Verlag: Heyne Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Die Wege der Macht E-Book

Jeffrey Archer

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E-Book-Beschreibung Die Wege der Macht - Jeffrey Archer

Die Wege der Familien Clifton und Barrington sind gezeichnet von Glück und Leid, von Machtspielen und Schicksalsschlägen. Während sich sein Jugendfreund Giles in eine Frau mit dunkler Vergangenheit verliebt, reist Harry Clifton nach Sibirien. Harry will dem dort inhaftierten Schriftsteller Babakow helfen – und bringt sich damit in große Gefahr. Auch für seine Frau Emma, die der Barrington-Gesellschaft vorsteht, schlägt eine schwere Stunde …

Meinungen über das E-Book Die Wege der Macht - Jeffrey Archer

E-Book-Leseprobe Die Wege der Macht - Jeffrey Archer

DAS BUCH

Harry Clifton erfährt bei einem Besuch in New York, dass der mit ihm befreundete Schriftsteller Anatol Babakow in Sibirien gefangen gehalten wird. Harry will alles tun, um Babakow zu helfen – und bringt sich damit in tödliche Gefahr. Währenddessen schlägt für seine Frau Emma, die der Barrington Schifffahrtgesellschaft vorsteht, die schwerste Stunde …

DER AUTOR

Jeffrey Archer, geboren 1940 in London, verbrachte seine Kindheit in Weston-super-Mare und studierte in Oxford. Archer schlug eine bewegte Politiker-Karriere ein, die bis 2003 andauerte. Weltberühmt wurde er als Schriftsteller. Archer verfasste zahlreiche Bestseller und zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren Englands. Sein historisches Familienepos Die Clifton-Saga stürmt auch die deutschen Bestsellerlisten und begeistert eine stetig wachsende Leserschar. Archer ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in London und Cambridge.

JEFFREY ARCHER

DIE WEGE

DER MACHT

DIE CLIFTON-SAGA 5

ROMAN

Aus dem Englischen

von Martin Ruf

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe MIGHTIER THAN THE SWORD

erschien 2015 bei Macmillan, London

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Vollständige deutsche Erstausgabe 05/2017

Copyright © 2015 by Jeffrey Archer

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Thomas Brill

Umschlagillustration: Johannes Wiebel

unter Verwendung von Motiven von gettyimages.de

(WALTER SANDERS) und shutterstock.com (R3BV)

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-19821-3V002

www.heyne.de

FÜR HARRY

Unter der Herrschaft wahrhaft großer Männer

ist die Feder mächtiger als das Schwert.

Edward Bulwer-Lytton, 1803 – 1873

PROLOG

OKTOBER 1964

Brendan klopfte nicht an, sondern drehte nur den Türknauf und trat ein, wobei er gleichzeitig einen Blick zurückwarf, um sicher zu sein, dass ihm niemand gefolgt war. Er wollte niemandem erklären müssen, was ein junger Mann aus der zweiten Klasse um diese Zeit in der Nacht in der Kabine eines älteren Peers zu suchen hatte. Obwohl natürlich niemand einen solchen Vorfall kommentiert hätte.

»Müssen wir mit irgendwelchen Störungen rechnen?«, fragte Brendan, nachdem er die Tür geschlossen hatte.

»Niemand wird uns vor sieben Uhr morgen früh behelligen, und dann wird nicht mehr viel übrig sein, das man noch irgendwie stören könnte.«

»Gut«, sagte Brendan. Er ließ sich auf die Knie sinken, schloss den großen Koffer auf, klappte den Deckel zurück und musterte die komplexe Maschinerie, deren Konstruktion ihn mehr als einen Monat gekostet hatte. Während der nächsten halben Stunde stellte er sicher, dass es nirgendwo lose Drähte gab, jedes Ziffernblatt sich an der vorgesehenen Stelle befand und die Uhr sich mit dem einfachen Umlegen eines Schalters starten ließ. Erst nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass alles perfekt funktionieren würde, erhob er sich wieder.

»Es ist alles bereit«, sagte er. »Wann soll das Gerät aktiviert werden?«

»Um drei Uhr nachts. Ich brauche dreißig Minuten, um das alles hier loszuwerden«, fügte der ältere Peer hinzu und berührte sein Doppelkinn. »Und dann muss ich immer noch genügend Zeit haben, um in meine andere Kabine zu gelangen.«

Brendan wandte sich erneut dem großen Koffer zu und stellte den Timer auf drei Uhr ein. »Kurz bevor du gehst, musst du nichts weiter tun, als diesen Schalter umzulegen und dich zu versichern, dass sich der Sekundenzeiger bewegt. Dann hast du noch dreißig Minuten.«

»Was kann schiefgehen?«

»Nichts, wenn sich die Lilien noch immer in Mrs. Cliftons Kabine befinden. Niemand auf diesem Flur wird überleben, wahrscheinlich sogar niemand auf dem Deck darunter. In der Erde unter den Blumen befinden sich sechs Pfund Dynamit, viel mehr, als wir eigentlich bräuchten, aber so kann niemand irgendwelche Zweifel daran hegen, dass wir unser Geld bekommen werden.«

»Hast du meinen Schlüssel?«

»Ja«, sagte Brendan. »Kabine 706. Dein neuer Pass und deine Bordkarte liegen unter dem Kopfkissen.«

»Gibt es sonst noch etwas, worüber ich mir Sorgen machen müsste?«

»Nein. Du musst dich nur davon überzeugen, dass sich der Sekundenzeiger bewegt, bevor du gehst.«

Doherty lächelte. »Wir sehen uns zu Hause in Belfast.«

Harry schloss die Kabinentür auf und trat beiseite, um seiner Frau den Vortritt zu lassen.

Emma beugte sich vor, um an den Lilien zu riechen, die ihr die Königinmutter anlässlich der Jungfernfahrt der MVBuckingham geschickt hatte. »Ich bin völlig erschöpft«, sagte sie, als sie sich wieder aufrichtete. »Ich weiß nicht, wie die Königinmutter das tagein, tagaus schafft.«

»Genau das ist ihre Aufgabe, solange sie auf dieser Erde weilt, und sie ist wirklich gut darin. Aber ich wette, sie wäre völlig erledigt, wenn sie versuchen würde, ein paar Tage lang die Vorstandsvorsitzende von Barrington’s zu sein.«

Ein weiteres Mal las Harry die Karte Ihrer königlichen Hoheit, der Königinmutter. Eine so persönliche Botschaft. Emma hatte bereits beschlossen, die Vase in ihrem Büro zu platzieren, wenn sie wieder in Bristol wären, und jeden Montagmorgen Lilien hineinzustellen. Harry lächelte. Warum auch nicht?

Als Emma aus dem Bad kam, tauschte Harry den Platz mit ihr und zog die Tür hinter sich zu. Sie streifte ihren Morgenmantel ab und ging zu Bett. Sie war viel zu müde, um auch nur darüber nachzudenken, ob sie noch ein paar Seiten in Der Spion, der aus der Kälte kam lesen könnte, obwohl das Buch von einem neuen Autor stammte, den Harry ihr empfohlen hatte. Sie schaltete das Licht auf ihrer Seite des Bettes aus und sagte: »Gute Nacht, Liebling«, obwohl sie wusste, dass Harry sie nicht hören konnte.

Als Harry aus dem Bad kam, schlief sie bereits tief und fest. Er wickelte sie in ihre Decke, als sei sie ein Kind, küsste sie auf die Stirn und flüsterte: »Gute Nacht, mein Liebling.« Dann ging er ebenfalls zu Bett und lauschte amüsiert auf ihr sanftes Schnurren. Er hätte nie anzudeuten gewagt, dass sie schnarchen könnte.

Er war so stolz auf sie, als er wach im Bett lag. Der Beginn der Reise hätte nicht besser gelingen können. Er drehte sich auf seine Seite und nahm an, dass der Schlaf innerhalb weniger Minuten kommen würde, doch obwohl seine Lider bleischwer waren und er sich völlig erschöpft fühlte, konnte er nicht einschlafen. Etwas stimmte nicht.

Auch ein anderer Mann, der inzwischen ohne auf Probleme zu stoßen seine Kabine in der Touristenklasse aufgesucht hatte, war in diesem Augenblick hellwach. Obwohl es drei Uhr nachts und seine Arbeit erledigt war, versuchte er erst gar nicht zu schlafen.

