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AUS DER ASCHE ... Augenweide war einst die einzige Keilerreiterin in den Geteilten Landen. Doch jetzt ist sie die stolze Anführerin ihrer eigenen Rotte – einer eingeschworenen Schar loyaler Halb-Orks, die jeden ihrer Befehle ohne zu zögern ausführen. Doch ihr erstes Jahr als Häuptling war eine einzige Zerreißprobe. Die Bastarde sind verstreut und verzweifelt, ihre Reihen durch eine mysteriöse Hungersnot entscheidend geschwächt und ihre Festung nur noch ein glühender Haufen Schlacke. Ein Rudel gefräßiger Bestien umkreist ihr Lager, während habgierige menschliche Adlige einen Plan aushecken, der das Gleichgewicht der Macht in den Geteilten Landen verschieben wird. Weide und ihre Kameraden stemmen sich diesen Entwicklungen mit aller verbliebener Kraft entgegen – schließlich sind sie Bastarde –, aber selbst der härteste Halb-Ork hat seine Grenzen und Weide weiß, dass sie am Rande des Ruins stehen. Während sie sich bemüht, ihre Rotte in Sicherheit zu bringen und die menschlichen Intrigen aufzudecken, muss Augenweide durch verbotene Elfenländer reisen, langjährigen Hass überwinden, gegen einen monströsen Zauberer von erschreckender Macht ankämpfen und sich mit den dunklen Wahrheiten ihrer eigenen Existenz auseinandersetzen. Gerade Letzteres könnte der Prüfstein sein, an dem sie möglicherweise zerbrechen wird. Band 2 der Reihe "Die Geteilten Lande".
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Seitenzahl: 999
Veröffentlichungsjahr: 2023
AUSSERDEM BEI PANINI ERHÄLTLICH
JONATHAN FRENCH: DIE GETEILTEN LANDE
Band 1: DIE GRAUEN BASTARDE
Band 2: DIE WAHREN BASTARDE
Band 3: DIE FREIEN BASTARDE
Nähere Infos und weitere phantastische Bände unter:paninishop.de/phantastik/
JONATHAN FRENCH
Ins Deutsche übertragen von Helga Parmiter
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright © 2023 Jonathan French. All Rights Reserved.
Titel der Englischen Originalausgabe: »The True Bastards – The Lot Lands – Book 2« by Jonathan French, published 2019 in the US by Crown, an imprint of the Crown Publishing Group, a division of Random House LLC, New York. Originally published by Ballymalis Press in 2016.
Umschlagsdesign: Duncan Spilling LBBG
Umschlagsfoto: © Larry Rostant
Deutsche Ausgabe 2023 Panini Verlags GmbH, Schloßstr. 76, 70176 Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Geschäftsführer: Hermann Paul
Head of Editorial: Jo Löffler
Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: [email protected])
Presse & PR: Steffen Volkmer
Übersetzung: Helga Parmiter
Lektorat: Katharina Altreuther
Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart
Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln
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ISBN 978-3-7569-9998-9
Gedruckte Ausgabe:
1. Auflage, April2023,ISBN 978-3-8332-4333-2
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PaniniComicsDE
Für Liza, meine Braut, furchtlos und bezaubernd. Danke, dass du deinen Lebensunterhalt in deiner Unterwäsche verdienst, damit ich ihn in meiner verdienen kann.
1
»NJELLOS.«
»Nellus.«
»Nein, Njellos.«
»… Nielus.«
»Hartes o am Ende. Wie ›offen‹. Njellos.«
»Nielos.«
»Besser. Aber nicht ›nie‹. Schnell ›nnn‹. N-jellos.«
»Nn… nnn… n-jell-ose.«
»Versuch, das Wort nicht zu trennen. Es geht alles ineinander über. Njellos.«
»…«
»Noch mal.«
»Njelos.«
»Fast. Du musst … nach den ls schnalzen. Es gibt einen Klang im Klang. Njellos.«
»Njellos.«
»Roll die ls.«
»Njellos.«
»Denk an das Schnalzen.«
»Njellos.«
»Erst rollen, dann schnalzen.«
»Njellos.«
»Du hast nicht gerollt.«
»Nyellos.«
»Du hast vergessen zu schnalzen.«
»FICK DAS MIT DEM VERDREHTEN, SCHEISSEVERSCHMIERTEN SCHWANZ EINES KEILERS!«
Augenweide schleuderte den Trümmerbrocken wutentbrannt von sich. Der Stein prallte gegen die anderen in der Schubkarre und brachte sie aus dem Gleichgewicht. Die Ladung verrutschte. Honigwein versuchte instinktiv, mit beiden Händen die Griffe der Schubkarre zu packen und zu verhindern, dass sie umstürzte. Er bekam zwar den linken Griff zu fassen, aber der rechte schlug gegen seinen Stumpf, als das Gefährt kippte. Augenweide sah, wie ihr Sprachlehrer die Zähne vor Schmerz und Verlegenheit zusammenbiss, als er vor der kleinen Lawine, die ihren Zorn ausgelöst hatte, davontaumelte.
Die Arbeitsgeräusche verstummten und aller Augen richteten sich auf die Störung. Weide blaffte die nächstbesten Gaffer an.
»Bekir, Gosse! Kommt her und helft!« Die angesprochenen Schlammköpfe sprangen sofort herbei und waren dabei so schnell und gehorsam wie junge Hunde. »Der Rest von euch, zurück an die Arbeit! Und seid verdammt vorsichtig!«
Die Arbeiter widmeten ihre Aufmerksamkeit wieder dem Schutt unter ihren Füßen und klopften vorsichtig mit den Schaufeln dagegen.
Weide richtete die Schubkarre auf. Während Gosse und Bekir den umgefallenen Stein zurück in die Mulde schoben, ging sie auf Honigwein zu und holte tief Luft. »Es tut mir leid.«
»Schon gut, Häuptling«, sagte er, ohne ihr in die Augen zu sehen. Er hielt sich den Stumpf mit seiner verbliebenen Hand, sodass sie ihn nicht sehen konnte. Eine Lüge. Und sie wusste es. Sie wusste auch, dass es den Schmerz noch verschlimmern würde, wenn sie ihn bedrängte. Er hatte ihr einmal gesagt, dass es nur eins gäbe, was noch schmerzhafter sei als der Verlust einer Hand – zu vergessen, dass sie weg war.
Sie standen beisammen und schwitzten vor sich hin, ohne etwas zu sagen. Der Morgen war farblos und die Hitze der Sonne hatte sich noch nicht entfaltet. Allerdings sorgte nicht der Himmel über ihnen für ihre Schweißausbrüche, sondern die Felsen neben ihnen taten es. Die Ruinen der Brennerei schwelten noch immer vor Wut über ihren Niedergang. Es war schon über ein Jahr her, dass die große Festung zusammengestürzt war, doch die umgefallenen Steine spien ununterbrochen schwarzen Rauch in den Himmel.
Die Bastarde hatten in den ersten Wochen nach ihrem Untergang versucht, brauchbare Blöcke aus den Überresten ihrer ehemaligen Heimat zu retten, aber die verbrannten Trümmer waren nach wie vor so heiß, dass sie sich daran verbrannten. Es vergingen Monate, bis die oberste Schicht abgekühlt war. Dennoch blieb das Sammeln der Steine ein gefährliches Unterfangen. Die Dorfbewohner und die für die Tagesarbeit ausgewählten Schlammköpfe bahnten sich ihren Weg über die zerborstene Oberfläche des Hügels, verschoben den einen oder anderen Stein und beluden mühsam die Schubkarren, die am Fuß des Schutthaufens warteten. Die Schubkarren wiederum wurden in große Seilnetze entleert, die, wenn sie voll waren, hinter einem Gespann aus Keilern zurück nach Teilsieg geschleppt wurden.
Weide beobachtete die Mannschaften. Ihre Schultern und ihr oberer Rücken trieften und juckten unter ihrem Hemd, und ihre geflochtenen Locken lagen schwer auf dem Leinen. Fluchend raffte sie die Zöpfe zu einem festeren Bündel und steckte sie höher zusammen. Zum hundertsten Mal, seit sie Häuptling geworden war, erwog sie, sich die Haarfülle mit einer Schere abzuschneiden. Aber sie tat es nicht, weil sie nicht genau wusste, warum sie sie überhaupt hatte wachsen lassen. Vielleicht, weil es die abgeleisteten Tage im Amt anzeigte – ein lebendiges Zeugnis ihrer Zeit als Rottenmaster. Vielleicht gefiel es ihr auch einfach, dass es mehr von ihr gab, und sie wollte nicht bereitwillig zu weniger zurückkehren.
So oder so, bei dieser Hitze empfand sie die Frisur als eine verdammt nervige Eitelkeit.
»Sollen wir weitermachen?«, fragte sie Honigwein.
»Ich glaube, deine Geduld ist für heute erschöpft, Häuptling.«
Was Honigwein wirklich meinte, war, dass sein Geduldsfaden kurz vor dem Zerreißen war, aber Weide beschloss, ihn nicht zur Rede zu stellen. Ihn dazu zu verdonnern, ihr Unterricht zu erteilen, war Missbrauch genug. In der darauf folgenden Stille sah Honigwein schließlich auf und lächelte sie verständnisvoll an.
»Elfisch ist kompliziert. Aber du schaffst das schon.«
Augenweide nickte, wobei sie darauf achtete, nicht zu schnell wegzuschauen. Sie konnte Honigwein einfach nicht lange in die Augen sehen.
Scheiße.
Er war viel zu verknallt, um ein richtiger Aufseher zu sein. Die Stille war noch schlimmer als die Hitze und zeigte mit dem Finger auf das ansteigende Unbehagen.
