Die verlorenen Gemälde - Grit Lehmann - E-Book

Die verlorenen Gemälde E-Book

Grit Lehmann

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Beschreibung

1944 reist der toskanische Weingutbesitzer Pino nach München, um seinen Wein an die nationalsozialistische Reichsleitung zu verkaufen. Dort lernt er den jüdisch-polnischen Benjamin kennen, der für die Gestapo Raubkunst katalogisieren soll. Mit ihm wird er unfreiwillig zum Transporteur und Helfer für eine großangelegte Beutekunstsammlung in Linz, Österreich. Die Reise dorthin wird für beide zu einem waghalsigen, lebensgefährlichen Unterfangen und endet in einer Katastrophe… Siebzig Jahre später arbeitet Ella, eine junge Kunsthistorikerin in Florenz zusammen mit einem kleinen Team an der Prüfung und Restaurierung von alten Gemälden. Eines Tages trifft eine überaus große Sammlung von kostbaren Gemälden ein, die lange als verschollen galt. Als sich herausstellt, dass Gemälde fehlen, begibt sich Ella auf die Suche. Sie gerät emotional immer tiefer in die Geschichte einer toskanischen Weindynastie hinein. Ein faszinierender und spannender Debütroman von Grit Lehmann, der einen zusammen mit den Gemälden in die letzten Kriegswirren bis in das heutige Italien nach Florenz und die Toskana zieht.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

1 Prolog

2

3

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Nachwort

Impressum

Die verlorenen gemälde

von

Grit Lehmann

1 Prolog

Dezember 1944

Der Lastwagen fuhr mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch die Nacht. Ein schmaler Streifen hellen Oranges kündigte bereits den Morgen an. Darüber schimmerten die Sterne im tiefen Dunkelblau und die Sichel des Mondes strahlte so weiß wie der Schnee am Tag.

Benjamin Wischbowski zog sich wiederholt die Wolldecke fester um die Schultern. Bei dem Geruckel hinten im Laderaum konnte er keinen klaren Gedanken fassen, obwohl er wusste, dass sein Freund Pino den alten Karren sicher lenkte. Er kannte jedes Schlagloch auf der Straße in Richtung seiner Heimat Italien und konnte diesen meistens ausweichen.

Der Wagen schlingerte mal nach links und mal nach rechts und Benjamin hatte hinten im Laderaum alle Hände voll zu tun, die überaus wertvolle Fracht vor einer Beschädigung zu schützen.

Sie waren gestern am späten Abend in München aufgebrochen mit dem offiziellen Auftrag des Gauleiters, einige sehr kostbare Gemälde möglichst unbemerkt nach Altaussee in Österreich zu transportieren. Dort sollten sie in einem Bergwerk gesammelt und eingelagert werden. All die ganzen, wunderschönen Kunstwerke und Gegenstände von unschätzbarem Wert, welche die Nationalsozialisten geraubt, gestohlen, beschlagnahmt und sich auf die übelste Weise angeeignet und erpresst hatten, wurden in Lagern zusammengetragen. Dort wurden sie katalogisiert und nach den irren Ideologien bewertet und aussortiert. Viele wertvolle Gemälde wurden, wenn sie nicht in das abartige Weltbild der Nationalsozialisten passten, einfach verbrannt.

Benjamin wurde so zusagen aus einem Krakauer Museum mit einigen sehr kostbaren Gemälden mitgeraubt. Er war im Czartoryski Museum als junger Kunsthistoriker fünf Jahre im Dienst, als die Nazis kamen und alles plünderten. Er hatte keine große Wahl als Jude. Entweder konnte er mit den Nazis nach München gehen und sie mit seinem Fachwissen bei der Katalogisierung der Kunstschätze unterstützen oder aber er würde in ein Lager abtransportiert werden, was den sicheren Tod bedeutet hätte.

Benjamin verbrachte fast drei Jahre in München und kümmerte sich um die Aufnahme möglichst vieler Kunstwerke in die Liste der erhaltenswerten Kunst. Daraus wurden nochmals besondere Werke ausgesucht, die im großen Linzer Museum einen Platz finden sollten. Der Führer wollte sich mit den geraubten Schätzen ein Denkmal setzen und plante ein gigantisches Museum nach seinem absonderlichen Geschmack.

Massenhaft Kunstwerke wurden nach und nach in die stillgelegten Stollen des Altausseer Salzbergwerks transportiert, um sie dort sicher vor Fliegerbomben und dem herannahenden Feind zu lagern.

Benjamin seufzte laut bei dem Gedanken daran, dass sein Lieblingsgemälde von Raffael mit vielen anderen Kostbarkeiten in einem moderigen Bergwerk verstauben und bald in Vergessenheit geraten würde. Vermutlich erging es ihm ebenso, denn er wurde jetzt nicht mehr gebraucht. Das war ihm erschreckend deutlich klar und ein Schauer lief ihm über seinen Rücken.

Während Pino den Wagen weiter die dunkle, unbeleuchtete Straße hinauf lenkte, dachte er über Benjamin nach und wie sie sich kennengelernt hatten. Er fuhr dennoch konzentriert, denn der Frost hatte so manche Steine gesprengt und es taten sich hässliche, gefährliche Löcher in der sehr behelfsmäßigen Straße auf. Pino ahnte vor zwei Jahren bereits, dass es für seinen jüdischen Freund kein gutes Ende nehmen würde und er schmiedete seit längerem einen Plan, um Benjamin aus den Fängen der Gestapo herauszuholen. Als er kürzlich von den Kunsttransporten nach Österreich hörte, schien dies der Schlüssel für Benjamins Befreiung zu sein.

