Die Wächter der Insel - Juliett L. Carpenter - E-Book

Die Wächter der Insel E-Book

Juliett L. Carpenter

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Beschreibung

Lindy Deggendorf und Robin Cameron waren schwer verliebt, als sie noch gemeinsam an einer hochkarätigen Business School in Australien studierten. Doch dann warf Robin sein Studium hin, um einen Job auf einem Buschflugplatz im Outback anzunehmen, und Lindy machte Karriere. Ihre Beziehung löste sich in einem großen Streit auf. Doch als sie sich drei Jahre später wiedersehen, und als sie sich wiedersehen, funkt es heftig zwischen ihnen. Nur schade, dass Robin am nächsten Tag ein Kleinflugzeug nach Neuseeland überführen soll. Lindy, die unter Flugangst leidet, macht sich große Sorgen – berechtigt. Robin kommt nie in Neuseeland an, und verzweifelt macht sich Lindy auf die Suche nach ihm. Was sie nicht weiß: Er ist mehr tot als lebendig auf einer kleinen tropischen Insel angespült worden. Doch dort ist er mehr als unerwünscht, denn die reichen, exzentrischen Frasers versuchen gerade, bei einem Robinson-Urlaub ihre Ehe zu kitten...

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Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Juliett L. Carpenter

Die Wächter der Insel

Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Impressum neobooks

1. Kapitel

Sieht wahrscheinlich ziemlich bescheuert aus, wie ich hier sitze und selig vor mich hinlächle.Wie so ein Krishnajünger.Robin Cameron grinste seinem Spiegelbild in der Glasabdeckung des Höhenmessers zu, und das Glücksgefühl in seiner Seele schwamm wieder an die Oberfläche. Gut, dass er alleine in dieser Kiste war. Ihm war nach Singen zumute, und so schadete es nicht, dass seine Stimme ab und zu vom Ton abirrte und ein wenig kratzig klang."All I needed was the love you gave, all I needed for another day, and all I ever knew – only you ..."

Immer wieder formte sich in ihm das Bild eines feinknochigen Gesichts mit dunkelbraunen, immer etwas herausfordernd blickenden Augen. Das war ihm mehr als recht – schon seit fünf Stunden starrte er aus einigen tausend Metern Höhe auf die Tasman-See und hatte diesen Anblick herzlich satt. Jede Menge Wasser und kein einziger Orientierungspunkt. Ein schimmerndes Niemandsland unter seinen Flügeln, fern und etwas unwirklich; er flog so hoch darüber hinweg, dass er nicht einmal einen Spritzer Gischt abbekam. Es würde noch ein paar Stunden dauern, bis die grünen Berge Neuseelands vor ihm auftauchten. Blöderweise war das GPS vor zwei Stunden ausgefallen, doch er hatte entschieden, weiterzufliegen und nicht wegen einer solchen Kleinigkeit umzukehren.Immerhin hatte er noch Kompass und Karte.

"Came back only yesterday I´m moving further away ...Want you near me ..."

Es fiel ihm schwer, sich auf die Cessna zu konzentrieren, auf die enge, nach Sprit stinkende Kabine, in der er saß. Was war eigentlich gestern Abend los gewesen mit Lindy, dieser neuen Lindy mit ihrer Business-Lackschicht, und ihm? Hatte er nur geträumt? Bedauerte sie vielleicht schon, was geschehen war? Wenn er Pech hatte, tat sie es als sentimentalen Schwachsinn oder Ausrutscher ab. Er würde es erst feststellen können, wenn er in Auckland angekommen war und irgendwo ein Telefon aufgetrieben hatte ...

Gedankenverloren lächelnd kramte er mit der freien Hand in dem Zeug unter dem Copilotensitz nach einem Sandwich und nestelte es aus der Folie heraus. Es war seine Lieblingssorte, Schinken mit Marmelade, doch diesmal nahm er den Geschmack kaum wahr, seine Gedanken waren immer noch in ihrer euphorischen Endlosschleife gefangen.Vielleicht schaffen wir es ja wirklich, uns wieder zusammenzuraufen,dachte er.Vielleicht haben wir eine Chance!

Robin verlagerte sein Gewicht auf dem Sitz, biss das nächste Stück von seinem Sandwich ab – und hielt im Kauen inne, der Mund noch offen, der Körper starr. Er lauschte und vergaß zu atmen.

Hatte sich das Motorgeräusch eben nicht ganz leicht verändert?

Sein Sandwich landete unbeachtet auf seiner Bordtasche, zog eine klebrige Spur über den Stoff und endete in seinen Einzelteilen zwischen den Pedalen des Seitenruders. Robin riss sich die Kopfhörer herunter, sein Blick sondierte die Instrumente. Öldruck und -temperatur sahen ganz normal aus, Sprit war auch noch genug da, im großen Zusatztank auf dem Copilotensitz schwappte es noch ganz ordentlich, aber die rote Nadel des Drehzahlmessers tanzte hektisch. Nervös begann Robin mit den Einstellungen herumzufummeln. Sehr viel mehr konnte er im Cockpit nicht tun, und aussteigen und unter die Motorhaube schauen war nicht drin.

Einige Sekunden später begann der Motor ganz offen zu stottern. Er summte nicht mehr, sondern quälte sich nur noch dahin, setzte aus, fing sich wieder, setzte wieder aus.

Klebrige Angst kroch in Robin hoch. Er griff nach der Karte und berechnete schnell noch einmal, wo er sich genau befand: Genau in der Mitte des riesigen blauen Flecks, der auf dem Papier das Meer zwischen Australien und Neuseeland darstellte. Von einem Moment auf den anderen wurde Robin wieder bewusst, dass diese gleichförmige helle Fläche unter ihm ein furchtbarer Feind war, dass sie ihn aufnehmen würde wie ein Staubkorn – gleichgültig, unwiderruflich und ohne die geringste Spur. Sein Höhenmesser zeigte achttausend Fuß, fast dreitausend Meter, doch Robin wusste, dass ihm keine zehn Minuten mehr blieben, wenn der Motor jetzt wirklich versagte.

"Verdammt!" brüllte Robin. "Beschissene Kiste!"

Er streifte sich Kopfhörer und Mikrophon wieder über und rastete auf seinem Funkgerät die Frequenz von Newcastle. Dann gab er sein Kennzeichen und die Worte durch, die er in all den Jahren noch nie über die Lippen gebracht hatte. Sie klangen fremd und ungewohnt in seinem Mund, seine Stimme war zu heiser, und er sagte es noch einmal: "Mayday, mayday, mayday ..."

