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Hetty Overeem hat den Auftrag "Geht in alle Welt" wörtlich genommen. Seit 2009 wandert die Pfarrerin im Sommer mit Eselwagen und Tipi durch Schweizer Berge und Täler, begleitet von ihrem Hund Barou und dem Esel Speedy. Hetty Overeem weiß, dass es im Leben nur auf das Gottvertrauen ankommt, weil er alles in seinen Händen hält - auch eine Wanderpfarrerin! Jetzt erzählt die Autorin von den unterschiedlichsten Begegnungen mit Menschen, denen sie den Glauben an Gott nahe bringt. Ob bei sommerlichen Temperaturen im Zelt oder im Winter in einem Zugwaggon oder einer Holzhütte mitten in der überfüllten Lausanner Metro-Station - Hetty Overeem bietet den Menschen etwas ganz Besonderes an: Zeit. Eine Einladung an alle, sich auf das Abenteuer "Unterwegssein" einzulassen - mit Gott und mit anderen.
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Seitenzahl: 390
Veröffentlichungsjahr: 2014
»Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.«
Bruder Klaus-Gebet
»Gib uns, diesen Tag und alle Tage unseres Lebens abzuschließen im Frieden deiner Gegenwart: indem wir deine Wirklichkeit erkennen, dir deinen Platz geben und so unseren eigenen Platz einnehmen.«
»Du willst, dass wir unsere Illusionen verlassen, unsere falschen Bilder und die Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die daraus hervorgehen, um dich zu suchen und zu finden; um dich mit unserem ganzen Herzen zu lieben, dir in völliger Freiheit zu dienen. Um so zu uns selbst zurückzufinden und uns zu lieben und zu unseren Nächsten zurückzufinden und sie zu lieben.«
»Herr, wir danken dir in jedem Augenblick, unter allen Umständen und für alle Dinge – in dem Sinne, dass all diese Augenblicke, all diese Umstände und all diese Dinge in deinen Händen sind: Du kommst in sie hinein, du wohnst in ihnen, du erleuchtest sie, du bearbeitest sie und du verwandelst sie, damit sie uns zum Guten wirken.«
(Aus den »textes des trois rencontres«, die regelmäßig bei den EEC-Treffen im Tipi, im Hangar, im Zugwagon oder in der Metrostation gelesen und gebetet werden. Diese Texte – inzwischen auch auf Deutsch – können auf unserer Website www.evangile-en-chemin.ch gelesen und heruntergeladen werden.)
Vorwort
Was andere über EEC sagen
Einleitung
KAPITEL 1 Auf die Plätze, fertig … los in Crêt-Bérard!
KAPITEL 2 Ein kurzer Umweg: Barou
KAPITEL 3 Auf dem Weg nach Jongny
KAPITEL 4 Forel
KAPITEL 5 Palézieux
KAPITEL 6 Von Palézieux nach Ferlens
KAPITEL 7 Ein kurzer Abstecher: Evangelium unterwegs
KAPITEL 8 Pfingstwochenende in Ferlens
KAPITEL 9 Les Monts de Pully
KAPITEL 10 Rovéréaz
KAPITEL 11 Der Campingplatz von Vidy in Lausanne
KAPITEL 12 Von Vidy über Ecublens zum Campingplatz von Morges
KAPITEL 13 Lavigny
KAPITEL 14 Pampigny
KAPITEL 15 Dizy
KAPITEL 16 Saint-Loup
KAPITEL 17 Romainmôtier
KAPITEL 18 Bofflens
KAPITEL 19 Mathod
KAPITEL 20 Yverdon
KAPITEL 21 Grandson
KAPITEL 22 Fiez – Bonvillars – Corcelles
KAPITEL 23 November 2009 bis April 2010 im Hangar in Champagne
KAPITEL 24 Les Diablerets
KAPITEL 25 Villars
KAPITEL 26 Bex
KAPITEL 27 Aigle
KAPITEL 28 Villeneuve
KAPITEL 29 chailly-sur-Clarens – Montreux
KAPITEL 30 Vevey
KAPITEL 31 Von »Wechselbädern« auf dem Weg
KAPITEL 32 Blonay – Villars-Tiercelin
KAPITEL 33 Hermenches – Denezy – Cronay – Cheyres
KAPITEL 34 Yvonand
KAPITEL 35 Combremont-le-Petit – Granges-Marnand
KAPITEL 36 Peney-le-Jorat
KAPITEL 37 Bretigny
KAPITEL 38 Echallens
KAPITEL 39 Bioley-Orjulaz
KAPITEL 40 Die Eisenbahnwagons im Bahnhof Echallens – November 2010 bis April 2011
KAPITEL 41 Die Gefängnisse la Colonie und Bochuz
KAPITEL 42 Der Campingplatz von Orbe – Lignerolle – Vallorbe
KAPITEL 43 La Vallée de Joux – l’Abbaye – le Sentier
KAPITEL 44 Pass vom Marchairuz
KAPITEL 45 Longirod – Genolier
KAPITEL 46 Das Open-Air-Musikfestival Paléo in Nyon
KAPITEL 47 Bursins – Perroy
KAPITEL 48 Aubonne – Villars-sous-Yens
KAPITEL 49 Echichens
KAPITEL 50 Villars-Sainte Croix
KAPITEL 51 renens, les baumettes – Lausanne, Place de Milan
KAPITEL 52 Winter im Flon von November 2011 bis April 2012 – und darüber hinaus!
KAPITEL 53 Erste cabane-Besucher
KAPITEL 54 La cabane und weitere Gäste
KAPITEL 55 La cabane und ihre Hüter
KAPITEL 56 La cabane – ihre Zerbrechlichkeit und ihre Stärke
KAPITEL 57 La cabane und ihre »Nussknacker«-Fragen
KAPITEL 58 La cabane und ihre Sprache
Nachwort
Bildteil
Wenn ich so zurückblicke nach drei Jahren auf Wanderschaft im Sommer von Freitag bis Sonntag mit Esel, Hund, Eselwagen und Tipi und an den Winterwochenenden in einem Hangar, einem Zugwagon oder einer Holzhütte inmitten der Menschenmenge, die rastlos umherhastet im Flon, Lausannes vollster und wüstester Metrostation …
… was sehe ich dann vor mir?