In dem Winter vor zwei Jahren war sein Lastwagen voll beladen mit Fässern exzellenten Weins, die er für das Weihnachtsfest der NSDAP Führung nach München liefern sollte. Pino, eigentlich Nicolo Mauro Giuseppe De Antonari genannt, brachte seinen Wein immer selbst in die Höhle des Löwen. Er hätte auch einen seiner Fahrer schicken können, doch dieses Risiko wollte er seinen Mitarbeitern nicht zumuten.

Pino fuhr etwa viermal im Jahr nach München, um die NSDAP Führung mit seinem „besten“ Wein zu versorgen. Er war nicht stolz darauf und hatte weder etwas für Hitler noch für Mussolini übrig. Eigentlich interessierte ihn nur sein Weingut und keine Politik, doch in diesen Zeiten konnte man sich den Geschehnissen nicht verschließen und er tat was er konnte, im Kleinen und Verborgenen unter den wachsamen Blicken der Faschisten. Aber er musste auch seinen Wein verkaufen, einfach um das Überleben seiner Familie und auch sein eigenes zu sichern.

Der Wein für die Deutschen war selbstverständlich nicht sein bester und er verlängerte ihn auch etwas, um möglichst viel für sich herauszuschlagen. Da dies auffliegen konnte, fuhr er also lieber selbst nach München. So lernte er dort den jüdischen Kunsthistoriker Benjamin kennen.

Es war im Dezember 1942, als Pino kurz vor Weihnachten seine Lieferung in die bayerische Hauptstadt brachte. Er wurde überraschenderweise zu einer Weihnachtsfeier in den Führerbau eingeladen. Für ihn war es ein Greul, doch ablehnen konnte man solche Einladungen nicht. Pino wohnte in einem Gasthaus am Rande der Stadt und blieb meist zwei bis drei Tage dort, bis er wieder zurück in seine Heimat in die Toskana fuhr. Er wurde abends von einem Wagen der Gestapo abgeholt und war nicht wenig erstaunt, als sich der Fahrer als Benjamin Wischbowski vorstellte, der ihn zum Führerbau bringen sollte. Den eingeübten Hitlergruß des am Stern erkennbaren Juden wiederholte er bewusst nicht. Pino war ein Freund aller Menschen, sehr beliebt bei vielen, wegen seiner offenen und humorvollen Art. Er konnte aber auch sehr direkt sein, durchleuchtete seinen Gegenüber genauestens, um herauszufinden, ob sie ihm wohlgesonnen waren. So versuchte er auf dem Weg in das Hauptquartier etwas von dem hageren, aber klug aussehenden jungen Mannes zu erfahren, doch dieser antwortete nur recht einsilbig, jedoch nicht unfreundlich. So erfuhr Pino immerhin, dass er normalerweise nicht als Chauffeur tätig war, sondern als Kunsthistoriker die dort gelagerten Gemälde zu begutachten und zu katalogisieren hatte.

Benjamin Wischbowski brachte Pino nach einem sehr quälenden langen Abend im Hauptquartier wieder zurück in sein Gasthaus. Pino lud ihn kurzerhand zu einem Glas Wein auf sein Zimmer ein, auch wenn das für ihn ein Risiko war. Die Wirtsleute waren längst zu Bett gegangen, so konnte er es riskieren.

Der junge Pole fasste auf dem Rückweg etwas Vertrauen, da Pino ihm sehr offen seinen politischen Standpunkt erklärte. Sie unterhielten sich beide in holprigem Deutsch, doch Benjamin verstand auch viele Worte auf Italienisch, nur verständlich aussprechen konnte er sie nicht. Pino war sehr angetan von dem großen Wissen des jungen Mannes über die Kunst und deren Geschichte, natürlich insbesondere über die italienischen Maler und die Renaissance, die in seiner Heimat ihren Ursprung hatte. Benjamin lauschte im Gegenzug sehr gespannt auf die Erzählung Pinos über die Arbeit und das Leben auf dem italienischen Weingut und je später es wurde, umso entspannter wurde Benjamins Gesicht und Pino schaffte es tatsächlich, mit seinem überschwänglichen Humor und seiner ausgeprägten Mimik und Gestik, ihn zum Lachen zu bringen. Sie umarmten sich bei der Verabschiedung und Pino versprach Benjamin bei seiner nächsten Tour ihm eine Flasche seines wirklich besten Weins mitzubringen und Benjamin erklärte sich nur zu gerne bereit, einige von Pinos Gemälden aus seinem Familienbestand zu begutachten, welche er mitbringen wollte.

So trafen sich Pino und der etwa zehn Jahre jüngere Benjamin regelmäßig seit zwei Jahren, wenn Pino in München war. Pino erfuhr, dass die Gemälde seiner Familie eine recht wertvolle Sammlung waren, einige wenige Gemälde aus der Zeit der Renaissance, aber auch spätere Werke waren sehr ansehnlich und würden auf dem Kunstmarkt sicher etwas Geld einbringen. Weiterhin erfuhr Pino viel von Benjamin über das Leben von ihm in Polen, welches hauptsächlich aus seiner Arbeit bestand. Benjamin liebte und verstand die Kunst wie kein anderer. Jetzt hing buchstäblich sein Leben davon ab. Denn sobald die Nationalsozialisten ihn nicht mehr gebrauchen konnten, würde er in eines der Lager gebracht werden. Von da kam bislang niemand mehr zurück. Pino hörte von Benjamin so manches Gräuliche über die Nazis und hatte jedes Mal Angst, seinen Freund beim nächsten Besuch nicht mehr sehen zu können.

