Die verschwiegene Schlucht - Alexander Blumtritt - E-Book

Die verschwiegene Schlucht E-Book

Alexander Blumtritt

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Beschreibung

Im Herz der österreichischen Alpen liegt der Nationalpark Hohe Tauern. Ein Biostudent aus Deutschland nutzt seine Semesterpause, um das Gebiet ausgiebig zu durchstreifen, doch er rutscht im Bergwald ab und stürzt in eine abgeschiedene Schlucht. Ein stummer, uralter Einsiedler nimmt den Schwerverletzten mit in seine Hütte und pflegt ihn mit fragwürdigen, aber hochwirksamen Salben und Suden gesund. Als der Wanderer schließlich aufbrechen will, um die Schlucht zu verlassen, stellt er fest, dass es keinen Ausweg gibt. So hat er keine andere Wahl, als bei dem Alten zu bleiben – und mit der Zeit wird ihm bewusst, dass dieser Ort ein noch viel seltsameres Geheimnis birgt.

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Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Alexander Blumtritt

Die verschwiegene Schlucht

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1

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5

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7

8

9

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Nachwort

Info zur Printausgabe

Impressum neobooks

1

Hier sitze ich nun auf einem Stein in der Sonne. Sie ist gerade eben über den Hängen erschienen und wird in wenigen Stunden schon wieder verschwunden sein. Auf meinem Schoß liegt mein Notizbuch, zur Hälfte vollgekritzelt mit Stichpunkten, Gedanken, halbgaren Theorien und merkwürdigen Skizzen. Es wird seine Zeit dauern, meine ganze Geschichte daraus zusammenzusetzen. Aber wenn ich eines habe, dann ist es Zeit. Und hoffentlich genügend freie Seiten.

Warum und für wen ich das hier schreibe, weiß ich nicht. Fürs Erste mach ich es wohl für mich – und vielleicht auch ein wenig für ihn.

Nach dem siebten Semester meines Biologiestudiums beschloss ich, einen Teil der vorlesungsfreien Zeit in den Bergen Österreichs zu verbringen. Ein Dreivierteljahr später würde ich voraussichtlich meinen Abschluss in der Tasche haben, und bevor ich mich in diese mühevolle letzte Phase stürzte, stand mir der Sinn nach etwas erholsamer Zerstreuung. Das gelang mir erfahrungsgemäß am besten auf ausgedehnten Wanderungen durch Wälder und Gebirge. So fuhr ich am 1. September 2019 mit der Eisenbahn in die beschauliche Gemeinde Krimml im Herzen der Hohen Tauern, einem Nationalpark, auf den ich schon vor längerer Zeit ein Auge geworfen hatte. Er galt nicht nur – das behauptete seine offizielle Homepage – als eine der großartigsten Gebirgslandschaften der Erde, sondern lockte noch dazu mein Biologenherz mit einer wunderbaren Artenvielfalt.

Ich plante eine klassische Hüttenwanderung über mindestens vier Wochen, um die Hohen Tauern wirklich ausgiebig erkunden zu können. Die genaue Route würde sich mehr oder weniger spontan ergeben. Meinen Rucksack entsprechend sinnvoll zu packen, war keine geringe Herausforderung, aber ich schaffte es, unter der Zehn-Kilo-Marke zu bleiben. Neben federleichter Kleidung für alle Wetterlagen, Hygieneartikeln und einer Karte der Hohen Tauern im Maßstab 1:75 000 hatte ich eine kleine Sammlung technischer Geräte dabei, ohne die ich nicht auszukommen glaubte; allem voran mein Smartphone und eine Powerbank. Wie auf jede meiner Wanderungen nahm ich meine kleine Digitalkamera mit, um die Gegend, ihre Bewohner und ab und zu auch mal mich selbst in heroischer Landschaft festzuhalten. Ein nagelneues Notizbuch war dabei, ein guter Tintenroller und ein paar Ersatzpatronen. Und außerdem befand sich Lesestoff in meinem Gepäck. Ich las gern und viel, konnte es mir aber nicht leisten, wertvollen Stauraum an ein dickes Buch zu verlieren. Deshalb hatte ich mir erst wenige Tage vor der Abreise einen kleinen E-Reader zugelegt. Eine hübsche Sammlung phantastischer Literatur war darauf gespeichert, denn die liebte ich. Dazu ein umfangreiches PDF-Archiv über die Alpen im Allgemeinen und die Tauern im Speziellen, gut und gern der Inhalt von zwanzig Büchern. Das Kronjuwel meiner digitalen Bücherei war jedoch ein zoologisches Nachschlagewerk von über 4000 Seiten, das den Anspruch erhob, jede Tiergattung zu beinhalten, die der Wissenschaft Anfang des 21. Jahrhunderts bekannt war. Und trotzdem kaufte ich mir in der Touristeninformation von Krimml noch ein kleines Bestimmungsbüchlein der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt, denn manchmal möchte man einfach blättern. Außerdem fehlten der digitalen Enzyklopädie leider die Bilder.