Niemand antwortete, in seinen Kopfhörern knisterte es nur. Robin wiederholte seinen Ruf, am liebsten hätte er ins Mikro geschrien. Klar, er hatte einen Flugplan abgegeben – doch wenn niemand wusste, wo genau er auf dieser langen Strecke runtergegangen war, dann konnte es sehr lange dauern, bis jemand ihn holen kam. Plötzlich stand wieder Lindys Bild vor seinem inneren Auge, und es schmerzte unerträglich, dass er sie vielleicht nie wiedersehen würde. Hätte er bloß der Versuchung nachgegeben, in Sydney zu bleiben nach dem, was am letzten Abend geschehen war!

Eine nüchterne Stimme unterbrach seine Gedanken. "Hier Newcastle Tower. Wie ist Ihre Position, und was haben Sie für Probleme?"

Als Robin die Sendetaste drückte und dem Controller Kurs und Position durchgab, die er mit Hilfe von Kompass und Karte berechnet hatte, hatte er seine Ruhe fast schon wiedergewonnen. Wenigstens war er jetzt nicht mehr allein! "Mein Motor klingt, als hätte er Asthma, ich glaube nicht, dass ich noch viel weiter komme."

"In Ordnung ... gehen Sie auf die Notruffrequenz."

Robin stellte die neue Frequenz ein und befeuchtete seine trockenen Lippen. Er konnte den Blick nicht von der endlosen, leicht gekräuselten Fläche unter ihm lösen. Die Tasman-See war hier ein paar tausend Meter tief. Aber das bedeutete nicht, dass alles vorbei war, wenn er hier notwassern musste. Wenn er das Aufsetzen überlebte und gut rauskam, hatte er eine Chance. Garantiert fuhren hier jede Menge Schiffe entlang, er war sich ziemlich sicher, dass er in der letzten Stunde mindestens einen Kahn gesehen hatte. Newcastle Tower hatte ja seine Position und würde jeden, der in der Nähe war, zu ihm schicken. Selbst wenn sie ein Stück weg waren, konnte es nicht länger als einen Tag dauern, bis sie ihn auffischten. Das konnte man durchhalten, das Wasser war nicht besonders kalt. Aber was war mit den Haien?

Er nahm das Mikrophon. "Sagt mal, wie lange wird es dauern, bis ein Schiff bei mir ist?"

Täuschte er sich, oder zögerte Newcastle Tower mit der Antwort?

"Wir forschen noch nach und sagen Ihnen sofort Bescheid, wenn wir Kontakt mit jemandem in der Nähe haben ..."

"Moment mal, was soll das bedeuten?"

"Ihr Kurs liegt abseits der Hauptrouten", sagte der Controller. "Könnte noch eine Minute dauern, bis wir jemand gefunden haben. Aber machen Sie sich mal keine Sorgen."

Es fiel Robin schwer, das zu beherzigen. Kein Schiff in seiner Gegend! Konnte es sein, dass es wirklich vorbei sein sollte? Begannen gerade die letzten Stunden seines Lebens?

"Wie geht´s Ihrem Motor?" ertönte die nüchterne Stimme von der Küste in seinen Kopfhörern. "Je länger Sie in der Luft bleiben können, desto besser."

Robin hätte beinahe gelacht, obwohl ihm nicht danach zumute war. Über dem Festland konnte er ein Flugzeug ohne Motor den ganzen Tag in der Luft halten – eine halbe Tonne weißes Fiberglas auf Luftströmungen zu balancieren war sein größtes Talent. Doch hier über dem Ozean hatte er keine Chance. Er glitt dem Abgrund entgegen, sah genau, was auf ihn zukam, und konnte nichts dagegen tun, nichts. Diese Hilflosigkeit war vielleicht das Schlimmste daran. "Das Scheißding läuft noch, aber mehr schlecht als recht. Was ist denn jetzt mit diesen verdammten Schiffen? Soll ich auf einen anderen Kurs gehen?"

"Negativ, negativ. Wir haben noch niemanden gefunden. Bleiben Sie auf dem alten Kurs und versuchen Sie, noch eine Weile durchzuhalten."

Nervös suchte Robin das Meer unter ihm nach dem V-förmigen Muster ab, das ein vorbeifahrendes Schiff verraten würde. Seine Augen brannten von der Anstrengung, auf der glitzernden Wasseroberfläche etwas zu erkennen. Aber da war nichts, er flog über eine menschenleere Wüste. Und sein Motor quälte sich – gerade in diesem Moment hustete er durch eine Serie von Aussetzern, obwohl Robin ihn hätschelte wie nie zuvor eine Maschine, ihm gut zusprach, andere Einstellungen ausprobierte.

Robin zwang sich, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. "Ich fürchte, lang macht´s die Kiste nicht mehr. Haben Sie Search & Rescue schon Bescheid gegeben?"

Robin wusste, dass er den Controller nervte. Aber er wusste auch, dass sie bald Funkverbindung verlieren würden, und klammerte sich an jedes Wort.

Es war heiß im Cockpit der Cessna 150, und es schien mit jedem Augenblick heißer zu werden. Der Steuerknüppel war glitschig geworden vom Schweiß seiner Hände, und sein T-Shirt war klatschnass.

Fluchend kramte Robin nach der Schwimmweste, er musste sich abschnallen, um sich die Weste anziehen zu können. Er wünschte, er hätte daran gedacht, ein aufblasbares Rettungsboot mitzunehmen – das wäre viel nützlicher gewesen und hätte ihn wenigstens gegen Haie geschützt. Warum hatte er Peter überhaupt versprochen, seine verdammte Cessna zu überführen? Und warum war er nicht einfach umgekehrt, als er gesehen hatte, dass die kleine Kiste vernachlässigt aussah? Er hatte sich darauf verlassen, dass Peter sie wie versprochen hatte durchchecken lassen. Der Motor hatte ja auch einen ganz guten Eindruck gemacht. Trotzdem – er hätte es besser wissen müssen!

Im Cockpit der Cessna ertönte ein knirschendes Geräusch, als der Motor endgültig abstarb, der Propeller verwandelte sich von einer fast unsichtbaren Scheibe wieder in ein schmales schwarzes Stück Metall. Das stetige Dröhnen wich dem leisen Zischen der Luft um den Rumpf, das Robin aus Tausenden von Stunden von Segelflug so gut kannte. Jetzt bekam er von diesem Geräusch nur eine Gänsehaut.

Die Stimme von der Küste war immer schwerer zu verstehen, je tiefer die Cessna glitt. Eine Minute später brach die Übertragung ab – die Station war unter dem Horizont. Robin schaltete das nutzlose Funkgerät aus. Er schwitzte, und doch fühlte sich sein ganzer Körper eiskalt an.