In dieser Zeit entschloss sich Pino, einigen Juden auch zu Hause in Italien Unterschlupf zu gewähren, die inzwischen ebenso wie in Deutschland verfolgt und verschleppt wurden. Dies war für ihn als Landbesitzer nicht so schwierig – er konnte Juden als Feldarbeiter bestellen und manche ließ er dann einfach bei der harten Arbeit verschwinden und trug sie als „verstorben“ ein. Die Familie De Antonari besaß ein großes Weingut mit rund achtundvierzig Hektar bestem Boden für den Weinanbau, aber auch für Oliven und Gemüse war der Boden der Toskana sehr erträglich. Es half der Familie über die mageren Zeiten hinweg, ja das ganze Dorf wurde mitversorgt und viele halfen bei der Ernte.

Die jüdischen Hilfsarbeiter versteckten sich nach ihrem „Tod“ in Höhlen und Schächten, die schon immer auf seinem Gut für Lagerstätten vorhanden hatten. Im Winter richtete er eine Nische im Weinkeller ein, mit einem versteckten Eingang durch ein großes Weinfass.

2

Pino wurde durch ein weiteres Schlagloch aus seinen Gedanken gerissen, welches er leider übersehen hatte. Sie waren bereits an Salzburg vorbeigefahren und er musste bald eine Rast einlegen. Pinos LKW war schon älter, so dass ständig Öl nachzufüllen war. Der Treibstoff ging auch zur Neige. Pino musste es dem SS-Mann, der neben ihm auf der Beifahrerseite saß, sagen, obwohl er keine Lust hatte, ein Gespräch mit dem unfreundlichen Gesellen anzufangen.

Dieser nannte sich Oberstleutnant Peter Graf und hatte gleich zu Beginn der Reise Benjamin zu verstehen gegeben, was er von ihm hielt. So verbannte er ihn nach hinten in den Frachtraum wie ein Vieh, obwohl vorne für so einen schmalen jungen Mann noch genug Platz gewesen wäre. Eigentlich wollte der Oberstleutnant den Juden gar nicht mitnehmen, doch er wurde von seinem Vorgesetzten dazu gezwungen, da sie sein kunsthistorisches Wissen in Altaussee vielleicht noch brauchen konnten, um die angelieferten Gemälde dort zu sortieren und die Ausstellung in Linz vorzubereiten. Graf hatte weder irgendein Verständnis für Kunst oder einen Sinn für etwas Schönes noch sah er die Juden als Menschen seinesgleichen an. Benjamin war für ihn nicht mehr als ein Werkzeug zum Gebrauch.

Pino schielte nochmals zu Graf herüber, der gerade irgendeinen Marsch leise vor sich hin pfiff und mit der Hand den Takt auf seinen Schenkel schlug.

»Wir benötigen bald Treibstoff und Öl, damit wir weiterfahren können«, sagte Pino kurzerhand. Graf ließ nur einen Takt aus und trommelte weiter auf seinem Schenkel und pfiff noch lauter. Er antwortete nicht. Doch nach einigen Minuten deutete Graf auf einen Abzweig von der Hauptstraße und Pino lenkte den LKW auf einen noch schmaleren Weg. Nach etwa drei Kilometern hielt Pino auf Anweisung Graf’s bei einem abgelegenen Bauernhof an. Die Dämmerung war bereits fortgeschritten und man konnte die Farben der ländlichen Umgebung erkennen, wenngleich das meiste von einer weißen, dicken Schneedecke bedeckt war.

Graf pochte an die Tür des großen Bauernhauses und es wurde augenblicklich geöffnet.

»Wir bitten eintreten zu dürfen!«

Graf wartete gar nicht auf eine Antwort des verdutzt und misstrauisch dreinblickenden Bauern. Pino und Benjamin folgten ihm ins Haus.

»Wir sind in einer wichtigen Angelegenheit für den Führer unterwegs und erwarten, von ihnen eine Mahlzeit zu bekommen«, Graf zögerte und wurde sich seiner Unhöflichkeit wohl doch bewusst, »wenn es ihnen keine Umstände bereitet.« Sein Blick heftete sich auf die junge Bauersfrau, die ängstlich hinter ihrem Mann stand.

»Etwas Proviant für die Weiterfahrt wäre auch von Nöten.«

Der Bauer schaute seine hübsche Frau mit einem Bitten an, die aber nur wie angewurzelt dastand und mit großen Augen auf das Gewehr von dem uniformierten SS-Mann schaute. Dieser legte mit einem versöhnlich klingenden brummen das Gewehr an den Türrahmen und versuchte ein schiefes Lächeln der Bauersfrau gegenüber, worauf sie sich schließlich in Richtung Küche bewegte.

Graf setzte sich an den großen, grob zusammengezimmerten Tisch auf eine Bank und deutete Pino, es ihm gleichzutun. Als Benjamin sich ebenfalls setzten wollte, herrschte Graf ihn an: »Kümmere dich gefälligst um die Ladung, sieh nach, ob alles in Ordnung ist!«

Benjamin ging mit rotem Kopf und knurrenden Magen wieder in die Kälte hinaus. Der Bauer nahm den Kessel vom Feuer und goss heißen Tee für alle ein. Kaffee gab es schon lange keinen mehr.