Krimml liegt malerisch eingebettet zwischen saftigen Wiesen und tiefgrün bewaldeten Bergen. Als ich das Örtchen auf der Suche nach meiner ersten Unterkunft durchquerte, war das Grün schon einem schummrigen Abendblau gewichen. Im Hintergrund sah ich die drei mächtigen Kaskaden der Krimmler Wasserfälle herabrauschen, die am Folgetag den Ausgangspunkt meiner Tour darstellen sollten. Am Ende einer Straße ganz am Rand der Gemeinde fand ich schließlich den urigen Gasthof, in dem ich die erste Nacht verbringen wollte.

Ich war der einzige Gast, und so kümmerte sich die alte Wirtin ganz besonders rührend um mich. Wenn ich auch vieles, was sie sagte, nur zur Hälfte verstand, so waren wir uns doch recht sympathisch. Ihr Name war Marianne. Sie setzte mir einen großen Teller Kasnocken vor die Nase und dazu gab es guten Hauswein, den sie mir einmal aufs Haus nachschenkte.

Als ich ihr sagte, dass ich volle vier Wochen durch die Tauern zu streifen gedachte, holte sie eine Karte aus der Stube. Ich sah auf den ersten Blick, dass man so eine Karte in keinem Geschäft kaufen konnte. Sie war von Meisterhand gezeichnet und unverkennbar alt. Sie deckte ein kleineres Gebiet ab als meine moderne Karte, dafür aber in einem entsprechend größeren Maßstab. Es sei eine Kopie, sagte Marianne – das Original sei vor über hundert Jahren in den Besitz ihres Großvaters gekommen. Wenn ich die Berge abseits der gängigen Touristenpfade kennenlernen wolle, könne ich sie mir gern ausleihen. Darauf seien nämlich etliche Wege vermerkt, die auf modernen Karten fehlten und die heute kaum ein Auswärtiger mehr kannte. Ich fand das Angebot ganz großartig, tendierte aber dazu, es abzulehnen, weil ich wusste, wie meine Karten nach ein paar Tagen im Gebirge meist schon aussahen. Die Wirtin jedoch bestand förmlich darauf und sagte, eine Karte wolle schließlich auch benutzt werden. Sie habe die Kopie auf wasserfestem Papier drucken lassen und das Original sei außerdem ja gut verwahrt. Ich dankte ihr sehr herzlich und versprach, sie zum Abschluss meiner Wanderung noch einmal zu besuchen.

Am nächsten Morgen marschierte ich los. Unter blitzblauem Himmel stieg ich beschwingt bergan und freute mich wie ein Kind darauf, die grünen Schluchten und Almen, die verschneiten Gipfel und die zahllosen Bäche und Seen dieser herrlichen Gegend in aller Ausführlichkeit zu erkunden. Ich hatte Zeit, so viel Zeit wie schon lange nicht mehr. Niemand hetzte mich oder erwartete etwas von mir. Bei der Planung meiner Tagesetappen orientierte ich mich mithilfe meiner modernen Karte an den nächsten erreichbaren Berghütten. Dort genoss ich Abend für Abend die wunderbare rustikale Küche der Hüttenwirte, setzte mich zum Alpenglühen noch einmal nach draußen, notierte die Erlebnisse des Tages, las dann meist noch ein, zwei Stunden und gab mich danach meiner wohligen Müdigkeit hin. Die Saison klang bereits aus, und oft waren außer mir höchstens zwei oder drei andere Wanderer zugegen. Unter den rauen Decken schlief ich wie ein König.