Das Gesicht von Mario taucht auf. Mario, der mit zwei Freunden – um die 20 wie er und obdachlos wie er – eines Tages meine Hütte im Flon besucht. Der freundlich grinst und sagt: »Na ja, wir haben eigentlich sowieso nix anderes vor, und hier gibt’s Kaffee.« Der immer eilig verschwindet, wenn eine Andacht anfängt, um später bei einer Mahlzeit wieder aufzutauchen. Bis er eines Tages während der Vorbereitung der Andacht von 17 Uhr dableibt. Vorbereiten heißt hier: den ärgsten Kram aufräumen, trotz lauter Proteste keinen neuen Kaffee mehr kochen und eingießen, Liedhefte rausholen, sagen: »So, jetzt fängt der Moment der Begegnung an« und (hoffentlich) einladend lächelnd hinzufügen: »Ihr könnt weggehen, wenn ihr nicht bleiben wollt, es freut mich aber, wenn ihr bleibt.«
Heute sagt Mario: »Ich bleib.«
Seine Freunde gucken ihn sprachlos an, lachen ihn aus. »Was?! Wirst etwa religiös?«
Er zuckt die Schultern. »Ihr könnt mich mal. Ich bleib jetzt hier.«
Anscheinend war die Sache erträglich, denn am nächsten Tag bleiben alle drei. Sie warnen: »Wir haben schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesungen.«
Nun ist es an mir, die Schultern zu zucken: »Egal. Ihr könnt ja zuhören, und ich lass euch die Lieder aussuchen.«
»Aber wir kennen doch nix!«
»Dann sucht ihr eben Lieder, die euch vom Titel gefallen!«
Und so wird’s gemacht. Eine richtige Lied-Entdeckungstour beginnt, auch für mich; denn die drei Jungs wählen Lieder aus, die ich nie vorgeschlagen hätte oder manchmal gar nicht kenne. Bald haben Mario und Vincent ihre Lieblingslieder. Erstaunlich. Marios Hit ist »J’ai soif de ta presence«, ein Erweckungslied, das man zusammenfassen könnte mit: »Ich sehne mich nach dir, Herr Jesus.« Wenn ich ihn frage, was ihm so daran gefällt, sagt er etwas verlegen: »Das berührt mich.«
Vincent »bestellt« immer wieder »Hevenu Shalom Aleichem«: »Da ist Rhythmus drin!«
Kamel ist es egal – Hauptsache, wir singen. Und so singen wir. Christian, ein Mitglied meiner Unterstützungsgruppe, brummt: »Als Chor sind wir noch nicht ganz perfekt.« Es stimmt, die drei singen schief wie Krähen, aber laut und extrem begeistert. Vincent brummt, den Kopf gebogen, in den Tisch hinein; Kamel versucht, meiner Stimme zu folgen, und verliert sich in für ihn schwindelnde Höhen; Mario haftet sich treu an einen einzigen Ton, dann kann auch nichts schiefgehen – mit ab und zu einem Ausschläger nach oben oder nach unten, je nach Text und Laune. Aber für mich klingt es schöner als der schönste Engelchor. Für Gott vielleicht auch.
An was denke ich noch? Vielleicht nicht sehr spirituell, aber ich sehe Speedys treuen Eselkopf vor mir. Lieb, wenn ich es nicht erwarte, stur, wenn es unbedingt nötig wäre, lieb zu sein, weil ich es eilig habe. Ich weiß noch, dass ich zu Anfang dachte: »Keine Eile mehr. Der Weg ist das Ziel, und das Ziel ist der Weg.« Diese weisen Worte stammen von einem Nomaden, einem echten diesmal; nicht von so einer halben, für viele Menschen unechten Wochenend-Nomadin, wie ich sie bin. Er hatte mich auf die Idee des Wanderpfarramtes gebracht. Seine Worte schienen mir auch sehr wahr … und sehr wenig Wirklichkeit bei dem hastigen Umhersausen, das unsere Zeit so auszeichnet. Wie schön, eine Gegen-Botschaft sagen und leben zu können. Sagte ich mir. Ist auch so, aber die Wirklichkeit holt einen dann doch öfter ein, als einem lieb ist. Manchmal habe ich mit Speedy geschimpft, manchmal mir gewünscht, ich hätte ein feuriges Pferd dabei und nicht einen in den Rückwärtsgang geschalteten Esel.
Ein wahrer Nomade kann kommen und gehen, wie und wann er will. Und ankommen, wann er will. Ich als Nomadenpfarrerin bleibe nun mal Wanderpfarrerin und muss dann auch die Konsequenzen daraus ziehen: Man wartet auf mich, man sucht mich – meistens, ohne mich zu finden –, man braucht mich für irgendwas, ich muss irgendwo sein, irgendwo nützlich sein. Das ist das Gegenteil von jeder echten Nomadendynamik! Von Anfang an war ein versteckter Dorn im Fleische meines Wanderpfarramtes: Es wollte da sein, einfach sein, egal wo. Aber viele wollten mich dann doch lieber in die festen Gemeindestrukturen einordnen.
Feste Strukturen vertragen sich nicht immer mit Eseln und Wanderpfarrerinnen. Zum Beispiel, wenn ich noch vier Kilometer zu gehen habe und die Leute mich schon beim Tipi für die Andacht erwarten und sich fragen, wo ich stecke. Aber ich habe mich verirrt, trotz oder vielleicht wegen wirklich ausführlichster Erklärungen eines Dorfbewohners mit der befürchteten Einleitung: »Also, das ist wirklich ganz einfach …«
Immer wenn ein Mann mir sagt: »Also, das ist wirklich ganz einfach«, krampft sich etwas in mir zusammen. Drei Jahre Erfahrung haben mir beigebracht: Dies ist die sicherste Versicherung, dass es schiefgehen wird. Unwiderruflich und ausnahmslos. In diesem Fall auch wieder. Seit Stunden irre ich umher, die »idiotensicheren Erklärungen« (was macht das aus mir …!) à la »bei der großen Eiche links, dann rund ums Feld und dann der erste Pfad rechts« bringen mich zum Verzweifeln. Ist dies hier nun ein Pfad oder nur eine Kaninchenspur? Gilt diese Eiche als groß oder ist sie normal? Wie groß sind Eichen normalerweise?
Was ich auch versuche, ich bin wieder irgendwo, wo ich nicht sein will. Ein ferner Kirchturm lockt. Aber zu welchem Dorf gehört er? Mein Telefon klingelt: »Wo steckst du denn?!« Es ist der Pfarrer des Dorfes, in dem mein Tipi schon steht. Aber ich weiß nicht, wo ich stecke. Ein Kirchturm reicht nicht zu meiner Orientierung. Endlich komme ich zu einer richtigen Straße und halte ein Auto an. »Was ist das für ein Dorf, bitte?«
Mist. Nicht das, was ich brauchte. Also muss ich noch vier weitere Kilometer gehen. Mit einem Esel, der nichts mehr will. Nur fressen. Das will ein Esel immer. Mit seinem ganzen Herzen, seiner Seele, seiner Kraft und seinem Verstand. Aber vor allem mit seiner Kraft, und die ist groß. Ich schleppe, ich schiebe, ich mahne, ich flehe, ich werde böse, ich locke … Speedy ist müde oder hat keine Lust mehr oder will mich ärgern. Und er geht eher rückwärts als vorwärts. Barou, mein Hund, tanzt um den Esel herum, bellt, macht sich wichtig. Ich schwitze, das Telefon klingelt wieder. Bevor die Person am anderen Ende der Leitung etwas sagen kann, schnappe ich schon: »Ja, ich weiß, ich bin zu spät, aber der Esel will nicht mehr. Ich krieg’s einfach nicht hin.«
Verwunderte Stille am anderen Ende. Dann: »Wie bitte? Ist das hier Evangile en chemin? Ich dachte, das sei hier Evangile en chemin …«
Ja, das ist es auch. Aber es ist eben unterwegs, dieses Evangelium, und dann geht nicht alles, wie man es so gerne möchte.
So oft taucht Speedy auf in meiner Erinnerung. Wie er – auch wenn ich dies nicht gesehen und nur von anderen erzählt bekommen habe – um ein Uhr nachts auf einer großen Nationalstraße von Leuten aufgegabelt wird, den Baum, an den ich ihn festgebunden hatte, freudig hinter sich herschleppend.