»Was führt sie in die Gegend?«, fragte der Bauer, einfach nur um ein Gespräch anzufangen.

Graf antwortete barsch: »Das geht sie nichts weiter an. Sorgen Sie nur dafür, dass wir weiterkommen. Wir brauchen Treibstoff und Öl. Können Sie uns das bereitstellen?«

Es war im Grunde keine Frage, sondern ein Befehl. Der Bauer zuckte mit den Schultern und nickte leicht. Er ging zur Tür nach draußen, um die gewollten Sachen zusammenzutragen. Auf dem Weg in die Scheune ging er am Stall vorbei, wo er Geräusche hörte. Er öffnete die angelehnte Tür und sah Benjamin bei dem alten Pferd stehen.

Als Benjamin den Bauer sah, erschrak er und blickte verlegen zu Boden.

»Na, schon gut«, meinte der Bauer, »hier herinnen ist’s wärmer bei den Tieren und wenn’s was trinken wollen, dann bedienen sich‘s bei der frischen Milch drüben in der Kanne. Ein Laib Brot und Käs‘ liegt daneben, wenn’s was essen wollen. Wissen’s, wir haben meist ka Zeit, zum vornehmen Frühstück am Tisch.«

Benjamin lächelte und brachte ein schüchternes »danke, das ist sehr freundlich.« heraus. Er langte erst zögerlich doch dann mit großem Appetit zu.

Der Bauer fand in einer Ecke das gesuchte Öl in einem kleinen Kanister. Jetzt trat er wieder zu Benjamin. »Vielleicht können's mir verraten, was sie hier suchen? Ihr Oberst ist nicht allzu gesprächig.«

Benjamin kaute fertig und blickte den Bauern dankbar an: »Wir fahren Gemälde in ein Lager am See, welche für eine Ausstellung in Linz vorgesehen sind.«

Der Bauer runzelte die Stirn. »Ihr habt's kei Waffen im Wagen, sondern Gemälde?«

Benjamin nickte.

»Jo mei, wie soll man denn damit einen Krieg gewinnen!«, rief der Bauer und Benjamin lachte laut auf und verschluckte sich an dem letzten Stückchen Käse.

Der Bauer fragte weiter: »Warum haben's sie sich an diese kauzigen Leut‘ g‘hängt?«

Benjamin erklärte ihm ruhig: »Ich bin mit Pino, dem Italiener befreundet. Als Kunsthistoriker aus Krakau hat man mich mehr oder weniger gezwungen, mit nach München zu gehen. Als die SS das Museum in Krakau plünderten, wurde ich vor die Wahl gestellt. Mit den Gemälden nach München zu gehen oder in ein Sammellager zu kommen.«

Benjamin wurde jäh unterbrochen. Die Tür flog auf. Oberstleutnant Graf stand breitbeinig da, eine Zigarette in der einen Hand und sein Gewehr lässig in der anderen. Er grinste abwertend: »Ah, hier treibst du dich rum, bei deinesgleichen im Stall.«

Er schielte geringschätzig zu Benjamin und spuckte dann auf den Boden. Zum Bauern gewandt sagte er in fast gleichem Tonfall: »Ist alles fertig für die Weiterfahrt?«

Der Bauer beeilte sich zu sagen: »Gleich, Herr Oberstleutnant, ich muss noch in die Scheuer, einen Kanister besorgen und dann etwas Treibstoff umfüllen.«

Graf grinste schief und zog an seiner Zigarette. Nach einem Moment zögern sagte er mit einer gefährlich ruhigen Stimme: »Dann lass‘ dir ruhig Zeit, ich werde derweil mal nach deiner hübschen Frau schauen, wie weit sie mit dem Proviant ist. Vielleicht braucht sie noch ein wenig Hilfe.«

Mit einem verschlagenen Grinsen ließ er den Zigarettenstummel fallen, und marschierte aus dem Stall.

Der Bauer starrte ihm entsetzt nach. In seinem Kopf raste es. Er hatte schon von so manchen Übergriffen von Soldaten an den Frauen und auch Kindern in den umliegenden Dörfern gehört. Er sah ängstlich zu Benjamin rüber, der seinen Blick gut verstand. Entschlossen packte er die Mistgabel, die an der Wand lehnte, doch der Bauer hielt ihn zurück.

»Des is mei Sach'! Du schaust lieber nach dem Kanister hinten in der Scheune.«

Der Bauer griff nach einer Axt auf einem Holzblock und eilte hinter Graf ins Haus nach.

Er hörte einen Aufschrei seiner Frau aus der Küche, der jäh erstickt wurde. Pino versuchte gerade verzweifelt, die versperrte Tür zur Küche von außen zu öffnen.

»Mach‘ Platz!«, rief der Bauer, und hieb mit kräftigen Schlägen auf die Tür ein. Nach mehreren kräftigen Axthieben konnte er durch ein Loch den Riegel von innen fassen und diesen zur Seite schieben. Die Tür sprang auf.

Der Anblick war entsetzlich. Seine Frau lag vornüber gebeugt über der Anrichte. Man hörte dumpfe Schläge ihres Kopfes gegen die Holzwand im stöhnenden Rhythmus von Graf.

Wie in Trance und mit einem unmenschlichen Geräusch erhob der Bauer ein letztes Mal die Axt und sprang von hinten auf Graf zu. Dieser unterbrach nur widerwillig sein perverses Treiben und war entsprechend langsam.