Die Landschaft und der natürliche Reichtum der Hohen Tauern beeindruckten mich sehr. Anfangs stopfte ich mir die Taschen noch voll mit den glasklaren Quarzen, die teils mitten auf den Wegen lagen, doch bald waren es so viele, dass ich mich auf die schönsten beschränkte. Ich bestieg schneebedeckte Berge von über 3000 Metern Höhe, folgte knorrigen Wurzelpfaden durch duftende Zirbenwälder und rastete an den Ufern hellblauer Gletscherseen. Hänge und Täler fand ich adernetzgleich von Bächen durchzogen. Hoch oben kreisten Steinadler und Bartgeier und hielten Ausschau nach den allgegenwärtigen Murmeltieren. Ich beobachtete die halsbrecherischen Sprünge der Gämsen an den Klippen und freute mich ungemein, als ich eines sehr frühen Morgens in der Ferne sogar eine Gruppe Steinböcke sah. Am Wegesrand wuchsen Enzian und Alpenrose, hin und wieder auch ein Edelweiß, und mir begegneten Eidechsen, Blindschleichen, Schlangen und einige schwarze Alpensalamander. Bestimmt ein Viertel meiner Zeit verbrachte ich auf den Knien oder dem Bauch, um Fotos all dieser Geschöpfe zu schießen. Mariannes Karte war Gold wert, denn sie führte mich immer wieder an einsame, stille Orte, die in keinem Wanderführer zu finden waren. Tagelang traf ich kaum eine Menschenseele. Die alten Wege waren manchmal gänzlich ans Gestrüpp verloren und oft nicht viel mehr als Wildwechsel, schwierig zu erkennen und noch schwieriger zu begehen, sodass ich nicht jedem folgen konnte. Doch die Genauigkeit der Karte war bemerkenswert. Und dennoch kam schließlich der Tag, an dem ich mich hoffnungslos verirrte.

2

Der September war fast vorüber, das angedachte Ende meiner Wanderung war nicht mehr fern, und ich weiß noch, dass sich die Sonne an diesem Tag hinter einer dichten, grauen Wolkendecke verbarg. Ich folgte einem undeutlichen Weg, der sich im Zickzack bergab durch einen urtümlichen Nadelwald voller Geröllbrocken und zottiger Bartflechten wand. Nach allem, was ich der alten Karte zu entnehmen glaubte, musste dieser Pfad in absehbarer Zeit auf einen richtigen Wanderweg stoßen, der mich zur nächsten Hütte führte. Das tat er aber nicht. Nach einer Weile ging es wieder ein Stück bergauf und dann in gleichbleibender Höhe kilometerweit voran. Bald war ich sehr verunsichert. Zeitweise verlor sich der Weg völlig im Unterholz und ich musste mich durch mannshohes Gestrüpp schlagen, bis ich ihn wiederfand. Ich unterdrückte meine Nervosität, vertraute auf mein Glück und beschleunigte meinen Schritt. In spätestens zwei Stunden würde es dämmern und kurz darauf stockdunkel sein. Mir stand absolut nicht der Sinn nach einer Nacht im Freien. Ich hatte nur einen dünnen Hüttenschlafsack dabei, der praktisch keine Wärme hielt. Nein, eine Nacht im Wald kam nicht in Frage! Ich dachte an Käsespätzle mit Speck, an Kaiserschmarrn und Topfenstrudel und an das Weißbier, das ich mir gönnen würde, wenn ich bald schon trocken und warm in der Hütte säße, und ging noch etwas schneller. Als sich der schmale Weg hangauf- und hangabwärts gabelte, klappte ich die alte Karte auf und versuchte, die Stelle zu finden, aber es gelang mir nicht. Langsam machte ich mir wirklich Sorgen. Ich zögerte einen Moment, dann ging ich bergab. Wege im Gebirge führten immer früher oder später in Täler, machte ich mir Mut, und in Tälern lebten immer Menschen mit warmen Stuben.

Eine Stunde Marsch verstrich ohne jedes Zeichen, das mir Hoffnung gegeben hätte. Gnadenlos schnell wurde es düster und kalt. Jenseits der Bäume links und rechts schienen die Hänge näher zu rücken, als bewegte ich mich auf einen Talschluss zu. Das passte so gar nicht zu meiner vermuteten ungefähren Position. Das Gelände wurde zusehends steiler und zwang mich bald dazu, mich an Pflanzen und Felsen festzuhalten, während ich angestrengt versuchte, den schmalen Pfad nicht zu verlieren. Ich wurde unkonzentriert und begann zu stolpern. Echte Verzweiflung keimte in mir auf. Als sich der Weg offenbar endgültig im unwegsamen Nichts verlor, fluchte ich laut, ließ mich gegen den Hang fallen und vergrub mein Gesicht in den Händen.