Immer hatte man dieselben Befürchtungen, wenn man warten musste. Hatte man irgendwelche Spuren hinterlassen, die direkt zu einem führen würden? Waren einem Fehler unterlaufen, die die ganze Operation zum Scheitern brachten und einen daheim zur lächerlichen Figur machen würden? Er würde sich erst entspannen, wenn er in einem Rettungsboot saß, oder besser noch in einem anderen Schiff, das einen anderen Hafen anlief.

Fünf Minuten und vierzehn Sekunden …

Er wusste, dass seine Landsleute, die als Soldaten für dieselbe Sache kämpften, genauso nervös waren wie er.

Das Warten war immer der schlimmste Teil einer Aktion. Man hatte keine Kontrolle mehr, und es gab nichts, das man noch hätte tun können.

Vier Minuten und elf Sekunden …

Schlimmer als ein Fußballspiel, bei dem man 1:0 führt und weiß, dass die andere Seite stärker ist und es schaffen könnte, noch in der Nachspielzeit ein Tor zu machen. Er rief sich die Anweisungen seines Gebietskommandeurs ins Gedächtnis: Achtet darauf, dass ihr zu den Ersten an Deck gehört, wenn Alarm gegeben wird, und dass ihr unter den Ersten seid, die in einem der Rettungsboote sitzen, denn morgen um diese Zeit werden sie nach jedem suchen, der jünger als fünfunddreißig ist und einen irischen Akzent hat. Also immer schön die Klappe halten, Jungs.

Drei Minuten und vierzig Sekunden … neununddreißig …

Er starrte die Kabinentür an und stellte sich das Schlimmste vor, was passieren konnte. Die Bombe würde nicht hochgehen, man würde die Tür aufbrechen, und ein Dutzend Polizeischläger, möglicherweise sogar noch mehr, würden in die Kabine stürmen, ihre Schlagstöcke würden in alle Richtungen wirbeln, und niemand würde sich darum kümmern, wie oft er getroffen wurde. Doch er hörte nur das rhythmische Stampfen der Motoren, während die Buckingham auf ihrem Weg nach New York weiter durch die ruhige See glitt. Auf eine Stadt zu, die sie nie erreichen würde.

Zwei Minuten und vierunddreißig Sekunden … dreiunddreißig …

Er stellte sich vor, wie es sich anfühlen musste, wieder in der Falls Road zu sein. Kleine Jungen in kurzen Hosen würden voller Ehrfurcht zu ihm aufblicken, wenn er auf der Straße an ihnen vorbeikam, und ihr einziges Ziel würde darin bestehen, so zu sein wie er, wenn sie älter wären. Der Held, der die Buckingham nur wenige Wochen nach ihrer Taufe durch die Königinmutter in die Luft gejagt hatte. Dass dabei Unschuldige ihr Leben verloren, zählte nicht. Es gab keine Unschuldigen, wenn man an die Sache glaubte. Genau genommen hatte er keinen einzigen Passagier aus den Kabinen auf den oberen Decks getroffen. Morgen würde er alles über sie in der Zeitung lesen, und wenn er die Operation korrekt durchgeführt hatte, würde sein Name in den Berichten nicht erwähnt werden.

Eine Minute und zweiundzwanzig Sekunden … einundzwanzig …

Was konnte jetzt noch schiefgehen? Konnte der Apparat, der in einem der oberen Schlafzimmer des Guts von Dungannon konstruiert worden war, ihn im letzten Augenblick im Stich lassen? Würde er die Stille ertragen müssen, die ein Versagen bedeutete?

Sechzig Sekunden …

Er begann, jede Zahl zu flüstern.

»Neunundfünfzig, achtundfünfzig, siebenundfünfzig, sechsundfünfzig …«

Hatte der Betrunkene im Sessel in der Lounge in Wahrheit die ganze Zeit über auf ihn gewartet? Waren sie bereits auf dem Weg zu seiner Kabine?

»Neunundvierzig, achtundvierzig, siebenundvierzig, sechsundvierzig … »

Waren die Lilien aus der Vase genommen und ersetzt oder einfach weggeworfen worden? Vielleicht war Mrs. Clifton ja allergisch gegen die Pollen?

Hatten sie die Kabine Seiner Lordschaft geöffnet und den unverschlossenen Koffer gefunden?

»Neunundzwanzig, achtundzwanzig, siebenundzwanzig, sechsundzwanzig …«

Durchsuchten sie das Schiff bereits nach dem Mann, der verstohlen die Toilette in der Lounge der ersten Klasse verlassen hatte?

»Neunzehn, achtzehn, siebzehn, sechzehn …«

Hatten sie … er hielt sich am Rand der Koje fest, schloss die Augen und begann, laut zu zählen.

»Neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins …«

Er hörte auf zu zählen und öffnete die Augen. Nichts. Nur die unheimliche Stille, die auf das Versagen folgt. Er senkte den Kopf und betete zu einem Gott, an den er nicht glaubte, und genau in diesem Augenblick gab es eine Explosion von so ungeheurer Wucht, dass er wie ein Blatt im Sturm gegen die Kabinenwand geschleudert wurde. Stolpernd erhob er sich und lächelte, als er die Schreie hörte. Blieb nur noch die Frage, wie viele Passagiere auf dem obersten Deck so etwas überlebt haben konnten.

HARRY UND EMMA

1964 – 1965

1

»HRH – Ihre Königliche Hoheit«, murmelte Harry, als er benommen aus dem Halbschlaf erwachte. Plötzlich setzte er sich auf, schaltete die Nachttischlampe ein, glitt aus dem Bett und ging mit raschen Schritten zur Vase mit den Lilien. Hier las er die Grußkarte der Königinmutter noch einmal. Ich danke Ihnen für einen unvergesslichen Tag in Bristol. Ich hoffe, mein zweites Zuhause erlebt eine erfolgreiche Jungfernfahrt. Unterzeichnet war sie mit HRH Queen Elizabeth the Queen Mother.

»So ein fundamentaler Fehler«, sagte Harry. »Wie habe ich das nur übersehen können?« Er griff nach seinem Morgenmantel und schaltete die Deckenbeleuchtung ein.

»Ist es schon Zeit zum Aufstehen?«, wollte eine schläfrige Stimme wissen.

»Ja, allerdings«, sagte Harry. »Wir haben ein Problem.«

Emma sah blinzelnd zu ihrem Wecker auf dem Nachttisch. »Aber es ist doch erst kurz vor drei«, protestierte sie und wandte sich ihrem Ehemann zu, der immer noch eindringlich die Lilien anstarrte. »Also, wo liegt das Problem?«

»Der offizielle Titel der Königinmutter lautet nicht HRH.«

»Aber das weiß doch jeder«, sagte Emma schläfrig.

»Jeder außer demjenigen, der diese Blumen geschickt hat. Warum wusste der Betreffende nicht, dass die korrekte Anrede der Königinmutter ›Ihre Majestät‹ lautet und nicht ›Ihre Königliche Hoheit‹? So würde man eine Prinzessin ansprechen.«

Widerwillig stand Emma auf, trat neben ihren Mann und musterte nun ebenfalls die Karte.

»Bitte den Kapitän darum, dass er sofort zu uns kommt«, sagte Harry. »Wir müssen herausfinden, was in dieser Vase ist«, fügte er hinzu, bevor er sich auf die Knie niederließ.

»Das ist wahrscheinlich nur Wasser«, sagte Emma und hob die Hand.

Harry fasste sie am Handgelenk. »Sieh genauer hin, Liebling. Die Vase ist viel zu groß für so etwas Zartes wie ein halbes Dutzend Lilien. Ruf den Kapitän«, wiederholte er, und diesmal klang seine Stimme schon drängender.

»Aber vielleicht hat auch nur die Blumenverkäuferin einen Fehler gemacht.«

»Hoffen wir’s«, sagte Harry und ging zur Tür. »Aber dieses Risiko können wir nicht eingehen.«

»Wo willst du hin?«, fragte Emma, als sie nach dem Hörer griff.

»Ich werde Giles wecken. Er hat mehr Erfahrung mit Sprengstoffen als ich. Er hat zwei Jahre seines Lebens damit verbracht, sie überall dort zu platzieren, wo die Deutschen vorrücken wollten.«

Als Harry in den Korridor trat, wurde er vom Anblick eines älteren Mannes abgelenkt, der in Richtung der großen Treppe verschwand. Der fremde Reisende bewegte sich viel zu schnell für jemanden in diesem Alter, dachte Harry. Dann klopfte er heftig an Giles’ Kabinentür, doch er musste noch einmal mit der Faust dagegenhämmern, bevor eine schläfrige Stimme fragte: »Wer ist da?«

»Harry.«

Der eindringliche Tonfall sorgte dafür, dass Giles aus dem Bett sprang und die Tür sofort öffnete. »Was ist los?«

»Komm mit«, sagte Harry ohne eine weitere Erklärung.

