Die vielen Leben des Harry August - Claire North - E-Book

Die vielen Leben des Harry August E-Book

Claire North

4,8
9,99 €

Beschreibung

MANCHMAL IST EIN LEBEN NICHT GENUG, UM DIE WELT ZU RETTEN! Harry August stirbt. Mal wieder. Es ist das elfte Mal, dass Harrys Leben ein Ende findet. Und er weiß genau, wie es weitergehen wird: Er wird erneut im Jahr 1919 geboren werden - mit all dem Wissen seiner vorherigen Leben. Harry hat akzeptiert, dass er in dieser Zeitschleife festhängt, auch wenn er nicht weiß, wieso. Doch dann steht plötzlich ein junges Mädchen an seinem Sterbebett und überbringt ihm eine erschütternde Botschaft: Der Untergang der Welt steht bevor! Und das auslösende Ereignis findet vermutlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt. Harry, der bald wieder im Jahr 1919 sein wird, muss nun nicht weniger tun, als diese Zukunft zu verhindern ... "Meisterhaft erzählt - ein bemerkenswertes Buch!" Booklist

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 615




Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorEinleitungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Kapitel 45Kapitel 46Kapitel 47Kapitel 48Kapitel 49Kapitel 50Kapitel 51Kapitel 52Kapitel 53Kapitel 54Kapitel 55Kapitel 56Kapitel 57Kapitel 58Kapitel 59Kapitel 60Kapitel 61Kapitel 62Kapitel 63Kapitel 64Kapitel 65Kapitel 66Kapitel 67Kapitel 68Kapitel 69Kapitel 70Kapitel 71Kapitel 72Kapitel 73Kapitel 74Kapitel 75Kapitel 76Kapitel 77Kapitel 78Kapitel 79Kapitel 80Kapitel 81Kapitel 82

Über dieses Buch

Es ist das elfte Mal, dass Harrys Leben ein Ende findet. Und er weiß genau, wie es weitergehen wird: Er wird erneut im Jahr 1919 geboren werden – mit all dem Wissen seiner vorherigen Leben. Harry hat akzeptiert, dass er in dieser Zeitschleife festhängt, auch wenn er nicht weiß, wieso. Doch dann steht plötzlich ein junges Mädchen an seinem Sterbebett und überbringt ihm eine erschütternde Botschaft: Der Untergang der Welt steht bevor! Und das auslösende Ereignis findet vermutlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt. Harry, der bald wieder im Jahr 1919 sein wird, muss nun nicht weniger tun, als diese Zukunft zu verhindern ...

Über den Autor

Claire North, geboren 1986, ist das Pseudonym der britischen Autorin Catherine Webb, die bereits mit 14 Jahren entdeckt wurde. Seitdem hat sie diverse Fantasy-Romane geschrieben

und wird unter anderem mit großen Erzählern wie Philip Pullman verglichen. DIE VIELEN LEBEN DES HARRY AUGUST gilt als ihr Meisterwerk und wurde von Presse und Autorenkollegen hochgelobt. Der Roman stand auf der Shortlist des renommierten Arthur C. Clarke Awards und gewann den John W. Campbell Memorial Award als bester SF-Roman 2015.

CLAIRE NORTH

DIE VIELEN LEBEN DES HARRY AUGUST

ROMAN

ÜBERSETZUNG AUS DEM ENGLISCHENVON EVA BAUCHE-EPPERTS

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Titel der englischen Originalausgabe:

»The First Fifteen Lives of Harry August«

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2014 by Claire North

First published in Great Britain in 2014 by

Orbit, an imprint of Little, Brown Book Group

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Hanka Jobke, Berlin

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

Einband-/Umschlagmotiv: Anke Koopmann, Guter Punkt unter Verwendung eines Motivs von © istockphoto/AndersonAnderson

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-1308-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Einleitung

Dies schreibe ich für dich.

Mein Feind.

Mein Freund.

Du weißt es bereits, du musst es wissen.

Du hast verloren.

Kapitel 1

Der zweite Kataklysmus nahm seinen Anfang in meinem elften Leben, man schrieb das Jahr 1996. Ich starb meinen gewöhnlichen Tod, ein sanftes Verdämmern in warmen Morphiumschwaden, das sie unterbrach wie ein eiskalter Wasserguss.

Sie war sieben, ich war achtundsiebzig. Sie trug das glatte, blonde Haar zu einem langen Zopf geflochten, mein Haar war schlohweiß und nur mehr spärlich vorhanden. Ich trug einen Krankenhauskittel, dies Musterbeispiel steriler Zweckmäßigkeit, sie eine Schuluniform, leuchtend blau, und eine Filzkappe. Sie saß auf der Bettkante, ließ die Beine baumeln und schaute mir prüfend in die Augen, dann auf den Monitor, der meinen Herzschlag aufzeichnete. Sie bemerkte, dass ich die Alarmfunktion abgeschaltet hatte, fühlte mir den Puls und sagte: »Beinahe hätte ich Sie verpasst, Dr. August.«

Sie sprach Deutsch mit unüberhörbar berlinischem Zungenschlag, doch hätte sie ebenso geläufig in jeder anderen Sprache der Welt mit mir reden können. Sie kratzte sich an der linken Wade, wo die weißen Kniestrümpfe, nass vom Regen draußen, wohl zu jucken anfingen, und dabei sagte sie: »Ich muss eine Nachricht durch die Zeit in die Vergangenheit schicken. Sofern Zeit hier Bedeutung hat. Es trifft sich gut, dass Sie im Sterben liegen, da könnten Sie mir den Gefallen tun, sie den Clubs am Beginn Ihrer Zeit zu überbringen, so wie sie mir überbracht wurde.«

Ich versuchte zu antworten, aber die Worte verstolperten sich auf meiner Zunge, und ich schwieg.

»Der Untergang der Welt steht bevor«, fuhr sie fort. »Aus einer Zukunft tausend Jahre vor unserer Zeit wurde die Botschaft über Generationen hinweg an uns weitergereicht, von Jung an Alt, Jung an Alt. Der Untergang der Welt steht bevor, und wir können ihn nicht verhindern. Nun kommt es auf Sie an.«

Ich stellte fest, dass Thai als einzige Sprache in einigermaßen verständlicher Form über meine Lippen wollte, und das einzige Wort, das ich herausbrachte war: Warum?

Nicht, warum wird die Welt untergehen, sondern:

Warum ist es von Interesse?

Sie lächelte und verstand, was ich meinte, ohne dass ich es erklären musste. Sie beugte sich hinab und flüsterte mir ins Ohr: »Die Welt wird enden, wie es unumgänglich ist. Doch naht dieses Ende allzu schnell.«

Und das war der Anfang vom Ende.

Kapitel 2

Doch ab ovo, wie der Lateiner sagt.

Der Club, der Kataklysmus, mein elftes Leben und die folgenden Tode – keiner friedlich –, das alles scheint sinnlos wie ein ungerechtfertigtes Strafgericht, jäh und wahllos wie der Blitz aus heiterem Himmel, bis man versteht, wo alles begann.

Ich heiße Harry August.

Mein Vater ist Rory Edmond Hulne, meine Mutter Elizabeth (Lisa) Leadmill, obwohl ich davon nichts wusste, bis zu meinem, nun ja, bis zu meinem dritten Leben.

Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass mein Vater meine Mutter vergewaltigt hat oder nicht. Die Justiz hätte einige Schwierigkeiten, in diesem Fall zu einem eindeutigen Urteil zu gelangen; ein kluger Anwalt könnte das Gericht leicht von dem einen wie dem anderen Sachverhalt überzeugen. Man sagte mir, sie hätte nicht geschrien, keinen Widerstand geleistet, nicht einmal Nein gesagt, als er in der Nacht meiner Empfängnis zu ihr in die Küche kam und sich in fünfundzwanzig Minuten unrühmlicher Leidenschaft – denn Zorn und Eifersucht und Wut sind ebenfalls Spielarten der Leidenschaft – an ihrem Körper schadlos hielt für die Untreue seiner Gattin.

So gesehen wurde meine Mutter nicht gezwungen, andererseits, als ein Mädchen von kaum zwanzig Jahren, das in meines Vaters Haus lebte und arbeitete und für die vorhersehbare Zukunft von seinem Geld und dem Wohlwollen seiner Familie abhängig war, hatte sie nach meiner Meinung keine Möglichkeit, sich zu wehren und war von den Umständen ebenso zum Stillhalten genötigt wie von einem Messer an der Kehle.

Zu der Zeit, als meiner Mutter Schwangerschaft sichtbar zu werden begann, befand mein Vater sich wieder im aktiven Dienst in Frankreich, wo er den Rest des Ersten Weltkriegs als weitgehend unauffälliger Major der Schottischen Garde verbrachte. In einem Konflikt, in dem an einem einzigen Tag ganze Regimenter ausgelöscht werden konnten, war unauffällig eine erstrebenswerte Eigenschaft.

An seiner statt ließ es meine Großmutter väterlicherseits, Constance Hulne, sich angelegen sein, meine Mutter im Herbst 1918 aus dem Haus zu jagen, ohne Empfehlungsschreiben und ohne den restlichen Lohn. Der Mann, der später mein Ziehvater werden sollte – und des ungeachtet mir mit größerer Liebe und Fürsorge zugetan als meine leibliche Verwandtschaft –, nahm meine Mutter hinten auf seinem Pferdekarren mit zum Markt und setzte sie dort ab, mit ein paar Groschen in der Börse und dem Rat, bei anderen ins Unglück geratenen Damen der Gegend Hilfe zu suchen.