Ich dachte natürlich daran, meine Strecke einfach bis zum Hauptwanderweg zurückzuverfolgen. Doch selbst wenn es mir bei Dunkelheit gelänge, ihn wiederzufinden, würde ich auf diese Weise erst mitten in der Nacht bei der nächsten Hütte ankommen. Ich war viel zu erschöpft. Das Gewicht des Rucksacks lag schwer auf meinen Schultern, meine Beine schmerzten und mein Magen war ein einziges Loch. Also beschloss ich widerstrebend, einen halbwegs bequemen Platz für die Nacht zu suchen, dort etwas zu essen, mich dann so dick wie möglich einzupacken und – ob mit Schlaf oder ohne – bis zum nächsten Morgen auszuharren. Im Licht des neuen Tages würde ich den rechten Weg schon wiederfinden. Ich atmete tief durch, schaltete meine Stirnlampe ein und ging in die Richtung, aus der ich gekommen war.

Nach kaum fünfzig Metern sah ich aus dem Augenwinkel hangabwärts eine Regung zwischen den Bäumen. Ich richtete den Strahl der Lampe darauf und stellte fest, dass sich meine Situation noch weiter verschlechterte. Eine breite, fahle Wand aus Nebel kroch wabernd durch den Wald empor, so dicht und unheilvoll, wie ich es selten erlebt hatte. Sie verschluckte die Bäume und stieg zwischen ihnen in die Höhe wie ein lautloses Geisterheer. Der Nebel umfing mich. Ich sah nichts mehr um mich herum als den bläulich-weißen Kegel meiner Stirnlampe, der sich nach wenigen Metern unscharf verlor. Meine Lungen füllten sich mit kalter, feuchter Luft.

Ich taumelte weiter, denn ich musste doch zumindest einen Ort finden, der eben genug war, um mich hinlegen zu können. Doch ich konnte den Trampelpfad nicht mehr vom Waldboden unterscheiden. Zweige schlugen mir ins Gesicht, ich stolperte über Wurzeln und der Kopf wurde mir in meinem Missmut seltsam wüst und schwer. Dann glitten mir die Füße weg. Ich stürzte auf die Seite und rutschte den steilen Hang hinab, streifte Bäume, schrammte über Steine hinweg, suchte panisch nach Halt, fand keinen und wurde immer schneller. Ich überschlug mich wild, prallte hart gegen ein paar Stämme, rutschte hilflos weiter und schrie schließlich nur noch. Hektisch zuckte der Lichtkegel meiner Lampe umher. Mein Herzschlag setzte aus, als ich urplötzlich ins Leere fiel. Das war’s, dachte ich bloß. Nach einem Augenblick windiger Stille, der sich ins Endlose zu dehnen schien, schlug ich mit dem Rücken auf. Ich glaube, dass ich in diesem Moment das Bewusstsein verlor, doch ich muss noch ein Stück weitergepoltert sein.

Als sich der Vorhang zwischen mir und der Welt langsam wieder hob, war es, als verblasste ein leiser Traum zugunsten einer Welt der Schmerzen. Ich war nur zum Stillstand gekommen, weil ich mich praktisch um einen Baum gewickelt hatte.

Ich öffnete zaghaft die Augen und sah zuerst eine geisterhaft schöne Erscheinung, die zu begreifen mich einen Moment kostete. Der Nebel, der jetzt einige Meter über mir schwebte, schien von tief innen heraus bläulich-weiß zu glühen. Vage Bilder von kosmischen Staubwolken und schimmernden Tiefseequallen stiegen in mir auf, bis ich verstand, dass es meine Stirnlampe sein musste, die irgendwo am Abhang liegengeblieben war und nun ihren Strahl in die nebligen Baumkronen richtete. Der fahle Schein ließ mich ein Stück hangaufwärts die senkrechte Felswand erahnen, die ich herabgestürzt war. Zusammen mit den Nadelbäumen um mich herum verlor sie sich nach oben im Dunst und nach unten in der fast vollkommenen Dunkelheit, in der ich nun lag. Mir war furchtbar schwindlig. Ich spürte in meinen geschundenen Körper hinein. Ich war wohl von Schürfwunden, Prellungen und Blessuren übersät, doch durch meinen prall gefüllten Rucksack waren Kopf und Rücken fast unversehrt geblieben. Mein linkes Handgelenk quittierte jeden Bewegungsversuch mit einem bösen Stich, ließ sich aber rühren. Ich glaubte also, recht glimpflich davongekommen zu sein – bis ich versuchte, auf die Beine zu kommen. Sofort jaulte ich auf wie ein geprügelter Hund und blickte an mir herab. Selbst im schwachen Schein des erleuchteten Nebels war unübersehbar, dass mein rechter Fuß in einem äußerst ungesunden Winkel nach außen ragte. Ich sackte wieder auf den Rücken.

