - Neffe eines Stadtratmitglieds
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Danksagung
Es war ein Tag im November. Kalter Wind wirbelte das Laub auf und das Wasser des Sees schlug kleine Wellen. Das Einzige, was die Ruhe der Natur störte, war das Schreien der jungen Frau, welche inmitten des Wassers um ihr Leben kämpfte. Sie hatte ihn um Hilfe angefleht, seinen Namen gerufen, immer und immer wieder. Er hatte nur dagestanden und zugesehen.
Er war noch jung und doch wusste er, was mit ihr geschehen würde.
Sie konnte nicht schwimmen, das hatte sie ihm erzählt.
Die Schreie wurden erst verzweifelter, dann immer schwächer. Sein Gesicht blieb unbewegt, als er sah, dass sie aufgegeben hatte. Ein letztes Gurgeln, ein verschleierter Blick, dann ging sie endgültig unter. Langsam beruhigte sich das Wasser wieder. Mit versteinerter Miene drehte er sich um und ging zum Haus zurück, als sei nichts geschehen.
James Henry Gremory starrte gedankenverloren aus dem hohen Sprossenfenster im ersten Stock des Herrenhauses. Sein neuer Privatlehrer langweilte ihn und bevor er etwas Unüberlegtes tat, flüchtete er sich lieber in seine Gedanken.
Noch nicht einmal den Namen des Mannes hatte er sich gemerkt, es würde ja doch nichts bringen. Spätestens nach einer Woche würde er auch ihn wieder vertrieben haben. Langsam ließ er den Blick über die Gestalt seines Lehrers wandern: Die Jahre hatten ihre Spuren auf dem Körper des Mannes hinterlassen. Die Hände waren von Furchen durchzogen und wiesen leichte Verformungen auf. In den Augen- und Mundwinkeln sowie auf der Stirn und den Wangen hatten sich tiefe Falten eingeprägt. Die wässrig-blauen Augen blickten ihm weise entgegen.
James gähnte. Er machte keinen Hehl daraus, dass er nicht besonders viel von dem Mann hielt.
Glaubten seine Eltern allen Ernstes, dass ein Lehrer, der wie ein Zauberer aussah, ihm deshalb auch mehr über die Zauberei beibringen konnte? Ein langer, schwarzer, sich dramatisch aufbauschender Gehrock und weißes Haar sagten wohl kaum etwas über Kompetenz aus.
Der letzte Lehrer war ein ziemlich eingebildeter Bursche gewesen. Er hatte versucht, ihn zu lehren, das Wetter zu kontrollieren – etwas, das er sich schon vor Jahren im Eigenstudium erarbeitet hatte. Der kleine Sturm, den er daraufhin in dem Raum hatte wüten lassen, hatte nicht nur die gesamten Unterlagen des Mannes zerstört, sondern auch dessen Nerven überstrapaziert.
James stützte seine Wange in eine Hand. Dabei fiel ihm eine schwarze Haarsträhne vor die Augen. Träge neigte er den Kopf zur Seite und wischte sie sich aus dem Gesicht. Gelangweilt fokussierte er seinen Blick auf eine Amsel. Sie saß auf einem bunt belaubten Ahornbaum, der seine ausladenden Äste dem Haus entgegen streckte. Geschickt versuchte der Vogel einem der Astlöcher einen Käfer zu entlocken.
Er wurde aus seiner Beobachtung gerissen, als es an der Tür klopfte.
„Herein!“, rief sein Lehrmeister und blickte erwartungsvoll auf die massive Eichenholztür.
Sie öffnete sich schwungvoll und Richard, James‘ Vater, stand mit zurückhaltendem Lächeln im Türrahmen.
„Ich hoffe, ich störe Euch nicht, Mr Redfield?“, fragte er freundlich, ohne ernsthaft anzunehmen, dass die Frage mit einem „Doch.“ beantwortet werden könnte und betrat das Zimmer.