Oder weg, gestohlen auf dem großen Paléo-Musikfestival in Nyon. Ich rufe die Festivals-Polizei um sechs Uhr morgens an: »Bonjour, hier ist die Pfarrerin vom Esel (morgens um sechs nach einer Nacht mit zwei Stunden Schlaf war noch nie meine beste Zeit) – man hat mir den Esel gestohlen, können Sie mir helfen?«
Ich ahne das Lächeln, das sich hinter den aufmunternden Worten versteckt: »Wissen Sie, gehen Sie jetzt erst mal ruhig schlafen, nicht?«
Aber immer und vor allem sehe ich Menschen vor mir. Gesichter. Entspannte oder sehr verspannte Gesichter. Fröhliche, weinende, wütende, gleichgültige, hungrige Gesichter … Und ich höre Worte. Geschichten. Erlebnisse. Von Leuten, die suchen. Sich suchen. Gott suchen. Ihn verloren haben. Den Sinn ihres Lebens verloren haben. Von Leuten, denen es gut geht. Denen es schlecht geht. Von Leuten, die sagen: »Wir kommen gern in Ihr Zelt, aber über Gott wollen wir nicht reden.« Und die dann, manchmal schon nach einer Minute, doch über Gott reden. Weil sie mich nicht kennen. Weil sie spüren, dass ich sie wirklich frei lasse. Dass sie nicht reden müssen – und deswegen reden können.
Ich sehe auch mich selbst. Aber nichts vonwegen »mutige Frau« (das höre ich manchmal hinter meinem Rücken). Nichts vonwegen »Sie haben aber viel Glauben!«. Wär’s nur so. Ich bete immer für mehr und besseren Glauben. Und er wächst wohl auch, mein Glaube. Aber es wäre ja doch schön, wenn er … anders wäre.
Das sag ich auch manchmal zu Gott: »Es wäre ja doch so schön, wenn ich anders wäre.« Und nur seine göttlichen Ohren hören den Zusatz: »Und das Ganze wäre auch um einiges einfacher, wenn du anders wärst.« Er versteht das. Er weiß, dass ich ihn irgendwo tief im Herzen doch so will, wie er ist. Muss was damit zu tun haben, dass ich irgendwo tief im Herzen weiß, dass er mich doch so will, wie ich bin.
Wenn ich so zurückblicke nach drei Jahren, sehe ich so viele Begegnungen, Überraschungen, Entdeckungen vor mir, dass ich mich richtig darauf freue, einen Teil dieser Erlebnisse mit Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, zu teilen. Nicht nur die lustigen oder traurigen Geschichten, das, was sich gut erzählen lässt. Das wäre zu einfach und täte den Menschen unrecht. Und Gott auch. Denn er hat die Idee dieses Wanderpfarramtes in mein Herz hineingegeben, und er ist es, der die Fäden in seinen Händen hält. Also will ich – mit Berücksichtigung der Vertraulichkeit und indem ich, wo nötig, Namen, Situationen und Orte ändere – auch erzählen, was die Leute mir gegeben und beigebracht haben. Durch ihre Worte, ihre Haltung, ihre Suche, ihr Finden. Ich möchte Sie mit auf Reisen nehmen – mit Speedy, Barou, dem Tipi und dem Eselwagen. Und Sie auch hineinblicken lassen in den Hangar von Champagne, in den Zugwagon im Bahnhof von Echallens, in die Hütte von Le Flon in Lausanne. In die Hintergründe meines Wanderpfarramtes, in meine eigenen Überlegungen und Kämpfe. Ich möchte Sie mitgenießen und, wenn Sie dazu bereit sind, auch etwas mitleiden lassen.
Aber vor allem würde ich mich freuen, wenn Sie sich ein Stück mit auf den Weg machen – den farbigen, ungewissen, unbequemen, aber total spannenden Weg des Evangeliums. Ein bisschen zusammen mit mir, aber vor allem, durch diese Geschichten hindurch, mit diesem einzigartigen, unbequemen, aber total spannenden Gott.
Als Hetty Overeem das Projekt Evangile en chemin der Leitung der Eglise Réformée du Canton de Vaud vorschlug, stieß es bei mir auf eine Gewissheit, einen Wunsch und einen Willen; diese drei bewegten mich damals wie heute.
Ich glaube, dass das Evangelium in der heutigen Gesellschaft etwas zu sagen hat! Damit diese Gewissheit konkret in unserer Wirklichkeit Fuß fasst, muss sie von dem Wunsch getragen werden, Gott, diesem ganz anderen, und dann auch den anderen Menschen zu begegnen. Das Herz der Mission der Kirche ist der Wunsch nach Gemeinschaft, ganz dem Beispiel Jesu entsprechend, der sein ganzes Leben unterwegs war mit dem Wunsch, Frauen, Männern und Kindern zu begegnen.
Die Idee, sich mit einem Esel auf den Weg zu machen (danke, Palmsonntagsgeschichte!), wo wir doch alle immer nur so schnell wie möglich von einem Ort zum anderen rennen, hat mich getroffen: mit einfachen Mitteln unterwegs zu sein, dicht bei den Menschen, denen man begegnet; und das alles im Gebet und im Überdenken des Evangeliums.
Und dann gibt’s noch Hetty! Eine Pfarrerin, die so leidenschaftlich wünscht, anderen wie auch Gott selbst immer wieder zu begegnen; deren Lächeln, Energie und Aufmerksamkeit für andere auf ein reelles Gebetsleben hinweisen.
Sehr schnell habe ich mich entschieden, unsere kirchlichen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, damit dieses originelle Projekt – so viele gibt’s denn ja nun auch wieder nicht! – seinen Platz findet. Nichts Großes und Wahres wird ohne Schwierigkeiten gebaut: Die hat es auch hier gegeben und wird es weiterhin geben; aber das Essenzielle ist, voranzukommen … und wenn’s nur zwei Kilometer pro Stunde sind!
Heute, einige Jahre später, bedaure ich nichts. Danke an Gott und an unsere Glaubensschwestern und -brüder für das Evangelium unterwegs!
Antoine Reymond, Pfarrer und Synodalrat im Jahr 2007
Als Hetty mir Ende 2007 vorschlug, beim Ausarbeiten ihres Wanderpfarramt-Projektes mitzuarbeiten, habe ich gerne Ja gesagt. Diese originelle Idee, sich einfach Zeit zu nehmen, um bei den Leuten zu sein, bestätigte etwas, woran mir viel liegt und wofür ich mich einsetze: unsere Kirche den Menschen näherzubringen. Es wagen, eine andere Art von Beziehung mit ihnen einzugehen: mit allen, aber hauptsächlich mit denen, die sich von der Kirche entfernt haben. Eine andere Art von Beziehung, damit sie Christus kennenlernen.
Es schien mir eine Herausforderung, gerade dieses Projekt in der Kirche integriert zu sehen, und ich hoffte, meine Position als Vorsitzender eines kantonalen Kirchendepartementes (»Gesundheit und Solidarität«) könnte hier nützlich sein.
Als die Kirchenleitung das ursprüngliche dreijährige Mandat von Evangile en chemin nicht verlängern wollte, hat mich Hettys Entschlossenheit dazu bewegt, doch in der Unterstützungsgruppe zu bleiben – trotz chronischem Zeitmangel! Ich bin überzeugt, dass diese Art und Weise, das Evangelium konkret den Menschen nahezubringen, in unserer Gesellschaft immer notwendiger sein wird.
Die vielen Begegnungen der letzten Jahre, das erstaunliche »Augenzwinkern« Gottes und die unvergessliche Freigebigkeit zahlloser Menschen haben mich tief bereichert. Ich wünsche diesem – etwas prophetischen – Unterwegssein des Evangeliums ein langes Leben!
Roland Besse, Mitglied der Unterstützungsgruppe
Ein Tipi, ein Eselwagen, ein Esel … eine Frau und ihr Hund … Was machen die denn da in der Wiese neben meinem Haus?! Da muss ich hin! Seltsam, ist das ’ne Pfarrerin?
