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Ellen Naylor wohnt in einer prachtvollen Villa in New York. Die 70-jährige Geologin ist noch ziemlich rüstig, aber auch ein wenig schwerhörig und vergesslich. Ellens Lieblingsgast ist ihr Enkel Adam. Er besucht sie schon seit Kindertagen regelmäßig auf ihrem Anwesen. Zu seinem 18. Geburtstag hat sich Ellen eine besondere Überraschung ausgedacht: Sie lädt ihn zu einer gemeinsamen Weltreise ein. Mit einer Reisegruppe soll es nach Afrika, Europa, Australien, China und Südamerika gehen. Adam freut sich riesig darüber. Doch bald ahnt er, dass ihm ein aufregender Urlaub bevorsteht. Immerhin kennt er seine Oma gut genug, und er weiß: Sie hat ihren eigenen Kopf. Ein humorvoller Roman über eine skurrile alte Dame und eine Weltreise, die ganz anders endet als geplant.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2021
Vorwort
Damals
Tripanosa
Die Geschichte beginnt
Ellen liest Zeitung
Die Anmeldung
Mein Achtzehnter!
Fahrt zum JFK
Marokko
Wanderung durch den Atlas
Namibia
Im Diamantenmuseum
Chemnitz
Freiberg
Rumänien
China
Indonesien
Australien
Chile
Atacama-Wüste
Wieder in Santiago
Endlich zu Hause!
Viele Jahre später …
Danksagung!
Nachwort
Ich, der Autor, finde es äußerst sinnvoll, Ihnen, werte Leserinnen und Leser, erst einmal in Ruhe zu erklären, wie ich auf solch einen mehrdeutigen Titel gekommen bin.
Nun ja, also das war so: An einem schönen Sommerabend bei einem Gläschen Wein …
Nein. Natürlich nicht. So kann jeder Autor seinen Titel finden. Das ist also keine Kunst. Offen gesagt, so läuft es bei mir auch nicht. Schon allein wegen meines Zustandes. Wie Sie dem Verlauf dieser Geschichte entnehmen können, meinte es das Schicksal nicht unbedingt gut mit mir. Zum anderen schmeckt mir persönlich Alkohol überhaupt nicht, schon gar nicht Wein. Naja, meine Frau freut es. Dafür trinkt sie ganz gerne mal einen über den Durst.
An dieser Stelle muss ich sagen: Alkohol hat vielleicht bei manch einem in gewissen Situationen eine inspirierende Wirkung, aber mit der folgenden Geschichte hat er auf alle Fälle nichts zu tun.
Warum also habe ich diesen Titel gewählt? Da ich das Thema „Alkohol“ ausgeschlossen habe, werden Sie auf des Rätsels Lösung nie im Leben kommen. Gut, ich gebe zu, der Titel ist mehrdeutig. Er lässt vielleicht auf eine Geschichte schließen, deren Hauptfigur in einem Altenheim lebt. Aber so ist es nicht. Man könnte auch vermuten, das Buch handele von einer älteren Dame, die ihren Lieblingsplatz aufgeben musste.
Zugegeben die Idee gefällt mir, aber sie zielt auch daneben.
Warum habe ich trotzdem diesen Titel gewählt? Die Begründung ist sehr banal. Bevor dieses Vorwort zu lang wird und keiner mehr weiterliest, möchte ich es nun verraten. Es ist eigentlich ganz einfach: Ich habe dieser Geschichte diesen Titel verliehen, weil ich finde, er passt.
„Vergiss nicht zu erwähnen, dass ich den eigentlichen Titel, den du schon vor Jahren, als sogenannten Arbeitstitel vergabst, ziemlich blöd fand“, ruft meine Frau aus der Küche.
„Ach nee. Vergesse ich schon nicht“, antworte ich ganz trocken darauf und denke mir dabei: Ist das deine Geschichte oder meine?
Jetzt wollen Sie bestimmt wissen, wie der ursprüngliche Titel hieß. Aber nichts da! Den sage ich nicht, denn er war wirklich blöd.
Aber jetzt geht’s los. Ich wünsche Ihnen viel Spaß!