Richard Charles Gremory, wie er mit vollem Namen hieß, war ein Mann, der immer ein Lächeln auf den Lippen und ein freundliches Wort für jedermann übrig hatte. Das brachte ihm bei den Bewohnern der Stadt, welcher er als Bürgermeister vorstand, viele Sympathien ein.
Auf den ersten Blick hatte er große Ähnlichkeit mit seinem Sohn. Beide hatten in etwa dieselbe Statur: schmal und hochgewachsen.
Im Gegensatz zu James war Richards Haut jedoch dunkler, als man es bei einem Mann seines Standes erwarten würde. Mittlerweile zierten das schwarze Haar graue Strähnen, die sich bis in den akkurat geschnittenen Backenbart zogen. Man mochte kaum glauben, welch unfassbare Mächte dem Zauberer innewohnten.
„Ich glaube, wir können den Unterricht heute zur Feier des Tages etwas früher beenden“, erklärte er dem Lehrer lächelnd und wandte sich dann an seinen Sohn, „Na, schon in freudiger Erwartung?“
James sah ihn zweifelnd an: „Wegen der Geburtstagsüberraschung, die Ihr für mich vorbereitet habt? Ich bin mir nicht ganz sicher.“
Richards Augen verengten sich vorwurfsvoll, doch er wurde schnell wieder gewohnt fröhlich: „Du wirst sehen, es wird grandios!“
Richard beschränkte sich nicht nur darauf, die Zauberei zu erlernen und anzuwenden. Er wollte auch seinen Beitrag an neuen Sprüchen leisten und brachte mit seinen Experimenten nicht nur sich selbst in Gefahr.
Manchmal fragte James sich, wie es sein konnte, dass er mit den gerade erreichten zwanzig Jahren so viel reifer war als sein Vater Richard mit all seiner Erfahrung.
Seufzend stand er auf, würdigte den Lehrer keines Blickes und folgte seinem Vater den Gang entlang in Richtung Eingangshalle.
„Miss Williams müsste auch jeden Moment hier sein“, bemerkte Richard, während er voranschritt. „Es war langsam aber auch wirklich an der Zeit, sie um ihre Hand zu bitten.“
James hörte nicht weiter zu, er konnte sich den Satz selbst zu Ende denken: Deine Mutter und ich haben geheiratet, als ich gerade 19 war und du musst bedenken, dass Elisabeth bereits fünf Jahre älter ist als du!
James erwiderte nichts auf den Kommentar. Manchmal war es besser, seinen Vater einfach reden zu lassen.
Draußen konnte man das Knirschen von Rädern auf Kies hören und kurz darauf das Krachen einer Kutschentür.
„Wenn man vom Teufel spricht!“, kommentierte Richard lächelnd.
„Ihr wollt also, dass ich mich mit dem Teufel einlasse?“, erwiderte James schnippisch.
Richard strafte ihn mit einem bösen Blick und öffnete dann selbst die Tür, noch bevor Elisabeth Williams die Klingel betätigen konnte.
„Mr Richard!“, begrüßte sie ihn erfreut und neigte höflich den Kopf. „Guten Abend. Ich bin schon so gespannt auf Eure Aufführung. Ich bin mir sicher, sie wird wundervoll!“ Schon hatte sie den Hausherren für sich eingenommen.
Sie weiß, wie man Menschen umschmeichelt, dachte James.
Nun wandte sie sich ihm zu.
„Alles Gute zum Geburtstag“, wünschte sie ihm strahlend, „Du siehst heute besonders gut aus!“
„Danke sehr“, entgegnete James lächelnd. Auch er hatte nichts gegen Komplimente. „Das gebe ich gerne zurück.“
Sie sah wirklich gut aus: In ihrem smaragdgrünen Kleid mit ihren langen, schwarzen Haaren wirkte sie noch ebenso, wie er sie als Junge kennengelernt hatte.