Aber sehr schnell fühle ich mich wohl: geteilter Glaube, geteilte Fragen, Hoffnungen, Tränen, Wut, aber auch Lachanfälle lassen mich hellhörig werden auf etwas, auf jemand, den ich schon so lange gesucht habe.
An diesem Wochenende wandert Gott regelrecht in mein Herz hinein. Seitdem versuche ich, jeden Tag in seins hineinzuwandern …
Christian Ringgenberg, Mitglied der Unterstützungsgruppe
Meine Frau Marguerite und ich waren von Anfang an überzeugt, dass Gottes Ruf an Hetty, das Evangelium zu den Leuten zu bringen, gut ist. Da kann sogar unser Esel Speedy helfen, dass Kontakte entstehen, um die frohe Botschaft unseres Erlösers, Jesus Christus, weiterzugeben, und zwar an Menschen, die man nicht in der Kirche trifft.
Ja, der Esel kann Beziehungen schaffen mit der schlichten und einfachen Art, die er hat. Er ist nicht störrisch und dumm, wie es immer im Volksmund heißt, sondern Gott hat ihn als ein sehr intelligentes Tier geschaffen. Jeder Schritt ist überlegt, er stellt keinen Fuß ab, wenn er nicht sicher ist, wohin er tritt. Er nimmt sich Zeit zum Überlegen, ob es gut ist, diesen Schritt zu machen.
Manches würde sicherlich besser gehen, wenn unsere Gesellschaft mehr »Eselsart« hätte: bescheiden, überlegt, tolerant, einfühlsam, kontaktfreudig, bereitwillig, treu.
Einen Esel kann man nicht dressieren, sondern nur überzeugen. Es muss ein großes Vertrauen aufgebaut werden zwischen Mensch und Tier. Das erlebt auch Hetty mit unserem Speedy immer wieder.
Ich bin glücklich, wenn mich jemand als einen Esel bezeichnet. Das ist eine Ehre für mich.
Jacob Geiser, Eigentümer von Speedy
Bevor ich Sie mitnehme auf meine Reise, noch ein paar Bemerkungen zu Evangile en chemin, wörtlich übersetzt »Evangelium unterwegs«, das ich ab jetzt mit EEC abkürzen werde, so wie wir es selbst auch machen. Die Einzelheiten werden Sie allmählich entdecken – so wie Inhalt und Form sich auch erst durch die drei Wanderjahre hindurch entwickelt haben.
EEC ist ein – so glaube ich – von Gott eingeleitetes und dann durch mich und andere hindurch verwirklichtes Projekt, das ich im Jahr 2008 meinen kirchlichen Behörden (der »EERV«, Eglise Evangélique Réformée du Canton de Vaud, Staatskirche meines Kantons) vorgeschlagen hatte. Es wurde von ihnen in der Form eines Mandates für drei Jahre angenommen.
Es ging – und geht! – darum, aus den buchstäblichen oder wörtlichen Mauern der Kirche und dann auch aus denen im übertragenen Sinne herauszugehen, um die Menschen dort zu treffen, wo sie sind. Da, wo sie sich auf ihrem Lebens- und Glaubensweg befinden. Dort, wo sie gerade sind: auf der Straße, beim Bäcker, im Café … Aber eben nicht in einer Kirche. Denn viele haben diese verlassen und kein Interesse, sie wieder zu betreten. Aber ihr Interesse an Gott ist nicht verloren gegangen, das hat sich im Laufe der letzten drei Jahre immer wieder gezeigt.
Dies ist die äußere Seite von EEC. Die innere, verstecktere, aber wichtigere Seite ist etwas schwieriger zu umschreiben, doch sie gehört dazu: Vor ungefähr neun Jahren zitierte ein Pfarrer bei der Buß-und-Bettag-Versammlung in der Kathedrale von Lausanne Matthäus 17,21: »Aber diese Art fährt nicht aus außer durch Gebet und Fasten.« Plötzlich, ohne jegliche Warnung, schüttelte Gott mich und rief: »Faste!« Ich war völlig überrumpelt. Ich? Fasten? »Aber warum denn, Herr?« Mir war klar, dass der Gedanke von Gott kam. »Und wovon?«
Keine Antwort. Also aß ich eine Woche nichts und dachte über Matthäus 4 nach, wo über das Fasten Jesu in der Wüste berichtet wird und über die anschließende Versuchung durch Satan, den Ankläger, den Illusionsspezialisten, der falsche Bilder von Gott, Mensch und Welt vorgaukelt. Ich studierte den Text, seine Varianten, seine Übersetzungen, biblische Parallelstellen, Kommentare; ich betete und sang. Bis ich verstand, dass Gott von mir ein anderes Fasten wollte – ein »Illusions-Fasten«. Er forderte mich auf, alle falschen Bilder von ihm, mir selbst und anderen als Karikaturen zu entlarven, um dann entschlossen auf sie zu verzichten. Denn falsche Bilder sorgen für hoffnungslose geistliche Verstopfung, Fasten aber macht Platz für Gottes gute Nahrung, die aufbaut, stärkt, wachsen lässt, Freude und Freiheit bringt, wie es das EEC-Morgengebet sagt: »Du willst, dass wir unsere Illusionen verlassen, unsere falschen Bilder und die Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die daraus hervorgehen – um dich zu suchen und zu finden; um dich mit unserem ganzen Herzen zu lieben, dir in völliger Freiheit zu dienen. Um so zu uns selbst zurückzufinden und uns zu lieben und zu unseren Nächsten zurückzufinden und sie zu lieben.«
Drei Jahre später begegnete ich einem französischen Nomaden, der mit Pferd und Wagen durch die Welt zog und mir sagte, viele Menschen würden ihn ein Stück begleiten. Denn er sei der Einzige, der heutzutage noch einfach lebe, sich auf das Wesentliche konzentriere. Und vor allem, der Zeit für sie habe.
Aus den beiden Begegnungen, der göttlichen in der Kathedrale und der menschlichen unterwegs in Frankreich, entstand dann einige Jahre später EEC.
So bin ich Wanderpfarrerin geworden und habe mich mit dem Esel Speedy, meinem Hund Barou, meinem Eselwagen Gijs, dem Tipi und vor allem mit Gott, dem »patron«, dem Initiator und Chef des Ganzen, auf den Weg gemacht und bin durch den Kanton »Vaud«, das Waadtland, gezogen: das erste Jahr etwa von der Mitte nach Süden zum Genfer See (Lausanne), von dort westlich und dann nach Norden; das zweite Jahr von den Waadtländischen Voralpen hinunter zum östlichen Genfer See, hoch zum Nordosten und dann zurück in die Mitte; das dritte Jahr von der Mitte nach Nordwesten über die Jurakette und wieder zurück zum westlichen Genfer See mit Endpunkt Lausanne.
Speedys Eigentümer sind Jacob und Marguerite Geiser, Mennoniten aus dem Jura, die sich für EEC begeistert haben und mir Speedy leihen, nicht zum Normaltarif von 50 Franken (40 Euro) pro Tag, sondern zuerst für 200 Franken (160 Euro) für sieben Monate und dann ganz umsonst! Sie haben mir gesagt: »Wir geben dir Speedy. Er ist der liebste und geduldigste unserer Esel. Allerdings auch der … langsamste!« Speedy war zuerst vorgesehen als Zugesel, aber es zeigte sich schon bald, dass dies nicht gut möglich war. So wurde seine Zugkraft durch einen Trecker ersetzt; aber er selbst – unersetzbar! – zog mit meinem Hund Barou und mir durch die Lande.