Och Menno! Was ist das? Da kommt ja doch noch etwas. Naja! Sie werden auch das überstehen.
Der Grund dieses Buches
Die Tripanosa ist eine traumhaft schöne Villa in New York, mit der ich viele Kindheitserinnerungen verbinde. Meinen beiden Kindern möchte ich diese Erinnerungen weitergeben, unter anderem mit diesem Buch.
Kurze Vorstellung des Autors
Mein Name ist Adam Naylor und ich bin ein Neuling im Schriftstellergewerbe. Geboren wurde ich vor dreißig Jahren in New York. Somit bin ich ein Spätzünder, was das Schreiben angeht, meiner Meinung nach. Meine Frau wollte mich zwar weit früher zum Schreiben animieren, aber irgendwie hatte ich nie die nötige Muse dazu. Abgesehen davon empfand ich das Schreiben nie als einen „richtigen Job“. Schließlich weiß man ja vorab nicht, ob die Geschichte, die man gerade schreibt, ein Bestseller wird oder kaum Leser findet.
Deswegen erlernte ich nach der Schule erst einmal einen „richtigen“ Beruf. Diesen übte ich auch einige Jahre aus, bis man mich, wegen einer erneut ausbrechenden Krankheit, entließ. Und jetzt – jetzt versuche ich mich als Schriftsteller.
Im folgenden Kapitel möchte ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zunächst einen Einblick geben, in welchem Umfeld ich aufgewachsen bin.
Als Kind verbrachte ich viel Zeit bei meiner Oma in der Tripanosa. Während der Ferien, ganz besonders in den Sommerferien, besuchte ich sie fast täglich auf ihrem riesigen Anwesen. Es war eine tolle Zeit! Oft leisteten mir dabei meine Schulkameraden Gesellschaft. Gina, Alfred, John, Anna und ich tobten dann gemeinsam in dem riesigen Garten der „Tripanosa“ herum. Ich freute mich, wenn meine Freunde kamen und wir zusammen spielen konnten. Das lag vor allem daran, dass ich nicht ständig mit Oma und Rose, ihrer Haushaltshilfe, Teleshopping und Volksmusiksendungen schauen wollte. Dies fand ich nämlich schon damals ziemlich öde, ermüdend und langweilig.
Wenn es das Wetter zuließ, und das tat es im Sommer oft, gingen Oma, meine Schulkameraden und ich im hauseigenen Swimmingpool baden. Gelegentlich kam auch Rose mit ins Wasser.
An dieser Stelle muss ich kurz unterbrechen. Das Wort „Swimmingpool“ trifft es nämlich nicht ganz. Die Badestelle auf Omas Anwesen war natürlich kein gewöhnlicher Swimmingpool. Nein. Vielmehr handelte es sich um ein Binnengewässer mit allem, was dazugehört. Es war groß und auch einige Meter tief. An den Ufern wuchs Schilf, in welchem die unterschiedlichsten Vögel nisteten. Zudem war es sehr reich an Fischen und anderen Wassertieren. Somit waren natürlich auch einige fischverzehrende Tiere, wie Reiher und Otter, oft gesehene Gäste. Weil dieser „Swimmingpool“ zum Anwesen dazugehörte, nannten meine Freunde und ich ihn damals „Tripanops Lake“.
Da die Entfernung zwischen der Tripanosa und dem „Swimmingpool“ einige Meter betrug, veranstalteten wir immer ein kleines Wettrennen. Der Sieger durfte den zuletzt Ankommenden immer zuerst ins Wasser schubsen. Das war stets ein riesiger Spaß. Bei meiner Oma boten sich uns noch andere spaßige Dinge, die wir unternehmen konnten, außer Baden gehen und Wettrennen. Zum Beispiel konnten wir, dank des weitläufigen Grundstücks, besonders gut Verstecken spielen. Die zahlreichen Weiden, Birken und Pappeln auf dem Anwesen waren bei diesem Spiel äußerst dienlich. Ab und zu spielte sogar Oma mit, aber Rose eigentlich nie.
