Die Waldtochter - Andrea Meitinger - E-Book

Die Waldtochter E-Book

Andrea Meitinger

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Beschreibung

Ein Ruck geht durch Dania Sigmunds Leben. Nicht nur ihr Job, sondern auch all ihre mühsam zusammengestrickten Lebensphilosophien schmelzen wie Eis in der Sonne dahin. Die junge Frau kennt sich selbst nicht mehr. War das bisher gar nicht die echte Dania? Schält sich ihr wahres Selbst soeben erst aus seiner Eierschale heraus? Eine magische Begegnung mit Samu Lander gibt ihr neue Rätsel auf. Wer ist der fremde Unbekannte, der den großen Teich von Amerika nach Bayern überquert hat? Welches Geheimnis trägt er in seinem Herzen? Ein grausamer Schicksalsschlag seiner Familie verfolgt ihn schon seit Kindertagen. Langsam sickert das Erlebte aus ihm heraus. Ein Geheimnis, tief im Waldboden vergraben, ruft nach Erlösung.

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Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Die Autorin Andrea Meitinger lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Katzen nordwestlich von Augsburg, im bayrischen Schwaben.

Sie arbeitet seit 2006 als Gartengestalterin. In dieser Zeit lernte sie immer mehr, mit der Natur zu kommunizieren. Gleichzeitig öffnete sich dadurch auch in ihr selbst ein Tor. Sie verstand sich selbst immer besser und kam immer mehr zu ihrem wahren Kern.

Ihre Erfahrungen wollte sie nun in Form eines Romans veröffentlichen. Denn sie ist fest davon überzeugt:

Die Natur heilt. Ebenso wie Worte und Phantasie.

Inhaltsverzeichnis

I. Kapitel

II. Kapitel

III. Kapitel

IV. Kapitel

V. Kapitel

VI. Kapitel

VII. Kapitel

VIII. Kapitel

IX. Kapitel

X. Kapitel

XI. Kapitel

XII. Kapitel

XIII. Kapitel

XIIII. Kapitel

XV. Kapitel

XVI. Kapitel

XVII. Kapitel

XVIII. Kapitel

XVIIII. Kapitel

XX. Kapitel

XXI. Kapitel

XXII. Kapitel

XXIII. Kapitel

XXIV. Kapitel

XXV. Kapitel

XXVI. Kapitel

XXVII. Kapitel

XXVIII. Kapitel

XXVIIII. Kapitel

XXX. Kapitel

XXXI. Kapitel

XXXII. Kapitel

XXXIII. Kapitel

XXXIV. Kapitel

XXXV. Kapitel

XXXVI. Kapitel

XXXVII. Kapitel

XXXVIII. Kapitel

XXXVIIII. Kapitel

XXXX. Kapitel

XXXXI. Kapitel

XXXXII. Kapitel

XXXXIII. Kapitel

XXXXIV. Kapitel

XXXXV. Kapitel

XXXXVI. Kapitel

XXXXVII. Kapitel

XXXVIII. Kapitel

XXXXVIIII. Kapitel

XXXXX. Kapitel

XXXXXI. Kapitel

XXXXXII. Kapitel

Vorwort

Die Bäume, meine Freunde fürs Leben

Diese Geschichte ist meiner Liebe für die Natur entsprungen. Gespeist von ihrer unendlichen Fülle, Fantasie und Beseeltheit. Ihrem Schöpfergeist, der immer war, immer ist und immer sein wird. Vor allem widme ich dieses Buch den Bäumen.

Wenn ich durch Waldpfade streife, dann fühle ich, wie mein Herzschlag sich ruhig ebnet, wie mein Atem tief und fließend wird, wie meine Sinne sich öffnen und klar werden. Ich spüre, wie bereits nach wenigen Schritten meine Lebenslust gespeist wird, wie sie erwacht und neu entfacht wird.

Bäume haben mir schon mehrmals das Leben gerettet. Als ich einmal in einen Sturm geriet, fiel direkt auf meine Motorhaube ein etwa 30jähriger Baum. Ich war geschockt. Nachdem ich mich ein paar Minuten später gesammelt hatte, kamen mir folgende Worte in den Sinn: Du musst deine Arbeit aufgeben, du musst einen radikalen Schnitt machen in deinem Leben. Ich war geflasht. Da hatte sich dieser große Kerl mir vor das Auto geworfen, um mir diese radikale Botschaft so extrem zu verdeutlichen. Ich tat, wie mir geheißen und in mir vollzog sich ein ebenso extremer Wachstumsschub. Das zweite Mal erlebte ich eine dieser wundersamen Begegnungen, als ich krank war und auf den Fluren meiner Heimat entlanglief. Ich war komplett unschlüssig und wusste nicht, wie es weitergeht, welche Schritte ich tun sollte, damit ich wieder gesund wurde. Als ich in die Nähe eines großen Baumes kam, spürte ich schon von Weitem, dass eine Nachricht zu mir kommen mochte. Besser gesagt, ich spürte und hörte eine klare Botschaft in mir. Die Lösung für mein Problem. Es waren solch klare Worte, dass ich mich umschaute, weil ich erst nicht wusste, wo sie herkamen. Doch dann erkannte ich aus dem Text heraus, dass die Kraft von diesem Baum kommen musste. Ich wusste es deshalb, weil er in seiner Sprache zu mir sprach. Er erzählte mir ein Gleichnis. Eine Geschichte von seinem Leben, anhand der Fotosynthese. Da wusste ich, er hatte Kontakt mit mir aufgenommen. Auch diese Entscheidung, die ich aufgrund seines Tipps gefällt habe, war wieder richtig gewesen.

Dies sind nur zwei der unendlichen Geschichten, die ich im Laufe der Zeit in liebevoller Zwiesprache mit der Natur erlebt habe. Die Waldtochter soll nun diese Verbindung mit den Waldriesen und ihrer Familie im Herzen der Leser, in der Natur ihrer Sinne, im Zentrum ihrer Gefühle wachküssen und zu neuem Leben erwecken.

Viel Lesefreude verbunden mit neuen Impulsen fürs Leben! Das wünsche ich allen Lesern meines Buches!

Herzlichst!

Andrea Meitinger

I.

Dieser Apriltag heute spiegelte komplett die Szenen der vergangenen Stunden. Das Wetter hatte den ganzen Tag über schon seine volle Schöpfungspallette ausgebreitet. Von starken sonnendurchfluteten Phasen bis zu einem kurzen aber heftigen Regenguss zeigten sich alle Witterungen am Firmament des Frühlingshimmels.

Dania stand am Ostfenster ihrer Mietwohnung im 2. Stock. Ihr Blick schweifte über die Parklandschaft, die sich hinter der Mauerfassade ihres Blocks in einem gehobenen Villenviertel ausbreitete. Elstern flogen zankend um laubsprießende Baumwipfel, ein dunkelbraunes Eichhörnchen spreizte sich zackig einen Ahornstamm hinauf, Hunde liefen in elegantem Dauerlauf neben Joggern her. Alles schien ganz normal. Wie immer. Und doch war heute alles anders. Was war nur passiert, was war in sie gefahren?

Einen Tag zuvor bewegte sich Danias Leben noch in grundsoliden Bahnen. Sie arbeitete bei der Bank in der örtlichen Stadt. Einer schnuckeligen Kleinstadt im Herzen des bayrischen Waldes. Gut, schon seit langer Zeit plagten sie ihre „guten Geister“ und hielten ihr ein um das andere Mal vor, dass dieser Job gewiss nicht ihrer Berufung entsprach. Aber die Gefühle, die nun in der 37jährigen hochstiegen, schienen sie fast komplett umzuhauen.

Ihr Chef hatte doch wie gewöhnlich nur zur allwöchentlichen Teambesprechung aufgerufen. Und alle ihre Kollegen waren wiedermal diesem ständigen Horrorritual, in dem es um nichts anderes ging als Zahlen, Daten und Fakten, gefolgt. Oh wie sie alle diese Meetings hassten. Bisher konnte Dania ihr Unbehagen noch bestens überspielen und dank Pokerface und krampfhaft aufrechterhaltendem Teamgeistgehabe kaschieren. Doch gestern war alles anders gewesen.

Als der Geschäftsstellenleiter wieder die neuen Forderungen aufgelegt hatte und abermals die forcierte Zielmenge der immer selben und öden Produkte in den Raum geworfen hatte, war sie aufgestanden, hatte die zuvor abgelegte Jacke ihres Kostüms genommen und voller Inbrunst verlautet, dass sie mit sofortiger Wirkung kündige. Schwindlig von dem zuvor Gesagten war die scheidende Bankkauffrau auf Ihren High heels aus dem Konferenzzimmer gestakst. Ein paar Meter weiter hatte sie sich bitter weinend in die Arme ihrer Servicekolleginnen fallen lassen. Natürlich waren auch Antonia und Katharina wie aus allen Wolken gefallen, als sie den Entschluss von Dania zu Ohren bekamen.