Jeden Freitag fuhr ich mit meinem Auto zum Ort, wo ich das vorige Wochenende gewesen war; und da ging es wieder los mit meinen beiden Tieren, von Dorf zu Dorf, von einer Stadt zur anderen, während alle möglichen Helfer den Eselwagen und mein Auto transportierten, das Tipi aufbauten, sich um das Material kümmerten und die Kommunikation regelten. Samstag und Sonntag blieben meine Tiere und ich dann an dem Ort, wo wir am Freitagabend angekommen waren, und jede Sonntagnacht fuhr ich mit Barou wieder hoch zu meiner Alphütte, wo ich wohne. Am nächsten Donnerstagmorgen ging’s dann wieder den Berg herunter, um die ganze Arbeit um EEC herum zu erledigen und als Gefängnispfarrerin zu arbeiten. So war ich also nur am Wochenende unterwegs; »nur«, denn die Tage gingen von 7 Uhr morgens bis oft tief in die Nacht hinein: 1 oder 2 Uhr morgens war keine Ausnahme.
Während der Woche mussten wir jedes Mal für Speedy eine Unterkunft finden. Wir, das sind meine Unterstützungsgruppe und ich. Denn alleine kann man nicht gut unterwegs sein! Die Leute aus meiner Gruppe werden Sie durch die Kapitel hindurch besser kennenlernen, aber hier seien sie kurz vorgestellt:
Zwei Pfarrer, Philippe Rochat und Georges Besse, und eine Diakonin vom Straßenpastorat, meine Freundin Viviane Maeder, waren bei der Planungsgruppe dabei; denn EEC musste ja erst einmal überlegt und geplant und vor allem erbetet werden. Danach konnten die drei wegen Zeitmangel nicht weitermachen, aber während dieser kurzen Zeit waren sie mir unheimlich wertvoll.
Dann die »festen« Mitarbeiter: Valérie Bornoz, inzwischen Valérie Richard, Priscille Hunziker, Bernard Tripet, Franco Ciardo, Roland Besse. Später kamen hinzu: Aude Gelin und Jean-Claude Clerc. Und noch später: Christian Ringgenberg und Ludovic Papaux. Zusammen haben wir versucht, Gottes Weg zu erforschen und die Richtung einzuhalten, die er uns zeigte. Sie alle haben Wochenenden koordiniert, endlose Telefonate erledigt, praktisch mitgeholfen und an Ort und Stelle oder auf Distanz gebetet. Sie waren treu und mit Einsatz ihrer Kräfte, aber auch ihrer Freude, Fantasie und Einzigartigkeit dabei. Ohne sie wäre EEC nicht das, was es ist.
Neben ihnen haben so viele Leute geholfen: Sie haben Speedy einen Stall oder eine Wiese besorgt, den Eselwagen von einem Ort zum anderen gezogen, der gestrandeten Pfarrerin Pannenhilfe geleistet, sie genährt, ermutigt und, auch hier wieder wörtlich und im übertragenen Sinne, gewärmt. Aber eben auch infrage gestellt und korrigiert. Es ist schade, dass ich nicht jeden Einzelnen erwähnen und mich bei jedem bedanken kann; die Liste würde doch zu lang werden, eben weil es so viele sind. Aber ich habe sie nicht vergessen, und sie haben alle ihren kleinen oder großen Teil dazu beigetragen, dass EEC – diese Art, das Evangelium unterwegs zu sagen und zu leben – eben … unterwegs bleiben konnte!
KAPITEL 1
Ich bin ja so gespannt! Nun ist es so weit. Der offizielle Aussendungsgottesdienst hat mich … nun ja, ausgesandt. Für meinen Geschmack war er ein wenig zu offiziell – der Vorsitzende der kirchlichen Schublade, in die man mich hineingesteckt hat, damit ich irgendwo in der Institution eingeordnet werden kann, hatte wohl plötzlich das Gefühl, es müsse etwas extra Offizielles hinzu: Diese quirlige Idee von einem Wanderpfarreramt sollte denn doch seriös erscheinen.
Jetzt bin ich endlich unterwegs. So richtig unterwegs, wie ich’s mir vorgestellt hatte. Schönes Wetter, freundlicher Esel, glücklicher Hund, abenteuerlich gestimmte Pfarrerin. Nach etwas mühsamem Getue habe ich Speedy sein »bat«, sein Joch, auflegen können und im Augenblick hält es noch. Eselwagen und Tipi warten auf mich in Jongny.
Das Handy klingelt. Am anderen Ende ertönt eine unbekannte Stimme: »Wo stecken Sie denn gerade? Wie, Sie sind ganz allein? Ich dachte, Ihre Gruppe würde Sie begleiten!« Aber meine Unterstützungsgruppe besteht nun mal nicht aus Rentnern, die ihre Zeit mehr oder weniger selber einteilen können, sondern aus hart arbeitenden, an feste Zeiten und Orte gebundenen Leuten. »Bon d’accord, dann komm ich eben selber rüber! Wo sind Sie?«
Zum ersten Mal mache ich die Übung, die sich in den nächsten Jahren unzählige Male wiederholen wird. Wo bin ich? Als ich mir mein Wanderdasein ausmalte, hatte ich immer eine Karte in der Hand, an der ich mich fest und fehlerlos orientieren würde. Karten lesen kann ich nämlich. Womit ich aber nicht gerechnet habe, ist, dass ich mit der linken Hand die Leine des Hundes festhalte (zu viele Autos auf meiner ersten Strecke), mit der rechten die des Esels und dass meine Karte mangels besseren Platzes in meinem Rucksack steckt. »Warten Sie eben, ich guck mal.« Aber gerade sieht Barou einen anderen Hund, Speedy riecht Kleeblatt, das sich auf der anderen Straßenseite befindet, und marschiert gezielt auf diese freudige Überraschung zu. Weit und breit ist kein Pfahl zu sehen, an dem ich ihn anbinden könnte. Aber Leute. Leute, die von einem Bauernhof kommen und neugierig gucken.
»Ach, bitte, können Sie mir helfen?« Ein ahnungsloses, aber fast ein prophetisches Wort – denn einer der meistgesagten Sätze während dieser kommenden Jahre. »S’il vous plait, Monsieur, Madame, pourriez-vous m’aider?« Denn hier, unterwegs, bin ich auf einmal nicht mehr die Pfarrerin. Zumindest nicht die, welche die Leute, bewusst oder unbewusst, in ihrem Kopf haben. Die gibt, die austeilt: gute Worte, Segen, Ratschläge, Gebete. Auch wenn mir das noch nicht klar ist, ab jetzt bin ich eine Frau, die unterwegs ist, oft hungrig und frierend, sehr oft nass und noch öfter hoffnungslos verirrt. Und die unterschiedlichsten Leute sind meine Helfer, manchmal sogar meine Retter. Das ändert total die Perspektive – und dann eben auch das Verhältnis zueinander.