Neunhundert Fuß, achthundert, siebenhundert zeigte der Höhenmesser; gleichmäßig und unerbittlich kreisten die Zeiger um die Skala und bewegten sich auf die Nullmarke zu. Wie ein gigantisches Heer marschierten die Wellen unter ihm entlang, er konnte schon den Schaum auf ihren Kronen erkennen. Gleich musste er sich ihnen ausliefern.

Robin blickte auf und kniff die Augen zusammen – da vorne auf seinem Kurs war doch etwas. Eine sehr, sehr dünne rauchblaue Linie dort, wo sich Meer und Himmel trafen. Konnte das Land sein? Das war wohl Wunschdenken! Auf der Karte war in dieser Gegend kein Fußbreit Erde eingezeichnet. Es musste eine Regenfront sein oder einfach der Horizont im Dunst ...

Lautlos glitt das kleine rot-weiße Flugzeug wenige Meter über der glitzernden Oberfläche des Ozeans dahin. Immer träger flog es, behutsam bis zur Mindestgeschwindigkeit verlangsamt. Gischt spritzte auf, als das Fahrwerk die Wellen berührte. Als der plötzliche Widerstand des Wassers sie abbremste, versuchte die Cessna sich zu überschlagen. Aber das Meer ließ ihre Räder schon nicht mehr los. Der Rumpf sackte sehr schnell ab; nur die großen flachen Flügel hielten ihn noch einen Moment lang an der Oberfläche. Dann zog der schwere Motorblock ihn in die Tiefe, mit der Schnauze voran begann die Maschine zu sinken. Einen Moment lang konnte man die Umrisse des weißen Flugzeuges durch das klare Wasser noch erkennen, dann sank es ins Blau hinein und verschwand ohne eine Spur.

2. Kapitel

Zwei Tage zuvor

Im fünften Stockwerk eines klobigen Bürohochhauses in Sydney flötete das Telefon.Keine Minute lang kann man sich in Ruhe auf seine Arbeit konzentrieren, dachte Lindy erbittert und schnappte sich den Hörer. "Lloyd Andrews Limited, Deggendorf am Apparat."

"Hallo Lindy, hier ist Robin Cameron."

Sie erkannte seine Stimme sofort, auch nach all den Jahren, und ihr Gehirn brauchte ein paar Sekunden, bis es sich von dem plötzlichen Stromstoß erholt hatte.

"Lindy, bist du noch dran?"

"Ja, ja. Aber ich weiß gar nicht, was ich sagen soll ... Wieso rufst du an?"

"Wollte nur mal hören, wie´s dir geht."

Ach, er will nur mal hören, wie es mir geht,dachte Lindy bissig.Auf einmal.Sie ärgerte sich darüber, dass ihr Puls raste wie nach einem Sprint.

"Gut geht´s mir, na ja, ich bin jetzt bei Lloyd Andrews im Marketing ... hast du ja schon gemerkt ... äh, ich bin jetzt stellvertretende Produktmanagerin für eine neue Seifenmarke ... interessante Sache, macht mir Spaß ..."Hör auf, du redest bloss Schwachsinn, dachte Lindy und knetete abwesend ihre Stirn. "Und wie läuft´s bei dir? Arbeitest du immer noch auf diesem Buschflugplatz?"

"Ja, man schlägt sich so durch. Hör mal, ich bin nächstes Wochenende in deiner Gegend. Hast du Lust, mit mir was Essen zu gehen?"

"Nächstes Wochenende?" Lindy blätterte in ihrem Terminkalender, erinnerte sich an die Party am Sonntag und daran, dass sie am Montag die Unterlagen fertig haben musste, zog eine Grimasse, entschied sich, nahm den Hörer wieder. "Nächsten Samstag ... hm ... um acht?"

"Okay. ImChamps Elysées– falls es das noch gibt."

"Ich glaub schon. Na, dann bis Samstag."

Als sie auflegte, bemerkte sie, dass Tom, der andere Junior im Marketing, sie von seinem Schreibtisch schräg gegenüber grinsend beobachtete.Ich wette, er hat sich kein Wort entgehen lassen, dachte Lindy und schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln, das ihm hoffentlich das Blut in den Adern verstopfte.

Am Samstagabend war dasChamps Elyséesziemlich voll, und Lindy war froh, dass sie den Tisch reserviert hatte. Es war eins dieser pseudo-französischen Lokale, früher hatte ihr das gefallen. Gereizt nahm sie einen Schluck von ihrem Chardonnay. Es war schon das zweite Glas. Lindy wollte nicht schon wieder auf die Uhr sehen, und im Grunde wusste sie auch genau, wie spät es war: immer noch halb neun, oder höchstens ein paar Minuten später.

Fünf Minuten gebe ich ihm noch, und keine Sekunde mehr,dachte Lindy. Es war entwürdigend, so lange sitzengelassen zu werden, und sie spürte, wie sich in ihrem Magen ein Knoten Wut ballte. Wie immer. Alles wie früher. Er war noch nie pünktlich gewesen, eigentlich hätte sie erst eine halbe Stunde später kommen müssen! Sie begann, ihm auf ihrem Smartphone eine Nachricht zu schreiben, doch in diesem Moment sah sie ihn schon durch die Tür fegen und mit einem der Kellner sprechen. Ihr Körper spannte sich. Sie beobachtete, wie er mit suchenden Blicken das Restaurant durchquerte. Gleich musste er sie an ihrem Ecktisch bemerken. Sein Blick richtete sich auf sie – und glitt ohne Reaktion über sie hinweg.

"He, Mister Cameron, brauchen Sie eine neue Brille?" rief Lindy halb amüsiert, halb beleidigt hinter ihm her, sah ihn stutzen und zurückkommen. Erst als sie seine Verblüffung bemerkte, fiel ihr ein, dass sie sich ziemlich verändert hatte in den Jahren, in denen sie sich nicht gesehen hatten. Als sie zusammengelebt hatten, waren sie noch Studenten auf dem Weg zu einem MBA-Abschluss gewesen ... seither hatte Lindy die Jeans gegen Rock und Blazer eingetauscht, ihre langen dunklen Haare hatte sie sich kurz und weizenblond stylen lassen, und die Brille war im Müll gelandet, als sie sich schließlich doch noch an die Kontaktlinsen gewöhnt hatte.

Robin ließ sich auf den Platz ihr gegenüber sinken. Er grinste über das ganze Gesicht. "Ich hab dich nicht erkannt. Meine Güte."

