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Das Erwachen seiner Gabe führt zu Nantais Ausweisung aus Megalaia und zur schmerzlichen Trennung von seiner großen Liebe Doro. Und auch die Heimkehr in Begleitung des verhassten Polizisten Bill Hunter bringt ihm kein Glück. Kurz nach der Ankunft in den Wäldern überschlagen sich die Ereignisse. Um das Leben Bill Hunters zu retten, mit dem er unerwartet Freundschaft geschlossen hat, liefert sich Nantai zwei dunklen Schamanen aus, ohne zu ahnen, dass den vermeintlichen Freund mehr mit den beiden Männern verbindet, als Bill ihn wissen ließ. Als er Verdacht schöpft und Bill deswegen zur Rede stellt, ist es bereits zu spät. Durch einen Schwur gebunden, muss er den Schamanen in ein ungewisses Schicksal folgen. Sein Ende scheint besiegelt... Denn Nantai ist nicht der erste, der mit den dunklen Männern ging. Und die wenigen, die wiederkehrten, waren nur noch Schatten ihrer selbst, zerbrochen an einer Macht, der niemand gewachsen scheint. waeldervonnangaia.de
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Seitenzahl: 641
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Sabine Roth
Die Wälder von NanGaia
Der Schatten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Bange Stunden
Falsches Spiel
Die Macht der Gabe
Das Zerwürfnis
Der Zauber (Nantais Entscheidung)
Das Tribunal
Fluchtgedanken
Das Unwetter
Nachts in den Bergen
Die Dämonen
Ohnmacht
Der Schatten
Nocona
Durch die Ebene
Der Schattenhügel
Gier
Die Wahrheit
Vorbei
Die letzte Prüfung
Noconas Entscheidung
Im Herzen des Schatten
Nach Hause
In letzter Sekunde
Der Sühneschwur
Das Gift des alten Mannes
Abschied
Neue Hoffnung
Epilog
Impressum neobooks
Pohawe hatte Nantai nicht mehr im Dunkel des Waldes verschwinden sehen. Zu aufgewühlt war sie gewesen, und zu entsetzt, um mitanzusehen, wie er seinem Elend entgegen ging. Stattdessen war sie zur Hütte der Tochter gelaufen und hatte sich Achak dort weinend in die Arme geworfen. Nantai werde das Dorf verlassen, stammelte sie jetzt unter Tränen, und habe sich den dunklen Schamanen obendrein mit dem Rauchschwur ausgeliefert... Entsetzt löste sich Achak von ihr. „Wo trafst du ihn?“ Mit ersterbender Stimme beschrieb sie ihm den Ort der Begegnung. Doch als er die Stelle wenig später erreichte, schien es, als habe die Erde seinen Sohn verschlungen. Keine noch so schwache Spur hatte sich in den weichen Waldboden eingedrückt, kein einziger geknickter Halm deutete auf den Weg hin, den Nantai genommen hatte. Enttäuscht kehrte Achak ins Dorf zurück. Nun blieb ihm nur, den Schamanen zu folgen, wenn sie das Dorf verließen - in der Hoffnung, sie führten ihn zu Nantai. Aber die dunklen Männer ließen ihn lange Zeit warten. Und als sie seine Hütte endlich verließen, riefen sie ihn zu sich - und befahlen ihm, sich um Bill Hunter zu kümmern. „Der Freund deines Sohnes ist bei Bewusstsein, aber noch sehr schwach. Sorge dafür, dass er zu Kräften kommt. Deine Hütte muss bei unserer Rückkehr in der Nacht für uns alleine bereit stehen!“ Achaks finsterer Blick hing an ihnen, als sie in die Dämmernis des Waldes eintauchten. Er ahnte, wohin sie gingen - zu Nantai - und wäre ihnen viel zu gerne gefolgt. Dennoch wagte er nicht, ihre Anweisungen zu missachten. Zu groß war ihre Macht...und zu groß seine Sorge, sie könnten Nantai für seinen Ungehorsam büßen lassen. Als er ein schwaches Stöhnen aus der Hütte dringen hörte, löste er den Blick von den schwindenden Gestalten und rief nach Pohawe. Schob das Tuch am Eingang beiseite, und ging hinein. Die Schamanen hatten Bill Hunter aus seinem Todesschlaf erweckt. Doch es bedurfte der vereinten Kräfte von Nantais Eltern, um den Polizisten wirklich ins Leben zurück zu holen. Und trotz ihrer vereinten Kräfte dauerte es Stunden, bis er wieder Herr seiner Sinne war. Bis er wusste, wo er sich befand. Bis er sich erinnerte. Dann erst fragte er nach Nantai. Sie sagten ihm, ihr Sohn sei verschwunden, nachdem er sich den dunklen Männern - durch den Rauchschwur besiegelt - auf Gedeih und Verderb ausgeliefert hatte. „Was zum Teufel…!“ Der Polizist wollte aufstehen, aber sein entkräfteter Körper ließ es nicht zu, und er sank fluchend auf sein Lager zurück. „Du bist noch zu schwach, Bill Hunter. Du musst erst zu Kräften kommen. Trink!“ Pohawe hielt ihm eine Schale an die Lippen, in der die rötliche Flüssigkeit schwappte, die er bereits zu genüge kannte. Widerwillig fügte er sich. Doch als er die belebende Wirkung des Trankes spürte, leerte er die Schale bis zum letzten Tropfen. Nun, da der Fluch der Schamanen nicht mehr wirkte, konnte Pohawes Medizin zum ersten Mal ihre wahre Stärke entfalten. Bei Einbruch der Dunkelheit hatte sich Bill so weit erholt, dass Achak ihn der alleinigen Obhut Pohawes überließ und sich erneut auf die Suche nach dem Sohn begab. Doch bei seiner Rückkehr wirkte der Schamane enttäuschter und besorgter denn je. „Konntest du Nantai nicht finden?“ fragte Pohawe mit banger Miene. Er schüttelte bedrückt den Kopf. „Als ich meinen Geist auf die Suche nach ihm sandte, glaubte ich zwar, seine Nähe zu spüren. Aber ich konnte ihn nicht erreichen. Das bedeutet nichts Gutes, Pohawe. Ich befürchte, dass er sich in großer Gefahr befindet…“ „Ich glaube nicht, dass Nantai in Gefahr ist...“ Bill Hunter, der scheinbar unbeteiligt auf seiner Decke gelegen hatte, setzte sich mühsam auf. „Ich vermute, dass die beiden Schattendiener aus anderen Gründen verhinderten, dass du ihn erreichst.“ Pohawe starrte den Polizisten verblüfft an. Hatte Nantai nicht gesagt, dass Bill Hunter seit vielen Jahren in Megalaia lebte und sich nur selten in den Wäldern aufhielt? Wie konnte der Polizist wissen, dass die Schamanen einem Schatten dienten? Wie konnte er sich einer Sache so sicher sein, über die selbst die Weisesten ihres Volkes noch immer rätselten? „Deine Kenntnisse über diese Männer sind für einen Stadtbewohner überaus erstaunlich, Bill Hunter!“ bemerkte sie spitz. „Kennst du sie etwa näher?“ Der Polizist sank auf seine Decke zurück. „Dieser Eindruck täuscht, Pohawe!“ Er lächelte vage. „Meine Kenntnisse über die dunklen Schamanen sind sehr gering und beruhen allein auf den Erzählungen meiner Großmutter.“ Warum beschlich sie nur das untrügliche Gefühl, dass er nicht die Wahrheit sagte? Dass er mehr über die dunklen Männer wusste, als er eingestand? „Trotzdem scheinst du mehr als die meisten von uns über die beiden zu wissen“ hakte sie nach. „Das mag sein“ wich er aus. Sie musterte ihn eindringlich. „Weißt du dann vielleicht auch - oder ahnst zumindest - warum die beiden so sehr an Nantai interessiert sind?“ Der Blick des Polizisten flackerte. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Aber sie sah es. Und als er mit der Antwort einen winzigen Augenblick zu lange zögerte, wusste sie, dass er log. „Nein“ sagte er, „ich habe nicht die geringste Ahnung.“ „Bill Hunter, du…“ Sie wollte ihn mit dieser Lüge nicht gehen lassen, wollte ihn fragen, was er verschwieg. Aber Achak hinderte sie daran. Die Nacht schritt rasch voran, die Rückkehr der beiden Schamanen nahte. „Verschieb deine Fragen auf später, Pohawe. Wir müssen jetzt gehen!“ drängte er. „Die dunklen Männer forderten unsere Hütte allein für ihre Zwecke, und ich möchte sie auf keinen Fall erzürnen - schon um Nantais Willen nicht.“ Er streckte Bill Hunter die Hand entgegen. „Kommen Sie! Wir werden diese Nacht bei unserer Tochter verbringen.