So oft hat mir jemand gesagt: »Wissen Sie, mit Gott will ich nichts zu tun haben. Mit seiner dusseligen Kirche erst recht nicht. Aber ich kann Ihnen doch helfen, wenn Sie Hilfe brauchen?« Und oft geht das Gespräch dann weiter und die betreffende Person sagt, warum sie nichts mehr mit Gott und Kirche zu tun haben will. Denn ihr Gegenüber ist nun nicht mehr ein offizieller Vertreter, sondern wie gesagt eine nasse, frierende, hungrige und verirrte Frau mit zwei nassen, frierenden, hungrigen und verirrten Tieren. Da kann man reden. Anders. Das öffnet Herzen. Weil es kein Trick ist. Kein Marketing, um leichter an die Leute ranzukommen. Sondern einfach Wirklichkeit. Eine Art von Armut, die dem anderen, jedem anderen, plötzlich einen Platz gibt. Und weil das augenscheinlich so besonders und anders ist für die Leute – und sie mir das so oft sagen –, frage ich mich, was wir verloren haben, was die Kirche verloren hat, dass sie den Menschen so oft den Eindruck gibt, sie wären niemand, sie hätten nichts zu geben.
Bei Jesus war das so anders. Ich denke an die Samariterin aus Johannes 4. Handelte es sich da um einen Trick von Jesus? Ganz bestimmt nicht. Er war hungrig, durstig, müde. Und er war es, der die Frau, diese sozial am Rande stehende Fremde ohne Namen, um Hilfe bat. Und das machte sie hellhörig auf das, was er ihr nachher zu sagen hatte. Die gute Nachricht, das Evangelium, braucht etwas von diesem Armsein, um so gesagt zu werden, dass es ihrem Inhalt entspricht. Form und Inhalt, Worte und Haltung, Botschaft und Rahmen, es gehört immer alles zusammen.
Wir alle haben da noch viel zu lernen. Aber – wollen wir? Sind wir Christen (sowohl Pfarrer als ehrenamtliche Mitarbeiter) bereit, unseren Komfort, unsere Sicherheit, unsere Mauern von Macht, Reichtum, Wissen und Können zu verlassen, um uns verletzlich auf den Weg zu machen? Nein, natürlich nicht alle als Wanderchristen im wörtlichen Sinn. Berufung durch Gott ist nicht identisch mit dem Unterwegssein mit einem Esel. Aber wenn ich den Esel mal als Symbol nehme, dann ist es das vielleicht doch?
Wir sind alle berufen. Der eine, durch Erfahrung und durch selbst genug auf die Nase gefallen zu sein, als Lehrer. Ein anderer, dessen Herz für Gott und für sein Wort und dann auch für das Herz und das Leben anderer Menschen brennt, als Evangelist. Wieder ein anderer als jemand, der »handfestlich« dienen kann und das auch will. Und wahrscheinlich braucht’s etwas von allem, je nach Zeitpunkt und Situation im Leben. Und das Ganze mit freudiger Gewissheit, denn wir bringen nicht uns selbst, sondern unseren Herrn. Aber – eben weil der Knecht, der Nachfolger, nicht höher steht als sein Meister – immer mit dem »Esel«: immer mit offenen, nicht habenden Händen und Herzen: »Ach, bitte, können Sie mir helfen?«
Aber zurück zum unbekannten Menschen da am anderen Ende des Telefons, der mich ein Stück begleiten will, einfach weil er an dieses Projekt EEC glaubt. Dieser Mensch ist Bernard Tripet, der später ein treues Mitglied meiner Unterstützungsgruppe sein wird. Aber jetzt ist er erst einmal nur ein interessierter Wegbegleiter, der sich nach unserem Telefonat gleich auf den Weg zu mir gemacht und mich auch bald gefunden hat.
Wir gehen langsam, sehr langsam. Ich wusste, woran ich mit Speedy bin: »… der liebste, aber auch der langsamste.« Es wird Zeit für die Mittagsandacht – aber die Morgenandacht hat noch nicht stattgefunden, denn da habe ich mich mit Speedys Joch abgemüht, und als ich es endlich hingekriegt hatte, wollte ich nur eins: losgehen! Bernard schlägt vor, so bald wie möglich haltzumachen, denn er muss nun wirklich zur Arbeit. Okay – sobald wir ein Stück Wiese für Speedy finden.
Da taucht schon unsere Wiese auf. Es riecht nur etwas komisch. Speedys Ohren und Barous Schwanz wedeln glücklich, nur wir schnuppern unbehaglich. Kein Wunder, die grüne Fläche vor uns ist geschmückt mit einem riesigen Misthaufen. Zögernd sehe ich zu Bernard hinauf: »Wollen wir noch ein Stück weiter? Hier ist es, ähm, vielleicht etwas unpassend?« Aber er hat keine Zeit mehr.
Und so findet die allererste Andacht statt. Die feierliche Morgenandacht, abgeleitet von der koptischen Liturgie, die ich in Ägypten kennen- und lieben gelernt habe. Texte, die vor Freude sprudeln, weil sie die Wirklichkeit Gottes und des Menschen beschreiben und wie die beiden sich berühren. Vor einem Misthaufen.
Aber wenn man bedenkt, wie Gott selbst zwischen Misthaufen auf diese Welt kam, ist es vielleicht gar nicht so unpassend …
KAPITEL 2
Bevor ich meine Reise weiter beschreibe, ist aber erst einmal Barou dran, mein Hund!
Auch wenn der Esel als Erster an die Reihe kam, weil er für so viele Leute am wichtigsten ist – für mich ist und bleibt Barou mein treuster Wegbegleiter. Barou, den ich als zwei Monate alten Welpen im Tierheim von Lausanne aufgegabelt habe. Barou, der ausgesetzt wurde, weil er überflüssig war. Nicht nötig auf dieser Welt.
Ja, da hat aber jemand anders entschieden. Barou ist für ganz viele eine Eingangstür geworden. »Oooooh, ist das aber ein schöner Hund! Darf ich ihn streicheln?« Ja, das dürfen sie alle. Immer! Egal, ob Kind oder Erwachsener. Egal, ob in der Metro-Hütte, im Zelt oder unterwegs. Egal, ob im Tipi mitten auf dem Gefängnisgelände, umgeben von beeindruckenden Mengen Stacheldraht: der Gefangene, der seit Jahren kein Tier hat streicheln können und weinend und wortlos den Kopf in Barous weiches Fell begräbt. Das behinderte Kind, das ihn fast zerquetscht in seiner liebevollen Umarmung. Das ängstliche Kind, das in der entferntesten Ecke vom Tipi hockt, aber immer näher zu dem Hund rückt, zuerst die Finger, dann die Hand nach ihm ausstreckt und sich schließlich überhaupt nicht mehr von ihm trennen kann: »Vor dem kann ich nicht Angst haben!«
Sie alle dürfen ihn streicheln, mit ihm spielen, ihn rufen und kommen lassen, mit ihm Verstecken spielen. Es ist, als ob er wüsste, was von ihm erwartet wird, und auch, wie wichtig er ist. Manchmal steigt ihm das allerdings zu Kopf …
Im Tipi und im jeweiligen Winterquartier hat er seinen eigenen Platz, wo er bleiben muss. Denn manchmal hat jemand Angst vor Hunden, und jeder muss sich wohlfühlen können. Barou bleibt dort meist auch liegen, er weiß, dass meine Augen ziemlich regelmäßig auf ihn gerichtet sind. Aber er weiß auch, dass Augen sich manchmal schließen. Beim Beten lockt die Versuchung, sich vorsichtig nach vorne zu schlängeln, immer ein Stückchen weiter, bis er da angelangt ist, wo er sein will: meistens zu Füßen eines Kindes, das in freudiger Gemeinschaft mit allen anderen Anwesenden von meinem Gebet absolut nichts mehr mitkriegt und nur noch quietschend vor Vergnügen den Wuschi-Ball auf dem Boden beobachtet, der, alle vier Pfoten in der Luft, der Streicheleinheiten harrt, die er erfahrungsgemäß bekommen wird.