„Tut mir leid, dass meine Eltern nicht hier sein können. Sie sind beide noch nicht wieder ganz wohlauf, aber sie lassen viele Grüße ausrichten.“
„Schon gut, bestelle ihnen meinen Dank.“
Immerhin zwei Gäste weniger, die unterhalten werden wollten und vor allem konnten sie so nichts von der Verlobung ausplaudern. Seinen eigenen Eltern hatte James bereits Stillschweigen auferlegt. Abgesehen davon, war er besonders über die Abwesenheit seiner baldigen Schwiegermutter alles andere als traurig.
„Wir werden nicht viel Zeit für uns haben“, bemerkte Elisabeth lächelnd, „Auf dem Weg hierher habe ich einige Kutschen gesehen, die alle in diese Richtung wollten. Ein Wunder, dass wir es vor ihnen hierher geschafft haben.“
Die Feier wurde, wie James es befürchtet hatte: Eine Aneinanderreihung von Programmpunkten, die sein Vater eigens für diesen Abend zusammengestellt hatte.
Die meisten Gratulanten kannte James kaum. Es handelte sich um Adelige aus den angrenzenden Ländereien mit ihren Frauen und erwachsenen Kindern, um Mitglieder des Stadtrates nebst Familie sowie um einige Gesichter, die James überhaupt nicht zuordnen konnte.
Extra für diesen Tag waren weitere Tische in den Speisesaal gebracht worden und die Herrin des Hauses – Mary Gremory – hatte alles geschmackvoll mit Blumen schmücken lassen, wodurch ein schwerer, süßlicher Duft in der Luft hing. Selbst die Dienerschaft war aufgestockt worden, um den Bedürfnissen der hohen Gäste gerecht zu werden. James selbst hielt nicht viel von dieser Zurschaustellung und mit den meisten der Anwesenden war ein Gespräch in nüchternem Zustand kaum zu ertragen.
Im Salon wurde ein Aperitif gereicht und es spielte ein Streichquartett, welches kaum Beachtung fand und vom allgemeinen Stimmengewirr übertönt wurde. James bemühte sich zu lächeln, spürte jedoch schon nach der ersten halben Stunde, wie sich seine Gesichtsmuskulatur zu verkrampfen begann.
Auf den Empfang folgte ein Fünf-Gänge-Menü, wobei sich die Essensmenge auf den Tellern von Gang zu Gang veringerte. Der junge Zauberer saß zwischen John Wainwright, einem Mitglied des Stadtrates, und seinem Vater. Er fühlte sich etwas fehl am Platz, während sich die beiden Männer über ihn hinweg unterhielten.
Hilfesuchend blickte er zu seiner Verlobten, doch diese war selbst in ein Gespräch vertieft. Elisabeth liebte Feste. Hier war sie absolut in ihrem Element.
Wieder einmal wurde ihm bewusst, wie schön sie war: Die dunklen, seidigen Haare, die sanft auf ihre Schultern fielen. Die braunen Augen, die ihn immer so verführerisch lockten. Der sinnliche, rote Mund.
Warum konnten sie nicht schon verheiratet sein, verheiratet und allein …?
Die Stimme seiner Mutter ließ ihn aus seinen Gedanken auffahren.
Wie in jedem Jahr hielt sie auch heute die Geburtstagsrede für ihren Sohn. Zunächst bedankte sie sich bei allen Anwesenden für deren Kommen und wiederholte dann – ebenfalls wie jedes Jahr – wie sie und Mr Gremory damals in freudiger Erwartung auf die Geburt ihres Sohnes …
Mary war eine bildschöne Frau mit langem, dunkelblond gelocktem Haar. Die grünen Augen, die sie ihm vererbt hatte, strahlten.
James wandte sich leise seufzend in Richtung eines Fensters, von dem aus er den See im Garten überblicken konnte, und ließ seine Gedanken schweifen. Das tat er immer, wenn er etwas Langweiliges über sich ergehen lassen musste – was erstaunlich oft geschah.
