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Riddo Flemm ist schweigsam. So schweigsam, dass seine immerwährend plaudernde Mutter an ihm verzweifelt, weil all ihre Versuche ihn von seiner Wortkargheit zu heilen letztlich scheitern. Schließlich verzweifelt Riddo selbst, denn er muss einsehen, dass Schweigen in der Liebe fatale Folgen hat. Seine erste große Liebe missglückt, seine zweite kommt ihm im Model- und Schauspielerwahn abhanden und auf den Trümmern seiner verlorenen, großen Liebe beginnt er einen Brief an eine Unbekannte zu schreiben, mit der er sich doch noch so etwas wie ein leidenschaftliches Liebesleben erhofft. "Die verlorenen Worte der Liebe", das ist Riddos Versuch, eine Antwort auf seinen frühen Sprachverlust und die richtigen Worte über die und in der Liebe zu finden.
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Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Bennett Bienkowski
Die verlorenen Worte der Liebe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Impressum neobooks
Eigentlich wollte ich dieses Buch niemals schreiben. Es sollte ursprünglich ein Brief werden. Da du aber spurlos verschwunden bist, kurz bevor ich mich traute dich anzusprechen, muss ich diese Botschaft auf diesem Weg in die Welt schicken. Als Roman. Ursprünglich wollte ich dir die Dinge erzählen, die mir aufgrund deiner Geschichte im Kopf umherschwirrten. Aber gerade als ich beginnen wollte zu sprechen, bist du aufgestanden und warst fort. Nicht sofort, du hast mich hoffnungsvoll angeschaut, als beabsichtigten deine ungleich geöffneten Augen mir mitzuteilen, dass ich dich aufhalten soll. Aber selbst auf diesen direkten Blick, die winzigen Aufwärtsbewegungen deiner Lippen, die kleine Grübchen zu einem fordernden Lächeln formten, kam von mir nichts. Außer dem typischen Schweigen. Dabei hätte ich gerne mehr erfahren. Über dein Ziel, den Grund deiner Traurigkeit und was dazu geführt hat, woanders ein neues Leben beginnen zu wollen. All die Dinge, die du deiner Sitznachbarin im Zug erzählt hast, hätte auch ich gerne besser verstanden und suchte noch nach den richtigen Worten, als du dich kurz nach dem Halt am Flughafen aus der durchgesessen Sitzbank erhoben hast, deinen schweren Rucksack aus dem Gepäcknetzt über dem Sitz nahmst und deine Gesprächspartnerin dir half, ihn aufzusetzen. Noch einmal schautest du verunsichert in meine Richtung, schienst dich zu fragen, wieso ich mich nicht regte und durch das Abteil liefst an mir vorbei. Hinter dir schloss sich die Tür. Du drehtest dich noch einmal um. Dein Lächeln verlor sich in einem Ausdruck der Selbstverständlichkeit, der dir und deinem Entschluss zu verschwinden, Recht zu geben schien. Du winktest mir mit gesenkten Händen durch die Scheibe der Abteiltür zu und warst fort. Es war zu spät Worte zu wechseln. Ich zog hastig einen Block aus meiner Tasche, suchte nach einem Stift und kritzelte meine Adresse auf das Papier. Aber als ich fertig damit war, hattest du mir den Rücken mit dem großen Rucksack darauf zugedreht und liefst auf dem Bahnsteig in Richtung Ausgang. Die Türen des Zuges schlossen sich. Aus Enttäuschung schrieb ich weiter. Das, was du hier gerade liest. Diesen Brief. Da ich deine Adresse aber gar nicht kenne wurde aus dem Brief ein Roman. So verschlossen wie am Tag unseres Zusammentreffens war ich schon immer und da das zu dem ganzen Elend führte, dass mich dir so nahe gebracht hat in diesen wenigen Minuten unserer gemeinsamen Zugfahrt, konnte ich nicht aufhören zu schreiben. Denn diesen Roman zu schreiben ist immer noch besser, als überhaupt keine Aussichten zu haben, dich doch noch erreichen zu können. Vielleicht erreicht dich diese Geschichte ja und es gelingt mir, mein Schweigen endlich doch noch zu brechen.
Es gab nur einige wenige Menschen, denen meine zurückhaltende Art gefiel. Jenny sagte sie zu. Zumindest ließ sie mich glauben, dass ihr meine Geräuschlosigkeit etwas bedeutete. Ich kannte sie von der der Schule. Als wir noch nicht in einer Klasse waren, tauschten wir schon in den Pausen oft intensive Blicke aus und ich ahnte trotz meiner Schüchternheit, dass Jenny sich auch für mich interessierte. Gerne wäre ihr näher gewesen als mit diesen wiederkehrenden Blicken möglich war, aber sie anzusprechen war unvorstellbar für mich. Engeren Kontakt zu ihr bekam ich in der Siebten Klasse, als wir Schüler aufgrund unserer Wahlfächer neu zusammengesetzt wurden. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie wir alle nach den Ferien in der großen Eingangshalle unserer Schule zusammenkamen. Der Direktor stand vorne inmitten des Kollegiums, las zunächst im Einzelnen die Schülernamen von seinen Listen ab und nannte danach den neuen Klassenlehrer. Unter den Vorgelesenen meiner Klasse vernahm ich auch den Namen von Jenny. Nachdem unsere Klassenlehrerin laut von allen bejubelt worden war, liefen wir Schüler zusammen zu unserem neuen Klassenraum. Jenny hielt sich schon auf dem Weg dorthin auffallend nahe bei mir und als wir den neuen Raum zusammen betraten, setzte sie sich neben mich an den letzten freien Tisch. Sie lachte mich an.
