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Ironisch und politisch unkorrekt: nichts als die Wahrheit über Berlin! Der Sound der Hauptstadt – das junge Berliner Multitalent Peter Baharov hat ihn eingefangen in Szenen und Stories. Er erzählt ehrlich und originell von Ur-Berlinern, Neu-Berlinern und wie man sich zusammen auseinanderlebt in einer Hauptstadt voller Parallelbezirke und Szenegesellschaften. Die Wahrheit über die Hauptstadt steht nicht bei Wikipedia, sondern in diesem Buch. Eine schräge Citytour voll noch schrägerer Geschichten, die nur das Berliner Leben schreiben kann!
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2013
Peter Baharov
Covergestaltung: grape.media.design
Coverabbildungen: Ampelmännchen.com, marionskochbuch.de/Folkert Knieper
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402325-0
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Für Julia
Der lange Marsch nach Berlin
Berlin – Das Tor zum Himmel
Lebst du gern, oder fährst du schon U-Bahn?
Döner-Sprech für Anfänger
Schritt 1: Auswahl der Döneria
Schritt 2: Der Bestellung dem Döners
Wer nicht fühlen will muss saufen
Zehn Spießer – kein Österreicher
Schlawinchen
Kumpelnest 3000
Die Berliner Wand
Sonntags im Discounter
Die Kommune S 1
In dem Club wohnt jemand
Der Spätimat
Freakalarm Stufe 3
Mein erster 1. Mai
Jobbomon
Spezifikationen:
Der Dieter, die Pizza und ich
Warum steht der da so rum?
Tabak fürs Volk
Berlin-Mitte-Boy
Elternzeit oder »Kabulla! Tiki faga ulum«
Auf flotter Feier ertappt
Landpartie
Stammtisch
Dorffest
Männlichkeit
Ne Mucke in Berlin
Thai Gig
Easy Money
Komm, ich koch dir was Schlimmes
Die Bulette
Die Currywurst
Wiener mit Kartoffelsalat
Hackepeter
Lass mich, ich bin ein Wolf
Terror-Toleranz
Dicke Titte
Zurück in die Zukunft
Ereignis B-2476
Konsequenz:
Ereignis B-8469
Konsequenz:
Ereignis B-10952
Konsequenz:
Danksagung
Für Julia
»Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin.« Franz von Suppé (österr. Operettenkomponist)
Recht hat er, der Franz. Mit allem. Sogar sein Name und sein Beruf beschreiben diese Stadt vortrefflich. Berlin ist nämlich wie ein riesiger Eintopf mit Suppe: Alles, was einen an der Waffel hat, zieht hierher und springt hinein. Die Basisbrühe besteht aus Spreewasser und Buletten (die Urberliner). Hinzu kommen spanische Chorizo, türkische Sucuk, arabischer Couscous und eine unendliche Vielzahl anderer exotischer Zutaten. Diese sind dann die Figuren in einem multikulturellen Gericht. Die Suppe wird allmählich zu einem sehr intensiven Eintopf, der gleichzeitig nach allen Ingredienzien schmeckt und nach keinem. Die Chorizo zum Beispiel ist in ihrer Urform noch erhalten, hat aber einen Großteil ihres Geschmacks an die Umgebung abgegeben, so dass die Bulette nach einer Weile selbst nach Chorizo schmeckt. Ob sie will oder nicht.
Das ist vergleichbar mit dem Integrieren: Der Zugezogene muss sich seinem neuen Umfeld anpassen und verändert es dabei bereits durch seine reine Existenz. Der Ureinwohner hat jetzt die Möglichkeit, durch ewiges Nörgeln über die Veränderung alle verrückt zu machen oder sich selbst der neuen Situation anzupassen. »Dann bin ick jetze ebnd ne Cross-Over-Bulette«, würde er im besten Fall sagen.
Manchmal kann es aber beim Berliner Eintopf zur Klumpenbildung kommen, die nicht immer leicht zu verdauen ist. Manche Zutaten bilden Grüppchen und vereinen sich zu einem Riesenklumpen. Die äußersten Stücke haben noch Kontakt zur Suppe, während die inneren nur unter sich bleiben, womit sie außerstande sind, die zahlreichen Geschmäcker in sich aufzunehmen. Je größer der Klumpen, desto mehr Angriffsfläche bietet er für Anfeindungen seitens der Buletten und anderer Klumpen. Das kann auf Dauer fade schmecken.
Wem jetzt der Magen knurrt, ist hier genau richtig. Berlin ist nämlich ausgesprochen lecker!
Das weiß ich bestimmt, da ich eine Menge im Laufe meines jungen Lebens probieren durfte.
Seit über zehn Jahren lebe ich nun in Berlin. Heute bin ich Berliner. Aber das war nicht immer so.
