Die Wasser der Hügel - Marcel Pagnol - E-Book

Die Wasser der Hügel E-Book

Marcel Pagnol

0,0
11,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Dorf in der Hochebene bei Marseille. Unter einem Berghof sprudelt eine kostbare Quelle. Doch wer den Besitz unrechtmäßig an sich reißt, den führt er ins Verderben. Habsucht, Mord und Vertreibung zerrütten die Gemeinschaft. Erst das schöne Quellenmädchen Manon, das zur faszinierenden Lichtgestalt dieses berühmten Epos wird, kann die Ordnung in der Welt des Dorfes wiederherstellen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:

www.piper.de

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Die Wasser der Hügel« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

Aus dem Französischen von Pamela Wedekind

Piper Verlag GmbH, München 2025

© Marcel Pagnol 1969

Titel der französischen Originalausgabe:

»L’eau des collines«, Editions Julliard, Paris 1986

© der deutschsprachigen Ausgabe:

Langen Müller in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Covergestaltung: semper smile, München

Covermotiv: plainpicture/wildcard

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence, München mit abavo vlow, Buchloe

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem E-Book hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen und übernimmt dafür keine Haftung. Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

Text bei Büchern ohne inhaltsrelevante Abbildungen:

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Les Bastides Blanches …

Die Bastidianer waren meist …

Bürgermeister war Philoxène …

César Soubeyran näherte …

Während seines Militärdienstes …

Auf dem Rückweg …

Pique-Bouffigue, …

Zu jener Zeit zündeten …

Am Morgen des dritten Tages …

Am nächsten Morgen in …

Siméons Frau, die nicht …

Es war an einem schönen …

Le Papet konnte gut rechnen …

Crespin war ein sehr großes Dorf, …

Am gleichen Abend, als sie …

Das Fuhrwerk wurde …

Ugolin machte sich auf …

Jean Cadoret, dessen …

Ugolin rannte ins …

Bei Tisch unter der …

Am dreißigsten März war …

Nach der Anpflanzung des …

An diesem Tag war Giuseppe …

Abends vor dem …

Die Umzäunung des …

»Der Anfang, der Anfang« …

Eines Abends, als das …

Der Herbst war friedlich …

So erlebte die Familie einen …

Im Frühjahr fing die …

Zur gleichen Zeit setzten …

Ugolin kam aus Antibes …

Die Piemontesin saß neben …

Pamphile, der Schreiner, hatte …

In dieser Nacht schlief …

In diesen schrecklichen Tagen …

Der Greis saß auf der Schwelle …

Auf dem Leichenkarren …

Nur ein Lichtstrahl drang …

Eines Morgens stiegen sie …

Sobald er die große Neuigkeit …

Das alles gab im Dorf …

Nun lebten Manon, ihre …

Im Dorf ging das Leben …

Eines Morgens lag Manon …

An jenem Abend waren …

Ugolin und le Papet …

Eines Morgens, als er …

Ins Herz getroffen und …

Am nächsten Tag, als …

Manon stieg, wie es …

Le Papet war damit …

Tief unten im Refresquièretal …

Auf der Caféterrasse von …

Als sie wieder in die Hügel …

»Lieber Herr Bürgermeister« …

Dieser Sonntagnachmittag war …

Unterdessen hatte le Papet …

Manon saß vor der Grotte …

Die Neuigkeit von der …

Der Bürgermeister in seinem …

Ein Jahr später war das Dorf …

Nach der Grablegung und als …

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Les Bastides Blanches war eine Gemeinde von hundertfünfzig Einwohnern auf einem der letzten Ausläufer des Etoile-Massivs, zwei Meilen von Aubagne entfernt … dorthin führte eine ungepflasterte Landstraße mit so abrupter Steigung, dass sie von Weitem senkrecht wirkte, und zur Gebirgsseite setzte sie sich nur als ein Maultierpfad fort, von dem einige Fußwege zum Himmel strebten.

Dazwischen lagen etwa fünfzig Häuser, deren Weiße im Ortsnamen noch übrig geblieben war; sie säumten fünf oder sechs weder geteerte noch gepflasterte Straßen, enge Straßen, der Sonne wegen gekrümmt, um den Mistral abzufangen.

Immerhin gab es eine ziemlich lange Esplanade, die das Tal nach Sonnenuntergang beherrschte, gestützt von einem Quadersteinwall, der gut zehn Meter hoch war und als Brüstung unter einer uralten Platanenallee endete: dieser Platz wurde der »Boulevard« genannt, und hierher kamen die Alten des Dorfes, um im Schatten zu sitzen und Konversation zu machen.

In der Mitte des Boulevard führte eine breite Treppe von zehn Stufen auf das »Plätzchen«, auf dem von Häuserfronten umgeben, der Quellbrunnen lag. Eine steinerne Muschel schmückte die Mitte des Brunnenrandes und wies ihn auch äußerlich als die Mutter der Ansiedlung aus. Tatsächlich hatte ein »Sommergast« aus Marseille (denn zur Jagdzeit kamen deren zwei oder drei) der Gemeinde vor fünfzig Jahren einen kleinen Sack Goldstücke gestiftet, der erlaubte, das klare Wasser der einzigen, ergiebigen Quelle des Landes bis auf das Plätzchen zu leiten … Damals waren die in Tälern oder auf Hügelhängen verstreuten kleinen Bauernhöfe nach und nach aufgegeben worden, die Familien hatten sich um den Brunnen gruppiert, der Weiler war ein Dorf geworden.

Den ganzen Tag sah man Kannen oder Krüge unter dem Wasserstrahl stehen und daneben die Klatschbasen, die Neuigkeiten austauschten, während sie auf die Musik des einlaufenden Wasserstrahls horchten.

Um den Platz einige Läden: die Tabak-Bar, der Krämer, der Bäcker, der Metzger, dann, weit geöffnet, die Schreinerwerkstatt neben der Schmiede des Schlossers und im Hintergrund die Kirche: sie war altertümlich, aber nicht alt, und ihr Turm war kaum höher als die Häuser. Eine kleine Straße zweigte links von dem Plätzchen ab, um in eine andere schattige Allee zu münden, die sich bis vor das größte Gebäude des Dorfes hinzog. Dieses Gebäude war das Gemeindeamt und der Sitz des republikanischen Klubs, dessen politische Betätigung in der Hauptsache die Organisation des Lottos und der Boulewettspiele war, deren sonntägliche Turniere unter den Platanen beider Alleen abgehalten wurden.

Die Bastidianer waren meist groß, mager und muskulös. Zwanzig Kilometer vom alten Marseiller Hafen entfernt geboren, ähnelten sie weder den Einwohnern dieser Stadt noch den Provenzalen der weiteren Umgebung. Eine weitere Eigentümlichkeit der Bastidianer war schließlich, dass es dort nicht mehr als fünf oder sechs Namen gab: Anglade, Chabert, Olivier, Cascavel, Soubeyran; um Verwechslungen zu vermeiden, fügte man dem Vornamen nicht den Familiennamen, sondern den Vornamen der Mutter hinzu: Pamphile von Fortunette, Louis von Etiennette, Clarius von Reine. Es handelte sich zweifellos um die Nachkommen irgendeines ligurischen Stammes, der ehemals durch die Invasion der Römer in die Hügel zurückgedrängt worden war; was soviel hieß, dass sie vielleicht die ältesten Einwohner des provenzalischen Landes waren.

Weil die Straße, die zu ihnen führte, auf dem Boulevard endete, sah man dort nur selten »Fremde«, und weil sie selbst mit ihrem Los zufrieden waren, stiegen sie nur nach Aubagne hinunter, um ihr Gemüse auf den Markt zu tragen. Vor dem Krieg von 1914 fand man auf den Bauernhöfen noch Greise und Greisinnen, die nichts als das Provenzalisch der Hochebene sprachen. Sie ließen sich von den jungen Leuten, die aus der Kaserne kamen, »Marseille erzählen« und wunderten sich, dass man in solchem Lärm leben konnte, auf der Straße Menschen begegnete, deren Namen man nicht kannte, und überall Polizisten antraf. Doch schwatzten sie gern und verachteten es nicht, einander aufzuziehen … Aber während sie sich über alles und nichts unterhielten, respektierten sie unerbittlich die erste Regel der bastidianischen Moral: »Man kümmert sich nicht um die Angelegenheiten anderer Leute.«

Die zweite Regel hieß, dass man les Bastides für das schönste Dorf der Provence halten musste, für unendlich viel wichtiger als den Marktflecken des Ombrées oder den von Ruissatel, die mehr als fünfhundert Einwohner zählten.

Wie in allen Dörfern gab es Eifersüchteleien, Rivalitäten und sogar hartnäckigen Hass, der sich auf Geschichten von verbrannten Testamenten oder schlecht geteilten Grundstücken gründete. Aber vor jedem Angriff, der von außen kam, wie das Eindringen eines Wilderers aus des Ombrées oder eines Pilzsammlers aus Crespin, hielten alle Bastidianer zusammen, zu allgemeiner Schlägerei oder gemeinsam geschworenem Meineid bereit. Und die Solidarität war so stark, dass die seit zwei Generationen mit dem Bäcker verfeindeten Médérics trotzdem immer ihr Brot bei ihm kauften, allerdings nur durch Zeichen und ohne je das Wort an ihn zu richten. Dabei wohnten sie in den Hügeln, und der Bäcker von des Ombrées war von ihrem Hof aus viel näher: aber um nichts auf der Welt hätten sie auf dem Boden der Gemeinde das Brot der »Fremde« gegessen.