Ein Vetter, Alistair, der mit meiner Mutter nur ein Achtel ihres Erbguts gemein hatte, doch dessen Reichtum den Mangel an familiären Bindungen mehr als wettmachte, gab ihr Arbeit in seiner Papiermühle in Edinburgh. Als ihr Bauch wuchs und sie immer weniger in der Lage war, ihren Pflichten nachzukommen, wurde sie von einem Angestellten, der etwa drei Stufen unter der verantwortlichen Partei rangierte, still und heimlich abgeschoben. In ihrer Not schrieb sie an den Urheber ihres Unglücks, aber der Brief wurde von meiner gewieften Großmutter abgefangen und vernichtet, weshalb die flehentlichen Zeilen meiner Mutter ihn nie erreichten.

So kaufte sie am Neujahrsabend 1918 mit ihren letzten Pfennigen ein Billet für den Bummelzug von Edinburgh Waverley nach Newcastle, und ungefähr zehn Meilen nördlich von Berwick-upon-Tweed setzten die Wehen ein.

Ein Gewerkschaftler mit Namen Douglas Crannich und seine Frau Prudence waren die einzigen Zeugen meiner Geburt im Waschraum der Damentoilette des Bahnhofs. Man hat mir berichtet, dass der Bahnhofsvorsteher draußen vor der Tür Posten bezogen hatte. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt und die beschneite Schirmmütze tief in die Stirn gezogen – was dem Träger meines Erachtens ein besonders finsteres und bedrohliches Aussehen verlieh – wachte er darüber, dass keine unschuldige Frau nichtsahnend den Ort des Geschehens betrat.

So spät am Abend und des Festtags wegen waren im Krankenhaus keine Ärzte anwesend, und der Sanitäter kam erst nach mehr als drei Stunden und kam vergebens. Bei seinem Eintreffen war das Blut auf dem Fliesenboden längst erstarrt, und Prudence Crannich hielt mich in den Armen. Meine Mutter war tot. Ich weiß nur, was Douglas Crannich mir von den Umständen ihres Todes berichtet hat. Demnach starb sie an Blutverlust und liegt in einem Grab mit der Inschrift: Lisa, gest. 1. Januar 1919 – Mögen Engel sie ins Licht geleiten. Erst als der Bestatter sie fragte, was denn auf dem Stein stehen solle, kam Mrs. Crannich zu Bewusstsein, dass sie nie den vollen Namen meiner Mutter erfahren hatte.

Man diskutierte, was mit mir geschehen solle, diesem plötzlich mutterlosen Säugling. Ich glaube, Mrs. Crannich war nicht übel versucht, mich zu behalten, jedoch finanzielle und praktische Erwägungen sprachen dagegen, wie auch Douglas Crannichs feste und buchstäbliche Auslegung der Gesetze und sein persönliches Verständnis von dem, was sich gehörte. Das Kind habe einen Vater, rief er aus, und dieser Vater habe ein Recht auf sein Kind. Der Einwurf wäre müßig gewesen, hätte meine Mutter nicht die Adresse meines späteren Ziehvaters bei sich gehabt, Patrick August, vermutlich in der Absicht, ihn zu bitten, ein Gespräch mit meinem leiblichen Vater, Rory Hulne, zu arrangieren.

Man forschte nach, ob dieser Mann, Patrick, mein Vater sein könnte, was im Dorf großes Aufsehen erregte, war Patrick doch seit vielen Jahren, und zwar kinderlos, mit meiner Ziehmutter Harriet August verheiratet, und eine unfruchtbare Ehe in einem abgelegenen Dorf, wo bis in die Siebzigerjahre Kondome als Tabu galten, sorgte immer für willkommenen Gesprächsstoff.

Die Sache war dermaßen schockierend, dass Kunde davon sehr schnell auch das Herrenhaus erreichte: Hulne Hall, Wohnsitz meiner Großmutter Constance, meiner beiden Tanten Victoria und Alexandra, meines Vetters Clement und von Lydia, der unglücklichen Ehefrau meines Vaters.

Ich möchte behaupten, meine Großmutter ahnte augenblicklich, wessen Spross ich war und was sich zugetragen hatte, dachte aber nicht daran, Verantwortung für mich zu übernehmen. Alexandra war es, die jüngere Tante, die eine Geistesgegenwart und Menschlichkeit an den Tag legte, deren es dem Rest ihrer Sippe ermangelte. Überzeugt, dass man ziemlich schnell mit dem Finger auf ihre Familie zeigen würde, wenn erst die Identität meiner Mutter geklärt war, unterbreitete sie den Eheleuten August folgendes Angebot: Wenn sie sich bereitfänden, den Säugling aufzunehmen und großzuziehen, ausgestattet mit Brief und Siegel von der Hulne-Familie, dass es sich um ein Findelkind handle, um allen Gerüchten über einen Seitensprung den Nährboden zu entziehen – denn in weitem Umkreis hatte niemandes Wort mehr Gewicht als das eines Hulne –, dann, ja dann werde sie ihnen monatlich eine Summe Geldes zukommen lassen, für ihre Mühe und zum Unterhalt des Kindes, und, wenn der Junge herangewachsen war, seine Zukunft in angemessener Weise sichern – nichts Extravagantes, wohlgemerkt –, sodass ich versorgt wäre und ein allemal besseres Leben hätte als das elende Dasein eines verstoßenen Bastards.

Patrick und Harriet erwogen eine Weile das Für und Wider, und dann willigten sie ein. Ich wuchs als ihr Sohn auf, als Harry August, und erst in meinem zweiten Leben dämmerte mir, woher ich kam und was ich war.

Kapitel 3

Man sagt, es gäbe drei Phasen im Dasein derer von uns, die wir unser Leben in Wiederholung leben, als da wären Verneinung, Erkundung und Akzeptanz.

Nun sind Kategorien allgemein mit Vorsicht zu genießen, und auch in diesem Fall verbergen sich in den bequemen Schubladen etliche Variationen der bezeichneten Sache. Verneinung zum Beispiel kann sich manifestieren als Neigung zum Selbstmord, Verzweiflung, Wahnsinn, Hysterie, Isolation und Autoaggression. Ich, wie nahezu alle Kalachakra, habe die meisten davon in irgendeinem Stadium meiner früheren Existenzen durchlebt, und die Erinnerung daran bleibt mir erhalten, überdauert wie ein in die Magenschleimhaut eingenistetes Bakterium.

In meinem persönlichen Fall verlief der Übergang zur Akzeptanz nicht besonders dramatisch.

Mein erstes Leben war wenig bemerkenswert. Wie alle jungen Männer wurde ich zum Militärdienst eingezogen und erfüllte im Zweiten Weltkrieg als Infanterist meine vaterländische Pflicht, ohne mich besonders hervorzutun. So unbedeutend wie mein Beitrag zum Kriegsgeschehen waren auch die Jahre nach Friedensschluss. Ich kehrte nach Hulne House zurück und übernahm die Stelle als Gärtner und Aufseher der Grünanlagen, die Patrick innegehabt hatte. Wie mein Ziehvater fühlte ich mich der Natur verbunden, ich liebte den Geruch der Erde nach dem Regen und das plötzliche Zischen in der Luft, wenn der Besenginster all seine Samen gleichzeitig in den Himmel schleuderte. Falls ich mich in irgendeiner Weise vom Rest der Menschheit abgeschnitten fühlte, dann nur auf die Art, wie ein Einzelkind das Fehlen eines Geschwisterkinds empfindet. Eine Ahnung von Einsamkeit, ohne die entsprechende Erfahrung, aus welcher der Schmerz erwächst.

Als Patrick starb, wurde ich offiziell sein Nachfolger, obwohl zu diesem Zeitpunkt vom Reichtum der Hulnes kaum noch etwas vorhanden war, eine Folge von Verschwendungssucht und Trägheit. Im Jahr 1964 wurde der Besitz vom National Trust erworben, inklusive meiner Person, und den Rest meines Arbeitslebens führte ich Wanderer durch die zugewachsenen Moore, die das Haus umgaben, und schaute zu, wie die Mauern des Herrenhauses allmählich tiefer in die mit Feuchtigkeit gesättigte, schwarze Erde einsanken.

Ich starb 1989, als in Berlin die Mauer fiel, allein in einem Krankenhaus in Newcastle, ein Rentner, geschieden, ohne Kinder, der sogar auf dem Sterbebett noch glaubte, der Sohn der längst dahingegangenen Eheleute August zu sein, und zu guter Letzt der Krankheit erlag, die das Verhängnis meiner sämtlichen Leben war: Multiples Myelom, ein Krebs, der sich vom Knochenmark ausgehend im ganzen Körper ausbreitet, bis dieser einfach aufhört zu funktionieren.

Die Feststellung, am selben Ort wiedergeboren zu werden, an dem ich zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt hatte – im Waschraum der Damentoilette des Bahnhofs Berwick-upon-Tweed, am ersten Tag des Jahres 1919 –, ausgestattet mit sämtlichen Erinnerungen an das vorhergegangene Leben, stürzte mich in den zu erwartenden geistigen und seelischen Ausnahmezustand. Als die Erinnerungen des erwachsenen Harry August nach und nach in meinem kindlichen Gehirn erwachten, ergriff mich zuerst Verwirrung, dann Wut, darauf folgte Verzweiflung, dann Schreikrämpfe, Tobsuchtsanfälle und schließlich, sieben Jahre alt, kam ich in St. Margots Heim für die Unglücklichen – zu Recht, wie ich allen Ernstes glaubte –, und sechs Monate nach meiner Einweisung gelang es mir, mich aus einem Fenster im dritten Stock zu stürzen.