Giles streifte seinen Morgenmantel über und folgte seinem Schwager durch den Korridor und in dessen Suite.

»Guten Morgen, Schwesterherz«, begrüßte er Emma, als Harry ihm die Karte reichte und sagte: »HRH.«

»Verstehe«, sagte Giles, nachdem er die Karte gemustert hatte. »Die Königinmutter kann die Blumen nicht geschickt haben. Aber wenn sie es nicht war, wer dann?« Er beugte sich vor und betrachtete die Vase genauer. »Wer immer es auch war, hätte jede Menge Semtex hier reinpacken können.«

»Oder einfach nur sehr viel Wasser«, sagte Emma. »Bist du sicher, dass ihr beide euch nicht unnötig Sorgen macht?«

»Wenn es Wasser ist, warum welken die Blumen dann bereits?«, fragte Giles gerade, als Kapitän Turnbull an die Tür klopfte und eintrat.

»Sie wollten mich sprechen, Chairman?«

Emma begann zu erklären, warum ihr Mann und ihr Bruder vor der Vase knieten.

»Wir haben vier Männer des SAS an Bord«, sagte der Kapitän, indem er Emma unterbrach. »Einer von ihnen sollte in der Lage sein, alle Fragen zu beantworten, die Mr. Clifton möglicherweise hat.«

»Ich nehme an, dass sie nicht nur zufällig an Bord sind«, sagte Giles. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie alle gleichzeitig beschlossen haben, in New York Urlaub zu machen.«

»Sie sind aufgrund einer Bitte des Kabinettssekretärs auf dem Schiff«, erwiderte der Kapitän. »Aber Sir Alan Redmayne hat mir versichert, dass es sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme handelt.«

»Wie immer weiß dieser Mann etwas, das wir nicht wissen«, sagte Harry.

»Dann ist es vielleicht an der Zeit, dass wir erfahren, worum es sich handelt.«

Der Kapitän verließ die Suite, folgte rasch dem Korridor und blieb erst wieder stehen, als er Kabine 119 erreicht hatte. Colonel Scott-Hopkins reagierte viel schneller auf das Klopfen an der Tür, als Giles dies wenige Minuten zuvor getan hatte.

»Haben Sie einen Experten zum Entschärfen von Bomben in Ihrer Einheit?«

»Sergeant Roberts. Er war mit einer entsprechenden Einheit in Palästina.«

»Ich brauche ihn sofort in der Suite der Vorstandsvorsitzenden.«

Der Colonel verschwendete keine Zeit damit, nach dem Grund zu fragen. Er rannte durch den Korridor auf die große Treppe zu, wo Captain Hartley bereits auf ihn zueilte.

»Ich habe gerade gesehen, wie Liam Doherty aus dem Waschraum der Lounge in der ersten Klasse gekommen ist.«

»Sind Sie sicher?«

»Ja. Er ist als Peer reingegangen und zwanzig Minuten später als Liam Doherty wieder rausgekommen. Dann ist er in Richtung Touristenklasse gegangen.«

»Könnte sein, dass das die Erklärung für alles ist«, sagte Scott-Hopkins, während er dicht gefolgt von Hartley die Treppe hinuntereilte. »Welche Kabinennummer hat Roberts?«, fragte er, ohne innezuhalten.

»Sieben vier zwei«, sagte Hartley, als die beiden über die rote Kette sprangen, hinter der die schmalere Treppe begann. Sie blieben erst stehen, als sie Deck sieben erreicht hatten, wo sich Corporal Crann aus dem Schatten löste.

»Ist Doherty in den letzten Minuten an Ihnen vorbeigekommen?«

»Verdammt«, sagte Crann, »ich wusste doch, dass ich den Bastard schon durch die Falls Road habe stolzieren sehen. Er ist in sieben null sechs gegangen.«

»Hartley«, sagte der Colonel, während er weiter durch den Korridor eilte, »Sie und Crann behalten Doherty im Auge. Sorgen Sie dafür, dass er seine Kabine nicht verlässt. Wenn er es versucht, verhaften Sie ihn.« Der Colonel hämmerte gegen die Tür von Kabine 742. Sergeant Roberts brauchte kein zweites Klopfen. Nur Sekunden später öffnete er die Tür und begrüßte Colonel Scott-Hopkins mit einem »Guten Morgen, Sir«, als würde ihn sein vorgesetzter Offizier regelmäßig mitten in der Nacht im Pyjama wecken.

»Schnappen Sie sich Ihre Ausrüstung, Roberts, und folgen Sie mir. Wir haben keine Sekunde zu verlieren«, sagte der Colonel, der schon wieder in Bewegung war.

Roberts benötigte drei Treppen, um seinen vorgesetzten Offizier einzuholen. Als sie in den Korridor zu den Kabinen der ersten Klasse stürmten, wusste Roberts, um welche seiner besonderen Fähigkeiten es dem Colonel ging. Er eilte in die Suite der Vorstandsvorsitzenden und warf einen kurzen, aber gründlichen Blick auf die Vase, bevor er langsam um sie herumging.

»Wenn es eine Bombe ist«, sagte er schließlich, »dann ist sie wirklich groß. Ich kann nicht einmal ansatzweise abschätzen, wie viele Menschen ihr Leben verlieren würden, wenn wir dieses Scheißding nicht entschärfen.«

»Aber können Sie das auch?«, fragte der Kapitän, der sich bemerkenswert ruhig anhörte. »Denn wenn Sie das nicht können, dann gilt meine vorrangige Verantwortung den Passagieren. Ich habe kein Interesse daran, dass man diese Reise in Zukunft mit einer anderen katastrophalen Jungfernfahrt vergleichen wird.«

»Ich kann überhaupt nichts tun, solange ich den Zünder nicht habe. Er muss irgendwo anders auf dem Schiff sein«, sagte Roberts. »Wahrscheinlich nicht allzu weit entfernt.«

»In der Suite Seiner Lordschaft, würde ich vermuten«, sagte der Colonel, »denn inzwischen wissen wir, dass diese von einem Bombenleger der IRA namens Liam Doherty benutzt wurde.«

»Weiß irgendjemand, welche Kabine das ist?«, fragte der Kapitän.

»Nummer drei«, sagte Harry, der an den alten Mann dachte, der sich viel zu schnell bewegt hatte. »Gleich den Korridor hinunter.«

Gefolgt von Scott-Hopkins, Harry und Giles rannten der Kapitän und der Sergeant aus dem Zimmer hinaus auf den Korridor. Der Kapitän öffnete die Kabinentür mit seinem Hauptschlüssel und ging zur Seite, um Roberts eintreten zu lassen. Der Sergeant eilte zu dem großen Koffer, der in der Mitte des Zimmers stand. Vorsichtig hob er den Deckel und spähte hinein.

»Um Himmels willen, die Bombe soll in acht Minuten und neununddreißig Sekunden hochgehen.«

»Können Sie nicht einfach eine dieser Verbindungen kappen?«, fragte Kapitän Turnbull und deutete auf ein Gewirr verschiedenfarbiger Drähte.

»Ja, schon, aber welche?«, erwiderte Roberts, ohne den Kapitän anzusehen, während er vorsichtig einen roten, einen schwarzen, einen blauen und einen gelben Draht voneinander löste. »Ich hatte schon oft mit solchen Apparaturen zu tun. Die Chancen stehen immer eins zu vier, und das ist ein Risiko, das ich nicht einzugehen bereit bin. Ich würde es in Erwägung ziehen, wenn ich irgendwo alleine in der Wüste wäre«, fügte er hinzu, »doch nicht auf einem Schiff mitten im Ozean, wo Hunderte Passagiere ihr Leben verlieren könnten.«

»Dann sollten wir sofort Doherty hierherholen«, schlug Kapitän Turnbull vor. »Er wird wissen, welchen Draht man durchtrennen muss.«

»Das bezweifle ich«, sagte Roberts. »Ich glaube nämlich, dass es gar nicht Doherty war, der diese Bombe gebaut hat. Sie dürften einen Experten an Bord haben, der für diese Aufgabe zuständig ist, und nur Gott weiß, wo der sich gerade aufhält.«

»Uns läuft die Zeit davon«, erinnerte der Colonel die beiden, während er zusah, wie der Sekundenzeiger unerbittlich seine Kreise zog. »Sieben Minuten und drei, zwei, eine Sekunde …«

»Also, Roberts, was würden Sie vorschlagen?«, fragte der Kapitän mit ruhiger Stimme.