Ihr Hauptfehler: sie waren geizig, weil sie arm an Geld waren. Sie bezahlten das Brot mit Getreide oder Gemüse, und für drei oder vier Koteletts gaben sie dem Metzger eine Henne oder ein Kaninchen in Tausch oder ein paar Flaschen Wein; was die »Sous« betraf, die sie von Zeit zu Zeit aus Aubagne vom Markt mitbrachten, so verschwanden sie spurlos wie durch Zauberei, und nur beim Eintreffen des Hausierers sah man sie als Fünf Francs-Stücke wieder auftauchen, um ein Paar Bastschuhe, eine Mütze oder eine Gartenschere zu kaufen.

Die Gebirgshänge, aus denen ihr einziger Grund und Boden bestand, waren nichts weiter als unendliche Schichten von bläulichem Kalkstein, zerteilt in tiefe Schluchten, die sie Tälchen nannten, weil man hier und dort kleine Seen von nicht sehr tief reichender Erde fand, die Wind und Regenbäche im Lauf der Jahrhunderte hier abgelagert hatten. Dort waren ihre Felder angebaut, von Oliven-, Mandel- und Feigenbäumen eingesäumt. Hier zogen sie Kichererbsen, Linsen und Roggen, also Pflanzen, die ohne Wasser leben können. Und kleine Rebengehege von Jaquezwein, die die Reblaus überlistet hatten. Aber im Umkreis des Dorfes sah man, dank einiger Anzapfungen der Brunnenkanalisation, reiche Gemüsegärten grünen und Obstbäume voller Pfirsiche und Aprikosen, deren Früchte sie zum Markt trugen.

Sie lebten von ihrem Gemüse, von der Milch ihrer Ziegen, dem mageren Schwein, das alljährlich geschlachtet wurde, einigen Hühnern und vor allem von Wild, das sie in der Unermesslichkeit der Hügel jagten. Indessen gab es einige reiche Familien, deren Vermögen die Entbehrungen und Ersparnisse von Generationen darstellte. Sie hatten die Goldstücke in den Dachbalken versteckt oder in Kochtöpfen auf dem Grund der Zisterne vergraben oder in eine dicke Mauer eingemauert. Sie wurden nie angerührt, außer für eine Heirat oder den Ankauf eines Mitgiftgutes. Und danach verdoppelte die ganze Familie ihre Anstrengungen, um den verminderten Schatz wieder aufzufüllen.

Bürgermeister war Philoxène von Clarisse. Siebenundvierzig Jahre alt, dick und rund mit schönen, schwarzen Augen und einem Römerprofil ohne Bart und Schnurrbart. Seine behaarten Hände waren ziemlich fett, denn sie hatten niemals einen Spaten geführt; er war Besitzer der Tabak-Bar, die er dank einer Kriegsverwundung zusammen mit einer Rente erhalten hatte. Man respektierte ihn seiner (übrigens nicht sichtbaren) Verwundung wegen, aber vor allem wegen seiner Rente.

Er gab vor, mit den Sozialisten zu sympathisieren, war antiklerikal, las auf seiner Terrasse ganz offen den ›Petit Provençal‹ und stichelte gern gegen die Jesuiten, die Frankreich in den Abgrund führten. Er war das Haupt der Freigeister (übrigens nicht mehr als fünf oder sechs an der Zahl), deren antiklerikale Handlungsweise sich nur am Sonntag offenbarte, wo sie auf der Kaffeeterrasse Aperitifs tranken, anstatt in die Messe zu gehen. Bei den Gemeindewahlen erhielt er jedoch immer eine schwache, aber ausreichende Mehrheit, weil man ihn als einen »Kopf« bezeichnete, gerade so, als ob andere Leute keinen gehabt hätten. In allen schwierigen Angelegenheiten fragte man ihn um Rat, denn er kannte sich im Gesetzbuch etwas aus; er war imstande, mit den Stadtleuten eine Unterhaltung zu führen, und am Telefon in seiner Bar sprach er mit unvergleichlicher Ungezwungenheit. Er hatte nicht geheiratet: aber er lebte mit seiner Schwester, einer ziemlich verschwiegenen alten Jungfer, und begab sich (das war Gefühlssache) dienstags nach des Ombrées, um im Vorübergehen eine üppig-frische Witwe zu begrüßen, die ihm wohlgesinnt war, ohne dabei den Briefträger zu verachten – einen unterhaltsamen Blondkopf – noch den Apotheker oder gar einen Herrn aus Marseille, der in lackiertem Dogcart mit luxuriösen Gummirädern gelegentlich vorbeikam.

Schreiner, Zimmermann, Wagenbauer war Pamphile von Fortunette. Er war fünfunddreißig, mit einem hübschen, kastanienbraunen Schnurrbart und dem einzigen Paar blauer Augen, das man im Dorf je gesehen hatte. Da er weniger geizig und kein so großer Geheimniskrämer war wie die anderen, betrachteten die Älteren ihn als Feuerkopf, der sicher auf dem Stroh enden würde. Eine Voraussage, die noch dadurch erhärtet wurde, dass er die dicke Amélie von Angèle geheiratet hatte. Das war ein frisches, aber gewaltiges junges Mädchen, das alle Augenblicke Krisen von verrückten Lachanfällen oder niederschmetternden Wutausbrüchen hatte. Auf der Straße aß sie ununterbrochen Wurstbrote, Feigen oder kalte Blutwurst. Philoxène sagte, es mache weniger Mühe, sie umzulegen, als sie zu ernähren. Aber Pamphile war ein unermüdlicher Arbeiter und in jeder Weise dazu imstande. Er wechselte verfaulte Dachbalken aus, reparierte Leiterwagen, fabrizierte Futterkrippen, Raufen und schwere Bauerntische; und wenn er keine Aufträge hatte, machte er Särge, für die Dorfbewohner nach Maß und in dreierlei Größen für ein Unternehmen in Marseille, wo die Leute sehr leicht starben. Am Sonntag stellte er einen Lehnsessel auf den Platz vor seiner Werkstatt und betätigte sich auch noch als »Friseur«.

Der Bäcker war ein dicker Bursche von dreißig Jahren, er hatte schöne Zähne und glattes, ganz schwarzes, aber immer mehlbestaubtes Haar. Er lachte gern und interessierte sich für alle Frauen des Dorfes, sogar für seine eigene, ein schönes Mädchen von zwanzig Jahren, die ihn vergötterte. Er hieß Martial Chabert, da er aber immer nur Bäcker genannt wurde, hatte man seinen Namen vergessen.

Ange – von Natalie – war schwarz, mager und lang, eine Mütze auf dem Ohr. Eher nervös, denn sein umfangreicher Adamsapfel hob und senkte sich unaufhörlich, als ob er vergeblich versucht hätte, ihn zu verschlucken. Er war Bauer und Brunnenwächter, das heißt, er überwachte die zwei Kilometer lange Röhre, die das Wasser zum Brunnen leitete. Dazu regulierte er die »Anzapfungen«, die im Vorüberfließen die kleinen Zuber der Gemüsegärten versorgten. Er war allgemein sehr beliebt, besonders bei den Männern, weil seine schöne Frau nicht mehr als einmal verweigerte, worum man sie höflich bat. Aber niemand sprach darüber.

Dann gab es noch Fernand Cabridan, den man in der Schule als »Großer Kopf mit kleinem Hintern« bezeichnet hatte, eine etwas summarische Bezeichnung seiner kindlichen Person, die aber dreißig Jahre später immer noch zutraf. Es ist nur zu wahr, dass sein kleiner Hintern eine miserable Figur in der Samthose machte, die wie ein Vorhang herunterhing. Aber aus seinem großen Kopf schauten zwei runde, braune Augen, aufmerksame Augen, mit reinem und leuchtendem Blick. Er hatte schon zwei Kinder, und er war arm. Außer einem Häuschen im Dorf und einem Feld am Hang mit einem ganz kleinen Wasser-Reservoir besaß er nichts; aber dort produzierte er Kichererbsen, groß wie Nüsse und so zart, dass sie auf der Zunge zergingen. Sie brachten ihm auf dem Markt von Aubagne sehr schöne Preise ein; und jeder (sogar die Leute aus des Ombrées) nannte ihn dort den Kichererbsenkönig: eine allerdings recht bescheidene Hoheit, die ihm aber vollauf genügte.

Casimir, der Schmied, war stolz auf seine muskulösen mächtigen Arme und so dicht behaart, dass man seine Haut nicht sah. Er hatte zwar keinen Gemüsegarten, aber trotzdem grub er ein oder zweimal im Jahr die Erde auf, denn sobald es sich ergab, übte er zur allgemeinen Zufriedenheit das Amt des Totengräbers aus.

Dann war da auch der alte Anglade mit magerem Hals, gekrümmter Nase und hängendem Schnurrbart. Seine Frömmigkeit war berühmt, und er läutete jeden Morgen das erste Angelus, ehe er mit seinen zwei Söhnen aufs Feld ging, Josias und Jonas, Zwillingen, die beide stotterten.

Schließlich die wichtigste Person von les Bastides: César Soubeyran, von dem wir später sprechen werden.