„Ich habe noch so viel zu tun“, redete sie sich nicht selten heraus.
Die Ferien vergingen auf der Tripanosa wie im Flug und ich musste mich jedes Mal erst daran gewöhnen, danach wieder die Schulbank zu drücken.
Eines Nachmittags war es draußen regnerisch und man konnte nichts anderes tun, als gemütlich in einem warmen Zimmer zu sitzen und Kuchen zu essen. An diesem Tag hatte Oma meine Eltern und mich zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Da ich für Kaffee noch ein bisschen zu klein war, schenkte mir Rose eine Tasse Kakao ein.
Meine Oma und meine Mutter unterhielten sich bei solchen Treffen stets über dasselbe Thema. Es klang beinahe so, als ob sie sich längere Zeit nicht gesehen hätten. Dabei wohnten wir in derselben Straße, nur ein paar Häuser weiter. Da meine Oma ständig wissen wollte, wie es ihrem Enkel – also mir – ging, und meine Mutter ebenso stets wissen wollte, wie es ihrer Mutter – also meiner Oma – ging, telefonierten sie fast täglich. Aber egal. Sie redeten jedenfalls immer über dasselbe Thema, bei jeder erdenklichen Gelegenheit. So auch an diesem Tag.
Mein Vater setzte sich gelangweilt in seinen Lieblingssessel, schlug die Zeitung auf, die neben ihm auf einem kleineren Tisch lag, und las. Ich blieb am Kaffeetisch sitzen und stocherte mit meiner Gabel weiter in meinem Stückchen Kuchen herum.
Eine halbe Stunde später schien der Gesprächsstoff ausgeschöpft zu sein und es wurde schlagartig still im Wohnzimmer der Tripanosa. Da ich noch sehr klein war und die Geschichte, wie Oma zur Tripanosa kam, nur bruchstückhaft kannte, brach ich die Stille, um danach zu fragen.
Kaum hatte ich es ausgesprochen, fing meine Oma auch schon zu erzählen an.
„Also, Adam, das war so…“, begann sie.
Mein Vater blätterte indes die Zeitung um und meine Mutter goss sich eine weitere Tasse Kaffee ein.
Alles fing vor sehr, sehr langer Zeit an. Ich glaube, es war etwa vor 50 Jahren. Ja, das könnte hin kommen. Ich hatte gerade meinen Zwanzigsten gefeiert, als ich zum allerersten Mal die Vereinigten Staaten betrat. Ungefähr ein Jahr zuvor hatte ich meine Ausbildung zur Krankenschwester in London beendet.
Der Grund meiner Reise war ein Brief, den ich überraschend erhielt. Daraufhin packte ich meine sieben Sachen und machte mich ein paar Tage später auf den Weg.
Auf der anderen Seite des großen Teiches angekommen, betrat ich die wohl schönste Stadt, die ich bis dahin je gesehen hatte: New York. Natürlich war ich schon in Paris, Barcelona und Rom gewesen, was auch sehr schöne Städte sind. New York aber übertraf sie um Längen.
Einige Tage später, nachdem ich mir ein paar Sehenswürdigkeiten angeschaut hatte, nahm ich erneut den Brief zur Hand. Schon in London, als ich ihn zum ersten Mal gelesen hatte, wunderte ich mich sehr darüber. Noch dazu kam er von einer mir unbekannten Adresse.
„Dear Ms. Naylor,
Du wirst Dich bestimmt nicht mehr an mich erinnern. Wie auch? Du warst damals ja gerade einmal zwei Jahre alt.
Dennoch kann ich mich noch recht gut an Dich erinnern, obwohl wir uns nicht sehr oft gesehen haben.
Leider bin ich nun gezwungen, Dir diesen Brief zu schreiben. Es fällt mir nicht gerade leicht, dies zu tun. Doch ich muss.