Rückblickend begreife ich, dass drei Stockwerke in der Regel nicht hoch genug sind, um den gewünschten raschen und verhältnismäßig schmerzlosen Tod zu garantieren. Leicht hätte ich mir jeden einzelnen Knochen in der unteren Körperhälfte brechen können, die Verstandeskraft jedoch wäre mir erhalten geblieben. Wie es sich aber fügte, landete ich auf dem Kopf, und das war’s.

Kapitel 4

Es gibt diesen magischen Augenblick, wenn das Moor zum Leben erwacht. Ich wünschte, du könntest ihn sehen, aber irgendwie, auf jedem unserer gemeinsamen Streifzüge durch die Natur, haben wir diese wenigen kostbaren Stunden der Offenbarung verpasst. Stattdessen war der Himmel schiefergrau wie der Stein unter unseren Füßen, oder Dürre verwandelte die Gegend in eine staubbraune Dornensteppe, und einmal schneite es so heftig, dass die Küchentür sich nicht mehr öffnen ließ, und ich musste aus dem Fenster klettern, um uns einen Pfad in die Freiheit zu schaufeln. Bei einer Wanderung, 1949, regnete es, wenn ich mich recht erinnere, fünf Tage lang ununterbrochen. Du hast das Moor nie in diesen wenigen, kurzen Stunden nach dem Regen gesehen, wenn alles purpurn und gelb ist und nach schwarzer, fruchtbarer Erde riecht.

Schon ganz zu Beginn unserer Freundschaft hast du trotz meiner im Lauf vieler Leben erworbenen Attitüden und Manierismen vermutet, dass ich aus dem Norden Englands stamme, und natürlich war diese Vermutung vollkommen richtig. Wegen meines Ziehvaters, Patrick August, werde ich mir dieser Tatsache immer bewusst sein. Er war der einzige Gärtner auf dem Gelände von Hulne Hall, und das sein ganzes Leben lang, so wie vor ihm sein Vater und dessen Vater, bis zurück in das Jahr 1834, als die neureichen Hulnes das Land kauften, um dort ihr Ideal vom Leben der oberen Zehntausend zu verwirklichen. Sie pflanzten Bäume, legten im Moor Wege an, errichteten pseudohistorische Türmchen und Torbogen ohne Sinn und Zweck, die, als ich geboren wurde, seit Langem schon moosbewachsenem Verfall anheimgegeben waren. Dem struppigen Buschland rings um das Anwesen, mit seinen aus erdigem Fleisch ragenden Steinzähnen, schenkten sie keine Beachtung. Zu Zeiten früherer, mit mehr Unternehmungsgeist ausgestatteter Generationen der Familie weideten dort Schafe, aber die wirtschaftlichen Bedingungen des 20. Jahrhunderts hatten dem Vermögen der Hulnes nahezu den Garaus gemacht, und jetzt war das Land, obwohl noch in ihrem Besitz, sich selbst überlassen und wild – der perfekte Tummelplatz für einen Knaben, um dort herumzustromern, während die Eltern ihrer Arbeit nachgingen.

Eigenartigerweise fand ich, als ich meine Kindheit zum zweiten Mal durchlebte, meine Abenteuerlust stark gemindert. Höhlen und Klippen, die ich in meinem ersten Leben erforscht und erklettert hatte, erschienen meinem gesetzteren, älteren Verstand plötzlich gefährlich. Man könnte sagen, ich trug meinen kindlichen Körper wie eine alte Frau den knappen Bikini, den eine liebe, jedoch nicht mehr ganz zurechnungsfähige Freundin ihr geschenkt hat.

Nachdem der Versuch, meinem wiederholten Leben durch Selbstmord ein Ende zu setzen, gescheitert war, beschloss ich nach meiner zweiten Wiedergeburt, mich auf die nach aller Voraussicht schwierige und langwierige Suche nach Antworten zu machen. Nach meinem Dafürhalten ist es eine kleine Gnade, dass die Erinnerungen uns nicht auf einmal überfallen, sondern erst nach und nach im Lauf unserer Kindheit aus dem Dunkel steigen. So nahte die Erkenntnis, dass ich mich in meiner vorigen Existenz in den Tod gestürzt hatte, wie ein langsam stärker werdender, kalter Hauch, und das letztliche Begreifen verursachte keinen Schock, sondern ich nahm es philosophisch – als einen Versuch, der fehlgeschlagen war.

Mein erstes Leben, wenn auch ohne Plan und sonderlichen Ehrgeiz gelebt, war einigermaßen glücklich gewesen, falls Unwissenheit Unschuld ist und Alleinsein ein empfehlenswertes Mittel, um Schmerz zu vermeiden. Doch mein neues Leben, mit dem Wissen um all das, was gewesen war, konnte nicht mehr einfach in den Tag hineingelebt werden. Nicht nur, weil die Zukunft bereits zwei Mal Vergangenheit für mich war und darum bekannt, sondern dazu kam ein geschärfter Blick auf die Wahrheiten um mich herum; Wahrheiten, von denen ich als Kind in meinem ersten Leben nicht geahnt hatte, dass es Lügen sein könnten. Jetzt wieder ein Knabe, dem aber wenigstens vorübergehend alle geistigen Fähigkeiten des erwachsenen Mannes zu Gebote standen, wusste ich das zu deuten, was man viel zu oft ungeniert in Anwesenheit von Kindern ausspricht, in der Annahme, sie verstünden es nicht. Ich glaube, dass mein Ziehvater und meine Ziehmutter mich mit der Zeit in ihr Herz schlossen – sie viel früher als er –, aber für Patrick August war ich niemals Fleisch von seinem Fleisch, bis meine Ziehmutter starb.

Tatsächlich existiert eine medizinische Studie zu diesem Phänomen, doch stirbt meine Ziehmutter nie genau an demselben Tag in jedem ihrer Leben. Die Todesursache – wenn nicht äußere, gewaltsame Ereignisse wie Unfälle der Krankheit zuvorkommen – ist immer dieselbe: Um meinen sechsten Geburtstag herum fängt sie an zu husten, und ein Jahr später spuckt sie Blut. Meine Eltern können sich nicht leisten, medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen, aber meine Tante Alexandra ermöglicht es schließlich, dass meine Mutter nach Newcastle ins Krankenhaus geht, um dort die Diagnose Lungenkrebs zu erhalten. (Nach meiner Vermutung handelt es sich um ein kleinzelliges Bronchialkarzinom hauptsächlich des linken Lungenflügels; heutzutage behandelbar, damals jedoch existierte in der medizinischen Forschung nicht einmal die Vision einer solchen Therapie.) Tabak und Laudanum werden verordnet, und bald darauf, 1927, kommt das Ende. Nach ihrem Tod verfällt mein Vater in ein andauerndes Schweigen und wandert durch die Hügel, bleibt manchmal viele Tage verschwunden. Ich komme gut allein zurecht, und mittlerweile, in Kenntnis der Ereignisse, horte ich Vorräte, damit ich während seiner langen Abwesenheiten keine Not leiden muss. Nach Hause zurückgekehrt, bleibt er stumm und unnahbar, und wenn er meine kindlichen Annäherungsversuche nicht barsch zurückweist, dann hauptsächlich deshalb, weil er mich überhaupt nicht zur Kenntnis nimmt.

In meinem ersten Leben konnte ich seinen Kummer nicht begreifen, erst recht nicht in der Art, wie er sich äußerte, denn ich selbst trauerte mit der blinden Sprachlosigkeit eines Kindes, das Trost brauchte, ihn aber beim Vater nicht fand. In meinem zweiten Leben starb meine Mutter während meiner Zeit in St. Margots, und in das eigene Elend versunken drang ihr Tod nicht in mein Bewusstsein, doch in meiner nächsten Reinkarnation sah ich ihn aus weiter Ferne auf mich zukommen wie ein auf die Schienen gefesselter Mann den Zug, der ihn überrollen wird, und die Erwartung des Ereignisses war fast schlimmer als das Ereignis selbst. Ich wusste, was bevorstand, und als der Moment kam, war es eine Erleichterung, ein Ende der Angst und folglich weniger verstörend.

In diesem dritten Leben wurde das Siechtum meiner Mutter zum Mittelpunkt all meines Denkens und Handelns. Es zu verhindern oder wenigstens zu erleichtern war meine vornehmste Sorge. Ich wusste mir meine eigene Situation nicht zu erklären – außer vielleicht damit, dass ich unwissentlich den Zorn irgendeiner alttestamentarischen Gottheit auf mich gezogen hatte. Daher glaubte ich aufrichtig, durch barmherzige Werke oder indem ich mich nach Kräften bemühte, die entscheidenden Ereignisse in meinem Leben zu beeinflussen, könnte es mir gelingen, diesen Kreislauf von Tod-Geburt-Tod, in dem ich scheinbar gefangen war, zu durchbrechen. Ich war mir keiner Missetaten bewusst, die der Sühne bedurften, und auch sonst gab es in meinem Leben keine größeren Verfehlungen, die ich gutmachen konnte, deshalb erwählte ich Harriets Wohlergehen zu meiner ersten und offensichtlichen Mission und widmete mich dieser Aufgabe mit aller Kraft meines fünfjährigen (nach anderer Rechnung siebenundneunzigjährigen) Verstandes.