Abgesehen von diesen Notabeln sah man am Sonntag noch einige Bauern aus den Tälern auftauchen, wo sie auf kleinen Höfen lebten, manchmal in Gruppen zu dritt oder zu viert oder ganz isoliert wie die von La Pondrane oder von der Tête-Rouge. Sie kamen zur Zehnuhr-Messe, blitzsauber unter ihren schwarzen Filzhüten, aber fast alle Kinnbacken vom zitternden, sonntäglichen Rasiermesser verwundet. Die Frauen unter geblümten Kopftüchern zeigten schöne Züge, aber vorzeitige Falten auf der Stirn und aschfarbene, verwelkte Hände vom vielen Waschen. Die Mädchen, mit Blumen und manchmal sogar Früchten auf dem Hut, waren ebenso schön wie die Arleserinnen. Beim Vergleich der zwei Generationen konnte man die Wirkung der frischen Luft beurteilen, die so schnell den jugendlichen Glanz der Wangen auslöscht und die reinste Stirn trübt.

César Soubeyran näherte sich den Sechzigern. Seine Haare, starr und kräftig, waren weißlich-gelb mit ein paar roten Strähnen durchsetzt. Aus seinen Nasenlöchern hingen schwarze Spinnenfinger und klammerten sich an seinen dichten, grauen Schnurrbart. Seine Worte pfiffen durch grünliche Kerben in den von Arthritis aufgeschwollenen Lippen.

Er war noch kräftig, aber oft von »Schmerzen« gepeinigt, das heißt, von einem Rheumatismus, der sein rechtes Bein grausam erhitzte; dann stützte er sich beim Gehen auf einen Stock mit doppelt gewundenem Griff, kroch bei seiner Feldarbeit auf allen vieren oder saß auf einem kleinen Schemel.

Wie Philoxène, aber seit noch viel längerer Zeit, hatte er seinen Teil an militärischem Ruhm. Infolge eines heftigen Familienzwists – und vielleicht auch, wie man erzählte, aus Liebeskummer – hatte er sich bei den Zuaven gemeldet und den letzten Afrikafeldzug im südlichsten Süden mitgemacht. Zweimal verwundet, war er gegen 1882 mit einer Rente und einer Tapferkeitsmedaille zurückgekehrt, deren glorreiches Bändchen sonntags sein Jackett zierte. Früher hatte er gut ausgesehen, und seine Augen, die schwarz und tief geblieben waren, hatten manchem Mädchen im Dorf und sogar anderswo den Kopf verdreht … Jetzt nannte man ihn le Papet.

Le Papet heißt eigentlich soviel wie Großvater: dabei hatte César Soubeyran niemals geheiratet, aber er verdankte diesen Titel der Tatsache, dass er der älteste Überlebende der Familie war, der Namensträger und Inhaber der höchsten Autorität. Er bewohnte das große alte Haus der Soubeyrans auf der Höhe von les Bastides, nah bei dem windigen freien Platz, der das Dorf beherrschte. Es war ein lang gestreckter Bauernhof, von der Straße, die zu den Hügeln führte, durch eine Mauer von Feldsteinen getrennt, die ein abgestuftes Terrain stützte. Man nannte es den »Garten«, weil eine Lavendel-Bordüre von der Straße zum Haus führte. Die Fensterläden wurden, wie die Familientradition es verlangte, jedes Jahr in Himmelblau neu angestrichen. Darüber hinaus war das bürgerliche Ansehen der Soubeyrans auch dadurch als solide bewiesen, dass sie, anstatt wie jedermann in der Küche zu essen, ihre Mahlzeiten immer in einem besonderen Raum eingenommen hatten, dem Esszimmer, wo man einen städtischen Kamin bewundern konnte, der zwar nicht besonders gut zog, aber aus echtem Marmor war.

Dort lebte le Papet, ganz allein mit einer alten stummen Dienerin, die außerdem störrisch wie ein Esel war: sie tat so, als hätte sie Befehle, die ihr nicht passten, nicht verstanden, und handelte nur nach ihrem eigenen Kopf. Er ertrug sie, weil sie großes Talent zum Kochen hatte und weil ihr keine Arbeit zu viel war. Vor allem aber hatte er weder zu befürchten, dass sie an den Türen horchte, noch Klatsch verbreitete.

Die Soubeyrans besaßen große Ländereien im Umkreis des Dorfes und in den Hügeln, aber fast alle unbebaut, denn das Unglück hatte die Familie dezimiert. Von den vier Brüdern le Papets waren zwei im Krieg von 1914 umgekommen, und die beiden anderen hatten nacheinander Selbstmord begangen. Der eine, weil er sich eines Zahns wegen, der ständig blutete, für schwindsüchtig hielt, und der andere nach dem Tod seiner Frau, dem auch noch eine starke Dürre gefolgt war, die seine Topinamburs geröstet hatte. Letzterer war es, der Ugolin hinterlassen hatte, die einzige Hoffnung der Rasse Soubeyran.

Dieser Neffe lebte im Schatten seines Onkels, der auch sein Pate war. Er hatte gerade sein vierundzwanzigstes Lebensjahr vollendet … Er war groß und mager wie eine Ziege, aber mit breiten Schultern und harten Muskeln. Unter einer roten, gekräuselten Mähne hatte er nur eine Augenbraue in zwei Wellen über einer leicht nach rechts verdrehten, ziemlich starken Nase, die aber glücklich verkürzt wurde durch einen spitzen Schnurrbart, der seine Oberlippe verdeckte. Seine gelben Augen schließlich, von rötlichen Wimpern umgeben, hatten keinen Augenblick Ruhe und blickten unaufhörlich in alle Richtungen wie die eines Tieres, das Angst hat, überrascht zu werden. Von Zeit zu Zeit zerrte ein nervöser Tick seine Backen plötzlich in die Höhe, und seine Augen klapperten dreimal hintereinander: man sagte im Dorf, er »zwinkerte« wie die Sterne.

Er hatte seinen Militärdienst bei den Gebirgsjägern in Antibes absolviert. Nach seiner Rückkehr hatte le Papet, der Wert darauf legte, in seinem Haus allein zu leben, einen kleinen Bauernhof für ihn gekauft, der nach dem Namen des ehemaligen Besitzers der Massacan-Hof hieß. Das war ebenfalls ein ziemlich langes Gebäude, fast auf der Höhe eines kleinen Hügels vor einem dichten, schwarzen Pinienwald, gerade gegenüber von les Bastides und vom Dorf durch ein enges, tiefes Tal getrennt.

Unter dem Bauernhaus zogen die Felder sich stufenförmig bis in die Tiefe des Abhangs hinunter. Es waren Erdterrassen, von kleinen Mäuerchen trockener Steine gehalten. Hier und dort sah man Olivenstämme mit gestutzter Krone, Mandel- und Aprikosenbäume, Tomaten- und Maisbeete und ein wenig Getreide. In Windungen stieg ein steiniger Feldweg hinauf und verlor sich hoch oben in den Hügeln im Rosmarin-Tal. Auf der Höhe des Bauernhauses verbreiterte er sich in einer Allee zu einem kleinen Platz, in dessen Hintergrund das Haus sich erhob. Es stand in der Nähe einer windgeschützten Zisterne unter einem großen Feigenbaum. Vor der Tür breitete ein uralter Maulbeerbaum, dessen enormer Stamm nur noch ein abgeschälter Zylinder war, seine schattigen Zweige mit dem reichen Blätterwerk rundherum aus.

Als le Papet Ugolin diesen Hof als Vorschuss auf die Erbschaft gab, hatte er gesagt:

»Wenn ich tot bin, wirst du im Haus Soubeyran wohnen, aber bis dahin richte Massacan her, damit du es später an irgendeinen Bauern verpachten oder an eines deiner Kinder übergeben kannst …«

Aber Ugolin dachte, dass er niemals heiraten, das Haus im Dorf an einen Herrn aus der Stadt vermieten und selbst seine Tage auf dem kleinen Hof in den Hügeln beschließen würde, wo er in aller Ruhe mit sich selbst sprechen und – bei geschlossenen Türen – seine Goldstücke zählen konnte.

Sein Vater hatte ihm zweiunddreißig hinterlassen, in einem kleinen, gusseisernen Kochtopf, der in der Küche unter einem Fuß seines Bettes vergraben war. Alle vier oder fünf Monate vergrößerte er diesen Schatz um einen weiteren Louisdor. Er breitete den Schatz auf dem Tisch aus, und im gelben Schein einer Kerze zählte er ihn immer wieder, das geladene Gewehr an der Seite. Da streichelte er dann die hell glänzenden Münzen, rieb sie an seiner Wange, und bevor er sie wieder in den Topf zurücklegte, küsste er eine nach der anderen.

Von Zeit zu Zeit schlug le Papet, der die Familie gern wieder aufleben lassen wollte, ihm irgendein Dorfmädchen vor, das sich nur zu gern unter Hinzubringung einiger Parzellen mit den Soubeyranschen Ländereien verheiratet hätte. Aber Ugolin antwortete jedes Mal: »Ich habe kein Maultier, denn du leihst mir ja deines. Ich habe weder Hühner noch Ziegen, weil die alles verwüsten. Ich trage keine Socken, die kitzeln mich. Was soll ich da mit einer Frau?«

»Es gibt noch so etwas wie das Gefühl«, sagte le Papet.