Mein Name ist Frank Upton und ich bin der Anwalt Deiner Eltern. Deiner wahren Eltern.“
Nun, dass ich überhaupt einen Brief von außerhalb nach London bekam, noch dazu von einer mir unbekannten Adresse, wunderte mich sehr. Ich wusste zunächst nicht, was ich davon halten sollte. Aber mir war klar, dass ich diesen ominösen Anwalt, der vorgab, mich zu kennen, besuchen musste. Schließlich war er der Anwalt meiner leiblichen Eltern. Ich hatte sie nie kennengelernt, aber ich wusste längst, dass ich ein Adoptivkind war. Meine Eltern hatten es mir von Beginn an gesagt.
Wie dem auch sei, der Brief ging noch weiter.
„Mit diesem Brief muss ich Dir leider eine traurige Nachricht zukommen lassen. Deine richtigen Eltern sind vor wenigen Tagen bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben gekommen.
Doch es hat auch etwas Gutes: Nun darf ich Dich nach all den Jahren zu mir in meine Anwaltskanzlei nach New York einladen.
Mit freundlichen Grüßen
Frank Upton, Anwalt
P.S. Es gibt einiges zu besprechen.“
Da diese Kanzlei in der Belcher Road zu finden war und mein Hotel ebenfalls in dieser Straße lag, unternahm ich kurzerhand einen Spaziergang dorthin. Ich klingelte. Einen Moment später ratzte es an der Tür und ich konnte eintreten.
Im zweiten Stock schien mich Mr. Upton schon sehnsüchtig zu erwarten, denn er stand bereits in der Tür, als ich die Treppen hinaufstieg.
„Ah, Ms. Naylor“, begrüßte er mich.
„Schön, dich endlich mal wiederzusehen!“
„Guten Tag!“, grüßte ich freundlich zurück und reichte ihm die Hand.
Offenbar hielt er nicht sonderlich viel von einem förmlichen Händedruck zur Begrüßung. Stattdessen hob er seine Arme und drückte mich. Dann bat er mich herein und schloss hinter mir die Tür.
„Aufgrund der Tatsache, dass es meiner Meinung nach schon viel zu lange gedauert hat, will ich es möglichst kurz machen. Schließlich bist du nicht einfach so hier. Oder?“ Er sah mich fragend an.
„Nein“, antwortete ich darauf.
„Natürlich nicht“, entgegnete er. „Dann bitte ich dich, mir zu folgen.“
Wir gingen durch den Flur der Kanzlei und blieben vor einer Tür stehen, auf der ein goldenes Schild prangte. Der Schriftzug „Mr. Upton`s Office“ war darauf zu lesen. Mr. Upton öffnete und ich folgte ihm in sein Büro. Hinter mir schloss er die Tür wieder.
„Setz dich!“, forderte er mich freundlich auf und deutete auf einen ziemlich alt aussehenden Sessel in der Mitte des Zimmers.
Dahinter stand ein großer und ebenso alt aussehender Schreibtisch. Ich nahm Platz. Mr. Upton ging an mir vorbei und setzte sich auf einen etwas neueren Bürodrehstuhl hinter dem Schreibtisch.
„Dann wollen wir mal!“, sagte er.
„Nun, Ms. Naylor, ich will ganz von vorn beginnen.“
„Ich bitte darum“, entgegnete ich ihm.
„Gut. Es ist folgendermaßen: Mit dem heutigen Tag agiere ich als Notar deiner Eltern, George und Denise, die beide bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind, indem ich ihr gemeinsames Testament verlese. Doch zuvor benötige ich deinen Pass!“, sagte er.
Ich kramte in meiner lilafarbenen Handtasche und hatte kurze Zeit später meinen Pass gefunden. Mr. Upton nahm ihn entgegen, schlug ihn auf und gab ihn mir wenige Sekunden später zurück. Ich verstaute ihn wieder in meiner Handtasche.
Einen Moment darauf, zog er auf seiner Seite des Schreibtisches eine Schublade auf, um darin nach einem Briefumschlag zu kramen. Es verging keine Minute, ehe er ihn hatte. Letztlich schob er die Schublade wieder zu.
„Im Beisein aller Verwandten von George und Denise Whitaker öffne ich hier und heute deren Testament. Sind Sie damit einverstanden?“, fragte er nun plötzlich sehr förmlich.