„Hallo Riddo“, sagte sie und strahlte dabei über das ganze Gesicht. Wir liefen an diesem ersten Schultag gemeinsam heim. Im Gegensatz zu mir lebte sie damals in einem Haus mitten in der Stadt und nicht wie ich an einem der Hügel, die Saarbrücken säumten. Auch wenn wir nicht viele Worte wechselten, amüsierten wir uns, denn wir wussten beide, dass wir mit unserer neuen Lehrerin Frau Schmidt mehr als zufrieden sein konnten und uns auf dem Schulhof nicht mehr gegenseitig beobachten mussten, sondern nun nicht nur zusammen saßen, sondern sogar gemeinsam heimliefen. Wir überquerten eine der Brücken über die Saar und liefen dann am Schloss vorbei. Ich bog früher ab, als ich es sonst tun musste und brachte Jenny den weiten Weg bei sich zuhause vorbei. Als wir vor ihrer Tür standen, schaute sie mich an wie sie mich auf dem Schulhof immer angesehen hatte und wollte anfangen zu sprechen. Doch als ich keine Reaktion zeigte, etwas zu erwidern, lächelte sie wieder das gleiche Lächeln, das sie gelächelt hatte, als sie sich an diesem Morgen neben mich gesetzt hatte. Sie schaute noch einmal, holte tief Luft, sagte dann aber nichts, sondern griff kurz meine Hand und hielt sie einen kurzen Augenblick länger, als man sie greift, wenn man sich die Hand für ein „Guten Tag“ oder ein „Auf Wiedersehen“ reicht. Mir schlug das Herz noch lange, nur von dieser Berührung und von ihrem Blick und als ich nach Hause kam, wo meine Mutter mit dem Essen auf mich wartete, wusste ich nichts zu erzählen, sondern bekam, da ich noch immer an Jenny denken musste, rote Wangen. Sie glühten förmlich, als meine Mutter mich begierig anschaute und abzuwarten schien, was ich über meine Erlebnisse in der Schule erzählen werde. Als ich nichts sagte, schüttelte meine Mutter verzweifelt mit dem Kopf.
„Riddo“,
sagte sie, und dachte wohl, ich schäme mich und werde rot, weil ich schwieg.
„Das war dein erster Schultag. Möchtest du mir nicht davon berichten?“
Meine Mutter war zu dieser Zeit schon nicht mehr unmittelbar aus der Ruhe zu bringen durch „meinen Zustand“, wie sie mein Schweigen immer nannte, obwohl es sie noch immer sehr bekümmerte. Als ich noch jünger war, hatte sie häufiger versucht, mich zum Sprechen zu bringen. Aber es half alles nichts. Ich sprach nicht. Weder als Kind, noch an diesem ersten Schultag. Ich setzte mich, aß und ging nach dem Essen hinauf in mein Zimmer. Dort packte ich meine Schulsachen für den nächsten Tag und malte mir genau aus, wie es sein wird, zu Beginn des Unterrichts Jenny wiederzusehen. So verging die Zeit. Immer wenn ich in der Schule ankam, beeilte ich mich, in unseren Raum zu kommen. Dort setzte ich mich auf den Platz an unseren gemeinsamen Tisch. Manchmal, wenn ich in der Schule eintraf, saß Jenny schon dort und wartete auf mich. Wenn ich vor Jenny in unserem Klassenraum eingetroffen war, schaute ich bei jedem Schüler und jeder Schülerin, die den Raum betrat, erwartungsvoll zur Tür. Ich merkte, dass auch Jenny immer schon zum Eingang starrte, wenn ich im Klassenzimmer eintraf. Eines Morgens war sie später als ich und schaute mich, als sie in meine Richtung lief, besonders erwartungsfroh an. Ich hatte meine Hefte und Bücher für die erste Stunde schon zurechtgelegt. Sie trat an den Tisch, schaute kurz und setze sich dann.
„Riddo“,
sagte sie an diesem Morgen,
„ich bin so froh, dass du in meiner Klasse bist und neben mir sitzt. Wenn du magst können wir morgen gemeinsam herlaufen, denn ich bin umgezogen und wohne jetzt bei dir in der Nähe, auf der anderen Seite vom Schloss. Wir könnten ja auch nachmittags unsere Hausaufgaben zusammen machen. Ich komme einfach nach dem Essen zu dir und wir machen sie zusammen. Was hältst du davon?“
Ich nickte und lächelte sie an, denn es freute mich wirklich, mehr Zeit mit ihr zu verbringen, auch wenn wir noch immer nicht viel redeten. Wir trafen uns morgens und liefen zusammen zur Schule und dann wieder nach Hause zurück. Jenny wartete fortan an immer derselben Straßenkreuzung. Dort lehnte sie an einer Laterne, die auf ihrer langen Stange mit dem überstehenden Deckel aussah, als verstecke sie ihr Leuchten darunter.