Diese hingebungsvolle Ausübung der Kindespflicht wird nicht dadurch geschmälert, dass sie mir auch den Vorwand lieferte, mich vor dem ungeliebten Schulbesuch zu drücken, und mein Vater war zu geistesabwesend, um zu bemerken, was ich tat. Statt das Abc auf die Tafel zu malen, verrichtete ich Handreichungen in und um das Haus und erfuhr, was ich nie gewusst hatte: wie meine Mutter lebte, wenn mein Vater nicht da war. Ich denke, man könnte es als Möglichkeit sehen, als Erwachsener die Frau kennenzulernen, die ich als Kind nur kurze Zeit gekannt hatte. In dieser Eigenschaft kam mir zum ersten Mal der Verdacht, dass ich nicht meines Vaters Sohn war.

Die gesamte Hulne-Familie erschien zur Beerdigung meiner Ziehmutter, als sie in diesem meinem dritten Leben gestorben war. Ich stand neben meinem Vater, ein Knabe von sieben Jahren in einem geliehenen schwarzen Anzug, der Clemens Hulne gehörte, meinem drei Jahre älteren Vetter, der in meinem vorherigen Leben Spaß daran gehabt hatte, mich zu piesacken, wenn ihm ab und zu einfiel, dass es mich gab.

Constance Hulne, schwer auf einen Stock mit einem Knauf in Form eines Elefantenkopfes gestützt, sagte ein paar Worte über Harriets Pflichtbewusstsein, Tüchtigkeit und die Familie, die sie zurückließ. Alexandra ermahnte mich, tapfer zu sein; Victoria beugte sich nieder und kniff mir in die Wange. Ich widerstand dem kindischen Drang, in die schwarz behandschuhten Finger zu beißen, die sich an meinem Gesicht vergriffen hatten. Rory Hulne sagte nichts, starrte mich nur an. Das hatte er auch getan, als ich zum ersten Mal hier stand, in geliehenem Anzug, am Grab meiner Mutter, aber ich, überwältigt von einer Trauer, die keinen Ausdruck finden konnte, hatte die Intensität dieses Blicks nicht verstanden.

Jetzt schaute ich ihm in die Augen und sah mein Spiegelbild, sah das, was ich einmal sein würde.

Du kennst mich nur als erwachsenen Mann, deshalb will ich dir hier meine äußere Erscheinung in Kindheit und Jugendjahren beschreiben.

Bei meinem Eintritt in diese Welt sind meine Haare nahezu fuchsrot, die Farbe verblasst zu einem Ton, den man wohlwollend als kastanienbraun bezeichnen könnte, doch karottenfarben käme der Wahrheit näher. Die Haarfarbe ist von der Familie meiner leiblichen Mutter auf mich übergegangen, wie auch eine genetische Disposition für gesunde Zähne und Weitsichtigkeit. Als Kind bin ich schmächtig, etwas kleiner als der Durchschnitt und mager. Letzteres allerdings ebenso wegen der kargen Kost wie aufgrund erblicher Veranlagung. Im Alter von elf Jahren fange ich an, schubweise in die Höhe zu schießen, und mit fünfzehn kauft man mir ab, wenn ich behaupte, ich wäre achtzehn und sähe nur jünger aus. Das erspart mir drei weitere unerquickliche Jahre, in denen man von seiner Umgebung nicht ernst genommen wird.

Als junger Mann glaubte ich, meinen Ziehvater Patrick nachahmen zu müssen, und ließ mir einen – ziemlich struppigen – Bart wachsen. Mir steht er nicht, und wenn ich vergesse, ihn beizeiten zu stutzen, sieht mein Gesicht aus wie eine verstreute Ansammlung von Sinnesorganen in einem Himbeergestrüpp. Sobald mir das bewusst geworden war, gewöhnte ich mir eine regelmäßige Rasur an und sah mich mit den Zügen meines Vaters konfrontiert. Wir haben beide die gleichen hellgrauen Augen, die gleichen kleinen Ohren, leicht gewelltes Haar und eine Nase, die – anfällig für Knochenkrebs im fortgeschrittenen Alter – entschieden das am wenigsten erwünschte Familienerbe ist. Was mein Vater mir vermacht hat, ist das, was man gemeinhin als Himmelfahrtsnase bezeichnet, in unserem Fall in besonders ausgeprägter Form, und wo sie kühn aus meinem Gesicht ragen sollte, scheint sie mit der Haut zu verschmelzen, wie aus Lehm geformt und nicht aus Knochen. Meine Mitmenschen sind zu wohlerzogen, um sich darüber zu mokieren, aber allein der Anblick hat zuweilen genügt, dass braven Kindern mit einer weniger extravaganten genetischen Ausstattung vor Schreck die Tränen gekommen sind. Im Alter wird mein Haar weiß, von einem Tag auf den anderen, so kommt es mir vor. Tatsächlich kann Stress der Auslöser für diese schlagartige Farbveränderung sein, und sie lässt sich nicht verhindern, weder durch Medikamente noch durch Psychotherapie. Mit einundfünfzig brauche ich eine Lesebrille; bedauerlicherweise fällt mein fünftes Lebensjahrzehnt ausgerechnet in die Siebzigerjahre, eine trostlose Ära in puncto Mode, aber wie fast jeder von uns greife ich zurück auf das, was mich in der Jugend geprägt hat, und wähle eine konservative Fassung in unauffälligem Design. Mit dieser Brille vor meinen eng zusammenstehenden Augen schaut mir aus dem Spiegel der typische ältliche Professor entgegen.

Insgesamt ist es ein Gesicht, an das ich mich in annähernd hundert Jahren wohl oder übel gewöhnt habe, das Gesicht von Rory Edmond Hulne, der mich an jenem Tag auf dem Friedhof anstarrte, über den Sarg der Frau hinweg, die unmöglich meine Mutter gewesen sein konnte.

Kapitel 5

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bin ich im richtigen Alter, um eingezogen zu werden. Dem zum Trotz gelang es mir in meinen ersten paar Leben, bei all den berühmten Schlachten nicht anwesend zu sein, von denen ich später in der Geborgenheit der Achtzigerjahre lesen würde. In meinem ersten Leben meldete ich mich freiwillig, denn ich glaubte an die drei großen Irrtümer der Zeit: Der Krieg wird im Nu gewonnen sein, der Krieg ist ein patriotischer Krieg, der Krieg macht den Mann. Die Einschiffung nach Frankreich verpasste ich um vier Tage und empfand es als schmachvolles Versagen, nicht aus Dünkirchen evakuiert worden zu sein, was zu dieser Zeit als triumphale Niederlage galt. Genau genommen bestand mein erstes Kriegsjahr aus nichts anderem als Wehrübungen, erst an der Küste, während die Nation – ich eingeschlossen – auf eine Invasion wartete, die nie erfolgte, anschließend in den Bergen von Schottland, als die Regierung mit der Idee von Vergeltungsmaßnahmen zu spielen begann. In der Tat wurde ich so lange und gründlich für eine Invasion Norwegens gedrillt, dass man mir und meiner Einheit, als man den Gedanken endlich fallen ließ, bescheinigte, gänzlich ungeeignet für den Wüstenkampf zu sein. So stellte man uns von der Einschiffung an den mediterranen Kriegsschauplatz zurück, bis sich eine Gelegenheit böte, uns umzuschulen, oder jemandem einfiele, wozu wir sonst zu gebrauchen wären.

So kam ich dazu, eines von den Dingen zu tun, die ich mir vorgenommen hatte. Weil niemand eine Verwendung für unsere geballte Kampfkraft zu haben schien, fand ich Muße, zu lesen und zu lernen. Einer der Sanitäter in unserer Einheit war ein Kriegsdienstverweigerer, der bei der Lektüre von Engels und der Gedichte von Wilfried Owen sein Gewissen entdeckt hatte und der bei allen Männern der Einheit, auch bei mir, als kinnloser Schnösel galt – bis zu dem Tag, an dem er sich gegen den Sergeanten auflehnte. Der hatte seine Macht zu lange und zu genussvoll missbraucht, und der Sanitäter schleuderte ihm entgegen, er sei nichts weiter als die sabbernde Perversion eines Schulhoftyrannen.

Der Sanitäter hieß Valkeith, der Lohn für seinen Ausbruch waren drei Tage Bau und der Respekt der versammelten Mannschaft. Seine Bildung, zuvor ein Anlass für Hohn und Spott, war nun ein Grund, stolz auf ihn zu sein, und auch wenn man ihn nach wie vor als »kinnloser Schnösel« titulierte, war er unser kinnloser Schnösel, und ich verdankte ihm einen ersten Einblick in die Geheimnisse von Wissenschaft, Philosophie und die Poesie der Romantik, auch wenn ich das zu der Zeit niemals zugegeben hätte. Er starb drei Minuten und fünfzig Sekunden nach der Landung an der Küste der Normandie, von einem Schrapnell getroffen, das ihm den Leib aufriss. Er war der einzige Mann unserer Einheit, den wir an jenem Tag verloren, denn wir waren weit entfernt vom zentralen Kampfgeschehen, und das Geschütz, das die tödliche Granate abgefeuert hatte, wurde zwei Minuten später von unseren Leuten erobert.