„Du kannst uns doch nicht alleine lassen, spinnst du jetzt komplett?“, hatte Antonia mit hysterischer Stimme gekreischt. Danias Körper hatte sich daraufhin fast komplett selbständig gemacht. Ihre Nasenflügel hatten gebebt, die Halsschlagader hatte sich immer mehr wild pochend nach außen gedrückt und in ihre Wangen schien sekündlich mehr Blut hineingepumpt worden zu sein. Innerlich völlig abgedreht waren ihre Augen von Katharina zu Antonia gewandert und wieder zurück. Das Ganze gefühlt in einer Endlosschleife.

Aber es war, wie es war. Die Kündigung war raus gewesen und mit einem Mal hatte sie gespürt, dass es kein Zurück mehr gab. Irgendetwas Magisches hatte die junge Frau geleitet und zwar mit solcher Wucht, dass es nun wohl eine 180-Grad-Wende in ihrem Leben geben würde.

Tja und nun stand sie da. Ihre Stirn an die Fensterscheibe gedrückt, die Welt in einem weißen Schleier wahrnehmend und ihre heißgeliebte Tasse Kaffee, heute mit einer besonders bitteren Note, schlürfend.

Schrill klingelte ihr Telefon und riss Dania aus dieser für sie ungewohnten Lethargie. Es dauerte ein Weilchen, bis sie das schnurlose Teil fand.

„Warum brauchst du denn so lange, bis du rangehst“, fuhr eine ungebremste Stimme am anderen Ende der Leitung Dania an. Es war Sole, ihre beste Freundin. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht, nach all dem, was ich zu Ohren bekommen habe.“

Dania schob eine Haarsträhne ihrer brünetten, auf einen flotten kinnlangen Bob geschnittenen Haare hinters Ohr. Sie befeuchtete ihre trockenen Lippen und rang damit, die richtigen Worte zu finden. Es kam ihr vor, als müsse sie sich vor sich selbst rechtfertigen und als versuche sie dabei, eine Absolution für ihr eigenes Handeln zu finden.

„Meinst du, ich sitze jetzt nur noch am Telefon und warte auf die hochdotierten Angebote, die minütlich bei mir eingehen?“, trotzte sie zurück. Oh, oh, das war kein gutes Zeichen. Wenn Dania schnippisch und giftig wurde, verbarg sich dahinter oft eine arge Verletzung. Weil sie sich jedoch oft nicht getraute, Angst oder Traurigkeit zu zeigen, hob sie deshalb oft ihr Zickengetue als Schutzschild vor sich her. Mit sanfter und verständnisvoller Stimme sprach Sole also weiter.

„Verzeih mir, es kommt nur schon einer kleinen Katastrophe gleich, dass jemand so Durchorganisiertes und Rationales wie du so mir nichts dir nichts das Handtuch wirft. Und da dein inneres Sicherheitsdenken sich bisher am liebsten in Ordnung und Bewährtem bewegt hat, schrillen bei mir alle Alarmglocken. Meidej, meidej!!“

„Tja, der Kapitän ist von Bord gegangen, um in deiner Seemannssprache weiter zu artikulieren.“ Kaum hatte Dania die Worte ausgesprochen, füllten sich ihre Augen mit einer Flut von Tränen, welche sich reißend freie Bahn schafften und in einem breiten Strom über ihre Wangen in ihre Kaffeetasse klatschten. Ihr Magen schmerzte. Der Klos in ihrem Hals brachte ihre Atmung komplett außer Kontrolle und laut hicksend war es Dania fast unmöglich, eine weitere Beschreibung ihres Desasters auszusprechen. Sie verstand es ja selbst nicht. Da hatte sie sich schon seit Langem nichts anderes gewünscht, als dieser Höhle des Drachen zu entkommen, und nun kam es ihr vor, als wäre sie in eine Grube gefallen, verlassen und tief unten in der Erde verschluckt, ohne Aussicht auf Rettung. Auf dem Weg zur Taschentuchbox im Bad glitt der Telefonhörer aus ihrer Hand und knallte auf Ihre rote Keramikbadewanne – ihr Lieblingsstück des Hauses.

Ja, Innenarchitektin oder Raumausstatterin, das wäre auch ein Beruf für sie gewesen. Aber nein, es musste ja die damals hochangesehene Finanzbranche sein. Und nach den Worten ihres Vaters habe dieser Beruf auch Zukunft, denn Geld brauche man schließlich immer. Liebe auch, Essen auch, Schuhe auch… herrje, warum nur hatte sie sich nicht noch mehr mit der Berufsagentur auseinandergesetzt? Nein, jetzt war sie ungerecht mit sich. Sehr wohl hatte sie sich damit beschäftigt. Aber wie sollte man auch im zarten Alter von 14 Jahren schon wissen, was ein Leben lang für einen bestimmt war? Und doch, es gab Menschen, die wussten das schon von Kindertagen an. Dania gehörte jedenfalls nicht zu dieser beseelten Sorte, welche immer den richtigen Weg vor Augen hatte.

„Dania, sprengst du jetzt auch noch die Bude in die Luft? Was war das denn für ein Kanll gerade?“ Sole versuchte ihre liebste Freundin etwas aufzuheitern. Aber schon mit dem Ende ihres Satzes kam sie sich albern vor. Heute klappte ihre Konversation ganz und gar nicht.

„Nein, ich hab den Hörer verloren, scheint heute nicht mein Tag zu sein, nicht nur meine Nerven sondern auch meine Muskeln sind momentan vollkommen blank.“ Dania blickte in ihren großen Spiegel mit der antiken, weißen Holzumrandung. Intensive Augen schauten ihr entgegen. Wenn sie wütend oder aber extrem begeistert war, sprühten sie regelrecht vor grüner Farbe und die honiggelben Sternchen um ihre Iris unterstrichen noch mehr die Intensität ihres Ausdrucks. Sinnlich, so hatte sie sich immer schon beschrieben, wenn man sie nach ihrem Aussehen fragte. Hübsch würde in keinster Weise zu ihrer Person passen. Außerdem fand sie dieses Adjektiv viel zu oberflächlich. Ihr Ausdruck war durch und durch pur, intensiv. Sie hatte große Augen, eine wohlgeformte, ausdrucksstarke und mit einigen süßen Sommersprossen versehene Nase und rund geschwungene Lippen. Die Betonung lag bei Dania also schlicht und ergreifend auf all ihren Sinnen, was sich eben exakt auf ihr Erscheinungsbild übertrug. Und nicht nur das. Je mehr die 37jährige in den letzten Jahren den Focus von ihrer bisherigen Tätigkeit weggelenkt hatte, desto mehr erwachten ihre Kindheitstalente, ihre Sinnlichkeit.

Ganz vergrabene Wünsche, Träume und Begabungen traten da wieder ans Licht. Und auch neu entdeckte Freuden entfalteten sich zart und wild zugleich. Sie hatte Reitunterricht genommen, war wöchentlich zu einer Gitarrenschule gegangen und die Natur, die hatte es Dania schon immer gewaltig angetan. Zwischen Gräsern und Blumen, Wäldern und Wiesen fühlte sie eine Freiheit und Leichtigkeit, aber auch eine Geborgenheit und Sicherheit, wie sie es noch nie zuvor gekannt hatte. Fernab von Handygeklingel, Computersurren und Elektroniksteuerungen eroberte sie sich ihre Wildheit und Natürlichkeit bei Mutter Erde zurück.

„Hallo? Haaaaalo? Ich glaub, dein ansonsten bestens ausgebautes Sprachzentrum befindet sich heute ebenfalls im Sparmodus.“ Wieder stockte Sole. Eine kleine Wut auf sich selbst und ebenso auf ihre Freundin stieg in ihr hoch. Sie war es bald leid. Sie wollte Dania doch helfen, aber irgendwie mochte es zwischen ihnen beiden verbal heute nicht klappen. Dania schien das auch zu spüren.

„Weißt du was Sole, am besten ich gönn mir jetzt etwas Ruhe in meiner Badewanne. Ich kann im Moment schlecht reden, muss erst selbst so recht alles verdauen. Ich meld mich bei dir, sobald ich in etwas besserer Verfassung bin. Nichts für ungut. Tschüss.“

„Mhhhhhhh“, all ihre Sehnen und Muskeln durchlief ein wohliger Schauer, als Dania sich in ihre Wanne gleiten ließ. Beim Baden fühlte sie sich wie im Himmel. Hier konnte sie alles ausblenden, genießen und ganz im Hier und Jetzt sein. Nebenbei strömten bei diesem schönen Ritual auch regelrecht neue Ideen, Inspirationen und Gedankenimpulse auf Dania ein. Mittlerweile begann es draußen schon zu dämmern. Die Sonne des Frühjahrs zeigte sich zwar täglich von ihrer größer werdenden Kraft, aber ein frisches Lüftchen und kalte Nächte ließen die Erinnerung an den Winter noch etwas nachklingen. Die entzündeten Teelichter um sie herum leuchteten und warfen schöne Schattenbilder an die Wand.