Erst als der Name seiner Verlobten an sein Ohr drang, wurde er hellhörig:
„…, umso mehr freut es mich, sagen zu können, dass James sich letzte Woche nun endlich mit Elisabeth Williams verlobt hat und wir hier somit nicht nur den Geburtstag meines Sohnes, sondern auch seine Verlobungsfeier begehen!“
Beifall wurde laut und von allen Seiten strömten Glückwünsche auf ihn ein. Er lächelte charmant, doch in ihm brodelte es. Nun war es aus mit der stillen, unaufgeregten Hochzeitsfeier, die er im Sinn gehabt hatte. Als er seiner Mutter einen missmutigen Blick zuwarf, lächelte diese triumphierend. Sie wusste, wie sie mit den gesellschaftlichen Gepflogenheiten spielen musste, um ihm ihren Willen aufzudrängen.
„Nun, da es bekannt ist, bleibt uns nichts übrig, als sie alle einzuladen“, würde sie sagen.
Ein Blick auf Elisabeth zeigte ihm, dass sie auf der Seite ihrer zukünftigen Schwiegermutter war. Er musste sich wohl damit abfinden, dass seine künftige Frau derlei Feierlichkeiten ebenso liebte, wie er sie verachtete. Sehnsuchtsvoll sah er auf die Uhr.
Nach dem Essen wurde getanzt und als „erfrischende Abwechslung“, wie sein Vater es nannte, begaben sich alle freudig plaudernd in den Gewölbekeller. Die steinernen Wände waren mit gewebten Teppichen behängt worden und der mir roten Teppichen ausgelegte Boden gab unter den Füßen der Gäste nach. Jeder versuchte, sich die besten Plätze zu sichern. Es ging stufenweise nach unten und endete vor einer, wenige Fuß hohen Bühne. Die Sitze bestanden aus diversen Stühlen und Bänken, die in den unterschiedlichsten Mustern und Farben gepolstert waren.
Guten Geschmack hatte Richard zumindest bewiesen, wie sein Sohn zugeben musste. James selbst musste sich keine Sorgen um eine schlechte Sicht machen. Mit Elisabeth und seiner Mutter nahm er auf einem dunkelblauen, mit Silberfäden bestickten Sofa inmitten der ersten Reihe Platz.
Wie auf dem Präsentierteller, war James‘ erster Gedanke, als er sich missmutig umsah. Sein Blick blieb an Elisabeth hängen, die ihm aufmunternd zulächelte. Ein Lichtstreif am Horizont. Nur noch eine gute Stunde und er würde es überstanden haben.
Das Gemurmel im Raum verstummte, als Richard Gremory die Bühne betrat. Seine Aufführungen waren berühmt-berüchtigt, was auch daran lag, dass nur wenige Zauberer dieser Zeit ihre Magie vor Publikum zum Besten gaben. Die meisten Ihres Standes lebten lieber zurückgezogen.
„Herzlich willkommen in unserem Keller“, begann die Hauptperson der Vorführung, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, „Noch bis vor ein paar Wochen wurde dieser Raum vor allem als Rumpelkammer verwendet, doch nachdem im letzten Jahr meine Darbietung ein jähes Ende fand, als ich in meinem finalen Stück neben mir selbst auch einen Rosenstock meiner Frau entzündete …“, er warf Mary einen entschuldigenden Blick zu, „… habe ich striktes Gartenverbot für jegliche Zaubereinlagen. Weil ich es aber selbstverständlich nicht lassen kann, bekam ich die Erlaubnis, einige der aussortierten Möbelstücke, die hier unten lagerten, zu verschenken und ein kleines Theater einzurichten. Um Vorhänge und Polstermöbel zu schonen, werde ich allerdings bis auf Weiteres von offenem Feuer absehen.“
Einige Gäste lachten.
„Nun bleibt mir nur noch, Euch eine unterhaltsame Stunde zu wünschen.“
Es wurde höflich geklatscht, während Richard sich kurz verbeugte und das Licht im Saal mit einer Handbewegung dimmte.