"Das hab ich gemerkt." Lindy konnte nicht anders – sie musste zurückgrinsen. Robin sah fast so aus wie früher, er hatte noch immer den schmalen, sehnigen Körper eines Langstreckenläufers und dieses breite Grinsen, das von einem Ohr zum anderen zu reichen schien. Seine grünbraunen Augen leuchteten.

"Hatten wir nicht acht Uhr ausgemacht?" fragte Lindy.

"Doch. Vor Sydney war Stau. Kannst du mir nochmal verzeihen?"

"Na gut. Ausnahmsweise."

Mühe gegeben hat er sich ja nicht gerade mit seiner Aufmachung,stellte Lindy etwas enttäuscht fest. Er trug verwaschene Jeans und ein helles Hemd, das schon bessere Tage erlebt hatte. Seine glatten rotbraunen Haare hatten lange keinen Friseur mehr gesehen und sein Gesicht sah dank der Sonnenbrille witzig aus, zur Hälfte tief gebräunt und um die Augen fast weiss.

"Du siehst aus, als kämst du gerade von einer Expedition zurück."

Er erwiderte ihren kritischen Blick unbeeindruckt. "Darf ich annehmen, dass das nicht als Kompliment gemeint war?"

"Ich verstehe nur nicht, wie du auf diesem Flugplatz in dieser grässlichen Kleinstadt leben kannst, das ist alles."

Im selben Moment, als Lindy das sagte, wünschte sie schon, sie könne die Worte zurückholen, während sie noch in der Luft schwebten. Doch sie hatten schon ihr Ziel getroffen. Das breite Grinsen verschwand, und das hatte sie nicht gewollt – oder doch?

"Das haben wir alles schon vor drei Jahren ausdiskutiert", sagte Robin kühl. "Meinst du nicht, dass wir die Sache auf sich beruhen lassen könnten? Ich bin glücklich damit, anderen Leuten das Fliegen beizubringen, und du bist glücklich damit, Marketingstrategien für neue Seifenmarken zu planen, wenn ich´s am Telefon richtig verstanden habe. Ende."

Verlegen nahm Lindy einen Schluck aus ihrem Glas. "Tut mir leid. Ich glaube, ich bin schon ein bisschen beschwipst. Weil ich mit dem Essen auf dich warten wollte, habe ich seit acht Uhr schon drei Gläser Wein getrunken."

"Das kann ich leider nicht mehr aufholen. Mein Schicksal sind heute Saft oder Wasser", sagte Robin etwas besänftigt und versuchte die Bedienung auf sich aufmerksam zu machen. "Ne lange Strecke steht an. Verdammt lang – nach Neuseeland. Ich überführe Peter Brooks' Cessna, er hat sie an einen Club in Auckland verkauft."

Sie versteifte sich unmerklich, als er den Flug erwähnte, und natürlich entging ihm das nicht.

"Jetzt sag nicht, dass du immer noch nicht darüber hinweg bist", sagte Robin und seufzte. "Das mit deinem Vater ist schon so lange her."

"So etwas vergisst man nicht", sagte Lindy und wünschte, sie könnte sich in diesem verdammten Restaurant eine Lucky Strike anzünden. Aber sie hatte keine Lust darauf, rausgeworfen zu werden. "Der Anblick, wie sie ihn aus dem Flugzeugwrack gezogen haben ... sei froh, dass du sowas nie erlebt hast. Wieso überführt dieser Kerl sein Flugzeug nicht selbst?"

Robin grinste. "Peter? Er ist ein so schlechter Pilot, dass er Neuseeland vermutlich verfehlen und den ganzen Weg nach Südamerika weiterfliegen würde. Aber ich sag dir was – ich ruf dich an, wenn ich ankomme. Dann weißt du, dass ich sicher und gemütlich in Auckland hocke. Meinst du, das hilft?"

"Ja, doch, das klingt gar nicht schlecht."

Sie griffen gleichzeitig nach der Speisekarte, und ihre Finger berührten sich. Beide zuckten zusammen. Verwirrt begann Lindy in der Karte zu blättern und spürte zu ihrem Ärger, wie sie rot wurde. Sie hoffte, dass man es im weichen Kerzenlicht nicht sah.

"Nur damit du es weißt, du bist eingeladen", hörte sie Robin sagen.

"Bist du sicher? Deine schottischen Vorfahren würden sich im Grab herumdrehen, wenn sie wüssten, wie du mit deinem Geld um dich wirfst."

"Sollen die sich doch drehen, so oft sie wollen. Abgesehen davon brauchst du nicht zu denken, dass ich als Fluglehrer einen Hungerlohn verdiene. Keine Sorge. Ist zwar nicht berühmt, aber immerhin. Ich kann´s mir leisten."

"Das wollte ich damit nicht sagen." Lindy fragte sich niedergeschlagen, wie lange es wohl dauern würde, bis wieder einmal die verbalen Stahlpfeile flogen. Nicht sehr lange, wenn es so weiterging. Sie entschied sich, das Thema zu wechseln. "Mein Gott, ich war schon seit einer Ewigkeit nicht mehr imChamps Elysées. Vielleicht hätten wir insBlue Flamingogehen sollten, das ist eher mein Revier. "

Er zog die Augenbrauen hoch. "Da drin kommt man sich doch nur vor wie in einer Hochglanzillustrierten. Außerdem hat dasChamps Elyséesviel besseres Essen."

Lindy spürte, wie Erinnerungen in ihr hochstiegen. "Erinnerst du dich, damals, hier haben wir gefeiert, als ich meine Zwischenprüfung bestanden habe ... puh, ist das lange her ..."

"Natürlich weiß ich das noch", sagte ihr Ex-Freund. Er betrachtete mit Vergnügen das riesige Steak, das ihm gerade serviert wurde. So wie sie ihn kannte, hatte er in den letzten Wochen von Sardinen aus der Dose und seinen scheußlichen Schinken-Marmelade-Sandwiches gelebt. "Du hattest diese witzige Bluse mit den Koalas an. Der Ausschnitt war ganz schön tief. Sogar der Kellner hat geglotzt."

Lindy lachte. "In der Firma könnte ich die nicht anziehen. Einer meiner Kollegen, Tom heisst der Mistkerl, versucht jetzt schon ständig, mich anzugrapschen. Ich werd´s ihm schon noch abgewöhnen."

Sie lächelten sich an. Robins Augen schienen ständig die Farbe zu wechseln, je nachdem, in welcher Stimmung er war. Jetzt waren sie grün, ein helles, durchscheinendes Grün. Wahrscheinlich lag es doch nur am Licht.Er trägt noch dieselbe Brille wie damals, stellte Lindy fest.