**
Ich würde dir gerne von jedem Tag erzählen, an dem wir zusammen zur Schule liefen und dann wieder heim. Vom Laufen, vom umherschauen. Aber es ist nicht erzählbar. Lass es mich so versuchen. Ich lief diesen Weg schon immer, aber plötzlich hatte es einen Sinn und auch wenn ich diese Geschichte stundenlang so fortsetze, es änderte sich schließlich doch etwas zwischen uns. Jenny wurde bald zu meiner ersten großen Liebe. Aber schon zu dieser Zeit war sie die größte Bereicherung, die mein Leben bis dahin erfahren hatte. Das schönste daran war, ich ahnte beides nicht. Meine Gedanken kann ich dir nur dadurch näherbringen, dass ich dir schildere, wie einfach alles schien. Auch wenn es klingt, als wäre ich erst zehn oder vielleicht elf, ich war schon wesentlich älter denn ich hatte die neunte Klasse fast hinter mich gebracht. Überleg mal, andere in diesem Alter müssten über ihre Pubertät schreiben, über die Schwierigkeiten mit ihren Eltern oder den Lehrern. Wenn Jenny ein Buch über diese Zeit schreiben würde, sie hätte dir auch einiges über ihre Probleme zu erzählen. Ich hingegen nicht, denn ich wusste nicht, was Schwierigkeiten waren. Es gab ein Mädchen, mit dem hatte ich noch nicht viele Worte gewechselt. Ich wusste nicht viel von ihr und trotzdem, sie war da und ich fühlte mich zu ihr hingezogen, denn mein ganzes Leben zielte nur darauf ab, Zeit mit ihr zu verbringen. Es war egal wie, eigentlich war sogar egal, was war. Es ging mir nur darum, möglichst viel Zeit mit ihr zu verbringen. Denke ich heute über diese Zeit nach, muss ich mir eingestehen, dass ich einsam war, aber selbst das war egal, denn ich merkte auch das nicht. Seit ich Jenny kannte, unterhielt ich mich. Allerdings ohne viele Worte mit ihr zu wechseln. Sie nahm mich bald an die Hand und später in den Arm und immer dachte ich, wir verstehen uns. Dass wir das manchmal nicht taten, merkte ich gar nicht, denn es war normal, mich nicht mitzuteilen. Wieso ich dir das erzähle? Wohl auch um mir selber bewusst zu machen, dass meine Vorstellung von der Liebe lange auf dem basierte, was in dieser Zeit geschah. Es gab keinen Unterschied zwischen meiner Phantasie und dem, was passierte. Es gab keinen Unterschied zwischen Denken und Handeln. So naiv wie das klingt, heute glaube ich sogar, diese Art von Selbstgesprächen sind gar nicht so selten, auch in der Liebe nicht. Es gibt sie überall.
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Schon nach wenigen Tagen unseres gemeinsamen Schulwegs waren Jenny und ich unzertrennlich. Morgens trafen wir uns an der Ecke vom Schloss und liefen zusammen in die Schule. Dort verbrachten wir die Pausen zusammen und liefen zusammen wieder nach Hause. Wenn wir uns an der Ecke verabschiedeten, nahm sie meine Hand und lächelte mich an. Ich spürte jedes Mal, dass es in mir kribbelte, wenn ich sie anschaute. Schon kurz nach dem Essen kam sie dann wieder zu mir. Sie brachte jedes Mal ihre Schulhefte mit und wir machten unsere Hausaufgaben zusammen. Zumindest in der ersten Zeit lernten wir intensiv für die Schule, wie lange genau, das kann ich nicht sagen. Aber es ist auch nicht entscheidend. An einen Tag erinnere ich mich allerdings genau, ich weiß sogar noch, dass wir gerade für Politik die Frage beantworteten, wie soziale Probleme durch Drogenabhängigkeit entstehen. An diesem Tag schaute Jenny mich an und nahm mich in den Arm. Kurz darauf küsste sie mich. Sie nahm mich an die Hand und wir gingen herüber zu meinem Bett und wir küssten uns dort weiter. Das machten wir fortan täglich und mit der Zeit gingen wir weiter. Ob es wenige Tage oder viele Wochen waren, kann ich wiederum nicht mehr sicher sagen, aber irgendwann schob sie ihre Hand unter meinen Pullover und ich meine unter ihren. Ich fühlte ihren Bauch, ihre Brüste. Schließlich schob ich ihren Pullover ein Stück hoch, so dass ich sie auch sah. Wir legten uns aufeinander und rieben unsere Hosen aneinander und es wurde immer heftiger, bis ich schließlich merkte, dass wir beide nicht mehr aufhören konnten und dann, dass meine Hose feucht und immer feuchter wurde. Schließlich legte ich mich neben sie und wir hielten uns fest im Arm. Es war unbeschreiblich. Ich war euphorisch wegen Jenny und dem, was passiert war. Zum ersten Mal merkte ich aber auch, dass mein Gefühl, unabdingbar mit einem Gefühl der Leere belegt war. Wir machten unsere Hausaufgaben immer seltener zusammen. Sie brachte zwar ihre Hefte immer mit zu mir, aber schon nach kurzer Zeit küssten wir uns und gingen vom Schreibtisch zu meinem Bett. Bis wir uns eines Tages gar nicht mehr zusammen an den Schreibtisch setzten. Es war Herbst geworden und nachdem Jenny mein Zimmer betreten hatte und die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte, entledigte sie sich ihres Pullovers, manchmal auch ihrer Jeans und zog mich herüber zu meinem Bett, in dem wir den ganzen Nachmittag zusammen verbrachten. Meine Eltern und Geschwister betraten mein Zimmer zum Glück nie. Wir hatten unsere Ruhe. In unserer Schulklasse hatte man uns niemals anders erlebt. Für unsere Mitschüler waren wir ein Pärchen, das einfach zusammen war, das jede Minute gemeinsam verbrachte und auch dort ließ man uns in Ruhe.