»Es wird Ihnen nicht gefallen, Sir, aber unter den gegebenen Umständen gibt es nur eines, das wir tun können. Und das bedeutet ein verdammt großes Risiko, wenn man bedenkt, dass uns nur noch weniger als sieben Minuten bleiben.«

»Dann spucken Sie’s schon aus, Mann«, knurrte der Colonel.

»Wir müssen die beschissene Bombe holen, über Bord werfen und beten.«

Harry und Giles rannten zurück in die Suite und traten rechts und links neben die Vase. Emma hatte sich inzwischen angezogen. Es gab jede Menge Fragen, die sie den beiden gerne gestellt hätte, doch wie jeder, der in einem großen Unternehmen den Vorstandsvorsitz führt, wusste sie, wann es besser war zu schweigen.

»Heben Sie die Vase ganz vorsichtig an«, sagte Roberts. »Behandeln Sie sie wie eine Schüssel kochendes Wasser.«

Wie zwei Gewichtheber gingen Harry und Giles in die Hocke und hoben die schwere Vase vom Tisch, indem sie sich langsam wieder aufrichteten. Sobald sie sicher sein konnten, dass die Vase fest in ihren Händen ruhte, schoben sie sich seitwärts durch die Kabine auf die offene Tür zu. Rasch beseitigten Scott-Hopkins und Roberts alle Hindernisse, die auf ihrem Weg lagen.

»Folgen Sie mir«, sagte der Kapitän, als sie in den Korridor traten und langsam auf die große Treppe zugingen. Harry konnte kaum glauben, wie schwer die Vase war. Dann erinnerte er sich daran, dass der Mann, der sie zur Suite gebracht hatte, geradezu ein Riese gewesen war. Kein Wunder, dass er nicht geblieben war, um auf ein Trinkgeld zu warten. Wahrscheinlich war er inzwischen auf dem Rückweg nach Belfast, oder er saß irgendwo vor einem Radiogerät und wartete darauf, vom Schicksal der Buckingham zu hören und zu erfahren, wie viele Passagiere ihr Leben verloren hatten.

Sobald sie den Fuß der großen Treppe erreicht hatten, begann Harry jede Stufe laut mitzuzählen, die sie hinter sich brachten. Nach sechzehn Stufen blieb er stehen, um Atem zu schöpfen, während der Kapitän und der Colonel die Schwingtüren aufhielten, die auf das Sonnendeck führten, das Emmas ganzer Stolz war.

»Wir müssen so weit wie möglich nach achtern gehen«, sagte der Kapitän. »So können wir eher vermeiden, dass der Rumpf beschädigt wird.« Harry schien nicht überzeugt. »Machen Sie sich keine Sorgen, es ist nicht mehr weit.«

Wie weit ist nicht mehr weit?, fragte sich Harry, der die Vase am liebsten sofort über Bord geworfen hätte. Doch er sagte nichts, während sie sich Schritt für Schritt in Richtung Heck bewegten.

»Ich weiß, wie du dich fühlen musst«, sagte Giles, als könne er die Gedanken seines Schwagers lesen.

Im Schneckentempo schoben sie sich am Swimmingpool, dem Tennisplatz und den Sonnenliegen vorbei, welche in einer sorgfältig angeordneten Reihe für die Passagiere bereitstanden, die im Augenblick zwar noch schliefen, aber am Morgen an Deck kommen würden. Harry versuchte, nicht daran zu denken, wie viel Zeit ihnen noch blieb, bevor …

»Zwei Minuten«, sagte Sergeant Roberts mit einem Blick auf die Uhr, was nicht gerade hilfreich war.

Aus den Augenwinkeln konnte Harry die Reling am Heck des Schiffes erkennen. Sie war nur wenige Schritte entfernt, aber er wusste, dass, wie bei der Besteigung des Mount Everest, der letzte kurze Abschnitt die meiste Zeit verschlingen würde.

»Fünfzig Sekunden«, sagte Roberts, als sie an der hüfthohen Reling stehen blieben.

»Erinnerst du dich noch daran, wie wir Fisher am Ende des Schuljahres in den Fluss geworfen haben?«, fragte Giles.

»Wie könnte ich das jemals vergessen?«

»Genauso werfen wir dieses verdammte Ding auf drei ins Meer, um es für immer loszuwerden.«

»Eins …«, beide Männer schwangen die Arme zurück, doch es gelang ihnen lediglich, einige Zentimeter weit auszuholen, »zwei …«, jetzt holten sie schon etwas mehr aus, »drei …«, schließlich holten sie so weit aus, wie sie nur konnten, und dann schleuderten sie mit aller Kraft, die sie noch in sich hatten, die Vase in hohem Bogen über die Reling. Als sie nach unten fiel, war Harry überzeugt, dass sie auf Deck aufschlagen würde, doch sie verpasste den Schiffsrand um ein paar Handbreit und landete mit einem schwachen Platschen im Meer. Giles hob triumphierend die Arme und rief: »Hallelujah!«

Nur Sekunden später explodierte die Bombe und schleuderte beide quer über das Deck.

2

Kevin Rafferty schaltete das Freizeichen seines Taxis ein, als er sah, wie Martinez sein Haus am Eaton Square verließ. Seine Befehle hätten nicht unmissverständlicher sein können. Sollte der Kunde zu fliehen versuchen, war davon auszugehen, dass er nicht die Absicht hatte, die zweite Rate für den Bombenanschlag auf die Buckingham zu bezahlen, was eine entsprechende Strafe nach sich ziehen würde.

Der ursprüngliche Befehl war vom Gebietskommandeur der IRA in Belfast erteilt worden. Die einzige Änderung, der der Gebietskommandeur zugestimmt hatte, betraf die Tatsache, dass es ihm überlassen blieb, welcher der beiden Söhne von Don Pedro Martinez eliminiert werden sollte. Da Diego und Luis jedoch bereits nach Argentinien geflohen waren und offensichtlich nicht die Absicht hatten, nach England zurückzukehren, stand nur noch Don Pedro Martinez selbst für die besondere Form russischen Roulettes zur Verfügung, die Rafferty entwickelt hatte.

»Heathrow«, sagte Martinez, als er in das Taxi stieg. Rafferty verließ Eaton Square und folgte der Sloane Street in Richtung Battersea Bridge, wobei er den lautstarken Protest ignorierte, der hinter ihm erklang. Bei immer noch strömendem Regen überholte er um vier Uhr morgens nur ein Dutzend Autos, bevor er die Brücke überquerte. Wenige Minuten später hielt er vor einem verlassenen Lagerhaus in Lambeth. Sobald er sicher sein konnte, dass niemand in der Nähe war, sprang er aus dem Taxi, öffnete rasch das rostige Vorhängeschloss am Tor des Gebäudes und fuhr hinein. Dann wendete er den Wagen, um ohne weitere Verzögerung davonfahren zu können, sobald sein Auftrag erledigt war.

Rafferty schloss das Tor und schaltete die nackte, staubbedeckte Glühbirne ein, die von einem Balken in der Mitte des Raumes herabhing. Er zog einen Revolver aus der Innentasche seiner Jacke, bevor er zum Taxi zurückkehrte. Obwohl er nur halb so alt wie Martinez war – und überdies doppelt so fit, wie es der Argentinier selbst zu seinen besten Zeiten gewesen war –, konnte er es sich nicht leisten, ein Risiko einzugehen. Wenn ein Mann damit rechnen muss, dass er sterben wird, und deswegen sehr viel Adrenalin durch seine Adern strömt, kann er beim Versuch zu überleben übermenschliche Kräfte entwickeln. Davon abgesehen vermutete Rafferty, dass Martinez heute nicht zum ersten Mal mit der Möglichkeit seines Todes konfrontiert wurde. Doch diesmal war es nicht nur eine Möglichkeit.

Er öffnete die hintere Tür des Taxis und gab Martinez mit einer Bewegung seines Revolvers zu verstehen, dass er aussteigen solle.

»Hier ist das Geld, das ich Ihnen bringen wollte«, sagte Martinez nachdrücklich und hielt die Tasche hoch.