Zunächst begann der Zauberer damit, mit geschickten Händen Papiervögel zu falten. Während er dies tat, plauderte er unermüdlich mit dem Publikum, welches gebannt an seinen Lippen hing. Als ein dritter Papiervogel gefaltet war, ließ er ihn sanft in die Menge schweben. Noch bevor er auf dem Boden landen konnte, waren auch die anderen Papiervögel in der Luft. Für einen Moment schien es, als würden sie inmitten des Raumes stehen bleiben, bevor sie sich auf ein Wort Richards in lebendige weiße Tauben verwandelten. Gurrend flogen sie über die erstaunt rufende Menge und ließen sich nach und nach auf freien Stuhllehnen nieder.
Es folgten noch weitere solcher Darbietungen:
Kichernde Zuschauerinnen wurden zum Schweben gebracht, Blumen wuchsen aus kunstvoll aufgetürmten Frisuren, Kaninchen verschwanden in Hüten und tauchten unter Stühlen wieder auf … Wann immer eine „bezaubernde Assistentin“ benötigt wurde, schossen zahlreiche Hände in die Höhe.
Die Gäste waren jedes Mal schwer beeindruckt. James jedoch, für den derlei Zauberei alltäglich war, klatschte nur müde.
Für einen seiner Höhepunkte forderte Richard Elisabeth auf, ihm ihren Verlobungsring zu überlassen. Sie blickte fragend zu James, doch dieser zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. Wenn sein Vater sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, würde er sowieso nicht locker lassen, bis er seinen Willen bekam. Unsicher nahm seine Verlobte den Ring vom Finger und stand auf, um dem Wunsch ihres zukünftigen Schwiegervaters nachzukommen.
„Ebenso wie meine wundervolle Frau“, begann dieser und betrachtete den Ring in seiner Hand, „freue ich mich natürlich sehr über die Verbindung meines Sohnes mit Miss Williams. Als Vater, baldiger Schwiegervater und hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft auch Großvater, mache ich mir durchaus Gedanken, wie diese Ehe aussehen wird.“
Elisabeths Verlobungsring lag nun in seiner Handfläche. Plötzlich war es, als würde von seiner Hand ein Schein ausgehen und sich durch das Schmuckstück bündeln, wobei sich eine Art Trichter bildete. Das helle Licht ließ sein Gesicht dunkel und geheimnisvoll wirken.
„In solchen Zeiten erinnere ich mich gerne an die Kindheit unseres Sohnes zurück …“ Im Lichtkegel erschienen zunächst verschwommene Bilder, die nach und nach schärfer wurden und sich bewegten. Man erkannte einen blassen kleinen Jungen, dessen schwarzes Haar sich scharf von seinem weißem Gesicht abhob. Die dunklen, grünen Augen leuchteten den Zuschauern entgegen. Von den heute markanten Wangenknochen war damals noch nichts zu sehen.
Neben ihm stand ein junges Mädchen, ein paar Jahre älter als er, welches sich zu ihm hinabbeugte. Die vollen Lippen ließen keinen Zweifel daran, dass es sich um Elisabeth handelte.
„Schon damals war Miss Williams an seiner Seite. Ein stiller Junge, dessen Herz von dem hübschen Mädchen sofort erobert wurde“, erklang die dunkle Stimme des Zauberers aus dem Hintergrund. Es war nun völlig dunkel im Raum und alle starrten gebannt auf die Projektion über dem Ring.