Gnädigerweise bewegte sich Honigwein zuerst und fuhr sich mit der Hand durch den gefiederten Haarstreifen, den er in der Mitte seines ansonsten rasierten Schädels trug. Diese elfische Vorliebe war einst die Quelle endloser Spötteleien und Sticheleien der anderen Bastarde gewesen, aber er hatte den Beschimpfungen getrotzt und trug die Haartracht der Sprossen mit der gleichen Leichtigkeit, mit der er ihre Sprache sprach. Augenweide wusste, wie glücklich sie sich schätzen konnte, ihn als eingeschworenen Bruder an ihrer Seite zu haben. Er war für seinen neuen Häuptling genauso unersetzlich wie er es für den alten gewesen war.
Natürlich hatte sich der Lehmmaster nie Gedanken darüber machen müssen, dass seine Männer sich zu leidenschaftlichen Küssen hinreißen lassen könnten … der blöde Arsch.
»Tja«, sagte Weide seufzend, »ich mache dann wohl besser weiter.«
Honigwein nickte.
Weide schlenderte auf die Schlacke zu und riss unterwegs eine Schaufel aus dem Boden.
»Häuptling?«
Sie hielt inne und drehte sich um.
»Du wirst immer besser.«
Sie lachte auf. »Warum? Weil ich zu einer Sprosse fast akzentfrei ›danke‹ sagen kann?«
Honigwein schaute sie mit dem geduldig-beharrlichen Blick des Lehrmeisters an. »Nyellos bedeutet ›töten‹ – und nur in Bezug auf ein männliches Subjekt.«
Augenweide wischte sich mit ihrer staubigen Hand über den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. »Und in welcher Weise verbessere ich mich dann?«
»Dieses Mal hast du es immerhin geschafft, die Schubkarre nicht kaputtzumachen.«
Das Lächeln, das er dabei zeigte, war ansteckend.
»Na, das ist ja großartig«, sagte Augenweide zu ihm und lachte über sich selbst, als sie sich dem Trümmerhaufen näherte.
Eine ganze Weile überlegte sie, wie sie am besten hinaufsteigen sollte. Alle, die in den Überresten der Brennerei arbeiteten, hatten gelernt, den Haufen zu betreten, als wäre er eine wimmelnde Masse von Schlangen, und die sporadischen Dampfschwaden, die zwischen den Felsen hervortraten, machten es leicht, so vorzugehen. Da ihr keiner der unmittelbaren Ansätze gefiel, bewegte sich Weide um den Rand des Schutthaufens herum und fand schließlich eine Reihe größerer, solide aussehender Brocken, die in dem Schutthügel ruhten. Sie kletterte hinauf und sprang von einem zum nächsten, bis sie die raue Spitze der ehemaligen Außenmauer erreichte. Einen Steinwurf links von ihr befand sich eine Menschenkette, die Stücke der zerstörten Festung von Hand zu Hand den Hang hinunterreichten. Weide hatte den Einwohnern von Teilsieg diese weniger anstrengende – und weniger gefährliche – Aufgabe übertragen und überließ es ihren Mischlingen, die Ruinen zu durchsuchen, vielversprechende Objekte auszugraben und sie zu dem ersten Händepaar der Kette zu tragen.
Inmitten des Trümmerfelds entdeckte sie Abril, der mit einer Brechstange versuchte, eine große Platte zu verschieben. Die Distanz zwischen ihnen war nicht groß, aber Weide brauchte eine Ewigkeit, um ihn zu erreichen, wobei sie sich auf Zehenspitzen vorsichtig auf ihn zubewegte.
»Das solltest du nicht allein tun, Anwärter.«
Touro oder Petro oder jeder andere der älteren Schlammköpfe, der kurz vor einer Abstimmung über den Eintritt in die Bruderschaft stand, hätte weiterhin mannhaft mit der langen Eisenstange gerungen und sich geweigert, vor seinem Häuptling schwach oder inkompetent zu wirken. Nicht so Abril.
»Ich weiß«, sagte er, atmete erleichtert aus und stellte sofort seine Bemühungen ein. »Ich habe mit Gespür gearbeitet. Wir hatten sie beinahe angehoben, aber dann ist er ausgerutscht und …« Er drehte sich um und setzte sich auf die Platte. Glänzende Haarlocken, aus denen Schweißperlen tropften, hingen ihm ins niedergeschlagene Gesicht. Andächtig rieb er den Stein neben seinem Bein. »Ich schätze, wir können immer wieder hierherkommen, um ihn zu besuchen.«
Weide verschränkte die Arme. »Gespür ist losgezogen, um Hilfe zu holen, nicht wahr?«
Abril streichelte weiter liebevoll die Platte. »Genau. Er hat mir Zeit gelassen, allein nach dem Schatz zu suchen.«
»Es gibt keinen Schatz, Abril.«
Er warf ihr einen hoffnungsvollen Blick zu. »Mein Apfel ist darunter gerollt.«
Weide schnaubte. Das war die unwahrscheinlichste Geschichte von allen. Sie stellte ihre Schaufel ab und bedeutete ihm, aufzustehen und ihr die Brechstange zu reichen. Obwohl Abril gerne den Hanswurst spielte, besaß er die angeborene Kraft und die beeindruckende Muskulatur eines Halb-Orks an der Schwelle zum Erwachsensein. Gemeinsam hebelten sie die Platte hoch und schoben sie zur Seite. Darunter kam ein mit zerbrochenen Steinen angefüllter Hohlraum zum Vorschein, die einfach handzuhaben sein würden. Weide ging in die Hocke, streckte eine Hand aus und senkte sie nach und nach auf die soeben freigelegten Trümmer hinab.
»Keine Hitze«, sagte sie erfreut.
»Auch kein Apfel«, erklang eine enttäuschte Antwort hinter ihr.
Sie erhob sich und klopfte Abril auf die Schulter. »Guter Fund, Schlammkopf. Lass uns anfangen, sie zur Kette zu bringen.«
»Alles klar, Häuptling.«
Abril wollte schon die Brechstange zur Seite legen, als ein Stein unter seinem Absatz wegrutschte. Er knallte den Eisenstab nach unten, um nicht auf den Hintern zu fallen – ein Reflex.
Dort, wo die Stange aufschlug, entwich kreischend ein Schwall Luft.
Weide war bereits in Bewegung. Sie hechtete zu dem jungen Mischling und warf ihn zu Boden. Beide stöhnten beim Aufprall, und erneut, als sie auf die zerklüfteten Steine stürzten. Weide hielt Abril fest in ihren Armen und rollte sich weg, als ein Geysir aus grünem Feuer nach oben schoss. Sie entkamen den Flammen, wälzten voneinander fort und rappelten sich auf die Knie hoch. Die höllische Hitze zwang Weide dazu, die Augen zu schließen und auszuatmen. Das Al-Unan-Feuer sprang als Säule in die Freiheit. Sie war dreimal so groß wie Weide selbst. Die leuchtende, smaragdgrüne Flamme hatte eine flüssige Konsistenz, spritzte auf die Steine und brannte weiter, als das Gebilde in sich zusammenbrach.
Weide konnte Abrils angestrengte Stimme, die zum Rückzug drängte, zwar hören, aber sie war abgelenkt. Das Feuer zog sie in seinen Bann. Diese zauberhafte Substanz, die die Brennerei und den verrückten Mischling, aus dessen Geist die Festung entsprungen war, zu Fall gebracht hatte. Selbst als Augenweide dort kniete und sich die gezackten Steine in ihre Knie gruben, wurde ihr bewusst, dass sie auf dem Grab des Lehmmasters saß und die Stichflamme sein Grabstein war.
Brenn in allen Höllen, du hasserfüllter alter Sack.
»Häuptling! Wir müssen weg!«
Endlich verweigerte Weide sich der Verlockung des Feuers und begann, davonzukriechen. Dabei zwang sie sich, umsichtig vorzugehen. Es war töricht, sich zu hastig zu bewegen. Überall gab es versteckte Stellen mit der schrecklichen Substanz, die nur darauf warteten, dass ein Steinschlag oder ein unvorsichtiger Arbeiter sie zum Ausbruch brachten, um von ihr verzehrt zu werden. Die Entzündung einer Stelle machte die anderen unruhig. Das Aufstampfen fliehender Füße konnte sie aufwecken – eine Lektion, die sie auf die harte Tour gelernt hatten.
Als Weide und Abril davonhuschten, ertönten die Warnhörner. Alle Arbeiter würden den Haufen verlassen. Weide konnte nur hoffen, dass sie daran dachten, nicht zu rennen. Sie spürte, wie ihr eigener Instinkt zu rennen immer stärker wurde, denn sie wusste, dass sich das gesamte Trümmerfeld jeden Moment entzünden konnte. Endlich erreichten sie die Böschung der eingestürzten Mauer und stiegen den Abhang hinunter. Sobald ihre Stiefel den Staub berührten, sprinteten Weide und Abril los und schlossen sich der kleinen Schar besorgt dreinblickender Gesichter an, die sich nur einen Katzensprung von der Ruine entfernt versammelt hatte.
»Ist jemand verletzt?«, fragte sie und bahnte sich rasch einen Weg durch das gute Dutzend Schlammköpfe und Dorfbewohner. Man antwortete ihr mit Kopfschütteln und gemurmelten Beteuerungen. Alle waren blass und gezeichnet von den Strapazen der beschwerlichen Flucht, aber niemand hatte Verbrennungen.
Honigwein ritt auf seinem Keiler vor und war sichtlich erleichtert, als sein Blick auf Augenweide fiel.
»Irgendwelche Verluste?«, erkundigte sie sich.
Er schüttelte den Kopf. »Bin einmal ganz drum herumgeritten. Alle haben es nach unten geschafft. Auch keine weiteren Ausbrüche, soweit ich das beurteilen kann.«
Alles gute Nachrichten, aber die Arbeit für diesen Tag und für die kommenden Wochen war beendet. Der Einschluss musste sich selbst ausbrennen. Selbst wenn das schnell ginge, wäre es töricht von Weide, ihre Leute zu früh zu dieser schlummernden Bestie zurückzubeordern. Sie brauchten Zeit, auch wenn es keine Opfer gegeben hatte. Die Nachricht von der Entzündung würde sich bis nach Teilsieg verbreiten, wo der Mann wartete, der durch das Feuer einen Fuß verloren hatte, und wo die Witwe des Gerbers, die keine Leiche zu begraben gehabt hatte, noch immer mit ihren drei Kindern lebte.