Für ein paar Minuten ließ ich Frust und Verzweiflung freien Lauf. Ich weinte und schrie, schimpfte über mich und die Welt und konnte mich nur schwer wieder beruhigen. Schließlich nahm ich alle Kraft zusammen, schluckte meine Tränen hinunter und setzte mich ein wenig auf. Um mich herum konnte ich fast nichts erkennen. Mir fiel ein, dass ich eine winzige Taschenlampe an meinem Schlüsselbund trug, welcher sicher verstaut in einem Innenfach meines Rucksacks lag. Es bereitete mir einige Mühe, heranzukommen. Zuerst beleuchtete ich meinen gebrochenen Knöchel. Vom Anblick und den Schmerzen wurde mir noch übler, als es mir durch den Absturz und die finsteren Gedanken ohnehin schon war. Dann entblößte ich vorsichtig mein linkes Handgelenk. Es pochte schmerzhaft, war geschwollen und offensichtlich verstaucht. Schließlich sah ich mir meine Umgebung an. Der Baum, der mich abgefangen hatte, war eine alte Lärche. Zwischen Artgenossen und Anverwandten entwuchs sie einem Hang, der fast ebenso steil war wie jener dort oben, der mich so ungnädig abgeworfen hatte. Allein ihr Stamm bewahrte mich davor, weiter talwärts zu rutschen.

Ich kramte mein Erste-Hilfe-Set hervor und schluckte eine gute Dosis Schmerzmittel. Der nächste Gedanke galt meinem Smartphone und der Chance, dass es hier ein Signal empfangen könnte. Ich zog es aus der Brusttasche meiner zerrissenen Jacke und stellte fest, dass es zertrümmert war und kein Lebenszeichen von sich gab. Entnervt verfluchte ich die fragile moderne Technik und mich selbst dafür, dass ich nicht mein unverwüstliches Handy aus den Neunzigern mitgenommen hatte. Mir blieb also nur ein einziger Weg, um Hilfe zu rufen: Ich öffnete den Mund und schrie. Ich schrie so lange, bis ich ganz heiser und erschöpft war. Irgendwann überkam mich ein unruhiger Schlummer, doch kaum war ich weggedämmert, da schien ich wieder abzustürzen. Ich schreckte auf und schrie einfach weiter in die Dunkelheit hinein, bis ich erneut nicht mehr konnte. So ging es wieder und wieder, über Stunden. Irgendwann war ich in einem völlig umnachteten Zustand – am Ende meiner Kräfte, todmüde und noch dazu benebelt von den Medikamenten, die ich mehrmals nachgeworfen hatte. Und so erscheint mir das, was im Folgenden geschah, fast nur wie die verschwommene Erinnerung an einen Traum.

Flackernde Bilder eines zerfurchten, ernsten Gesichtes direkt über meinem vermischten sich mit gutturalen Lauten und dem Eindruck, auf einer Art Trage bergab gezogen zu werden. Ich hatte kein Gefühl mehr für das Verstreichen der Zeit. Bald hörte ich das Brechen von Zweigen, bald das Rauschen von Wasser und schließlich das Knarren einer Tür. Dann war da der Geruch von Qualm und trockenem Holz. Jemand legte mich in ein Bett und gab mir einen hölzernen Krug mit einer warmen, würzigen Flüssigkeit, den ich in ein paar Zügen leerte. Dann fiel ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