**
Eines Morgens stand Jenny nicht an der Ecke, an der wir uns immer trafen und wo sie bisher immer gestanden hatte, als ich kam. Niemals hatte sie sich bisher verspätet. An diesem Tag regnete es und ich dachte, vielleicht ist sie einfach zu spät oder aufgrund des heftigen Regens schon fort. Ich lief die Straße hinunter in die Richtung, in der sie wohnte. Ich sah das doppelstöckige, verputze Haus mit den vier großen Fenstern der vier darin befindlichen Wohnungen. Dort stand sie plötzlich vor mir, eingewickelt in ein rotes Regencape unter dem sie auch ihre Schultasche trug. Sie weinte. Als wir uns begegneten schaute ich in rote Augen, sie hatte eine rote Nase und ihre Schmolllippen waren voller, als sie es sonst waren. Ich war so erschrocken, dass ich nur ihren Vornamen herausbrachte, den ich so aussprach, als wäre schon das meine Frage. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte
„Riddo, komm“.
Sie nahm meine Hand und führte mich zurück in die Richtung zu unserer Ecke. Als ich sie anschaute, fragte sie mich, ob sie heute Mittag bei mir essen könne. Auch in der Pause hatte sie noch immer Augenringe und schaute traurig aus. Nach der Schule gingen wir schweigend zu mir nach Hause. An unserer Ecke drückte sei wie immer meine Hand, lief dieses Mal aber mit in meine Richtung. Als wir die Haustür öffneten, rief meine Mutter, ich solle mir die Schuhe bitte vorne ausziehen und sie auf der Matte stehen lassen, denn sie wolle den Dreck nicht im Haus haben. Jenny und ich folgten der lauthals verkündeten Instruktion und hängten unsere Regenbekleidung an die Garderobe.
Meine Mutter schaute uns verwundert an, als wir die Küche betreten hatten. Sie fragte aber nur, ob sie es richtig verstehe, dass wir ein Gedeck mehr benötigen würden. Ich nickte und Jenny schaute meine Mutter mit ihrem verheulten Gesicht an. Sie sagte, dass es sie freue, dass wir unser gesellschaftliches Dasein nun scheinbar auch auf den Rest unseres Hauses ausdehnen würden. Zu meiner Freude hieß sie Jenny jeder Zeit bei uns im Haus willkommen. Ich holte meinen Vater aus seinem Büro, denn er arbeitete seit einiger Zeit viel zu Hause. Dann klopfte ich an die Tür meines Bruders, der rief, er komme gleich. Meine Schwester war gerade dabei, ihren alten Rekord in einem ihrer geliebten Computerspiele zu übertreffen und maulte, als ich sie zum Essen bat. Als ich in die Küche zurückkehrte, hielt meine Mutter Jenny im Arm. Ich hörte, wie sie zu ihr sagte, sie müsse jetzt tapfer sein. Sie bot ihr an, ihr einen Schlüssel zu unserem Haus zu geben und noch einmal wiederholte sie, sie sei hier jederzeit willkommen. Jenny weinte. Als ich den Raum betrat, schaute meine Mutter mich an und kniff beide Augen zu. Sie sagte zu uns beiden, wir sollten bei Tisch nicht „über die Sache“ reden. Schweigend setzten wir uns. Dann kam Vater und nahm Platz. Auch er begrüßte Jenny so freundlich wie Mutter. Als wir uns gerade aus den Schüsseln bedienten, betrat meine Schwester das Speisezimmer und berichtete von ihrem sensationellen Erfolg. Sie fragte Jenny, ob sie auch eine Spielkonsole habe. Sie schüttelte aber nur mit dem Kopf und verneinte die Frage.
„Na gut, du hast ja auch meinen Bruder“,
sagte sie und grinste. Meine Mutter und mein Vater lachten lauthals und auch Jenny lächelte wieder ein wenig.
**
Nach dem Essen halfen Jenny und ich meiner Mutter den Tisch abzuräumen und gingen dann zu zweit nach oben. Sie erzählte mir, wie sie sich erkundigt hatte, dass es doch wohl nicht an mir liegen könne, ihre Stimmung und, dass sie weine. Als sie mit dem Kopf geschüttelt hatte, fragte meine Mutter sie
„Deine Eltern, oder? In deinem Alter geht es immer um die Eltern, wenn es nicht um Jungs geht und da ich deinen kenne, kann ich es mir nicht anders erklären, als die ewigen Eltern. Du schaust so aus, meine kleine, aber sag mir, ist es schlimm?“
Daraufhin konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Meine Mutter hatte sie in den Arm genommen und ihr darauf das Versprechen gegeben, dass sie hier immer willkommen sei. Sie sei sehr verständnisvoll, meinte Jenny und kenne das auch aus ihrer Kindheit und Jugend.
„Riddo“,
fragte Jenny mich verschüchtert,
„deine Mutter hat mir einen Hausschlüssel angeboten.“
Ich schüttelte den Kopf und signalisierte, dass ich es mitbekommen hatte.
„Es würde mir sehr helfen, möchtest du das auch?“,
fragte sie mich und schaute nach unten auf den Boden, so als rechnete sie ernsthaft damit, ich könne nein sagen. Wieder schüttelte ich den Kopf und sie nahm mich in den Arm und fing an zu weinen.
Das war der Tag, an dem ich erfuhr, dass es Schwierigkeiten gab auf dieser Welt. Aber sie waren für mich so wie es bleiben sollte für den Rest meines Lebens mit einer Festigung von Liebe verbunden.