Pino stand entsetzt neben dem Bauern und wurde gewahr, dass das Gewehr nicht weit von ihm an der Wand lehnte. Er sprang rasch vor und schnappte es sich, bevor Graf es zu fassen bekam.

Es war keine Zeit zu überlegen und ein Schuss löste sich. Im selben Moment zerschmetterte eine gut geschärfte Stahlklinge einige Knochen.

Graf sank sofort vornüber mit der Axt im Rücken und einem großen Loch im Kopf, wo einmal sein linkes Ohr gewesen war. Blut ergoss sich auf den blank geputzten Dielenboden der Küche und die Bauersfrau sank ebenso nieder und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen.

Als Benjamin durch die zerbrochene Tür eintrat, hörte er nur ihr leises wimmern. Der Bauer kniete neben seiner Frau, die auf dem Boden kauerte. Pino stand vor Schreck erstarrt, noch mit dem Gewehr in Händen neben dem leblosen Graf.

»Oh je!«, rief Benjamin und rieb sich die Stirn. Er sah Pino an, der immer noch wie angewurzelt dastand und auf den toten SS-Mann schaute. Er war weiß wie die gekalkte Wand hinter ihm, die jetzt mit Blut gesprenkelt war.

So erstarrt hatte er seinen Freund noch nie gesehen. Benjamin musste für ihn handeln. So nahm er ihm vorsichtig das Gewehr aus der Hand, führte ihn aus dem Raum und setzte ihn auf die Bank am großen Tisch. Danach eilte er zurück in die Küche. Sein Blick streifte über den toten Körper, der in einer großen Blutlache am Boden lag und er erschauerte. Doch er betrachtete ihn weiter angewidert. Die Augen des Toten blickten leer, sie waren erschrocken geweitet.

Nach einem Moment kam Benjamin wieder zu sich. Er drückte die Augen von Graf zu und ging zu den Bauersleuten rüber, die auf dem Fußboden kauerten: »Bitte, sie müssen hier heraus.« Er zog den Bauern an den Schultern und half ihm auf.

»Bitte bringen sie ihre Frau hier weg«, wiederholte er erneut. Er musste den Bauern kräftig rütteln, bis dieser seiner Gewahr wurde und reagierte. Der Bauer bückte sich und hob seine Frau sanft auf. Benjamin schob den Bauern mit seiner Frau aus der Küche. »I bring' di nach oben, Sana, es ist alles gut,« redete der Bauer beruhigend auf seine Frau ein und er trug sie mit Leichtigkeit die Treppe hinauf.

Pino saß noch genauso am Tisch, wie er ihn verlassen hatte, als Benjamin zu ihm trat. Er nahm eine Flasche Schnaps aus der Vitrine und goss zwei Gläser voll.

Nachdem sie diese geleert hatten, fing Pino an zu reden: »Ich habe es tun müssen, er hätte am Ende beide umgebracht.«

Benjamin nickte. »Was machen wir nun mit ihm?«

Pino seufzte mehrmals: »Ich wollte ihn sowieso loswerden, oben in den Bergen und dich mit zu mir nach Hause nehmen.« Pino sah Benjamin fragend an. Dieser schaute nur sehr überrascht, erwiderte jedoch nichts.

Nach einer langen Zeit des Schweigens sprach Pino wieder leise: »Ich habe mir einen Plan überlegt…« Pino zögerte und wischte sich mit der Hand durch das Gesicht.

»Wir werden einen Unfall vortäuschen auf dem Weg oben am Pass und Graf mit samt dem Wagen und den Gemälden in die Tiefe stürzen!«

Benjamin schaute Pino ungläubig an: »Die ganzen kostbaren Gemälde! Das darfst du nicht tun!«

Benjamin schüttelte heftig mit dem Kopf: »Und was soll dann aus uns werden?«

Pino sprach fast zu sich selbst: »Wir gehen ein gutes Stück zu Fuß den Pass hinab, wo wir im nächsten Dorf im Tal um Hilfe bitten.«

Benjamin schaute Pino immer noch ungläubig an und schüttelte erneut widerwillig mit dem Kopf. »Aber sie werden uns suchen und Trupps losschicken.«

»Ja«, erwiderte Pino und sprach sogleich weiter: »Sie werden vielleicht den LKW in einer tiefen Schlucht vorfinden. Doch diesen zu bergen wird nicht so einfach sein.«

Benjamin goss nochmal die Schnapsgläser voll. »Aber, wenn sie uns finden…«.

Pino nahm das Glas, stürzte den Schnaps hinunter und schüttelte sich. Er sah nun wieder klarer und lebendiger aus. »Daran habe ich auch gedacht«, sagte er, »und deshalb erfinden wir eine Geschichte über einen Unfall, bei dem nur wir zwei uns haben retten können.«

Benjamin rieb seine Stirn: »Das ist verrückt!«, doch ihm fielen keine Argumente mehr dagegen ein. Er war zu erschüttert nach diesem Vorfall, um klar denken zu können. So nickte er nur leicht und schaute zu Pino hinüber, dem plötzlich wieder sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich:

»Oh mio dio, cos'ho fatto?!« Es schauderte ihn: »Was habe ich nur getan.« Pino vergrub sein Gesicht in den Armen und schluchzte laut auf. Benjamin trat hinter ihn und legte beruhigend die Hand auf seine Schulter.

Er vernahm Schritte von oben und der Bauer kam die Treppe hinunter: »Sie schläft – Gott sei Dank.«, seufzte er.