Das Bild veränderte sich und nach und nach beschwor Richard die Liebesgeschichte der beiden darin herauf: das erste Treffen beim gemeinsamen Dinieren ihrer Familien, die vielen Spaziergänge und die gegenseitigen Besuche. Elisabeth wirkte hierbei eher wie seine Gouvernante, da sie mit ihren fünf Jahren Vorsprung fast erwachsen war. James wuchs von Bild zu Bild und im Alter von 17 Jahren hatte er sie eingeholt und musste nicht mehr zu ihr aufsehen. Kurz vor Ende der Darbietung wurde auch sein Antrag dargestellt, allerdings völlig inkorrekt, wie James bemerkte. Sein „Antrag“ war eigentlich eher sachlich gewesen und hatte nur wenig mit romantischem In-die-Augen-Blicken und Händchenhalten zu tun gehabt, wie sein Vater es hier darstellte. Allgemein stellte Richard die„ Erinnerungen“ sehr blumig dar. So blühten bei den Spaziergängen Unmengen von Rosen um sie herum und bei gemeinsamen Essen strahlte die ganze Familie eine übertriebene Fröhlichkeit aus, an die sich James nicht im Entferntesten erinnern konnte.
Nun war er keiner dieser Menschen, die ständig lächelten, doch seine zukünftigen Schwiegereltern übertrafen ihn noch. So fröhlich, wie auf den hier gezeigten Bildern, hatte er sie nie gesehen.
Natürlich handelte es sich hier um übertrieben geschönte Momentaufnahmen, mit denen sein Vater die Herzen der Zuschauer erwärmen wollte … Und er schaffte es! Als zuletzt noch Elisabeth im Brautkleid neben einem strahlenden James vor dem Altar zu sehen war, hatte selbst die letzte Dame im Publikum Tränen der Rührung in den Augen. James hingegen konnte sich nicht daran erinnern, überhaupt jemals so gelächelt zu haben und bezweifelte sogar, dass er seine Mundwinkel überhaupt so weit nach oben bekam.
Elisabeth war nicht besonders romantisch veranlagt – zumindest hatte sie sich bei ihm noch nie über mangelnde Romantik beschwert – und auch er selbst dachte eher pragmatisch. Sie liebte die Aufmerksamkeit und das Licht der Öffentlichkeit. James bewunderte ihre sachliche, unkomplizierte Art und natürlich auch ihre Schönheit.
Ob er sie liebte?
Er wusste es nicht … Nicht so wie seine Eltern sich liebten, das war klar, aber sie war ihm mit Abstand der erträglichste und somit der liebste Mensch, den er kannte.
Ob sie ihn liebte?
Das fragte er sich tatsächlich manches Mal, doch selbst wenn nicht, würde es für ihn nichts ändern.
Das aufflammende Licht ließ den Zauber vergehen und die Menschen jubelten. Richard verbeugte sich lächelnd und warf den Ring in Richtung des Paares, wo James ihn fing und in die Innentasche seines Jacketts gleiten ließ.
„Sicherheitshalber, bevor ihm noch andere Dummheiten damit einfallen“, bemerkte er an seine Verlobte gewandt.
Das Publikum klatschte noch immer und wurde erst still, als der Zauberer die Hände hob: „Nun kommen wir zum letzten Teil dieser Aufführung. Für dieses finale Stück möchte ich meinen Sohn bitten, zu mir zu kommen.“
James blickte sich um: Vor ihm sein Vater, der ihn erwartungsvoll ansah, rechts und links Mutter und Verlobte, die ihn durch ihren Applaus zu ermutigen versuchten und damit den Rest der Gäste erneut zum Toben brachten.
Mit spürbarem Widerwillen löste James sich aus den Polstern und begab sich neben seinen Vater.
„Was habt Ihr vor?“, fragte er über eine telepathische Verbindung, als er neben ihm stand.
„Mach dir keine Sorgen, es ist alles perfekt geplant.“ War die Antwort, die James nicht gerade beruhigte. In seinem Magen machte sich ein dumpfes Gefühl bemerkbar.