In meinem ersten Leben tötete ich drei Menschen. Auf einen Streich, alle drei in einem versprengten deutschen Panzer in einem Dorf in Nordfrankreich. Man hatte uns gesagt, das Dorf wäre bereits befreit, kein Widerstand sei zu erwarten, aber da hockte er, zwischen Bäckerei und Kirche, wie eine Schmeißfliege auf einem Stück Melone. Wir waren so sorglos, dass wir ihn nicht einmal bemerkten, bis der Lauf in unsere Richtung schwang wie das Auge eines schlammverkrusteten Krokodils und uns das Projektil entgegenspie, das zwei von uns auf der Stelle tötete und den jungen Tommy Kenah drei Tage später im Lazarett.

Meine nächsten Handlungen sind mir mit derselben Klarheit gegenwärtig wie alles andere, und es waren folgende: das Gewehr fallen lassen, den Tornister von den Schultern reißen und beiseite schleudern, und dann lief ich laut brüllend mitten auf der Straße auf den Panzer zu, der meine Freunde ermordet hatte. Mein Helm war nicht festgeschnallt und flog mir vom Kopf, als ich noch ungefähr zehn Meter von der Bestie aus Stahl entfernt war. Ich hörte ein Rumoren in ihrem Bauch, sah Gesichter hinter den Spähschlitzen huschen, als die Besatzung sich abmühte, die Kanone in meine Richtung zu schwenken oder an die Maschinengewehre zu kommen, aber ich war schon da. Das Hauptrohr war heiß, sogar aus einem halben Meter Abstand spürte ich die Wärme auf meinem Gesicht. Ich warf eine Handgranate durch die offene Frontluke. Ich konnte die Männer drinnen schreien hören, scheinbar fielen sie förmlich übereinander, um die tödliche Wurfsendung zu erwischen und wieder nach draußen zu befördern, doch in der Enge machten sie es nur noch schlimmer. Zwar erinnere ich mich an das, was ich tat, aber was ich dachte, weiß ich nicht mehr.

Der Hauptmann äußerte später die Vermutung, der Panzer habe den Anschluss verloren und sich verirrt, ihre Kameraden wären links abgebogen und sie nach rechts, und dieser banale Irrtum kostete insgesamt sechs Menschen das Leben. Man verlieh mir einen Orden, den ich 1961 zu Geld machte, weil mein Durchlauferhitzer den Geist aufgegeben hatte und ich einen neuen kaufen musste. So war das Abzeichen wenigstens zu etwas nütze, und ich habe ihm keine Träne nachgeweint.

So viel zu meinem ersten Zweiten Weltkrieg. Beim nächsten Mal meldete ich mich nicht als freiwilliger Soldat, doch früher oder später würde man mich einberufen, deshalb beschloss ich, die in meinem ersten Leben erworbenen Fähigkeiten zu nutzen, um möglichst ungeschoren das Jahr 1945 zu erreichen. Diesem Gedankengang folgend, trat ich in meinem dritten Leben als Flugzeugmechaniker in die Royal Air Force ein und lief schneller als jeder andere Mann meiner Einheit Richtung Hangar, wenn die Sirenen losheulten, bis Hitler sich auf die Bombardierung Londons verlegte und ich aus Erfahrung wusste, dass ich es vorläufig ruhiger angehen lassen konnte.

Während der ersten paar Jahre war es ein guter Posten. Gestorben wurde in der Luft, aus den Augen, aus dem Sinn. Die Piloten pflogen so gut wie keinen Umgang mit uns Schmiermaxen, und ich konnte mir ohne Weiteres vormachen, dass mich einzig das Flugzeug etwas anging. Der Mann, der es flog, war nur ein weiteres Stück Mechanik, das man ignorierte oder mitsamt seinen Macken schulterzuckend abtat. Dann kamen die Amerikaner, und wir begannen, Deutschland zu bombardieren, und viele weitere Männer starben in der Luft. Bei denen musste ich nur den Verlust der Maschinen beklagen, aber andere kamen wieder, von Schrapnells zerfetzt, und in den klebrigen Blutlachen auf dem Boden zeichnete sich das Profil der Stiefel ab, die hindurchgetrampelt waren.

Ich überlegte, was ich mit meiner Kenntnis der kommenden Ereignisse ändern könnte, und kam zu dem Schluss: nichts. Ich wusste, die Alliierten würden siegen, aber damit erschöpften sich meine Kenntnisse. Mehr als rein persönliche Erfahrungen und eigene Erlebnisse hatte ich nicht vorzuweisen; was die größeren Zusammenhänge anging, musste ich passen. Aber ich riet einem Mann namens Valkeith in Schottland, am D-Day zwei Minuten länger im Landungsboot zu warten, und flüsterte Private Kenah zu, in Frankreich, in dem Ort Gennimont, gäbe es einen deutschen Panzer, der statt nach rechts nach links abgebogen war und zwischen Bäckerei und Kirche darauf wartete, ihm das Licht auszublasen.

Doch ich besaß keinerlei weltbewegende Informationen, die ich weitergeben konnte, keine höhere Bildung, kein umfassendes Wissen, was die Zukunft anging, höchstens, dass Citroën nach dem Krieg schnittige, aber unzuverlässige Autos bauen würde und – hört, hört! – dass eines fernen Tages die Menschen auf die Teilung Europas schauen und verständnislos den Kopf schütteln würden.

Nachdem ich mir solcherart eine bequeme moralische Basis zurechtgezimmert hatte, verlebte ich weiterhin bemerkenswert unbemerkenswerte Kriegsjahre. Ich ölte das Landungsgestell der Flugzeuge, die Dresden zerstören würden, ich hörte Gerüchte über Geheimwissenschaftler, die an der Entwicklung eines Düsentriebwerks arbeiteten, und dass Ingenieure sich darüber totlachten, ich lauschte auf den Augenblick, wenn die Motoren einer V1 verstummten, und eine kurze Zeit lang auf die Stille einer V2, die bereits eingeschlagen war, und am Tag der Befreiung betrank ich mich fürchterlich mit Brandy, den ich eigentlich gar nicht mag, zusammen mit einem Kanadier und zwei Walisern, die ich erst zwei Tage vorher kennengelernt hatte und nie wiedersah.

Und ich eignete mir Wissen an. Wissen über Motoren und Maschinen, über Menschen und Strategien, über die Royal Air Force und die deutsche Luftwaffe. Ich studierte das Muster von Bombenteppichen, damit ich beim nächsten Mal – ich war mir zu sechzig Prozent sicher, dass es ein nächstes Mal geben würde und ich das Ganze noch einmal von vorn erlebte – etwas in der Hand hatte, um mir und vielleicht auch anderen zu helfen, und zwar etwas Nützlicheres als ein paar persönliche Eindrücke die Qualität von französischem Dosenfleisch betreffend.

Wie sich jedoch herausstellte, brachte mich das nämliche Wissen, das mich vor dem Weltkrieg bewahrte, später in große Gefahr. Und es bewirkte, dass der Cronus Club von mir erfuhr – und ich vom Cronus Club.

Kapitel 6

Franklin Phearson. So hieß er.

Er war der zweite Spion, den ich kennenlernte, und er war begierig auf Informationen.

Wir begegneten uns in meinem vierten Leben, im Jahr 1968.

Ich arbeitete als Arzt in Glasgow, und meine Frau hatte mich verlassen. Ich war fünfzig Jahre alt und ein gebrochener Mann. Ihr Name war Jenny, und ich liebte sie und vertraute ihr mein Geheimnis an. Sie war Chirurgin, der erste weibliche Operateur auf der Station. Ich war Neurologe mit einer Reputation für unorthodoxe und gelegentlich unethische – obzwar legale – Forschungsmethoden. Sie glaubte an Gott. Ich nicht. Über mein drittes Leben wird noch viel zu sagen sein, doch für den Moment soll genügen, dass mein dritter Tod, allein in einem Krankenhaus in Japan, mir zu der Erkenntnis des Nichts verholfen hatte. Ich hatte gelebt und war gestorben, und weder Allah noch Jehova, Krishna, Buddha oder die Geister meiner Ahnen waren herabgestiegen, um mir die Angst zu nehmen. Vielmehr wurde ich wiedergeboren, exakt am selben Ort, unter denselben Umständen wie das Mal zuvor, zurück im Schnee, in England, in der Vergangenheit, am Ausgangspunkt.

Der Verlust meines Glaubens hatte weder Offenbarungscharakter, noch erschütterte er mein seelisches Gleichgewicht, jedenfalls nicht sonderlich. Er war der logische Abschluss einer langsam stärker werdenden Resignation, untermauert von dem, was ich in meinen Leben gelernt hatte, bis ich einsehen musste, dass alle Gespräche, die ich mit einer Gottheit führte, eine vollkommen einseitige Angelegenheit waren. Mein Tod und die folgende Wiedergeburt beseitigten den letzten Zweifel, und ich betrachtete die ganze Sache mit der distanzierten Enttäuschung eines Wissenschaftlers, der feststellt, dass seine Versuchsreihe ein Fehlschlag ist.

Ich hatte ein ganzes Leben lang um ein Wunder gebetet, und es war keines geschehen. Jetzt schaute ich auf die muffige Kapelle meiner Altvorderen und sah Eitelkeit und Raffsucht, hörte den Ruf zum Gebet und dachte an Macht, roch Weihrauch und wunderte mich über die Vergeblichkeit all dessen.