Unwillkürlich schaute ich mich um. Doch links und rechts von mir stand niemand. Auch hinter mir nicht. Verwundert drehte ich meinen Kopf wieder zu Mr. Upton.
Gerade als ich den Mund öffnen wollte, um ihn darauf hinzuweisen, dass niemand außer uns beiden im Raum sei, holte Mr. Upton tief Luft, um mit dem Verlesen des Testaments zu beginnen.
„Ja“, beantwortete ich schnell seine Frage.
Heute, fünfzig Jahre später, ist mir klar, worauf seine förmliche Ansprache zurückzuführen war.
Es war Vorschrift bei der Verlesung eines Testaments. Damals wusste ich das natürlich nicht.
Woher auch?
„Gut“, entgegnete Mr. Upton und öffnete den Umschlag.
„Unser letzter Wille und Testament
Unser letzter Wille besteht lediglich aus zwei Wünschen.
1. Unsere beiden international agierenden Unternehmen sollen in unserem Sinne weitergeführt werden und zwar von folgenden Personen:
John Baker (Real Oil Company)
Emily Adams (Denise Whitaker Filmproductions)
2. 25 Prozent der zukünftigen Jahresgewinne beider Unternehmen sollen je zur Hälfte an Brot für die Welt und an diverse Krebsforschungseinrichtungen gespendet werden.
In unserem gemeinsamen Testament hingegen vermachen wir all unseren Besitz unserer einzigen Tochter.
Unter Aufsicht von Frank Upton erklären wir, George und Denise Whitaker, deshalb Folgendes:
Ellen Naylor, geborene Whitaker, wird als Alleinerbin eingesetzt.“
„Was? Ich als Alleinerbin?“, gab ich sichtlich verblüfft von mir.
Natürlich war es nicht diese Tatsache, die mich hauptsächlich störte. Nein. Vielmehr war es die plötzliche Erkenntnis, dass ich eine geborene Whitaker bin. Dieses Detail hatten mir meine Adoptiveltern verschwiegen. Hätte ich das schon früher gewusst, wäre ich nicht so überrascht gewesen.
„Wieso auf einmal so überrascht?“, fragte mich Mr. Upton.
„Warum?“, gab ich von mir. „Weswegen sollte ich denn überrascht sein?“
„Na, offenbar freust du dich nicht besonders über dieses Testament“, antwortete er.
„Doch. Es ist nur so: Meine Eltern in London haben mir verschwiegen, dass ich eine geborene Whitaker bin. Ich wusste lediglich, dass sie mich adoptiert hatten“, erklärte ich ihm.
„Na, dann kannst du doch umso mehr erfreut sein“, entgegnete er mir. „Ich frage dich nun: Nimmst du dieses Erbe an oder schlägst du es aus?“
„Was umfasst das Erbe denn alles?“, fragte ich einfach mal so ins Blaue hinein.
„Das kann ich dir leider nicht sagen. Zuvor müsstest du mir deine Entscheidung mitteilen. Aber ich kann dir versichern: Eine Annahme lohnt sich“, antwortete er darauf.
„Aha. Dann nehme ich das Erbe hiermit an“, sagte ich mit entschlossener Stimme.
„Nun gut. Das Erbe, das du hiermit angenommen hast, umfasst: das Privatvermögen deiner leiblichen Eltern, George und Denise Whitaker, in Höhe von einer Milliarde US-Dollar sowie das Eigentum an folgenden Unternehmen: Real Oil Company und Denise Whitaker Filmproductions.“
Er nickte mir zu. „Glückwunsch!“
Nun galt es, noch ein paar Unterschriften auf diversen Papieren zu verteilen, die Mr. Upton aber, wie er mir verriet, erst aufsetzen musste. Er bat mich in zwei Tagen wiederzukommen. Also erhob ich mich aus dem Sessel und bedankte mich bei ihm.
„Warte“, er stand ebenfalls auf. „Ich begleite dich noch hinaus.“
Er ging mit mir aus dem Büro und durch den Flur bis zur Tür, die er für mich öffnete. Ich bedankte mich nochmals und lief die Treppen hinunter.