»Wir sind hier fertig«, verkündete Weide. »Honigwein, sag es den anderen. Lasst uns nehmen, was wir haben.«
Honigwein drehte Nyhapsánis Kopf herum und spornte die Sau an, um den Befehl auszuführen.
Der Weg nach Teilsieg war lang. Sie waren noch vor Sonnenaufgang zum Steinhaufen aufgebrochen, und jetzt war es erst Vormittag. Von den drei Keilergespannen, die zum Transport von Steinen mitgebracht worden waren, schleppte nur eines ein volles Netz. Weide ging mit dem Großteil des Arbeitsteams zu Fuß und verzichtete darauf, zu reiten. Die Schlammköpfe brauchten die Zeit im Sattel.
Das Dorf kam in Sicht.
Weide war immer wieder erstaunt darüber, wie fremdartig Teilsieg umgeben von einer Palisade aussah. Sie war hier aufgewachsen; der Ausblick auf die Olivenhaine und Weinberge, die das Buschland am Rande des Dorfes schmückten, war die Kulisse all ihrer Kindheitserinnerungen. Jetzt waren eben diese Weinberge verdorrt, die Haine von Heuschrecken zerfressen und vom Dorf durch eine flickenteppichartige Wand aus geraubtem Holz und geborgenem Schutt abgeschnitten.
Die wachhabenden Schlammköpfe sahen sie kommen. Das erbärmliche Tor öffnete sich. Als sie sich innerhalb der Palisade befand, drehte Augenweide den Kopf auf ihrem steifen Nacken hin und her, bis es knackte. Verdammt, sie war jetzt schon müde, und der Tag hatte gerade erst begonnen.
Ein dürres Kerlchen kam die Hauptstraße entlanggerannt und trug eine Hacke über den Schultern, als wäre sie ein Joch. Als der Junge sie sah, rannte er noch schneller.
»Zu spät zum Graben, Tel?«, rief Augenweide aus.
»Nein, Häuptling«, kam die Antwort. Die Füße des kleinen Schlammkopfs wurden nicht langsamer. »Iltis’ Hacke ist kaputt. Er hat mich geschickt, um eine neue zu holen.«
»Dann aber schnell«, ermutigte Weide ihn.
Der junge Halb-Ork gehorchte und eilte zum Tor hinaus.
Augenweide wandte sich an ihre Mannschaft. »Schlammköpfe, geht vor und meldet euch bei Iltis am Graben. Abril! Vergiss nicht, dass du zur Patrouille eingeteilt bist.«
Die älteren Anwärter, alle außer Abril, drehten sich um und folgten Klein Tel. Die Männer von Teilsieg gingen weiter in die Stadt. Weide ließ sie gehen und schickte Honigwein los, um die Übergabe der Lieferung gesammelter Steine an den Steinmetz zu beaufsichtigen.
»Mach unsere Keiler fertig«, befahl sie Abril.
Während der Mischling grinsend zu den Ställen rannte, machte sie sich auf den Weg zum Waisenhaus.
Es war still in dem Gebäude, aber es herrschte nicht diese herrliche, ungewisse Stille schlafender Kinder, sondern eine aus dem Mangel geborene Stille, die auf der Not der Kleinen beruhte, die seit zu vielen Tagen nicht genug zu essen hatten. Eine Handvoll der jüngeren Findelkinder war wach und spielte stumm unter einem Tisch. Ganz gleich, welches Spiel es war, es wirkte beunruhigend und wie etwas, das aus Gewohnheit getan wurde. Es gab kein Lachen, keine Freudenschreie oder gar Gebrüll der Uneinigkeit; es waren fünf mürrische Kinder, keins älter als vier, die sich die Zeit vertrieben. In den umliegenden Betten schlummerten ihre älteren Kameraden weiter und hielten so die Hungerschmerzen in Schach. Zu Weides Zeiten wäre es hier niemals so ruhig gewesen. Halb-Ork-Kinder waren für ihre Rauflust bekannt.
Feger sah von ihren Näharbeiten auf, als Weide hereinkam, und legte sie beiseite, um ihr an der Tür entgegenzukommen.
»Distel schläft«, sagte sie leise. »Eins der Babys hat sie die ganze Nacht wachgehalten.«
Augenweide nahm das mit einem Nicken zur Kenntnis und musterte die Frau. Feger war der Inbegriff dessen, warum die Mischlinge die Menschen als Weichlinge bezeichneten. Selbst in besseren Zeiten, zu Zeiten der Grauen Bastarde, war sie immer ein Mädchen wie ein Weidenzweig gewesen. Alles an ihr – von ihrem Haar bis zu ihren Gliedmaßen, ihrer Nase –, alles war lang und dünn.
»Und du?«, erkundigte sich Weide. »Immer noch krank?«
»Nein«, antwortete die Frau. »Ich bin seit kurz vorm Morgengrauen fieberfrei. Ich bin gesund.«
Das war alles andere als offensichtlich. Die Müdigkeit stand Feger in dunklen Flecken unter die Augen geschrieben.
»Dann komme ich wieder, wenn Distel wach ist.«
Als Augenweide ging, starrten sie die Gesichter der Waisenkinder unter dem Tisch an; jedes Gesicht eine Maske herzzerreißender Gleichgültigkeit.
Sie marschierte zum nördlichen Rand der Stadt. Die meisten Gebäude entlang ihres Weges waren leer. Es hatte Gerüchte gegeben, dass jeder der eingeschworenen Brüder ein eigenes Haus für sich beanspruchen wollte, weil so viele unbewohnt waren. Augenweide hatte diese Idee im Keim erstickt und den Bastarden befohlen, sich im Schlafsaal der Winzer niederzulassen. Sie konnte es nicht gebrauchen, dass die Mitglieder ihrer Rotte in der ganzen Stadt verstreut waren, mit ihren Bettwärmern Haus und Hof spielten und die Disziplin zum Teufel ging.
Weide näherte sich dem, was einst der obere Stadtrand von Teilsieg gewesen war. Hier beschrieb die Palisade einen Bogen und umfasste ein großzügiges Stück flachen, offenen Bodens. Diese Fläche hatte das zur Verfügung stehende Holz bis an die Grenze ausgereizt, aber es war wichtig, dass ihre Keiler geschützt waren. Die Geräusche und Gerüche von zweihundert Barbaren wurden von der Brise herbeigetragen. Die abgerichteten Reittiere der Bastarde drängelten sich an der Tränke vor dem Stall, und ein paar Schlammköpfe kippten Eimer mit Küchenabfällen über die gierigen Schnauzen der lärmenden Tiere. Diese glücklichen Keiler kannten keine Rationierung und fraßen an einem Tag mehr als ihre Pfleger an drei Tagen, aber es wäre ein großer Fehler gewesen, sie schwächer werden zu lassen. Die Ferkel und Einjährigen waren fast genauso gut gefüttert, obwohl sie auf der Koppel schliefen. Auf dem angrenzenden Reitplatz saß Stummklotz rittlings auf einer jungen, kräftigen Sau, die gerade dabei war, sich an eine kontrollierende Hand an ihren Stoßzähnen zu gewöhnen. Das war die größte Herausforderung bei der Ausbildung eines Barbaren. Die Schweine hassten es, wenn man an ihren ausladenden oberen Stoßzähnen zog, vor allem, wenn sie in Bewegung waren.
Weide lehnte sich gegen den Zaun und beobachtete, wie Stummklotz das Tier durch eine Reihe von Kurven führte und den Druck auf die Sauenhebel allmählich erhöhte, bis die Sau eng am Zaun entlanglief. Der ehemalige unabhängige Reiter war ein Naturtalent, verlor nie die Geduld und wusste immer genau, wie weit er bei einem Schwein gehen konnte. Die Bastarde trainierten die Barbaren abwechselnd an den Hauern, wie sie es auch mit den Schlammköpfen machten, aber bald wurde klar, dass niemand mit den Ergebnissen von Stummklotz bei den Tieren mithalten konnte. Also übertrug Augenweide ihm die ständige Aufgabe, neue Reittiere auszubilden.
Als er sah, dass sein Häuptling wartete, hielt Stummklotz das Schwein an und hüpfte herunter. Für einen so großknochigen Mischling war er ausgesprochen agil. Die Sau trottete auf die andere Seite des Hofs und war für den Moment frei.
»Kommt die von der Stoßzahnflut?«, erkundigte sich Weide und deutete mit einer Kinnbewegung auf die Sau.
Stummklotz kam an den Zaun heran und nickte.
»Sie ist fast fertig«, kommentierte Augenweide mit nicht geringer Genugtuung.
Stummklotz hielt ein Paar schwielige Finger hoch.
Weide verstand und brummte. »Zwei Wochen. Kannst du es in zehn Tagen schaffen?« Sie senkte ihre Stimme. »Ich weiß, dass du und Honigwein es kaum erwarten könnt, Abrils Namen für die Bruderschaft vorzuschlagen, und es wäre eine Schande, wenn unser neuer Spross kein eigenes Reittier hätte.«
Unter seiner vorgewölbten Stirn verdrehte Stummklotz die Augen nachdenklich nach oben und nickte, nachdem er das Ansinnen kurz abgewogen hatte.
»Gut. Wie sieht es mit den einjährigen Hauern aus? Ich würde gerne mehr Schlammköpfe auf Patrouille schicken können.«
Stummklotz stieß einen tiefen Seufzer aus und dehnte seinen ohnehin schon gewaltigen Oberkörper. Sein Blick wanderte zu einer kleineren Koppel, wo ein Trio quiekender, borstiger Biester getrennt von den anderen untrainierten Keilern eingepfercht war. Stummklotz sah Weide wieder an, verzog den Mund und hob seine Hand. Dann wippte er in abwiegelnder Geste ein paar Mal mit der offenen Handfläche nach unten.