„Ihr werdet heute Zeugen des ersten Zeitreisezaubers, der je in der Öffentlichkeit ausgeführt wurde! Ich habe lange recherchiert, Verschiedenstes ausprobiert und intensiv an diesem Zauber gearbeitet. Falls es Euch beruhigt …“, er unterbrach für einen Moment und ließ seinen Blick durch die Zuschauer schweifen, „… mit dem Hund unserer Haushälterin Mrs. Channing hat es bereits ohne Probleme funktioniert!“
Lachen ertönte und auch Richard schmunzelte amüsiert. James hingegen war nicht zum Lachen zumute. Ein Zeitzauber? Er hatte noch nie von einem erfolgreichen Versuch gehört und nun wollte sein Vater den eigenen Sohn zum Versuchsobjekt machen? War er etwa vergleichbar mit dem Hund einer Hausangestellten?
„Ich halte das für keine gute Idee“, protestierte er in Gedanken, doch Richard ignorierte ihn vorerst.
„Das Aufsagen des Zaubers wird genau 52 Sekunden dauern.“ Er warf einen Blick auf seine Taschenuhr, „Ich werde meinen Sohn James nun für genau 1 Stunde und 52 Sekunden, also die Sekunden, die ich für das Rezitieren benötige, zurückschicken. Ihr, liebe Gäste, habtdiesen Raum vor etwa 55 Minuten betreten. James wird also genau 5 Minuten und 52 Sekunden bevor wir uns hier einfinden auf dieser Bühne erscheinen. Dann hat er genau diese Spanne Zeit, um hinauf in die Nische im hinteren Bereich des Theaters zu gehen. Dort wartet er die 55 Minuten der bisherigen Darbietung ab und wird direkt nach seinem Verschwinden hervortreten.
Nun entschuldigt, dass ich Euch mit all diesen Zahlen gelangweilt habe. Zusammenfassend könnte man sagen, dass James nach einem gelungenen Zauber bereits in der Nische sitzen und auf seinen Auftritt warten würde.“
Fasziniert wandten sich alle der im Dunkeln liegenden Wandnische zu, doch noch war nichts zu sehen. Für einen Moment dachte James tatsächlich, eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Er schüttelte den Kopf. Vermutlich hatten ihm seine Augen einen Streich gespielt.
„Nun, gut“, die Aufmerksamkeit richtete sich schlagartig wieder auf Richard, doch immer wieder wanderten vereinzelte Augenpaare in Richtung der Wand, „3652 Sekunden liegen zwischen uns und der Antwort, ob wir hier die erste dokumentierte Zeitreise erleben werden.“
Dramatisch hob Richard seinen Arm in James‘ Richtung. Sein Mund bewegte sich leicht und es war ein leises Murmeln zu hören.
„Vater, lasst das! Teleportiert mich einfach dort hin, keiner wird den Unterschied merken!“ James ließ die telepathische Nachricht so laut durch Richards Kopf schallen, wie er nur konnte.
„Wenn du willst, dass ich den Zauber fehlerfrei spreche, solltest du mich nicht unterbrechen“, erwiderte Richard ruhig, doch seine Gedanken kamen nicht flüssig.
„Dieser Zauber ist zu groß für Euch!“
Das flaue Gefühl in James‘ Magengegend hatte sich in Übelkeit gesteigert.
Richard antwortete nicht die Anstrengung machte sich bereits bemerkbar. Schweiß tropfte von seiner Stirn und die Adern an den Schläfen traten deutlich pochend hervor, als er die letzten Worte sprach.
In einem Moment war James noch vom Licht der Bühne geblendet, im nächsten wurde es schlagartig dunkel. Er wurde verschluckt von einer Wolke, die so schwarz war, dass ihm nichts Vergleichbares einfallen wollte. Kurze Zeit fühlte er sich leicht wie eine Feder, bevor ihn die Erdanziehung wieder in ihre Fänge bekam und ihn schmerzhaft auf hartem Boden aufkommen ließ.
Es war noch immer dunkel, doch die absolute Finsternis war gewichen. Nach einer kurzen Weile, in der James blinzelnd im Dunkeln saß, konnte er sehr unscharf große Gegenstände erkennen, die sich um ihn herum stapelten.