“ Wenig später lag Bill vom kurzen Fußmarsch vollkommen erschöpft in der Hütte von Nantais Schwester und lauschte den gedämpften Stimmen draußen. Achak und Pohawe hockten am Feuer und unterhielten sich leise - über ihn. Er hörte sie seinen Namen nennen, immer wieder, ohne aber den Inhalt ihres Gesprächs zu verstehen. Irgendwann wurde es still, und sie kamen und legten sich schlafen. Doch ebenso wenig wie er selbst, fanden auch sie in den Schlaf. Lagen, wie er, noch lange Zeit wach, und horchten in die Nacht, ob irgendetwas, sei es der Warnruf eines Nachtvogels, sei es ein Rascheln im Laub, von der Rückkehr der dunklen Schamanen kündete. Würde Nantai mit ihnen kommen? Doch als die dunklen Männer schließlich kamen - und mit ihnen Nantai - war nicht das leiseste Geräusch zu hören. Lautlos wie Schatten, durch mächtige Kräfte vor der Wahrnehmung der Menschen verborgen, schritten sie zwischen den Hütten hindurch zu der von Achak. Niemand hörte Nantai wenig später schmerzvoll stöhnen. Und niemand den monotonen Gesang der Schamanen, der erst im Morgengrauen verstummte, und eine totengleiche Stille hinterließ. Mit der aufgehenden Sonne kam wieder Leben in die Siedlung. Irgendwo weinte ein Kind, und man hörte eine Frau, die es mit sanfter Stimme zu beruhigen versuchte. Irgendwann wurde der erste Vorhang zur Seite geschoben. Ein verliebtes Paar trat nach draußen, rannte Hand in Hand zum See, und sprang fröhlich kreischend hinein. Weitere Vorhänge folgten, wurden einer nach dem anderen geöffnet, um der Frische des jungen Morgens den Weg ins Innere der Hütten zu erlauben. Ein Mann trat ins Freie. Reckte sich gähnend, ehe er aus den Resten der Glut das Feuer anzufachen versuchte. Immer mehr Stimmen erklangen. Anfangs noch leise, aus Rücksicht auf die Schlafenden... dann immer lauter werdend. Bis sie schließlich in jede der Hütten drangen und die letzten dort aus dem Schlummer rissen. Auch Bill Hunter erwachte jetzt und stellte verblüfft fest, dass die übrigen Bewohner der Hütte noch schliefen. Hatten sie, so wie er, in der Nacht auf die Rückkehr der Schamanen gewartet? Und, ebenso wie er, vergeblich? Waren die dunklen Männer überhaupt zurückgekehrt? Die eigene Schwäche außer Acht lassend, schwang er sich mit einem Ruck auf. Doch sein Leichtsinn rächte sich sofort. denn die Beine sackten unter ihm weg und die Welt begann sich vor seinen Augen zu drehen. Er entging dem Sturz nur, weil er sich eben noch abstützen konnte. Keuchend lehnte er an der Wand und schalt sich selbst einen Narren. Durch den Lärm von Bills Beinahe-Sturz unsanft geweckt, setzte sich Nantais Schwester gähnend auf und blickte ihn besorgt an. Auch Achak und Pohawe erwachten. Aber sie verließen die Hütte rasch, und ohne sich um ihn zu kümmern. Es war nicht Bill Hunter, dem ihre Sorge galt. Es war ihr Sohn. Hatten die Schamanen Nantai zurückgebracht? Draußen waren weder die dunklen Männer noch Nantai zu sehen. Lediglich der geschlossene Vorhang vor dem Eingang zu ihrer Hütte deutete auf die Rückkehr der Schamanen hin - und darauf, dass sie sich dort noch immer aufhielten. Doch so sehr es Achak und Pohawe auch drängte, hinüberzugehen und nach Nantai zu fragen - sie wagten es nicht, aus Angst vor dem Zorn der mächtigen Männer. Stattdessen kehrte Pohawe seufzend in die Hütte der Tochter zurück, um die beiden Jüngsten zu wecken, während sich Achak mit vor Ungeduld zitternden Händen mühte, das Feuer in Gang zu bringen. Wenig später gesellte sich Bill Hunter zu ihm. Von seinem Schwächeanfall erholt, lehnte er gelassen im Türrahmen und sah Achak beim Feuer machen zu. Auch ihm hatte ein einziger Blick genügt, um zu bestätigen, was er insgeheim vermutet hatte. „Die Rückkehr der dunklen Schamanen blieb vollkommen unbemerkt“, erklärte er in einer Mischung aus Bewunderung und Abscheu. „Genau so, wie es sich für Männer mit ihren Fähigkeiten gehört.“ „Mich interessiert die Art und Weise ihrer Rückkehr nicht“ erwiderte Achak kühl. „Mich interessiert allein, ob Nantai bei ihnen ist, und wie es ihm geht.“ Bill löste sich vom Türrahmen. „Ich glaube nicht, dass sie ihm Schaden zufügten“ sagte er und hockte sich zu dem Schamanen ans Feuer... Noch nicht.Achak musterte ihn mit gerunzelter Stirn. Wusste Bill Hunter mehr über die Absichten der Schamanen, als er zugab? Misstraute Pohawe dem angeblichen Freund des Sohnes also zu Recht? Er selbst hatte ihre Zweifel in der Nacht nicht teilen wollen... „Was macht dich dessen so sicher, Bill Hunter?“ Bill nahm einen Ast in die Hand und stocherte damit unschlüssig in den Flammen herum. Er spürte Achaks Zweifel - ohne zu wissen, wie er ihnen begegnen sollte. „Wäre es möglich, dass du die Pläne der dunklen Männer besser kennst, als du uns wissen lässt?“ Jetzt war das Misstrauen des Schamanen nicht mehr zu überhören. Und wieder antwortete Bill Hunter nicht. Sah stattdessen ungerührt zu, wie das Feuer den Ast in seiner Hand erfasste, und sich langsam daran empor fraß. Erst als die Flammen seine Hand fast erreicht hatten, warf er das brennende Stück Holz mit einer zornigen Bewegung in die Glut zurück. Er hatte keine Lust, sich zu rechtfertigen. Andererseits durfte er Achak nicht noch mehr gegen sich aufbringen. „Nein, ich kenne ihre Pläne nicht, Schamane“ erwiderte er widerstrebend. „Allerdings scheint mir die einzig schlüssige Erklärung für das Interesse der dunklen Männer die Gabe deines Sohnes zu sein. Und in diesem Fall wäre er ihnen nur von Nutzen, solange er lebt und bei Kräften ist.“ Damit gab er mehr preis, als er jemals gewollt hatte. Aber auch damit gab sich Achak nicht zufrieden. „Was lässt dich glauben, sie seien an der Gabe meines Sohnes interessiert?“ Sein Blick schien Bill zu durchbohren. Dessen offensichtliches Zögern hatte seinem Misstrauen neue Nahrung gegeben. Sodass Bill Hunter keine Wahl blieb, als Achak erneut zu antworten. Auch wenn er sicher war, dass der Schamane diese Erklärung von Nantai bereits erhalten hatte. „Ich bat die dunklen Männer in Threetrees, Nantai den Umgang mit seiner Gabe zu lehren“ gestand er. „Und zu meiner Überraschung waren sie dazu sofort bereit - obwohl ein jeder weiß, dass sie die Gesellschaft von normalen Sterblichen wie ihm normalerweise meiden.“ „Du fragtest sie also nicht nach ihren Motiven?“ Bill grinste schwach. „Glaubst du tatsächlich, sie hätten mir geantwortet?“ Nein, das glaubte Achak nicht. Aber es gab noch andere Fragen, die ihn beschäftigten. Woher wusste Bill Hunter von Nantais Gabe ...von Nantai selbst? Warum hatte er die Schamanen gebeten, Nantai zu lehren... zwei Männer, die er, schenkte man seinen Worten Glauben, gar nicht kannte? Und wie war es zu dieser Begegnung gekommen...hatten die Schamanen Bill Hunter etwa erwartet? Auf welche Weise hatten sie von seiner Ankunft erfahren? An eine ungeplante Begegnung glaubte Achak nicht, weil die dunklen Männer die Nähe der Siedlungen seit vielen Jahren mieden. Dass sie Threetrees ausgerechnet jetzt wieder besucht hatten, konnte kein Zufall sein. Trotzdem schwieg er. Weil er sich plötzlich an ein Ereignis erinnerte, das schon viele Jahre zurück lag. Wie hatte er vergessen können, dass die dunklen Männer bereits zuvor Interesse an Nantais Gabe gezeigt hatten, zumindest einer von ihnen? War nicht der ältere Schamane in ihrem Dorf erschienen, nur wenige Tage nach der Zeremonie an Nantais zwölftem Geburtstag, bei der sich seine Gabe zum ersten Mal gezeigt hatte? Damals hatte der Schamane gebeten, ihm Nantai anzuvertrauen. Der Junge besitze große Fähigkeiten, hatte der Mann behauptet, und nur er könne ihn darin ausbilden. Doch damals war der Schamane nicht so mächtig gewesen wie heute. Damals hatte Achak noch gewagt, dieses Ansinnen zurückzuweisen. „Die Geistwesen wollen, dass ich meinen Sohn selbst ausbilde“ hatte er kühl erklärt. „Außerdem heißt es, du dientest einem grausamen und finsteren Herrn. Allein deshalb werde ich dir Nantai niemals anvertrauen!“ Als sei es gestern gewesen, hatte er den zornigen Blick des Mannes nun wieder vor Augen, hörte er dessen wütend ausgestoßene Drohung beim Verlassen des Dorfes wieder. „Auch du wirst nicht verhindern, dass mein Herr eines Tages erhält, was ihm zusteht!“ Er hatte dies für den hilflosen Versuch des Schamanen gehalten, die erlittene Schmach wett zu machen. Und nur wenige Wochen später war ihm dieser Vorfall wie ein schlechter Traum erschienen... ein Spuk, der irgendwann vollkommen in Vergessenheit geraten war. Zu Unrecht, wie Achak plötzlich begriff. Weil der dunkle Schamane seinen Sohn all die Jahre nicht vergessen, sondern all die Jahre nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, Nantai in seine Hände zu bekommen. Noch schlimmer erschien ihm jedoch, dass der Schamane Nantais Gabe nicht für sich selbst forderte, sondern für eine noch viel größere und entsetzlichere Macht. Für einen Schatten - wenn Bill Hunter Recht hatte. Für ein uraltes und mächtiges Wesen, das so schrecklich und grausam war, dass nur wenige Geschichten davon erzählten. Doch keiner von ihnen hatte den mächtigen Herrn der dunklen Schamanen je zu Gesicht bekommen, sodass sie dessen Existenz bis heute bezweifelten. Bill Hunter hingegen war sich dieser Existenz ungemein sicher. Warum? Und wozu brauchte dieser mächtige Schatten, wenn es ihn tatsächlich gab, die Gabe eines Sterblichen wie Nantai?...Was geschah mit Nantai, wenn er diesem Wesen begegnete? Würde... „Achak…sieh!“ Bill Hunters Ruf riss ihn aus den Gedanken. Der Polizist wies auf die benachbarte Hütte. „Sie kommen.“ Im selben Moment wurde dort das Tuch vor dem Eingang bei Seite geschoben. Eine dunkle Gestalt erschien im Eingang, kurz darauf eine zweite. Obwohl die Schamanen in der Nacht nicht geschlafen hatten, wirkten sie hellwach, als sie aus dem Halbdunkel der Hütte ins Sonnenlicht traten, und ihre Blicke über die Siedlung schweifen ließen, als wollten sie die kleinste Bewegung darin erfassen. „Wie ein Raubvogel, der nach Beute Ausschau hält!“ murmelte Bill Hunter nahezu unhörbar. Und dennoch hatten sie ihn gehört. Denn im selben Moment richteten sich ihre Blicke auf ihn - und befahlen ihn stumm zu sich. Der Polizist verzog das Gesicht zu einem gequälten Grinsen. „Die beiden scheinen mich sprechen zu wollen.“ Doch als er zu ihnen ging, tat er dies ohne Angst. Und wirkte viel zu gelassen, als er die rechte Hand an die Stirn führte, um ihnen seinen Respekt zu erweisen. Und sie erwiderten seinen Gruß wie alte Bekannte, ehe der jüngere den Vorhang erneut zur Seite schob, und den Polizisten mit einer kurzen Handbewegung zum Eintreten aufforderte. Wenig später fiel der Vorhang hinter den drei Männern zu. Achak runzelte die Stirn. Zu all den Fragen, die Nantais Schicksal betrafen, war eine weitere hinzugekommen. Vielleicht sogar die wichtigste. Welche Rolle spielte Bill Hunter in dieser Geschichte? Weil nun außer Zweifel stand, dass der Polizist den dunklen Männern nicht so fremd war, wie er vorgab. „Was wollen die Schamamen von Bill Hunter?“ Pohawe war aus der Hütte getreten und hatte die drei verschwinden sehen. Achak zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht, Pohawe - und dies ist leider nicht das einzige Rätsel, das es zu lösen gilt.“
Bill Hunter sah Nantais reglose Gestalt am Boden liegen. Doch erst, als er neben dem Freund niederkniete, entdeckte er die zahlreichen Wunden auf dessen Oberkörper. Sie sprachen eine deutliche Sprache. Auch Nantai hatte sich dem Sühneritual unterzogen... Bill runzelte die Stirn.Warum verlangten sie das Ritual auch von ihm? Ich hatte doch bereits für ihn gesühnt…Und wie hatten sie Nantai zu diesem unsäglichen Schwur erpresst?Freiwillig hat er sich ihnen bestimmt nicht ausgeliefert...Aber Nantai schlief einen tiefen Schlaf und konnte nicht antworten. Mit einer geschmeidigen Bewegung erhob sich Bill und wandte sich den Schamanen zu, die wie zwei Statuen in der Mitte der Hütte hockten und ihn mit unbewegten Mienen anblickten. Warum hatten sie ihn gerufen? Hatte er seinen Teil der Abmachung nicht bereits erfüllt? Hatten sie nicht sogar mehr erreicht, als sie jemals hatten hoffen können? Nantai war ihnen vollkommen ausgeliefert - was wollten sie mehr? „Setz dich, Bill Hunter. Wir haben mit dir zu reden!“ befahl der Ältere, und Bill gehorchte. Lange Zeit waren das verzweifelte Summen einer verirrten Hummel auf der Suche nach einem Weg ins Freie, und die gedämpften Stimmen der Dorfbewohner draußen die einzigen Geräusche in der Hütte. Wild entschlossen, das Schweigen nicht als Erster zu beenden, hielt Bill den bohrenden Blicken der Schamanen stand, und rührte sich nicht. Sie waren es, die ihn gerufen hatten. Sie sollten den ersten Schritt tun. Schließlich ergriff der ältere der beiden Männer das Wort. „Leider wollte dein junger Freund dein vermeintliches Opfer nicht annehmen“, verkündete er mit unüberhörbarem Triumph in der Stimme. „Und weil er glaubte, er könne nur dadurch dein Leben retten, schwor er uns auch noch vollkommene Unterwerfung!“ „Ich weiß, dass mein junger Freund zu überraschenden Handlungen neigt“ Bill runzelte die Stirn. „… dennoch verstehe ich nicht, was du mir sagen willst.“ „Der Waldbewohner handelte keineswegs überraschend… zumindest nicht für uns“ stellte der Schamane richtig. „Vielmehr handelte er so, wie wir es uns erhofften.“ Ein zufriedener Ausdruck erschien auf dem Gesicht des normalerweise so finsteren Mannes. „Nicht zuletzt dank deiner Hilfe wird der Schatten nun endlich bekommen, was ihm zusteht, Bill Hunter! Zum ersten Mal hast du gehandelt, wie es einem Schattendiener entspricht.“ Bill begriff lediglich, dass Nantai den verhängnisvollen Schwur allein seinetwegen geleistet hatte. „Ich verstehe nicht, warum er sich euch auf diese Weise ausliefern musste“ erklärte er verwirrt. „Ich hatte sein Vertrauen doch bereits erlangt und hätte ihn mit Sicherheit überzeugt, dass er euch als Lehrmeister annimmt. Mehr wolltet ihr doch nicht errei…“ „Du weißt nichts von der Gabe dieses Waldbewohners, Bill Hunter!“ unterbrach ihn der Schamane, und seine Augen glühten wie von einem inneren Feuer erhellt. „Ihre Macht ist viel zu groß, um sie einem gewöhnlichen Sterblichen wie ihm zu überlassen! Eine solche Macht gehört in erfahrene und mächtige Hände, sie gehört in unsere Hände. Doch selbst wir können nur dann über sie verfügen, wenn ihr Träger dies zulässt. Und deshalb war sein Schwur so wichtig. Nur wenn er sich unserem Willen vollkommen beugt, wird auch seine Gabe dies tun - und nur dann wird er lange genug am Leben bleiben, um seine Bestimmung zu erfüllen. Ohne dein Zutun, Bill Hunter, hätten wir andere Wege finden müssen, den Gabenträger zu unterwerfen. Ohne dein Zutun wäre dieses Vorhaben um vieles schwerer gewesen. Doch nachdem du sein Vertrauen gewonnen hattest, und er dich als Freund sah, zögerte er nicht, sich uns auszuliefern, um dein Leben zu retten.“ Sie hatten ihn nur benutzt! Bill fühlte heiße Wut in sich aufsteigen. „Das wollte ich nicht!“ stieß er zornentbrannt hervor. „Ich bezahlte für seinen Frevel nur, weil ich die Schuld an seinem Tod nicht tragen wollte, schließlich war ich es, der euch rief, nur deshalb wurde er Zeuge des Rituals. Ich wollte nie..." „Glaubtest du tatsächlich, wir würden ihn töten?“ fiel ihm der Schamane kühl ins Wort, „...ihn, den Gabenträger, nach dem Generationen von Schattendienern zuvor vergeblich suchten?“ „Als ich anbot, an seiner Stelle zu sühnen, erwähntet ihr mit keinem Wort, dass ihr ihn trotz seines Frevels am Leben lasst“ erklärte Bill vorwurfsvoll. „Weil du diesen Fluch sonst nicht auf dich genommen hättest, Bill Hunter! Denn wir erhofften uns, was tatsächlich geschah: dass er angesichts deiner Qualen glaubte, du lägest im Sterben, und uns Gehorsam schwor, als wir sagten, du würdest leben, wenn er sich in unsere Hände begibt...“ Der Anflug eines Lächelns umspielte für Augenblicke die Lippen des dunklen Mannes. „Wir verschwiegen ihm lediglich, dass du auch dann am Leben bleibst, wenn er es nicht tut… Er wusste ja nicht, dass Schattendiener einander nicht töten... wusste nicht, wem er seine Freundschaft schenkte...“ Erneut zeigte sich ein Lächeln im Gesicht des Schamanen. Allerdings kein freundliches. „Ein weiterer Beweis, wie töricht menschliche Gefühle sind, und wie sehr sie den Verstand lähmen. Hättest du nämlich deinen Verstand benutzt, Bill Hunter, dann hättest du erkannt, dass wir den Gabenträger trotz seines Frevels nicht töten werden, weil er uns nur lebend von Nutzen ist. Und hätte sich der Waldbewohner nicht von seiner Sympathie für dich leiten lassen, hätte er mit Sicherheit erkannt, dass du sein Opfer gar nicht wert bist.“ Die Stimme des Mannes wurde eisig. „Du solltest ihn über deine wahren Beweggründe aufklären, ehe es dafür zu spät ist.“ Nur mühsam wahrte Bill die Beherrschung. „Als ich euch bat, ihn zu lehren, glaubte ich, ihr würdet ihm die Entscheidung überlassen, wozu er seine Fähigkeiten nutzt“ zischte er. „Ihr habt mich von Beginn an über eure wahren Absichten getäuscht!“ „Nicht von Beginn an“ widersprach der Schamane gelassen. „Bis zum Sühneritual entsprach alles unseren Vereinbarungen: Du brachtest den Gabenträger in die Wälder, und du bemühtest dich um sein Vertrauen, damit er auch uns vertraut und freiwillig mit uns geht." Ein grausamer Unterton mischte sich in die Stimme des Schattendieners „Allerdings hatten wir zu keiner Zeit vor, ihn um seiner selbst willen den Umgang mit seiner Gabe zu lehren. Unser Bestreben war von Beginn an, dass er sie in den Dienst des Schatten stellt. Aber die Gier unseres Herrn, und sein Hunger nach Leben werden mit jedem Tag größer. Aus diesem Grund nahmen wir den Frevel des Waldbewohners zum Anlass, unsere Pläne zu ändern. Wir ließen dich an seiner Statt büßen, um seinen Schwur zu erpressen. Nun können wir den Hunger unseres Herrn rascher stillen, als wir jemals zu hoffen wagten!“ „Ihr hättet mich in eure Pläne einweihen müssen!“ Bills Stimme zitterte vor Empörung. Wie konnten sie… „Es gibt nur einen, dem wir Rechenschaft schulden, Bill Hunter!!“ Die Stimme des Schamanen wurde schneidend. „Und leider vergisst du allzu rasch, dass auch du diesem Herrn verpflichtet bist.“ Mit zusammengepressten Lippen starrte Bill Hunter ihn an. Und schwieg.„Deine Gabe ist nicht für dich bestimmt, Bill“ hatte die Großmutter immer wieder gemahnt. „Sie gehört dem Schatten.“ „Wenn du dich dem Schatten verweigerst, ziehst du seinen Zorn auf dich“ hatte der Lehrmeister gewarnt. Beide hatten dem Schattenwesen gedient, wenn auch auf eine andere Weise als die dunklen Schamanen. Doch beide hatten vergeblich versucht, auch ihn auf diesen Weg zu führen. Er wollte sein Leben in Megalaia verbringen. Weit entfernt von den Wäldern - und vom Schatten. „Nennt mir einen einzigen guten Grund, warum ich diesem Schattenwesen dienen sollte“ hatte er sich gewehrt, „einem fast vergessenen, und zugleich so schrecklichen Geistwesen, dass allein sein Name genügt, um Grauen unter den Waldbewohnern auszulösen.“ Damit hatte er sie in große Verlegenheit gebracht. Weder Großmutter noch Lehrmeister gehörten zu den wenigen, die Zugang zum Schatten besaßen. Ihre Hinwendung beruhte allein auf der instinktiven Gewissheit, dass seine Existenz von großer Bedeutung war. Es gab nichts, womit sie Bill hätten überzeugen können. Traurig und enttäuscht hatten sie am Ende hingenommen, dass er nach Megalaia zurückkehrte, in das Leben, das er leben wollte. Zu der Frau, die er liebte. Selbst nach dem Scheitern dieser Liebe war er dort geblieben, zu sehr Stadtmensch geworden, um sein Leben in den Wäldern zu verbringen, oder es gar in den Dienst des verhassten Schatten zu stellen. Bis die Begegnung mit Nantai nicht nur das Leben des jungen Waldbewohners auf den Kopf gestellt hatte, sondern auch sein eigenes. Bereits nach dem ersten Verhör hatte er gewusst, dass der junge Mann der Gabenträger war, nach dem die Schattendiener seit langem suchten... Er hätte Nantai zu ihnen bringen müssen… und hatte ihn stattdessen gehen lassen. Aus Gründen, die er bis heute nicht begriff. Vielleicht, weil die Liebe zwischen Nantai und Doro ihn an die eigene erinnert hatte? Damit das Glück der beiden nicht zerstören wurde, wie seines damals? Vielleicht hatten ihn auch nur seine abgrundtiefe Abneigung gegen den Schatten geleitet...und die Furcht vor dem Sühneritual, das ihm bei einer Begegnung mit den Schattendienern drohte… Aber die Macht des Schatten war größer als er wusste. Obwohl vom Schwinden bedroht, und viele hundert Meilen entfernt, hatte das Geistwesen das Erwachen der Gabe ebenso gespürt wie den Widerstand seines unbotmäßigen Dieners. Noch in derselben Nacht hatte Bill zum ersten Mal geträumt. Von Finsternis, die ihn erstickte. Von grausamen Stimmen, die nach Nantais Gabe riefen, und von unsichtbaren Händen. die ihn packten. Ihm die Lebenskraft entzogen. Er hatte sich schreien hören vor Angst und vor Grauen, während das Leben aus ihm wich. Entsetzlich langsam, und dennoch mit grausiger Endgültigkeit. War mitten in der Nacht aufgewacht, schweißgebadet, und am ganzen Leibe zitternd, und hatte keine Minute mehr geschlafen. Und der Traum war wiedergekehrt. Jede Nacht. War mit jeder Nacht drängender geworden. Bis er ihn nicht mehr ertragen, und sich dem Willen des Schatten gebeugt hatte. Bis er entschieden hatte, Nantai in die Wälder zu bringen. Zu den dunklen Dienern eines dunklen Herrn. Danach hatte er nicht mehr geträumt. So viele Jahre lang hatte er sich dem Schatten erfolgreich entzogen...am Ende vergeblich. Er senkte den Kopf. Fühlte bitteren Geschmack im Mund. Denn er hatte Nantai nicht nur in die Wälder gebracht, sondern obendrein dafür gesorgt, dass der junge Waldbewohner sich den Schattendienern ausgeliefert hatte...Ich könnte wahrlich stolz auf mich sein! Ich habe meine Pflicht endlich erfüllt... und sogar mehr als nur das! Aber seine Miene zeigte keinen Stolz. Sie zeigte Scham. „Das Schicksal des Waldbewohners scheint dir nicht gleichgültig zu sein, Bill Hunter!“ Überrascht vom Mitgefühl in der Stimme des jungen Schamanen hob Bill den Blick. „Vielleicht mag es dir Trost sein, dass dieser Schwur auch für ihn selbst von Vorteil ist“ fügte der Schamane hinzu, „weil wir seinen Willen nun nicht mehr gewaltsam brechen müssen. Du brauchst dir keine Vorwürfe…“ „… und du, mein junger Freund“ fiel der ältere Schamane dem Gefährten ungehalten ins Wort, „solltest ebenso wenig wie Bill Hunter vergessen, dass das Schicksal dieses Waldbewohners für uns ohne jeden Belang ist. Für uns zählt allein der Nutzen, den er für den Schatten besitzt.“ Für einen Augenblick vergaß Bill, wer ihm gegenüber saß. „Ich kann nicht fassen, was du sagst!“ Empört sprang er auf. „Willst du Nantai etwa das Recht auf sein Leben absprechen? Ist er für dich nur ein Werkzeug, das du wegwirfst, wenn du es nicht mehr brauchst? Siehst du nicht, dass er ein besseres Schicksal verdient als jenes, welches ihr ihm zuweist? Wer bist du, dass dir ein Gefühl wie Mitleid so fremd geworden ist?“ Aber sein Ausbruch hatte lediglich zur Folge, dass der Schamane ihn ansah, als sei er ein kläffender Straßenköter. Und fast augenblicklich wich Bills Zorn der ernüchternden Feststellung, dass er sich in den Augen des Schattendieners auch benahm wie ein solcher. Dieser Mann lebte in einer Welt, in der Gefühle keine Bedeutung mehr hatten. Für ihn zählte allein, was seinem Herrn diente, selbst wenn es die Zerstörung eines Menschenlebens bedeutete. Schwer atmend setzte er sich wieder. Es hatte keinen Sinn, wenn er die beiden gegen sich aufbrachte. Auf diese Weise würde er nichts über ihre Pläne erfahren - und damit jede Möglichkeit verlieren, auf Nantais Schicksal Einfluss zu nehmen. „Verzeiht meinen Zorn!“ bat er. Und konnte dennoch nicht verhindern, dass seine Stimme weit weniger demütig klang, als es den Worten entsprach. Doch zu seiner Überraschung gaben sie sich mit der eher halbherzigen Entschuldigung zufrieden. „Wir sehen mit Genugtuung, dass dein Respekt groß genug ist, um deinen Zorn auf uns zu überwinden.“ Der Jüngere war sichtlich bemüht, die Situation zu entschärfen. „Aber selbst dein Zorn sollte dich nicht vergessen lassen, dass auch uns keine Wahl bleibt. Der Schatten braucht die Kräfte dieses Waldbewohners. Alles andere darf für uns nicht zählen. Auch die Folgen für den Gabenträger nicht - und das weißt du.“ Bill begriff mit Schaudern, dass es für Nantai nur wenig Hoffnung gab. Selbst das offensichtliche Bedauern in der Stimme des jungen Schamanen würde daran nichts ändern. Aus ihrer Sicht betrachtet, taten die dunklen Männer nur, was sie tun mussten. Nicht mehr, und nicht weniger. Er seufzte resigniert. Niemand würde sie aufhalten - und am allerwenigsten er. Für sie war er von Beginn an nur Mittel zum Zweck gewesen. Niemand, den sie ernst nahmen… Trotzdem gab er nicht auf. Noch nicht. „Werdet ihr Nantai mit euch nehmen, sobald er wieder erwacht?“ Dieses Mal antwortete der Ältere. „Wir müssen einige Vorbereitungen treffen, ehe wir ihn zum Schatten bringen - und solange wird er hier bleiben. Sage ihm jedoch, dass er die Siedlung in dieser Zeit auf keinen Fall verlassen darf, und sei es noch so kurz. Wir werden sofort nach unserer Wiederkehr mit ihm aufbrechen!“ Bill setzte zur nächsten Frage an. „Und wann…“ Der Schamane unterbrach ihn barsch. „Wir kennen den Zeitpunkt unserer Rückkehr nicht. Er muss sich jederzeit bereithalten.“ „Was ist mit mir? Darf ich das Dorf verlassen?“ „Unsere Anweisungen gelten nur für ihn. Mit dir haben wir keine weiteren Pläne mehr, Bill Hunter. Deine Aufgabe ist erfüllt.“ Der Schamane erhob sich. Das Gespräch war beendet. „Was geschieht, wenn Nantai dem Schatten begegnet?“ Eher Bitte als Frage, war dies ein letzter Versuch Bills, ihnen noch etwas mehr zu entlocken. Sie waren ungewohnt offen gewesen, hatten all seine Fragen beantwortet... vielleicht würden sie es wider Erwarten noch einmal tun. Aber jetzt schwiegen sie. Ohne zu reagieren, als hätten sie ihn gar nicht gehört, wandten sie sich um, und verließen grußlos die Hütte. Mit düsterer Miene starrte er ihnen hinterher - bis ein lang anhaltendes Stöhnen seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Nantais Weg zurück aus der Dunkelheit begann. Achak und Pohawe hatten vor der Hütte gewartet. Ungeduldig, und voller Bangen. Darauf, dass jemand ihr Heim verließ - Bill Hunter, einer der Schamanen - vielleicht sogar Nantai? Oder, dass man sie nach drinnen rief, zu ihrem Sohn. Nur, dass die schreckliche Ungewissheit endlich endete. Und während sie warteten, sprachen sie erneut über den Mann, den Nantai seinen Freund nannte. Fragten sich erneut, warum die Schamanen Bill Hunter zu sich gerufen hatten, und warum sein Verhältnis zu den dunklen Männern um so vieles vertrauter schien, als es sein durfte. Was verband Bill Hunter mit den beiden? Hatte er am Ende mehr mit dem Schicksal ihres Sohnes zu tun als sie ahnten? Doch als die Schamanen die Hütte schließlich verließen - allein - verlor Bill Hunter jede Bedeutung. Wo war Nantai? Augenblicke später schob Pohawe den Vorhang zur Seite und spähte angstvoll ins Innere. Sie sah Bill Hunter auf dem Boden kauern. Er war über eine reglose Gestalt gebeugt. „Nantai!!“ Mit einem Aufschrei stürzte sie zu ihrem Sohn und sank neben ihm auf die Knie. „Keine Sorge, es geht ihm gut. Die Schamanen gaben ihm lediglich ein Mittel, das ihn tief schlafen ließ“ versuchte Bill Hunter, sie zu beruhigen. „Aber er wird schon bald wieder bei uns sein.“ Ging es Nantai wirklich gut? Besorgt musterte sie den Schlafenden, sein so friedlich wirkendes Gesicht, den von dunklen Striemen übersäten Oberkörper. Doch zu Bills Erstaunen ging sie mit keinem Wort auf diese Wunden ein, fragte nicht nach deren Ursprung. Und auch Achak schwieg, als er seinen Sohn sorgenvoll betrachtete. Bill erhob sich, um ihnen Platz zu machen. „Weißt du, warum Nantai noch hier ist, Bill Hunter?“ Pohawe sah flehend zu ihm hoch. „Haben die Schamanen ihre Pläne mit ihm geändert? Darf er bleiben?“ Ihr Misstrauen gegenüber dem Freund des Sohnes war nicht geringer geworden. Aber im Augenblick war er der einzige, der ihre drängenden Fragen beantworten konnte. Der Polizist schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein, er wird nicht bleiben, Pohawe. Sie werden wiederkehren und seinen Schwur einfordern.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Und wann wird das geschehen?“ „Das sagten sie nicht.“ Sie wandte den Kopf zur Seite und verbarg das Gesicht in den Händen, kämpfte um ihre Fassung. Für einen winzigen Moment nur hatte sie wieder Hoffnung gehabt. „Warum tun sie ihm das nur an?“ flüsterte sie mit erstickter Stimme. „Warum stehlen sie sein Leben. Bill Hunter?“ Sie hob den Kopf und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, in denen sich ihr ganzes Leid wiederspiegelte. Aber auch die stumme Frage nach seiner Schuld. „Ich glaube nicht, dass sie ihn töten werden“ erwiderte er, unangenehm berührt. „Dein Sohn nutzt ihnen nur, solange er am Leben ist.“ Sekunden verrannen, ohne dass ein Wort fiel. „Du verstehst nicht, Bill Hunter“ erwiderte Pohawe endlich. So leise, dass er sie kaum verstand. „Diese Schamanen haben kein Herz, das Schicksal meines Sohnes bedeutet ihnen nichts. Selbst wenn sie ihn nicht töten, werden sie sein Leben zerstören. Vielleicht ist, was ihm bevorsteht, sogar noch schlimmer als der Tod.“ Niemand wusste besser als Bill, wie Recht sie hatte - und deshalb fand er keine Worte, die ihr hätten Trost sein können. Betreten blickte er zu Boden und hoffte, dass sie seine Hilflosigkeit nicht bemerkte. Im selben Augenblick begann sich Nantai zu regen. Kehrte langsam und mit leisem Stöhnen wieder ins Leben zurück. Und Pohawe verdrängte die quälenden Sorgen. Noch war Nantai hier, noch war Hoffnung. Noch konnte sie etwas für ihn tun. Er brauchte sie jetzt. Vielleicht sogar mehr als jemals zuvor. Liebevoll strich sie über sein Gesicht. Immer wieder. Wandte den Blick nicht mehr von ihm, während sie darauf wartete, dass er das Bewusstsein wieder erlangte. Nantai spürte dumpfen Schmerz in seinem Oberkörper pulsieren. Und die sanfte Berührung von Händen auf seinem Gesicht... träumte er? War Doro bei ihm? Er öffnete die Augen. Aber es war nicht Doro, die ihn mit Tränen in den Augen ansah, sondern Pohawe. Neben ihr hockte Achak und betrachtete ihn nicht weniger besorgt. Vorsichtig richtete Nantai sich auf. „Wo sind die Schamanen?“ „Sie gewähren dir eine kleine Erholungspause, bevor sie dich abholen“ hörte er eine wohl bekannte Stimme sagen. Dann trat Bill Hunter aus dem Dunkel hinter den Eltern hervor. Lebendiger denn je, und mit dem wohl vertrauten Grinsen. Aber mit einem Ausdruck von Trauer in den Augen, der Nantai zutiefst verstörte. „Hast du mit ihnen gesprochen, Bill? Sagten sie etwas über ihre Pläne mit mir?“ fragte er verwirrt, und ohne zu bemerken, dass auch er zum vertraulichen „Du“ überging. Bill wich aus. „Darüber reden wir später. Ich werde dich jetzt nämlich deinen Eltern überlassen. Sie haben ältere Rechte auf dich und werden froh sein, dich ein wenig für sich alleine zu haben.“ Mit diesen Worten verließ er die Hütte. So eilig, als fürchte er, jemand werde ihn daran hindern. Achak blickte ihm mit gerunzelter Stirn hinterher. „Verhält sich dein Freund häufiger so seltsam, Nantai? Mir scheint fast, als flüchte er vor dir.“ „Bill ist tatsächlich oft schwer zu durchschauen, Vater.“ Nantai lächelte. „Aber auf keinen Fall ist er jemand, der rasch die Flucht ergreift - und am allerwenigsten vor mir.“ Auch Pohawe hätte mit Nantai jetzt nur allzu gern über seinen seltsamen Freund geredet. Über ihr wachsendes Misstrauen gegen Bill Hunter. Darüber, dass sie sich mit Achak mittlerweile einig war, dass er Wichtiges verschwieg. Aber Nantais Verletzungen zeugten viel zu deutlich von den Strapazen, die er erlitten hatte. Sie durfte ihn nicht damit belasten. Nicht jetzt. Dafür würden sich bessere Gelegenheiten finden. Sie schloss ihn in die Arme, sehr vorsichtig, wegen der Verletzungen. „Ich bin so froh, dass du hier bist...“ Strich ihm sanft über Gesicht und Haare, wie vorhin, als er geschlafen hatte. „Gestern glaubte ich, ich würde dich für sehr lange Zeit nicht mehr wieder sehen.“ Verlegen lächelnd ließ er diese Liebkosungen über sich ergehen. Doch so ungewohnt sie auch waren. Sie taten ihm wohl.
Bill Hunter war zielstrebig zum See geeilt. Nun hielt er am Uferrand inne und ließ den Blick über die spiegelglatte Oberfläche schweifen. Das Gewässer war nicht sehr groß - man konnte das andere Ufer gut erkennen - und dennoch groß genug, um einen schlechten Schwimmer in Schwierigkeiten zu bringen, wenn er es zu durchqueren versuchte. Auch eine Umrundung zu Fuß würde einige Zeit in Anspruch nehmen. Eine Stunde mindestens, schätzte Bill. Aber so weit würde er nicht gehen. Er folgte dem dicht bewachsenen Uferweg, bis er das Gesuchte fand - ein kleines, Sonne beschienenes Fleckchen Wiese nahe am Waldrand, durch dichtes Gebüsch vor Blicken geschützt. Ein Platz, der jene wohltuende Art von Energie verströmte, die er jetzt brauchte. Trotzdem fand er keine Ruhe. Viel zu sehr hing er im Netz seiner verworrenen Gedanken und Gefühle fest - wie eine Fliege, die sich je mehr im Spinnennetz verstrickt, je mehr sie sich daraus zu befreien versucht.Pohawe hat Recht. Die beiden werden Nantai zugrunde richten. Selbst wenn er zurückkehren darf, woran ich zweifle, wird sein Leben zerstört sein... Und ich trage die Schuld daran. Es hätte genügt, Nantai in die Wälder zu bringen - mehr hatte der Schatten nicht von ihm verlangt. Doch damit nicht genug, hatte er die Schamanen nach Threetrees gerufen - ausgerechnet sie! - und dadurch erst die Kette verhängnisvoller Ereignisse in Gang gesetzt: das Sühneritual - den Frevel - die eigene Buße an Nantais Statt - Nantais Schwur... Sein Anteil am Geschehenen war tatsächlich gewaltig, und es tröstete ihn nur wenig, dass das Schicksal des jungen Waldbewohners auch ohne sein Zutun wohl ähnlich verlaufen wäre. Irgendwann hätte Nantais Gabe ihn zur Rückkehr in die Wälder gezwungen. Und auch ohne sein Zutun hätten die Schattendiener den Gabenträger dort irgendwann aufgespürt und in ihre Gewalt gebracht. Sie kannten genügend Mittel und Wege, einen Menschen ihrem Willen zu unterwerfen... Nantai wäre ihnen niemals entkommen…Versuche ich etwa, mich herauszureden? Mit einem Mal überfiel ihn grenzenlose Müdigkeit, und er sank in sich zusammen, wie ein Ballon, aus dessen Hülle die Luft entweicht. Hockte mit hängenden Schultern am Ufer und starrte stumpf auf die dunkle Oberfläche des Sees. Ihm graute davor, Nantai gegenüberzutreten. Davor, in die Augen des jungen Mannes zu blicken und zu wissen, dass dessen Leben zu Ende war, bevor er es hatte leben können.Hör auf, dich selbst zu bedauern! Er ist derjenige, der Mitleid verdient. Bill seufzte tief - und verließ seinen Platz am Seeufer. Es hatte keinen Sinn, diesen Moment länger hinauszuschieben. Ohne jede Eile ging er zur Siedlung zurück. Lief langsam, als drücke ihn eine schwere Last, zwischen den Hütten hindurch zu der von Nantais Familie. Vor dem Eingang blieb er stehen... Zögerte plötzlich. Von drinnen klangen Stimmen an sein Ohr. Er hörte die warme Stimme Nantais, wenig später die ein wenig härtere Achaks, und am Ende die helle Pohawes. Sie unterhielten sich angeregt, fast heiter. Er fühlte sich wie ein Störenfried. Wäre am liebsten wieder umgekehrt.Verdammt noch mal! Bring es endlich hinter dich. Das Gespräch in der Hütte erstarb sofort, als er den Vorhang zur Seite schob. Er sah ihre erwartungsvollen Blicke auf sich gerichtet, las die Fragen darin… und wie sehr sie auf Antworten hofften. Er würde sie enttäuschen. Würde weder Achak noch Pohawe Rede und Antwort stehen. Nicht einmal Nantai durfte die ganze Wahrheit erfahren - nur den Teil, der nicht auf Bills Verbindung zu den Schamanen hinwies. Er verharrte im Eingang. „Ich möchte mit dir reden, Nantai - aber alleine.“ „Ich stehe voll und ganz zu deiner Verfügung!“ Nantai hatte so sehr auf diese Gelegenheit gewartet. Deshalb erhob er sich jetzt sofort, und folgte dem Freund nach draußen. Aber Bill hatte nicht auf ihn gewartet, sondern befand sich bereits auf den Weg zum See. „Komm mit!“ rief er Nantai über die Schulter hinweg zu. „Dort können wir uns ungestört unterhalten!“ Nantai wunderte sich über die ungewohnte Hast des Freundes, und noch mehr, als Bill auch am Seeufer nicht anhielt, sondern dessen Verlauf nach Westen folgte. Wohin gingen sie? Und warum lief der Freund noch immer, als sei er von Furien gehetzt? Aber er fragte nicht. Folgte Bill kopfschüttelnd - und stellte überrascht fest, dass er das hohe Tempo des Freundes mühelos mithielt. Bills Zustand nach dem Ritual war deutlich schlechter gewesen. Hatte er nicht sogar den folgenden Tag fast nur im Bett verbracht? ... Während er selbst die Verletzungen des Rituals fast nicht mehr spürte, sich zur eigenen Verblüffung sogar recht erholt fühlte. Auch Bill Hunter entging dieser Umstand nicht. Er blieb plötzlich stehen und musterte Nantai verblüfft. „Du bist in erstaunlich guter Verfassung, mein Freund. Die beiden Kerle scheinen mit dir um einiges gnädiger gewesen zu sein als mit mir“ scherzte er. „Meine gute Verfassung liegt wohl eher darin begründet, dass ich einige Jährchen jünger bin als du!“ gab Nantai schmunzelnd zurück. Dennoch spürte der Polizist die stille Verzweiflung hinter den unbeschwert klingenden Worten so deutlich, dass er sich auf das spielerische Wortgefecht einließ. Ein wenig Ablenkung würde Nantai gut tun. „Du hast großes Glück, dass ich gesetzter bin als du und meine Gefühle deshalb unter Kontrolle habe“ konterte er, „sonst würde ich dir auf der Stelle beweisen, dass ich es trotz des Altersunterschieds von dreizehn Jahren noch sehr gut mit dir aufnehmen kann.“ Sein Kalkül ging auf. Nantai war so verblüfft, dass er für einen Moment die Sorgen vergaß. „So alt bist du? Für einen fast Vierzigjährigen hast du dich tatsächlich gut gehalten!“ Wieder schmunzelte er. „Wenn man von den grauen Haaren absieht!“ „Vielen Dank für die erste Bemerkung“ brummte Bill. „Die zweite hättest du dir allerdings sparen können.“ Auch danach setzten sie das fröhliche Streitgespräch fort, in stillem Einvernehmen, den Ernst der Situation vorerst zu ignorieren. Bis Bill erneut stehen blieb. „Lass uns hier rasten“ sagte er und setzte sich ins Gras. „Denn wir müssen uns leider auch noch über andere, deutlich unangenehmere Dinge unterhalten.“ Warum ausgerechnet hier? Nantai sah sich um. Sie befanden sich auf einem von der Sonne beschienenen Fleckchen Wiese am Waldrand, das dichtes Gebüsch vor Blicken aus dem Dorf schützte. Auf den ersten Blick schien dieser Ort nicht anders zu sein als viele andere, an denen der Freund zuvor achtlos vorübergegangen war. Oder etwa doch? Etwas war tatsächlich anders... Selten zuvor hatte er die Kräfte der Wälder so deutlich gespürt wie hier. Und fragte sich jetzt zum ersten Mal, ob auch Bill sie wahrnahm. „Willst du dich nicht setzen, Nantai?“ „Doch.“ Er ließ sich ins Gras fallen und sah den Freund erwartungsvoll an. „Schließlich habe ich jede Menge Fragen an dich. Zum Beispiel die...“ Aber Bill schüttelte nur den Kopf, legte den Finger auf die Lippen und bedeutete ihm zu schweigen. Nantai runzelte die Stirn. Was soll das? Der Freund lächelte - und schloss die Augen. Verwirrt folgte Nantai seinem Beispiel. Und spürte die Magie dieses Ortes fast im selben Augenblick um ein Vielfaches stärker als zuvor.Bill nimmt diese Kräfte also ebenso wahr wie ich! Doch diese überraschende Erkenntnis verlor rasch wieder an Bedeutung… Noch nie hatte Nantai die lebendige Energie der Wälder so intensiv empfunden wie hier. Ihm schien fast, als taste sie nach ihm... Dann fühlte er ihre Berührung mit jedem Atemzug stärker werden, ihr wachsendes Drängen, sich ihr zu öffnen und sie in sich zuzulassen… Warum nicht? Er wollte dem Drängen eben nachgeben, als ihn ein kräftiger Stoß in die Rippen schroff aus seinen Empfindungen riss. „Aufwachen, du Träumer!“ Für einen Moment grollte er Bill fast ein wenig. Er hatte nicht geträumt. Etwas ganz anderes war geschehen. Etwas Wundervolles, Einzigartiges, das er in dieser Intensität noch nie erlebt hatte. Doch Bills Frage zwang ihn rasch wieder in die Wirklichkeit zurück. „Warum hast du dich dem Sühneritual unterzogen, Nantai?“ Mit einem Mal war seine nahezu euphorische Stimmung wie weggeblasen. Mit einem Mal wurde die Erinnerung an die jüngsten Ereignisse wieder schrecklich lebendig - und mit ihr auch die Furcht vor dem, was ihm bevorstand. Nantai verzog die Lippen zu einem gequälten Grinsen. „Mir blieb keine andere Wahl, mein Freund. Die Schamanen sagten, ich könne meinen Frevel nur auf diese Weise ungeschehen machen.“ Leidergenügte ihnen nicht, dass du aus unerfindlichen Gründen an meiner Stelle sühntest… Bill musterte ihn mit einem merkwürdigen Blick. „Dass du dich den beiden mit dem Rauchschwur ausgeliefert hast, hatte allerdings einen völlig anderen Grund, nicht wahr?“ „Wovon sprichst du?“ Nur mit Mühe gelang es Nantai, seine Bestürzung zu verbergen. Bill konnte die Gründe für seinen Handel mit den beiden Männern unmöglich kennen! Niemand kannte sie! Bis auf ihn selbst - und die dunklen Schamanen. Aber dann zeigte sich, dass Bill diese Hintergründe sehr wohl kannte. „Du hättest dich niemals auf diesen entsetzlichen Handel mit ihnen einlassen dürfen, Nantai! Und noch weniger hättest du ihn mit dem Rauchschwur besiegeln dürfen!“ Nantai verschlug es fast die Sprache. „Du weißt davon?“ stieß er bestürzt hervor. „Aber diese Geschichte betrifft nur mich und die beiden! Wer hat dir davon erzählt?“ „Die beiden Kerle waren so frei“ erwiderte Bill ungerührt. „Und hatten im Übrigen Recht damit, weil diese Geschichte letztendlich auch mich betrifft. Schließlich war mein Leiden deshalb im Nachhinein völlig umsonst!“ „Glaubst du etwa, ich lasse zu, dass du an meiner Stelle stirbst?!“ wehrte sich Nantai empört. „Und dies, nachdem ich die Schuld an allem trage? Hätte ich dem Sühneritual nämlich nicht zugesehen, wären die Schamanen wie geplant meine Lehrmeister geworden. Stattdessen blieb ich - obwohl ich ahnte, dass ich besser gehen sollte - und beging damit einen Frevel, für den du aus unerfindlichen Gründen bezahlen wolltest.“ Er holte tief Luft. „Ich hätte mir niemals verziehen, wenn du meinetwegen gestorben wärst.“ Bill senkte den Blick und schwieg betreten.Dein Opfer war umsonst, Nantai, weil die beiden mich ohnehin am Leben gelassen hätten. Das haben sie selbst bestätigt. Schattendiener töten einander nicht. Mein Leiden hätte ihnen genügt...Aber das darfst du niemals erfahren. Wenn du wüsstest, wie viel mich mit deinen Peinigern verbindet, und welch großen Anteil ich an dieser Entwicklung hatte… Ich könnte damit leben, dass du mich dann hassen würdest. Aber du würdest daran verzweifeln. Und das wäre um Vieles schlimmer. Nantai deutete die grimmige Miene des Freundes nicht zu Unrecht als Zeichen von dessen Erschütterung. Aber er glaubte ihre Ursache zu kennen, und fragte deshalb nicht. Bill sollte sich nicht mehr länger Vorwürfe machen... er hat keine Schuld an meinem Schwur. Seine Entscheidung war ohnehin unumkehrbar. Niemand, nicht einmal der Freund, würde ändern können, dass er sich den dunklen Schamanen ausgeliefert hatte... Aber daran wollte er nicht denken. Nicht jetzt, und nicht hier, an diesem wundervollen Ort. Rücklings sank er ins Gras und schloss die Augen. Sandte seinen Geist erneut auf die Reise. Vielleicht würde noch einmal geschehen, was eben geschehen war. Vielleicht durfte er dieses Wunder noch einmal erleben... Und fast im selben Moment spürte er sie wieder. Stärker fast als vorhin. Aber auch sie erkannte ihn sofort. Begann erneut, nach ihm zu tasten. Sie neckte ihn, lockte ihn. Als sei sie ein lebendiges Wesen.Öffne dich für mich, Waldbewohner. Lass mich zu dir! Vorhin hatte Bill verhindert, dass er ihrem Ruf folgte. Diesmal hinderte ihn niemand, und er gab dem Locken nach. Fühlte voller Staunen, wie sie ihn mit all ihrer Macht erfüllte. Wie die Mutlosigkeit mit jedem Atemzug rascher schwand. Und mit ihr all die Verzweiflung, und die Hoffnungslosigkeit - sinnlos geworden angesichts der ungeheuren Kraft, die ihn jetzt erfüllte... Nichts und niemand würde ihm noch widerstehen können... Selbst die Schamanen nicht. Mit einem Mal war seine Lage nicht mehr aussichtslos. Er war stark geworden, viel stärker als alle anderen. Er war unbesiegbar, groß und mächtig. Wie der Baum in seinem Traum in Megalaia. Aber der Energiestrom endete nicht, sondern wurde stärker und stärker. Irgendwann verlor Nantai die Kontrolle über seinen Körper. Begann am ganzen Leib zu zittern. Und sein Herz pochte mit entsetzlicher Macht, dem Zerspringen nah, während sich zugleich ein eiserner Ring enger und enger um seine Brust legte und ihm die Luft zum Atmen nahm. Panisch versuchte er, sich zu verschließen und den tödlichen Strom aufzuhalten, der ihn zu verschlingen drohte. Zu spät. „Bill… bitte hilf… mir…!“ stöhnte er mit letzter Kraft. Auch Bill Hunter hatte die pulsierende Energie wahrgenommen und ihr Locken gespürt. Aber es hatte ihn keineswegs gedrängt, sich ihr zu öffnen. Stattdessen hatte er fasziniert zugesehen, wie Nantai sie in sich aufnahm, und wie sich ihre Intensität dabei um ein Vielfaches verstärkte. Vollkommen gebannt hatte er die Gefahr viel zu lange nicht erkannt, in der der Freund schwebte. Erst Nantais Hilferuf ließ ihn entsetzt aufspringen.Du musst ihm helfen, sonst stirbt er!! Ohne zu wissen, was er tat, und warum, packte er den Sterbenden unter den Armen, zerrte ihn zum See, und sprang hinein, den zitternden Körper fest an sich gepresst, und in der irrwitzigen Hoffnung, den Energiefluss auf diese Weise zu beenden. Und tatsächlich geschah, was er hoffte. Sobald sie im Wasser versanken, erschlaffte Nantai in seinen Armen. Wurde plötzlich so schwer, dass Bill seine ganze Kraft aufwenden musste, ihn ans Ufer zu schleppen und aus dem Wasser zu ziehen. Tropfnass und nach Atem ringend, fiel er neben dem reglosen Körper ins Gras. Schon wenig später öffnete Nantai die Augen wieder. Er setzte sich auf, blickte verwirrt um sich. „Was ist geschehen?“ „Mach das nie wieder!“ keuchte Bill atemlos. „Es bringt dich sonst um - und mich gleich mit, wenn ich dich noch einmal retten muss.“ Nantai runzelte die Stirn. „Wovon sprichst du?“ Bill musterte ihn scharf. „Das weißt du nicht?“ „Nein.“ „Du hast so etwas nie zuvor erlebt?“ „Nein….“ Nantai zögerte plötzlich. „Doch“ sagte er dann, „das war…“. Und verstummte. Er hatte tatsächlich Ähnliches erlebt - in der Nacht seines Angriffs auf Doro …und ein zweites Mal - vor wenigen Tagen, als er auf der Zugfahrt der Macht in seinem Innern eben noch entronnen war. „Wann war das?“ drängte Bill. „Als ich Doro angriff“ gestand er bedrückt. „Und auf der Fahrt hierher, als ich zu lange in meiner Trance verblieb.“ Dann schilderte er Bill Hunter, wie die Energie des Unwetters seinen Zorn ins Unermessliche gesteigert und ihn zum Angriff auf Doro getrieben hatte. Und, wie er im Zug hatte kämpfen müssen, um dieser Macht nicht erneut zu erliegen... nicht erneut zu diesem Ungeheuer zu werden. „...Beide Male fühlte ich entsetzliche Kräfte in mir, ohne ihren Ursprung zu kennen...“ Bill Hunter blickte ihn nachdenklich an und schüttelte sachte den Kopf. „Ein Grund mehr, so etwas nicht mehr zuzulassen, mein Freund! Ein Grund mehr, dass du lernst, deine Gabe zu beherrschen. Wenn meine Vermutung zutrifft, verfügst du nämlich über Kräfte, wie sie seit langem kein Sterblicher mehr besaß.“ „Kräfte, wie sie seit langem kein Sterblicher mehr besaß?!“ Nantais Miene und Stimme verrieten seine grenzenlose Überraschung. „Was weißt du über meine Gabe, Bill?“ Bill lächelte vage. „Das ist eine komplizierte Geschichte, Nantai, außerdem hege ich diesen Verdacht schon etwas länger, aber ich wollte...“ „Welchen Verdacht?!“ Nantai ließ ihn nicht zu Ende reden. „Was weißt du, Bill? Sag es mir!“ „Ich muss vorausschicken, dass ich mich in solchen Dingen nicht wirklich gut auskenne“ erwiderte sein Begleiter zögernd, „und dass es sich bei allem, was ich dir jetzt sage, lediglich um Vermutungen handelt, die du mit großer Vorsicht betrachten solltest.“ Nantai hörte ihm kaum zu. Rede endlich! „Also gut!“ Bill seufzte. „Allerdings muss ich zuerst etwas weiter ausholen…“ Er runzelte die Stirn. Überlegte. „Meine Großmutter versuchte stets, ihr gewaltiges Wissen mit mir zu teilen“ begann er schließlich. „Doch zu meinem Bedauern vergaß ich vieles davon wieder… manches jedoch nicht. So erinnere ich mich zum Beispiel noch sehr gut, wie sie mir von einer Gabe erzählte, deren Träger die Kräfte seiner Umgebung aufnehmen und lenken kann. Sie sagte, wer diese Gabe besitze, verfüge über gewaltige Macht und könne Dinge bewirken, die weit über die Möglichkeiten normaler Sterblicher hinausgingen. Allerdings…“ „Du glaubst, dass ich diese Fähigkeit besitze?“ Nantai runzelte die Stirn. „...Eine Fähigkeit, von der ich nie zuvor hörte, und die dem Anschein nach niemand kennt - selbst mein Vater und der Älteste nicht...?“ „Sie ist so selten geworden, dass fast niemand sie mehr kennt“ erläuterte Bill. „Auch meine Großmutter wusste nur von ihr, weil einer unserer Vorfahren sie einst besaß, und das Wissen um sie deshalb in unserer Familie von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Lange Zeit hoffte man nämlich, sie werde sich eines Tages wieder zeigen, sei es in unserer Familie, oder...“ „…oder bei jemandem wie mir?“ Nantais Aufregung ließ ihn nun jede Zurückhaltung vergessen. Bill brachte seine Ausführungen unbeeindruckt zu Ende. „... oder bei einer anderen. Aber dies geschah viele Generationen nicht. Es scheint, als sei diese Fähigkeit aus unserem Volk verschwunden...“ Ein trauriges Lächeln erschien auf Bills Gesicht. „Meine ganz persönliche Theorie lautet, dass wir Menschen mit dieser Gabe so viel Unheil anrichteten, dass die Geistwesen sie uns wieder nahmen.“ Nantai legte die Stirn erneut in Falten. „Wieso lässt du mich glauben, dass ich diese Fähigkeit besitze - und sagst jetzt, fast im selben Atemzug, sie existiere gar nicht mehr?“Weil ich mir nicht sicher bin, Nantai. Aber die Schattendiener glauben, dass sie wiederkehrt. Nur deshalb sind sie seit Jahren hinter dir her. Aber das sagte Bill nicht. „Ich warnte dich vorhin nicht umsonst, dass meine Worte mit Vorsicht zu betrachten sind“ sagte er stattdessen. „Ich bin der Falsche, um die Art deiner Gabe zu bestimmen, und erwähnte diese Fähigkeit eigentlich nur, weil ich nie zuvor solch große Energie in jemandem wahrnahm wie in dir. Und nicht zuletzt würde diese Fähigkeit auch das große Interesse der dunklen Schamanen an dir erklären - durch sie würde den beiden eine ungeheure Macht zuteil.“ Er musterte Nantai besorgt. „Ungeachtet, ob es sich bei deiner Gabe um diese Fähigkeit handelt oder nicht, steht jedoch fest, dass du keinerlei Kontrolle über sie besitzt!! Du darfst nie wieder zulassen, dass sie so mächtig wird wie eben!“ „Glaubst du denn, dass ich diese Gabe überhaupt beherrschen könnte - vorausgesetzt, ich besäße sie tatsächlich?“ fragte Nantai. „Das weiß ich nicht“ erwiderte Bill. „Eine gewaltige Herausforderung wäre sie in jedem Fall. Schon meine Gabe hat mir alles abverlangt - und sie besitzt nicht annähernd dieselbe Macht.“ „Dann logen die Schamanen also nicht, als sie behaupteten, ich könne meine Gabe nur mit ihrer Hilfe beherrschen?“ Unschlüssig wiegte Bill den Kopf hin und her. „Wenn du diese Fähigkeit tatsächlich besitzt, dann sprachen sie die Wahrheit“, meinte er schließlich. „Dann hättest du ohne ihre Hilfe sehr wahrscheinlich keine Chance.“ Nantais Blick verharrte nachdenklich auf der glatten Oberfläche des Sees. Diese Fähigkeit würde so vieles erklären... Die ungeheure Macht, die sich jeder Kontrolle entzog. Den Umstand, dass noch niemand ihre Art erkannt hatte, nicht einmal der Vater. Und nicht zuletzt das große Interesse der Schamanen an ihm - so groß, dass sie ihn trotz seines Frevels nicht getötet hatten! „Wenn ich diese Fähigkeit tatsächlich besitze, war es am Ende ein ausgesprochen glücklicher Zufall, dass du mit den dunklen Schamanen ausgerechnet diejenigen batest, mich zu lehren, die als einzige dazu in der Lage sind“ stellte er mit plötzlichem Sarkasmus fest. „Und weil ich den beiden in diesem Fall ohnehin ausgeliefert wäre…“ Er grinste schwach, „…bräuchten wir künftig nicht mehr darum streiten, wer von uns beiden die Verantwortung für meinen Schwur trägt.“Wie gut, dass du nicht weißt, dass ich die beiden nicht zufällig fragte…Bill verspürte das dringende Bedürfnis, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. „Noch wissen wir nicht sicher, worin deine Gabe besteht“ gab er zu bedenken. „Aber vielleicht kommen wir der Antwort näher, wenn du dich an Situationen erinnerst, in denen du sie zuvor wahrnahmst“ sagte er. „Sie hat sich mit Sicherheit schon früher gezeigt, allerdings wohl so schwach, dass du es nicht bemerkt hast.“ Ein plausibler Vorschlag. Und dennoch zögerte Nantai. Etwas in ihm sträubte sich plötzlich, in die Vergangenheit einzutauchen. Aber dann siegte die Sorge, eine Chance zu vergeuden. „Es wird zumindest nicht schaden, wenn ich es versuche“ seufzte er. …“Versuch es am besten sofort, solange die Erinnerung an die Wirkung deiner Gabe noch so lebendig ist!“ Warum drängte Bill nur so sehr? Er hätte diesen Moment viel lieber noch ein wenig hinausgeschoben. Trotzdem legte er sich jetzt ins Gras und schloss die Augen. Fiel erstaunlich rasch in den Zustand, der ihm das Eintauchen in seine Erinnerungen ermöglichte - obwohl er wusste, dass sie wehtaten. Denn sie führten ihn zu Doro, und zur Nacht seines Angriffs, in der ihm die gewaltige Energie des Gewitters die Kontrolle über sein Handeln geraubt hatte. Er sah die fürchterliche Angst in Doros Augen wieder, sah Hände ihren Hals umklammern… seine Hände. Damals hatte seine Gabe zum ersten Mal ihre furchtbare Macht offenbart. Allerdings hatte sie sich nicht zum ersten Mal gezeigt, wie er erst jetzt begriff… es hatte schon zuvor Situationen gegeben, in denen sie ohne sein Wissen gewirkt hatte… ... als er mit Doro am magischen Ort im Park gewesen war, und so heftig auf die Kräfte dort reagiert hatte… und noch früher, … als er nach dem Überfall den Park zum ersten Mal wieder nachts besucht und geglaubt hatte, allein das Wasser der magischen Quelle habe ihm die lähmende Angst genommen. Jetzt wurde ihm klar, dass ganz andere Kräfte am Werk gewesen waren… Damals jedoch war seine Gabe Hilfe, und nicht Bedrohung gewesen. Warum war sie es jetzt? Auch der seltsame Traum aus Megalaia erhielt zum ersten Mal einen Sinn. Dass die Erde ihn verschlang, sollte ihm zeigen, was geschah, wenn seine Gabe die Macht über ihn gewann. Zum mächtigen Baum dagegen wurde er, wenn er sie beherrschte. Bill hatte Recht. Seine Gabe hatte sich schon früher gezeigt… Sehr langsam und zögerlich tauchte er schließlich aus den Erinnerungen wieder auf. „Was hast du gesehen?“ Bill starrte ihn so intensiv an, dass Nantai unwillkürlich versuchte, seinen Geist zu verschließen. „Keine Sorge, du musst dich nicht vor mir schützen!“ Der Freund rückte ein Stück von ihm ab. „Besser so?“ Er nickte - und ärgerte sich über sich selbst. Warum war noch immer so viel Misstrauen in ihm? Bill hatte für ihn sterben wollen!Ich bin ein Idiot! Wenn ich ihm nicht vertraue - wem soll ich dann vertrauen? „Was hast du gesehen, Nantai?“ Bill wiederholte die Frage, nun deutlich bemüht, nicht mehr zu drängen. Sodass Nantai die Bedenken beiseite wischte und zu schildern begann, wann seine Gabe zuvor gewirkt hatte. Und Bill hörte zu. Achtete auf jedes Detail. Versuchte, sich jedes Wort einzuprägen. Weil jede Kleinigkeit von Bedeutung sein, jede Kleinigkeit alles verändern konnte. „Halfen dir meine Erinnerungen weiter? Weißt du nun, ob es sich bei meiner Gabe um diese besondere Fähigkeit handelt?“ Erwartungsvoll schaute Nantai ihn an - Bill hatte sehr aufmerksam gelauscht, hatte immer wieder genickt, als sei ihm vieles klar geworden. Aber nun zuckte er bedauernd die Schultern. „Es tut mir Leid, aber im Augenblick kann ich nichts dazu sagen. Gib mir noch ein wenig Zeit zum Nachdenken.“ Nantais Enttäuschung war groß. „Und ich? Soll ich untätig hier herumsitzen, bis du mit Nachdenken fertig bist?“ „Nein, das wäre keine gute Idee.“ Bill erhob sich und streckte ihm die Hand hin. „Wir gehen wieder ins Dorf zurück, damit du auf andere Gedanken kommst. Ich vermute nämlich, dass dein seelischer Zustand das Wirken deiner Gabe beeinflusst. Und in diesem Fall wären ein wenig Ablenkung und innere Ruhe der beste Schutz für dich.“ Als sie die ersten Hütten erreichten, verabschiedete sich Bill jedoch. „Ich werde mich ein wenig in den Wald zurückziehen, weil ich dort besser nachdenken kann.“ Nantai bat ihn, am Abend zurück zu sein. „Meine Mutter hat mir ein Festessen versprochen, und ich möchte, dass du daran teilnimmst. Als meinem Freund und Retter steht dir nämlich der Ehrenplatz an meiner Seite zu.“ „Keine Sorge, ich werde rechtzeitig zurück sein!“ Trotz seines Lächelns wirkte Bill Hunter bedrückt. Ob er sich immer noch für den Rauchschwur verantwortlich fühlte?