»I hoff' dass meine liebe Sana diese Schmach übersteht!«

Er trat zu Pino und legte ihm ebenfalls die Hand auf die andere Schulter und sagte schlicht: »Vergellt‘s Gott.«

Dann goss er sich und den beiden einen weiteren Schnaps ein und kippte ihn in einem Zug hinunter. Daraufhin ging er mit schweren Schritten hinaus.

Pino hatte sich wieder gefangen und rieb sein Gesicht. »Ich brauche frische Luft!« Er stand auf und ging nicht mehr ganz so sicheren Schrittes hinaus. Benjamin saß am Tisch tief in Gedanken und schüttelte wieder und wieder unbemerkt den Kopf, als einige Zeit später der Bauer mit einer Schubkarre zurückkam.

Pino trat hinter ihm ins Haus. Die frische Luft hatte ihm sichtlich gutgetan.

Gemeinsam hievten sie den leblosen Körper von Graf in die Schubkarre. Benjamin wurde kreideweiß und musste sich abwenden, als er den hässlich malträtierten Körper sah.

Pino seufzte und rief: »Benjamin, wenn es wieder geht, mach doch bitte mal den Anhänger auf. Wir tun ihn erstmal da hinein.« Da stand nun der Schubkarren mit Graf darin vor dem offenen Laderaum.

»Wir machen's wie mit den Kühen«, sagte der Bauer und lief in Richtung Scheune.

Pino zog inzwischen die Axt aus dem Rücken. Benjamin würgte erneut. Derweil präparierte Pino den Körper einigermaßen, damit er auf den ersten Blick unversehrt aussah. Der Bauer kam mit einem langen Brett heran. Sie stellten es schräg an die Ladekante und hievten den Körper darauf. Pino kletterte in den Anhänger und zog das Brett herauf und kippte es seitlich um, so dass der Körper auf den Boden kippte.

Pino sprang vom Anhänger und klopfte dem Bauern zum Dank kurz auf die Schulter.

Benjamin trat heran. Er hatte sich wieder beruhigt und sagte zum Bauern: »Einen Augenblick bitte noch!« Er kletterte in den Anhänger und kam mit einem mittelgroßen Paket zurück, welches mit breiten Leinenbändern eingewickelt war. Er wickelte es behutsam aus und zum Vorschein kam ein Gemälde: Eine hübsche Landschaft in hellen Farben, die sich mit dunkleren, langgezogenen Schatten abwechselten und den Abend ankündigen. In der Mitte war ein hoch beladener Heuwagen abgebildet, umgeben von weiteren Heuballen und eine Bäuerin, die im Vordergrund stand und die getane Arbeit betrachtete.

Benjamin übergab das Gemälde dem Bauern.

»Es passt zu ihnen«, sagte er und griff sich verlegen in sein Haar. »Es stellt eine Ernteszene dar.« Benjamin strich über den reich verzierten Holzrahmen. »Es ist ein sehr kostbares Gemälde von einem französischen Maler.«

Benjamin schaute den Bauern verlegen an. »Wir haben ihnen sehr viel Ärger bereitet…ich dachte…«, Benjamin stockte.

Der Bauer betrachtete das Gemälde und Tränen traten in seine Augen. Er sagte leise wie zu sich selbst:

»Wenn's die heile Welt, wie auf dem Gemälde noch gäb', würd' ich alles für hergeben.« Er nickte Benjamin und Pino zum Abschied zu, drehte sich herum und ging mit dem Gemälde unter dem Arm ins Haus.

3

Benjamin schüttelte sich immer noch bei dem Gedanken an die letzte Stunde. Sie fuhren schweigend den Pass hinauf. Pino und Benjamin saßen vorne, der tote Graf war hinten bei den Gemälden und den vier Fässern Wein.

Kurz vor dem höchsten Punkt des Passes vor einer gefährlichen Linkskehre hielt Pino an. »Hier ist es gut.» Mit dieser Feststellung sprang er in den tiefen Schnee, der ihm über das Knie reichte. Es blies ein eisiger Wind. Die Sonne hatte sich unter Schleierwolken verdunkelt und verhieß nichts Gutes.

Benjamin öffnete den Anhänger und Pino kletterte hinein.

»Du musst mir helfen,« sagte Pino zu Benjamin. »Er ist zu schwer.«

Gemeinsam hoben sie den Toten an und warfen ihn aus dem Wagen in den Schnee. Sie sprangen nach und trugen den leblosen Körper nach vorne zum Führerhaus. Gemeinsam schafften sie es, den toten Graf als Fahrer auf den Sitz zu setzen.

»Das wäre geschafft«, schnaufte Pino.

»Und du willst jetzt wirklich deinen Lastwagen mit allem hier herunterstürzen?« Ungläubig schaute Benjamin Pino an.

»Ich habe keine bessere Idee«, sagte Pino schlicht und ging zum Rand der Felsen.

Er rief Benjamin zu: »Es ist tief genug, hier wird niemand den Lastwagen bergen können.«

Der starke Wind trug seine Worte in eine andere Richtung. Benjamin hörte ihn nicht. Er war wieder in den Laderaum geklettert und öffnete eine Kiste. Darin befand sich warme Kleidung, sowie ein paar Stöcke, die Pino sicherlich für ihren langen Abstieg eingepackt hatte. Er sprang mit den Sachen vom Wagen und ging nach vorne.

Pino war inzwischen auf der Fahrerseite und machte sich am Gaspedal zu schaffen. Dann lehnte er sich über den Toten und startete den Motor. Mit einem kurzen Blick zu Benjamin nickte er und kletterte in das Führerhaus zu dem Toten.