"Na, dann erzähl mal", meinte er. "Bist du schon im Hafen der Ehe gelandet? Womöglich hast du schon drei schreiende Bälger daheim? Rück raus."

"Nein, ich lebe nur mit meinem Freund zusammen", erzählte Lindy, während sie ihre Crevettes mit den Fingern zerlegte und in die Sauce tunkte. "Mit Anthony. Aber ich glaube nicht, dass ich mal heiraten werde. Und du?"

"In dieser Richtung nichts Neues jenseits der blauen Berge."

Sie fragte sich, ob er eine Freundin hatte. Sehr wahrscheinlich. Aber er schien nicht vorzuhaben, sie zu erwähnen. "Du hast Angst, deine Unabhängigkeit zu verlieren, Cameron, stimmt´s?"

Robin nippte an seinem Orangensaft. "Ja, das wird´s wohl sein. Klingt ganz schön banal, was? Aber ich will weiterhin immer das tun können, was ich wirklich will. Ohne Kompromisse."

"Das heißt, wenn du keine Lust mehr hast, in Tocumwal zu arbeiten, dann bist du am nächsten Tag verschwunden?"

"Na ja, vielleicht nicht gerade am nächsten Tag. Aber grundsätzlich schon. Habe ich dir eigentlich erzählt, dass ich in zwei Wochen die Weltmeisterschaften im Segelflug mitmachen werde?"

"Du weisst doch genau, dass du mir das nicht erzählt hast. Meine Güte!"

"Sie finden in Leszno statt, das ist in Polen. Mein Chef Danny sponsert mich und stellt mir seine eigene brandneue Ventus zur Verfügung. Er macht das natürlich nicht, weil er mich so gern hat. Als Aushängeschild braucht er mich, klar. Um ehrlich zu sein, Danny ist ein ziemlicher Mistkerl, aber seine Maschine ist wunderschön. Ich habe sieSouthern Crossgetauft."

Lindy begann von ihrem Chef Mr. Wu zu erzählen, und von dort kamen sie irgendwie zur Menschenrechtsbewegung in China. Als die Teller abgeräumt wurden, diskutierten sie hitzig über Kennedys Schuld am Vietnamkrieg. Robin spielte den Teufelsadvokaten, aber das ließ Lindy nicht auf ihrem Lieblingspolitiker sitzen. Sie konnte sich gar nicht daran erinnern, wann sie zuletzt so saftig mit jemandem gestritten hatte, und wann ein Gespräch ihr zuletzt soviel Spaß gemacht hatte.

Während die Stunden verstrichen, leerte sich das Restaurant allmählich. Aber am Ecktisch saßen Lindy und Robin sich noch immer gegenüber. Kennedy ließen sie längst wieder friedlich in seinem Grab ruhen, irgendwie waren sie beim Thema alte Freunde aus dem Studium gelandet und wie man über Facebook den Kontakt zu ihnen halten konnte.

„Ich bin immer noch nicht bei Facebook“, gestand Robin. „Reizt mich einfach nicht.“

Lindy verzog das Gesicht. „Und ich habe mich wieder abgemeldet, nach diesen ganzen Datenschutzskandalen. Aber dafür habe ich neulich live und ganz in echt Malcolm und Tom getroffen, stell dir das vor – sie sind bei Harding & Brown, stell dir das vor. Dort wollten sie doch eigentlich nicht hin." Die Weinkaraffe vor ihr war leer, und ihre Wangen fühlten sich heiß an, wahrscheinlich waren sie rot wie Tomaten. Sie trank selten so viel. "Und Melissa arbeitet bei Main Score. Sie sind also alle im Management gelandet."

Robin ließ den Blick nicht von ihrem Gesicht. "Klar. Wie geht's ihnen? Hat sich Tom wirklich den BMW gekauft, von dem er immer geträumt hat?"

"Kann sein, danach habe ich ihn nicht gefragt. Um ehrlich zu sein, es war ein bisschen abstoßend", gestand Lindy. "Alle, die ich getroffen habe, haben sich ziemlich verändert."

"Klingt logisch", sagte Robin ruhig. "Ich habe mich auch verändert."

"Ja, du bist anders geworden ... aber du legst nicht so einen schrecklichen Wert darauf, andere zu beeindrucken. Unter meinen Freunden ..."

" ... die auch mal meine Freunde waren, vor der Tocumwal-Ära ..."

" ...kommt es doch nur darauf an, den richtigen Lebensstil zu haben. Stil! Ich glaube, ich habe das Wort ein paarmal zu oft gehört. Es traut sich ja keiner mehr, einen eigenen Geschmack zu haben. Wenn der seiner Clique nämlich nicht gefällt, dann ist er auf einmal der Trottel vom Dienst."

"Ich weiß", sagte Robin Cameron. "Das weiß ich leider noch ziemlich gut."

Lindy sah in seinem Gesicht, dass die Erinnerung bitter schmeckte, doch sie konnte nicht mehr aufhören zu reden, die Worte bahnten sich ihren Weg nach draußen. "Man kann nicht mehr den kleinsten Misserfolg eingestehen. Das würde ja bedeuten, dass man nicht mehr zu den Gewinnern gehört ... Mein Gott, wenn ich daran denke, was aus den anderen geworden ist, bin ich fast froh darüber, dass du nach Tocumwal gegangen bist ..."

Sie merkte, dass Robin sie verblüfft anstarrte.

"Manchmal glaube ich, dass du doch das Richtige getan hast", wiederholte Lindy.

"Du musst wirklich beschwipst sein", sagte Robin sanft.

Ein Kellner nutzte ihre kurze Gesprächspause, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass das Restaurant gleich schließen würde. Verlegen räumten Robin und Lindy ihre Sachen zusammen. Als sie das Restaurant verließen, wurden hinter ihnen bereits die Lichter ausgeschaltet.

Einen Moment lang standen sie gemeinsam auf dem Bürgersteig.

"Na ja, so schlimm war das Wiedersehen doch gar nicht, oder?" meinte Robin. "Zumindest haben wir uns nicht die ganze Zeit gestritten. Vielleicht haben wir doch was gelernt in diesen drei Jahren."

Lindy zögerte, wollte nicht daran denken, dass sie ihn nach diesem Abend vermutlich wieder ein paar Jahre lang nicht sehen würde.Ich liebe ihn nicht mehr, schon längst nicht mehr – und zu Hause wartet Anthony auf mich,sagte sie sich trotzig, doch eine kleine Stimme in ihrem Inneren lachte höhnisch.