Geboren wurde ich 1978 in Bulgariens Hauptstadt Sofia. Meiner Familie ging es damals sehr gut, da mein Vater das Glück hatte, mit Rockmusik seinen Unterhalt verdienen zu können. Sogar die Kindergärtnerinnen schleimten sich bei mir ein, um an ein Autogramm von meinem Vater zu kommen. Ich dachte, sie machen mich an, und war stolz wie Oskar.
Ich war Bulgare, so wie alle anderen auch, und noch dazu einer mit Promi-Eltern, quasi ein Balkan-Jimmy-Blue. Das war die einzige Phase meines Lebens, in der ich mich nicht anpassen, integrieren musste.
Da ich als Kind von den politischen Verhältnissen im Ostblock keinen Schimmer hatte, wusste ich nicht, wie mir geschah, als meine Eltern beschlossen, Bulgarien zu verlassen.
Mit viel Fingerspitzengefühl hatten sie die offizielle Erlaubnis bekommen, mich auf die Schweiz-Tour meines Vaters mitnehmen zu dürfen. Eines Morgens wurde mir in meinem Schweizer Hotelzimmer eröffnet, dass wir den Zug nach München nehmen würden. Die angespannten Gesichter meiner Eltern verrieten mir, dass dies keine gewöhnliche Zugreise werden würde. Das war im Herbst 1983. Ich war gerade mal fünf Jahre alt. Der Startschuss zu meinem bis heute andauernden Integrationsmarathon.
Tickets zurück nach Bulgarien gab es also nicht. Das Land, in dem meine Großeltern lebten und das für mich bis dato die einzig mir bekannte Welt gewesen war, lag jetzt in weiter Ferne. Damals konnte man die politische Entwicklung nicht vorhersagen; deshalb bestand die Möglichkeit, dass wir unsere Verwandten nie wiedersehen würden. Dass wir geflüchtet waren, begriff ich, als meine Eltern Asyl in Deutschland beantragt hatten. Der Sprung vom Promi zum Asylanten war für uns alle schwierig. So ein Asylantenheim war auch nicht ohne.
In dem dreistöckigen Fünfziger-Jahre-Bau war das Erdgeschoss den »dunkelhäutigen« Immigranten vorbehalten (Herkunft egal), der erste Stock für die Asiaten reserviert (genaue Herkunft auch egal), und in der zweiten Etage durfte der Ostblock hausen. Die Stadt München hielt das damals für eine kluge Aufteilung. Gelegentliche Schlägereien und Messerstechereien sprachen zwar dagegen, aber was soll’s. Wer in Deutschland leben wollte, musste sich halt benehmen. »So ein Heim ist doch für den Afrikaner ein Schlaraffenland« (dabei bitte an einen Bayern denken, der versucht Hochdeutsch zu sprechen). »Selber schuld, wenn der von der Blutwurst mit Zwiebeln nix essen will, wegen seinem Mohammed – oder wie der noch mal heißt!« Wir Kinder aßen ebenfalls keine Blutwurst und bildeten so unbewusst unsere erste transnationale Allianz mit den Afrikanern.
Als bei den Asiaten die Pocken ausbrachen, durfte ich nicht mehr in den ersten Stock und musste auf dem Weg nach unten immer ganz schnell laufen, um nicht – wie ich glaubte – »aus Versehen einen Erreger zu verschlucken«. Da hält man besser die Luft an, dachte ich mir, was zur Folge hatte, dass ich unten immer mit hochrotem Kopf ankam. Gott sei Dank hat mich der Herbergsvater dann nie gesehen: Die Einordnung eines »Indianers« in dieses Drei-Arten-System hätte ihm bestimmt Kopfzerbrechen bereitet.
Für mich war die Zeit im Asylantenheim einerseits verstörend, andererseits auch großartig, denn ich durfte tagsüber in einen wunderschönen Kindergarten gehen. Die Gegend drum herum war erstaunlicherweise gutbürgerlich, und die Schule mit angeschlossenem Kindergarten war brandneu und hervorragend ausgestattet. Es gab nette Kindergärtnerinnen, ausgeglichene Kinder, neue Spielsachen und buntes Eis am Nachmittag. Wäre es damals schon Mode gewesen: Wir hätten mittags Biogemüse gegessen und wären nachmittags ins Kinderyoga gegangen.
Das war der Westen! Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass wir an einen besseren Ort geflüchtet waren. Nach genehmigtem Asylantrag zogen wir jedoch leider in ein sozial schwaches Viertel im Südosten Münchens, wo der Westen doch nicht mehr ganz so cool zu sein schien, was auch meinen neuen Kindergarten betraf: Es gab deprimierte Erzieherinnen, übellaunige Kinder, alte Spielsachen und – viele bunte Asylantenkinder wie mich. Der Spielplatz bestand aus einem rostigen Klettergerüst, einigen Betonquadern (ohne Witz!) und einer speckigen Rutsche. Wenn ich damals Haare am Po gehabt hätte, wäre ich nach dem Rutschvorgang perfekt gewachst gewesen. Hatte ich aber nicht und mied daher das eklige Ding.