»Wenn du das meinst«, erwiderte der gefühlvolle Ugolin, »deshalb besuche ich jede Woche, wenn ich nach Aubagne gehe, für eine halbe Stunde den ›Feigenbaum‹, um mir die dummen Gedanken aus dem Kopf zu schlagen … Ich habe mir ausgerechnet, dass mich das etwa fünfzig Francs im Monat kostet, und bei einer großen Auswahl … Eine Frau hingegen muss man ernähren und anziehen, sie würde die ganze Zeit mit mir reden und sich in meinem Bett breitmachen wollen. Später einmal werden wir dann schon sehen …«

Le Papet bestand nicht darauf. Aber eines Tages, als er zum Essen nach Massacan gekommen war, betrachtete er die leere Küche, schüttelte den Kopf und sagte: »Galinette, so kann das nicht weitergehen! Dein Haus ist ein Dreckhaufen, deine Betttücher sind schon halb verfault, dein Hemd zerfällt in Lumpen, und man sieht deinen Hintern durch die Hosen. Heirate noch nicht, wenn du keine Lust dazu hast, aber von Zeit zu Zeit muss eine Frau her. Ich werde jemanden für dich finden.«

Und so kam er noch am gleichen Abend mit Adélie zurück, die einen Strohbesen und einen Schrubber mit langem Stiel über der Schulter trug. Sie war eine vierzigjährige Witwe, ehemals blond, ungekämmt, mit schlabberndem Busen unter ihrer Ärmelschürze. Sie hatte große Kuhaugen, einen dicken Mund und mitten auf der Backe ein mit blonden Härchen verziertes Muttermal.

»Das ist Adélie«, sagte le Papet, »sie ist anständig, und schwer arbeiten kann sie auch.«

»Soll sie jeden Tag kommen?« fragte Ugolin beunruhigt.

»Dreimal die Woche! Dreißig Sous am Tag. Das ist nicht teuer und lohnt sich. Na, schau sie doch mal an!«

Délie, mit dem Besen bewaffnet, kehrte bereits große Staubwolken, die sie unter dem Schrank hervorgeholt hatte, aus der Tür. »Sie brauchen sich nicht so zu beeilen, Délie«, sagte Ugolin. »Kommen Sie her, setzen Sie sich und trinken Sie ein Glas Wein, damit wir uns besprechen können.«

Délie kam näher und holte sich einen Stuhl, ohne ihren Besen aus der Hand zu geben.

»Es ist alles schon besprochen«, sagte le Papet. »Sie kommt Montag, Mittwoch und Samstag, um sieben Uhr früh. Sie bringt dir Brot mit, macht deinen Haushalt und kocht dein Mittagessen für zwei Tage. Nicht für abends, das steht nicht dafür. Du kommst ja immer zu mir zum Abendessen. Und dann wird sie deine Wäsche zum Waschen mitnehmen und dir deine Sachen flicken. Und abends um sechs Uhr geht sie wieder.«

»Am Samstag wäre es besser, wenn sie hier schlafen würde«, sagte Ugolin.

»Zu welchem Zweck?« fragte Délie.

»Um mir Gesellschaft zu leisten. Sie haben keinen Mann mehr, und ich habe keine Frau, das tut niemandem weh!«

»Warum nicht?« sagte le Papet.

»Was mich betrifft«, sagte Délie ziemlich pflaumenweich, »mir haben solche Sachen noch nie gefallen.«

»Mir auch nicht«, sagte Ugolin. »Aber ich bin jung und habe starkes Blut, die Natur verlangt es.«

»Und ob«, sagte le Papet. »Das sind so Sachen, die man loswerden muss, sonst plagen sie einen und hindern einen noch am Arbeiten.«

Délie zuckte die Achseln und zeigte keinerlei Begeisterung.

»Hör zu, Délie. Ich werde dich nicht damit langweilen, dass ich dir den Hof mache, wie das viele tun. Ich werde dir keine Liebesworte sagen, ich weiß auch gar keine. Und dann werde ich dich auch nicht beim Schlafen stören. Außerdem, pass auf, wenn du am Samstag hier bleibst, gebe ich dir noch vierzig Sous mehr!«

»Also nein!« sagte Délie beleidigt. »Also nein! Das wäre ja ekelhaft, sich für so was bezahlen zu lassen. Aber wenn du willst, kannst du mir vierzig Sous am Tag geben statt dreißig, und vielleicht werde ich dann dableiben. Denn am Samstag amüsieren sich alle im Dorf, und da weiß ich nicht, was ich anfangen soll.«

»Gut«, sagte le Papet, »nachdem ihr einig seid, brauchen wir nicht mehr darüber zu reden.«

Adélie stand auf und machte sich eifrig wieder auf die Jagd nach den Staubwolken.

»Komm, Papet!« sagte Ugolin. »Ich muss mit dir sprechen. Und nachher werde ich dir etwas zeigen. Komm!«

Er zog den Greis unter den Maulbeerbaum und ließ ihn sich auf das Mäuerchen setzen, das den Stamm des alten Baumes umgab. »Vor allem muss ich dir etwas sagen. Dieses Leben, das ich hier führe, ist nicht interessant. Ich arbeite viel, und es bringt mir nichts ein. Zwei Säcke Erbsen, sechs Körbe Aprikosen, zwanzig Liter Öl, drei Stückfass Wein, geknackte Oliven, einige Dutzend Drosseln, hundert Kilo getrocknete Feigen, das ist doch nicht der Mühe wert. Alles in allem habe ich dieses Jahr siebenhundert Francs verdient … Ich will eine richtige Arbeit anfangen.«

»Bravo! Du machst mir Vergnügen, weil ich schon selbst daran gedacht habe. Ich habe den Plan zu Haus, und auch die Unkosten sind schon ausgerechnet.«

Ugolin schien beunruhigt.

»Und was ist das für ein Plan?«

»Ich möchte den großen Obstgarten der Soubeyrans auf dem ganzen Plateau des Solitaire wieder anpflanzen, so wie er zur Zeit meines Vaters gewesen ist: zweihundert Feigenbäume, zweihundert Pflaumenbäume, zweihundert Aprikosenbäume, zweihundert Pfirsichbäume, zweihundert Bäumchen mit Prinzessmandeln. Tausend Bäume auf zwanzig Reihen mit zehn Meter Abstand und zwischen den Reihen, auf Eisendraht gezogen, Muskateller-Wein. Du wirst zwischen einer Mauer von Reben gehen und durch die Trauben den Himmel sehen … Das würde ein Denkmal sein, Galinette, das wäre schön wie eine Kirche, und kein echter Bauer würde eintreten, ohne das Kreuz zu schlagen!«

Ugolin, dem es recht ungemütlich wurde, wandte ängstlich ein: »Und du glaubst, ich kann das alles allein machen? Dazu braucht man fünf Männer, fünf Jahre und sehr viel Geld!«

»Ganz gewiss! Ich rechne mit mindestens fünfzigtausend Francs, aber es würde enorm viel wieder einbringen.«

»Keineswegs, Papet! Glaub nur das nicht! Erstens findest du nirgends mehr tüchtige Leute, und dann muss man sie überwachen, sie kommandieren, und das ist eine große Sorge. Und dann muss man die Pflaumen, die Pfirsiche und sogar die Aprikosen jedes zweite Jahr den Schweinen geben, weil es so viele sind, dass man keine zehn Sous für das Kilo bekommt … Denn wie es scheint, ziehen die von Arles und Avignon seit drei oder vier Jahren soviel Obst, dass sie Schiffe voll wegschicken und man nicht mehr weiß, was man damit machen soll … Seitdem haben die von Géménos, von Roquevaire, von Pont de L’Etoile ihre Obstbäume wieder herausgerissen und pflanzen stattdessen andere Sachen … Aber weil du willst, dass ich mich verbessere, was ich gern tun würde – und was ich dir noch nicht gesagt habe –, werde ich es dir jetzt zeigen.« Er schob seinen Arm unter den von Papet und führte ihn hinter den Bauernhof.

Während seines Militärdienstes in Antibes hatte Ugolin einen sehr sympathischen Burschen als Zimmernachbarn gehabt. Dieser Attilio Tornabua hatte zu ihm gesagt: »Ich bin Bauer wie du auch. Ich züchte Blumen.« Diese Vorstellung war ihm zuerst so extravagant vorgekommen, dass er sie für einen Scherz hielt. Aber Attilio hatte ihn eines Sonntags zu seinem Vater eingeladen, und da war Ugolin ganz geblendet. Aristoteles Tornabua erzählte bei Tisch, wie er vor dreißig Jahren mit einem Brot und einigen Zwiebeln im Rucksack aus Piemont gekommen war. Ein Paar Schuhe hatte er an den Schnürsenkeln über die Schulter gehängt, um sie zu schonen. Und jetzt besaß er eine große Farm, hübsch wie ein Stadthaus, mit blauen Vorhängen an allen Fenstern und einer lackierten Haustür; ein Esszimmer mit geschnitzter Kredenz und Stühle mit gefedertem Sitz aus Rohrfaser. Madame Aristoteles trug Kragen und Manschetten aus echter Spitze, eine goldene Kette und blitzende Ohrgehänge, und das Dienstmädchen sah aus wie eine Dame. Attilio hatte zwei Fahrräder, zwei Jagdgewehre, ein Boot, um zum Fischen zu fahren, und bei Tisch hatte man eine ganze Hammelkeule gegessen und Markenwein dazu getrunken. Und das alles mit Nelkenzucht!

Aus diesem Grund arbeitete Ugolin jeden Abend, wenn sie »Ausgang« hatten, mit seinem Kameraden auf den Nelkenfeldern, um zu lernen, und am Tag der endgültigen Entlassung hatte er heimlich dreißig Schösslinge nach les Bastides mitgebracht. Ohne Papet etwas davon zu sagen, hatte er sie hinter Massacan mit aller Sorgfalt eines echten Blumenzüchters eingepflanzt. Danach hatte er sie mit einer Rosmarinhecke umgeben, um sie vor einem möglichen Mistralangriff zu schützen und, vor allem, um sie vor den Blicken irgendeines verirrten Jägers zu verbergen, der darüber im Dorf hätte reden können.