Da rief Benjamin: »Warte, ich habe noch etwas vergessen!«

Er öffnete den Anhänger erneut und sprang hinein. Durch den Motorenlärm hörte Pino seinen Freund jedoch nicht und bemerkte auch nicht, dass Benjamin wieder in den Anhänger geklettert war.

Unterdessen legte Pino den Gang ein und löste entschlossen die Handbremse. Dann sprang er ab und fiel rückwärts in den tiefen Schnee. Der Lastwagen setzte sich langsam in Bewegung. Er fuhr geradewegs auf den Rand der Kurve ins Nichts zu.

4

Juli 2014

»So wird das nichts«, dachte Ella. Mit dem Pinsel in der Hand saß sie an einem großen Holztisch vor einer noch unberührten Leinwand und stützte ihren schweren Kopf auf die andere Hand, während die satte grüne Farbe vom Pinsel tropfte.

»Wenn sich die Gedanken im Kopf drehen, bringt man einfach nichts zu Stande!«, dachte sie und schob ärgerlich die Leinwand beiseite. Selbst der eingeschenkte Chianti stand noch unberührt auf dem Tisch. gegenüber stand der alte Tonkrug, der mit etwas Terpentin gefüllt war. Sie tauchte den Pinsel in das Terpentin und streckte ihre Arme in die Höhe. Dann drehte sie ihren Kopf hin und her, so dass ihre hellbraunen langen Haare hin und her schwangen und wieder etwas Leben in ihren Körper kam. Der Versuch, sich mit Malen von dem anstrengenden Arbeitstag abzulenken, misslang heute.

»Ein guter Wein zur rechten Zeit, bringt Freude und Zufriedenheit«, pflegte ihre Mutter immer zu sagen, aber für sie war es heute wohl nicht die rechte Zeit für Wein. Sie stand auf, nahm das Glas und ging rüber in die offene, angrenzende Küche. Dort goss sie den Chianti kurzerhand in die Spüle und ging weiter barfuß in Richtung Badezimmer. Auf dem Weg zog sie notdürftig die schweren Vorhänge vor das große Doppelfenster mit den weißen Sprossen. Es war schon nach zehn, ein wenig Licht schimmerte noch durch den Spalt zwischen den hellen Vorhängen. Ohne sich die Mühe zu machen, einen Lichtschalter zu betätigen, ging sie gähnend quer durch den großen Wohnraum. Ihre Füße spürten die verschiedenen Materialien der unterschiedlichen Teppiche – Seide aus Persien, grobe Wolle und flauschiges Fell. Alle diese Dinge hatte sie von unterschiedlichen Reisen mitgebracht. Sie harmonierten gut mit dem dunklen Holzparkett und gaben dem großen Wohnraum mit einer fast drei Meter hohen Decke etwas mehr Behaglichkeit. Durch einen kleinen Flur, der an der rechten Seite fast komplett aus deckenhohen Einbauschränken bestand, kam sie in das angrenzende großzügige Badezimmer. Dort in der Mitte des Raums dominierte eine alte Emaille Badewanne auf vier goldenen Füßchen. Ein langes Fenster mit Doppelflügeln brachte noch eine Restmenge Licht in den Raum, die Ella durch ein Rollo ausblendete. Stattdessen knipste Sie das Licht am Spiegel über dem großen Waschbecken an.

Es blendete ihre Augen im ersten Moment und Ella kniff sie zusammen. Müde und abgeschlagen blickte sie ihr Spiegelbild entgegen. Sie grinste es kurz an, nur um zu sehen, ob es noch ging. Ihre weißen Zähne blitzten ihr entgegen.

»Ich muss wirklich mal was für mich tun. Ich sehe ja aus wie…«, doch ihr fiel kein passender Vergleich ein. Die hellbraunen, leicht gewellten Haare hingen ihr wirr und kraftlos über die Schultern. Ihre sonst großen braunen Augen blickten sie jetzt durch kleine Schlitze ohne jeden Ausdruck an. Sogar ihre helle, leicht gebräunte Haut, auf die sie eigentlich recht stolz war, kam ihr sehr fad vor.

Sie seufzte tief. »Ab Morgen wird das anders, liebe Gabriella!«, schalt sie sich selbst und ließ achtlos das verwaschene Trägerkleid auf den schwarz-weiß gefliesten Fußboden sinken. Ihre schlanken Finger kramten in der Schublade. Da fiel ihr wieder ein, dass sie eigentlich heute nach der Arbeit einkaufen gehen wollte, was sie ärgerlicherweise nicht getan hatte. So quetschte sie noch das allerletzte Restchen Zahnpasta aus der Tube.

Ihre Gedanken wanderten beim monotonen Zähneputzen zu ihrem heutigen Arbeitstag und mit einem tiefen Groll dachte sie an ihren Chef Franco. Oftmals tauchte Franco kurz vor Feierabend auf und verlangt noch die Fertigstellung eines Berichts oder er wollte noch eine ‚kurze‘ Expertise zu der neuen Lieferung.

»Nur ganz ins Unreine, Gabriella«, sagte er immer. Aber wenn sie die Berichte ganz grob verfasste, wusste sie genau, dass sie ihn in wenigen Minuten am Telefon hatte. Manchmal tauchte er sogar in ‚ihren‘ zwei Räumen des Istituto Restauro di Arte Antica auf. Dann wurde sie ihn so schnell nicht mehr los. Deshalb arbeitete sie lieber eine Stunde länger in Ruhe und allein, wenn ihr Team schon lange den Feierabend genießen konnte.