"Wo steht dein fahrbarer Untersatz?" fragte Robin. Seine Augen blickten seltsam, braun waren sie jetzt, und Lindy konnte ihren Ausdruck nicht deuten. "Ich bringe dich noch hin."

"Richtung Park", sagte Lindy vage, und sie machten sich gemächlich auf den Weg. "Fährst du immer noch deinen blauen Ford? Ich wette, du hast wieder nicht abgeschlossen."

Er zuckte die Schultern. "Kann sein. Und wenn schon – den klaut keiner mehr. Siehst du, das ist einer der Vorteile, wenn man keinen schicken BMW hat."

Entspannt, zufrieden gingen sie nebeneinander her und erreichten bald die ersten Grünflächen. Neben ihrem roten Mitsubishi blieb Lindy schließlich stehen.

"Na, dann ...", sagte Robin, aber Lindy machte noch keine Anstalten einzusteigen.

"Weißt du, wenn du nur angerufen hättest ... nach dem großen Krach ... dann wäre es vermutlich ganz anders gekommen", sagte sie und achtete darauf, dass ihre Stimme sachlich klang. Sie fühlte sich schutzlos. Eine witzige Bemerkung von ihm hätte sie jetzt nicht verkraften können. "Aber wir waren wahrscheinlich beide zu stolz dafür."

Nein, er machte keine witzige Bemerkung. Er sah nur in eine andere Richtung, und seine Stimme klang seltsam, als er sagte: "Und ich wünschte, ich hätte mein Temperament damals ein bisschen besser unter Kontrolle gehabt ..."

Lindy spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte.Mach dir keine großen Hoffnungen, Lin,dachte sie.Er arbeitet nur die Vergangenheit auf.

"Mein Hitzkopf war auch nicht gerade von Pappe", gab sie zu. "Schon erstaunlich, dass man in einer einzigen Nacht alles kaputtmachen kann, was man in Jahren zusammen aufgebaut hat."

"Nein, nein, so war es nicht“, widersprach er. „Der Streit war nicht Ursache, sondern Wirkung. Wir hatten einfach beide verschiedene Wege eingeschlagen und sind sie gegangen, koste es, was es wolle."

"Warum haben wir dann den Kontakt abgebrochen? Das hätte nicht sein müssen."

Robin zögerte eine Sekunde lang, bevor er zugab: "Es hat zu weh getan."

"Na ja, inzwischen wissen wir wohl beide, dass Beruf und Selbstverwirklichung allein nicht glücklich machen."

"Hätten wir damals auch schon kapieren können."

Lindy lachte verlegen auf. "Weißt du was, du Mistkerl? Ich habe mir all die Jahre gewünscht, dass du zurückkommen würdest."

Sie blickte ihn an und versuchte, aus dem Tumult in ihrem Inneren schlau zu werden.Wir haben uns so weit voneinander entfernt, dass wir kaum noch Gemeinsamkeiten haben, dachte sie.Es würde nicht mehr funktionieren!

Aber aus irgendeinem Grund genügte der Gedanke nicht, um ihre Pulsfrequenz wieder auf normales Maß zu senken. Ihr Hirn wusste, dass es mit ihnen vermutlich keinen Sinn hatte, so wie sie jetzt waren, aber gleichzeitig wünschte sie sich Robin zurück, und das mit einer Sehnsucht, die sie selbst erstaunte. Es war ein schrecklicher Gedanke, dass sie sich vielleicht die letzten drei Jahre lang angelogen hatte, dass sie damals vielleicht eine Chance weggeworfen hatte, wie man sie nur ganz selten bekam.

Von ihm kam nichts, er ging schweigend neben ihr her, als habe er sie überhaupt nicht gehört.

In Lindys Magen war ein scheußliches Gefühl, so als habe sie Spinnweben und Backsteine gegessen statt Seeteufelmedaillons mit Pinienkernen.

"Auf jeden Fall wünsche ich dir für die Zukunft alles Gute", sagte sie. "Wir sollten uns jetzt besser auf den Heimweg machen ..."

Ganz plötzlich drehte er sich zu ihr, zog sie an sich und küsste sie. Überrascht lag Lindy schlaff in seiner Umarmung, doch dann begann sie den Kuss zu erwidern. Sie spürte seine Hand auf ihrer Wange, sanft und sehr vertraut. Ihre Frisur geriet durcheinander und ihr Lippenstift verwischte sich, als sie sich noch einmal küssten, heftiger diesmal.

Lange Zeit standen sie dort auf dem Gehweg, und Worte waren gar nicht nötig. Schließlich schafften sie es, sich voneinander zu lösen. Lindys Stimme war heiser. "Es würde nicht klappen mit uns."

"Wahrscheinlich nicht", hörte sie ihn sagen. "Aber verdammt, ich kann dich jetzt nicht so einfach gehen lassen. Ich will dich gar nicht gehen lassen. Ich hab dich vermisst."

"Wir könnten es ja nochmal versuchen", sagte Lindy, legte die Arme um ihn und vergrub ihr Gesicht in seiner Halsbeuge. Er roch nach Sonnenöl und Rauch.

"Bist du sicher?"

"Vielleicht soll das so sein – dass wir nochmal eine zweite Chance bekommen."

"Aber wie und wo ... Tocumwal ..."

"Ruf mich einfach an, sobald du zurück bist", sagte Lindy leise. "Wir finden einen Weg."

"Versprochen", flüsterte Robin.

3. Kapitel

Robins Schwimmweste war völlig zerfetzt von den scharfen Korallen des Inselriffs, auf das ihn die Brecher geschleudert hatten. Er war bewusstlos und wusste nichts davon, dass er mit dem Gesicht nach unten auf dem nassen Sand lag. Dann und wann griff eine Welle nach dem reglosen Körper, konnte ihn aber nicht wieder ins Meer zurückziehen.

In der Tropensonne begannen seine Haare langsam zu trocknen, und ein stetiger Wind bewegte sie. Von seinem Arm sickerte Blut in den Sand und färbte ihn dunkel. Eine Krabbe huschte über den Sand und versteckte sich in den Fetzen der gelben Rettungsweste, bevor sie weiterkroch zu einem Tangklumpen, der ebenfalls angeschwemmt worden war. Mit trägem Summen zog eine Fliege ihre Kreise über der Gestalt an der Wasserlinie, stieg schwerfällig wieder auf. Der stetige Donner der Wellen am Riff pulste wie ein Herzschlag durch die Stille.