»Barou, ga onmiddellijk op je plaats!« – »Geh sofort an deinen Platz!« reicht zwar, um ihn seufzend und mit Märtyrerblick zu seinem Platz zurückkehren zu lassen. Der rote Faden ist dann allerdings hoffnungslos verloren.
Aber alles hat ein Ende, auch Andachten. Barou weiß, dass er am Ende aufstehen und eine Begrüßungstour machen darf. Nur, wann ist das Ende? Kein noch so gelangweilter Gottesdienstbesucher kann wetteifern mit der freudig-gespannten Erwartung des Endes, die meinem Hund innewohnt. Zu Anfang der EEC-Zeit irrt er sich noch ein paar Mal, springt wedelnd auf, wenn etwas mehr geredet oder gelacht wird. Aber nein: »Barou, op je plaats!«
Dann findet er heraus, dass ein etwas nachdrücklich gesagtes »Amen« eine gute Chance hat, das so ersehnte Ende anzukündigen. Aber nein: »Barou, op je plaats!« – gibt es doch mehrere Amen in der Liturgie. Also sucht er weiter und findet eine Hoffnung, die niemals täuscht: den Einschaltknopf des elektrischen Klaviers. Da darf er dann endlich aufstehen, wedeln, ohne jedes Schamgefühl im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, winseln, bellen, Knie abschlecken und … singen.
Ja, Barou singt. Viele Leute sagen, ich hätte einen sprechenden Hund, so ausdrucksvoll ist alles an ihm. Aber zusätzlich hat er sich etwas ausgedacht, das ich sofort – und vergeblich – versucht habe zu unterdrücken. Von Anfang an gingen meine Proteste jämmerlich unter in der allgemeinen Begeisterung: »Oh, er singt! Er macht mit! Ein frommer Hund!« Der Anlass dieser Begeisterung ist eine Art unbeschreibliches Heulen, wobei tatsächlich mehrere Töne »erklingen«. Man stelle sich hierbei eine lachende Schnauze vor, zu mir heraufschauende Augen, die zu sagen scheinen: »Ja, hier kannste nix machen!« – voilà Barou!
Wenn wir abends schlafen gehen, wartet er vor dem Eselwagen, bis ich fertig bin: Das Bett machen mit dem Hund im Wagen ist nicht ratsam, die drei Quadratmeter reichen gerade nur eben für unsere beiden Liegeplätze. Aber dann bricht auch hier der ersehnte Augenblick an: »Barou, spring!« Mit einem Riesensprung segelt er über die Kutscherkiste, taucht kopfduckend durch die Türklappe und landet auf seine Decke. Streckt sich aus, grunzt in tiefer Zufriedenheit über sein Hundedasein und schläft ein.
Oft werde ich nachts jäh geweckt durch ein paar ausschlagende Hundepfoten gegen meinen Kopf oder Bauch: 1 Meter 50 Breite sind nicht viel, und Barou scheint oft und heftig zu träumen. Aber sogar traumlos schlafend rollen wir öfter aufeinander: Ich betone zwar immer nachdrücklich, dass ich ein flaches Grundstück für meinen Eselwagen brauche, weil es sich nun mal horizontal besser schläft. Aber die hilfreichen Leute, die mir meine Wochenendwiesen suchen, gucken da nicht so genau. Also gilt auch hier: »Barou, op je plaats!« Vorwurfsvoll seufzend und stöhnend zieht er sich dann wieder in seine Ecke zurück.
Witzig eigentlich, wie gut er gehorcht. Das hat natürlich was mit Erziehung zu tun; mit den vielen Stunden, die ich mit ihm in der Hundeschule verbracht habe. Wenn man die ersten zwei Jahre genug Zeit in seinen Hund investiert, hat man ein ganzes Hundeleben Freude daran. Denn viel Zeit (und zwar »Primetime«, nicht nur so ein bisschen nebenher, wenn alles andere, Wichtigere erledigt ist), gemischt mit konsequent liebevoller Erziehung, bringt den wahren Gehorsam hervor. Nicht die ängstlich-unterworfene Karikatur, sondern das Original, den Vertrauensgehorsam. Der Hund gehorcht, weil sich das für ihn lohnt (Kekse oder manchmal Wurst), weil es Spaß macht (man wird ausführlichst gelobt) und weil ein Hundeherz nach einer gewissen Zeit irgendwie spürt, dass es so in Ordnung ist – Frauchen oder Herrchen weiß, was sie/er tut.
Und das ist so wichtig, denn unterwegs, beim chaotischen Straßenverkehr, muss der Hund sofort gehorchen – nicht zuerst nachdenken, ob ihm das wohl passt. Seine Zukunft liegt im Gehorsam. »Platz!« ist für ein Hundeherz zwar nicht immer einfach und ganz bestimmt nicht immer wünschenswert. Aber das Tier weiß: An diesem Platz ist es sicher. Es ist sein Platz. »Op je plaats!« Da lässt sich’s leben! Und da geht’s los: der Startpunkt für alle kommenden Abenteuer!
Wie schwierig haben wir Menschen es oft, diesen Vertrauensgehorsam zu Gott zu finden. Das hat wohl was mit Erziehung zu tun; zu wenige Stunden investiert in die Wie-wird-man-richtig-Mensch-Schule. Die ängstlich-unterworfene Gehorsamskarikatur scheint eine eigentümliche Anziehungskraft auszuüben. Dabei sagt Jesus doch: »Ich nenne euch nicht Sklaven, denn ein Sklave weiß nicht, was sein Herr tut« (Johannes 15,15) und fügt fast sehnsüchtig hinzu: »›Freunde‹ nenne ich euch.« Aber wenn diese Freundschaft ihm so wichtig ist, wo kommt denn bloß unsere Angst her?
Ich habe mal eine Studie über den Ausdruck »die Furcht des Herrn« angefertigt, weil mir auffiel, dass er bei uns Irritation oder Angst hervorruft, während er in der Bibel mit Freude assoziiert wird. In den biblischen Zusammenhängen geht es immer um die Stellung des Menschen gegenüber Gott und darum, dass beide an ihrem Platz sind. Dann stimmen die Verhältnisse, dann blüht die Gemeinschaft wieder auf. Da, wo Gott als solcher anerkannt wird, freut er sich – und der Mensch auch: Er kann aufatmen, leben, sich verwirklichen. Und da, wo der Mensch einfach Mensch ist und nicht in den Wahn verfällt, er sei allmächtig und müsse sein Leben alleine hinkriegen; da, wo er den Glauben riskiert: »Es ist okay, Gott weiß, was er tut«, da ist er sicher.
»Op je plaats!« Da lässt’s sich leben! Und da geht’s los: der Startpunkt für alle kommenden Abenteuer!