Die Zeit zwischen Tag und Nacht oder auch zwischen den Welten – wie Dania das immer nannte - war ihre Lieblingszeit. Es erinnerte sie stets an etwas Vollkommenes. Die Geister des Tages und der Nacht vereinten sich in diesen Momenten. Oder anders gesagt: Die Nacht küsste den Tag. Im Sommer war dies besonders hübsch an den Licht- und Schattenspielen im Freien zu sehen.

Ihr schöner 8 Quadratmeter großer Balkon, der mit Holzbrettern belegt war, bedeutete für Dania einen Vorgeschmack auf ihren großen Traum, irgendwann einen eigenen Garten zu besitzen. Nach den Eisheiligen im Mai stand sie jedes Jahr frisch und voller Vorfreude in den Startlöchern, um Kübelpflanzen und Blumen für Ihre Balkonkästen bei der hiesigen Gärtnerei zu erstehen. Ja, dieser Gedanke ließ ihr Herz höher schlagen.

Mit dem Einstieg in die Badewanne war sie wiedereinmal eingetaucht in ihre sinnliche Welt voller Phantasie, Freude und Leichtigkeit. Dania war anders als alle Menschen es von ihr dachten. Ihr äußeres Auftreten hatte von Natur aus einen dynamischen Esprit und ein starkes Selbstbewusstsein. Dass dieses Mädchen auch nur im Geringsten an sich zweifeln könnte, geschweige denn in trüben Gedanken versinken könnte, kam kaum jemandem in den Sinn. Aber auch das war Dania. Ihre Seele und ihr Herz waren ganz zart und sie konnte auch die kleinsten Schwingungen im Umfeld schon von Weitem wahrnehmen. Ihre eigenen Schatten blickten ihr auch täglich ins Gesicht. Während sie sich früher in die Arbeit stürzte oder durch einen vollgestopften Freizeitkalender diese kleinen Ungeheuer zu umgehen versuchte, so gelang ihr dies nun nicht mehr. Sie wurden immer präsenter, größer und aufdringlicher. Ihr Herz war es, das um Liebe und Heilung bettelte. Dania hatte vor langer Zeit eine große Enttäuschung hinnehmen müssen. Sie war von ihrer ersten großen Liebe verlassen worden. Von heute auf morgen. Das hatte ihr damals so den Boden unter den Füßen weggezogen, dass sie dachte, sie könne nie mehr aufstehen, nie mehr lachen, nie mehr ihre elfenhafte Leichtigkeit in ihrem Herzen spüren.

Oder war diese Leichtigkeit damals nur gespielt gewesen? Hatte sie gar nicht ihre Tiefe und Mitte erreicht, sondern nur an ihrer Oberfläche gekratzt? Eine Art vorgegaukelte Illusion der Glückseligkeit? Lag das Problem also noch tiefer? Die Psychologin, die sie damals als 20jährige einige Male besucht hatte, kam zu dem Ergebnis, dass es in Danias Leben nur den Erfolg und die Kontrolle gab, an denen sie sich maß, die ihr Leben taktierten und somit ihr Ego puschten. Danias Verstand hatte der Expertin damals in keinster Weise Recht gegeben und sogar mit Händen und Füßen versucht, den schwarzen Peter der Therapeutin selbst zuzuschieben. Sie sei ja wohl neidisch auf ihren Erfolg, ihre Zielstrebigkeit und Disziplin, wetterte ihre innere Stimme. Konzentrierte sie sich aber auf Ihren Körper, so musste sie den Vorwurf bejahen. Denn ihr Bauch krampfte sich knotenhaft zusammen bei dem Gedanken, ihren Titel als Vermögensberaterin nicht mehr in ihrer Vita aufblitzen zu sehen.

Danias Leben war wirklich seit ihrem Schuleintritt nach den Erwartungen und Anforderungen ihres Umfelds gesteuert gewesen. Ab diesem Zeitpunkt war irgendetwas bei ihr kaputtgegangen, oder von ihr abgeschnitten und ins Abseits gedrängt worden. Mit einem Mal hatte sie damals ihre ganze Aufmerksamkeit nur noch auf ihre Noten und auf die Ziele der Lehrer gelenkt. Auch das wurde ihr damals in einer der wöchentlichen Coachingsitzungen bewusst. Plötzlich wurde sie ganz traurig. Ja, ihr war, als starb damals ihr inneres Kind. Und der Ernst des Lebens – groß und mächtig wie ein schwarzes Gespenst – hatte die damals 6jährige zäh und wild ins Erwachsenenleben gerissen.

„Iiiiiiiiiiiihhhhhhh!“ Dania hatte in ihren Sinnierversuchen versehentlich am Handtuch gezerrt und den Blumenstock auf der Ablage mit in die Wanne gezogen. Wut und Traurigkeit vermischten sich in ihrem Bauch. Sie sprang auf. Das Wasser spritzte und perlte von ihrem Körper. Gänsehaut bedeckte die komplette Haut und schien ihre Gefühle in jeder Pore aufblitzen zu lassen. Trauer über die Wahrheit dieser Leistungstheorie. Und Wut darüber, dass ihr Plan heute ganz und gar nicht aufgegangen war. Sie wollte doch all ihre miesen Gefühle abwaschen und mit dem betörenden Duft von Zitrone und Orange glückliche Geister in ihre Seele rufen. Aber nein, das Leben hatte ihr wiedermal einen Streich gespielt. Wie sollte sie jetzt die Erde aus der Wanne bekommen? Was war nur los in ihrem neuen Leben? Egal, sie musste nun das Malheur beheben. Tropfnass und auf Zehenspitzen, ein Handtuch um ihren Körper gewickelt, tapste Dania zur Küche, um ein kleines Sieb zu holen. Mit ihm versuchte sie, den Ausguss vor der Topferde zu bewahren. Für heute reichte es mit Fettnäpfchen. Jetzt würde sie Ihr Bad wieder auf Vordermann bringen und dann den Tag auf ihrem Sofa mit ruhiger Musik besiegeln. Geprägt von hoffentlich schönen Träumen, Träumen auf eine bessere Zeit….

Ein dunkler Wald mit wilden Strauchranken, die gierig nach ihren Beinen schlangen, umgab Dania. Bis ins Mark bohrte sich der Ruf einer Eule, die hinter ihr in einem ausgehölten Buchenbaumstamm mit großen gelben Augen von oben auf sie schielte und somit alle Nervenspitzen in ihr zum Vibrieren brachte. Der Mondschein beleuchtete gebrochen den Waldboden, zeichnete große Schatten in die Landschaft und ließ mit dem aufsteigenden Nebel ein schaurig, mystisches Naturbild entstehen.

Wo war sie? Wie um alles in der Welt war sie hierhergekommen? Langsam bewegte sich Dania mit ausgestreckten Händen balancehaltend von einem Baum zum anderen. Schritt für Schritt. Der Duft von Harz umgab sie und das gelegentliche Rascheln um sie herum ließ darauf schließen, dass noch andere Waldbewohner – hoffentlich tierischer und sattfriedlicher Art – im Dickicht unterwegs waren.

An was sollte sie sich nun orientieren? Mit einer tiefen Bauchatmung versuchte Dania ihre gepressten Atemzüge wieder in einen langsameren Rhythmus zu dirigieren. Ein hellerer Schein auf einer wohl freien Stelle des Waldes oder gar einer Lichtung zog plötzlich die Aufmerksamkeit auf sich. Astruten prallten Dania ins Gesicht und hinerließen grässliche Blutkratzer auf ihren Wangen. Neben ihrer Kehle waren auch die Lippen vollkommen trocken und vor Sprödigkeit aufgeplatzt. Diese Todesangst würde auch all ihre anderen Körperflüssigkeiten zum Versiegen bringen, dachte sie sich. Ihr Blut gefror schier in ihren Adern. Als sie endlich die Lichtung erreichte, schlug ihr Herz bis zum Hals, erst vor Verzweiflung, dann plötzlich vor Erleichterung.

Ein Haus, wie aus einem Märchen, mit nostalgischem, weißen Putz, roten Holzläden, wunderschönem Reetdach und einem rauchenden Kamin tauchte vor ihren Augen auf. Ihre Rettung!! Als sie darauf lossteuerte und ihre Schritte beschleunigen wollte, war ihr jedoch, als wäre sie angewurzelt. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Mehr noch, der Boden schien unter ihren Füßen nachzugeben. Moor und Morast schienen sie nach unten zu ziehen. Dania schrie aus Leibeskräften als plötzlich kräftige Hände nach ihr griffen und sie an den Schultern packten.

„Aaaaaaaaaah“, keuchend schreckte Dania vom Sofa hoch. Der Schweiß rann ihr an den Schläfen und ihren Rücken hinab. Mit gestockten Atemzügen versuchte sie ihre Realität wiederzufinden, und langsam gelangte sie aus ihrem vor kurzem Erlebten und Erspürten zurück in ihre Wohnung. Ein Traum. Ein Albtraum. Nicht einmal die Nacht ließ ihr im Moment eine Atempause. Es kam wohl alles geballt gerade. Was brach da alles heraus aus ihr? Am liebsten wollte sie sich in einer Höhle verkriechen. Nun, fürs erste würde sie jetzt mit ihrem Bett Vorlieb nehmen, das ihr hoffentlich noch etwas Ruhe und Geborgenheit für die restlichen dunklen Stunden bescheren konnte.