**
Jenny erzählte mir die Geschichte ihres Vaters, der ihre Mutter und sie schon seit Jahren peinige. Er trank, war aber eigentlich seit einiger Zeit trocken. Im Frühjahr hatte ihn seine Geliebte versetzt und er fing wieder an und gebe ihr und ihrer Mutter daran die Schuld. Ohne seine Tochter und seine Frau an der Backe, wäre sie nicht abgehauen, schrie er durch die Wohnung, so laut, dass es durch die ganze Straße geschallt sei. Er warf mit Gegenständen um sich und brüllte. Wenn es nach ihr und ihrer Mutter ginge, sagte Jenny, solle ihr Vater ruhig wieder mit seiner Freundin zusammen sein, denn dann wäre er ruhig und aus dem Haus und würde nicht anderen Menschen das Leben zur Hölle machen. Den ganzen Nachmittag blieben wir zusammen und als der Abend näher kam, wurde Jenny immer unruhiger. Wir gingen zu meiner Mutter und Jenny fragte sie, ob sie länger bleiben dürfe. Sie durfte. Meine Mutter hatte mit Jennys Mutter telefoniert, der es, nachdem ihr meine Mutter klar gemacht hatte, dass sie informiert war über die Ereignisse, recht war. Da Jennys Mutter ihr gestehen musste, dass die Situation keineswegs besser geworden sei seit dem gestrigen Abend und er noch um sich prügele, wie er es auch schon früher einmal getan hatte, gab ihr meine Mutter unsere Telefonnummer und bot ihr an, dass Jenny bei mir bleiben könne.
Ich lieh Jenny ein paar saubere Shorts und ein T-Shirt für die Nacht. Wir krochen unter meine Bettdecke und zogen sie uns bis über den Kopf. Was als Versteckspiel vor der Welt in der Wärme meines Bettes begann, endete leidenschaftlich. Wir gingen weiter als bisher. Jenny zog sich erste die Shorts und schließlich auch ihr Höschen aus, und half mir aus meiner. Sie berührte mich, während sie mir meine Unterhose auszog und legte sich, nachdem sie sie mit ihrem Fuß von mir gestreift hatte, auf mich. In meinem dunklen Zimmer, in dem nur eine kleines Licht in der Ecke des Raumes brannte unter der wärmenden Bettdecke, die uns nun wie schon so oft zuvor von der Welt abgegrenzt hatte und die uns auch heute irgendwie zu beschützten schien, schliefen wir zum ersten Mal zusammen.
**
Jennys Vater lernte ich am nächsten Morgen kennen. Wir zwei liefen mit dem Gefühl zur Schule, dass sich nichts zwischen uns stellen könne. Wir wollten kurz die Schulbücher für den Tag bei Jenny zuhause abholen und hofften, dass ihr Vater entweder schlief oder sogar bei der Arbeit war. Und tatsächlich, er lag er auf dem Sofa im Wohnzimmer, hatte allerdings einen leichten Schlaf. Er wachte auf, als wir die Wohnung betraten. Jennys Mutter war bereits zur Arbeit gegangen. Als ich durch die Glasscheibe in der Wohnzimmertür blickte, öffnete er ein Augenlid, schien aber zunächst wieder einzuschlafen. Auf dem Tisch standen einige Flaschen und es roch nach Kneipe. Der Rest der Wohnung war ordentlich. Ich blickte hinter Jenny hinterher, die über den Flur lief und in ihr Zimmer ging. Die Tür quietschte und ich eilte ihr hinterher. Ihr Zimmer war ebenso sauber und aufgeräumt wie der Rest der Wohnung, sah man vom Refugium des nächtlichen Exzesses im Wohnzimmer einmal ab. An der rechten Seite ihres kleinen Zimmers stand ein Bett, in das wir beide zusammen nicht gepasst hätten und darüber war ein Bücherregal angebracht, in dem ihre Lieblingsbücher standen. Rechts waren die Schulbücher in einer Reihe über einem Schreibtisch in einem Halter untergebracht und dahinter ihr Kleiderschrank. In der Mitte des Raumes war ein fast viereckiges Fenster, vor dem die Rollläden halb geschlossen waren, so dass, das ohnehin spärliche Licht nur in Streifen ins Zimmer fiel. Gerade als ich die Buchrücken ihrer Lieblingsbücher studierte, griff Jenny nach den Büchern, die sie brauchte und steckte sie in ihre Tasche. Auf dem Nachttisch lag ein Buch mit dem Titel „Der Fänger im Roggen“ von einem Autor namens Salinger. Plötzlich öffnete sich die Wohnzimmertür. Ich schaute zur Seite und Jennys Vater blickte mir in die Augen. Jenny trat aus ihrem Zimmer. Sie stellte sich vor mich und sagte:
„Papa, hallo! Ich bin jetzt gleich in der Schule, ich packe nur gerade ein paar Bücher ein. Übrigens, das ist Riddo, wir gehen zusammen in dieselbe Klasse.“
„So, Riddo“,
sagte er und stockte.
„Jenny“,
sagte er dann mit leiser Stimme,
„ich“,
er schluckte,
„ich kann mich“,
dann fasste er sich an den Kopf,
„wo ist deine Mutter“,
erkundigte er sich.
„Bei der Arbeit, Papa.“,
sagte Jenny,
„das weißt du doch.“
„Jenny es ist gerade etwas schwierig für mich und deine Mutter. Versteht mein kleines Mädchen das?“
„Ja, Papa, ich verstehe das, aber ich habe jetzt nicht sehr viel Zeit“,
entgegnete sie.
„Jenny, deine Mutter und ich sind immer für unser kluges Mädchen da“,
sagte er mit tränenunterlaufenen Augen, als Jenny und ich uns an ihm vorbei schoben.
„Ja, Papa“,
sagte sie und riet ihm, eine Dusche zu nehmen und das Wohnzimmer aufzuräumen. Sie drückte ihn kurz.