Weide stieß ebenfalls einen enttäuschten Seufzer aus. »Das habe ich mir gedacht. Bleib dran. Aber lass dich nicht umbringen. Wenn ich zurückkomme, nehme ich mir vielleicht einen vor.«
Dies löste Stirnrunzeln und Kopfschütteln aus.
»Kein Grund, mich zu verhätscheln, Stummklotz. Hast du vergessen, was ich geritten habe?«
Wie aufs Stichwort kam Abril aus dem Stall und führte ein Reittier der Schlammköpfe und Weides gesattelten Keiler heraus.
Sie nickte dem Schlammkopf anerkennend zu, weil er den Zeitpunkt nicht besser hätte wählen können, und stieg auf. Der Barbar war einer der Ersten, die den Bastarden von den Hauern der Vorväter geschenkt worden waren, und das Tier war noch genauso wild wie seine früheren Herren. Schnaufend bockte der Keiler und warf sein Hinterteil herum, sodass Abril ein oder zwei Schritte zurückweichen musste. Es war immer dasselbe alte Spiel, und Weide hatte stets gewonnen. Sie packte beide Sauenhebel und rang den widerspenstigen Keiler in die Unterwerfung, wobei ihre Beine seinen Bauch eisern umklammerten. Der Keiler gab ein letztes widerwilliges Grunzen von sich und gab auf. Augenweide legte Wert darauf, ihren Reittieren keine Namen zu geben, aber die Bastarde hatten sich angewöhnt, diesen hier Schoßbesen zu nennen: »Das Einzige, was den Schoß des Häuptlings frei von Staub hält.« Sie hielten sich für schlau. Sie dachten auch, sie wüsste es nicht.
Sie hatte zu lange in der Rotte gelebt, um es nicht zu wissen, und zu lange, um den Namen nicht wirklich verdammt amüsant zu finden. Kluge Schwachköpfe, ihre Bastarde.
Abril war nun ebenfalls aufgesessen und wartete darauf, dass sie sie hinausführte.
»Was trödelst du hier herum, Schlammkopf?«, verlangte Weide zu wissen. »Du hast die gesamte Südstrecke zu patrouillieren, bevor es dunkel wird. Das ist eine gute Strecke für einen einzelnen Reiter. Du machst dich am besten auf den Weg.«
Abrils Gesicht strahlte vor Eifer. »Allein?«
»Versuch, nicht zu sterben.«
»Jawohl, Häuptling!«
Abril gab seinem Keiler die Sporen und ließ Weide in einer fast respektlosen Staubwolke zurück.
Sie nickte Stummklotz zu, gab ihrem Keiler einen kräftigen Tritt und ritt Abril hinterher.
Die am Eingang postierten Schlammköpfe zogen die Tore auf. Das dünne Gebälk sah so aus, als könne es nicht einmal der Kraft einer angreifenden Ziege standhalten. Teilsieg musste weiter befestigt werden. So gefährlich die Brennerei auch war, sie war eine Ressource, die die Bastarde nicht links liegen lassen konnten.
Schlangenschlupf kam gerade von der Patrouille zurück und drehte sich im Sattel um, als Abril mit einem aufgeregten Schrei an ihm vorbeischoss. Weide hatte ein gemächlicheres Tempo angeschlagen und hielt neben Schlange im Schatten des Tores an.
»Abril reitet allein, Häuptling?«, fragte er erfreut.
»Hast du einen Bericht für mich, Mischling?«, erwiderte Weide und sein Lächeln erstarb.
»Nichts von hier bis zur Lucia. Von Dickhäutern und allen anderen verdammten Dingen ist nichts zu sehen.«
»Immer noch kein Wild?«
Schlangenschlupf kratzte sich behäbig unter dem halben Umhang, der seinen linken Arm bedeckte. Die Sonne reizte die fleischigen Narben, die die gesamte Gliedmaße bedeckten – ein Andenken an eine Verbrennung, die er sich bei der Arbeit in den Öfen der Brennerei zugezogen hatte, als er noch ein Schlammkopf gewesen war. »Nicht einmal Spuren. Tut mir leid, Häuptling.«
Die Beunruhigung in seiner Stimme entsprach der in Weides Kopf.
»Vielleicht habe ich ja Glück«, sagte sie zu ihm. »Stell die Fässer auf, wenn du drinnen bist. Ich will, dass die Schlammköpfe Schießübungen mit der Armbrust machen.«
Schlange nickte. »Wird gemacht.«
Als jüngster Bastard, der erst vor einem halben Jahr vereidigt worden war, war er nicht die beste Wahl, um die Anwärter auszubilden, aber es gab nur wenige Alternativen.
»Und richte Honigwein aus, dass er bis zu meiner Rückkehr das Sagen hat.«
»Häuptling!«, salutierte Schlange.
Ihre Keiler trennten sich, und Weide ritt eine Runde um Teilsieg, um die Palisaden auf Schwachstellen zu untersuchen. Das ganze Ding sah verglichen mit der einstigen, einschüchternden Masse der Brennerei aus, als wäre es aus dünnen Zweigen geflochten. Die gesprengten Steine effektiv zu nutzen, ging nur langsam voran. Steinmetzwerkzeuge und Männer, die wussten, wie man sie benutzte, waren Mangelware. Die meisten geschickten Handwerker der Stadt hatten es vorgezogen, nach dem Untergang des Lehmmasters und seiner Festung nicht zurückzukehren. Holz war im Brachland von Ul-wundulas schon immer Mangelware gewesen. Glücklicherweise musste Weide die Öfen der Brennerei nicht mehr befeuern, und so war es ihr in den ersten Monaten als Häuptling gelungen, genug Holz für den Bau der Palisaden zu beschaffen. Die Rotte lebte hinter ihrem dürftigen Schutz und teilte sich den Platz mit den Menschen, die früher unter ihrem Schutz gestanden hatten. Teilsieg verdankte seine Existenz den Bastarden, und seine Bewohner hatten in diesem erbarmungslosen Land nur dank der schützenden Präsenz der nahe gelegenen Brennerei und ihrer Reiter überleben können. Jetzt waren die Brennerei ein Schlackenhaufen und die Bastarde kaum mehr als Hausbesetzer.
Aber Weide wollte verdammt sein, wenn sie untätige Hausbesetzer wären.
Die Arbeiten an dem Graben außerhalb des Walls waren so gut wie abgeschlossen. Eine wechselnde Mannschaft aus Schlammköpfen hatte monatelang Staub aufgewirbelt und Steine ausgegraben. Iltis hatte sich bereit erklärt, als Aufseher zu fungieren. Als Augenweide vorbeiritt, hob der axtgesichtige Bruder eine Hand zum Gruß. Er stand oberhalb des Grabens, schmutzig von der Arbeit.
»Zurück an die Arbeit, ihr wertlosen Mischlinge!«, brüllte Iltis die Schar der Schlammköpfe unter ihm an. »Der Häuptling sieht zu! Wenn ihr jemals die Chance haben wollt, den Ork zu ermorden, der eure Mutter vergewaltigt hat, solltet ihr besser Eindruck schinden!«
»Mach sie fertig, Iltis!«, erwiderte Weide und spielte ihre Rolle. »Ich will sehen, wer von ihnen noch die Kraft hat, eine Armbrust beim Training zu laden. Ich wette, kein Einziger!«
Iltis grinste. »Meine Weinration sagt, du irrst dich, Häuptling.«
»Wir werden sehen«, sagte Weide und ritt weiter. »Ich freue mich darauf, heute Abend betrunken zu sein!«
Nachdem sie den Graben hinter sich gelassen hatte, waren immer noch die üblichen Ermutigungen von Iltis zu hören.
»Ich habe Pläne für diesen Wein! Wenn ich ihn verliere, weil ihr Welpen zu schwach wart, ein langes Loch in die Erde zu graben, dann verspreche ich, dass der morgige Tag ein arschfickender Albtraum wird! Und damit meine ich, dass ich jeden von euch mit meinem ungeschmierten Schwanz ficken werde …«
Das Geräusch von Schaufeln, die sich mit neuem Elan in die Erde gruben, übertönte alles andere.
Augenweide beendete ihre Runde und merkte sich die Stellen entlang des Walls, die Honigwein sich ansehen musste. Dann machte sie sich auf den Weg nach Osten.
Als sich das Brachland von Ul-wundulas vor ihr ausbreitete und die Grenzen des Dorfes immer weiter hinter ihr zurückblieben, fiel Weide das Atmen endlich leichter. An manchen Tagen war es schwer, nicht vor Erleichterung zu schreien.
Die Wahren Bastarde waren zu wenige, als dass ein Reiter von der Patrouille befreit werden konnte, aber selbst wenn sie hundert Mann stark wären, würde Weide ihre Runde machen. Sie würde sonst verrückt werden. Das Abreiten des Rottengebiets war die einzige Aufgabe, die sich nicht verändert hatte, egal ob sie Reiter oder Häuptling war. Hier draußen konnte man ihre Pflichten an einer Hand abzählen und hatte noch Finger übrig, und ein einziger Fehler würde nur ihren Keiler und sie das Leben kosten. Sie wusste, wie man Orkspuren erkannte, wie man die Hufabdrücke von Zentauren von denen der Pferde der Cavaleros unterschied, wie man nach eindringenden Reitern am Horizont Ausschau hielt, wie man auf jede der tausend Gefahren achtete, die Ul-wundulas gerne heraufbeschwor. Was sie nicht wusste, war, wie sie für die Sicherheit ihrer Rotte sorgen und sie ernähren sollte. Sie wusste nicht, wann die Stoßzahnflut mit einem weiteren Spendenfuhrwerk voller Vorräte eintreffen würde oder wie sie genug Material finden sollte, um eine richtige Festung zu bauen. Teilsieg zu verwalten war, als würde man versuchen, ein Eigelb in der Hand zu halten. Egal wie flink Weide war, es schien ihr einfach zwischen den Fingern hindurchzugleiten.