Die Insel war nur ein kleiner, heller Fleck im Ozean mit einem Durchmesser von etwa eineinhalb Kilometern und einer Länge von zwei, drei Kilometern. Sie hatte die Form eines unregelmässigen, fetten Cs. Über die Jahrhunderte hatten das Meer Korallen und Muscheln zu einem grobkörnigen Sand zermahlen und im Innenbogen des Buchstabens abgelagert. Zwischen Strand und Riff breitete sich eine Lagune mit ruhigerem Wasser aus. Schatten unter der Oberfläche verrieten, dass sich einige Fischschwärme hierher zurückgezogen hatten, um vor Raubfischen sicher zu sein.

Tropisches Buschwerk, niedrige Bäume und einige wenige Palmen bedeckte die kleine Insel. Ihre makellose Küste verriet kein Anzeichen menschlicher Besiedelung.

Als Robin allmählich zu sich kam, spürte er das Brennen der Sonne und einen unerträglichen, pochenden Schmerz in seiner linken Seite und seinem Arm. Langsam, mit Mühe, drehte er den Kopf, damit er besser atmen konnte. Sein ganzer Körper fühlte sich zerschlagen an. Er glaubte nicht, dass er sich bewegen konnte, und versuchte es erst gar nicht. Doch dann durchdrang eine Stimme den Nebel in seinem Gehirn, und mit einiger Anstrengung schaffte es Robin, den Kopf zu heben und die Augen zu öffnen. Seine Augen brannten vom Salzwasser. Die Landschaft hatte unscharfe Konturen – seine Brille war verschwunden.

Das erste, was er sah, war eine hübsche, kaum bekleidete Frau, die ihn von der Baumgrenze aus anschrie.

"Geh weg! Lass uns in Ruhe! Wir wollen dich hier nicht!"

Muss ein besonders seltsamer Traum sein,dachte Robin und schloss die Augen wieder, ließ sich treiben. Sein Bewusstsein verebbte.

Eine männliche Stimme mischte sich in das Schreien der Frau.

"Was geht hier vor, Suzanne? Oh, was zum Teufel ..."

"Geh nicht hin!Bitte!Wir gehen einfach weg und vergessen das alles, dann wird uns nichts mehr hier stören!"

"Du musst wahnsinnig sein! Er könnte noch leben. Schnell, wir müssen ihn auf den Strand hinaufbringen."

Das Geräusch von Schritten, die auf ihn zukamen. Dann drehte ihn jemand um, fühlte seinen Puls an der Schlagader. Entschlossene Hände zogen ihn aus der Reichweite des Wassers, schleiften ihn auf trockenen Sand.

"Ganz schwacher Puls. Er atmet noch. Ich wünschte, ich hätte mehr Ahnung von Erster Hilfe."

"O mein Gott!"

"Los, hilf mir. Ich kann doch nicht alles allein machen! Hol eine Decke und eine Flasche Whisky aus dem Lager. Mach schnell!"

In diesem Moment öffnete Robin die Augen erneut und begann zu husten. Verschwommen sah er zwei erschrockene Gesichter über sich.

"Wie fühlen Sie sich? Was ist passiert? Ist Ihr Schiff gekentert?"

Doch Robin konnte nicht antworten, er wurde von einem neuen Hustenanfall gepackt, würgte und spuckte Wasser.

"Beeil dich, Suzanne! Hol doch endlich die Decke! – Wer sind Sie?"

Robin versuchte zu sprechen, schaffte es aber nicht. Sein Mund und seine Kehle fühlten sich ausgedörrt an, und ein widerlicher Salzgeschmack lag auf seiner Zunge. Der Mann betrachtete ihn besorgt, gab die Befragung vorläufig auf und wartete auf seine Frau, die anscheinend seinen Anweisungen gefolgt und zum Lager gerannt war.

Eine Dreiviertelstunde später lag Robin in einen Schlafsack gewickelt im Schatten eines roten Zeltes. Auf einer Leine vom Zelt zu einem Baum trockneten seine Jeans und das T-Shirt mit dem Logo des Segelflugzentrums von Tocumwal. Er war bei Bewusstsein, aber noch immer völlig erschöpft. Obwohl das Thermometer bestimmt achtundzwanzig Grad anzeigte, fröstelte er – der Schock wirkte noch in ihm nach, und die fast zwanzig Stunden im Wasser hatten ihn ausgekühlt. Er wusste, dass sein Blutdruck furchtbar niedrig und er vielleicht innerlich verletzt war, aber es war ihm gleichgültig. Wichtig war nur der feste Boden, auf dem er lag.

Die blonde Frau saß in zwei Metern Entfernung auf einem Campingstuhl. Sie beobachtete, wie ihr Mann Robin dazu zu bewegen versuchte, einen Schluck Whisky zu trinken. Die scharfe Flüssigkeit verscheuchte Robins Benommenheit, und allmählich begannen auch die Schmerztabletten zu wirken.

"Es tut höllisch weh, wenn ich atme", murmelte er.

"Woran könnte das liegen, Sue? Schliesslich bist du eine Arzttochter!"

"Könnte auf ein paar gebrochene Rippen hinweisen", sagte die Frau widerwillig. "Seine anderen Verletzungen scheinen nicht so schlimm zu sein."

"Wie schön", sagte Robin schwach.Geschafft.Er hatte es geschafft. Für viel mehr als für diesen Gedanken schien in seinem Kopf kaum Platz zu sein.

"Haben Sie ... zufällig meine Brille irgendwo gefunden?"

"Leider nein. Ich hoffe, Sie können auch ohne sie auskommen, Mister ..."

"Robin Cameron. Ja, ich glaub schon."

"Wir sind John und Suzanne Fraser ... Ich vermute, wir sollten Sie mal verarzten. Bringen wir's hinter uns."

John tastete vorsichtig Robins linken Arm und Brustkorb ab. Als er die Rippen erreichte, konnte Robin ein Stöhnen nicht unterdrücken.

"Ganz eindeutig gebrochen", sagte John. "Der Arm scheint zum Glück nur angeknackst. Sie gehören in ein Krankenhaus."

"Hier im Umkreis wird es damit wohl schlecht bestellt sein ..."

"Stimmt. Wir sind hier allein."

Noch konnte Robin nicht ganz glauben, was er hörte. "Sie meinen – nur Sie zwei? Haben Sie denn eine Möglichkeit, um Hilfe zu rufen? Zum Beispiel Funkkontakt mit Australien?"

"Nein. Wir wollten so etwas nicht."