Jeden Abend deckte er sie mit alten Decken zu, die er auf horizontal angebrachten Stangen über einer dicken Schicht trockener Kräuter ausbreitete. Und jeden Morgen hatte er zehn Eimer Wasser aus seiner Zisterne heraufgezogen, um sie zu gießen, eine nach der anderen und mit wahrer Liebe.

Sobald sie um das Gebäude herumgegangen waren, zeigte Ugolin mit sieghafter Gebärde auf die kleine Pflanzung. Le Papet betrachtete verblüfft die leuchtenden Blumen, wandte sich seinem Neffen zu, betrachtete die Blumen noch einmal und sagte schließlich: »Also damit vertreibst du dir die Zeit.«

Nun erzählte Ugolin des langen und breiten von den Kulturen Attilios und von seinem schönen Haus … Le Papet brummte, zuckte die Achseln und zog den Schluss: »Du hast gut erzählen, solche Bauern gibt’s nur in der Fantasie.«

Aber Ugolin pflückte dreißig vollerblühte Nelken, band den Strauß mit einem Streifen Bast zusammen, wickelte ihn in ein Stück Zeitungspapier und forderte le Papet auf, ihn in seinem Dogcart nach Aubagne zu kutschieren.

Dort betrat er entschlossen ein schönes Blumengeschäft, riss die Zeitung auf, legte den Strauß auf den Ladentisch und fragte: »Wie viel geben Sie mir dafür?«

Der Inhaber des Ladens, kahlköpfig, mit weißem Bärtchen und einem Kneifer auf der Nase, nahm die Blumen, prüfte sie und sagte: »Die sind aber schön!«

»Es sind Malmaison-Nelken«, sagte Ugolin.

»Schöne Stängel«, wiederholte der Blumenhändler.

»Wie viel geben Sie mir dafür?«

»Wenn Sie im Februar gekommen wären, hätte ich gut und gern bis zu fünfzig Sous bezahlt … Aber jetzt ist die Saison zu Ende …«

Er prüfte die Nelken nochmals und sog ihren Duft ein. »Zwanzig Sous sind sie trotzdem wert. Einverstanden?«

»Einverstanden«, sagte Ugolin. Er warf le Papet einen Seitenblick zu, während der Ladenbesitzer die Blumen zählte.

Der Greis überlegte: »Zwanzig Sous – das ist der Preis für zwei Kilo Kartoffeln oder einen Liter Wein … Für einen solchen Strauß ist es immerhin interessant …«

Aber der Blumenhändler sagte lächelnd zu Ugolin: »Haben Sie zehn Francs?«

»Ja«, sagte Ugolin, der seine Taschen durchsuchte. Le Papet verstand gar nichts mehr. Wozu zehn Francs? Da nahm der Blumenhändler das Zehnfrancstück und gab stattdessen einen Schein von fünfzig Francs heraus, den Ugolin in seine Tasche steckte.

Auf dem Rückweg, den das Maultier besser kannte als den Hinweg, schwieg le Papet und ließ die Zügel hängen. Ugolin sagte: »Ich mache dich darauf aufmerksam, erstens: dass Attilio diese Schösslinge weggeworfen hatte, weil sie etwas ›schwächlich‹ waren. Zweitens: dass ich sie nicht vor meiner Entlassung einpflanzen konnte, was heißen will, dass ich sie einen Monat zu spät in die Erde setzte. Drittens: hatte ich weder Migou- noch Furnier du Mouton-Schößlinge, die Favoriten unter den Nelken. Viertens …«

»Viertens«, sagte le Papet, »hat er dir vierzig Francs gegeben, und das beweist, dass du recht hattest und dass man so etwas machen muss. Wenn es schon soviel Leute gibt, die feige genug sind, für Blumen mehr als für Beefsteaks zu bezahlen, muss man Blumen züchten. Warum hast du mir das nicht früher erzählt?«

»Weil ich es zuerst versuchen wollte … und wissen, ob die Erde hier sich dafür eignet … Und dann wollte ich sie dir in der Blüte zeigen, damit du verstehst …«

»Nicht die Blumen habe ich verstanden, sondern den Blumenhändler. Hüh, Carogne! Aber leicht wird es nicht sein. Da muss es manche Tricks geben.«

»Ganz gewiss. Aber die kenne ich. Attilio hat mir alles gezeigt, ich habe fast jeden Sonntag mit ihm gearbeitet und auch abends oft. Ich habe eine Liste aller Mittel gegen Blumenkrankheiten, und Attilio wird mir die Schösslinge geben.«

»Wie viel Geld ist nötig, um im großen anzufangen?«

Ugolin zögerte, zwinkerte mit den Augen, zuckte die Achseln und sagte schließlich: »Fünfzehntausend Francs.«

Le Papet schob seinen Hut ins Genick, kratzte sich die Stirn, schüttelte den Kopf, peitschte das Maultier, das im Begriff war einzuschlafen, und sagte dann schließlich: »Ich werde sie dir geben.«

»Papet, du bist zu gut.«

»Nicht so sehr das«, erwiderte der Greis. »Ich gebe sie dir nicht für dich. Sie sind für die Soubeyrans. Die auf dem Friedhof und die, die kommen werden. Hüh, Carogne!«

Nach einem Stillschweigen fing Ugolin wieder an: »Eine einzige Sache plagt mich.«

»Und was für eine?«

»Das Wasser. Eine Nelkenpflanze säuft ebenso viel wie ein Mensch. Um diese dreißig Pflanzen zu begießen, habe ich mir mit dem Zisternenstrick die Haut von den Händen geschunden …«

»Man kann eine Pumpe anbringen«, sagte le Papet.

»Das schon, aber wenn wir fünfhundert Pflanzen zu gießen haben, wird der Brunnen nach vier Tagen leer sein …«

»Das ist ein Problem.«

Nachdenklich peitschte er das Maultier, das mit einer betäubenden Furzkanonade antwortete. »So ein Charakter!! Hätte dieses Biest die Nase an der Stelle des Schwanzes, könnte es nicht länger atmen.«

»Wir auch nicht«, sagte Ugolin, und sogleich brach er aus: »Man müsste ein riesiges Bassin anlegen, mit Rinnen, die das Regenwasser des ganzen Tales auffangen …«

»Möchtest du in Massacan anpflanzen?«

»Natürlich«, antwortete Ugolin. »Dort oben ist es windgeschützt, und man hat die ideale Blumenerde … Das hab ich dir bewiesen.«

»Gut, gut … Mir fällt etwas ein. Wenn man Pique-Bouffigue das Feld mit der Quelle abkaufen könnte, oben in Rosmarin, das dreihundert Meter höher liegt als du?«

»Hat diese Quelle denn noch Wasser? Ich habe meinen Vater davon sprechen hören, aber er sagte, sie sei versiegt.«

»Sie ist mehr als zur Hälfte verstopft, soviel ist sicher. Pique-Bouffigue baut nichts an, trinkt nur Wein und wäscht sich nie … Aber in meiner Jugend war das ein hübscher Bach, und sein Vater, Camoins der Alte, produzierte Karren voller Gemüse … Vielleicht, dass man mit drei, vier Spatenstichen …«

»Du glaubst, er würde seinen Hof verkaufen?«

»Das Haus nicht, wohlverstanden. Aber vielleicht das Feld und die Quelle. Er hat nichts damit im Sinn und wird auch nie etwas daraus machen. Wenn man ihn Geld sehen lässt …«

Pique-Bouffigue, das war Marius Camoins, aber man nannte ihn seit dreißig Jahren Pique-Bouffigue, denn nachdem er vom Regiment entlassen worden war, hatte er den Dorfbewohnern gezeigt, wie man mit einer gewöhnlichen Nähnadel und einem Baumwollfaden Wasserblasen kuriert. Da man ihn seit Menschengedenken niemals hatte arbeiten sehen, war man sehr erstaunt, dass ausgerechnet er einen Arbeitsunfall heilen konnte. Er erklärte das so, dass er, um einem Gepäckmarsch von vierundzwanzig Stunden zu entgehen, am Morgen vorher einen Hosenknopf in seinen Stiefelabsatz gelegt hatte, was ihm eine tadellose Wasserblase verschaffte. Aber ein Sanitäter hatte ihn durch diese Nadel- und Fadentechnik unglücklicherweise für den nächsten Tag wieder auf die Beine gebracht.

Bei diesen Bauern, deren Hauptfunktion darin bestand, die Stiele ihrer Spaten zu verlängern, waren Wasserblasen die Berufskrankheit. Das Heilmittel, das der größte Nichtstuer des Dorfes einführte, hatte einen schönen Erfolg und brachte dem Mittelsmann nicht nur alle Hochachtung, sondern auch seinen glorreichen Spitznamen ein.

Er war hochgewachsen, knochig und mager. Um sein Äußeres unbekümmert, rasierte er sich mit einer Schere, was einen etwa vier Tage alten Bart stehen ließ, der übrigens schwarz und glänzend war und einen drolligen Kontrast zu seinen weißen Haaren bildete.