KAPITEL 3
Nach Bernards Abreise und meinem einsamen Picknick in einer anderen, diesmal misthaufenlosen Wiese warte ich auf den Journalisten, der sich angekündigt hat. 24 Heures ist eine viel gelesene kantonale Zeitung, und ich freue mich über ein bisschen Öffentlichkeit. Das macht das Ganze offizieller und folglich die Leute offener; denn hier in diesem Kanton bezeichnet man schon schnell als »sektiererisch«, was nicht in die politisch korrekte Formel hineinpasst. Da der Journalist seine Zeit frei einteilen wollte, haben wir keinen bestimmten Ort als Treffpunkt abgemacht: »Ich ruf Sie an, wenn ich in der Nähe bin, ja?«
Das Telefon klingelt. »Wo sind Sie denn?«
Diesmal bin ich vorbereitet: »Bei der Kurve auf der Straße, die von Puidoux hochführt, beim Wasserbrunnen.«
»Okay, ich komme.«
Er kommt nicht. Das Telefon klingelt wieder. »Welche Straße, die von Puidoux hochführt?!« Ja, das weiß ich nicht. Ich bin schon stolz, dass ich überhaupt angeben kann, wo ich bin. Nach vielem Klingeln findet er mich dann doch. Wir teilen meinen letzten Apfel, er fragt und schreibt. Geht einen Teil der Strecke mit, schiebt solidarisch einen unwilligen Speedy den steilen Wanderweg hoch, immer noch fragend und schreibend. Dann verlässt er mich wieder: »Ich warte auf Sie in Chardonne. Wann denken Sie denn, dass Sie dort ankommen?«
Das kann ich nicht sagen. Das hängt vom mir unbekannten Weg ab, davon, ob Speedy gut gelaunt ist oder nicht, davon, ob ich Leute treffen werde oder nicht und ob diese Leute sich unterhalten wollen oder nicht. »So ab 17 Uhr« ist das Genaueste, was ich angeben kann.
Fröhlich wandere ich weiter. Wie wird es wohl sein in Jongny, dem ersten Ziel? Das Dorf gehört zur Gemeinde von Dominique, meinem Mentor während der Ausbildung zur Pfarrerin vor 22 Jahren. Ich überlege mir, wie spannend das Leben doch ist. Früher hatte ich gemeint, das Leben sei mit 50 so ungefähr zu Ende – da passiere bestimmt nichts Neues mehr. Und nun bin ich über 50 – und Wanderpfarrerin; etwas, das ich mir in meinen wüstesten Träumen nicht ausgedacht hätte.
Ich muss dabei an meine erste Gemeinde in Fiez zurückdenken. Wie schön war es dort, wie gerne habe ich da gearbeitet, elf Jahre lang. Bis ein Kribbeln im Bauch mir ankündigte, dass die Zeit für etwas Neues angebrochen war. Ein Kribbeln, das zusammenfiel mit der Einsicht: Ich brauche Weiterbildung. Denn seit meiner Studienzeit in Lausanne arbeite ich nebenher in verschiedenen Gefängnissen und gerate da in Situationen hinein, wo ich mit meinem guten Willen und mit meinem bisschen Einsicht stecken bleibe. In der Gemeinde manchmal übrigens auch …
Nach mehreren Weiterbildungen, hauptsächlich im Bereich der Begleitung misshandelter Menschen, setzte sich dann die Idee einer pastoralen Beratungsstelle durch – zuerst in meinem Kopf, dann auch etwas widerwillig in meiner kantonalen Kirche. Daraus wurden elf Jahre la Cascade. Zuerst acht Monate ohne Gehalt, dann glücklicherweise mit, weil die Region West-Lausanne die inzwischen bewährte Beratungsstelle »adoptierte«.
Und dann, im Laufe der Zeit, hatte ich wieder dieses Kribbeln, sodass la Cascade nun ohne mich weitergeht. Und ich, ich gehe mal wieder ins Ungewisse …
Plötzlich werde ich aus meinen Erinnerungen gerissen. »Bonjour, Madame!« ruft mir jemand fröhlich von einer Baustelle zu. »Wo geht’s denn hin?«
»Nach Jongny!«
»Ist nicht mehr weit!«
»Das hängt von ihm ab!«, lache ich und zeige auf Speedy.
»Wollen Sie was trinken?«
»Ja, gern!«
Der Mann bringt ein Glas Wasser zum Wanderweg hinauf, muss dann aber wieder an die Arbeit. Ich ziehe weiter, bis ich zehn Minuten später merke, dass ich die Hundeleine an einem Pfahl bei der Baustelle habe hängen lassen. Also wieder zurück. Speedy sträubt sich – was soll das denn nun schon wieder, denkt er bestimmt. Ging es gerade so schön runter, muss er wieder rauf. Schwitzend komme ich eine halbe Stunde später wieder bei der Baustelle an. Die Arbeit scheint inzwischen erledigt zu sein, der Mann sitzt mit einigen anderen Arbeitern am Tisch und winkt mir zu: »Trinken Sie einen Wein mit?«
Aber sicher doch! Speedy wird angebunden, guckt mir beleidigt nach, Barou darf mit. Und da um den Tisch herum geht’s zuerst um die Arbeit, dann um Esel, dann um Pfarrer, dann um Gott. Einer sagt nachdenklich: »Es gäbe so viel zu fragen, aber ich komme eigentlich nie dazu, mir richtig Zeit dafür zu nehmen. Wer weiß, ob ich dieses Wochenende mal vorbeikomme …«
»Bienvenue!« Ja, das ist mir wichtig: Die Leute sind willkommen und müssen das wissen; dabei kann der Journalist mir helfen. Ach ja, der Journalist, der wartet bestimmt schon ungeduldig, also muss ich wieder los.
Er wartet auf mich beim Ortsanfang von Jongny. Er geht wieder treulich fragend und schreibend mit. Ein LKW fährt vorbei, bremst, hält an. Einer der Arbeiter von vorhin sitzt am Steuer. »Sieht ja toll aus, Ihr Eselwagen! Ich dachte, ich guck ihn mir gleich an, wenn Sie schon mal in der Nähe sind. Wo sind Sie denn nächstes Wochenende? Ach nee, da muss ich arbeiten. Übernächstes?«
»Weiß ich noch nicht. Wir haben noch keinen Platz gefunden.«
»Kommen Sie doch zu mir! Ich habe eine große Wiese. Ich bin zwar kein guter Gläubiger, aber aushelfen kann ich doch. Würd mich freuen!«
Ich bin ganz glücklich. So hab ich’s mir vorgestellt: einfach unterwegs sein, Leute treffen, nicht wissen, wo man in zwei Wochen ist, dann plötzlich eingeladen werden. Sich führen lassen. Nein, nicht vom Zufall! Vom Heiligen Geist. Das mag für einige Ohren etwas pompös klingen, aber ich will ihm einen echten Platz geben. Das heißt auch: nicht mehr alles selber in der Hand haben, regeln und planen, nicht mehr festsitzen in Ordnungen und Strukturen und Zeittafeln und Agendas.
»Ich meld mich!«, rufe ich also zurück und notiere seine Handynummer. Er winkt noch mal und fährt los.
Der Journalist schreibt und fragt: »Wer war das denn? Kennen Sie den?«
»Seit heute Nachmittag!« Ah, da sehe ich das Tipi. Stolz steht es auf einem kleinen Feld mitten im Dorf. Und mein lieber Eselwagen. Oh wei, steht der aber schief. Unbekannte Leute gucken sich das Ganze an, fragen, was hier los ist. Ein kleiner Zirkus? Wann ist die Vorstellung? Was gibt’s außer dem Esel?
Ja, eigentlich nicht viel. Eine Andacht gibt’s heute Abend, wenn ich mich erst einmal ein bisschen eingewöhnt habe. Die Leute sehen sich etwas perplex an. Eine Andacht? Zum ersten Mal mache ich die Erfahrung, die ich in diesen Jahren sehr oft machen werde: Ich fühle mich klitzeklein. Keine auf den Händen gehende Pfarrerin? Keine Hundekunststücke auf einem Esel? Auch nicht ein Einziges?