Die Bewohner unseres Viertels stammten hauptsächlich aus dem Arbeitermilieu, waren arbeitslos und größtenteils deutsch. Des Öfteren kam es vor, dass so ein Prolo-Besoffski mich anschrie, wenn ich unter seinem Fenster spielte. »Geh doch zurück in deine Heimat, du Kanacke!«, kam’s dann aus seinem unrasierten Gesicht gekrochen. Seine fetten Arme hatte er dabei breit auf ein Kissen gebettet, während er den ganzen Tag die Einöde vor seiner Nase beobachtete.
Es gab auch Profi-Assis, die sich einen Parabolspiegel an die Fassade vor ihrem Fenster montiert hatten. Dann konnten sie vom fleischfarbenen Sofa aus gleichzeitig nach den Ausländerkindern Ausschau halten und den Musikantenstadl im Fernsehen anschauen. Für diese Hirnleistung gab’s von mir Respektpunkte, da ich schon damals Kreativität in allen Formen zu schätzen wusste.
Im Kindergarten hatten die Dümmsten unter uns die Macht übernommen und sich ein tolles Spiel ausgedacht: Man nehme den kleinen Finger, stecke ihn sich in den … und dann in die … Na ja, die Details erspare ich uns. Jedenfalls habe ich damals erkannt, dass ich anders war und anders leben wollte. Nachdem ich mir die Nase mit Seife ausgewaschen hatte, beschloss ich zu fliehen. Es sollte während des Mittagsschlafs passieren.
Ich beobachtete den Abstand zwischen den Kontrollgängen der Kindergärtnerinnen und schlich mich zwischen zweien aus dem Gefängnis, hinaus ins Freie. Draußen angekommen sah ich, dass mein Plan so seine Tücken hatte: Was jetzt, wohin sollte ich gehen? Mein Kinderhirn schlug mir vor: nach Hause! Ist am klügsten, fügte es hinzu. Den Anschiss, den ich von meiner bereits auf mich wartenden Mutter bekam, kann man sich ja vorstellen. Der Kindergarten hatte meine Flucht entdeckt und sofort Meldung gemacht. Brav, dachte ich, alles Denunzianten. So wirklich böse war mir meine Mutter zu meinem Erstaunen aber nicht wirklich. Ihr Blick verriet mir, dass sie mich verstand und sich selbst in dieser Umgebung nicht wohl fühlte.
Die Grundschule war ähnlich deprimierend. Es gab weiterhin Hosenpinkler, Verhaltensgestörte, Schläger und Lernschnecken. Salvatore hatte in der dritten Klasse gerade mal das halbe Alphabet kapiert, und das nervte tierisch, weil das Lerntempo dem schwächsten Glied angepasst wurde. Heute würde ich sagen, man muss ihn fördern und integrieren, damit er eine Chance hat, glücklich zu werden. Damals gab’s von mir für jeden fehlenden Buchstaben in der Pause eins aufs Maul. Übel, ich weiß, aber ich platzte damals vor Ungeduld und Unterforderung.
Als sich dann 1988 meine Eltern trennten, war ich fast am Limit. Dieser Westen hatte ja echt was gebracht! Wenigstens hatte ich einigermaßen gute Noten und wurde aus dem Schul-Irrenhaus mit einer Gymnasiumsempfehlung entlassen. Mir wurde gesagt, die Kinder im Gymnasium wären mir etwas ähnlicher. »Ich will’s hoffen«, seufzte ich. Doch was jetzt auf mich zukam, war absolut nicht zu erwarten gewesen: Meine Mutter heiratete ihren Freund, und wir zogen nach Singapur, einem Land, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte.
Dort ging ich in die »Deutsche Schule Singapur«, eine Privatschule, die hauptsächlich von Kindern aus wohlhabenden Familien besucht wurde. Die Lehrer waren nett, geduldig und äußerst kompetent. Ein geistiges Schlaraffenland sozusagen. Die Möhren, bei denen ich bis dato Unterricht gehabt hatte, konnte man dagegen in der Pfeife rauchen. Man nahm sich Zeit für mich, verbesserte in Nachhilfekursen mein Englisch und brachte mich an meine Leistungsgrenzen, was ich dank Salvatore bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht erlebt hatte.
Die Schule lag mitten im Dschungel, sogar Affen kamen uns regelmäßig besuchen, um uns die Fußbälle zu klauen. Doch wir kannten ihre Achillesferse: Bananen und Cola. In Kombination bringt das die Verdauung eines Affen völlig durcheinander.
Eines Tages kauften wir Unmengen dieser teuflischen Zutaten und platzierten sie mitten auf den Sportplatz. Schon bald war die Urwaldtruppe um den Köder versammelt und machte sich über die Leckereien her. Der Gegenwert unseres Pausengeldes verschwand augenblicklich in sämtlichen Affenmägen und begann dort seine Wirkung zu entfalten. Sie torkelten wie Betrunkene herum, bis sich einer von ihnen am Fußballtor festhielt und mit Hochdruck auf den Boden kotzte. Nach und nach taten es ihm auch die anderen nach, tänzelten herum und verteilten ihren Mageninhalt auf den Sportplatz und die Affenkumpel.