Sie ließ die Patrouille alle anderen Sorgen verdrängen, und Schoß’ trommelnde Hufschläge brachten sie weit weg von Teilsieg. Hier draußen war das Kopfzerbrechen eines Rottenmasters mehr als nutzlos; es war sogar schädlich. Hier draußen musste sie nichts weiter sein als eine Reiterin mit den zwei einfachen Gelübden: Lebe im Sattel. Stirb auf dem …
Brennende Schmerzen durchzuckten Weides Bauch. Sie stöhnte, knirschte mit den Zähnen gegen die plötzliche Qual an, taumelte, zuckte im Sattel und versuchte, der auflodernden Messerschneide zu entkommen, die ihre Eingeweide zerschnitt. Beinahe wäre es ihr gelungen, sich doch noch im Sattel zu halten, aber Übelkeit stieg in ihr auf und tanzte in ihrem Schädel. Sie fraß Staub – der Aufprall des harten Sturzes wurde durch die Feuerpeitschen, die durch ihre Muskeln zischten, zur Nebensache. Ein kehliges Stöhnen entrang sich ihrem Mund, und Weide rollte sich zu einem Ball zusammen. Doch der Schmerz schnitt ihre Wirbelsäule entlang, setzte sich an ihrem unteren Ende fest und begann zu nagen. Weide versteifte sich, verkrampfte sich. Sie wollte schreien, den Schmerz herausfordern, aber statt eines Schreis füllten sich ihre Lungen mit einem nassen Gewicht. Zu dem unkontrollierten Zucken ihrer Glieder gesellte sich ein krampfartiger Husten. Sie würgte, versuchte verzweifelt, Luft zu holen, obwohl sich ihre gequälte Brust anfühlte, als wäre sie voller Steine. Sie würgte weiter, bis eine warme Masse aus ihrer Kehle auf ihrer Zunge landete. Sie schmeckte faulig.
Und bewegte sich.
Weide kniete sich hin und spuckte die zappelnde Masse aus.
Mit verschwommenem Blick sah sie sie im Dreck liegen. Das glitschige Etwas wand sich und zappelte, umgeben von hellen Blutstropfen. Der ausgespuckte Schlamm war so groß wie ihr Daumen, pechschwarz und reflektierte die helle Sonne auf seiner öligen Oberfläche.
Weide sog Luft in ihre geschundenen Lungen und krächzte ihre Verzweiflung hinaus: »Nicht schon wieder …«
2
Es war eine Gnade, dass Rundungen tot war. Er hatte seine Frauen immer etwas draller gemocht. »Ein paar lustige Teile, an denen ich mich festhalten und auf die ich mit einem Sattelgurt klatschen kann«, so hatte er seine Vorliebe beschrieben.
Hätte ihn ein mörderischer Ork nicht bereits umgebracht, hätte es der Anblick von Distel jetzt getan.
Die Entbehrungen der letzten acht Monate waren für alle hart gewesen, aber die Halb-Orks überstanden die Not mit der animalischen Vitalität, die sie von ihren Dickhäuter-Vätern geerbt hatten. Die Menschen waren weniger widerstandsfähig. Distels angenehme Molligkeit war dahingeschmolzen, vom schleichenden Hunger gestohlen und an die Mischlingswaisen verschenkt, die an ihrer Brust saugen durften. Die Frau hatte den Findelkindern unter der Obhut der Grauen Bastarde jahrelang als Amme gedient. Wenn Augenweide nicht bald einen ständigen Nahrungsnachschub fand, würde Distel die nächste Jahreszeit nicht überleben.
Doch selbst jetzt, so schlecht sie sich auch fühlte, so grässlich sie auch aussah, gab sie weiterhin ab. Als Weide ihr kleines Zimmer betrat, lag ein Mischlingsbaby an Distels leer gesaugter Brust.
Die Frau sah im Halbschlaf auf, wurde aber schnell wach und blinzelte mit prüfenden und besorgten Augen.
»Augenweide? Geht es dir gut?«
Weide verfluchte die scharfe Wahrnehmung von Kindererziehern, winkte ab und zwang sich zu einem Lächeln. »Ist das Cassia?«, flüsterte sie und deutete auf das Baby.
»Obecco«, berichtigte Distel mit einem schwachen Lächeln.
Weides Mund verzog sich. Das war klar. Sie hatte sich nicht nur im Namen geirrt, sondern auch das falsche Geschlecht geraten. Wenn es um Kleinkinder ging, war sie eine Idiotin. Immerhin hatte sie es geschafft, Distels Aufmerksamkeit von sich abzulenken.
»Dieser kleine Kerl ist pflegeleicht«, fuhr die Amme fort. »Er kann gleichzeitig essen und schlafen.«
In diesem Moment stieß Obecco einen Furz aus, der einen ausgewachsenen Keiler beschämt hätte.
Weide schlug sich eine Hand vor den Mund, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.
Unbeeindruckt lächelte Distel weiter müde. »Das kann er auch.«
»Wie geht es dir?«, fragte Augenweide und ließ sich auf einen Stuhl neben dem Bett fallen, wobei sie darauf achtete, dass der Talwar, der an ihrem Gürtel hing, nicht klapperte.
»Mir geht es gut«, log Distel. Genau wie Feger es getan hatte. Und Honigwein.
»Der Proviant von der Stoßzahnflut sollte in ein oder zwei Tagen hier sein«, sagte Augenweide und hoffte, dass sie damit nicht auch gelogen hatte.
Distel nickte nur und lehnte ihren Kopf hinten gegen die Wand. Einen Moment lang dachte Augenweide, sie sei eingeschlafen. Sie wollte gerade aufstehen, aber Distels Stimme hielt sie davon ab.
»Wenn sie hier sind, musst du sie um etwas bitten. Für die nächste Lieferung.«
»Worum?«
»Noch eine Amme.«
Weide zischte mahnend. »Sag das nicht. Du wirst …«
»Nirgendwo hingehen«, warf Distel ein, »aber meine Milch schon. Ich trockne aus, Weide. Ich habe kaum noch genug für die drei Säuglinge. Wenn noch ein Säugling bei uns ausgesetzt wird …«
»Das ist unwahrscheinlich«, sagte Weide. »Teilsieg ist jetzt ummauert.«
Distel öffnete die Augen und blinzelte zweifelnd. »Hat das verhindert, dass dieser kleine Gasbeutel reinkommt? Oder die anderen beiden?«
Augenweide zuckte versöhnlich mit den Schultern. Distel hatte recht. Zwei der drei Babys, die jetzt bei ihnen waren, waren vor dem Tor ausgesetzt worden. Das andere war Iltis während einer Patrouille aufgehalst worden. Es gehörte zum Rottenkodex, alle Halb-Ork-Kinder aufzunehmen, und Weide konnte nur hoffen, dass Iltis nichts Eigennütziges von der verzweifelten Frau verlangt hatte, bevor er ihr unerwünschtes Kind entgegennahm.
Im vergangenen Frühjahr hatten die Orks einen weiteren Einmarsch versucht. Er wurde niedergeschlagen, bevor er richtig begonnen hatte, was nicht zuletzt den Bastarden zu verdanken war, aber die Dickhäuter hatten es bis knapp hinter die nördliche Grenze von Hispartha geschafft, bevor sie zurückgeschlagen worden waren. Berichten zufolge waren sie alle getötet worden, aber die jetzt auftauchenden Halbblüter widersprachen dieser Prahlerei. In den Geteilten Landen gab es immer Orks, was bedeutete, dass es immer Frauen gab, die ihre Brutalität überlebten.
»Und was ist mit denen, die durch die Mauer ferngehalten werden?«, fuhr Distel fort – ihre Frage voller Schmerz. »Die Frauen, die entmutigt sind, weil es keinen freien Weg mehr zur Tür des Waisenhauses gibt? Was glaubst du, was mit diesen Kindern passiert?«
Weide biss die Zähne aufeinander. »Nichts, was nicht schon mit verstoßenen Mischlingsbabys passiert ist, seit der erste Ork einen Weichling vergewaltigt hat, Distel.«
»Dir ist es nicht passiert«, sagte die Frau nachdrücklich. »Oder Honigwein. Oder Iltis, oder Schleich, oder irgendeinem anderen Halb-Ork, der überlebt hat, um ein Schlammkopf zu werden. Findelkinder sind die Zukunft einer Rotte. Das weißt du. Die Babys, die Glücklichen, werden immer wieder kommen. Du solltest nicht wollen, dass das jemals aufhört. Ich will nicht, dass das jemals aufhört.« Distels Augen leuchteten jetzt. »Aber ich werde nicht in der Lage sein, sie zu ernähren, Augenweide. Ich werde hier sein, um sie zu halten, zu wickeln und zu waschen, aber nicht … um sie zu ernähren.«
Es flossen keine Tränen, die Stimme brach nicht, aber der Kummer über dieses Eingeständnis erfüllte den Raum.
Weide holte tief Luft. »Wir haben ein paar Ziegen. Ich kann sehen, ob die Flut …«
»Nein.«
Distel hatte es leise gesagt, doch die Wucht dieser Ablehnung, die Wut darin, verstörte selbst den Säugling. Obecco wimmerte, schien zu erwachen, aber seine Amme musste nur seinen Kopf berühren, und er schlief wieder ein.
»Nein«, wiederholte Distel und das Stählerne in ihrer Stimme wechselte in ihren Blick. »Ziegen können als Notlösung eingesetzt werden, wenn es sein muss. Aber diese Kinder brauchen eine Amme. Beryl hat das Waisenhaus in meine Obhut gegeben. Sie würde zornig zurückkommen, wenn sie wüsste, dass ich mich dazu herablasse, ein Kindermädchen einzusetzen. Glaubst du, sie hat dich jemals mit der Milch einer Ziege gefüttert?«
Augenweide wäre sie beinahe entgangen, diese kleine Offenbarung, die in dieser herausfordernden Frage steckte.