"Sie wollten so etwas nicht?" wiederholte Robin entgeistert. Er versuchte, sich auf einen Ellenbogen zu stützen, ließ sich aber schon bald wieder zurücksinken.

"Nicht anstrengen", befahl John.

Während der vierschrötige grauhaarige Mann in einem Verbandskasten kramte, beobachtete Robin ihn und seine Frau unauffällig aus halb geschlossenen Augen und versuchte, sich einen Reim auf das zu machen, was er erfahren hatte.

Suzanne war feingliedrig und blond. Sie war deutlich jünger als John, Robin schätzte sie auf Ende Dreißig. Die Jahre hatten ihr nicht zu schlimm mitgespielt, sie war noch immer schlank und vollbusig, und ihr ebenmässiges Gesicht war beinahe klassisch schön.

Während sich John schon fast von der Überraschung über den unerwarteten Zwischenfall erholt hatte, war das Gesicht der Frau noch immer von der Anspannung verzerrt. Wenn sie Robin ansah, waren ihren Augen kühl. Dunkel erinnerte er sich an seine seltsame Vision am Strand, die vermutlich doch keine Vision gewesen war. Jemand hatte ihn angeschrien ...

Vielleicht ist sie nicht ganz richtig im Kopf,dachte Robin beunruhigt.Ist das hier eine Art Irrenhaus?

"Für Erklärungen ist später noch genügend Zeit. Erst einmal müssen wir Ihre Wunden desinfizieren. Waren das die Korallen?"

"Sieht fast so aus", sagte Robin. "Zum Glück kann ich mich nicht mehr allzu klar daran erinnern."

Er betrachtete seinen blutverkrusteten linken Arm. Als er von der Brandung auf das Riff geschleudert worden war, mussten sich die glasharten Stacheln der Korallen hineingebohrt haben. Der Rest seines Körpers war von der Rettungsweste und der Jeans einigermassen geschützt gewesen.

"Wenn das auf dem offenen Meer passiert wäre, hätten die Haie das Blut gewittert und Sie erwischt", sagte John nüchtern. "Sie haben Glück gehabt. Die australischen Haie sind ziemlich ... na ja, das wissen Sie bestimmt. Es kommen auch öfter welche in die Lagune."

Der Mann versuchte die Wunde zu desinfizieren, aber er stellte sich nicht sonderlich geschickt an.

"Ach, so macht man das doch nicht ...", sagte Suzanne, und John drückte ihr einfach die Camp-Apotheke in die Hand. Schweigend zerriss sie eins von Johns Polo-Shirts, um einen Verband herzustellen.

"Es tut mir leid, dass ich Ihnen so viele Umstände mache", meinte Robin.

"Uns tut es auch leid!" sagte Suzanne bissig.

"Hör auf, Sue!", knurrte ihr Mann. "Ist nicht seine Schuld, dass er hier mit uns festsitzt."

Suzanne warf Robin einen düsteren Blick zu.

"Sie dürfen es ihr nicht übelnehmen", sagte John entschuldigend. "Es war Ihre Idee vier Wochen allein auf dieser Insel zu leben und damit unsere Ehe zu kitten. Wir haben nicht gerade mit Besuchern gerechnet ..."

Robin versuchte, sich die Verblüffung nicht anmerken zu lassen. Das war die skurrilste Beziehungstherapie, von der er jemals gehört hatte.

"Ich habe auch nicht gerade damit gerechnet, dass ich hier ankommen würde. Wenn alles glattgegangen wäre, säße ich jetzt schon in einem Hotelzimmer in Auckland."

"Was ist passiert?"

"Diese verdammte Cessna. Irgendwas war mit dem Motor los."

Er sagte es beiläufig, aber jetzt kamen die Erinnerungen mit ganzer Wucht zurück.Ein Propeller, der sich noch einmal klackernd dreht, dann stillsteht ... aufpeitschende Gischt, die die Cockpitscheiben blind macht ... hereinstürzendes Meerwasser ... ungelenk in der Schwimmweste ... kein Gefühl mehr im Körper ... Schwimmen ... schwarzes Wasser, schwarzer Himmel ... endlose Stunden ...

Peters Cessna war verloren. Sie würde wahrscheinlich nie gefunden werden, und er würde nie herausfinden, was für ein Defekt ihn beinahe das Leben gekostet hätte.Hoffentlich war Peter wenigstens versichert, dachte er.Seine Kiste liegt jetzt so tief wie die Titanic. Aber meine Schuld war´s ja nicht.

Ganz unvermittelt kehrte der Gedanke an Lindy zurück. Sie würden sich wiedersehen können! Ihr Bild kehrte in ihm zurück, und sein Herzschlag beschleunigte sich. Er hätte gerne mit ihr gesprochen, ihre Stimme gehört. Ein Königreich für ein Funkgerät ...

Robin betrachtete seinen Arm, und die Weltmeisterschaften fielen ihm ein. Nur noch zwei Wochen, bis in Leszno das erste Briefing abgehalten werden würde! Eine furchtbare Hoffnungslosigkeit kroch in ihm hoch. In diesem Zustand konnte er unmöglich mitfliegen. Es war zwar nur der linke Arm, mit dem er höchstens die Klappen und das Fahrwerk bedienen musste, aber trotzdem ... und seine verdammten kaputten Rippen, mit denen würde er es auch nicht lange in einem engen Cockpit aushalten. DieSouthern Crossselbst jeden Tag aufzubauen ging dann sowieso nicht, aber dafür konnte man ja genügend Helfer mitnehmen.Ich muss irgendeine Möglichkeit finden, Kontakt zum Festland zu bekommen, dachte Robin verzweifelt.Ab ins Krankenhaus, da flicken sie mich vielleicht noch rechtzeitig zusammen.Aber wenn sie mich nicht bald finden, dann komme ich nie rechtzeitig nach Polen ...

Im Geiste begann Robin nachzurechnen, und er schöpfte wieder etwas Hoffnung. Wenn er innerhalb von einer Woche gefunden und zum Festland gebracht wurde, dann konnte er zumindest theoretisch noch rechtzeitig in Leszno antreten. Aber würde er es überhaupt aushalten, mit einem schmerzenden Arm und angeknackster Rippe zu fliegen, vielleicht noch übermüdet von der langen Anreise im letzten Moment? Chuck Yeager hatte mit einer kaputten Rippe die Schallmauer durchbrochen, aber er war nicht Yeager. Wenn er geschwächt flog und nicht alle Kräfte auf den Sieg konzentrieren konnte, dann landete er vielleicht doch nur unter "Ferner liefen" und schadete womöglich noch seinem Ruf und dem des Segelflugzentrums.