Ein herrliches Ballett, wie es sich ein verrückter Performancekünstler nicht besser hätte ausdenken können!
Tatsächlich habe ich viele schöne Erinnerungen an diese Zeit, da ich Asien in diesem Land mit all seinen Vorzügen kennenlernen durfte: das wundervolle Essen, die unglaublich schöne Natur und den intensiven Kulturmix der internationalen Bevölkerung. Innerhalb dieser Gesellschaft hatten wir allerdings einen speziellen Status. Wir waren die reichen Weißen, die ein Leben in Sportklubs und Privatschulen führten, unerreichbar für die allermeisten Menschen dort. Das war vermutlich auch der Grund, warum ich mich trotz der Vorzüge mehr denn je als Außenseiter gefühlt habe. Nach drei Jahren hatte ich mich tatsächlich eingelebt und begonnen, mich endlich wohl zu fühlen. Deshalb fiel mir auch der Abschied von meinen Freunden und dieser schönen Insel dann doch schwer, als mein Stiefvater ankündigte, dass wir wieder nach Deutschland zurückkehren würden.
Zurück in der Hauptstadt Bayerns endete auch schon mein Dasein als Sportklub-Schnösel. War ’ne tolle Zeit, den Eistee nach dem Tennis mit meinem guten Namen bezahlen zu können. Ich hatte mir extra eine fesche Unterschrift zugelegt, damit die Kellner mich cool fänden. Doch nun waren wir wieder ganz normale Leute, und mein Gekritzel interessierte niemanden.
Mein Stiefvater hatte ein Reihenhaus in einem ländlichen Vorort von München gekauft, in dem sich wohlhabende Städter ein spießiges Speckgürtel-Utopia geschaffen hatten.
Schnell musste ich dort feststellen, dass der Hase anders lief als in der singapurianischen Püppchen-Schule. Wenn ich wissbegierig dem Unterricht folgte und mich eifrig meldete, was in der Privatschule völlig normal gewesen war, wurde ich von meinen Sitznachbarn freundlich gebeten, dies zu unterlassen. Man würde das nicht machen, wenn man nicht als Streber gelten wollte. Immerhin warnten sie mich rechtzeitig, bevor ich womöglich noch sozialen Selbstmord begangen hätte. Die meisten Lehrer hatten hier dieselbe Einstellung wie meine Grundschul-Möhren, aber wenigstens gab es auch einige Engagierte, die sich bemühten, gestörten Teenagern etwas beizubringen. Für meine Mitschüler war ich der große (damals mit 13 Jahren schon fast ein Meter neunzig) Bulgare, der immer nur von Singapur erzählte. Gelegentlich bekam ich für meine Ich-habe-die-Welt-gesehen-Vorträge eins auf den Hinterkopf, was mich dann wieder auf den Boden der Realität zurückholte. Nach und nach wurde ich dann endlich von meinen Mitschülern akzeptiert, je mehr ich mich ihrem Verhalten anpasste. Und schon damals wurde mir klar: Auf eine Integration folgt immer die nächste!
Die Zeit nach dem Abitur kam viel schneller, als ich es mir mit sechzehn vorgestellt hatte, und ich wurde ständig gefragt, was ich denn werden wollte. Ich hatte keine Ahnung. Worin war ich wirklich gut?
Diese Frage ließ sich am besten mit einem Filmzitat aus »Der Name der Rose« beantworten. Eine der Filmfiguren ist der geistig verwirrte Mönch Salvatore, der ein unverständliches Kauderwelsch spricht. Azon (Christian Slater) fragt seinen Meister (Sean Connery), welche Sprache der Mönch denn spreche. Dieser antwortet ihm: »Alle, Azon. Und keine.«
Passender hätte ich meine Talente nicht beschreiben können! Ein bisschen Salvatore scheint auch in mir zu sein.
Einer meiner Träume war, eine Karriere als professioneller Schlagzeuger zu starten.
Trotzdem entschied ich mich nach dem Abitur für ein Medizinstudium, und nach einer dreimonatigen Reise durch »Down Under«, wartete ein Brief von der Zentralen Vergabestelle der Studienplätze auf mich. Als ich meinen Zulassungsbescheid für Medizin in den Händen hielt, las ich sechs Buchstaben, die mein Leben für immer verändern sollten:
BERLIN!
Meine erste Wahlheimat. Denn bis dahin hatte mich noch nie jemand gefragt, wo ich leben wollte. Jetzt war damit Schluss! Ich hatte mir fest vorgenommen, Berlin zu meiner Heimat zu machen. Ich wollte dieses abstrakte Wort Wirklichkeit werden lassen, nach so vielen Jahren ständigen Wechsels. Kurz – ich hatte es satt, mich immer und immer wieder zu integrieren! Einmal also noch und dann nie wieder.