»Mich?«
Mühelos wechselte Distel das Baby an ihre andere Brust, ohne es zu wecken. »Das wusstest du nicht?«
Weide spürte, wie sie ihren Kopf schüttelte. Es war die gleiche kleine, unangenehme Bewegung, die sie machte, um einen Schlag abzuschütteln. »Beryl hat mich nie gemocht, als ich hier war.«
»Vielleicht später, als du gehen und sprechen konntest. Aber als Babys hat sie euch alle geliebt. Das war deutlich zu sehen, wenn sie darüber sprach. Unmöglich, die nicht zu lieben, die man gestillt hat.«
Augenweide stand auf und verspürte dasselbe Bedürfnis zu fliehen wie bei den Ruinen der Brennerei. »Du musst dich ausruhen.«
»Eine Amme«, erinnerte Distel sie.
»Ich werde eine finden.«
Vor der Tür des Waisenhauses wich die Dämmerung der Nacht. Weides Patrouille hatte länger gedauert als geplant. Schoßbesen war kein Keiler, der bei seinem Reiter blieb, wenn dieser stürzte. Glücklicherweise hielt ihn dieselbe wilde Natur aber auch davon ab, in die Stadt zurückzukehren, und sie waren außer Sichtweite der Mauern gewesen. Manchmal musste man auch Glück haben. Sie hatte lange gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen, und noch länger, um den widerspenstigen Keiler aufzuspüren. Ihre späte Rückkehr wurde von Honigwein mit einiger Besorgnis aufgenommen. Ihre Erzählung über Hirschspuren, die sie weit in die Ferne geführt hatten, ließ sein Stirnrunzeln wieder verschwinden.
Abril hatte auf der südlichen Patrouille mehr Glück gehabt. Die zufällige Sichtung eines echten Damhirsches, des ersten seit Monaten, hatte zu einer langen Verfolgungsjagd geführt. Der jagende Schlammkopf hatte nicht aufgeben wollen, bevor er dem Tier einen Armbrustbolzen durchs Herz geschossen hatte. Der Fleischgeruch hatte ganz Teilsieg aufgescheucht, und die Leute versammelten sich um eine Kochstelle, die von den fünf älteren Schlammköpfen betreut wurde. Ein strahlender Abril beaufsichtigte seine Kameraden und genoss die Rolle des heldenhaften Versorgers.
Das Damwild war ein seltener Glücksfall gewesen, aber wie bei allen Glücksfällen drohte die Bedeutung des Hirschs für Unfrieden bei den Empfängern zu sorgen. Mehr als hundert Augenpaare starrten, ohne zu blinzeln, auf die Vorbereitungen. Die Vorfreude auf die großzügige Gabe war spürbar und vermischte sich mit dem Duft geschmorten Wildbrets und brutzelnder Innereien. Als Schutz vor einem Ansturm umringten Iltis, Stummklotz, Schlangenschlupf und die dreizehn jüngeren Anwärter das Feuer. Es war die nackte Zurschaustellung des Misstrauens, das zwischen der Rotte und Teilsiegs Einwohnern herrschte, aber besser unhöflich als dumm.
Augenweide näherte sich und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Die meisten bemerkten ihre Anwesenheit nicht, der Zauber des bevorstehenden Mahls war nicht zu brechen. Erst als sie direkt vor dem baumelnden Topf stand und den meisten die Sicht versperrte, verlagerten die Blicke sich widerwillig.
»Der Häuptling hat was zu sagen!«, verkündete Iltis.
Augenweide erhob ihre Stimme, um die Aufmerksamkeit der wenigen zu erzwingen, die noch immer versuchten, an ihrem Körper vorbeizuspähen. »Ich weiß, dass eure Mägen knurren. Ich weiß, dass euch das Wasser im Mund zusammenläuft. Das wird sich gleich ändern dank unseres springenden Freunds, den Abril den halben Batayat-Hügel hinaufgejagt hat. Er ist jetzt im Topf, und bald wird er in euren Bäuchen sein. Aber lasst mich eins klarstellen: Die ersten Portionen gehen da rein.« Ohne hinzusehen, streckte Weide den Arm aus und zeigte auf die Tür des Waisenhauses. »Danach eure eigenen Kinder. Und danach ihr. Genau so wird es ablaufen, und es gibt keinen Grund, es anders zu machen. Alles andere würde Kampf bedeuten.«
Weide ließ die Verheißung dieser letzten Aussage einen Moment lang wirken.
»Und jetzt stellt eure Kleinen auf. Vom Jüngsten bis zum Ältesten, in Reih und Glied.«
Die Eltern übernahmen schnell das Kommando und scheuchten ihre Kinder mit Worten und lenkenden Händen nach vorne. Als die Menge sich umstellte, war es leicht, die Egoisten und Kleingeister unter den Erwachsenen auszumachen; der große Mann, der sich hinter den Kindern aufbaute, die alte Frau, die so tat, als würde sie die anderen nicht sehen, und ihre Schwäche ausnutzte, um sie zu schikanieren. Weide versuchte, sie zu ignorieren, aber sie merkte, dass sie sich die Gesichter trotzdem einprägte.
»Wir sind fertig, Häuptling«, meldete die Stimme von Gespür.
Vor einem Jahr noch hatte Augenweide keinen einzigen Schlammkopf beim Namen gekannt. Es gehörte zur Tradition der Rotte, sich von den Anwärtern fernzuhalten, außer beim Training, und dann war jede Aufmerksamkeit absichtlich grob. Die Dinge hatten sich in den letzten Monaten stark verändert. Der Häuptling der Wahren Bastarde kannte nicht nur den Namen eines jeden Schlammkopfs, sondern konnte auch ihre Stimmen erkennen, ohne sich umzudrehen.
»Bringt den Waisen ihren Anteil«, sagte Augenweide, die die Dorfbewohner immer noch beobachtete.
Eine Bewegung hinter ihr signalisierte, dass die Schlammköpfe sich an die Arbeit machten. Als sie zurückkehrten, trat Weide zur Seite und gab den Dorfkindern ein Zeichen näher zu kommen. Die Erwachsenen kamen als Nächstes, und die, die am Ende der Schlange standen, wurden immer nervöser, je länger das Warten dauerte. Die Kinder hatten sich bereits in der Nähe des Kochfeuers niedergelassen und schlürften den Eintopf, der noch zu heiß war, um ihn zu essen, aber ein leerer Magen ignorierte eine verbrühte Zunge. Weide hatte angeordnet, die Mahlzeit hier draußen zuzubereiten, in der Hoffnung, dass die Dorfbewohner durch die Aussicht auf zusätzliche Portionen davon abgehalten wurden, zum Essen in ihre Häuser zurückzukehren. Das schien zu funktionieren, und Weide entspannte sich ein wenig. Wenigstens musste sie sich keine Sorgen machen, dass Eltern ihren eigenen Kindern das Essen aus dem Mund stahlen. Das mochte ein unwürdiger Gedanke gewesen sein, denn die Menschen in Teilsieg hatten ihr nie Anlass gegeben, sie zu solcher Taten für fähig zu halten, aber harte Zeiten haben die Eigenschaft, die schlimmsten Instinkte hervorzubringen.
Ein Schrei aus dem Torhaus riss Weide aus ihren düsteren Gedanken.
»REITER KOMMEN!«
Honigweins Stimme.
»Behalte das hier im Griff«, sagte Weide zu Iltis, bevor sie die Hauptstraße hinunterlief. Sie schickte einen Wunsch in den sich verdunkelnden Himmel, dass die Stoßzahnflut endlich angekommen sei.
Uidal und Bekir waren bereits dabei, das Tor zu öffnen, als sie herbeieilte. Die Hoffnung auf frischen Nachschub wurde enttäuscht, als Blindschleiche durch den sich öffnenden Spalt ritt. Hinter ihm tauchte ein kleiner Mischling auf, den Augenweide gut kannte. Sie warf Blindschleiche einen finsteren Blick zu.
Schleich zuckte mit seiner blassen, von Narben durchzogenen Schulter. »Du hast gesagt, ich darf ihn nicht töten.«
»Das heißt nicht, dass ich es nicht tue«, sagte Augenweide und sah Späne an. Dann gab sie Schleich ein Zeichen, abzusteigen und ihr zu folgen. Er rührte sich nicht. Seine toten Augen starrten, blitzten kurz auf, alarmiert durch die gleichen Hinweise, die Distel gesehen hatte. Im Gegensatz zu ihr kannte er die Ursache.
Weide warf ihm einen warnenden Blick zu und widerstand dem Drang, sich umzusehen. Ohne den Blick des Jägers abzulegen – den Blick, dem nichts entging –, stieg Blindschleiche ab und presste seine farblosen Lippen zusammen, während er einen großen Sack aus seiner Satteltasche zog. Sie gingen ein Stück vom Torhaus und dem nervös grinsenden Nomaden weg, damit sie nicht belauscht werden konnten. Weide betrachtete das leichenblasse Gesicht ihres heimgekehrten Reiters und wartete.
»Keine Anzeichen von Dickhäutern«, berichtete Blindschleiche, dessen Stimme Weide immer an das Messer eines Gerbers erinnerte, der eine Haut schabt. »Von unserem Gebiet bis nach Kalbarca und zurück – nichts.«
Sein Arm vollführte eine ruckartige Bewegung, und der Sack flog über die kurze Entfernung zwischen ihnen. Augenweide fing ihn auf, ihre Finger schlossen sich um das prall gefüllte grobe Leinen, in dem Münzen knirschten. Sie wollte sich die Frage verkneifen, aber sie entschlüpfte ihr unwillkürlich:
»Wie geht es ihm?«
Die Antwort war simpel und gab ihr das Gefühl, eine dumme Frage gestellt zu haben. »Er ist Vollkorn.«
Weide nickte und betrachtete den Beutel mit den Münzen. »Nächstes Mal gehe ich mit.« Das war ein falsches Versprechen, wie immer. Sie sah hoch und wechselte das Thema. »Irgendwelches Wild?«
»Kaninchen. Keine während des letzten Tags.«
»Pferdedödel?«
Blindschleiche schüttelte seinen haarlosen Kopf.
»Es ist wieder passiert«, sagte er.