Am Ende eines Hügeltals, dreihundert Meter von Massacan, bewohnte er den uralten Bauernhof, auf dem er geboren war. Von Pinien umgeben, lagen die Stille der Einsamkeit über ihm, Harzgeruch und das Parfüm von Rosmarin. Rechts und links grenzte der Wald an den Rand eines langen Feldes, das von einem ziemlich hohen, vom Alter morschen Zaun umfriedet war. Früher hatte er die Anpflanzungen vor den nächtlichen Einbrüchen der Hasen schützen müssen; jetzt war er nur noch ein zerbrochenes, morsches Gitter, das sich an verfaulte Holzpflöcke klammerte. Dieser Zaun mit seinen vielen Breschen hatte das Vordringen der Bergheide nicht aufhalten können, und das Feld war von wuchernden Disteln, Rosmarin und Ginster überwachsen. Aus dem Gestrüpp tauchten etwa dreißig antike Olivenstämme auf; die dichten Äste, von toten Parasitengewächsen behangen, und Büschel von jungen Trieben, die den unsichtbaren Stamm umgaben, waren Beweis genug für ihre Vernachlässigung.

Am Ende des Feldes vereinigten sich die beiden Pinien vor dem Horizont über einem uralten Bauernhof neben einem Schuppen, dessen Tore auseinanderklafften. Ein Fußweg zweigte vom Maultierpfad ab, der am Hügel entlangführte und sich in einem hohen Gestrüpp von Rosmarin verlor … Vor der Front eine Terrasse von gestampfter Erde, mit einem Mäuerchen gleich großer Steine umgeben; schwarze Holzpfosten stützten eine alte, halb abgestorbene und ausgefranste Weinranke. Das war die Rosmarin-Farm, der einsame Aufenthalt von Pique-Bouffigue.

Zu jener Zeit zündeten weder nette Pfadfinder noch sympathische Zeltbewohner unter ihrem Sonntagskotelett knisternde Reisigfeuer an, wie sie seither von der Sainte-Victoire bis zum Mont-Barou ihre Funken sprühen. Damals bedeckten noch enorme Pinien die lange Bergkette, die unser Mittelmeer säumt, und man behauptete, ohne allzu sehr zu übertreiben, dass es möglich wäre, zu Fuß von Aix nach Nizza zu wandern, ohne sich der Sonne aussetzen zu müssen.

Unter dieser Deckung im Gestrüpp von Ginster und Bergeichen verbargen sich ganze Scharen von Rebhühnern, Kaninchen und große rötliche Hasen, die sich dadurch, dass sie sich hauptsächlich von Thymian nährten, bereits für den Spieß vorbereitet hatten.

Je nach der Jahreszeit tauchten dann Schwärme von Drosseln, Staren und Weißschwänzen auf, vereinzelt Bekassinen, und in den Hochtälern Wildschweinfamilien, die im Winter bis in die Nähe der Dörfer herunterkamen.

Aus diesem Grund hatte Pique-Bouffigue die Landwirtschaft aufgegeben und beizeiten seine ganze Aktivität dem Wildern gewidmet. Der heimliche Verkauf seiner Beute an die Gastwirtschaften von Aubagne, Rouquevaire oder Pichauris brachte ihm viel mehr ein als das Pflanzen von Kichererbsen oder die Olivenernte. Er hatte noch nicht einmal einen Gemüsegarten, und man sagte ihm nach, dass er eine Rübe von einem Kohlkopf nicht unterscheiden könne. Er kaufte all sein Gemüse auf dem Markt und aß jeden Tag Fleisch wie ein Sommergast. Das heißt also, dass er weitaus glücklicher war als die reichen Dickwänste von Aubagne, die sich ihres vielen Geldes wegen andauernd den Kopf zerbrachen. Aber eines Tages war dieses Glück von einer Katastrophe unterbrochen worden, die den Ruhm von Pique-Bouffigue dadurch krönen sollte, dass man oft die Polizei im Dorf hatte und in den zwei verschiedenen Zeitungen, die vom Herrn Pfarrer und vom Bürgermeister gelesen wurden, das Porträt des stolzen Wilderers sah.

Sechs Monate vorher war ein »Fremder von draußen« in das Dorf des Ombrées auf der anderen Seite des Hügels eingezogen. Er kam – woher wusste man nicht – aber ganz bestimmt aus dem Norden, denn er hatte die lächerliche Angewohnheit, das stumme »e« nicht auszusprechen wie in den Pariser Chansons, und obendrein behielt er ständig einen großen, schwarzen Hut auf aus Angst vor der Sonne. Er war ein Mann von hoher Statur, mit dicken, schweren Händen, einem groben, rötlichen Gesicht und roten Wimpern um seine blauen Augen. Er nannte sich mit fremdländischem Namen: Siméon.

Genau oberhalb von des Ombrées hatte er sich in den Hügeln eine kleine Hütte gekauft, wo er mit einer umfangreichen Frau seiner Rasse hauste, die einen Gemüsegarten anlegte und ein paar Hühner hielt. Dieser Siméon gab vor, die Eingeborenen zu verachten, die ihn ihrerseits schief ansahen. Alljährlich erwarb er einen Jagdschein, um seine häufigen Ausflüge in die Hügel zu rechtfertigen. Aber seine Hauptwaffe war nicht das Gewehr; vielmehr stellte er Fallen, legte Schlingen, Drahtnetze und Vogelleimruten um kleine, sorgfältig verborgene Trinknäpfe, die er jeden Tag mit Wasser füllte.

Zweimal in der Woche fuhr er per Rad nach Marseille; dazu zog er den blauen Overall der Rohrleger an und befestigte auf dem Gepäckträger einen großen Werkzeugkasten, der mit Drosseln, Kaninchen und Rebhühnern angefüllt war. Auf den Deckel band er einen riesigen Schraubenschlüssel und einen ganz neuen kupfernen Wasserhahn.

Dass er wilderte, störte niemanden. Das tat alle Welt in des Ombrées, und die Hügel waren unendlich, aber man merkte bald, dass er fremde Fallen bestahl, und von allen Diebstählen ist das der abscheulichste. Zwei Männer aus des Ombrées, die zu ihm gegangen waren, um ihm blutige Vorwürfe zu machen, kamen ihrerseits blutüberströmt nach Hause. Daraufhin lauerten ihm eines schönen Juliabends ein Dutzend »Jugendlicher« am Fußweg nach Baume-Rouge auf und trugen ihn auf einer Leiter, die der Schreiner hergeliehen hatte, heim, wozu sie eine Art Kanon sangen, der auf Provenzalisch sagte:

Geh doch weg und fort mit dir, adieu, du armer Kümmeltürke …

Siméons Gesicht war violett vor Wut, und seine ungleichen Nasenlöcher zitterten unter seinen schrägen Augen.

Er verließ des Ombrées nicht, verstand aber die ganze Bedeutung dieser Zeremonie, als der Bäcker, während er sein Brot auswog, ihm erklärte, es handle sich um eine einfache Warnung. Daraufhin entschloss er sich, nur noch in weiter Entfernung auf der anderen Seite der Tête-Rouge zu jagen, und infolgedessen betrat er widerrechtlich das Gebiet von les Bastides, das Pique-Bouffigue als seine Domäne erachtete.

Der fand sehr schnell heraus, dass jemand hierher kam und »seinen« Kaninchen und Rebhühnern Fallen stellte. Er machte eine kleine Umfrage in les Bastides bei denen, die er für gleichberechtigt hielt. Das Ergebnis war negativ, aber ein paar Tage später konnte er nach einem Gewitter den Spuren eines Unbekannten folgen, so großen Fußabdrücken, dass es ganz gewiss nicht die eines Dorfbewohners sein konnten. Ein solcher Grössenwahnsfuß wäre längst berühmt gewesen. Er dachte also, dass es sich um einen Wilderer aus Aubagne oder des Ombrées handeln müsse, und verurteilte dessen tolle Dreistigkeit; immerhin respektierte er die Falle, wie die Tradition es verlangte.

Aber acht Tage später bekam er einen Wutanfall, als er feststellte, dass der Unbekannte seine eigenen Fallen plünderte. Er überwachte sie also aus nächster Nähe, und in der Refresquière-Schlucht ertappte er den Mann mit dem Schlapphut auf frischer Tat. Ohne sich im mindesten durch die Athletengestalt des Diebes einschüchtern zu lassen und obwohl er sein Gewehr nicht mitgenommen hatte, beschimpfte er ihn gröblich, forderte ihn auf, ihm sämtliche verschwundenen Fallen zurückzuerstatten und hundert Francs Schadenersatz dazu. Der andere tat so, als wolle er ihm die Falle demütig aushändigen, die er zu stehlen gerade im Begriff war, und plötzlich packte er ihn an der Gurgel. Der überraschte Pique-Bouffigue, bereits halb erstickt, erhielt eine gehörige Tracht Prügel. Während er versuchte, wieder zu sich zu kommen und sich unter seinen geschwollenen Augen blaue Beulen bildeten, riss der Fremde ihm seinen Rucksack herunter, nahm die sechs Fallen an sich, die er enthielt, und verbot ihm, sich je wieder auf diesen Hügeln sehen zu lassen. Pique-Bouffigue, halb zusammengeschlagen und ganz verblüfft, hatte nicht die Kraft, auf diese ehrenrührigen Drohungen zu antworten, und sah ihn, ohne ein Wort zu sagen, verschwinden. Mühselig schleppte er sich in sein Haus, wo er zwei Tage blieb, einen Kräuterverband auf seine Wunden legte und in seinem halbzerquetschten Kopf die Rache vorbereitete.