Es dauerte nicht lange, ehe mich ein mulmiges Gefühl überkam. Als Krankenschwester hatte ich schon des Öfteren von Testamentseröffnungen durch falsche Notare gehört. Speziell in diesem Fall schien mir die Vorgehensweise des Notars recht merkwürdig.
Aber jetzt war es eh zu spät für Spekulationen. Zudem hatte ich ja noch nichts unterschrieben.
Kaum war die Haustür der Belcher Road 14 hinter mir ins Schloss gefallen, waren jegliche Zweifel wie weg gefegt. Auf direktem Wege ging ich ins Hotel zurück.
In meinem Zimmer angekommen, setzte ich mich aufs Bett und schaute aus dem Fenster. In meinem Kopf begann ich mir auszumalen, was ich mit all dem vielen Geld anstellen wollte.
Aber das Erbe bestand ja nicht nur aus Geld. Es war noch eine ganze Schippe mehr. Zwei international agierende Unternehmen gehörten schließlich auch dazu. Was sollte ich denn damit anfangen?
Mit dem Geld hätte ich am wenigsten Probleme. Das krieg ich schon alle, dachte ich mir. Aber die beiden Unternehmen? Ich hatte doch keine Ahnung vom Geschäft. Schließlich war ich gelernte Krankenschwester und keine studierte Betriebswirtschafterin.
Aber da erinnerte ich mich an etwas: In dem Testament hieß es, die beiden Unternehmen sollten im Sinne meiner Eltern weitergeführt werden. Dafür war sogar je eine Person benannt.
Ich war neugierig auf die Real Oil Company meines Vaters, noch mehr auf das Filmproduktionsunternehmen meiner Mutter. Schon immer konnte ich mich für Filme begeistern. Also beschloss ich, den Standorten der beiden Unternehmen baldmöglichst einen Besuch abzustatten.
Am übernächsten Tag ging ich nochmals zu Mr. Upton.
Diesmal dauerte der Termin nur zehn Minuten. Ich war ja lediglich zum Unterschreiben da. Außerdem fragte ich ihn nach den Adressen der beiden Unternehmen.
Zuerst machte ich mich auf den Weg zur Firma meiner Mutter, die ihren Sitz in Los Angeles hatte. Ich ließ mir dort alles ganz genau erklären. Man gab mir sogar die Möglichkeit, bei laufenden Produktionen dabei zu sein, und ich muss sagen, es war ein Erlebnis.
Schließlich führte mich die Reise weiter nach Chicago, wo die Firma meines Vaters ansässig war. Auch hier ließ ich mir alles genau zeigen und erklären. Aber wie befürchtet, überforderte mich die recht komplexe Thematik. Also suchte ich die Person auf, die im Testament benannt war, und betraute sie mit der Leitung. Dasselbe hatte ich bereits bei dem Filmproduktionsunternehmen meiner Mutter getan. Nun, da ich beide Unternehmen in guten Händen wusste, hatte ich nur noch das viele Geld, worum ich mich kümmern musste. Also machte ich mich gleich daran, es auszugeben.
Da ich in meiner Ausbildung zur Krankenschwester sehr viel Leid und Schmerz gesehen hatte, spendete ich die Hälfte meines geerbten Vermögens an diverse Krankenhäuser und Hospize in England. Von der anderen Hälfte, welche immer noch eine immens hohe Summe war, kaufte ich mir ein wunderschönes und weitläufiges Grundstück nahe New York.
Da Omas Erzählung, wie so oft, sehr lange dauerten, hatte Rose inzwischen den Tisch abgedeckt und abgewaschen.
Nachdem dies erledigt war, setzte sie sich zu uns an den Tisch und hörte zu.
„Das Grundstück ist dir, mein lieber Adam, als Tripanosa bekannt“, fuhr Oma fort. „Aber so, wie es hier heute aussieht, sah es damals nicht aus“, erzählte sie.