Weide stieß ein angewidertes Stöhnen aus. Sie hatte gehofft, er würde es auf sich beruhen lassen. Stattdessen drängte er.
»Warst du schon wieder dort?«
Weide schüttelte den Kopf. »Es ist einfach passiert.«
»Ich werde dich hinbringen.«
»Ich habe keine Zeit für einen Fünftagesritt, Schleich.«
»Der Tod dauert länger.«
»Und du weißt, was zu tun ist, wenn es so weit ist«, schnauzte sie mit immer noch gesenkter Stimme.
Blindschleiche antwortete mit einem starren Blick, der irgendwie Missbilligung in sich trug.
»Ich werde hingehen«, versicherte sie ihm. »Morgen. Ich werde gehen.«
»Und der Trank?«
»Ich habe ihn seit Monaten nicht gebraucht.«
Noch mehr vielsagendes Schweigen. Weide musste den Blick abwenden. Schleichs hohles Totengesicht war oft schwerer zu ertragen als die Mittagssonne.
»Ich habe noch etwas übrig«, gab sie zu. »Ich werde ihn einnehmen.«
Schleich drückte seine Zufriedenheit aus, indem er blinzelte. Einmal.
Weide wollte die Kontrolle zurückgewinnen und sich wieder der derzeitigen Angelegenheit widmen, ging um ihn herum und kehrte zum Tor zurück. Der ungebetene Ankömmling war abgesessen. Weide stellte sich ihm direkt in den Weg.
»Man hat dir gesagt, du sollst nicht hierher zurückkehren.«
Späne schreckte vor ihrem Knurren zurück, aber weniger als sonst. Wie die meisten Weichlinge war er kleiner als andere Halb-Orks. Er wich vor der weitaus größeren Weide zurück und hob beschwichtigend die Hände.
»Ich weiß, Häuptling …«
»Nenn mich nicht so.«
Späne zuckte zurück. »Entschuldige. Ich zeige nur meinen Respekt.«
»Versuch nicht, mich zu bezirzen, Nomade. Respekt zu zeigen, wird dir keinen einbringen. Nicht hier. Jetzt steig auf und verschwinde.«
»Ich könnte nützlich sein, wenn ich nur eine kleine Chance bekäme«, jammerte er.
»Eine kleine Chance?« Augenweide konnte nur lachen. »Du hattest deine Chance beim letzten Verrätermond. Aber wie ich hörte, hast du lieber den Arsch deines Keilers aufblitzen lassen, statt die Zentauren anzugreifen. Du hattest noch eine Chance, als die Orks einmarschierten und die Bastarde ihnen entgegenritten. Und wieder hast du dich entschieden zu fliehen. Wenn du mit dieser Rotte reiten wolltest, dann hättest du mit dieser Rotte reiten sollen.«
Die Proteste des Nomaden nahmen kein Ende. Und sie waren ihr nervtötend vertraut. »Ich entdeckte die erste ul’usuun, als sie das Gebiet der Spitzbuben durchquerte. Ich ritt zurück und überbrachte die Nachricht. Ich habe geholfen, eure Leute sicher zur Suhle zu bringen, als die Stoßzahnflut sie aufnahm. Das sollte schon etwas zählen!«
»Ausguck und Eskorte zu sein, zählt einen Scheiß, wenn man nicht kämpfen will, Späne. Die Wahren Bastarde wurden an dem Tag geboren, als wir diese Orkzunge angriffen. Wir haben in dieser Masse von Dickhäutern herausgefunden, wer wir waren. Wir fanden heraus, auf wen man zählen und wem man trauen konnte. Stummklotz wurde einer von uns. Greifer ist unter unseren Gefallenen. Das waren deine Nomadenfreunde, Späne. Wo, zum Teufel, warst du?«
Er hatte keine Antwort, und sie ließ ihm keine Zeit, sich eine zu überlegen.
»Du hast deine Chancen vertan. Du hast gezeigt, wer du bist, und zwar keiner von uns. Du bist ein streunender Hund. Und ich werde meinem Volk nicht das Essen aus dem Mund nehmen, um einen streunenden Hund zu füttern.«
Späne fand seine Stimme und sprach hoch und verzweifelt. »Weißt du, was man mit den unabhängigen Reitern da draußen macht?«
Weide wusste es. Sie drehte sich um und rief nach Uidal und Bekir. »Öffnet das Tor! Der hier reitet weiter.« Sie ging zu Blindschleiche. »Sorg dafür, dass er unser Gebiet verlässt.«
Die tief liegenden Schlangenaugen in Schleichs Schädel blitzten fragend auf.
»Lebendig«, sagte Weide zu ihm.
Blindschleiche schob sich ohne weitere Worte an ihr vorbei, um die Befehle auszuführen.
Honigwein nahm seinen Platz ein und wirkte besorgt. »Bist du dir da sicher?« Sein Blick wanderte zu den abziehenden Keilern. »Späne ist ein erfahrener Reiter.«
»Er ist eine beschissene Wetterfahne«, sagte Weide. »Ich brauche Mischlinge, die nicht nur mit dieser Rotte reiten, sondern ihr auch beistehen können. Ein Mischling, der sich nach dem Schönwetterwind richtet, ist hier weniger als nichts wert. Heutzutage bläst den Bastarden kein Schönwetterwind mehr durch die Arschritzen, Honigwein. Das muss ich dir doch nicht erklären.«
»Nein, musst du nicht, Häuptling.«
Sie sahen beide zu, wie sich das Tor wieder schloss.
»Ich reite morgen früh zu Rhecia«, sagte Weide. »Ich muss eine neue Amme finden.«
»Ich werde bereit sein.«
»Nein. Ich brauche dich hier.«
»Du solltest nicht allein reiten.«
»Geht nicht anders. Klotz muss Keiler einreiten. Schlangenhaut wird meine Patrouillen übernehmen müssen, und du weißt, dass ich Iltis nicht mitnehmen kann.«
»Dann warte, bis Schleich zurückkommt, oder nimm wenigstens ein paar der älteren Schlammköpfe mit.«
»Wir werden keinen unserer Anwärter an den Geruch von Huren verlieren, Honigwein.« Sie beachtete seine Bemerkung über Blindschleiche nicht und hoffte, er würde es vergessen. Das war eine bescheuerte Hoffnung.
»Schleich wird zurück sein …«
»Blindschleiche wird nicht vor mir wieder zurück sein«, sagte sie und beließ es dabei. Honigweins Stirnrunzeln vertiefte sich, aber er wusste, dass es keine gute Idee war, sich nach einer Aufgabe zu erkundigen, die Schleich vom Häuptling erhalten hatte. Das war das einzige Erbe, das Weide vom Lehmmaster übernommen hatte und das einen Dreck wert war.
Begierig auf ihr Bett und das Ende der Diskussion, ging sie davon.
Sie hatte das Haus des obersten Olivenbauers zu ihrem Privatquartier gemacht. Der Geruch von Olivenöl begrüßte sie, als sie durch die Tür trat. Die Aromen, die einen Reiter der Rotte begleiteten, schienen in diesen Räumen nicht Fuß fassen zu können. Sattelleder, Schweiß, Waffenöl – nichts von alledem konnte sich gegen die fest verwurzelte Inbesitznahme des längst abwesenden Olivenbauerns durchsetzen. Ohne sich die Mühe zu machen, eine Lampe anzuzünden, tastete sich Weide zur Treppe und nach oben. Der Vorarbeiter hatte einen Säulengang an das obere Stockwerk angebaut, der aus dem Schlafzimmer ragte. Früher hatte man einen ungehinderten Blick auf die Olivenhaine von Teilsieg gehabt. Die Umzäunung beeinträchtigte dies nun zwar, aber Weide fand den Aussichtspunkt immer noch nützlich, um die Stadt zu überblicken, die sie umschlossen hatte.
Sie ließ ihren Schwertgürtel und ihre Armbrust zusammen mit dem Sack voller Münzen auf das Bett fallen und trat auf den Balkon hinaus. Das Kochfeuer war inzwischen heruntergebrannt und wurde nur noch von drei Schlammköpfen unterhalten, die mit dem Aufräumen beschäftigt waren. Ein paar Dorfbewohner lungerten herum und hofften insgeheim darauf, dass ein weiterer geheimer Vorrat an Lebensmitteln zum Vorschein kommen würde. Auf der anderen Seite der Hauptstraße saßen Iltis und Stummklotz auf dem Dach der Küferei. Früher hätten sie sich vielleicht eine Flasche geteilt, aber die Weinvorräte waren geschrumpft und wurden nun streng rationiert. Weides Kehle sehnte sich nach einem Schluck, aber sie weigerte sich, einen privaten Vorrat anzulegen. Die Witwe des Gerbers tauchte auf und gesellte sich kurz zu den Reitern, bevor sie und Iltis sich gemeinsam davonschlichen, zweifellos um zu ficken. Der Gedanke daran erweckte kurz etwas in Augenweide, das jedoch schnell von Müdigkeit, den Schmerzen des Tages und einem Rasseln in den Tiefen ihrer Lunge verjagt wurde.
Sie hasste es, Honigwein anzulügen. Er hatte selbstverständlich recht. Es war leichtsinnig, allein durch die Geteilten Lande zu reiten, aber sie hatte keine andere Wahl.
Sie ging zu der Truhe am Fußende ihres Betts und kramte darin herum, bis sie eine Keramikflasche zutage förderte, die scheußlich aussah. Sie schüttelte den Inhalt und spürte, wie er dickflüssig auf dem Boden schwappte. Sie zog den Stöpsel heraus, schnitt eine Grimasse und kippte einen Schluck hinunter. Das faulige Zeug versuchte, sofort wieder hochzukommen. Weide kämpfte dagegen an. Sie glaubte, dass Keilersperma besser schmeckte als diese saure Scheiße. Zumindest hatte es eine ähnliche Konsistenz. Sie rammte den Korken wieder in den Flaschenhals und vertrieb den Geruch des Tranks. Dann ließ sie sich auf das Bett sinken und legte sich neben die verstreuten Waffen.