„Tschüss Riddo“,
rief er hinter mir her und ich hörte noch, dass er hinzufügte,
„hat mich gefreut“,
als wir die Tür schlossen. Ich schaute Jenny verständnislos an, denn Alkoholismus hatte ich mir bisher immer bedrohlicher vorgestellt. Als ich Jenny mit ihrem Vater zusammen erlebte, hatte ich das Gefühl, auf zwei Menschen getroffen zu sein, die trotz der gebotenen Eile, trotz eines mehr als latenten Konflikts einen liebevollen Umgang miteinander pflegten. Als wir das Haus verließen, schaute ich Jenny an und sie schien aus meinem Gesicht zu lesen und sagte:
„Das war mein Vater, Riddo.“
Ich schwieg und gerade als ich meine Stimme anhob, sagte sie,
„dass er auch so ist, macht es für mich und Mutter nicht einfacher, aber er hat eben auch diese unkontrollierte Seite. Meistens wenn er getrunken hat. Wenn nicht, dann ist er so, wie du ihn gerade erlebt hast. Eigentlich sanft, Riddo. Verstehst du, er ist eigentlich ein sanfter Mann.“
Ich verstand nicht, denn was zwischen dem lag, was in Jenny am Tag zuvor vorgegangen sein musste, zwischen unserer gestrigen Nacht und der Begegnung mit ihrem Vater schien für mich eine unüberbrückbare Distanz zu liegen und doch vermittelte Jenny den Eindruck, als erlebe sie das nicht als Bruch, als gehe sie zur Schule wie jeden Tag. Wir steuerten auf die Ecke zu, an der wir uns jeden Morgen trafen und ich überlegte mir, was sie wohl an allen den Tagen, an denen wir uns dort getroffen hatten, erlebt haben mochte. Jenny unterbrach diesen Gedanken, denn sie blieb stehen, als wir die Straßenabbiegung erreicht hatten und sagte fragend:
„Riddo, ob man das so sagt, weiß ich nicht, ob der Augenblick der richtige ist, weiß ich auch nicht.“
Sie zögerte.
„Ich liebe dich.“
Dann fiel sie mir in die Arme und wir standen eine Weile genau dort, wo wir uns immer die Hände gereicht hatten zum Abschied und uns nun seit einiger Zeit den ersten Kuss des Tages gaben. Heute war alles anders, denn bereits nach dem Aufwachen hatte mich Jenny in den Arm genommen. Ich hatte ihre nackte Haut an meiner gespürt und sie hatte mich geküsst. Ich konnte nicht antworten, so gebannt war ich von den letzen Stunden, von dem was zwischen uns passierte. Als ich sie fester an mich drückte, flüsterte Jenny mir noch einmal leise „Ich liebe dich“ ins Ohr und atmete dabei schwer aus. Auch sie drückte mich fester.
**
Wir waren einige Minuten zu spät in der Schule und betraten das Klassenzimmer nach Beginn des Unterrichts zu zweit. Kurz zuvor lockerten wir die Hände, die wir bis dahin fest ineinander verschlungen hatten und gingen in die Klasse zum Unterricht. In dieser Zeit änderte sich die Wahrnehmung meiner Umwelt vollkommen. Wenn ich mir nun meine Mitschüler anschaute, kam ich mir vor, als hätte ich ihnen einige Jahre voraus. Seit Jenny und ich zusammen geschlafen hatten, nicht wegen des Aktes, sondern eher wegen der gemeinsamen Erfahrung, wegen dem nächsten Morgen, wegen ihrer Probleme, spürte ich, dass ich eine Verantwortung für Jenny übernahm. Ich spürte, wie diese Verantwortung viele Dinge unwichtig machte, die meine Mitschüler bewegten. Besonders erlebte ich dieses Gefühl in den wenigen Zeiten, die Jenny und ich nicht zusammen verbrachten. Im Sportunterricht beispielsweise. Jungen und Mädchen hatten Mal zwei Mal in der Woche jeweils eine Doppelstunde getrennten Unterricht. Dafür waren wir zusammen gewürfelt mit den männlichen Teilnehmern aus einer anderen Klasse. Wir trafen uns in der Sporthalle unserer Schule, die sich durch einen großen Raumteiler in zwei Teile trennen ließ. Die Mädchen waren auf der einen, die Jungs auf der anderen Seite dieses hässlichen dunkelbraunen Vorhangs aus Vollgummi. Beklebt war er mit hellbraunen oder beigen Flicken, hinter denen sich zahlreiche defekte Stellen verbargen, wie Pflaster auf Wunden. Wir spielten in der Regel Fußball oder Basketball, die Mädchen machten Leichtathletik. Wie gerne wäre ich bei ihnen gewesen. Ich wäre dann Jenny näher gewesen und hätte Leichtathletik machen können. Wir spielten die meiste Zeit Fußball, das ich nicht besonders mochte, auch wenn ich einigermaßen annehmbar spielte. Beweis für meine passablen Leistungen war, dass ich beim Aufstellen der Mannschaft in der Regel als dritter oder vierter gewählt wurde. Es waren immer dieselben, die man unbedingt in seiner Mannschaft wollte und um die man sich fast stritt. Genau so gab es Leute, die man um keinen Preis wollte, da sie im schlimmsten Fall höchstens ein Eigentor zuwege brachten. Die Brillenträger, die in Mathe, Physik und Chemie besonders gut waren, waren in der Regel diejenigen, deren bleiche spindeldürre Köper bis zum Ende in der Ecke stehen blieben, als alle anderen schon gewählt waren. Die muskulösen Jungs mit Haaren an den Beinen und T-Shirts von bekannten Basketballmannschaften ließen sie spüren, dass sie genauso gut zu Hause hätten bleiben können. Diese Jungs waren auch die, die mir das Gefühl vermittelten, von Sprösslingen umgeben zu sein. Sie liebten ihr Spiel, sie liebten die lauten Schreie und immer gleich lautenden Plattitüden. Wenn ein Ball ins Aus kullerte oder jemand von der gegnerischen Mannschaft den Ball bekam, schrien sie,
„ey, da muss doch jemand hin“,