Denkste. Seit diesem Schritt sind mittlerweile zwölf Jahre vergangen, und ich muss mich immer noch anpassen. Denn Berlin ist chaotisch, energisch, faul, unentschlossen, zickig und herzlich zugleich – und absolut nicht zu greifen. Es macht den Anschein, als könne man nur eine subjektive Karikatur dieser Stadt zeichnen. Gibt es ein »wahres« Bild von Berlin oder Tausende Kollagen, die jeder individuell aus seinen Erlebnissen in der Hauptstadt zusammensetzt? Wer noch nicht genügend eigene hat, kann sich jetzt ausführlich inspirieren lassen.
Es folgt: Die Wahrheit über Berlin!
Berlin, Berlin! Alle reden über Berlin! Die pulsierende Metropole, die feurige Hauptstadt, der Nukleus der Welt.
Berliner glauben das tatsächlich … und ich auch. Wir verhalten uns in diesem Punkt ähnlich wie die Münchner, (zu denen ich früher auch gehört habe), nur dass wir bei der Hauptstadt die besseren Argumente haben. Berlin hat zwar miese Biergärten und schlechte Brezeln, die durchschnittliche Oberweite liegt weit unterhalb der der Bayernmiezen, Hertha ist dem FC Bayern meistens unterlegen, und unser Oktoberfest-Plagiat am roten Rathaus gleicht eher einem Schrebergarten-Grillabend. Aber:
Fuck you! Wir sind die Hauptstadt!
Basta.
Okay, wenn ein Ausländer an Deutschland denkt, hat er die Bayern vor Augen. Aber spätestens, wenn er das stalinistische Betonparadies am Alexanderplatz durch seine Nikon betrachtet und währenddessen seinen Geldbeutel geklaut bekommt, weiß er, dass Berlin nichts mit Bayern zu tun hat. Wir sind groß, wir sind international, wir sind dreckig! Wir pinkeln auf unsere Sehenswürdigkeiten. Aus Liebe. »Vastehste?« Und wenn der warme Strahl der Vaterlandsliebe getrocknet ist, sind wir wieder ein Herz und eine Seele. Dann nennen wir sie »Goldelse« (die Goldstatue Viktoria auf der Siegessäule), »Schwangere Auster« (das Haus der Kulturen der Welt) oder »Lippenstift und Puderdose« (die Neubauten bei der Gedächtniskirche). Nicht mehr und nicht weniger. Denn die Berliner wissen zwar um ihre Attraktionen, beachten sie im Alltag aber kaum. Man fährt nur hin, wenn man auch etwas in ihrer Nähe zu erledigen hat. Meistens sind sie sogar von ihnen genervt, da sie Unmengen von Touristen anziehen, die den Verkehr blockieren und dafür sorgen, dass sich unzählige Souvenirläden und schlechte Restaurants in ihrer Nähe ansiedeln. Vor einigen Jahren konnte man noch mit dem Auto direkt durchs Brandenburger Tor fahren, was in meinen Augen die Wiedervereinigung hervorragend versinnbildlicht hat. Jetzt ist dieser Bereich eine Fußgängerzone und wird für unzählige öffentliche Veranstaltungen genutzt. In diesem Fall sperrt die Polizei alle Zu- und Abfahrtstraßen und macht die Durchfahrt in den Westen wieder dicht. Eine Schande ist das.
Die wahren Schmuckstücke Berlins sind aber erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Sie liegen zwischen den Häuserschluchten verborgen und können nur indirekt über ihre »Vibes« als etwas Besonderes identifiziert werden. Man nehme zum Beispiel die zahllosen Kiezkneipen, in denen man inmitten dichten Zigarettenqualms und Bierdunstes seinen Alltag vergessen kann. Oder unsere wunderschönen Parks. Sie riechen ebenfalls wie Kneipen, befinden sich aber unter freiem Himmel. Eine ganz besondere Open-Air-Kneipe ist der Görlitzer Park. Er befindet sich in Kreuzberg und ist im Sommer für viele Berliner »das wahre Zentrum der Welt«. Wie wörtlich das zu verstehen ist, erfuhr ich durch folgende Geschichte.