Am Morgen des dritten Tages fühlte er sich geheilt und sah mit Vergnügen, dass sein Gesicht keine Spur der Schlägerei mehr trug; er frühstückte eine schöne Zwiebel und eine gute Handvoll Mandeln, die er auf der Tischecke zwischen zwei Steinen zerknackte, und trank ein großes Glas Wein. Dann sammelte er all seine Kaninchenfallen – er hatte ein Dutzend davon – und verteilte sie sämtlich auf den kleinen Hügeln und um den Rosmarin-Hof herum. Während dieser Unternehmungen wiederholte er mehrere Male – wie um sich eine wichtige Sache einzuprägen –: »Nur eines brauche ich für morgen abend, aber das brauche ich unbedingt.«

Gesagt, getan, ging er wieder heim und nahm sein Kaliber Nr. 12 zur Hand. Dieses Gewehr war sein Luxus und sein Stolz. Ein Gelegenheitskauf, den er bei einem Waffenhändler von Aubagne für den sagenhaften Preis von dreihundert Francs getätigt hatte, denn es war ein Gewehr ohne Abzugshahn, ein »Hammerless«, von ihm das »Namerless« genannt. Es schoss mit einem blitzendgelben Spezialpulver, das sämtliche Gewehre des Dorfes zerrissen hätte, vom Namerless aber fröhlich bewältigt wurde. Er betrachtete es, wog es in der Hand, ließ den Drücker spielen, sicherte ihn und sagte plötzlich: »Nein, das nicht. Es ist zu bekannt.«

Er stieg auf den Speicher und kam mit dem uralten Zündnadelgewehr seines Vaters herunter, einer langen, schweren Donnerbüchse, die durch den Vorderlauf geladen wurde. Er fand das Pulverrohr wieder, die Kapseln, die man auf den kleinen Abzug setzt, rollte eine Kugel, indem er ein Stückchen Bleirohr schmolz und kaute lange an einem Papierfetzchen, um so Schießwolle herzustellen. Zum Schluss lud er die ehrwürdige Waffe mit minutiöser Sorgfalt und versteckte sie in der hohen Standuhr.

Dann nahm er sein »Namerless«, schraubte das Korn heraus, rollte es in ein Stück Papier und verbarg das kleine Paket in dem Wurzelloch eines Olivenbaumes, bewohnt von einer Kolonie von Wespen, die imstande waren, kaum zu erwartende Neugierige fernzuhalten.

Das Namerless am Riemen, brach er schließlich nach les Bastides auf. Erst ging er beim Bäcker vorbei; man sagte ihm, dass er in der Backstube Teig knetete.

Da fragte er die Bäckerin, ob sie ihm nicht etwas Vierkräutertee geben könnte, da er seit zwei Tagen schreckliche Magenkrämpfe hätte. Sie schickte ihn zur Aufwartefrau vom Klub, die ihm die berühmte Mischung aus den Hügelkräutern zusammenstellte. Bei der Backstube machte er halt und vertraute dem Bäcker sein Gewehr an, mit der Bitte, es am nächsten Morgen dem Briefträger mitzugeben. Der sollte es nach Saint-Marcel zum Büchsenmacher tragen, um das Korn wieder einsetzen zu lassen, das er, wie er sagte, auf dem Hügel verloren habe.

»Oh, du Unglücksrabe«, sagte der Bäcker, »er kann es dir erst in einer Woche zurückbringen. Was wirst du sieben Tage lang ohne Gewehr machen?«

»Ich muss mich niederlegen«, sagte Pique-Bouffigue. »Ich weiß nicht, was mit mir los ist, mein Magen ist ganz durcheinander, und mir dreht sich der Kopf! Vorgestern habe ich Pilze gegessen, vielleicht kommt es daher. Dabei kenne ich sie doch wirklich gut …«

»Das kommt vor«, sagte der Bäcker, »es kommt vor, dass einem auch von guten Pilzen schlecht wird, wenn sie an einem Platz wachsen, wo es giftige gab. Es bringt einen nicht um, aber es verdirbt einem den Magen.«

Dann ging er in den Klub und überquerte unsicheren Schrittes den Platz, auf dem das Boulewettspiel stattfand. Die Spieler fragten ihn, was mit ihm los wäre, und er beschrieb die verdächtigen Pilze. Indessen nötigte Philoxène ihn, ein kleines Glas Chartreuse zu trinken, um die Krämpfe zu lindern, unter denen er sich mitten im Satz vor Schmerzen krümmte. Dann ging er wieder fort mit seinem Kräuterpaket unter dem Arm …

Am nächsten Morgen in der Dämmerung machte er den Rundgang zu seinen zwölf Fallen. Er hatte drei Kaninchen gefangen, darunter ein sehr großes Männchen, das noch hin und her zappelte und seine Läufe zerfleischte. Ein harter Schlag mit der flachen Hand hinter die Ohren machte ihm den Garaus, und Pique-Bouffigue sagte vergnügt: »Das ist genau das, was ich gebraucht habe.«

Dann betrachtete er das Kaninchen und sagte ihm auf Provenzalisch die geheimnisvollen Worte: »O armes Männchen, eine Falle hat dich gefangen, und jetzt bist du selbst die Falle …«

Er hing es in den großen Schrank, und dann schlug er mit den Händen in den Taschen den Weg zu den Hügeln ein.

In seiner Jagdtasche nahm er einen Imbiss mit, eine Flasche Wein und sein kleines Fernglas. Das war ein altes Marinefernrohr, das ihm für gewöhnlich dazu diente, das eventuelle Auftauchen von Gendarmen zu verfolgen.

Durch Täler und Schluchten kriechend, erklomm er den Rand des Solitaire-Plateaus, von wo er, hinter einem Wacholderbusch verborgen, die Landschaft in Richtung des Ombrées überwachen konnte. Von Weitem sah er einen alten Mann vorübergehen, der mit Mühe ein Bündel dürres Holz schleppte, dann einen Karren mit Holzfällern und drei junge Leute, vornübergebeugt unter ihren schweren Rucksäcken. Aber er musste beinahe den ganzen Tag warten, um endlich seinen Feind erscheinen zu sehen.

Er tauchte unter seinem großen Hut gegen fünf Uhr aus dem Tal von Refresquière auf; er ging einen steilen Fußweg entlang, der zum felsigen Hügel hinaufstieg, gerade zu Füßen des Lauernden. Dieser Hügel endete zu Füßen eines Felsengipfels, und vor dieser Wand war ein dichtes Gestrüpp von Terebinthen, Ginster und Wacholder, das Pique-Bouffigue gut kannte, denn hier fing er alljährlich einige Dutzend Kaninchen.

Der Siméon drang in diese hohe Wildnis ein. Pique-Bouffigue sah ihn nicht mehr, aber er beobachtete die Spitzen der Zweige. Er stellte fest, dass der Mann fünfmal stehenblieb.

»Fünf Fallen«, dachte er. »Vielleicht sind es die, die er mir gestohlen hat!«

Der Feind durchquerte dann das Tal und machte wieder einen Rundgang auf dem gegenüberliegenden Hügel; nach zehn Aufenthalten ging er im Trott eines friedlichen Spaziergängers nach des Ombrées zurück.

Als er hinter dem Gipfel verschwunden war, wartete Pique-Bouffigue noch einen guten Augenblick. Dann, nachdem er sein Fernglas zusammengeschoben hatte, kletterte er einen Kamin hinunter und schritt den ersten Rundgang des Fremden nach. Er entdeckte mühelos fünf Kaninchenfallen, und die Art und Weise, wie sie gestellt waren, ließ ihn mitleidig lächeln. »O gütige Mutter Gottes! Und noch dazu sind es vielleicht meine eigenen! Die müssen sich ja schämen, die Armen!«

Mit Augen und Ohren prüfte er die unmittelbare Umgebung, dann näherte er sich der Öffnung einer Felsspalte, die ihm für seinen Plan wie gerufen erschien, rutschte mit den Füßen voran hinunter und stieß dabei ein paar große Steine zur Seite. Schließlich, als er die Rosmarinzweige auseinanderbog, vergewisserte er sich, dass er, flach auf dem Bauch liegend, auf fünfzehn Meter Entfernung den Platz der einen Falle überblicken konnte. Dann ging er dorthin und legte sich selbst nieder, wobei er mit Befriedigung feststellte, dass der Vorhang von Ginster und Terebinthen nur mit Mühe die Öffnung seines Verstecks ahnen ließ. Er schnitt noch einige kleine Zweige ab, und zwar ganz nah am Erdboden unter dem Moos, und versteckte sie in einer Mulde. Endlich, nachdem die Nacht angebrochen war, stieg er durch die ausgestorbenen Pinienwälder wieder hinunter.

Als er in Rosmarin ankam, schloss er die Läden und bereitete ein Tomatenomelette, das das ganze Backrohr ausfüllte. Er verzehrte es mit großem Appetit, aber er erlaubte sich nur ein Glas Wein. Dann nahm er seine kleine Kürbisflasche und füllte sie zu drei Vierteln mit Kaffee, den er mit Weingeist verstärkte. Zum Schluss packte er das schöne, tote Kaninchen in seine Jagdtasche, nahm das alte, geladene Gewehr unter den Arm, blies die Lampe aus und ging unter den Sternen lautlos wieder fort.

Zuerst klemmte er das Kaninchen in die Bügel der Falle, die seinem Hinterhalt gegenüber aufgestellt war, und lächelte bei dem Gedanken, dass der Anblick dieser Beute die letzte Freude seines Feindes sein würde. Dann machte er sich in der Mulde ein weiches Bett aus trockenen Kräutern und Pfefferminze und verbrachte eine köstliche Nacht. Durch die tönende Stille des Tals antworteten zwei verliebte Schleiereulen einander von weither; die grünen Grillen zirpten im Lavendel; ein glückliches Heimchen ließ seinen Silberruf erzittern, und Pique-Bouffigue schwamm in ungetrübter Wonne bei der Vorstellung, dass alles für einen unumgänglichen, gerechten, moralischen und vergnüglichen Mord bereit war. Von Zeit zu Zeit erfrischte er sich mit einem Schluck aus seiner Kürbisflasche, dann rief er sich alle Einzelheiten der Prügelei ins Gedächtnis zurück, zählte die Schläge, die er erhalten hatte, streichelte das alte Gewehr und lachte leise in sich hinein.