Das abgespannte Gesicht bekam noch einen Schwall Wasser ab. Anschließend ging sie wieder zurück in eine mit Paravents abgeschirmte Ecke des Wohnraums, wo eine breite alte Couch auf eine sehr müde Kunsthistorikerin wartete. Ella, wie die meisten sie nannten, fiel in die vielen weichen Kissen und schaffte es gerade noch, die Decke über sich zu ziehen, bevor sie erschöpft einschlief.

5

Wie immer erwachte sie am frühen Morgen durch den Lärm der Familie Esposito in der Wohnung unter ihr. Maria brüllte die morgendlichen Befehle an ihre drei Kinder, die außer Emilio, der erst fünf war, in die Schule mussten.

«Anziehen, pronto, pronto!, Stephania, iss endlich was, Massimo, geh’ deine Haare kämmen!« So ging das jeden Morgen außer am Sonntag, da war meistens das Familienoberhaupt anwesend und der durfte natürlich nicht aus der Ruhe gebracht werden. Stephano arbeitete im Sommer in den südlichen Weinbergen nahe Florenz. Er half bei der Lese und war als Fahrer dafür zuständig, den Wein an die weit verbreiteten Kunden auszuliefern. So war er selten zu Hause. Maria schien das nicht sonderlich zu stören, sie war eine pragmatische und resolute Frau, die eine tausend Mann große Kompanie mit einem Befehl zum Stillschweigen gebracht hätte. Sie hatte dennoch ein großes Herz in ihrem voluminösen Körper und kümmerte sich sehr liebevoll um ihre drei Kinder. Auch Ella rettete sie manchmal vor dem baldigen Hungertod. Häufig aß Ella bei den Espositos und spielte mit den Kindern anschließend Uno oder Mensch Ärgere Dich nicht. Maria arbeitete am Vormittag im Supermarkt und brachte Ella öfters Sonderangebote mit.

Die Sonne blinzelte durch die Vorhänge, die Ella nacheinander öffnete. Das helle Licht durchflutete augenblicklich das große Appartement und ließ keine Ecke im Dunkeln. Es schien ein schöner, warmer Tag zu werden.

Auf dem dunklen Holzparkett sah man leider schon wieder die Staubflusen und die Spuren ihrer bloßen Füße. Ella seufzte und dachte unwillkürlich an ihre Mutter, die das nie zugelassen hätte. Mama wäre, hätte sie den Zustand der Wohnung gesehen, sofort mit ihren eigenen Putzsachen zu ihr gekommen und hätte so lange Staub gewischt, die Fenster geputzt, den Boden gewienert und die Vorhänge gewaschen, bis alles zu ihrer Zufriedenheit aussah. Doch es war schon mindestens zwei Jahre her, seit ihre Mutter zuletzt bei ihr war und die Stufen noch hinauflaufen konnte. Sie hatte Krebs gehabt und kämpfte mit Ella an ihrer Seite ein Jahr lang gegen diese schlimme Krankheit, bis sie letztendlich doch verlor. Als ihre Mutter im Frühjahr letzten Jahres starb, brach für Ella die Welt zusammen. Sie war ihre Mama, ihr Fels, ihr Trost und ihre nicht ermüdende Zuversicht, auch in den letzten Tagen. Sie fragte sich oft, ob sie nicht hätte mehr tun können, um es für ihre Mama leichter zu machen. Da sie keine Geschwister hatte und ihr Vater damals in Deutschland blieb, war sie ihre ganze Familie. Wenn sie gewusst hätte, dass ihre Mutter so früh, mit gerade mal achtundfünfzig Jahren sterben würde, hätte sie viel mehr Zeit mit ihr verbracht. Ja, sie waren manchmal Essen gegangen und hatten von Urlauben gesprochen, die sie noch gemeinsam machen wollten, zu denen es aber leider nicht mehr kam. Stattdessen sahen sie sich oft nur, wenn Mama sie besuchte und Ella im Haushalt half. Traurig in Gedanken an ihre ‚Mammina‘ blickten sie ihre großen Augen mit den langen schwarzen Wimpern im Spiegel an, die sehr den Augen ihrer Mutter ähnelten.

Die kurze Dusche in der altmodischen Badewanne vertrieben alle trübsinnigen Gedanken und machte sie hellwach. Ella zog sich rasch an. Einen kurzen, beigefarbenen Rock, dazu eine luftige rosafarbene Bluse, die sie aus den Lamellenschränken im Flur kramte.

»Selbst damit schwitze ich mich bestimmt tot«, dachte Ella. Es war Hochsommer und in Florenz stand die heiße Luft still zwischen den alten Gemäuern.

Mit einem Espresso setzte sie sich an den alten Eichentisch. Dort lag ihr Laptop noch von gestern aufgeklappt. Sie überflog kurz die Nachrichten im Internet. Der Espresso wirkte wie eine Vitaminspritze, während sie die neuesten E-Mails von ihrem Arbeitgeber, das IRAA oder in der Langversion das Istituto Restauro di Arte Antica las.

»Che palle!« Sofort sprang Ella auf und fluchte laut, klappte mit einem etwas zu festen Schlag den Laptop zu, klemmte ihn unter den Arm und rannte in Richtung Tür. Auf dem Weg dorthin schnappte sie sich ihre Handtasche vom Sofa und schlüpfte in die erstbesten Schuhe, die aufgereiht neben der Wohnungstür standen.

---ENDE DER LESEPROBE---