Als ich einmal ziellos durch den »Görli« (Spitzname für »Görlitzer Park«) spazierte, quatschte mich ein Betrunkener an und begann mir von einer verborgenen Tür zu erzählen, die sich angeblich mitten im Park befinden sollte. Aus ihr soll vor Jahrmillionen »der erste Mensch« in die Welt getreten sein. Klingt verrückt, ich weiß. Aber am folgenden Tag sollte ich ihm tatsächlich begegnen. Ja, ich habe ihn selbst gesehen. Er hat mir im Jobcenter Neukölln seine Wartenummer für 5 Euro verkauft. Dabei hat er mir tief in die Augen geblickt und langsam genickt. Der erste Mensch also! Er hatte sofort erkannt, dass ich ihn erkannt hatte. Ein magischer Moment. Diese klaren Augen, die schon alles gesehen hatten. Dieser würzige Geruch, als wäre er mit allen Wassern gewaschen – oder mit keinem. Der Duft der Evolution. Finger, die jeden Zentimeter dieses wunderbaren Planeten berührt haben mussten, so schwarz waren sie. Und ein Lächeln … Ein Lächeln, so voller Anmut, wie ich es zuvor nur in einem Fachbuch für Kieferorthopäden gesehen hatte – »The Book of British Smiles« – ich hatte mir eines der letzten Exemplare gesichert, bevor es auf den Index kam.
Er setzte sich neben mich und stellte sich vor.
»Adam Koletzki.« Mein Gott, er ist es wirklich, dachte ich und wollte gleich alles von ihm wissen.
»Wie war das«, fragte ich ihn, »als du das erste Mal durch diese Tür kamst und die Welt erblicktest?«
Er antwortete, der Görli sei damals nicht annähernd so groß gewesen wie heute. Außerdem wäre man unter seinesgleichen geblieben, und es wäre viel ruhiger zugegangen. Keine Flaschensammler, keine spanischen Erasmusbetrüger, das Bier für nur zwei Westmuscheln. »Schhhhöne Zeit«, pfiff er durch seine Zahnlücke. Ich wurde stutzig.
»Wie kann es sein«, unterbrach ich ihn, »dass der Görli damals schon existierte? Und die Dinosaurier? Liefen die mit euch im Park rum? Was war mit der Evolution? Du kannst doch nicht ernsthaft behaupten, dass …«
»RUHE!«, schrie er mit gewaltiger Stimme. Die Menschen im Wartezimmer drehten sich zu uns um.
Stille.
»Mein junger, unerfahrener Freund«, sagte er sanft, väterlich seine Hand auf meine legend. »Es gibt keine Evolution. Sie ist eine Lüge. Diese Lüge wurde unter euch Menschen verbreitet, damit ihr in die Welt hinauszieht, forscht, euch über den ganzen Globus verteilt, den Görli verlasst.«
»Aber wieso?«, wollte ich wissen. »Welchen Sinn hat …?«
»Wann warst du das letzte Mal am Prenzlauer Berg?«, rief er plötzlich mit hysterischer Stimme. »Alles Arschlöcher. Nur Arschlöcher: Münchner, Schwaben, Yuppies, D. I. N. K.s (Double income no kids), tofukackende Yogastreber, bachspielende Robo-Bälger mit Tommy-Hillficker-Latzhosen! Deshalb!«
Im ganzen Raum wurde energisch genickt und konspirativ gezwinkert.
»Genau deshalb!«, fuhr er fort. Ich verspürte den unbändigen Drang, auch zu nicken, widerstand aber.
»Berlin, mein naiver Junge, wurde in nur sechs Tagen erschaffen. Eine Meisterleistung! Im Görli befand sich die heilige Pforte, der Übergang in diese Welt. Wie konnte ER am siebten Tage so unaufmerksam sein? Einen Tag lang passt man mal nicht auf, und die ganze Welt kommt hierher und macht sich breit!« Jetzt reichte es. Ich sprang trotzig auf und fuchtelte theatralisch mit den Armen.
»Und dann hat ER den Menschen die Wissenschaften in den Kopf gesetzt, quasi als genialen Blöff, damit alle wieder abhauen und du mit den anderen Pennern wieder relaxed im Görli entspannen kannst? Hab ich das richtig verstanden?«
»Jepp«, nickte er mit geschlossenen Augen.
»Und glaubst du nicht, dass du einfach nur ein Spinner bist, der im Jobcenter Wartemarken vertickt?«
»Wartemarken verkaufen … mir abgelaufene Wartemarken abkaufen …« Er imitierte mit seinen Händen eine Waage. »Und? Wer ist jetzt der Spinner? Ich weiß es nicht. Sag du es mir.«
Er hatte wirklich eine riesige Nase.
Ich kramte meine Wartemarke heraus und studierte sie gründlich. Tatsache! Von gestern.
»Du mieser, kleiner …« Ich drehte mich um, fest entschlossen, mir diesen Betrüger vorzuknöpfen, aber dann: Weg! Verschwunden. Der Platz neben mir war leer!
Ich stand auf, ging durchs Wartezimmer, schaute den Gang entlang, fragte meine Sitznachbarn. Nichts. Keiner will diesen Mann gesehen haben. Verwirrt verließ ich das Jobcenter.