3

Der nächste Abend musste schon angebrochen sein, als ich erwachte. Bis ich mich an meinen Absturz erinnerte, vergingen ein paar Minuten. Davon, wo ich mich jetzt befand, hatte ich allerdings keine Vorstellung. Ich lag in einem schmalen, grob gezimmerten Bett auf verfilzten Schaffellen. Der Raum war düster, verwinkelt und zwergenhaft, aber angenehm warm. Im Dämmerlicht, das durch die schmutzigen Fensterchen drang, erkannte ich ein paar Regale mit geschlossenen Holzgefäßen und Küchengeschirr. Da war ein gemauerter, offener Herd, über dem ein dampfender Kupferkessel hing. Von der Decke baumelten Bündel getrockneter Pflanzen. Die restliche Einrichtung verlor sich im Schatten. In annähernd jeder Ecke, die ich sehen konnte, klebte ein Spinnennetz. Ich war mit einer groben Wolldecke zugedeckt worden und fühlte mich dafür, dass ich mich gerade erst schwer verletzt hatte, verhältnismäßig gut. Jemand hatte mir Schuhe, Jacke und Hose ausgezogen, meine Wunden waren versorgt worden, mein Knöchel geschient und verbunden. Die Wirkung meiner Medikamente musste längst verflogen sein, aber die Schmerzen waren erstaunlich erträglich. Als ich mich rührte, trat eine Gestalt aus der düsteren Zimmerhälfte auf mich zu.

Im Licht einer aufflammenden Öllampe sah ich zum ersten Mal deutlich den Mann, der mich aus dem Wald geholt hatte. Er war fast zwei Köpfe kleiner als ich und unzweifelhaft sehr alt. Seine Haut war von tiefen Furchen durchzogen. Kein einziges Haar wuchs auf seinem Kopf, aber ein schneeweißer Bart hing ihm zottig und verknotet bis über die Brust und verlieh ihm ein verwahrlostes Aussehen. Die Augenbrauen waren ebenso buschig wie das Innere seiner Ohren. Noch dazu war er barfuß. Sein abgewetzter, dreckiger, grauer Pullover und seine dunkle Hose sahen etwas zu weit für ihn aus. In zwei Armlängen Abstand blieb er stehen und schaute mich aus stechend hellblauen Augen an. Diese Augen waren bemerkenswert. Irgendetwas an ihnen irritierte mich. Ich hatte beinahe das Gefühl, eher dem Blick eines intelligenten Tieres als dem eines Menschen zu begegnen, und ich las daraus eine Mischung aus Unsicherheit und Interesse. Von Alterstrübheit fehlte jede Spur. Das waren die wetterfesten Augen eines Mannes, der sein ganzes Leben in der Natur verbracht hatte. Einsame Augen. Neugierig, vielleicht skeptisch. Und irgendwie nicht ganz bei sich.

Mit ein paar Worten des Dankes brach ich das Schweigen. Ich stellte mich vor und erklärte, dass ich ein Wanderer aus Deutschland sei. Zur Antwort sperrte er seinen Mund weit auf und stieß einen undefinierten, kehligen Laut aus. Er hob die Öllampe vor sein Gesicht, deutete sich in den Rachen und schüttelte den Kopf. Zuerst fiel mein Blick auf seine Zähne. Vor allem im Unterkiefer fehlten einige, doch der verbliebene Rest war erstaunlich gut in Schuss. Dann erschrak ich etwas, weil ich erkannte, dass er keine Zunge hatte.

Als er mir half, mich im Bett aufzusetzen, roch ich an ihm Rauch, Holz, Erde, Harz und Schweiß. Er trug eine Schale mit warmer Gemüsesuppe vom Herd zu mir herüber. Da ich nur eine gesunde Hand hatte, hielt er die Schale für mich. Die Suppe tat unendlich gut. Als ich sie aufgegessen hatte, brachte er mir noch einen Krug Brennnesseltee. Dann blies er die Lampe aus und setzte sich – nur das Knarren verriet es mir – auf einen Stuhl im dunklen Teil des Raumes. Ich konnte spüren, dass er mich von da drüben ansah. Ich blickte dorthin, wo ich sein Gesicht wähnte, hielt aber nicht lange stand und starrte lieber in meinen Krug. Schlürfend saß ich im Bett und schwieg. Unbehagen. Eine ganze Zeit hörte ich nichts, nur ein gelegentliches, leises Ächzen des Stuhls. Irgendwann meinte ich zu hören, wie er sich auf dem Boden ausstreckte, und zehn Sekunden später schnarchte er leise.