»Sie hatten sicher gehofft, mich in Heathrow zu treffen, nicht wahr?« Wenn es sich um die volle Summe handelte blieb Rafferty keine andere Wahl, als das Leben des Argentiniers zu verschonen. »Zweihundertfünfzigtausend Pfund?«

»Nein, aber etwas über dreiundzwanzigtausend. Eine erste Abschlagszahlung, verstehen Sie? Der Rest befindet sich im Haus. Wenn wir umkehren …«

Rafferty wusste, dass das Haus am Eaton Square zusammen mit allen anderen Wertgegenständen aus Martinez’ Besitz von der Bank beschlagnahmt worden war. Es war offensichtlich, dass Martinez versucht hatte, zum Flughafen zu gelangen, bevor die IRA herausfinden würde, dass er nicht die Absicht hatte, seinen Teil der Abmachung einzuhalten.

Rafferty packte die Tasche und warf sie auf den Rücksitz des Taxis. Er beschloss, Martinez’ Tod etwas mehr in die Länge zu ziehen, als er ursprünglich geplant hatte. Schließlich gab es für ihn während der nächsten Stunde nichts anderes zu tun.

Er deutete mit dem Revolver auf einen Holzstuhl, der direkt unter der Glühbirne stand. Er war mit Blut von früheren Hinrichtungen bespritzt. Mit großer Kraft drückte Rafferty sein Opfer nach unten, und bevor Martinez reagieren konnte, fesselte er ihm die Arme auf den Rücken. Diese besondere Aktion hatte er auch früher schon mehrfach ausgeführt. Dann band er Martinez’ Beine zusammen, und schließlich trat er einen Schritt zurück, um sein Werk zu betrachten.

Jetzt musste Rafferty nur noch entscheiden, wie lange das Opfer noch leben durfte. Die einzige Bedingung dabei war, dass er pünktlich in Heathrow sein musste, um den frühen Morgenflug nach Belfast zu erwischen. Er sah auf die Uhr. Er genoss jedes Mal den Blick, den seine Opfer hatten, solange sie noch glaubten, sie hätten eine Chance, mit dem Leben davonzukommen.

Er ging zum Taxi zurück, zog den Reißverschluss von Martinez’ Tasche auf und zählte die Bündel neuer Fünf-Pfund-Noten. Wenigstens in dieser Hinsicht hatte der Argentinier die Wahrheit gesagt, auch wenn die Summe um gut 226.000 Pfund zu niedrig war. Er zog den Reißverschluss zu und legte die Tasche in den Kofferraum, denn Martinez würde keine Verwendung mehr dafür haben.

Die Befehle des Gebietskommandeurs waren eindeutig gewesen: Sobald sein Auftrag erledigt war, sollte Rafferty die Leiche im Lagerhaus zurücklassen; einer seiner Kameraden würde sich darum kümmern, sie zu beseitigen. Darüber hinaus hatte Rafferty nur noch einen Anruf zu tätigen und dabei die Nachricht »Das Paket kann jetzt abgeholt werden« zu hinterlassen. Danach sollte er zum Flughafen fahren und das Taxi samt Geld auf der obersten Ebene des Parkhauses mit den Langzeitstellplätzen zurücklassen. Ein weiterer seiner Kameraden wäre für die Entgegennahme und die Verteilung des Geldes verantwortlich.

Rafferty kehrte zu Martinez zurück, der ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er seinem Opfer in den Bauch geschossen. Dann hätte er ein paar Minuten gewartet, bis die Schreie etwas nachgelassen hätten, und ihm dann eine Kugel in den Unterleib geschossen. Noch mehr Schreie, wahrscheinlich noch lauter, bis er seinem Opfer die Waffe schließlich in den Mund geschoben hätte. Danach hätte er seinem Opfer mehrere Sekunden lang in die Augen gestarrt und dann ohne Vorwarnung abgedrückt. Aber das hätte drei Schüsse bedeutet. Gut möglich, dass niemand einen einzelnen Schuss bemerken würde, doch drei Schüsse würden mitten in der Nacht unweigerlich Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Also würde sich Rafferty an die Befehle seines Gebietskommandeurs halten. Ein Schuss, keine Schreie.

Er lächelte Martinez zu, der hoffnungsvoll aufblickte, bis er sah, dass der Revolver auf seinen Mund gerichtet war.

»Aufmachen«, sagte Rafferty mit der Miene eines freundlichen Zahnarztes, der ein widerstrebendes Kind zu überreden versucht. Alle seine Opfer hatten gemeinsam, dass sie heftig mit den Zähnen klapperten.

Martinez leistete Widerstand und war gezwungen, bei diesem ungleichen Kampf einen seiner Vorderzähne zu schlucken. Schweiß strömte über die fleischigen Falten seines Gesichts. Er musste nur ein paar Sekunden warten, dann drückte Rafferty den Abzug. Doch alles, was Martinez hörte, war ein Klicken.

Einige fielen dabei in Ohnmacht, andere starrten nur ungläubig vor sich hin, und wieder anderen wurde entsetzlich übel, wenn sie begriffen, dass sie noch am Leben waren. Rafferty hasste die Opfer, die ohnmächtig wurden. Es bedeutete, dass er warten musste, bis sie sich wieder völlig erholt hatten, bevor er das Ganze von vorne beginnen konnte. Martinez jedoch besaß die Freundlichkeit, hellwach zu bleiben.

Wenn Rafferty die Waffe aus dem Mund seiner Opfer zog, kam es häufig vor, dass diese lächelten, weil sie vermuteten, dass das Schlimmste vorbei war. Doch als er jetzt erneut die Trommel drehte, wusste Martinez, dass er sterben würde. Es war nur eine Frage der Zeit. Das Wo und das Wie standen bereits fest.

Rafferty war immer wieder enttäuscht, wenn er schon beim ersten Schuss Erfolg hatte. Sein persönlicher Rekord war neun, doch der Durchschnitt lag bei vier oder fünf. Nicht dass er irgendetwas auf Statistiken gegeben hätte. Erneut schob er den Lauf seiner Pistole in Martinez’ Mund und trat einen Schritt zurück. Schließlich wollte er sich nicht mit Blut beschmutzen. Der Argentinier war so dumm, auch diesmal Widerstand zu leisten, wobei seine Mühen nur zur Folge hatten, dass er einen weiteren Zahn verlor, diesmal einen goldenen. Rafferty steckte den Zahn ein, bevor er ein zweites Mal abdrückte, doch wieder folgte lediglich ein erneutes Klicken. Er zog den Lauf zurück in der Hoffnung, einen weiteren Zahn zu lösen. Oder wenigstens einen halben.

»Beim dritten Mal klappt’s«, sagte Rafferty, als er den Lauf erneut in Martinez’ Mund schob und abdrückte. Wieder nichts.

Allmählich wurde er ungeduldig. Inzwischen hoffte er, dass die Arbeit an diesem Morgen im vierten Anlauf erledigt sein würde. Er drehte die Trommel nicht ganz so begeistert wie zuvor, doch als er aufsah, erkannte er, dass Martinez ohnmächtig geworden war. So eine Enttäuschung. Es gefiel ihm, wenn seine Opfer in dem Augenblick, in dem die Kugel in ihr Gehirn eindrang, hellwach waren. Obwohl sie dann nur noch eine Sekunde zu leben hatten, war das eine Erfahrung, die er genoss. Er packte Martinez bei den Haaren, zerrte dessen Mund auf und schob die Waffe hinein. Er wollte gerade ein viertes Mal abdrücken, als das Telefon in der Ecke des Raumes zu läuten begann. Das eindringliche metallische Echo in der kalten Nacht überraschte Rafferty. Er hatte das Telefon noch nie zuvor läuten hören. Bisher hatte er es nur benutzt, um selbst eine Nummer zu wählen und seine aus sechs Worten bestehende Nachricht zu übermitteln.

Widerwillig zog er den Lauf des Revolvers aus Martinez’ Mund, ging zum Telefon und nahm den Hörer ab. Er sagte nichts, sondern hörte nur zu.

»Die Mission wurde abgebrochen«, erklärte eine Stimme, die sich gebildet anhörte, in knappem Ton. »Sie werden die zweite Rate nicht einziehen müssen.«

Ein Klicken, gefolgt von einem Summton.