Als ich einige Wochen später wieder durch den Görlitzer Park spazierte, machte ich eine interessante Entdeckung: Ich kam zu einer großen Mulde in der Mitte des Parks, deren konkave Form an einen mit Gras bewachsenen Meteoritenkrater erinnerte. Am Rand der Schräge befand sich tatsächlich eine schwere Stahltür, umrahmt von massivem Beton. Das Ganze hatte die Gestalt eines Bunkereingangs. Auf der Tür stand mit großen Lettern »Hortus Dei« geschrieben: Der Garten Gottes.
Unfassbar! Rechts neben der Tür hing ein brauner Kasten mit einem roten Knopf in der Mitte. Ich drückte darauf …
Du hast super Laune? Du findest das Leben geil? Deine Eltern haben dir einfach so 100 Euro zum Shoppen geschenkt? Nichts kann dir diesen Tag noch vermiesen? Falsch gedacht!
Du befindest dich nämlich am Kurfürstendamm und gehst die Stufen zur U-Bahn hinunter.
Damit hast du es dir selbst vermiest, denn was du nicht weißt: Die Hölle ist real und heißt im Fachjargon »Berliner Verkehrsbetriebe«.
In deiner Rechten trägst du eine Vero-Moda-Tüte, die dich »total happy« macht, weil das super Top und die Übergangsjacke, die sich darin befinden, »voll süß« sind. Du hast jetzt zwar nur noch 20 Euro für den Rest des Monats, aber das ist dir schnuppe, weil du gerade so sparsam warst. Bei deinen Freunden wirst du stolz ein »die waren voll reduziert« raushauen, und alle werden dich für deinen effizienten Einkauf bewundern.
Du bist jetzt im Untergeschoss und bewegst dich am Fahrkartenautomaten vorbei in Richtung Gleis. Du hast natürlich ein Semester-Ticket und ignorierst den »Alle-Minderheiten-in-sich-vereinenden-Gebrauchtticketverkäufer«. Er ruft dir noch ein »Fuck off« mit seiner Zwergen-Fistelstimme hinterher. Das irritiert dich ein bisschen, weil du hast ihm »doch gar nix getan«. Aber egal, der wird dir nicht die Laune verderben. Berlin halt! War doch ein super Tag bisher!
Jetzt stehst du am Gleis und schaust auf die Anzeigetafel – noch vier Minuten. Gar nicht so schlecht. Auf einer Infotafel liest du dann, dass die »U 1 wegen Bauarbeiten zwischen Gleisdreieck und Warschauer Straße nicht verkehrt«. Der lustige Zeichentrick-Maulwurf darauf sagt dir aber, dass das egal sei, weil dir die BVG einen Ersatzbus anbietet. Da sich deine von der Stadt Berlin geförderte Studi-WG im »Friedl’ Hain« befindet, bist du voll von dieser »kleinen Störung« betroffen.
»Fuck, Alta! Da bin ich ja erst in ’ner Stunde zu Hause!«, murmelst du vor dich hin, und der Typ neben dir unterstützt dich mit einem eloquenten »Voll, oda?«. Er müsse zum »Kotti« (Kottbusser Tor). Er ist jetzt dein Reisebegleiter. Ob du willst oder nicht.
Zu Hause war man mit dem Fahrrad in fünf Minuten überall! Das hier nervt total! Aber egal. That’s Berlin!
Der bildungsferne Typ mit Migrationshintergrund neben dir heißt »J-Love« und will zu seinem Cousin. Überhaupt erfährst du seine komplette, für dich zurechtgebogene Biographie. Scheiße, jetzt hab ich den an der Backe, denkst du noch und tust so, als ob dir jemand gesimst hätte. Du hast ein altes Foto von dir als Desktophintergrund auf deinem Smartphone.
»Man war ich schlank damals«, murmelst du vor dich hin. Das Top in deiner Tüte stimmt dir zu.
»Man wird deine fetten Lenden sehen. Jeder wird sie sehen!«
»Halt’s Maul!«, schreist du in die Tüte. »Du Billig-Lohn-Produkt!«
J-Love bezieht das auf sich, ist jetzt beleidigt.
Endlich kommt die U-Bahn und du steigst ein. Da kannst du dir bis zum Gleisdreieck Werbung reinziehen und dann auf dem Weg zum Bus in der Masse verschwinden. Dein Begleiter hat aber andere Pläne. Er will sich mit dem halbtoten Motz-Verkäufer, der sich im letzten Moment durch die sich schließenden Türen morpht, solidarisieren. J-Love wird gefragt, ob er Kleingeld habe, und er legt 20 Cent in die geöffnete Hand des Mannes.
»Man muss doch zusammenhalten in dieser Welt voller Fremdenhass!«, sagt er in seinem feinsten Hochdeutsch. Jetzt reicht’s dir.
»So eine Unterstellung ist untragbar«, rufst du genervt, »und außerdem bist du gar nicht damit gemeint gewesen!«
J-Loves Kalbshirn versteht deinen Abi-Talk kein Stück und redet immer weiter. Währenddessen schließt sich der Motz-Mann eurer lustigen Gruppe an und setzt sich ganz nah neben dich. Du erfährst wider Willen, dass er »Uwe« heißt, und sein Atem verrät dir, was er alles seit seiner letzten Mundpflege gegessen hat.