Kaum kam er zur Besinnung, begann sein Herz wie verrückt zu schlagen. Irgendetwas war gewaltig schiefgegangen. Aber was? Und was bedeutete das nun für ihn?
Eine solche Hilflosigkeit hatte er noch nie verspürt. Sein Atem ging schnell, die Hände zitterten und für einen Moment befürchtete er, den Verstand zu verlieren.
Reiß dich am Riemen!
Mit geballten Fäusten kniff er die Augen zusammen und versuchte, seine Gedanken zu ordnen.
Was konnte das denkbar schlimmste Szenario sein?
Dass er in einer Zeit gelandet war, in welcher das Herrenhaus noch nicht existierte und in der es keinen Keller gegeben hatte. Dann nämlich wäre er jetzt im Erdreich gefangen, da der Keller sein logischer Ankunftsort sein musste.
Er konnte atmen und befand sich in einem Raum, was ein guter Anfang war.
Das Haus wurde seit seiner Erbauung von Gremorys bewohnt, alle ihres Zeichens Zauberer. Wenn also der zweitschlimmste Fall eintrat und er mehrere Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, zurückgereist war, würde es Zauberer geben, die ihm helfen konnten, in die Zukunft zurückzukehren. Zumindest, wenn er sie auf den heutigen Stand der Zauberei brachte.
Nun war es also an ihm, herauszufinden, wo genau er war oder besser, in welchem Jahr.
Zufrieden stellte er fest, dass sein Herzschlag sich wieder normalisiert hatte.
Etwas Helligkeit wäre nun sehr von Nutzen …
Ein Lichtzauber, überkam es ihn, doch bevor er ein Wort sprechen konnte, ging weiter vorne im Raum eine Tür auf und ein Streifen Helligkeit beleuchtete ihn ein wenig.
Im Dämmerlicht ließ er seinen Blick umherschweifen.
Um ihn herum befanden sich Kisten, abgedeckte Möbelstücke und jede Menge Staub, der durch die Luft wirbelte. Er musste husten, während er sich langsam aufrappelte.
„Master James? Seid Ihr hier?“, rief eine Frauenstimme. In der Tür konnte er nun einen Umriss erkennen.
„Master James bitte, es ist Euer Geburtstag und Euer Vater sucht bereits nach Euch!“
Die Stimme kam ihm merkwürdig vertraut vor, doch es fiel ihm schwer, sie zuzuordnen. Sie kannte den Namen Gremory und ihre Stimme war ihm bekannt, also war er wohl schon geboren, schlussfolgerte James. Wiederum ein gutes Zeichen. Vorsichtig kämpfte er sich durch die Unordnung.
Nun musste er bedacht vorgehen.
Er räusperte sich: „Entschuldigung?“
Die von außen kommende Helligkeit blendete ihn, so dass er die Hand vor die Augen halten musste. Die dunkle Silhouette im Türrahmen schien angestrengt in die Dunkelheit zu starren. Erst als er deutlich ins Licht der Türöffnung trat, taumelte die junge Frau erschrocken einen Schritt zurück. Mit großen Augen starrte sie ihn verwirrt an.
Dieses Gesicht. Irgendwo in seinem Gedächtnis begraben lag eine Erinnerung, doch er bekam sie einfach nicht zu fassen. Die blauen Augen, das blond gelockte Haar …
In einem Moment glaubte er, einen Erinnerungsfetzen zu erhaschen, im nächsten schien ihm die Lösung weit entfernt. Die schlichte, in schwarz-weiß gehaltene Kleidung sowie der Tatsache, dass sie nach einem James suchte, wies auf seine Gouvernante hin. Doch wenn sie das gewesen war, müsste er sie doch eigentlich sofort erkennen. Außerdem wirkte sie etwas jung für diese Art der Beschäftigung. Er schätzte sie auf keinen Fall älter als siebzehn, vermutlich jünger.
Egal, er hatte im Moment andere Prioritäten.