Rafferty legte den Hörer auf. Vielleicht sollte er die Trommel seiner Waffe noch einmal drehen, um dann, wenn er Erfolg hatte, zu berichten, dass Martinez bereits tot gewesen war, als der Anruf einging. Bisher hatte er den Gebietskommandeur nur ein einziges Mal angelogen, was der fehlende Finger an seiner linken Hand bewies. Zwar erzählte er jedem, der danach fragte, dass ihm ein britischer Polizist während eines Verhörs den Finger abgeschnitten hatte, doch nur wenige Menschen auf beiden Seiten glaubten ihm das.

Zögernd schob er den Revolver in die Tasche und ging langsam zurück zu Martinez, der mit dem Kopf zwischen den Beinen auf dem Stuhl zusammengesunken war. Er beugte sich nach vorn und löste die Fesseln um Hand- und Fußgelenke des Argentiniers. Martinez stürzte zu Boden. Rafferty riss ihn an den Haaren hoch, warf ihn über die Schulter wie einen Sack Kartoffeln und wuchtete ihn auf den Rücksitz des Taxis. Für einen kurzen Moment hoffte er, der Argentinier würde ihm Widerstand leisten, doch so viel Glück sollte er heute nicht haben.

Er fuhr aus dem Lagerhaus, verriegelte das Tor und machte sich auf den Weg nach Heathrow, wo er an diesem Morgen mehrere andere Taxifahrer treffen würde.

Sie waren noch ein paar Meilen vom Flughafen entfernt, als Martinez wieder in dieser anstatt in der nächsten Welt zu sich kam. Rafferty beobachtete im Rückspiegel, wie der Argentinier aus seiner Ohnmacht erwachte. Martinez blinzelte mehrere Male, bevor er sich zum Fenster wandte und sah, wie zahllose Reihen von Vorstadthäusern vorbeihuschten. Als er seine Lage schließlich begriff, beugte er sich zur Seite und erbrach sich über die gesamte Rückbank. Raffertys Kamerad wäre nicht gerade begeistert.

Martinez gelang es schließlich, seinen schlaffen Körper aufzurichten. Es hielt sich gerade, indem er sich mit beiden Händen an den Rand des Sitzes klammerte. Er starrte den Mann an, der am Ende doch nicht zu seinem Henker geworden war. Warum hatte er sich umentschieden? Aber vielleicht hatte er das ja gar nicht. Vielleicht sollte die Hinrichtung ja nur an einem anderen Ort stattfinden. Martinez schob sich nach vorn in der Hoffnung auf die kleinste Fluchtmöglichkeit, doch er musste schmerzlich feststellen, dass Rafferty alle paar Sekunden einen misstrauischen Blick in den Rückspiegel warf.

Rafferty bog von der Hauptstraße ab und folgte den Schildern, die ihm den Weg zum Parkhaus mit den Langzeitstellplätzen wiesen. Er fuhr auf die oberste Ebene und parkte den Wagen in der hintersten Ecke. Dann stieg er aus, schloss den Kofferraum auf und öffnete die Reisetasche, wobei er auch diesmal den Anblick der ordentlich aufgereihten Stapel neuer Fünf-Pfund-Noten genoss. Am liebsten hätte er das Geld mit nach Hause genommen, um es dort für den gemeinsamen Kampf einzusetzen, doch er konnte nicht riskieren, jetzt, da so viele zusätzliche Sicherheitsbeamte jeden Flug nach Belfast überwachten, mit einer so großen Summe angehalten zu werden.

Er nahm den argentinischen Pass, ein einfaches Flugticket erster Klasse sowie zehn Pfund aus der Tasche und warf stattdessen seinen Revolver hinein. Auch die Waffe sollte man besser nicht bei ihm finden. Dann verschloss er den Kofferraum, öffnete die Fahrertür und legte die Wagenschlüssel zusammen mit dem Parkschein unter den Sitz. Einer seiner Kameraden würde das Auto noch am selben Morgen abholen. Dann öffnete er die Hecktür und trat beiseite, damit Martinez aussteigen konnte, doch dieser rührte sich nicht von der Stelle. Würde der Argentinier einen Fluchtversuch unternehmen? Besser nicht, wenn ihm sein Leben lieb war. Schließlich konnte er nicht wissen, dass Rafferty keine Waffe mehr hatte.

Er packte Martinez am Ellbogen, zerrte ihn aus dem Wagen und schob ihn auf den nächsten Ausgang zu. Zwei Männer kamen ihnen auf der Treppe entgegen, als sie in Richtung Erdgeschoss gingen. Rafferty verschwendete keinen zweiten Blick an sie.

Keiner von beiden sprach auf dem langen Weg zum Flughafengebäude. Als sie die Eingangshalle erreichten, gab Rafferty Martinez seinen Pass, sein Ticket und die beiden Fünf-Pfund-Noten.

»Und der Rest?«, knurrte Don Pedro. »Denn Ihren Kollegen ist es offensichtlich nicht gelungen, die Buckingham zu versenken.«

»Sie sollten sich glücklich schätzen, noch am Leben zu sein«, erwiderte Rafferty. Dann wandte er sich ab und verschwand in der Menge.

Einen kurzen Augenblick lang erwog Don Pedro, zum Taxi zurückzukehren und zu versuchen, sich sein Geld zurückzuholen. Stattdessen begab er sich widerstrebend zum Südamerika-Schalter von British Airways und reichte der Mitarbeiterin der Fluggesellschaft sein Ticket.

»Guten Morgen, Mr. Martinez«, sagte die junge Frau. »Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Aufenthalt in England.«

3

»Wo hast du denn dieses blaue Auge her, Dad?«, wollte Sebastian wissen, als er später an jenem Morgen in den Grill Room der Buckingham kam, wo der Rest der Familie bereits zum Frühstück Platz genommen hatte.

»Deine Mutter hat es mir verpasst, als ich anzudeuten wagte, dass sie schnarcht«, antwortete Harry.

»Ich schnarche nicht«, sagte Emma und strich sich Butter auf eine weitere Scheibe Toast.

»Und was ist mit dir, Onkel Giles? Hat Mutter dir den Arm gebrochen, weil auch du behauptet hast, dass sie schnarcht?«, fragte Sebastian.

»Ich schnarche nicht!«, wiederholte Emma.

»Sebastian«, sagte Samantha mit fester Stimme, »du solltest niemandem eine Frage stellen, von der du weißt, dass der Betreffende sie nicht beantworten möchte.«

»Gesprochen wie die Tochter eines Diplomaten«, sagte Giles und lächelte Sebastians Freundin über den Tisch hinweg zu.

»Gesprochen wie ein Politiker, der meine Frage nicht beantworten will«, sagte Sebastian. »Aber ich bin entschlossen herauszufinden …«

»Guten Morgen, hier spricht Ihr Kapitän«, verkündete eine von Knackgeräuschen begleitete Stimme über die Lautsprecheranlage. »Wir reisen im Augenblick mit einer Geschwindigkeit von zweiundzwanzig Knoten. Die Temperatur beträgt zwanzig Grad Celsius, und wir rechnen in den nächsten vierundzwanzig Stunden nicht mit einer größeren Wetteränderung. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Nacht. Nutzen Sie die wunderbaren Einrichtungen, die die Buckingham Ihnen bietet, besonders unsere Liegestühle und unseren Swimmingpool auf dem Oberdeck, über die kein anderes Schiff verfügt.« Er machte eine lange Pause, bevor er fortfuhr: »Einige Passagiere haben mich nach dem Lärm gefragt, der sie mitten in der Nacht geweckt hat. Anscheinend hat unsere Marine gegen drei Uhr nachts ein Manöver im Atlantik durchgeführt, und obwohl wir mehrere nautische Meilen entfernt waren, muss sich dies in einer klaren Nacht so angehört haben, als befänden sich die Schiffe sehr viel näher. Ich entschuldige mich bei jedem, der von den Schüssen geweckt wurde, aber nachdem ich selbst während des Krieges in der Royal Navy gedient habe, weiß ich, dass solche nächtlichen Manöver notwendig sind. Ich darf den Passagieren jedoch versichern, dass für uns zu keinem Zeitpunkt irgendeine Gefahr bestand. Vielen Dank. Genießen Sie den schönen Tag.«

Für Sebastian hörte es sich so an, als habe der Kapitän eine vorbereitete Erklärung abgelesen, und als er über den Tisch hinweg zu seiner Mutter sah, musste er sich nicht länger fragen, wer diese Erklärung geschrieben hatte. »Ich würde so gerne dem Vorstand angehören«, sagte er.

»Warum?«, fragte Emma.