„Nein. Wahrhaftig nicht!“, bestätigte Mutter. „Zudem hat es ziemlich lange gedauert, alles herzurichten. Es zog einen ganz schönen Berg Arbeit mit sich. Aber das ist eine Geschichte für unseren nächsten Besuch.“
„Ihr wollt doch nicht schon gehen?“, gab Oma beinahe empört von sich.
„Aber Oma! Wieso warst du so überrascht, als der Notar dir gesagt hat, dass du eine geborene Whitaker bist?“, fragte ich neugierig.
„Ach weißt du! Die Whitakers waren damals eine ziemlich berühmte Familie. Aus den Medien wusste ich, sie ist glamourös und sehr renommiert. Hätten meine Eltern mir damals in London gesagt, dass ich eine Whitaker bin, wäre ich bei dem Notar nicht so überrascht gewesen“, antwortete sie.
„Doch. Wir müssen morgen wieder früh raus. Dein Enkel geht schließlich noch zur Schule“, entgegnete meine Mutter.
Nachdem sie zu Ende gesprochen hatte, trank sie ihren letzten Schluck Kaffee aus und stand auf.
„Los jetzt!“, sagte sie in Richtung meines Vaters.
Nun legte dieser seine Zeitung beiseite und erhob sich vom Sessel. Ich war bereits hinaus auf den Korridor gegangen und zog mich an der Garderobe an. Als ich mir die Schuhe band, traten meine Eltern aus dem Wohnzimmer. Oma und Rose folgten ihnen. Es dauerte noch ein Weilchen, ehe ich mich von Oma und Rose verabschiedet hatte. Als dies endlich getan war, verließen wir die Villa. Hinter uns drückte Rose die Tür ins Schloss und wir durchquerten den Vorgarten.
Am Gartentor angekommen, drehte ich mich noch einmal um und winkte Oma zu, die, wie jedes Mal, aus dem Fenster sah und zurückwinkte.
Nach einem strengen und frostigen Winter hatte in New York und Umgebung endlich der Frühling begonnen. Die Vöglein zwitscherten fröhlich ihr Lied, und seit die wärmenden Sonnenstrahlen die ersten Frühblüher geweckt hatten, spielten auch die Kinder wieder auf den Straßen und in den Vorgärten der Häuser.
In einigen New Yorker Vorgärten sah es jedoch noch recht trostlos aus, so als wäre erst gestern der Schnee getaut. Dabei hatte es seit fast zwei Wochen nicht mehr geschneit. Vor der Villa meiner Oma aber, in der Hudson Bay Avenue 36, blühte schon ein blütenreiches Farbenmeer, das manch einen Vorübergehenden, staunen ließ.
Ich möchte sogar behaupten, dass zudem ein wenig Neid mitschwang. Nun ja, nicht jeder hat einen so prächtigen Vorgarten wie meine Oma. Wie alles im Leben, braucht es natürlich auch hierfür Zeit.
Im oberen Schlafzimmer der zweistöckigen Tripanosa klingelte Omas Wecker. Noch ganz dem Schlaf verfallen drückte sie ihn aus, drehte sich auf die andere Seite um und schlief weiter.
Fünf Minuten später klingelte der Wecker erneut, da sie aus Versehen die Schlummertaste erwischt hatte. Genervt vom lauten Klingeln, welches eigentlich ein ziemlich schrilles und nervtötendes Piepen war, drehte sie sich wieder um und schaltete ihn aus. Diesmal ganz. Der Wecker muss so laut piepen, da ihn meine Oma sonst nicht hört. Schließlich ist sie schwerhörig, weshalb sie auch beidseitig ein Hörgerät trägt. Sie sagte mir einmal, nachts stelle sie es ab, was ich auch bestätigen kann.
Als ich früher in den Ferien gelegentlich bei Oma übernachtete, konnte ich dieses hörnervtötende und dröhnende Piepen sogar im unteren Gästezimmer hören. Meine Oma lebte stets nach dem Motto „Der frühe Vogel fängt den Wurm“. Ich jedoch nicht, weshalb es für mich keine Freude war, wenn das Piepen ihres Weckers durch die Villa dröhnte und mich – gefühlt mitten in der Nacht – aus dem Schlaf riss. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass sie ihn immer auf dieselbe Zeit stellte, nämlich halbacht in der Früh.