obwohl sie selber sich in der Nähe der Tore tummelten. Selber waren sie natürlich nicht zur Stelle, um den Ball in den Besitz der eigenen Mannschaft zurückzubringen. So wie sie sich beim Spiel hervortaten, ließen sie es sofort ruhen, wenn der Lehrer einmal kurz die Halle verließ. Sie sammelten sich an der schweren PVC-Trennwand und schoben sie ein Stück zur Seite und glotzen hinüber, in Richtung der Mädchen. Nachdem sie die Lehrerin auf der anderen Seite ermahnt hatte, kicherten sie und beschäftigten sich mit dem, was sie gesehen hatten. Das, was sie erlebten schien mir genauso stereotyp, wie die Floskeln, die sie über das Spiel verloren. Sie lästerten über den „fetten Arsch“ der einen und lachten laut über die Unsportlichkeit der anderen. Aber am meisten freuten sie sich über „die Titten“, die sich unter den T-Shirts abzeichneten. Diese Jungs waren auch die ersten, die zu den Garagentoren spurteten, wenn wir Geräte oder Bälle oder die Trikots brauchten. Fachmännisch öffneten sie die schweren Tore mit ihren braunen Holzlatten zu dritt. Sofort stürmten sie, nachdem sie es geöffnet hatten in die dahinter befindlichen Räume. Nicht, weil es Zusatzpunkte für das zügige Holen der Utensilien gegeben hätte oder weil sie so interessiert am Beginn des Unterrichts gewesen wären. Meine Mitschüler hofften, dass das Tor auf der anderen Seite des Vorhangs ebenso geöffnet war und sie einen Blick auf den Sportdress der Mädchen erheischen könnten. Auch wenn es mir die anderen Schüler nicht anmerkten, widerte mich dieses Verhalten an. Oft trafen wir die Mädchen, wenn wir uns umgezogen hatten auf dem Flur der Sporthalle. Jenny trug eine rote, kurze Hose und ein Trägershirt mit der Aufschrift eines amerikanischen Colleges. Ich hasste es, wenn die Jungs über sie sprachen. Ihnen war genau das wichtig, eine Begegnung für ein Gespräch unter der Dusche. Es war mir eigentlich egal, was die Jungen trieben, aber ich wusste, wo Jenny ihre Tasche in ihrem Zimmer aufbewahrte. Ich wusste, wo die Waschmaschine stand, in der Jennys Mutter die dünne Sportkleidung wusch. Ich kannte Jenny ohne Bekleidung. Dieses Wissen, meine Assoziationen mit dem häuslichen Leben meiner Freundin verschafften mir Respekt, denn ich wusste um das Gefüge dieses Lebens und fürchtete mich davor, dass noch jemand anders es angreifen oder gar verletzen könnte. Im Unterricht wurde ich aufgrund dieser groben Züge vor allem meiner männlichen Mitschüler noch ruhiger.
**
Eigentlich war ich ein guter Schüler. Ich hätte noch besser sein können, denn meine mündlichen Beiträge ließen mehr und mehr zu wünschen übrig. Ich hatte aber meine schriftlichen Leistungen und war zufrieden mit dem, was ich auf dem Zeugnis attestiert bekam. Nicht so meine Eltern, denn sie konnten sich den Unterscheid zwischen den Noten, die ich zuhause vorlegte und dem, was sich ihnen halbjährig als Ergebnis bot, nicht erklären.
Meine Mutter warf meinem Vater vor, ich käme ganz nach ihm und würde wahrscheinlich auch in der Schule nicht sprechen und daher hätte ich halt schlechte mündliche Noten, die meinen Durchschnitt drücken würden. Mein Vater sah das anders und sagte, wenn er nicht mit meiner Mutter zusammen sei, würde auch er mehr sprechen. Da mein Vater auch an diesem Tag einen sehr engen Terminkalender hatte, ging meine Mutter mit mir in die Schule um meine Klassenlehrerin zu treffen. Sie wollte das selber in die Hand nehmen und sich einen Eindruck von der Situation verschaffen. So hatte meine Mutter das immer gemacht. Sie war es auch, die mir als erster Mensch deutlich gemacht hat, wie still ich war, denn sie bestimmte die Unterhaltungen bei uns zuhause. Eigentlich redete Sie unaufhörlich. Sie sprach nicht nur viel, sondern auch schnell. Für mich war das eine ein Ergebnis des anderen, denn wenn man schnell redet, kann man natürlich in kürzerer Zeit auch mehr Worte sprechen. Wie schnell meine Mutter redete, zeigt schon ihr Name. Eigentlich hieß sie Fernande, aber da man immer nur die letzte Silbe vernehmen konnte, wenn sie sich mit ihrem Vornamen vorstellte oder ihn sonst wie nutzte oder artikulierte, nannten alle sie kurz Nanne. Nanne Flemm. Sie konnte das so schnell sagen, dass selbst die Menschen, denen sie das Kürzel diktierte, nachfragten, wie man das denn bitte buchstabiere. Wenn sie sich dann wiederholen musste, verdrehte meine Mutter die Augen und signalisierte ihrem Gegenüber, dass ihr Name eigentlich sehr einfach war. Sie akzeptierte nicht, dass man sie nicht verstand. Mein Vater Arved versteckte sich bei den täglichen Familienzusammenkünften meist hinter einer Zeitung. Ich dachte immer, ihr dünnes Papier habe die Wirkung eines Lärmschutzes, denn wenn wir mit der Familie bei Tisch saßen, schaute er selten über die Seiten. Auch nicht, wenn Mutter mit ihm sprach. Die einzigen Augenblicke, in denen Mutter nicht redete, waren die, in denen sie las. Zumeist verbrachte sie die Zeit in ihre Bibliothek, ihrem ganzen Stolz. Neben einem Sofa und einem kleinen Tischchen, das meist unter Büchern zusammen zu brechen drohte, stand dort auch ihr Lieblingsmöbel, der Liegesessel, den Henry van de Velde für sein eigenes Wohnhaus in Weimar hergestellt hatte.