In meinem vierten Leben vollzog ich die endgültige Abkehr von Gott und erkor mir die Wissenschaft als Hort der Antworten auf all meine Fragen. Ich studierte wie noch kein Mensch vor mir – Physik, Biologie, Philosophie –, erkämpfte mir mit allen verfügbaren Mitteln einen Platz als der ärmste Student an der Universität von Edinburgh und graduierte schließlich summa cum laude im Fach Medizin. Jenny fühlte sich von meinem Ehrgeiz angezogen wie ich mich von ihrem, hatten doch die Hochmütigen hämisch gefeixt, als sie zum ersten Mal das Skalpell in die Hand nahm – bis sie die Präzision ihrer Schnitte sahen und das Selbstvertrauen, mit dem sie die Klinge führte. Wir hatten zehn Jahre in Sünde gelebt, unzeitgemäß, aber unser ganz persönliches politisches Statement, bevor uns die Woge der Erleichterung über das Ende der Kubakrise in den Hafen der Ehe spülte. Es hatte geregnet, sie hatte gelacht und gesagt, es geschähe uns recht, und ich liebte sie.

So sehr liebte ich Jenny, dass ich ihr eines Nachts, aus keinem besonderen Grund und ohne dass ich groß darüber nachgedacht hatte, alles erzählte.

Ich sagte: »Mein Name ist Harry August. Mein Vater ist Rory Edmond Hulne, meine Mutter starb, bevor ich geboren wurde. Dies ist mein viertes Leben. Ich habe schon drei Mal gelebt und bin gestorben, aber es ist immer dasselbe Leben.«

Sie boxte mich spielerisch gegen die Brust und meinte, ich solle aufhören, dummes Zeug zu reden.

Ich sagte: »In wenigen Wochen wird in den Vereinigten Staaten ein Skandal aufgedeckt werden, der Präsident Nixon zum Rücktritt zwingt. In England wird die Todesstrafe abgeschafft, und Terroristen der Gruppe Schwarzer September verüben einen Anschlag auf den Flughafen von Athen.«

Sie sagte: »Du solltest in den Nachrichten sein, echt.«

Drei Wochen später begann Watergate Schlagzeilen zu machen. Erst hieß es nur, ein paar Regierungsbeamte müssten den Hut nehmen. Als hüben die Todesstrafe abgeschafft wurde, wurde drüben Präsident Nixon vor den Kongress zitiert, und als die Terroristen des Schwarzen September in Athen Touristen niedermetzelten, zweifelte niemand mehr daran, dass Nixon Geschichte war.

Jenny saß am Fußende des Bettes, mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf. Ich wartete in dem Zustand zwischen Bangen und Hoffen, der über vier Lebenszeiten hinweg in mir gewachsen war. Sie hatte einen knochigen Rücken und einen warmen Bauch, extra kurz geschnittenes Haar als Kampfansage gegen die Vorurteile ihrer Kollegen und ein weiches Gesicht, das gern lachte, wenn niemand zuschaute. Sie fragte: »Wie konntest du das wissen – das alles –, wie hast du wissen können, dass es passiert?«

»Ich habe es dir gesagt«, antwortete ich. »Ich erlebe es jetzt zum vierten Mal, und mein Gedächtnis ist ausgezeichnet.«

»Was soll das heißen, zum vierten Mal? Wie kann das möglich sein, das vierte Mal?«

»Keine Ahnung. Ich bin Arzt geworden, weil ich hoffte, es herauszufinden. Ich war mein eigenes Versuchskaninchen. Ich habe mein Blut untersucht, meinen Körper auf Herz und Nieren, mein Gehirn. Ob vielleicht irgendetwas in mir … nicht stimmt. Aber nichts. Das Einzige, was ich jetzt sicher weiß, ist, es handelt sich nicht um ein medizinisches Phänomen oder aber um eins, das man noch nicht entdeckt hat. Ich hätte den Beruf längst an den Nagel gehängt und mich nach etwas anderem umgesehen, aber dann kamst du. Ich habe eine ganze Ewigkeit zur Verfügung, aber in diesem Leben will ich dich.«

»Wie alt bist du?«, wollte sie wissen.

»Vierundfünfzig. Oder zweihundertsechs.«

»Ich kann nicht – ich kann nicht glauben, was du da sagst. Ich kann nicht glauben, dass du es glaubst.«

»Tut mir leid.«

»Bist du ein Spion?«

»Nein.«

»Bist du krank?«

»Nein. Nicht im landläufigen Sinn.«

»Also warum?«

»Warum was?«

»Warum sagst du so verrückte Dinge?«

»Weil es die Wahrheit ist. Du sollst die Wahrheit wissen.«

Sie krabbelte über das Bett zu mir, nahm mein Gesicht zwischen die Hände und schaute mir tief in die Augen. »Harry«, sagte sie, und ihre Stimme klang furchtsam, »sei ehrlich. Meinst du das alles wirklich ernst?«

»Ja«, antwortete ich, und meine Erleichterung war so groß, dass mir schwindlig wurde. »Ja, ich meine es wirklich ernst.«

Sie verließ mich noch in derselben Nacht, warf den Mantel über das Nachthemd, schlüpfte in ihre Gummistiefel. Sie fuhr zu ihrer Mutter, die in Northferry lebte, gleich hinter Dundee, und hinterließ mir auf dem Küchentisch einen Zettel mit der Notiz, sie brauche Zeit zum Nachdenken. Ich gab ihr einen Tag, dann rief ich an und musste mir von ihrer Mutter sagen lassen, meine Anwesenheit sei nicht erwünscht. Ich wartete noch einen Tag, dann versuchte ich es erneut und beschwor Jenny, sie solle mich anrufen. Am dritten Tag teilte mir eine Automatenstimme mit, der Anschluss sei vorübergehend nicht erreichbar.

Jenny hatte das Auto genommen, deshalb fuhr ich nach Dundee mit dem Zug und das letzte Stück mit einem Taxi. Das Wetter war herrlich, das Meer spiegelglatt, dicht über dem Horizont badete die Abendsonne in rosigem Leuchten, als wolle sie den Augenblick bis zur Neige auskosten.

Das Cottage von Jennys Mutter stand klein und weiß und nicht weit entfernt vom Rand eines kohlrabenschwarzen Abhangs. Ich klopfte an die Tür, die aussah wie für ein Kind gemacht, und die Mutter öffnete, mit ihrer zierlichen Erscheinung perfekt den Dimensionen des Häuschens entsprechend, ließ aber die Kette eingehakt.

»Sie will nicht mit Ihnen sprechen«, platzte sie heraus. »Es tut mir leid, aber Sie gehen besser wieder.«

»Ich muss sie sehen«, flehte ich. »Ich muss ihr erklären …«

»Sie müssen jetzt gehen, Dr. August«, wiederholte sie in scharfem Ton. »Ich bedaure, dass es so weit gekommen ist, aber nach meiner Meinung brauchen Sie ärztliche Hilfe. Guten Tag.« Die Tür wurde energisch zugeklinkt, hinter dem knarrenden weißen Holz der Riegel vorgeschoben.

Ich blieb und hämmerte gegen die Tür, klopfte an die Fenster, drückte das Gesicht gegen die Scheiben. Im Haus löschten sie die Lichter, damit ich nicht sehen konnte, in welchem Zimmer sie sich aufhielten, oder vielleicht hofften sie, ich würde das Vergebliche meines Tuns begreifen und verschwinden. Die Sonne ging unter, ich saß auf der Eingangsstufe und rief nach Jenny, bat sie, mit mir zu reden, bis zu guter oder schlechter Letzt ihre Mutter die Polizei anrief, und als die Beamten kamen, übernahmen sie das Reden.

Ich wurde in eine Zelle gesteckt, zu einem Kerl, der wegen Einbruchsdiebstahl verhaftet worden war. Er glaubte, über mich lachen zu dürfen, und ich ging ihm an die Gurgel und würgte ihn, bis er blau anlief. Um ein Haar hätte ich ihn umgebracht. Daraufhin sperrte man mich in eine Einzelzelle und ließ mich einen Tag dort schmoren, dann erschien ein Arzt, der fragte, wie ich mich fühle. Er horchte Herz und Lunge ab, was kein logischer Ansatz zur Diagnose einer Geisteskrankheit war, wie ich ihm so ruhig wie es mir irgend möglich war erklärte.

»Halten Sie sich für geisteskrank?«, hakte er blitzschnell nach.

»Nein«, schnappte ich. »Aber ich erkenne einen unfähigen Arzt.«

Sie mussten den Papierkram in Windeseile durchgepaukt haben, denn schon am nächsten Tag wurde ich in die Irrenanstalt verfrachtet. Ich lachte, als ich das Gebäude sah. »St. Margots Heim« stand über der Tür. Jemand hatte »für die Unglücklichen« entfernt und eine unschöne grammatische Lücke hinterlassen.

Es war dieselbe Anstalt, in der ich mich im Alter von sieben Jahren in meinem zweiten Leben in den Tod gestürzt hatte.

Kapitel 7

Seit den 1990er-Jahren besteht für alle, die auf dem Gebiet psychischer Erkrankungen tätig sind, die bindende Verpflichtung, sich selbst regelmäßigen Kontrollen zu unterziehen und in Beratungsgesprächen ihre geistige und emotionale Stabilität überprüfen zu lassen. Ich hatte mich selbst früher einmal als Psychologe versucht, doch rasch bemerkt, dass die meisten Probleme, die meine Patienten mir schilderten, in der einen oder anderen Weise über meine Kräfte gingen. Entweder sie waren zu gewaltig oder den meinen so eng verwandt, dass ich mich nicht damit beschäftigen mochte; die mir zur Verfügung stehenden Therapiemöglichkeiten schienen mir lächerlich, oder aber ich war im Gegenteil gehalten, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Kurzum, ich hatte nicht das Naturell für diesen Beruf, und als ich mich zum zweiten Mal in meinem Dasein in das St. Margots verfrachtet sah, fragte ich mich mit einer Mischung aus Wut und Stolz, wie diese ignoranten Sterblichen um mich herum so einfältig sein konnten, mich für verrückt zu halten, mich, der selbst unter dem Druck der extremen Herausforderungen seiner absonderlichen Existenz imstande war, seine geistige Gesundheit zu bewahren.