II.

Samu war immer schon anders gewesen. Im Gegensatz zu den vielen Menschen, die ihm im Laufe seines Lebens begegnet waren, machte ihm das nichts aus. Nein, er war sogar total stolz darauf, stets ganz bei sich zu sein und sich nicht um die Gedanken und Meinungen anderer zu scheren. Er war ein richtiger Naturbursche. Groß, breitschultrig, dunkles Haar, himmelblaue Augen. Seine markanten Gesichtszüge spiegelten vorzüglich die Ecken und Kanten seines Charakters und seiner Persönlichkeit. Schule hatte ihn noch nie interessiert. Den Abschluss hatte er an den Nagel gehängt. Er war ein von Passion und Begeisterung geführter Mensch, und sein Element war seit je her das Holz. Er war Schreiner. Übte diesen Beruf als wahres Naturtalent aus und hatte sich die letzten 4 Jahre seinen Kindheitstraum erfüllt: Ein kanadisches Blockhaus in Kalifornien, am Rande des Waldes, direkt am See gelegen.

Mit eigenen Händen, architektonischem und gestalterischem Talent und jeder Menge Liebe zimmerte er sich seine 4 Wände in äußerster Perfektion und Grandiosität. Für ihn war dieser Ort der Garten Eden, das Paradies, der Himmel auf Erden. Diese selbsterschaffene Geborgenheit war nämlich einer tiefen Verletzung geschuldet. Samus Leben war der beste Beweis dafür, welch große Wunder den tiefsten Verletzungen und grausamsten Erlebnissen entwachsen konnten. Welche Kraft die eigene Verzweiflung und die innere Wut durch die Adern und Muskeln pumpen kann. Wie Visionen dadurch unendlich in ihrer Umsetzung und Verwirklichung befeuert und unterstützt werden können, wenn der Focus immer wieder auf das Lebensbejahende gelenkt wird.

Wie Phönix aus der Asche, so hatte er sich ein neues Leben, eine neue Identität errichtet. Samu war glücklich in diesem Moment. Er saß an diesem Nachmittag auf der großen Holzveranda seines Hauses, der Kaffee vor ihm auf dem Tisch dampfte, der Nebel des Morgens hatte sich aufgelöst und durch die Waldwipfel brachen Sonnenstrahlen hindurch, die auf der Wasseroberfläche des Sees reflektierten. Wie schön das Frühjahr doch war. Wie ein neues Versprechen an das Leben, dass es stets weitergeht und aus Abgestorbenem und Totem neues Leben erwacht. Die Vögel hüpften vor ihm schon von Ast zu Ast, von Baum zu Baum, auf der Suche nach einem schönen, sicheren Nistplatz. Ein wahres Pfeifkonzert, als würden sie mit ihrem Zwitschern den Frühling auf die Erde heruntersingen. Die Luft war so klar. Ihr Duft verriet eindeutig das Kommen der blühenden und warmen Jahreszeit. Schon wieder eine Parallele in seinem Leben. Nicht nur sein neues Zuhause bereicherte ihn in seinem neuen Leben, auch in beruflicher Hinsicht erklamm er langsam neues Terrain.

Neben seiner Selbständigkeit und der Spezialisierung im kanadischen Blockhausbau fertigte er seit neuestem Holzskulpturen an. Die kreative Handarbeit in einem fast schon meditativen Zustand tat ihm gut. Hier konnte er ganz bei sich sein und auch mal seine feinen Seiten zum Klingen bringen. Ja, er war so facettenreich. Er konnte in voller Kraft seine maskuline Seite leben, vor Stärke und Testosteron nur so strotzend. Aber auch seine weiche Seite nahm von ihm ab und an Besitz. Das war anfangs zwar ungewöhnlich für ihn, aber mittlerweile gestand er sich auch diesen Teil seiner Persönlichkeit ein.

Mitten in seiner philosophierenden Phase hopste ein Hase auf die Verandatreppen. „Guten Tag mein Freund, na mit wem habe ich denn da die Ehre“, purzelten leise die Worte aus Samus Mund, viel mehr noch aus seinem Herzen.

Der Hase spitzte die Langohren und zuckte mit seinem Mäulchen.

„Lampe, so so, welch schöner Name, was kann ich für Dich tun?“

Der süße fellige Freund hoppelte nun längs des Holzgeländers, die Schnurrhaare stark spreizend und mit dem Näschen schnuppernd.

„Die Salattheke befindet sich einen Stock weiter unten, im Gemüsebeet, aber du mußt mir versprechen, noch genug für mich übrig zu lassen.“

Als sei Meister Lampe der Menschensprache mächtig setzte er zum Sprung an, und mit einem weiten Satz flog er die Veranda hinab. Seine Schwänzchenrückseite, weiß wie aus Watte, beleuchtete bildlich sein Hinterteil. Frohen Mutes setzte er seinen Weg Richtung Salat- und Möhrenbeet fort.

„Ach ja, und pass auf, wenn dir Meggan in die Quere kommt. Du weißt, sie ist und bleibt eine Diva und duldet keine Nebenbuhler, nur Untertanen.“

Meggan war Samus treue Weggefährtin. Sie war das weibliche Wesen, welches ihm im Moment am Nahesten stand und hatte auch das Privileg, sich nachts fest an seinen muskulösen Körper zu schmiegen. Meggan war eine Katze. Unter Kennern eine Glückskatze, ein kleiner Menkunverschnitt, aber wild und mit verschiedenen Rassen vermixt. „Tuuuuuuuuut“, tut, tut. Die Hupe eines Geländejeeps schrillte und Samu wußte, wer ihn heute mit einem Besuch beehrte. Freudig tat auch er es dem Kaninchen gleich und glitt von der Veranda herunter, jedoch übermütig das Geländer überspringend.

Beim Gang um sein Haus - einen Grashalm abreisend und denselben genüsslich im Mund schwelgend - sah er, als er um die Ecke bog, die überdimensionale Ausführung des neusten, liebsten Spielzeugs seines besten Kumpels.

„Wen haben wir denn da? Ist der nicht eine Nummer zu groß für dich, wie machst du das mit dem Gaspedal, das wird doch schwierig mit deinen Beinen, oder? Kommst du da dran?“

Die Augen von Jack, Samus bestem Freund, formten sich zu Schlitzen.

„Na warte, du Bastard, dir werd ich gleich Beine machen.“

Mit einem Satz glitt Jack auf den Rücken seines Freundes, so dass dieser entweder zusammenbrechen oder ihn Huckepack durch die Prärie schleppen mußte. Eine dritte, noch vergessene Möglichkeit zog Samu den beiden anderen Vorschlägen vor. Er schüttelte sich wie eine Katze die ihr nasses Fell von den Wasserbenetzungen befreite und warf somit den Angreifer rücklings in die angrenzende Blumenwiese. Gleich nach dem unglücklichen Abgang hievte Jack sich jedoch schnurstracks auf seine Viere. Mit den Fingerspitzen seiner rechten Hand konnte er somit gerade noch den Fuß des Kampfgegners umklammern. Da dieser in keinster Weise damit gerechnet hatte, ging er zu Boden. Ein Geräusch ähnlich dem Aufprall eines Zementsacks.

Über das Geschehen total verwundert, um nicht zu sagen verdattert, lagen die beiden Zankhähne im Gras und blickten in den wolkenlosen, blauen Nachmittagshimmel. Als Samu ein Schluchzen und Jauchzen nicht mehr unterdrücken konnte, schallte helles Gelächter durch die Wald- und über die Seenlandschaft. Nur langsam beruhigten sich ihre Bauchmuskeln, bettelnd nach einer Entkrampfung. Schließlich brach Jack das Schweigen.

„Drinnen im Haus ist nun das Meiste fertig Samu. Bis auf den oberen Bereich, der ja noch Zeit für die Winterarbeit hat. Was ist dein nächster Schritt? Wie ich dich kenne, wird nun dein Herzensprojekt so langsam angeschubst werden. Die Gestaltung deines Waldgartens – wie du ihn bisher immer bezeichnet hast. Eingefügt in die wunderschöne, idyllische Wildnis dieser Seen- und Waldlandschaft.“ Samu brach nochmals einen Grashalm ab, steckte ihn sich abermals in den Mund und begann wieder daran herumzukauen. Sein grünes Holzfällerhemd bewegte sich gleichmäßig ruhig auf seinem Brustkorb. Er atmete tief und gedankenversunken und blickte zum Himmel, so als wolle er seine Visionen von oberster Stelle aus dem Firmament lesen.