Kaum hatte sie das schrille Piepen abgestellt, versuchte sie munter zu werden, was ihr allerdings nicht gleich gelang. Nach dreimaligem Gähnen rieb sie sich den Schlafsand aus den Augen, schlug die Decke um und stand auf. Sie ging zum Fenster, schob die Gardinen beiseite und öffnete es. Frische Frühlingsluft strömte ihr entgegen und sie atmet tief ein.
Wie jeden Morgen parkte Gary, der Postbote, seinen Transporter halb auf dem Gehweg vor der Villa. Er hatte es heute wieder sehr eilig. Mit einem Paket unterm Arm lief er schnellen Schrittes, fast schon rennend, durch den Vorgarten, ohne der wunderschönen Blumenvielfalt links und rechts besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Vor der großen, schwer wirkenden Eichentür blieb er stehen.
Hier muss ich schon wieder einhaken. Die Eingangstür der Tripanosa ähnelt beinahe der Pforte, eines altgedienten Jagdschlosses, in dem ein Baron residiert.
Ein schriller und lauter Ton schien die ganze Villa zu durchfahren. Wie jedes Mal, wenn er an dieser Tür klingelte, ließ dieser hässlich klingende Ton ihn zusammenzucken.
Einen Moment später öffnete sich die Tür und Rose trat heraus.
„Guten Morgen, Gary!“, sagte sie fröhlich. „Was bringst du denn heute?“
Ihre Stimme klang neugierig, obwohl sie ziemlich genau wusste, was sich in dem Paket befand.
„Guten Tag, Rose!“, entgegnete ihr Gary. „Och, das Übliche. Dann bräuchte ich hier nur noch eine Unterschrift.“
„Aber klar. Kriegst du“, erwiderte sie und griff nach dem Stift.
Danach legte Gary das Paket in Roses zuverlässige Hände. Mit den Worten „Auf Wiedersehen und einen schönen Tag dir noch!“ verabschiedete er sich.
„Danke, das wünsche ich dir auch!“, entgegnete Rose.
Gary eilte ebenso schnell, wie er gekommen war, zu seinem Transporter zurück und Rose ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.
Währenddessen schloss Ellen das Fenster, von dem aus sie die beiden beobachtet hatte.
Es war inzwischen ein offenes Geheimnis. Dank meiner Oma wusste fast jeder in der Nachbarschaft, auch die, die es nicht wissen wollten, dass Rose und Gary schon lange füreinander liebäugelten. Leider wagte keiner von beiden den ersten Schritt.
Jeden Tag wartete meine Oma nun darauf, dass sich einer von beiden traute. Nicht zuletzt deswegen, damit sie etwas Neues zu erzählen hätte. Das führte sogar dazu, dass sie Dinge bestellte, die sie gar nicht benötigte, nur um Rose und Gary die Möglichkeit zu geben, sich an der Türschwelle zu begegnen. Aber ihre Bemühungen waren vergebens. Es passierte nichts. Auch heute nicht.
„Langsam bin ich es leid, mir das ständig mit anzusehen“, hatte sie schon mal zu Rose gesagt.
„Dann schau doch weg!“, hatte Rose ihr geantwortet.
Aber damit ließ sich meine Oma nicht abspeisen. Das hätte Rose eigentlich wissen müssen, da sie sie schon länger kannte als ich. Dafür war die Neugierde meiner Oma einfach zu groß.
„Dann muss ich das eben selbst in die Hand nehmen!“, hatte Oma daraufhin zu Mutter gesagt, als sie bei uns zu Kaffee und Kuchen eingeladen war.
„Lass das! Es ist deren Sache. Misch dich da nicht ein. Das gibt bloß wieder Ärger“, entgegnete Mutter darauf.
Aber wie ich meine Oma kannte, ließ sie sich davon wenig beeindrucken.
Nachdem Oma das Fenster geschlossen hatte, ging sie ins Badezimmer und steht nun vor dem Spiegel.
In der Küche bereitete Rose das Frühstück vor.