Gegen ihre Kollegen aus den 1960ern wirken die Psychologen der Neunzigerjahre des nämlichen Jahrhunderts wie Mozarts, die auf Salieris weniger genialem Werk herumtrampeln. Ich nehme an, ich sollte mich glücklich schätzen, dass einige der eher als experimentell einzustufenden Behandlungsmethoden in der für mich kritischen Zeit noch nicht in das kosmopolitische Northumbria vorgedrungen waren. Unter anderem blieb es mir erspart, mit LSD oder Ecstasy vollgepumpt zu werden, auch wurde ich nicht über meine Sexualität ausgehorcht, denn Dr. Abel, unser bester, weil einziger Psychokaster, hielt Freud für schweinisch.

Die Erste, die diese Feststellung machen durfte, war Tic, mit richtigem Namen Lucy, deren Tourette-Syndrom man je nach Laune mit Gleichgültigkeit oder Brutalität beizukommen suchte. Falls unsere Wärter überhaupt so etwas wie eine Vorstellung von der Durchbrechung von Automatismen hatten, bestand ihre Methode darin, Lucy mit den flachen Händen gegen den Kopf zu schlagen, sobald sie zuckte oder grunzte, und wenn sie infolgedessen, statt Ruhe zu geben, lauter wurde – wie meistens, wenn man sie beunruhigte oder ängstigte –, setzte sich einer auf ihre Beine, ein zweiter auf ihre Brust, und zwar so lange, bis sie fast ohnmächtig war.

Bei dem einen Mal, als ich versuchte, mich einzumischen, ließ man mir dieselbe Behandlung angedeihen, und ich durfte erleben, wie sich unter dem Hinterteil von Bill dem Scheusal, Oberpfleger der Tagesschicht und ehemaliger Knastbruder, meine Rippen einwärts bogen, zum Jubel des Publikums, bestehend aus Clara Watkins und Junior, der seit sechs Monaten auf unserer Station arbeitete und von dem wir immer noch nicht den Namen wussten. Junior stand auf meinen Handgelenken, hauptsächlich, um sich willfährig zu zeigen, während Bill das Scheusal mir auseinandersetzte, dass ich sehr unartig wäre, und auch wenn ich mir einbildete, Arzt zu sein, hätte ich doch von rein gar nichts den leisesten Schimmer. Vor hilfloser Erbitterung kamen mir die Tränen, und er ohrfeigte mich, und ich geriet in Wut und hoffte, die Wut würde das Selbstmitleid verdrängen und ich könnte aufhören zu flennen, aber leider war es nicht so.

»Penis!«, schrie Tic bei unserer einmal wöchentlich stattfindenden Gruppensitzung. »Penis, Penis, Penis!«

Dr. Abel ließ seinen Kugelschreiber klicken, der kleine Schnurrbart auf seiner Oberlippe bebte wie eine erschreckte Maus. »Lucy, bitte …«

»Komm schon, gib ihn mir, gib ihn mir, komm schon, komm schon, komm schon!«, kreischte sie.

Ich verfolgte die Ausbreitung der Verlegenheitsröte in Dr. Abels Wangen. Es war ein faszinierendes Leuchten, das man beinahe von Kapillargefäß zu Kapillargefäß fortschreiten sehen konnte, und flüchtig kam mir der Gedanke, ob dieser Vorgang womöglich repräsentativ für die Geschwindigkeit seines Blutflusses in der Subcutis war, in welchem Falle ihm ein Kollege vom Fach unbedingt zu mehr Bewegung und einer Tiefenmassage geraten hätte. Sein Schnurrbart war spätestens am Tag nach Hitlers Einmarsch in die Tschechoslowakei unmodern geworden, und die einzig halbwegs sinnvolle Äußerung, die ich je aus seinem Mund vernahm, lautete: »Dr. August, nie kann sich ein Mensch einsamer fühlen als in einer Menge von seinesgleichen. Er mag nicken und lächeln und die richtigen Dinge sagen, doch bewirkt dieser Akt der Verstellung nichts anderes, als dass er sich innerlich seinen Mitmenschen noch weiter entfremdet.«

Ich erkundigte mich, welchem Glückskeks er diese Weisheit entnommen habe, und er schaute verdutzt und wollte wissen, was Glückskekse seien und ob sie mit Ingwer gebacken würden.

»Gib ihn mir, gib ihn mir!«, jauchzte Tic.

»Dieses Gespräch ist unproduktiv«, äußerte er mit zitternder Stimme, woraufhin Lucy ihren Overall auszog und uns ihre übergroße Unterhose präsentierte, dadurch Simon, der sich am Tiefpunkt seiner bipolaren Störung befand, zum Weinen brachte, und Margaret fing an, sich heftiger vor und zurück zu wiegen, was Bill das Scheusal auf den Plan rief, den Stock in der Hand und die Zwangsjacke einsatzbereit. Dr. Abel, dessen Ohrenspitzen wie Bremslichter glühten, verließ die Szene a tempo.

Einmal im Monat durften wir Besuch empfangen, der nicht kam.

Simon fand, es sei besser so, er wolle in diesem Zustand nicht gesehen werden, er schäme sich.

Margaret schrie und kratzte an den Wänden, bis ihre Finger bluteten, und musste in ihr Zimmer gebracht und sediert werden.

Lucy sagte – und dabei lief ihr der Speichel aus den Mundwinkeln –, nicht wir müssten uns schämen, sondern die. Sie erklärte nicht, wer die waren, musste sie auch nicht, denn sie hatte recht.

Nach zwei Monaten stand meine Entlassung zur Debatte.

Ich saß auf dem Stuhl vor Dr. Abels Schreibtisch. »Ich begreife jetzt«, sagte ich ruhig, »dass ich einen Nervenzusammenbruch erlitten habe. In nächster Zeit werde ich, um den Vorfall aufzuarbeiten, noch therapeutischen Beistand brauchen, aber ich kann Ihnen nur aus tiefstem Herzen und aufrichtig dafür danken, dass Sie mir geholfen haben, diese Krise zu überwinden.«

»Dr. August.« Dr. Abel richtete seinen Stift exakt parallel zur Oberkante seines Notizblocks aus. »Ich denke, was Ihnen widerfahren ist, war ernster als nur ein Nervenzusammenbruch. Sie haben eine komplette wahnhafte Episode durchgemacht, indikativ, meiner Meinung nach, für komplexere psychische Störungen.«

Ich musterte Dr. Abel, als sähe ich ihn zum ersten Mal, und überlegte, was für ihn der Maßstab des Erfolgs sein mochte. Vermutlich nicht unbedingt die Heilung des Patienten, solange die Behandlung interessant war. »Was schlagen Sie vor?«, fragte ich.

»Ich würde Sie gern noch eine Weile hier behalten. Die Forschung gibt uns einige faszinierende neue Medikamente an die Hand, die, glaube ich, speziell für Sie segensreich sein könnten.«

»Medikamente?«

»Phenothiazine haben sich im Laborversuch als sehr vielversprechend erwiesen …«

»Das ist ein Insektizid.«

»Nein. Nein, Dr. August, nein. Ich verstehe Ihre Vorbehalte als Arzt, aber seien Sie versichert, wenn ich von Phenothiazinen spreche, meine ich Derivate …«

»Ich denke, dass ich eine zweite Meinung einholen möchte, Dr. Abel.«

Er zögerte, und ich konnte sehen, wie sein Stolz sich gegen die in diesem Wunsch implizierte Kritik aufbäumte. »Ich bin approbierter Psychiater, Dr. August.«

»In dem Fall sollte Ihnen bewusst sein, welch hoher Stellenwert dem Vertrauen des Patienten in eine vorgesehene Behandlung beizumessen ist.«

»Ja«, gab er widerwillig zu. »Aber ich bin der einzige approbierte Psychiater auf dieser Station …«

»Das ist nicht richtig. Ich besitze ebenfalls die erforderlichen Qualifikationen.«

»Dr. August.« Er lächelte strahlend. »Sie sind Patient. In Ihrem Zustand dürfen Sie niemanden therapieren, am allerwenigsten sich selbst.«

»Dann rufen Sie meine Frau an«, entgegnete ich schroff. »Sie hat ein Einspruchsrecht bei allem, was Sie mit mir vorhaben. Ich weigere mich, Phenothiazine zu nehmen, und für die zwangsweise Verabreichung brauchen Sie die Einwilligung meines nächsten Angehörigen. Sie ist meine nächste Angehörige.«

»Soweit ich informiert bin, Dr. August, ist sie zum Teil verantwortlich für Ihre Einweisung in die geschlossene Abteilung unserer Anstalt.«

»Sie kann gute Arznei von schädlicher unterscheiden«, beharrte ich. »Rufen Sie sie an.«

»Ich werde darüber nachdenken.«

»Denken Sie nicht, Dr. Abel, tun Sie’s einfach.«

Bis heute weiß ich nicht, ob er sie angerufen hat, doch ich wage es zu bezweifeln.