Ja, das war sein nächster Traum. Als seine Mutter ihm früher immer die Märchen mit all ihren magischen Walderlebnissen vorgelesen hatte, fühlte er stets in seinem Herzen, wie schön es wohl sein mochte, ein Häuschen mit Garten mitten im Wald an einem See zu haben. Vollkommen autark zu leben, eins zu sein mit Mutter Erde und dort die Liebe zu Mensch, Tier und Natur auf das Natürlichste und Reinste komplett zu leben. Hoffentlich hörte sein Freund Jack nicht dieses mädchenhafte Gefusel in seinem Kopf. Wenn der das auch nur ansatzweise spitz kriegte, würde er sehr tief in der Machoskala bei ihm fallen, ging es Samu durch die Gedanken.

Und da war er, der Schmerz, der ihn immer noch in seinem Herz berührte, die Kehle trocken und eng werden ließ und seinen Bauch mit einem Ziehen durchwob, welches er ganz und gar nicht mochte.

Seine Mutter, er hatte wieder an sie gedacht. Sie war sein ein und alles. Sie sang ihm seine Seelenlieder, wie sie es immer nannte, schaukelte ihn sanft mit dem Rauschen der Tannen in den Schlaf und wusste für all seine kleinen und großen Wehwehchen stets mit Kräutern um Rat. Wenn er sie immer fragte, woher denn all diese Weisheiten in ihr kämen, blitzten ihre Augen wie Sternenlichter. Ihr Gesicht nahm einen tief grundgütigen Ausdruck an und ihre Stimme war wie von Engelhauch getragen.

„Frau Holle ist meine große Meisterin.

Wo er denn diese Holli fände, fragte Samu stets von innerer Neugier getrieben, endlich diese weibliche Superwoman kennenzulernen.

„In deinem Herzen und verbunden durch die Liebe zur Natur“, bekam er daraufhin stets zur Antwort. „Nur wer reinen Herzens ist und sich unabbringlich wie ein Fels zu ihr bekennt, dem lehrt sie ihre Weisheiten, den überhäuft sie mit Schätzen und Wundern.“ Kein Problem, dachte sich Samu damals mit seiner Kinderseele. Das hab ich, dafür bin ich wie gemacht. Und vor Selbstbewusstsein strotzend stellte er sich dann immer auf einen Schemel, breitetet seine Arme aus und spannte seine Armmuskeln wie ein Bodybilder an.

Sehnte er sich heute deshalb so nach der Natur, weil er hoffte, dadurch wieder dieses unerschütterliche Urvertrauen, diese Geborgenheit zu finden? Weil er eine Wunde, die soweit klaffte wie ein offener Riss in der Erde, endlich zum Verschließen, zur Heilung bringen wollte? Wer weiß schon, was uns alle zu unseren Taten bewegt? Samu wusste nur, dass diese innere Verletzung ihm bisher Motor war für all seine großen Taten. Innerlich wollte er immer, dass seine Mutter stolz auf ihn war. Aber er wusste doch nicht mal, wo sie war, ob sie überhaupt noch lebte und warum sie ihm das angetan hatte. Er spürte aber auch, dass es an der Zeit war, diesen arbeitswütigen Ansporn und damit die Ursache des Ganzen, seinen Schmerz, nun zu bearbeiten und loszulassen. Warum kam das ganze denn überhaupt nochmal hoch? Er hatte die Geschichte doch vor 7 Jahren schon zum Teufel gejagt. Aber sie war seit einigen Tagen präsent. Wieder. Die ganze Sache. So war es eben.

Die Seele war nun mal mächtiger als der Geist. Er würde also mit seinem Gartenprojekt ganz genau auf die Stimme seines Herzens achten. Die Dämonen und Ängste ansehen, ihnen Raum und Verwandlung möglich machen und somit ein neues Refugium für sich, seine Seele und seine wahre Natur schaffen. Wenn er es jetzt nicht anpackte, würde ihn dieser verletzte Seelenanteil kaputt machen. Er würde ihn überrollen, niederwalzen. Manchmal musste das Leben wohl solche Geschütze auffahren, dass man auch wirklich einen Kurswechsel vornahm.

Plötzlich wurde es still um Samu. Ein großer Schatten kam über ihn. Als er sich wiederbesann, stand Jack in einer Grätsche über ihm und beugte seinen Oberkörper langsam zu seinem Gesicht hinab. Wie schlaksig er doch war. Ein bisschen erinnerte er ihn an Ian von den Ghostbusters. Wie ein zerstreuter Professor mit Nickelbrille und wellendem aber wohlgeschnittenem Haar.

„Geh mir aus dem Licht“, fuhr Samu Jack schnippisch an. „Du versaust mir meinen ganzen Teint.“

„Wenn du mir sagst, auf welchem Planeten du gerade gedanklich verweilt hast, werde ich deiner Aufforderung Folge leisten, ansonsten bleibt die Gewitterfront über dir.“

„Eigentlich war ich gar nicht so weit weg von hier. Ich habe mich im Garten Eden befunden. Und du hast natürlich Recht mit deiner Vermutung Jack. Diesen Sommer werde ich meinen Focus auf die Außenanlagen legen. Mein nächstes Ziel, die Gartengestaltung, steht quasi in den Startlöchern. Damit unsere Grillpartys in naher Zukunft einen passablen Rahmen haben werden.“

Jack reichte Samu die Hand. Mit einem großen Ruck half er seinem besten Freund wieder auf die Beine.

„Also los Kumpel, fang an! Kann es kaum erwarten das erste Steak auf deinem Grill zu brutzeln!“

III.

„Na bravo!“

Gerade hatte Dania das Putzen des Treppenhauses beendet und den Flur wie einen Tanzsaal auf Hochglanz geschrubbt, schon tappte ihr Nachbarsjunge Tom durch die Eingangstür in den Gang, im Schlepptau, auf leisen Pfoten, seine Katze Huckleberry Finn. Diese war wohl auf der Jagd nach Mäusen querfeldein gelaufen und hatte dabei weder Halt vor einer Pfütze noch vor nasser Erde gemacht.

„Schönes Bodenmuster jetzt, oder nicht?“ stieß Tom kurz und knapp hervor und machte damit seinem Namen und der Frechheit des wohl etwas damit verbundenen Serienjungen von „Tom Saywer“ alle Ehre.

Putzen tat Dania immer schon gut. Als reinige sie neben dem Boden auch gleich den Innenraum Ihres Herzens. Oder als wische sie den ganzen Balast und all die Unklarheiten und Schleier von ihrem Gemüt. Und da die ganze Wohnung sich schon einer solchen Generalüberholung unterzogen hatte, stellte sich somit das Treppenhaus bereitwillig zur Verfügung. Ja, ein paar gute Pluspunkte bei den Nachbarn oder dem Universum zu sammeln, das konnte ja nicht schaden.

Mittlerweile war Dania komplett aus dem Bankwesen ausgeschieden. Sie hatte sich mit ihrem damaligen Chef auf ein Verlassen des Hauses in beiderwilligem Einverständnis geeinigt. Ihre Habseligkeiten hatte sie alle in einen Karton verstaut, mit ihrem bisherigen Team die eine oder andere Träne vergossen und somit ein langes Kapitel ein für alle mal geschlossen.

Was hatte die Welt nun wohl vor mit ihr, was bescherte ihr das Schicksal für neue Wege?

Ja, sie würde jetzt erst mal auf den Stadtmarkt gehen und dort wunderbare Zutaten für eines Ihrer Hobbies, das Kochen, an den Marktständen erstehen.

In Dania kämpften immer noch zwei Seelen in der Brust. Eine, welche sich total verlassen, unsicher, traurig und vor allem total minderwertig fühlte. Ihre Therapeutin, welche sie zufällig bei einem Spaziergang getroffen hatte, sagte ihr, sie solle diesen Anteil mit Liebe annehmen. Denn es gehöre alles zum Menschen, die Freude, die Trauer, die Liebe, das Verzagen, der Mut…… Nur wenn man sich selbst als Ganzes und mit vollem Herzen annehme, dann kann Altes losgelassen und Neues empfangen werden.

Bei dem spontanen Treffen am See dachte sie sich schon, ob es ein Wink des Schicksals war, das ihr den Weg in eine neue bzw. weitere Therapie weisen wollte? Immerhin taten ihr die Worte der Psychologin sehr gut. Sie spürte dabei die zweite Seele in ihrer Brust. Eine Seele, die aufatmete, die sich total wohl fühlte, von Dania bemuttert zu werden, die frei war, die froh war, nicht von Anforderungen eines Chefs drangsaliert zu werden. Es fühlte sich nur leider wie ein Kampf an, bei dem momentan fast immer der minderwertige, trostlose Anteil die Oberhand gewann.