Gegen vier Uhr morgens bei aufgehender Sonne erschien der bedauernswerte Siméon. Er kam den kleinen Fußweg herauf und ging geradewegs der ehrwürdigen Armbrust entgegen. Von Weitem entdeckte er das Kaninchen, er beschleunigte seinen Schritt, lächelte unter seinem großen Hut und nach einem Seitenblick in die Runde bückte er sich, um die Falle zu öffnen. Ganz nah hörte er ein leichtes Zischen. Siméon richtete sich brüsk auf, sah sich um, und es war ihm, als erkenne er irgendetwas zwischen den Rosmarinzweigen. Etwas kleines, rundes, schwarzes mit einem weit offenen Auge darüber: ein roter Blitz, ein ohrenbetäubender Knall. Da verbeugte er sich tief und fiel mit dem Kopf voraus auf sein Gehirn, denn seine Schädeldecke war hinter ihm in seinen Hut gefallen.

Ohne dass er sich dazu herabgelassen hätte, seinem Opfer nahezukommen, schlug der Sieger, beschienen von einer glorreichen Morgensonne, den Heimweg ein. Als er am Pas de Loup vorüberkam, kroch er in den hohen Efeu, der die Baumstämme umgab. Hinter dem dichten Vorhang der lang herabfallenden Ranken versenkte er das alte Gewehr in eine horizontale Spalte zwischen zwei Kalkschichten und bedeckte es mit Kies, Erde und Moos. Nachdem er dieses Begräbnis durch einen militärischen Gruß strammstehend vollendet hatte, kehrte er heim und verschloss die Tür. Aber anstatt die Fensterläden aufzumachen, zündete er die Petroleumlampe an. Da tanzte er mit hinter dem Kopf verschränkten Händen einen kleinen Freudentanz, den Tanz der gerächten Ehre, während er seinen auf der Mauer hüpfenden Schatten betrachtete. Schließlich machte er den Kaffeerest aus der Kürbisflasche heiß, trank ihn, legte sich zu Bett und schlief in tiefem Frieden ein.

Siméons Frau, die nicht besonders nervös war, beunruhigte die erste Nacht seiner Abwesenheit nicht. Sie glaubte an eine Flucht vor der Landpolizei, die ihn wahrscheinlich zu einem riesigen Umweg gezwungen hatte. Aber am Morgen des dritten Tages fiel ihr dieser Wilderer aus les Bastides ein, den Siméon einige Tage vorher sozusagen für tot hatte liegen lassen – denn er hatte in seinem Bericht dieser Schlacht etwas übertrieben –, und am frühen Nachmittag teilte sie dem Landjäger das Verschwinden ihres Gatten mit. Der antwortete, »das wäre ihm scheißegal«, denn er spielte gerade eine Partie Manilla unter der Pergola des Café Chavin, und da sie in unangenehmer Weise darauf bestand, sagte er schließlich, wenn er eine Frau wie sie gehabt hätte, wäre er schon längst verschwunden.

Also machte sie sich ganz allein auf die Suche nach ihrem Mann, und ihr Hund lief ihr voraus auf die Hügel. Sie hatte Siméon auf seinen Expeditionen manchmal begleitet, und vielleicht folgte sie auch einer echt weiblichen Eingebung, denn gegen Abend schlug sie den fatalen Fußweg ein, ihrem Hund folgend, der plötzlich mit dem Schwanz wedelte. Er stürzte bellend ins Gestrüpp und apportierte ihr glückselig den Hut, der in Form einer Untertasse noch ein Stück Knochen enthielt, das auf einer Seite behaart war. Sie hatte keine große Mühe, den Rest aufzufinden.

Die Gendarmen wurden verständigt. Sie erzählte ihnen schluchzend ihre Geschichte und lieferte ihnen eine vollständige Beschreibung des vermeintlichen Mörders, den die Erzählung ihres Gatten übrigens beträchtlich größer und stärker geschildert hatte. Aus diesem Grund erschienen die Gendarmen, die einen Riesen gesucht hatten, erst am achten Tag bei Pique-Bouffigue. Sie forderten ihn auf, ihnen zu folgen und sein Gewehr mitzunehmen. Er antwortete, dass sein »Namerless« noch beim Büchsenmacher wäre, zu dem der Briefträger es vor einer Woche gebracht hatte. Also durchsuchten sie die ganze Farm und fanden nichts außer einem Dutzend Kaninchenfallen. Pique-Bouffigue erklärte mit einer gewissen Rührung, dass er sie zur Erinnerung an seinen armen Vater aufbewahrte, aber nicht einmal wisse, wie man sie einstellen müsse.

Trotzdem brachten die Gendarmen ihn nach Aubagne, wo er lange, sehr lange von einem Leutnant verhört wurde. Vollkommen ruhig leugnete er ohne Unterlass und fand sogar ein paar lustige Antworten, die den Offizier zum Lachen brachten. Aber in dem Moment, als er glaubte, den Punkt erreicht zu haben, dass er wieder nach Haus gehen könnte, legte der hinterhältige Untersuchungsrichter plötzlich einen Messingknopf auf den Tisch und fragte brüsk: »Und das? Was ist das?«

Pique-Bouffigue sah an seiner Jacke herunter und konnte ein wütendes Auffahren nicht verbergen, das dem Gegner nicht entging. Aber er fing sich ziemlich schnell und sagte in ungezwungenem Ton: »Ach, das ist der Knopf, der an meiner Jacke fehlt – habt ihr ihn bei mir gefunden?«

»Wir haben ihn in der kleinen Höhle gefunden, in der der Mörder sich versteckt hielt«, sagte einer der Gendarmen.

»Und wo ist diese Höhle?« fragte Pique-Bouffigue ganz naiv.

»Das wissen Sie besser als wir!«

Und so sah man sein Bild in den Zeitungen und las, dass er nun von dem Geschworenengericht in Aix en Provence abgeurteilt werden würde.

Seelenruhig leugnete er bis zuletzt, und es gelang ihm, seinen eigenen Verteidiger zu überzeugen, den man ihm von Amts wegen zugeteilt hatte, den er aber für einen Helfershelfer der Justiz hielt. Er gab ausschließlich zu, dass der unheilvolle Knopf ihm gehörte und dass er ihn höchstwahrscheinlich im vergangenen Jahr auf dem Anstand nach Rebhühnern verloren hatte. Die Einwohner von des Ombrées erschienen vor den Schranken und entwarfen ein wenig schmeichelhaftes Bild des Opfers; die Leute aus les Bastides, der Briefträger und der Büchsenmacher kamen herbei und bestätigten, dass Pique-Bouffigue während der ganzen Woche, in der das Verbrechen stattfand, kein Gewehr zur Hand gehabt hatte. Außerdem war er gefährlich krank gewesen, und man hatte gesehen, wie er sich mit eingefallener Nase und Schaum vor dem Mund am Boden wälzte.

Die Sache sah also ziemlich günstig aus, aber Pique-Bouffigue wurde unruhig, als der Staatsanwalt die Geschworenen bat, »sich aufmerksam die brutale, niedere Stirn, diese kleinen grausamen Augen mit dem bestialischen Blick, dieses vorgeschobene Kinn und diese Zähne, die wie zum Zerfleischen gemacht sind, anzusehen«. Er war sehr erstaunt, als er den Staatsanwalt diesen Kopf »fordern« hörte, den er eben mit soviel Abscheu beschrieben hatte, und die Geschworenen anflehen, ihn ihm doch zu überlassen, genau so, als hätte er ihn nach Hause tragen wollen.

Das Lächeln seines Verteidigers beruhigte ihn, aber nicht für lange. Tatsächlich fing dieser damit an, zu versichern, dass sein Klient bestimmt ein degenerierter Mensch sei, ohne Familie, ohne Bildung, aber freundlich und unschuldig in seinem Wesen wie die meisten Dorfidioten. Dann beschrieb er das Verbrechen noch viel scheußlicher, als der Herr Staatsanwalt es geschildert hatte: kein gewöhnlicher Mord, sondern ein richtiger Meuchelmord, vorsätzlich geplant, aus dem Hinterhalt, heimtückisch an einem Ahnungslosen in der Stille der Hügel und in dem ersten Dämmern eines unschuldigen provenzalischen Sonnenaufgangs verübt.

Zum Schluss war Pique-Bouffigue vollkommen verängstigt, als der Redner mit dem Finger auf seinen struppigen Kopf zeigend, ausrief: »Zur Todesstrafe müssen Sie ihn verdammen. Ja, der Herr Staatsanwalt hat recht! Dieses Verbrechen muss er mit dem Leben bezahlen und nicht mit einer lächerlichen Gefängnisstrafe! Seinen Kopf müssen Sie haben!«

Da begriff Pique-Bouffigue voller Verzweiflung, dass dieser Mensch ihn verriet und ebenfalls verlangte, ihn auf die Guillotine zu schicken; er wollte gerade aufstehen, um vor Wut zu heulen, als der Anwalt mit Donnerstimme schrie: »Wenn er schuldig ist! Aber er ist es nicht, und wir werden es Ihnen beweisen!«