Der Monitor über deinem Kopf zeigt dir kurz vor dem Gleisdreieck eine Werbung von Zalando. Die erbärmliche Langhans-Kopie hält deine Übergangsjacke in die Höhe, und die blinkende, bunte Zahl am Ende des Spots zeigt dir, dass Vero Moda dich abgezogen hat.
Shit! Langsam bist du richtig sauer! Scheiß Rainer, scheiß J-Love und scheiß Motz-Penner.
»Such dir ’nen Job, du Arsch!«
Gleisdreieck. Du schießt aus der U-Bahn und rennst einen halben Kilometer zur Ersatzhaltestelle des Busses. Dort erwarten dich fünfzig andere Berliner, die genau die gleiche Laune haben wie du. Dann, eine Stunde nach deiner Abfahrt am Ku’damm, kommst du in deine saukalte Studi-WG. Dein Kommilitone Torben ist Veganer und hat Eiweiß-Ersatz mit Reis gekocht. Und er hat nicht geheizt, weil er keinen Bock hatte, Kohlen zu kaufen.
»Außerdem bist du dran gewesen«, sagt er, »aber du bist ja nur damit beschäftigt, deiner Kommerzgeilheit wie ein Roboter zu folgen!«
Du Opfa!, denkst du mit J-Loves Hirn und schmeißt ihm deine Einkaufstüte um die Ohren. Du bist fett und pleite. Und du wirst nie wieder U-Bahn fahren – ich schwör!
So, aufgepasst! Dieses Kapitel ist speziell für alle Nicht-Berliner. Fühlt euch jetzt nicht bloßgestellt oder »ungelernt« an die Tafel geholt. Was ihr hier erfahrt, werdet ihr brauchen, solltet ihr nicht mit einer Krankheiten-Wundertüte euren Hunger befriedigen wollen. Denn während Millionen von Spaniern, Amis und Japanern unsere Hostels in der ganzen Stadt bevölkern, machen sich’s unsere Freunde namens BSE, EHEC und H1N1 in nur einem einzigen Hotel richtig gemütlich: im Döner!
Markus aus Heidelberg zieht nach Berlin. Er hat gerade ein WG-Zimmer in Neukölln besichtigt und wurde abgewiesen. Schade, aber er sieht ein, warum: Aus Heidelberg sein ist »echt Yuppie-Schwul-Guttenberg-Liebhaber-Arsch-Style«, und die WG wollte ohnehin ein Mädchen. Die ganze Chose hat ihn aber ’ne Menge Energie gekostet. Er hat jetzt HUNGER! Zu Hause würde er sich jetzt ein schönes Krustenbaguette kaufen, belegt mit einer Lage Meisteraufschnitt vom Metzger Meyer. Mmhhh.
Zack! Ein Passant klatscht ihm im Vorbeigehen mit der flachen Hand auf den Hinterkopf.
»Häää? Was soll das?«, ruft er dem jungen Mann hinterher, der aussieht wie der fleischgewordene, feuchte Traum Thilo Sarrazins.
»Pass auf, was du denkst, Alta. Zum Döner geht’s da lang!«
Verdammt Mann, denkt sich Markus. In Berlin herrscht echt ein derber Integrationsdruck!
Döner also. Warum nicht? Aber welche der zehn Buden soll man wählen? In Neukölln werden Wohnhäuser auf Dönerbuden gebaut …
Hier also ein bisschen »Döner-Mathe«:
Man nehme die Anzahl der Kunden (Kn), die sich in der Döneria befinden (Türken werden doppelt gezählt) und addiere den Qualitätsbonus (Fqu) der Fleischsorte (Kalb in Scheiben: 5, Chicken in Scheiben: 3, Kalb in Scheiben, gemischt mit Fleischbrät: 2, nur Fleischbrät: 1). Abschließend multipliziert man die Summe der beiden Posten mit dem Dönerpreis (Dp) und dividiere sie durch den Durchmesser des Dönerspießes (Dsp) in Metern. Daraus wird folgende Formel abgeleitet:
Das Ergebnis wird in der Einheit €m (Eurometer) angegeben. Je mehr €m die Döneria hat, desto besser der Döner. Bei einem Ergebnis unter 20 Eurometern folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine akute Dönorrhoe …
Markus hat es dank westdeutscher Bildung geschafft, sich anhand dieser Formel die beste Döneria auszusuchen, und kommt nun auch gleich dran. Ist gerade noch genug Zeit, um ihn mit dem strengen Kommunikationsknigge vertraut zu machen. Der Döner-Fach-Angestellte (DFA) verlangt nämlich präzise Antworten auf scheinbar einfache Fragen. Das Dönerhandwerk strotzt nur so vor Fachbegriffen. Es folgt jetzt das »Comme il faut« einer Döner-Transaktion:
