Die Wau-WG - Anja Seemann - E-Book

Die Wau-WG E-Book

Anja Seemann

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Beschreibung

Es war ein schicksalhafter Tag, an dem sich ein kleiner Hund seinen Freund fürs Leben aussuchte und ihm damit sein Leben rettete. Todkrank und gequält, bekam dieser kleine Rüde für alle Ewigkeit seinen Platz in unserem Leben. Dies war der Beginn einer einzigartigen Freundschaft, die Gründung ihrer wundervollen Wau-WG. Beide hatten keinen leichten Start in ihr Hundeleben und doch schafften sie es, gemeinsam den beschwerlichen Weg aus dem Schatten in das Licht zu gehen. Vom Einzug des ersten Hundes, über seinen schweren Start in das Leben und den Überlebenskampf seines Freundes bis zu jenem Tag, an dem endlich wieder die Sonne schien, ist dieses Buch eine Liebeserklärung an alle Hunde dieser Welt.

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Seitenzahl: 197

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Anja Seemann

Die Wau-WG

Gesucht und gefunden

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© 2014 Anja Seemann Umschlag, Illustration: Anja Seemann

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

 

Paperback

978-3-7323-1487-4

e-Book

978-3-7323-1488-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung

Wie alles begann

Manchmal geschehen im Leben Dinge, die auf ihre ganz besondere Art und Weise richtungsweisend werden. Für einige Menschen sind es schlichtweg reine Zufälle, die ihren Lebensweg komplett verändern können. Für andere wiederum ist es unausweichliches Schicksal, wenn für sie, plötzlich und unvorbereitet, gar Wunderliches passiert. Die Begegnung mit Bodo stellte letzteres dar. Sie veränderte in jungen Jahren mein ganzes weiteres Leben. Meine Liebe zu Hunden begann mit jenem geradezu schicksalhaften und dramatischen Treffen, das nicht nur der Beginn einer einzigartigen Freundschaft war, sondern den Grundstein legte, mein Leben mit den Vierbeinern zu teilen.

Mein Vater, Offizier bei der Marine, wurde auf die wunderschöne Insel Sylt versetzt. Gerade noch ratterten wir mit dem Autozug vom Festland auf die Insel und standen nun wenig später mit einem himmelblauen, von uns allen geliebten VW-Käfer vor unserem neuen Heim. Ein wenig erschöpft, aber dennoch glücklich, den Umzug fast hinter uns gebracht zu haben, begannen wir, unsere persönlichen Dinge aus dem Wagen zu laden.

Wir bezogen ein wunderschönes Reihenendhaus, rot geklinkert, schon ein paar Tage älter, aber gerade deshalb auch mit einer ganz besonderen Aura umgeben, die uns alle verzauberte. Umsäumt wurde der rote Klinker von einem märchenhaften Garten, der, bei aller Pflege, ein klein wenig verwunschen aussah. Der nicht enden wollende Nieselregen an diesem Tag tauchte das kleine Anwesen in einen unwirklichen Schleier. Ein recht verwitterter, spakiger Jägerzaun, dessen Spitzen schon fast bedrohlich durch den feinen Nebel des regnerischen Wetters in die Höhe ragten, trennte unser Grundstück von dem der Nachbarn.

Intensiv mit unserem Einzug beschäftigt, bemerkten wir lange nicht den heimlichen Beobachter, der sich, gar nicht weit von uns entfernt, auf dem Nachbargrundstück im dunklen Regen aufhielt. Ein riesiger, dunkler Schatten zog schemenhaft hinter dem Zaun seine Bahnen. Pechschwarz, zottiges Fell und Augen so dunkel, dass nur ein bewegtes Glitzern das Leben in Ihnen verriet, verfolgten hypnotisch jede unserer Bewegungen bis ins winzigste Detail.

Plötzlich und unerwartet durchbrach ein aufgeregtes Bellen unser emsiges Tun und enttarnte jene dunkle, schleichende Schattengestalt. Unverkennbar war es ein Hund, der fasziniert, ja fast schon manisch, an unseren Bewegungen hing. Die tiefe, laute Stimme verriet, dass dieses Tier ohne Zweifel ein richtig großes sein musste.

Voller Erstaunen hielt ich inne, ging näher an den Zaun heran und beugte mich vorsichtig über dessen Spitzen zu ihm hinüber. Dieses riesige Fellknäuel ließ sich abrupt auf sein Hinterteil fallen, legte den Kopf schräg zur linken Seite und starrte neugierig in mein Gesicht. Tief blickten wir uns sekundenlang wie erstarrt in die Augen. Dieser einzigartige Moment hielt an, bis mein Vater mich aus dem Haus heraus rufend ermahnte, doch weiter den Wagen auszuräumen.

Schweren Herzens löste ich den Blick und machte mich fleißig wieder ans Werk. Durch den Umzugstrubel nahm ich die umgehend einsetzenden Aktivitäten hinter dem Zaun, die alle Familienmitglieder wenig später zum Staunen brachten, nicht wahr. Gerade befand ich mich wieder auf dem Weg zur Eingangstür unseres Hauses, hinter der gleich rechts im Flur eine kleine Treppe in mein Zimmer im ersten Stock führte, als mich plötzlich von hinten etwas anstupste.

Erschrocken drehte ich mich um. Dieser riesige, schwarze Schatten stand nunmehr in voller Lebensgröße vor mir und gab sein komplettes Antlitz preis. Bodo, ein wunderschöner Königspudel! Majestätisch wie eine Statue trat er aus dem grauen Regen heraus und erfüllte mit seiner Anwesenheit Zeit und Raum. Alle Familienmitglieder hatten nicht bemerkt, wie er mit ganzem Körpereinsatz angefangen hatte, hinter dem Zaun ein Loch zu buddeln. Mühsam, Zentimeter für Zentimeter, trug er eine Lehmschicht nach der anderen ab und ebnete sich so den Weg zu uns auf die andere Seite. Eine Weile später hatte Bodo sein Ziel tatsächlich erreicht und unter dem Zaum eine Verbindung beider Grundstücke geschaffen. Nun stand er da: völlig verdreckt, das ungeschorene, zottige Fell nass und verklumpt von Erde und Lehm. Ganz offensichtlich aber war er in diesem Moment der glücklichste Hund der Welt. Könnten Hunde breit grinsen, so hätte er dies in jenem Augenblick ganz sicher getan. Voller freudiger Erwartung starrten mich diese schwarzen Teddyaugen an. Der ganze Hundekörper geriet dabei in bislang nie gesehene Schwingungen.

Mit seiner sich freudig hin und her schwingenden Rute hätte er einen riesigen Saal ausfegen können. Begeistert hielt ich ihm meine Hand hin, um ihn zu begrüßen und zu streicheln. Seine riesige Schnauze kam ganz langsam näher, schnüffelte aufgeregt an meiner Hand und im Bruchteil einer Sekunde hatte ich seine riesigen Pranken auf meinen Schultern.

Man muss wissen, dass ein Königspudel immerhin mindestens einen halben Meter Stockmaß besitzt und die Rüden dreißig Kilogramm und mehr auf die Waage bringen können. Dreißig Kilogramm, das waren zu dieser Zeit etwa Zweidrittel meines eigenen Körpergewichtes, die nun mächtig auf meinen zarten Oberkörper drückten. Aug‘ um Aug‘ standen wir uns gegenüber. Ich spürte seinen Atem in meinem Gesicht, der ahnen ließ, dass seine letzte Mahlzeit noch gar nicht so lange her war. Ein Hauch von Pansen lag in der Luft, der nicht wirklich mit einer angenehmen Assoziation verbunden war. In jenem Moment aber wurde selbst aus diesem Mund- oder passender ausgedrückt Maulgeruch ein wunderbares Bouquet.

Kaum hatte ich mich versehen, schleckte mir eine warme Hundezunge über das Gesicht. Bodos Augen blitzten und schienen von innen heraus zu leuchten.

Diese Begegnung war der Beginn einer einzigartigen Freundschaft! Bodo folgte mir überall hin. Es schien, als hätte ich einen riesigen Magneten in mir. Minus- und Pluspol, die sich gefunden hatten und sich unwiderruflich anzogen. Ich verkörperte offenbar all das für ihn, was für diesen Hund der Himmel auf Erden war. Aber auch für mich war diese Begegnung etwas ganz Besonderes. Ich spürte, dass dieser schwarze Puschel mein bester Freund werden würde.

Meine Freunde waren durch den Umzug zurückgeblieben, daher war es zunächst einmal nicht so einfach, neue Freundschaften zu schließen. Jetzt stand ein Hund vor mir, der, so unwahrscheinlich dies auch schien, genau diese Sehnsucht nach einem neuen Verbündeten mit Leben füllte. Unsere Seelen verband ein unsichtbares, unlösbares Band.

Es brauchte nicht vieler Worte zu meinem Hund. Ein Blick zu meinen Freund reichte und Bodo konnte jede Gefühlslage sofort spüren.

Manchmal hatte es den Anschein, als konnte er Gedanken lesen. Jeder Hundehalter der Welt kennt diese Art der Telepathie. Eine emotional mächtige Verbindung, die kaum in Worte zu fassen ist. Die vorbehaltlose, grenzenlose und vor allem echte Liebe, die Tiere dem Menschen entgegenbringen, ist eines der schönsten Geschenke, das einem zuteilwerden kann.

Magie war hier wahrlich nicht im Spiel, aber es nahm geradezu zauberhafte Züge an. Bodo wurde in jener Zeit mein allerbester, mein einzig wahrer Freund!

Bodos eigentliche Menschenfamilie war komplett abgemeldet. Herrchen und Frauchen, die direkt das Nachbargrundstück bewohnten, konnten rufen, wie sie wollten, er kam nicht. Keine Leckereien der Welt, keine noch so säuselnde Stimme seiner Menschen konnte ihn dazu bewegen, sich auch nur einen Zentimeter von mir weg zu bewegen. Und doch musste er immer wieder zu Ihnen zurück. Diese Stunden der Trennung waren jedes Mal aufs Neue für uns beide eine Qual.

Bei Wind und Wetter saß Bodo früh morgens weinend von unserer Haustür und forderte seinen Einlass.

Bodo brachte mich zur Schule, holte mich wieder ab und für meine Eltern war klar, dass, wenn erneut einmal ein Umzug ins Haus stehen würde, wir Bodo auf jeden Fall mitnehmen müssten. Jahre später berichteten mir meine Eltern, dass sie mit Bodos Menschenfamilie bereits gesprochen hatten. Auch wenn meine Eltern auf gar keinen Fall einen Hund ins Haus holen wollten und auch Bodos Menschen ihren „König“ über alles liebten, hatten beide Parteien erkannt, dass keine Macht der Welt uns jemals wieder trennen durfte.

Aber es kam alles anders. Hätte ich ahnen können, welches Schicksal uns ereilte, hätte ich unser Heim an diesem Tage niemals verlassen.

Bodo brachte mich auch an jenem verhängnisvollen Tag zur Schule. Es war ein kalter, regnerischer Morgen. Nur ab und zu rissen die dunklen Wolken auf und ließen ein paar leuchtende Sonnenstrahlen hindurch. Sehnsüchtig schaute er mir hinterher, als ich die Schule betrat. Im Augenwinkel sah ich, wie er sich im Zeitlupentempo umdrehte und langsam die kleine Straße wieder nach Hause trottete.

Ein warmes Schmunzeln überzog mein Gesicht. Mein Bodo! Mein Bruder im Herzen! Er war das Beste, was mir jemals begegnen konnte!

Einige Stunden später herrschte in meinem Klassenzimmer bereits Aufbruchsstimmung. Regentropfen klopften gegen das Fenster, vereinten sich zu Rinnsalen, die in feinen Linien an der Scheibe hinunterrannen. Verträumt schaute ich hinaus und freute mich schon darauf, meinen Freund gleich wieder in die Arme schließen zu können. Die wunderschönen Dünen Westerlands warteten darauf, von uns besucht zu werden. Auch der Regen sollte uns nicht davon abhalten, gemeinsam wieder am Strand das Leben zu genießen. Bodo liebte unsere spannenden Spaziergänge in den Weiten des Sandstrandes genauso wie ich. Er jagte dem Sand, den ich mit den Füßen wegschoss, hinterher und jedes Stück Treibholz, das er im Sand entdeckte, war das seine. Freudig sammelte er stets alles auf, was er fand, und brachte es in der erwartungsvollen Anspannung zu mir, dass ich es wieder wegwerfen sollte. Wenn dann noch irgendetwas im Sand krabbelte oder am Wasser über das Watt rannte, war es um ihn geschehen.

Dann kam sein Jagdtrieb hervor, der aus einem kuscheligen Pudel einen schwarzen Panther formte.

Sein Frauchen, das ja eigentlich schon lange nicht mehr sein Frauchen war, erzählte uns, dass er es nach solch einem ausgiebigen Spiel- und Sporttag oftmals nicht einmal mehr schaffte, die Treppe zu seinem Körbchen hinaufzulaufen. Stattdessen ließ sich Bodo dann mit einem tiefen, zufriedenen Seufzer auf den Flokati im Flur fallen und geriet in einen geradezu komatösen Tiefschlaf.

An diesem Tag aber wartete ich vergeblich vor der Schule auf meinen schwarzen Wirbelwind. Bodo war nirgendwo zu erblicken. Keine schwarze Lawine, die mich vor Freude überrollte und zu Boden zwang. Kein Gefährte, der neben mir nach Hause lief. Sehr beunruhigt machte ich mich auf den Weg. Das Bauchgefühl warnte mich intensiv, dass etwas passiert sein könnte. Die scharfen Messer der Vorahnung schmerzten in meinem Inneren. Sie zerschnitten jeden Gedanken daran, dass Bodo bei seiner Menschenfamilie sein könnte. Es war nur so ein Gefühl, aber es war bedrohlich.

Wenige Minuten lagen zwischen meiner Schule und unserem Zuhause. Gott sei Dank hörte es für einen Moment auf zu regnen, so dass ich die Regenjacke in meiner Schultasche lassen konnte. Ich sprang über die Pfützen und rannte die kleine Straße hinunter, die zu unserem Haus führte. Seltsam, aber dieses eigenartige Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte, wuchs von Minute zu Minute. Zuhause angekommen, warf ich die Schultasche eilig in den Flur und fragte meine Mutter, wo Bodo denn sei. Ihr Blick zerriss mir das Herz. Er hatte eine unendliche Trauer, die sich in einem Fluss von Tränen widerspiegelte.

„Bodo ist von einem Auto angefahren worden, als er dich von der Schule abholen wollte“, flüsterte sie leise.

Diese Worte, sie hallen bis heute nach. „Der Autofahrer hat ihn einfach liegengelassen und ist weitergefahren.“ Fassungslos starrte ich meine Mutter an und drehte mich wieder um zur Tür. Beim Hinauslaufen hörte ich nur noch Bruchstücke ihrer weiteren Worte. Tränen rannen über mein Gesicht. Dass es in diesem Augenblick wieder anfing zu regnen, bemerkte ich nicht. Der Himmel weinte unendlich viele Tränen an diesem Tag.

Verzweifelt lief ich zu unseren Nachbarn, Bodos Menschenfamilie, hinüber und trommelte an die schwere, rückwärtige Eingangstür im Garten. Nach gefühlten Stunden öffnete sich der Eingang knarrend und widerwillig.

Unsere, von Tränen verwaschenen, Gesichter starrten sich sekundenlang wortlos an, bis Bodos Besitzerin die Stille durchbrach: „Bodo wird operiert. Am besten kommst du heute Abend noch einmal vorbei, dann wissen wir mehr.“ Ich erkannte nicht die Hoffnungslosigkeit in ihrem Gesicht, wahrscheinlich aber wollte ich sie nicht erkennen. Meine Tränen hatten meinen Blick in einen grauen Schleier gehüllt, der es nicht zulassen wollte, das zu erkennen, was unheilvoll auf mich, auf uns alle, zukam. „Wie geht es ihm denn, wann kommt er wieder“, schluchzte ich verzweifelt auf, aber sein Frauchen konnte mir kaum antworten. „Bitte beruhige Dich doch! Wir wissen auch noch nichts Genaueres, aber mach‘ Dir bitte nicht zu viele Gedanken. Der Tierarzt wird alles Notwendige für ihn tun.“ Ihre Stimme war nicht mehr zu verstehen. Der Schmerz legte sich wie ein eiserner Gürtel über ihren Brustkorb und ließ es nicht mehr zu, klar und deutlich zu sprechen.

Dann schloss sie langsam die Tür. Minutenlang stand ich regungslos im strömenden Regen. Die Tränen, sie verschmolzen mit denen des Himmels zu einem Meer der Trauer. Wie in Trance wankte ich langsam nach Hause zurück und ging stumm an meiner Mutter vorbei in mein Zimmer im ersten Stock. Jede Treppenstufe erschien mir wie ein unbezwingbarer Berg. Jede Faser meines Körpers schmerzte und doch schafften es meine zitternden Beine, mich zum Bett zu tragen, auf das ich mich völlig entkräftet fallen ließ. Die Stunden bis zum Abend erzeugten eine grauenvolle Ewigkeit. Die Sekunden dauerten Minuten, die Stunden einen Tag. Eine Zeit, als läge ich auf Eiszapfen, die mich zwangen, nach ein paar Sekunden wieder aufzustehen und in meinem Zimmer hin und her zu laufen. Sie erfüllten den Raum mit einer unerträglichen Kälte, die mein Herz Stück für Stück gefrieren ließ. Dann hielt ich es nicht mehr aus. Die Sehnsucht nach meinem wuscheligen Freund war einfach grenzenlos. Ich rannte, so schnell ich konnte, wieder zu Bodos Familie zurück. Die schwere Tür, die sich öffnete, der starre Blick seines Frauchens, noch immer habe ich diese Bilder vor Augen.

Die Worte, die sie sprach, noch heute haben sich diese in mein Herz gebrannt: „Bodo ist eingeschlafen, der Tierarzt konnte nichts mehr für ihn tun“, erklärte sie mir unter Tränen. „Lass uns morgen noch einmal sprechen, es ist auch für uns sehr schwer”, sagte sie traurig und als sie die Tür schloss, verdunkelte sich mein Leben.

Bodo - mein bester Freund - er war tot!

Ein stummer Schrei nahm mir die Luft zum Atmen. Die Welt mit meinem Bodo, sie hatte aufgehört sich zu drehen. Ein Teil von mir starb an diesem Tage mit. Nie wieder würde ich meinen Freund sehen, nie wieder die mächtigen Dünen mit ihm durchstreifen und nie wieder diesen unfrisierten Wuschel umarmen. Die Regenbogenbrücke, er musste sie alleine gehen. In seinen letzten Momenten konnte ich nicht einmal bei ihm sein. Ihm beistehen. Ihn trösten. Ihn umarmen. Ihm das Gefühl geben, dass seine beste Freundin bei ihm war. Von diesem Gedanken habe ich mich mein Leben lang nicht befreien können.

Noch heute begegnet er mir manchmal in meinen Träumen. Die Abstände werden zwar länger, aber seine Präsenz ist unvergänglich. Dann sehe ich ihn weit oben auf einem wunderschönen, grünen Hügel stehen.

Seine Ohren wehen im Wind und mit riesigen Sprüngen kommt er die große Blumenwiese hinunter auf mich zu gerannt. Diese schwarze Lawine, wie sehr habe ich sie vermisst!

Am Ende meines Lebensweges werden sich unsere Pfade wieder vereinen, da war ich sicher. Geduldig wie in früheren Tagen, würde er darauf warten, mich an dem Tor zur Unendlichkeit wieder abzuholen.

Diese Zeit aber, bis es soweit war, und daran glaubte ich fest, würde geprägt sein von weiteren Hundefreunden, mit denen ich mein Leben teilen wollte.

Jeder einzelne von ihnen würde ein wichtiges Instrument im Orchester meines Lebens spielen. Die Melodie des Lebens bis über den Tod hinaus.

Die Entscheidung

Ein Hund ist ein Familienmitglied, ein fester Bestandteil einer Lebensgemeinschaft, für den sein Mensch eine große Verantwortung übernimmt. Viele Jahre wird er ein treuer Kamerad, viele Jahre im Guten wie im Schlechten für seine Menschenfamilie da sein. Im gleichen Zuge obliegt es seiner Familie sicherzustellen, dass sie ihm seine gesamten Lebensjahre lang ein fürsorgliches und schönes Zuhause bieten kann. Der Mensch geht seinem Beruf nach, liebt seine Hobbies, seine Freunde und seine Familie. Der Hund aber besitzt in seinem Universum nur seine Menschen. Sie sind ihm das aller Wichtigste in seiner kleinen Hundewelt. Genau deshalb sollte es das Selbstverständlichste auf Erden sein, ihm diese - seine einzige - Welt so freundlich und angenehm zu gestalten wie möglich und zwar ein ganzes Leben lang.

Von daher gab es für mich unzählige, existentiell wichtige Dinge, die ich mit mir und meiner Umwelt klären musste, bevor ein Hund seine endgültige Reise in mein Leben antrat. Für bestand seit meiner Zeit mit Bodo kein Zweifel, dass ein Hund oder besser noch mehrere Hunde mein Leben teilen sollten.

Meine Lebensumstände waren allerdings bislang für einen Hund nie so optimal, dass ich ihm auf Lebenszeit ein voll umsorgtes Hundeleben bieten konnte. So nahm ich jede Gelegenheit wahr, mich in diversen Tierschutzorganisationen für gequälte, vernachlässigte Hunde stark zu machen und spendete, wo es nur ging. In örtlichen Tierheimen und in der Nachbarschaft fand ich immer „meine“ Hunde, die ich pflegen und verwöhnen konnte. Auch in unserer Verwandtschaft fand in einen treuen Freund, den ich über alles liebte. So besaß eine Stiefoma von mir den wunderschönen Cockerspaniel Rosch, mit dem ich immer wieder gerne ausgiebige Touren unternahm. Genauso wie mit Bodo, verband auch Rosch und mich eine wunderbare Freundschaft. Ebenso grausam aber wurde auch diese abrupt beendet. Als meine eingeheiratete Oma mit ihrem damaligen Lebensgefährten eine Australienreise plante, sollte der Hund vorher ein halbes Jahr in Quarantäne. Unabhängig davon, dass diese Situation auch für Rosch extrem belastend gewesen wäre, stand für meine Verwandtschaft fest, dass sie es nicht finanzieren wollten und der Hund ganz zügig weg musste.

Was dann folgte, sprengte jede Vorstellungskraft. Nicht nur, dass es plötzlich hieß, Rosch wäre bissig. Nein, es wurde ein grausamer Weg gewählt, sich dieses Hundes zu entledigen. Der Sohn dieser eingeheirateten Oma – ich konnte niemals wieder „Oma“ oder „Onkel“ sagen – arbeitete zu jener Zeit auf einem Schlachthof. Eines Tages dann nahm er Rosch mit dorthin und setzte eiskalt die Elektrozange an, mit der sonst Schweine betäubt oder gar getötet wurden. Rosch war sofort tot. Uns erklärten diese Tierquäler, dass Rosch anderweitig in gute Hände untergebracht wurde. Leider erfuhren wir erst viele Jahre später, was mit diesem wunderschönen Cockerspaniel tatsächlich passierte. Ich brach den Kontakt zu diesen Menschen sofort ab. Bis heute spreche ich ihre Namen nicht aus und bekomme Gänsehaut, wenn ich an den armen Rosch denke…

Auch wenn ich mir nun sehnlichst einen hündischen Gefährten für mein Leben wünschte, gewann der Verstand die Oberhand und damit die Entscheidung, meinem zukünftigen Hund erst mit dem Eintritt in das Rentenalter ein neues Zuhause zu geben. Dann hätte ich endlich die Zeit, um ihm ein hundegerechtes, schönes Leben zu bieten.

Aber war dies wirklich so richtig? Viel Zeit? War nicht die Intensität, mit der man sich mit seinem Hund beschäftigte, viel wichtiger, als einfach nur körperlich da zu sein? Und was wäre, wenn ich im Rentenalter mit siebenundsechzig Jahren gar nicht mehr so fit wäre, wie ich es mir wünschte? Die Beine würden mit Sicherheit im Alter schwerer und bestimmt auch nicht gerader. Die Füße benötigten vielleicht langsam aber sicher Einlagen und womöglich würde ein Glas im Badezimmer stehen, aus welchem mich meine Zähne morgens anlächelten. Bestenfalls bliebe ich fit. Aber die Glaskugel der Zukunft war beschlagen. Erahnen ließ sich jedoch, dass für einen Hund die Lebenszeit in späteren Jahren sehr knapp werden könnte. Dann noch einen Welpen zu mir zu nehmen, hielt ich für verantwortungslos. Die Möglichkeit, dass er mich überlebte und somit in eine ungewisse Zukunft ging, war mir einfach zu hoch. Somit stand eines Tages unumstößlich fest, dass ich so lange nicht mehr warten wollte.

Die Gedanken kreisten letztendlich nur noch darum, wie ich es einrichten konnte, meinem zukünftigen Gefährten möglichst frühzeitig in mein Heim zu holen.

Die Überlegung, wer im Notfall meinen Hund versorgen konnte, war relativ zügig geklärt. Auch mein Arbeitgeber hatte seine Einwilligung gegeben, einen Hund mit ins Büro nehmen zu dürfen. Das Thema Urlaub war für mich kein diskussionswertes. Ich fuhr oder flog nicht gerne in den Urlaub und verbrachte stattdessen lange Spaziergänge in der heimischen Natur. Den Duft der Wälder einzuatmen und die nahe Sonne zu genießen, das war Urlaubs- und Freizeitgestaltung, wie ich sie liebte. Grundsätzlich stand also meiner Sehnsucht nach einem hündischen Gefährten nichts mehr im Wege.

Allerdings stellten sich noch einige, ganz entscheidende Fragen. Welcher Hund passte in meinen Alltag? Welcher Rasse würde ich mit all seinen Bedürfnissen auch gerecht werden? Sollte es vielleicht doch lieber ein Mischling sein, denen ja der Ruf vorauseilte, gesundheitlich besser gestellt zu sein, als so mancher Rassehund? Ein Rüde oder doch besser eine Hündin?

Für mich, als gemeinhin betitelte Nachteule, war die Vorstellung eine Qual, um 4 Uhr aufzustehen, um dann um 5 Uhr in der Frühe fröhlich tirilierend die erste Runde joggen zu gehen.

Es musste also eine kleinere Rasse sein, die zwar gerne lange Spaziergänge mit Frauchen unternahm, es aber auch als grandios erachtete, wenn der Spaziergang vor der Arbeit ab und zu mal etwas kürzer ausfiel.

Selbstverständlich hatte ich auch gewisse Vorstellungen, wie mein Traumhund sein sollte: Intelligent, quirlig, selbstbewusst und auch gerne ein kleiner Individualist. Ein Gesellschaftshund, der es liebte, überall mit dabei zu sein und sich auch im Büro wohlfühlen würde. Menschen vergötterte er regelrecht und auch mit anderen Tieren bekäme er keinerlei Probleme. Phänomenal wäre es gewesen, ich hätte einen Hund aus dem Tierheim nehmen können. Allerdings war ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit mit dem Risiko zu leben, dass ein Hund mit Vorgeschichte sich in meinen Alltag eventuell nicht so schnell integrieren konnte. Oftmals waren die Vorgeschichten der armen Kreaturen nicht nachvollziehbar. Gerade im Büro erzeugte dies womöglich erhebliche Probleme, die ich nicht riskieren konnte und wollte und daraufhin diesen Entscheidungspart schweren Herzens zügig beendete.

Schätzungsweise zwei umfangreiche Bücher über alle möglichen Hunderassen, diverse Zeitschriften, Online-Foren und TV-Sendungen hatte ich durchgestöbert. Nach langen drei Monaten war der Kreis der Favoriten gewählt.

Der freundliche Mops, der quirlige Rauhaardackel, der wunderschöne Prager Rattler oder aber der winzige Chihuahua kamen in meine engere Wahl. Sie alle hatten für mich und mein Leben das gewisse Etwas. Und, was noch extrem viel wichtiger war, aufgrund der rassetypischen Kategorisierungen konnte ich einigermaßen sicher gehen, auch den Bedürfnissen des jeweiligen Hundes absolut gerecht zu werden.

Es dauerte allerdings noch einmal einige Zeit der Recherche, bis meine Entscheidung unumstößlich feststand. Ein Chihuahua, der kleinste Hund der Welt, sollte mein zukünftiger Wegbegleiter werden! Man sagte diesem Winzling eine gewisse Dreistigkeit nach, der sich im Umgang mit anderen Hunden gerne einmal selbst überschätzte. Da der Kurzhaar-Chihuahua in seiner Art als etwas dominanter und durchsetzungsfähiger beschrieben wurde als das Langhaar, fiel meine Wahl auf das kürzere Fell.

Aufgrund seiner Größe, wurde der Chihuahua oft unterschätzt. Er benötigte in der Tat eine konsequente Führung, da er sich anderenfalls zu einem echten Terroristen entwickeln würde. Durch seine Intelligenz und seine enorme Gelehrigkeit, durchschaute er die Menschen und ihre Schwächen sofort. Schenkte man diesem Umstand nicht genügend Beachtung, würde er seine Menschen mit Sicherheit tyrannisieren. Ein kläffender Erdnuckel, der notfalls mit seinem Kopf durch die Wand ging. Der Chihuahua war zudem ein robuster kleiner Kerl, der eine hohe Lebenserwartung hatte. Das Universum dieser Rasse war sein Mensch. Für mich war er der optimale, ja geradezu perfekte Hund. Zudem schwor ich, dass mein „Chi“ kein Blink-Blink anziehen musste, wie es leider ja so oft in diversen TV-Formaten und Zeitschriften präsentiert wurde. Mein Hund sollte sein Dasein nicht in einer mit Straß besetzten Tasche fristen. Mein Hund sollte laufen und vor allem eines sein: ein echter HUND.

Schicksal

So nahm augenblicklich die Geschichte ihren Lauf. Ich stöberte das World-Wide-Web nach Züchteradressen aus meiner Umgebung durch und wurde auch bald darauf fündig. Erschreckend waren leider dabei auch immer wieder Angebote von Hundevermehrern weniger seriöser Herkunft, die ihre Chihuahuas im Internet präsentierten.