Das Bild, das sich Dania nun bot, als sie durch den Torbogen den Stadtmarkt erreichte, glich einer wunderbar idyllischen Landschaft, wie aus einer vergangenen Zeit entsprungen. Rechts des Torbogens ergoss sich der bei starkem Regen leicht reißende Strom des Stadtflusses. In zarten Kaskaden strömten die Wassermassen an den kantigen Flusssteinen hinab, links und rechts davon wurzelten mächtige und wunderschönprächtige Salweiden, Birken und Linden. Zu deren Füßen webten tausendfach zartlilafarbene Hyazinten, gelbe Primeln und weiße Schlüsselblumen einen bunten Fleckchenteppich. Dania konnte ihren Blick kaum von diesem Naturidyll nehmen. Sie atmete tief ein und aus und versuchte, dieses Bild einer perfekten Welt tief in ihrem Herzen zu verankern.

Als sie weiter auf den kopfsteingepflasterten Marktplatz zusteuerte, vorbei an Fachwerkhäusern, bunten Salat- und Gemüseauslagen und fröhlich schreienden Verkäufern, die Ihre Ware feilboten, kam in ihr der Gedanke, dass sie bisher wohl am Leben vorbeigelebt hatte. Es hatte sich aber so echt angefühlt. Jetzt kam ihr alles wie eine Lüge, wie Selbstbetrug vor.

Was treibt einen an, sich so einer Fremdbestimmung im Leben zu unterwerfen? Das Massendenken der Menschen? Ein Strudel, der sich im Laufe der Zeit aufgebaut hatte, entstanden aus der armen Zeit der Kriegstage? Sich dem vergangen Leben der Vorfahren in Armut und Entbehrung entheben zu wollen, fliehen zu wollen, auch auf der sonnigen Seite des Lebens stehen zu wollen? Aber macht Geld wirklich den Wert des Lebens aus? Ist es der Garant für Liebe, Glück, Wohlstand und Harmonie? Wohl kaum, denn derartige freie Glücksgefühle, wie sie es in dieser Minute empfand, kannte Dania bisher nicht. Und sie war bisher schließlich umgeben von Geld, als Mitarbeiterin der örtlichen Bank.

Dania unterbrach ihre Gedankengänge und wandte sich der wunderbaren Ware an den Verkaufsständen zu. Frische Kräuter für eine kräftigende Frühjahrsbrühe, Radieschen und grüner Salat sowie Frühkartoffeln und frischer Fisch fanden schließlich den Weg in Ihren Korb. Als Dania die letzte Marktgasse hinabschlenderte, strich etwas felliges, weiches an ihrem Knöchel vorbei. Ihr Blick glitt nach unten und fiel auf eine wunderschöne Glückskatze. Sie hatte das Tierchen schon oft in der Stadt gesehen. Beim Hin- und Herhetzen zwischen Bäcker und Metzger. Eine fröhlich-schelmische Aura umwob den kleinen zahmen Tiger. Verschmust rieb der Kater sein Kinn an Danias Jeanshose. Sie beugte sich nach unten und kraulte das dichte Fell der Menkuhnrasse. Was für ein Prachttier. Im Nu erhöhte sich Danias Herzschlag und ein fröhliches Kribbeln durchströmte ihren Körper. Prompt schmiss die Katze sich auf ihren Rücken und reckte ihr in voller Pracht die Bauchseite entgegen. Dieser Streichelaufforderung der direktesten Art kam Dania sofort nach. Ein Hin- und Herwälzen von der einen zur anderen Seite zollte den Erfolg Ihrer Handlung. Die Katze war glücklich, durch und durch, ganz in diesem Moment.

„Was für ein schönes Bild. Eine bezaubernde Frau und ein süßes Kätzchen, in Liebe und kindlicher Freude ganz innig einander zugetan.“

Danias Augen wanderten nach oben. Aus ihrer Hocke heraus erblickte sie einen ca. 60jährigen, korpulenten, leicht untersetzten Mann, sein Haar grau mit einigen noch dunklen Strähnen durchsetzt, die Arme kräftig, wie die eines früheren Boxers. Das Bedeutendste an ihm waren jedoch seine Augen. Sie strahlten eine solche Liebe und Herzlichkeit aus, dass es einem ganz warm ums Herz werden ließ.

„Sind sie öfters auf dem Stadtmarkt, ich habe sie bisher noch nie gesehen?“

Dania erhob sich, beim Aufrappeln leicht schwankend, behielt sie Augenkontakt und konnte im ersten Moment noch gar keine Worte fassen.

„Die Zeiten, in denen es Frauen die Sprache verschlagen hat, sind bei mir eigentlich vorbei, aber ich freue mich immer, wenn es ab und zu noch passiert.“ Der Mann reckte Dania seine Hand entgegen. „Hermann, ich bin Hermann und ich bin mit meinen Körben und Pflanzen immer hier.“

„Dania, mein Name ist Dania, verzeihen sie, dass ich momentan so verstockt bin, aber irgendetwas an ihnen hat mich jetzt total fasziniert. Ich bin in der Tat noch nie auf dem Stadtmarkt gewesen. In einem früheren Leben jagte ich im wahrsten Sinne des Wortes dem Geld nach. Meine Tage waren getaktet und ich fühlte mich damals auch unwohl, wenn dies nicht so war.“

„So, so, dann hat dir das Schicksal also eine neue Richtung herbeigetragen.“ „Ach bitte, sag Du zu mir. Sonst ist die jugendliche Stimmung zwischen und dahin.“ Hermann schmunzelte.

„Wenn du das so schön philosophisch sagst, dann klingt es gar nicht mehr so dramatisch, wie ich es zeitweise verspüre.“Dania lächelte, weil ihr diese Worte wirklich guttaten. „Körbe und Pflanzen sind also dein Metier. Hat dir das auch das Schicksal zugespielt oder gehörst du zu den Glücklichen, die ihre Bestimmung schon von Anfang an wußten?“

Die Milde auf dem Gesicht von Hermann begann sich noch zu verstärken. Dania war auch, als hätte dieser Mann die Gabe, sie komplett zu durchschauen und jeden ihrer Gedanken bereits lesen zu können. Etwas Unbehagen stieg in ihr auf, denn sie wollte doch so ungern die Kontrolle in ihrem Leben abgeben, schon gar nicht, die Steuerung jemand anderem gewähren. Trotzdem war es bei diesem Menschen anders. Er hatte eine Ausstrahlung, alles und jeden anzunehmen, wie es und er war, niemandem etwas aufdrängen zu wollen, schon gar nicht belehrerisch zu sein. Jemandem die Freiheit zu lassen, wie er ist und was er tun möchte.

„Nein, ich wußte das auch gar nicht. Mein Meister war und ist das Leben“, erwiderte Hermann. „Ich muss jetzt aber an meinen Stand zurück, Dania, wenn du möchtest, dann schau doch mal bei meinem Blumenladen und der Kunsthandwerkstatt vorbei. Ich wohne am Waldrand von Drachselsried, ca. 10 Minuten Autofahrt von hier. Der Name ist Birkenhardt. Ich würde mich sehr freuen, dir meine kleine Welt zu zeigen, nebenbei kann ich dir auch meine Lebensgeschichte erzählen. Ich habe mir immer Kinder und Enkel gewünscht, aber alles ist anders gekommen. Und trotzdem ist alles gut, wie es ist. Also, vielleicht sehen wir uns ja bald.“

Mit einem Augenzwinkern und gefühlten tausend Lachfältchen verabschiedete Hermann sich von Dania. Er reichte ihr noch einmal die Hand.

„Oh ja, ich werde dich ganz gewiss besuchen. Da bin ich schon ganz neugierig Hermann. Bis bald!“

Dania wandte sich um. Die Katze hatte sich auch heimlich davongeschlichen. Also mach ich mich nun auch vom Acker, dachte sie sich.

Ihren vielfältig bestückten Korb voll Freude schwenkend, fühlte sie sich unendlich reich beschenkt. Das größte Geschenk befand sich aber nicht in ihrem Korb. Es stand hinter seinem Verkaufsstand, mit Blumen und Flechtwaren. Was für eine nette Begegnung. Ihr Leben schien eine komplett andere Richtung zu nehmen. Sie fühlte sich, wie in einer anderen Welt. Angst flatterte in ihrem Bauch. Aber ein noch viel größeres Gefühl machte sich in ihrem Herzen breit. Sie konnte ihm nur noch nicht vertrauen. Dafür war es zu neu und frisch und unbekannt für sie.

IV.

Samu hievte einige Baumstämme von seinem roten Pik-Up. Wunderbares Holz für sein künstlerisches Werkeln. Apfel, Birne und Zwetschge. Wie gemacht für seine kräftigen Hände, die daraus wahre Wunderwerke hervorzuholen vermochten. Waren es bisher bodenständige Figuren, wie ein Adler oder eine Frauenbüste, so begann sich nun die Fabelwelt in seine Kunst einzuschleichen. Feen und Kobolde, Nixen und Elfen, Zwerge und Drachen. Sie schienen Kontakt mit ihm aufzunehmen, um mit seiner Hilfe den Weg in die Menschenwelt zu finden.

Neben seiner Baumbeute befanden sich noch Granitsteine, Zement und Splitt auf seinem Pik-Up. Eines seiner ersten Gartenprojekte wurde heute gestartet. Ein Sitzplatz unter einem Rosenpavillon, mitten im Garten auf der Westseite mit Blick auf den See. Da sein Holzhaus etwas erhöht lag, würde er den Garten terrassenförmig zum Ufer anlegen. Er würde die Gestaltung so vornehmen, dass man sowohl das Konzept und die Struktur einer Planung erkennen würde, jedoch auch die Wildheit und die Freiheit der Natur in gleichem Maße spürte. Eben wie ein richtiger Waldgarten.

Er holte den Hubwagen hervor und begann den Bigbag von der Rampe zu ziehen. Die körperliche Arbeit würde ihm guttun. Mochten andere doch zu Therapeuten und Psychologen gehen, bei ihm waren es Bewegungen und aktive Kraftausübungen, die seine Seele heilten. Oder zumindest mithalfen. Die letzten Tage hatte Samu schon mit einem Minibagger die Terrassen des Grundstücks geformt. Seine Muskeln und Sehnen brannten und der Schweiß rann ihm an Brust und Rücken hinab. Die Schwielen an seinen Händen schmerzten, als er mit der Schaufel den Splitt in den Schubkarren beförderte. Das einrädrige Gartenhilfsmittel ächzte, als er es hinab zum Pavillon schob. Hoch am Himmel brannte die Sonne hitzig herab. Mittagszeit. Wie auf Kommando knurrte auch schon Samus Magen. Gleich würde er sich ein paar Sandwiches aus der Küche holen. An diesem schönen Maitag spürte man schon sehr, dass das Frühjahr seine Fahrt Richtung Sommer aufnahm. Schließlich stach er seine Schaufel in den aufgeschichteten Splitt, wischte seine Hände an der Workerhose ab und krempelte sich die Ärmel seines karrierten Baumwollhemds hoch.

Als er die Küche betrat, gab es noch ein zweites Wesen, welches von Hunger geplagt war.

„Meggan, kleine Dramaqueen, wie geht es dir? Was machen die Mäuse? Ist heute noch eine Zusatzration von mir als Zubrot notwendig?“

Dramaqueen war ein äußerst treffender Kosenamen für die Stubentigerin. Hatte die Kätzin sich etwas in den Kopf gesetzt, dann konnte sie mit allen Sinnen verdeutlichen, wie wichtig das Erfüllen ihres Begehrens nun war, und dass es im Moment wohl nichts wichtigeres als die Befriedigung ihrer Bedürfnisse gab.

Ein Tick von ihr war, dass sie ihre linke Pfote hob, wenn sie Hunger hatte. Eigentlich ein Kunststück und auch eine Geste, dass sie doch sehr wohl um etwas bitten konnte und sich vielleicht auch mal sekundenkurz unterordnen konnte. Als wolle sie mit dieser Haltung eine ehrwürdige Ergebenheitspose einnehmen, die dem Fütterer wenigsten minimalst das Gefühl gab, wichtig für ihre Existenz zu sein.

„Was bist du nur für eine Schauspielerin“, murmelte Samu vor sich hin. Kaum hatte Meggan nämlich ihr Ziel erreicht, verschwanden alle Untergebenheitsposen. Mit großem Schmatzen und kraftvollen Kaubewegungen wurde ihre Beute dann verschmaust. Ihre Tischmanieren ließen auch zu Wünschen übrig. Manchmal schleuderte sie schon den einen oder anderen Fleischfetzen in die verschiedensten Richtungen. Doch Meggan war sich keiner Schuld bewusst. Für sie schien es eher, dass es wohl eine Anstandsregel sei, zu sehen und zu hören, wie wohl die Kost tat. Und wie wohl es auch dem Herrchen tat. Manchmal konnte er seine Augen gar nicht von Meggan abwenden. Jetzt zum Beispiel gerade, als sie die Zunge von links nach rechts und wieder zurück schnellte und das in einem ca. 1-Minuten-Modus. Schließlich wollte sie wieder ein sauberes Mäulchen und freie Schnurrhaare vor der Haustüre haben. Also hatte sie doch Anstandsregeln. Aber wohl nur für das andere Volk. Vor Samu gab sie sich echt schamlos.

Er musste schmunzeln und entließ Meggan wieder in ihre Freiheit. Entzückt ging er dann zum Kühlschrank, um nun für sein eigenes Wohl zu sorgen. Leckeren Schinken, gekochte Eier und einen Salat nahm er aus dem Kühlgehäuse heraus. Dann teilte er frisches Chiabatta in handsame Stücke, belegte sie und packte die ganzen Leibesschmeichler auf einem Tablett.

Als er sich damit auf die Terrasse begab, jubilierte sein Gemüt beim Anblick der köstlichen Speisen und dem wunderschönen Blick in den Garten und zum See. Er sah auf das terrassierte Gelände. Die Granitsteine lagen schon verarbeitungsbereit zu einem Berg aufgeschichtet. Der Betonmischer war startklar für den Beginn seines Vorhabens, der Befestigungsreihe für das Kreisfundament des Freisitzes. Herzhaft biss Samu in sein Sandwiche.

Gerade hatte er das letzte Stückchen verspeist, da erklang seine Türglocke. Da der Gang durch das Haus den längeren Weg bedeutet hätte, ging Samu die Veranda entlang um die Ecke, auf die Nordseite des Hauses. An der Tür stand in Polizeiuniform der zustände Officer dieses Bezirks. Ein Stich ins Herz begleitet von einem zarten Schweißfilm, der sich auf den Handflächen ausbreitete, befiel Samu.

„Was kann ich für Sie tun, Officer Baker?“ Die Worte kamen nur gestockt aus Samu`s Mund.

„Hallo Samu“. Officer Baker kannte Samu schon von Kindeszeiten an. Und er kannte seine Geschichte. Er war ein so süßer kleiner Kerl gewesen. Einer, der viel zu viel in seinem Leben, vor allem in seinen jungen Jahren, durchlitten hatte.

„Ähm, die Sache ist die“, stotterte der Officer, „ wir haben einen neuen Chief auf der Polizeistation bekommen. Sein Name ist Inspektor Meyer. Er ist einer, der seine Karriereleiter gerne noch weiter nach oben steigen möchte, der die Bergspitzen erklimmen möchte, ein Cliffhänger sozusagen. Hm, hm, hm.“ Er lachte unterdrückt. „Wie du dir sicher denken kannst, erreicht man das am besten, indem man scheinbar unlösbare Fälle aufklärt, Licht ins Dunkel bringt.“

Der Officer versuchte durch seine gepressten Scherze und das künstliche Lachen, der Sache eine banale Note zu verleihen. Aber diese Bagatellisierversuche konnten nicht vertuschen, welch tiefgreifende Wirkung diese Worte hatten.

Samu spürte, dass dieser Besuch alles in seinem Leben wieder auf den Kopf stellen würde. Als würde der Karton seines Lebens komplett umgedreht und alle darin befindlichen Teile lägen danach chaotisch, stumpf und zertrümmert auf einem Haufen. Nur die kaputten Überreste einer von Tragik geprägten Vergangenheit. Bei dessen Anblick niemand auch nur einen Penny darauf verwetten würde, dass hier jemals wieder die Aussicht auf etwas Fruchtbares oder gar Heiles bestand.

„Bei der Durchsicht der Akten fiel sein Blick auf den Fall deiner Mutter, Jade“, fuhr Mr. Baker fort. „Er möchte um alles in der Welt diesen Machenschaften auf den Grund gehen.“ Samus Magen krampfte sich zusammen. Nahm das Ganze denn gar kein Ende. Er hatte doch seine Vergangenheit so schön in seinem Unterbewusstsein in Schach gehalten. Warum mußte jetzt wieder jemand daran rütteln, alles zum Einsturz bringen?

Ein Gefühl überkam ihn, wie tausend Messerstiche, die immer und immer wieder in seine Lungenflügel ritzten. Das Gefühl der Ohnmacht und der Verzweiflung, machtlos sich einer Situation ausgeliefert zu sehen. Wie damals.

„Für morgen um 14.00 Uhr hat der Inspektor ein Treffen mit dir angesetzt. Er möchte, dass du im Revier erscheinst und ihm hilfst, die Einzelheiten von damals aufzuschlüsseln. Kann ich mit deinem Erscheinen rechnen?“

Voller Mitgefühl, die Hände hilflos an seinem Körper herabbaumelnd und das Gewicht von einem auf den anderen Fuß verlagernd, blickte der Officer auf Samu. Ein roboterhaftes, steifes Nicken konnte Samu gerade noch als Antwort abgeben. Sein Blick vernebelte sich. Er konnte dem Officer gerade noch seine Hand schlaff entgegenrecken, um dann auf der Stelle kehrt zu machen und sich auf die Holzveranda zurück in seinen Garten zu schleppen. Seine Leichtigkeit wich einer bleiernen Schwere. Er kannte das Gefühl. Er hatte es doch aus seinem Körper verbannt, und doch war es nun plötzlich wieder da. Noch viel mächtiger und kraftvoller als damals. Er meinte, es würde ihn erdrücken.

V.