»Dann«, sagte er und sah ihr direkt ins Gesicht, »würde ich erfahren, was letzte Nacht wirklich passiert ist.«

Die zehn Männer blieben stehen, bis Emma am Kopfende des Tisches Platz genommen hatte. Der Tisch war in ihren Augen nicht ganz passend, was daran lag, dass der Ballsaal der MV Buckingham nicht für außerordentliche Vorstandssitzungen eingerichtet war.

Sie musterte ihre Kollegen und sah, dass keiner von ihnen lächelte. Zwar hatte es im Leben der meisten von ihnen Krisen gegeben, doch niemals Vorkommnisse von einer solchen Tragweite. Sogar Admiral Summers kniff die Lippen zusammen. Emma öffnete die blaue Aktenmappe, die vor ihr lag. Harry hatte sie ihr geschenkt, als sie zur Vorstandsvorsitzenden gewählt worden war. Er war es auch, erinnerte sie sich, der sie auf die Gefahr aufmerksam gemacht und diese dann überwunden hatte.

»Ich brauche nicht zu betonen, dass alles, was wir heute besprechen, streng vertraulich bleiben muss, denn es wäre keine Übertreibung zu behaupten, dass die Zukunft der Barrington-Reederei auf dem Spiel steht – ganz zu schweigen von der Sicherheit jedes Reisenden an Bord«, sagte sie.

Emma warf einen Blick auf die Tagesordnung, die Philip Webster, der Vorstandssekretär, am Tag zuvor beim Auslaufen aus Avonmouth vorbereitet hatte. Sie war bereits überholt. Auf der revidierten Tagesordnung stand nur ein einziger Punkt, und heute würde gewiss über nichts anderes diskutiert werden.

»Zunächst«, sagte Emma, »werde ich Ihnen – und zwar höchst inoffiziell – all das berichten, was sich heute in den frühen Morgenstunden ereignet hat, und dann müssen wir gemeinsam entscheiden, wie wir weiter vorgehen wollen. Es war kurz nach drei, als ich von meinem Mann geweckt wurde …« Zwanzig Minuten später warf Emma noch einmal einen Blick auf ihre Notizen. Sie hatte den Eindruck, alles Vergangene erwähnt zu haben, und sie akzeptierte, dass sie keine Möglichkeit hatte, die Zukunft vorherzusagen.

»Sind wir damit durchgekommen?«, wollte der Admiral wissen, nachdem Emma ihre Kollegen aufgefordert hatte, mögliche Fragen zu stellen.

»Die meisten Passagiere haben die Erklärung des Kapitäns ohne Weiteres akzeptiert.« Sie schlug eine Seite in ihrer Akte um. »Bisher haben wir jedoch Beschwerden von vierunddreißig Personen erhalten. Mit einer Ausnahme haben sich alle mit einer kostenlosen Reise als Entschädigung zufriedengegeben.«

»Sie können sicher sein, dass sich noch sehr viel mehr melden werden«, sagte Bob Bingham mit der typischen Unverblümtheit eines Mannes aus dem Norden, während die Mienen der älteren Vorstandsmitglieder zumindest äußerlich ungerührt blieben.

»Was macht Sie da so sicher?«, fragte Emma.

»Sobald die anderen Passagiere herausgefunden haben, dass sie nur einen Beschwerdebrief schreiben müssen, um eine kostenlose Reise zu bekommen, werden die meisten von ihnen in ihre Kabine gehen und zu Stift und Papier greifen.«

»Vielleicht denkt ja nicht jeder wie Sie«, warf der Admiral ein.

»Genau deswegen bin ich im Vorstand«, erwiderte Bingham, der sich nicht von seiner Überzeugung abbringen ließ.

»Chairman, Sie haben uns gesagt, dass alle Passagiere bis auf einen sich mit dem Angebot einer kostenlosen Reise zufriedengegeben haben«, sagte Jim Knowles.

»Ja«, antwortete Emma. »Unglücklicherweise hat ein amerikanischer Gast damit gedroht, das Unternehmen zu verklagen. Er behauptet, in den frühen Morgenstunden an Deck gewesen zu sein, und obwohl von unserer Marine nichts zu sehen und zu hören war, endete die ganze Angelegenheit für ihn trotzdem mit einem gebrochenen Fußknöchel.«

Plötzlich sprachen alle Vorstandsmitglieder durcheinander. Emma wartete, bis sie sich wieder ein wenig beruhigt hatten. »Ich werde« – sie warf einen Blick in ihre Akte – »Mr. Hayden Rankin um zwölf treffen.«

»Wie viele Amerikaner sind an Bord?«, fragte Bingham.

»Etwa einhundert. Warum fragen Sie, Bob?«

»Hoffen wir, dass nicht zu viele Anwälte darunter sind, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Rettungswagen hinterherzuhetzen, denn sonst werden wir uns für den Rest unseres Lebens mit Prozessen herumschlagen.« Überall am Tisch erklang nervöses Gelächter. »Bitte versichern Sie mir, Emma, dass Mr. Rankin kein Anwalt ist.«

»Es ist schlimmer«, sagte sie. »Er ist Politiker.«

»Ein Wurm, der sich glücklich in einem Fass frischer Äpfel wiederfindet«, sagte Andy Dobbs, ein Vorstandsmitglied, das sich nur selten zu Wort meldete.

»Ich kann Ihnen nicht ganz folgen, alter Junge«, sagte Clive Anscott, der auf der anderen Seite des Tisches saß.

»Ein Lokalpolitiker, der wahrscheinlich glaubt, dass er eine Gelegenheit gefunden hat, sich auf nationaler Ebene einen Namen zu machen.«

»Das hat uns gerade noch gefehlt«, sagte Knowles.

Die Vorstandsmitglieder schwiegen lange, bis Bob Bingham schließlich in sachlichem Ton sagte: »Wir müssen ihn ausschalten. Die einzige Frage ist, wer den Abzug drückt.«

»Das werde dann wohl ich sein müssen«, sagte Giles. »Denn ich bin der einzige andere Wurm im Fass.« Dobbs sah angemessen verlegen aus. »Ich werde versuchen, ihn zu treffen, bevor er seinen Termin bei Ihnen wahrnimmt, Chairman. Vielleicht kann ich ja irgendetwas bei ihm ausrichten. Hoffen wir mal, dass er Demokrat ist.«

»Danke, Giles«, sagte Emma, die sich immer noch nicht daran gewöhnt hatte, dass ihr Bruder sie in den Vorstandssitzungen mit »Chairman« ansprach.

»Welche Beeinträchtigungen sind dem Schiff durch die Detonation entstanden?«, fragte Peter Maynard, der sich bisher noch nicht zu Wort gemeldet hatte.

»Weniger, als ich ursprünglich befürchtet habe«, antwortete Kapitän Turnbull und stand auf. »Eine der vier Schiffsschrauben wurde durch die Explosion beschädigt. Wir können sie erst wieder ersetzen, wenn wir zurück in Avonmouth sind. Hinzu kommen einige Schäden am Rumpf, die aber allesamt recht oberflächlich sind.«

»Werden wir dadurch langsamer vorankommen?«, fragte Michael Carrick.

»Solange niemandem auffällt, dass wir statt der zweiundzwanzig Knoten eigentlich in der Lage sein sollten, vierundzwanzig Knoten zu fahren, dürfte das kein Problem werden. Die anderen drei Schiffsschrauben sind voll funktionsfähig, und da ich immer geplant hatte, in den frühen Morgenstunden des 4. November in New York einzutreffen, müsste man als Passagier schon höchst aufmerksam sein, um mitzubekommen, dass wir ein paar Stunden hinter dem Zeitplan liegen.«

»Ich wette, dem Abgeordneten Rankin wird es auffallen«, sagte Knowles, was nicht gerade hilfreich war. »Und wie haben Sie der Besatzung den Schaden erklärt?«

»Überhaupt nicht. Die Leute werden nicht dafür bezahlt, dass sie Fragen stellen.«

»Aber was ist mit der Rückfahrt nach Avonmouth?«, fragte Dobbs. »Können wir das pünktlich schaffen?«

»Unsere Ingenieure werden während der sechsunddreißig Stunden, die wir in New York vor Anker liegen, ununterbrochen daran arbeiten, die Schäden am Heck zu beheben, weshalb das Schiff beim Auslaufen in erstklassiger Verfassung sein dürfte.«

»Ausgezeichnet!«, sagte der Admiral.