Sie stöhnte. Sie trug immer noch ihre Stiefel.
3
An der Teilsieg-Furt führte Weide Schoßbesen halb durch den Fluss und hielt an.
»Weiter kommt ihr nicht mit«, sagte sie zu ihrem Begleiter.
Honigwein hatte darauf bestanden, dass der Häuptling bis zur Grenze des Gebiets begleitet wurde. Natürlich von ihm selbst und den drei erfahrensten Schlammköpfen – Touro, Abril und Petro. Jeder von ihnen drückte seine Enttäuschung auf seine Weise aus.
»Geht zurück. Und seid vorsichtig.«
Sie trieb ihren Keiler an, aber ein Platschen hinter ihr ließ sie wieder anhalten. Sie drehte sich im Sattel um und sah, dass Abril ihr auf den Fersen war.
»Was, zum Teufel, machst du da, Schlammkopf?«
Abrils Augenbrauen schossen in demselben Maße in die Höhe, wie seine Kinnlade herunterfiel. »Oh! Du meintest uns alle? Ich dachte, du meintest, nur sie sollten nach Hause gehen.« Er deutete mit dem Daumen auf die anderen, die alle finster dreinblickten. Abril stellte sich in die Steigbügel und beugte sich über sein Sattelhorn, seine Stimme sank zu einem Flüstern, das die Geräusche der Strömung gerade noch übertönte. »Erinnerst du dich, Häuptling? Du hast gesagt, dass du mich zu Rhecia bringen und für mein erstes Mal bezahlen würdest, weil ich den Hirsch erlegt und die ganze Stadt ernährt habe.«
»Das habe ich nie gesagt, Abril.«
Der junge Mischling warf ihr einen zweifelnden Blick zu. »Bist du sicher?«
»So sicher wie darüber, dass ich dir, wenn du mir nicht aus den Augen gehst, einen Bolzen verpassen werde, und du die ganze Stadt ein zweites Mal ernähren kannst.«
Abril dachte einen Moment darüber nach, während er langsam nickte. Dann schloss er sich wieder den anderen an. Als Gruppe wendeten sie ihre Keiler nach Süden, wobei Honigweins Abschiedsblick am längsten auf ihr ruhte. Weide sah ihnen nach und wartete, bis sie in der wabernden Hitze am Horizont verschwanden, bevor sie die Durchquerung beendete und mit schwachen Beinen aus dem Sattel stieg.
Mit zitternden Händen stützte sie sich auf ihre Knie, die Bauchmuskulatur krampfte ein paar Mal, und sie erbrach sich. Der Schlamm wurde in einem trägen, schmerzhaften Strang herausgepresst. Das eklige Zeug fiel ihr aus dem Mund, und sie stolperte angewidert davon weg. Zitternd griff sie in ihrer Satteltasche nach der Flasche und kippte sich den letzten Schluck in den Schlund, der brennend ihre wunde Kehle hinunterglitt.
Sie nutzte die Wut über ihre eigene Schwäche, um wieder auf ihren Keiler zu klettern. Es galt, keine Zeit zu verlieren. Wenn sie wartete, bis sie wieder fit genug war, um zu reiten, würde sie für immer hierbleiben. Weide spornte Schoß an und konzentrierte sich darauf, am Leben zu sein, wenn sie ihr Ziel erreichte.
Wäre sie auf direktem Wege zu Rhecia geritten, wie ihre Rotte glaubte, wäre der schnellste Weg ein schmaler Streifen der Kronenländer gewesen, der fast genau nach Norden zwischen dem Gebiet der Sprossen im Osten und den Amphora-Bergen im Westen verlief. Tatsächlich aber zog es Weide zu den Bergen. Es waren niedrige Berge, die sich noch nicht am Horizont abzeichneten. Über ihnen hing die Sonne am Nachmittagshimmel. Weide hatte Mühe, die Ausläufer des Gebirges bis zum Einbruch der Nacht zu erreichen. Obwohl die südlichen Hänge der Amphoras bei Weitem nicht die imposantesten Berge der Geteilten Lande waren, zeigten sie sich von ihrer unbarmherzigsten Seite. Um in das Gebirge vorzudringen, musste Weide zunächst einen ihr bekannten Pass überqueren und sich den Hängen von Norden her nähern. Von dort aus waren sie leichter zu durchqueren. Aber das war ihre morgige Aufgabe.
Weide kehrte den dunkler werdenden Gipfeln den Rücken zu und ritt zurück, bis sie auf einen Bach stieß. Sie stieg ab und ließ Schoß trinken, während sie eine kurze Strecke zu einem Mandelbaumbestand ging. Ein kräftiges Schütteln der unteren Äste ließ eine Kaskade von Schalen herabregnen und rief den eifrig schnüffelnden Keiler herbei. Weide sattelte das Tier ab, während es fraß, und bereitete ein kleines Lager vor. Im Sitzen schälte sie eine Handvoll Mandeln, aber sie hatte keinen Appetit.
Der Schlaf erwies sich als ein nervöser Besucher und wurde oft durch das Bellen ihres wilden Hustens verjagt.
Als die Nacht zu Ende war, stand Blindschleiche in der Nähe. Seine sehnige Gestalt wurde von der aufgehenden Sonne angestrahlt.
Die Gegend war für Wölfe bekannt, und Weides Hand hatte im Schlaf auf ihrer geladenen Armbrust gelegen. Nur Schleich konnte in ihr Lager eindringen, ohne sich einen Bolzen einzufangen.
»Gruseliger Scheißkerl«, begrüßte sie ihn mit einem Gesicht, das schlaftrunken und vor Ärger verzogen war.
Als sie sich aufsetzte, fiel ihr ein Bündel Kirschen in den Schoß.
»Keinen Hunger.«
»Egal. Iss!«
Weide nahm voller Zorn eine Kirsche, steckte sie sich betont desinteressiert in den Mund und stand auf.
»Zeit zu gehen.«
Sie ritten in den tiefen Schatten des Passes und waren hindurch, bevor die Sonne hoch genug stand, um sie wiederzufinden. Am anderen Ende wurden sie langsamer und vorsichtiger. Diese Ländereien lagen östlich des Kastells und gehörten der Krone, die sie des Olivenbaummeeres in den Hochebenen der Amphora-Berge wegen behalten hatte. Die Plantagen der alten Kaiser waren so riesig gewesen, dass die Pflanzen weiterhin gut gediehen. Die Villen waren längst verfallen, die Sklaven, die sie hegten, nur noch die fast vergessenen Vorfahren von Hispartha, und die Namen ihrer kaiserlichen Herren waren trotz all der Statuen, die zu ihrer eigenen Eitelkeit errichtet worden waren, inzwischen lediglich dahinsiechenden Gelehrten bekannt. Aber die Oliven blieben und waren mehr wert als jedes verdammte Monument, wie Weide fand. Marmor kann man nicht essen.
Weide folgte Schleich durch Täler mit kilometerlangen Hainen. Es war bitter, dass diese Bäume nicht von der Braunfäule befallen waren, welche die Plantagen Teilsiegs zerstört hatte. Doch selbst die Freigebigkeit des Alten Imperiums hatte ihre Grenzen. Als sie den angreifbaren Nordrand der Amphoras erreichten, wurden die Olivenbäume von erstickend dicht wachsenden Oleanderwäldern verdrängt. Nur an einem so rauen Ort wie Ul-wundulas paarte sich Wohlstand mit Gift. Die dünnen verdrehten Stämme der schädlichen Pflanzen wuchsen in die Höhe, bis sie sich neigten und sich ineinander verschlangen wie die Finger eines Verschwörers. Während sie durch die knorrigen Tunnel ritt und den Kopf einzog, behielt Weide Schoßbesen im Auge, damit er gar nicht erst versuchte, zwischen den Oleanderpflanzen nach Nahrung zu suchen. Die Rotte nannte den Oleander nicht umsonst Keilergeißel. Wenigstens waren sie jetzt vor den Patrouillen der Cavaleros sicher. Die Weichlinge hatten kein Interesse mehr an den Oliven. Von hier an war das Land eine Wildnis aus Dornen und kriechendem Wacholder.
Die Sonne brannte auf sie herab, während sie die kargen Hänge der Amphoras hinaufstiegen. Blindschleiche zog sich eine Kapuze über seinen kahlen, bleichen Kopf. Sie verbrachten den Tag damit, immer höher zu klettern, wobei Schleich sie auf flach ansteigenden Pfaden führte, die die Keiler nicht überanstrengten. Die Luft kühlte ab und der Wind wurde lebhafter.
Schließlich erklommen sie einen langen Bergrücken und ritten westwärts entlang seines Kamms. Der Boden war mit Felsbrocken übersät, und bald durchquerten sie eine Einöde aus zerborstenem Gestein. Abhänge und Fugen formten den Schutt, bis jegliche Abwechslung verloren war. Sie befanden sich in einer Pockennarbe des Bergs, die jedoch nicht durch das langsame Vorankriechen der Zeit entstanden, sondern durch die mühsame Arbeit vieler Hände gegraben worden war. Wie die Olivenhaine war auch dies ein Überbleibsel des Imperiums. Ein Steinbruch, jahrhundertelang bearbeitet und noch viel länger schon verlassen. Im Gegensatz zu den Olivenbäumen brachte der Stein nichts hervor, wenn er vernachlässigt wurde, sondern wurde zu einer verkalkten Wunde.
Weide und Schleich stiegen ab und führten ihre Keiler über die losen Steine. Sie bahnten sich den Weg an einer Falte entlang nach unten zu einem relativ flachen Stück. Weide war schon einmal mit demselben Führer hierhergekommen und hatte sich damals über das karge, scheinbar endlose Geröllfeld gewundert. Alles sah gleich aus. Auch bei dieser Reise konnte sie sich nicht besser orientieren. Aber Schleich kannte seinen Weg, damals wie heute, und glitt ohne Unterbrechung über die Trümmer.
Schließlich entdeckten sie eine Variation gestreiften Graus.