„Puh“, wieder und wieder rieb sich Dania die Augen. So als könne sie immer noch nicht fassen, in welche Bahnen das Leben sie gerade lenkte. Das Schreiben des Arbeitsamtes lag vor ihr auf dem Tisch. Sie hatte heute um 10.00 Uhr einen Termin bei der Agentur. Sie solle sich überlegen, welche Stellenangebote in ihre engere Auswahl kämen, damit sie gemeinsam über das Weitergehen ihres beruflichen Lebens sprechen konnten. „Kein Schimmer“, das war die genaue Beschreibung ihres aktuellen Bewusstseinstatuses.

„Wie soll ich denn gemeinsam mit den Mitarbeitern der Agentur für Arbeit etwas finden, wenn ich noch gar nicht weiß, nach was ich suche?“

Ihre Haare standen verstrubbelt nach allen Seiten und ihr süßer Schlafanzug umspielte sanft ihre zarten Kurven. Dieses Gefühl, des Geborgenseins, das ihr der Schlafanzug und das lässige Leben in ihren schönen vier Wänden gab, das war es, was sich Dania auch für ihr berufliches Leben wünschte. Keineswegs ein Lotterleben, sondern ein Leben in Leichtigkeit und Beschwingtheit. Ein Leben aus einer Inspiration und Freude heraus. Ganz anders als vorher. Nicht stur zielbestimmt, von Erfolgszahlen getrieben, sondern aus einem inneren Feuer und einer Begeisterung heraus fruchtend und lodernd.

„Tja, jetzt werd ich erst mal mit Sole beim gemeinsamen Frühstücken in unserem Lieblingscafe Schwung in meinen Bauch und meine Seele bringen, dann wird schon auch der Geist dem nachziehen und mir vielleicht eine kleine Erleuchtung in Sachen Zukunftsperspektiven bringen“, murmelte Dania vor sich hin. Sie wußte, dass diese anscheinend von einer Coolness begleiteten Worte nur eine Überspielung ihrer Existenzängste waren. Ebenso wie ihr Schlafanzug. Sie wollte sich wenigstens dieses geborgene Gefühl im Äußeren, ihren Kleidern und ihren Worten geben, wenn sie es denn noch lange nicht in ihrem Inneren verspürte.

Trotzdem freute sie sich, bei dem Gedanken daran, auch mal in die Vorzüge eines Frühstücks an einem Wochentag, zu kommen. Bisher war sie da ja immer arbeiten. Um halb neun hatten sie sich verabredet.

Pünktlich trafen beide an der einladenden Pforte des Cafe`s „Madita`s“ zusammen. Mit einer herzlichen Umarmung und einem liebevollen Kuss auf beide Wangen begrüßten sich die Herzensfreundinnen.

„Sole, du bist wirklich die Sonne meines Lebens“, verlautete Dania. Und wie auf Knopfdruck spitzelten auch schon die ersten Lichtstrahlen hinter den Dächern hervor.

„Dania, ich freu mich auch.“

Sole war eine wunderschöne Halbitalienerin. Sie war mit ihren Eltern vor ca. 10 Jahren nach Deutschland gekommen. Damals war sie 25 Jahre alt. In einem Italienisch-VHS-Kurs, den Sole leitete, lernten sie sich kennen. Sole war die Dozentin. Wie das leichtfüßige italienische Leben so ist, so dachte sich die junge Italienerin damals, dass sie in Deutschland halt fürs Erste einfach das machte, was sie konnte. Und das war ihre Muttersprache. Da Dania sich immer schon für Sprachen begeisterte und bisher Englisch und ein klitzekleinwenig Französich an ihrer Schule belegt hatte, nahm sie dieses Interesse auch nach ihrer Schulzeit noch in ihr Freizeitangebot mit auf. Sole war das Abbild der typischen Italienerin. Sie hatte lange, lockige, schwarze Haare, ihr Teint war im Sommer von einer Bräune durchdrungen, die allein schon beim bloßen Anblick ein Urlaubsgefühl verströmte, und ihre Worte waren von einem solch großen Temperament beseelt, dass es Spannung pur war, ihr zuzuhören. Dieses Temperament war es auch, das in Soles Leben viel Abwechslung brachte. Männerbekanntschaften – ihrer Schönheit sei Dank – hatte sie viele. Aber sich so richtig fest an einen binden, das mochte Sole ganz und gar nicht. Die einzig treue, beständige und eben auch männliche Seele in Sole`s Leben war Lupus, ihr Hund. Und der zerrte just in diesem Moment auch an seiner Leine.

„Ja Lupus, mein großer Schatz, du bist für mich Sonne, Mond und Sterne zusammen.“

Mit einem dicken Schmatz bekam auch Lupus nun sein gewünschtes Begrüßungsritual von Dania. Gemeinsam betraten die drei das Cafe. Es war seit 3 Jahren ihr beliebter Treffpunkt.

Das alte Haus, das damals eine Seilerei beherbergte, wurde vor ca. 4 Jahren kernsaniert. Es wurde in ein Cafe und einige schöne Wohnungen unterteilt und bekam neben einem traumhaften Cafegarten auch einen wunderschönen neuen Anstrich. Das Innere bestach durch eine geniale Kombination von Alt und Neu, in seiner schnuckeligsten Art. So zierten alte Kerzenleuchter, Blumentöpfe, Bilder und ein rustikaler Kamin die Räumlichkeiten, während moderne Holzdielen und eine moderne Theke den neumodischen Touch vertraten.

Als die Damen an ihrem Lieblingstisch Platz nahmen und Lupus darunter seine Liegefläche einnahm, kam auch schon die Bedienung, um die Frühstücksbestellung aufzunehmen. Frischgebrühter Kaffee mit Croissants, Marmelade und einem leckeren Müsli wurden in Auftrag gegeben.

„Was möchtest du denn nun in Zukunft machen“, fragte Sole Dania. „Hast du schon einen Wink des Schicksal erhalten?“

Dania legte ihre Stirn in Falten. „Wenn ich das wüßte, dann wäre ich auch schon ein großes Stück weiter. Weißt du Sole, zur Zeit überwerfen sich meine Gedanken. Manchmal erwische ich mich sogar dabei, dass ich mein ganzes Leben in Frage stelle. Ob das alles falsch war, was ich bisher gelebt habe. Kennst du das?“

„Ganz ehrlich? Nein.“ Sole saß ihr gegenüber mit einem breiten Grinsen. „Ich meine das keineswegs lächerlich. Es ist mein purer Ernst, Dania. Aber du weißt ja, dass das schon immer der Hauptunterschied zwischen uns beiden war. Ich vertrete ja immer schon die Meinung, dass das Leben ein Spiel ist. Und wir uns auf dieser Spielwiese total austoben dürfen.“ Wie ein glückliches Kind, die Hände fröhlich nach oben werfend, unterstrich Sole noch ihre Worte mit ihren Gesten.

„Ich weiß, dass du immer die Berechnende warst, und das war und ist auch gut so. Es gibt kein richtig oder falsch und ich glaube, zur rechten Zeit verändern wir uns dann auch und entdecken Eigenschaften und Verhaltensweisen, die wir dann vielleicht neu ausleben möchten. Obwohl ich mir für mich nicht vorstellen kann, mal ein Organisationstalent zu werden, da bin ich wohl ein hoffnungsloser Fall. Aber bei dir kann es ja vielleicht nun an der Zeit sein, das lockere, spielerische Leben zu begrüßen.“

Das Frühstück wurde serviert und genüßlich trank Dania einen ersten Schluck ihres Milchkaffees.

„Gibt es dafür dann auch einen VHS-Kurs oder eine Bedienungsanleitung? Warum hast du das von Natur aus intus und ich tu mich so schwer damit und muss es mir mühsam erarbeiten.“

„Klingt witzig, sich das leichte Leben zu erarbeiten. Irgendwie gegensätzlich, findest du nicht?“ Sole`s Augen blitzten spitzbübisch zu ihrer Freundin.

„Ja, du hast ja Recht. Aber für mich ist es echt schwer, sorgenlos zu sein. Irgendwie merk ich gerade voll, wie angespannt ich immer bin, so als müsse man im Leben immer auf „Hab-Acht-Stellung“ sein, denn es könnte immer was Schlimmes passieren.

„Meine psychologischen Kenntnisse sind ja sehr begrenzt, aber meinst du Dania, dass das mit der Trennung von Tim zusammenhängen kann? War das nicht das letzte traumatische Erlebnis, das du mit diesen schlimmen Geschehnissen in Verbindung bringst?“

Dania kniff angestrengt die Augen zusammen und schmierte gedankenverloren das Sauerkirschmarmelade auf ihr Croissant.

„Meine Therapeutin sagt, die Wurzel liegt noch weiter zurück“. Dania hatte seit einer Woche wieder einen Platz bei ihr erhalten. Zwei Monate hatte sie gewartet, und nur, weil sie schon Klientin bei ihr war, wurde ihre Aufnahme beschleunigt. „Es hängt wohl mit meinem Vater zusammen.“