„Er hat seine Heimat genauso vermisst, wie ich Frankreich vermisse,
klagte sie oft und sagte,
„ich bin heute ausschließlich in Henrys Stuhl zu finden.“
Aufgewachsen bin ich nahe der französischen Grenze, in Saarbrücken, das hatte ich dir ja schon erzählt. Die französische Grenze war für meine Mutter aber besonders wichtig, denn während das für uns ja heute selbstverständlich ist, lebten meine Großeltern in einem französischen Saarland. Sie waren sehr patriotisch und wendeten sich in der Volksabstimmung gegen den Beitritt zur jungen Bundesrepublik. Ich erwähne das, weil es für meine Großeltern wirklich entscheidend war. Sie verabscheuten Deutschland und kehrten dem Saarland bald nach dieser Entscheidung den Rücken. Meiner Mutter trichterten sie ein, wie schlimm die Deutschen waren und dass sie bloß nicht zu viel von der deutschen Kultur annehmen solle. Teufel seien das, allesamt. Meine Mutter verunsicherte es, auch wenn sie es nie zugab aber oft gab sie, ohne es wirklich zu wollen, meinen Großeltern Recht. Lebenslänglich haben die sich beispielsweise geweigert, die „Sprache der Barbaren“ zu sprechen. Ich habe sie nie kennen gelernt und es auch nie von ihnen selber gehört, denn alles, was ich von ihnen weiß, wurde mir erzählt. Aber meine Großeltern isolierten sich vollkommen. Erst von ihren Nachbarn, dann von ihren ferneren Bekannten und schließlich auch von ihren Freunden. Dann siedelten sie schließlich um nach Frankreich. Meine Mutter blieb. Alles was mir darüber berichtet wurde ist, dass sie in Fontaine-de-Vaucluse gestorben sind, das ist in der Nähe von Avigon, in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur. Meine Mutter hatte sich zu genau der Zeit in meinen Vater verliebt und sehr zum Ärger meiner Großeltern heiratete sie ihn schließlich sogar. Sie erschienen nicht auf der Hochzeit ihrer einzigen Tochter und sprachen nie wieder ein Wort mit ihr. Obwohl meine Mutter nach der Hochzeit die deutsche Staatsangehörigkeit annahm, ein Überbleibsel dieser Erziehung ist, dass sie noch heute vor allem französische Bücher liest und französische Texte immer höher bei ihr gehandelt wurden als deutsche. Eine Zeit lang, als sie mir noch nicht erklärt hatte, wieso sie die meisten Bücher in Französisch las, dachte ich, sie würde sich dadurch von ihrer besten Freundin Martha unterscheiden wollen. Die beiden ähnelten einander sehr und vielleicht wollten sie dann nicht auch noch dieselben Bücher lesen. Zumindest nicht in derselben Sprache, denn sie lasen oftmals ja das gleiche, schon, um sich darüber unterhalten zu können. Immer wieder hatten sie heftige Streits wegen ihres unterschiedlichen Geschmacks und dann sprachen mitunter tagelang nicht miteinander. Sie redeten dann aber übereinander. Zumindest plauderte meine Mutter über Martha. Manchmal war sie böse auf ihre beste Freundin. Oft hatten sie sich dann heftig darüber gestritten, welches das traurigere Buch war, GoethesLeiden des jungen Wertheroder RousseausJulie ou la Nouvelle Héloïse. Meine Mutter favorisierte selbstverständlich Rousseau. Martha, die eine erklärte Anhängerin Goethes war, liebte denWerther. Wenn sie sich darüber stritten, schrie meine Mutter zuweilen hysterisch meinen Vater an, wie sich Martha anmaßen könne, die billige deutsche Kopie dem französischen Geniestreich vorzuziehen. Dieser am Schreibtisch ersonnene Heulkrampf, dieses Liebesgewinsel unter Freunden, von denen sich einer für seine schwachsinnigen Ideen über die Liebe am Ende auch noch umbrächte. Der wahre Gehalt von Liebe vermittelt sich nur unter Liebenden. Eigentlich waren diese Streits lächerlich, denn ich wusste vom Anblick der Buchrücken, dass neben anderen Werken Goethes, auch derWertherin der Bibliothek vorhanden war. Es stand dort sogar in deutscher Fassung und, so wie das Buch aussah, und wo es einsortiert war, musste sie es gemocht haben. Denn nach ihrer Auskunft waren dort nur die Bücher zu finden, die sie erstens gelesen und zweitens geliebt hatte. In Henrys Stuhl, ihrem Lesesessel, in dem sie die einzigen stillen Momente verbrachte, denn sobald sie ihr Buch zur Seite legte und sich wieder erhob, sprach sie wieder. Mit sich selber oder mit uns. Den nächsten, den sie traf, verstrickte sie in diese Unterhaltung.