Bei der ersten Dosis waren sie noch um Diskretion bemüht. Sie schickten Clara Watkins, die engelhaft aussah und ein teuflisches Vergnügen an ihrem Beruf hatte, mit einem Tablett, auf dem die üblichen Pillen lagen – die ich wie üblich verschwinden ließ – und eine Spritze.

»Na, na, Harry«, tadelte sie, als sie meinen Gesichtsausdruck sah. »Das ist nur zu deinem Besten.«

»Was ist da drin?« Ich fragte, obwohl mir schon Böses schwante.

»Medizin, was sonst!«, girrte sie. »Wir werden doch brav unsere Medizin nehmen, nicht wahr?«

Bill das Scheusal stand an der Tür und fixierte mich starr. Seine Anwesenheit bestätigte meinen Verdacht – er lauerte darauf einzugreifen. Ich sagte: »Ich bestehe darauf, dass man mir eine Einverständniserklärung vorlegt, unterzeichnet von meinem nächsten Angehörigen.«

»Nur zu«, antwortete sie und griff nach meinem Ärmel. Ich zog ihn weg.

»Ich verlange einen Rechtsanwalt, der meine Interessen vertritt!«

»Hier ist kein Gefängnis, Harry«, sang sie gut gelaunt, schaute Bill das Scheusal an und wackelte vielsagend mit den Augenbrauen. »Hier gibt es keine Anwälte.«

»Ich habe das Recht auf eine zweite Meinung!«

»Dr. Abel will nur das Beste für dich, warum machst du’s ihm so schwer? Nun, Harry …«

Bei diesen Worten schlang Bill das Scheusal von hinten die Arme um mich, und ich fragte mich – nicht zum ersten Mal –, warum ich mich in mehr als zweihundert Lebensjahren nie bemüßigt gefühlt hatte, die ein oder andere Kampfkunst zu erlernen. Bill war ein Ex-Sträfling und befand, Wärter in einer Irrenanstalt zu sein wäre wie im Gefängnis, nur um Klassen besser. Er trainierte täglich eine Stunde im Privatgarten des Hauses und nahm Steroide, die bewirkten, dass seine Stirn ständig schweißfeucht glänzte und – jede Wette – seine Hoden schrumpften, was er durch noch mehr Training und selbstredend noch mehr Steroide zu kompensieren versuchte. Wie auch immer es um seine Hoden bestellt sein mochte, seine Arme waren dicker als meine Oberschenkel und umklammerten mich mit solcher Kraft, dass ich halb vom Stuhl gelupft wurde und meine Füße nutzlos ins Leere strampelten.

»Nein«, bettelte ich. »Bitte tut das nicht, bitte nicht …«

Clara klopfte mit zwei Fingern auf die Haut in der Beuge meines Ellenbogens, bis sie sich rötete, und brachte es dann fertig, die Vene meilenweit zu verfehlen. Ich trat nach ihr, und Bill das Scheusal drückte fester zu, bis mir heiß hinter den Augäpfeln wurde und mein Kopf sich mit Watte füllte. Ich spürte den Einstich der Nadel, aber nicht, dass sie herausgezogen wurde, und dann ließen sie mich auf den Boden fallen und sagten: »Sei nicht so dumm, Harry. Warum musst du immer so ein Theater machen, wo wir es doch nur gut mit dir meinen?«

Dann war ich allein, kniete mit weit gespreizten Schenkeln auf dem Boden und wartete darauf, dass es passierte. Meine Gedanken rasten, fieberhaft versuchte ich mich zu erinnern, ob es ein leicht erreichbares Antidot gab, mit welchem ich dem Gift, das sich in meinem Körper ausbreitete, entgegenwirken konnte, doch ich war bis dato nur in einem Leben Arzt gewesen und hatte noch keine Zeit gehabt, mich mit diesen modernen Pharmaka zu befassen. Auf allen vieren kroch ich zum Wasserkrug, trank ihn leer, legte mich dann mitten im Zimmer flach auf den Rücken und bemühte mich, durch gleichmäßiges Ein- und Ausatmen meinen Pulsschlag zu beruhigen, ein – vergeblicher – Versuch, die Ausbreitung der Droge zu verlangsamen.

Während ich so dalag, kam mir der Gedanke, eine klinische Beobachtung meiner eigenen Symptome mochte nützlich sein, und folglich rutschte ich auf dem Boden im Kreis herum, bis ich die Uhr im Blick hatte, und merkte mir die Zeit. Nach zehn Minuten fühlte ich mich ein wenig benommen, aber das verging. Nach weiteren fünfzehn Minuten tätigte ich die Feststellung, dass meine Füße sich auf der anderen Seite des Erdballs befanden, dass jemand mich in der Mitte entzwei gesägt, aber nur die Knochen durchtrennt hatte; die Nervenbahnen hingegen waren intakt geblieben, und jetzt gehörten meine Füße jemand anderem. Ich wusste, es konnte nicht sein, doch akzeptierte ich die Tatsache, dass es nach allem Anschein dennoch so war, mit einer Schicksalsergebenheit, die nicht wagte, gegen die wahre Ursache meines Zustands aufzumucken.

Tic kam herein, beugte sich über mich und fragte: »Was machst du da?«

Ich glaubte nicht, dass sie eine Antwort erwartete, deshalb blieb ich stumm.

Speichel lief über eine Seite meines Gesichts. Angenehm kühl, fand ich, auf der heißen Haut.

»Was machst du was machst du machst du?«, krakeelte sie, und ich überlegte, ob man in Northumbria bereits von adrenergischen Antagonisten wusste oder ob sie noch der Entdeckung harrten.

Sie schüttelte mich und ging dann weg, aber eindeutig hatte sie etwas ausgelöst, denn das Schütteln hörte nicht auf, und ich wusste, ich hatte mich nass gemacht, aber auch das war nicht weiter schlimm, interessant eigentlich und anders als die Spucke, weil ebenso warm wie der Rest von mir, bis das Nasse trocknete und anfing zu jucken, und außerdem war das alles weit weg, und dann war Bill das Scheusal da und sein Gesicht war Brei. An der Zimmerdecke über mir zermatscht wie eine reife Tomate, der Schädel in tausend Stücken, und nur die Nase, zwei Augen und ein anzüglich grinsender Mund schwammen in der Suppe aus Blut und Hirngallert, und als er sich über mich beugte, glitten Teile des Letzteren an seiner Wange entlang zum Mundwinkel und sammelten sich zu einer zähen, graurosa Träne, die an seiner Unterlippe baumelte und dann wie Apfelmus vom Löffel eines Kleinkinds auf mein Gesicht kleckste. Ich schrie und schrie und schrie, bis er mich würgte und ich nicht mehr schreien konnte.

Naturgemäß hatte ich mittlerweile jedes Zeitgefühl verloren, und somit war der Erkenntnisgewinn dieser Versuchsanordnung gleich null.

Kapitel 8

Ich erhielt Besuch von Jenny.

Zu diesem Anlass hatten sie mich im Bett festgeschnallt und mit Sedativa vollgepumpt.

Ich bemühte mich zu sprechen, ihr zu sagen, was sie hier mit mir machten, aber ich brachte kein Wort heraus.

Sie weinte.

Sie wusch mir das Gesicht, hielt meine Hand und weinte.

Sie trug noch ihren Ehering.

An der Tür sprach sie mit Dr. Abel, der ihr sagte, er wäre besorgt wegen der Verschlechterung meines Zustands, und es gäbe da ein neues Medikament …

Ich rief nach ihr, aber meine Stimmbänder waren gelähmt.

Sie stand mit dem Rücken zu mir, als man die Tür verriegelte.

Dann saß Dr. Abel neben mir, zu dicht, drückte die Spitze seines Kugelschreibers an die Unterlippe und sagte: »Würdest du das wiederholen, Harry?«

Da war ein besonderer Ton in seiner Stimme, mehr als nur die Begeisterung über seine eigenen innovativen Behandlungsmethoden.

»Ende des Ölembargos«, hörte ich jemanden sagen. »Nelkenrevolution in Portugal, Regierung gestürzt. Entdeckung der Terrakotta-Armee. Indien hat die Atombombe. Westdeutschland gewinnt die Weltmeisterschaft.«

Bill das Scheusal, umwabert von einem orangefarbenen Nebel, sagte: »Dumm gelaufen, Schlauberger, dumm gelaufen dumm gelaufen, du bildest dir ein, du hättest die Weisheit mit Löffeln gefressen, aber du bist gar nicht so schlau so schlau so schlau ich bin schlau ich bin hier der mit dem Grips …« Er beugte sich über mich, um auf mein Gesicht zu sabbern. Ich biss ihm in die Nase, fest, bis der Knorpel knackte, und fand es sehr, sehr lustig.

Dann eine Stimme, eine fremde Stimme, kultiviert und auf unbestimmte Art amerikanisch.

»O nein, nein, nein, nein«, sagte sie. »Das geht ganz und gar nicht.«

Kapitel 9

Jenny.

Wenn sie redet, hört man immer noch, dass sie aus Glasgow stammt, trotz aller Bemühungen seitens der Mutter, ihr den Dialekt auszutreiben. Ihre Mutter glaubte an das Weiterkommen im Leben, ihr Vater an das Althergebrachte, und das Resultat bestand darin, dass beide sich keinen Millimeter vom Fleck bewegten, bis zu dem Tag nach Jennys achtzehntem Geburtstag, als sie sich endlich trennten und nie mehr das Bedürfnis verspürten, einander wiederzusehen.

Ich traf sie noch einmal, in meinem siebten Leben.