»Aber das könnte unser geringstes Problem sein«, sagte Anscott. »Wir dürfen nicht vergessen, dass wir eine IRA-Zelle an Bord haben. Weiß der Himmel, was die außerdem noch geplant haben.«

»Drei dieser Leute wurden bereits festgenommen«, sagte der Kapitän. »Sie wurden buchstäblich in Eisen gelegt und sollen bei unserer Ankunft in New York unverzüglich den Behörden übergeben werden.«

»Aber wäre es nicht denkbar, dass noch mehr IRA-Leute an Bord sind?«, fragte der Admiral.

»Laut Colonel Scott-Hopkins besteht eine IRA-Zelle in der Regel aus vier oder fünf Mann. Somit wäre es tatsächlich möglich, dass sich zwei weitere IRA-Kämpfer an Bord befinden, doch diese werden wohl alles tun, um nicht aufzufallen, nachdem ihre Kameraden festgenommen wurden. Ihre Mission war offensichtlich ein Fehlschlag, und sie haben gewiss kein Interesse daran, dass das in Belfast die Runde macht. Darüber hinaus kann ich bestätigen, dass der Mann, der die Blumen in die Suite unserer Vorsitzenden geliefert hat, sich nicht mehr auf dem Schiff befindet. Er muss von Bord gegangen sein, bevor wir abgelegt haben. Sollte es noch weitere IRA-Leute geben, so vermute ich, dass sie uns auf der Rückfahrt nicht begleiten werden.«

»Ich kann mir noch etwas anderes vorstellen, das mindestens genauso bedrohlich werden könnte wie der Abgeordnete Rankin oder sogar die IRA«, sagte Giles. Als erfahrenem Politiker war es dem Abgeordneten von Bristol Docklands gelungen, mit nur einem Satz die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zu ziehen.

»Woran oder an wen denkst du?«, fragte Emma an ihren Bruder gewandt.

»An die vierte Gewalt. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir selbst in der Hoffnung auf eine ausführliche Berichterstattung mehrere Journalisten dazu eingeladen haben, diese Reise mit uns zu unternehmen. Jetzt haben sie eine Exklusivmeldung.«

»Korrekt, aber außer den hier in diesem Saal Versammelten weiß nur ein einziger Mensch, was letzte Nacht wirklich passiert ist, nämlich Harry. Ganz abgesehen davon haben nur drei Journalisten unsere Einladung angenommen – einer vom Telegraph, einer von der Mail und einer vom Express.«

»Das sind drei zu viel«, sagte Knowles.

»Der Mann vom Express ist der Reisekorrespondent seiner Zeitung«, sagte Emma. »Er ist selten vor Mittag nüchtern, weshalb ich dafür gesorgt habe, dass ständig mindestens zwei Flaschen Johnnie Walker und Gordon’s in seiner Kabine stehen. Die Mail hat ihren Lesern zwölf Tickets für diese Reise spendiert. Daher glaube ich nicht, dass sie besonders ausführlich auf diesen Zwischenfall eingehen werden. Nur Derek Hart vom Telegraph schnüffelt bereits herum und stellt Fragen.«

»Dann werde ich ihm wohl eine noch größere Story liefern müssen, damit er beschäftigt ist«, sagte Giles.

»Was könnte größer sein als der Untergang der Buckingham auf ihrer Jungfernfahrt, verursacht durch die IRA?«

»Der mögliche Untergang Britanniens, verursacht durch eine Labour-Regierung. Wir stehen kurz davor, die Inanspruchnahme eines IWF-Kredites über anderthalb Milliarden Pfund, mit dem wir den Verfall unserer Währung aufhalten wollen, publik zu machen. Der Chefredakteur des Telegraph wird nur allzu gern mehrere Seiten mit dieser Nachricht füllen.«

»Selbst wenn er dies tut«, sagte Knowles, »sollten wir uns, da so viel auf dem Spiel steht, auf die schlimmstmögliche Wendung der Dinge vorbereiten, Chairman. Schließlich könnte die erste Reise der Buckingham auch gleichzeitig ihre letzte sein, wenn unser amerikanischer Politiker beschließt, an die Öffentlichkeit zu gehen, oder Mr. Hart vom Telegraph über die Wahrheit stolpert oder, was Gott verhüten möge, die IRA einen weiteren Anschlag geplant hat.«

Wieder machte sich ein langes Schweigen breit, bis Dobbs schließlich sagte: »Nun, immerhin haben wir unseren Gästen eine Reise versprochen, die sie nie vergessen würden.«

Niemand lachte.

»Mr. Knowles hat recht«, sagte Emma. »Sollte es zu einem dieser drei Ereignisse kommen, werden uns alle Ginflaschen und kostenlosen Tickets nicht mehr helfen. Der Wert unserer Aktien würde über Nacht zusammenbrechen, die Rücklagen des Unternehmens wären rasch aufgebraucht, und die Buchungen würden fast zum Erliegen kommen, bestünde auch nur die entfernteste Möglichkeit, dass ein Bombenleger der IRA eine Kabine weiter dieselbe Reise angetreten hat. Die Sicherheit unserer Passagiere hat oberste Priorität. Deshalb schlage ich vor, dass wir alle den Rest des Tages damit verbringen, so viele Informationen wie möglich zu sammeln, während wir gleichzeitig beruhigend auf die Passagiere einwirken und ihnen versichern, dass alles in Ordnung ist. Ich werde in meiner Kabine sein. Somit wissen Sie, wo Sie mich finden, sollten Sie auf irgendetwas Wichtiges stoßen.«

»Das ist keine gute Idee«, sagte Giles nachdrücklich. Emma wirkte überrascht. »Man sollte die Vorstandsvorsitzende auf dem Sonnendeck sehen, wo sie sich entspannt und die Reise genießt, was die Passagiere viel eher als alles andere davon überzeugen wird, dass es keinen Grund gibt, sich irgendwelche Sorgen zu machen.«

»Ein guter Gedanke«, sagte der Admiral.

Emma nickte. Sie wollte sich gerade von ihrem Platz erheben zum Zeichen, dass die Sitzung beendet war, als Philip Webster murmelte: »Irgendwelche anderen Dinge, die es zu besprechen gibt?«

»Ich glaube nicht«, sagte Emma, die jetzt aufgestanden war.

»Da wäre nur noch eine Sache, Chairman«, sagte Giles. Emma setzte sich wieder. »Als Mitglied der Regierung bin ich verpflichtet, mich als Direktor dieses Unternehmens zurückzuziehen, da ich keinen bezahlten Posten innehaben darf, solange ich im Dienst Ihrer Majestät stehe. Ich weiß, dass sich das ein wenig hochtrabend anhört, aber genau das ist die Erklärung, die jeder neue Minister zu unterzeichnen hat. Davon abgesehen bin ich diesem Vorstand ohnehin nur beigetreten, um zu verhindern, dass Major Fisher den Vorsitz übernimmt.«

»Gott sei Dank gehört er nicht mehr dem Vorstand an«, sagte der Admiral. »Wenn es anders wäre, wüsste bereits die ganze Welt, was vorgefallen ist.«

»Vielleicht ist das auch der eigentliche Grund, warum er nicht an Bord ist«, sagte Giles.

»Sollte das tatsächlich der Fall sein, wird er kein Wort sagen. Es sei denn, er legt Wert darauf, wegen Begünstigung und Unterstützung von Terroristen festgenommen zu werden.«

Emma schauderte. Sie wollte nicht glauben, dass Fisher so tief sinken könnte. Doch angesichts von Giles’ Erfahrungen mit Fisher in Schule und Armee war sie nicht überrascht, dass der Major seit seiner Zusammenarbeit mit Lady Virginia das Unternehmen nicht gerade förderte. Sie wandte sich an ihren Bruder. »Um diese Sitzung in einem etwas leichteren Ton fortzuführen: Ich möchte hiermit offiziell meine Dankbarkeit gegenüber Giles festhalten, der in einer so entscheidenden Zeit dem Unternehmen als Direktor gedient hat. Durch seinen Rückzug entstehen jedoch gleich zwei Vakanzen im Vorstand, denn meine Schwester, Dr. Grace Barrington, hat ihren Posten ebenfalls zur Verfügung gestellt. Vielleicht könnten Sie mir geeignete Kandidaten nennen, um diese beiden Direktoren zu ersetzen?«, sagte Emma und ließ ihren Blick über die um den Tisch Sitzenden schweifen.

»Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte«, sagte der Admiral. Alle wandten sich dem alten Herrn zu. »Barrington’s ist ein West- Country-Unternehmen, das zahlreiche alte lokale Verbindungen besitzt. Unsere Vorsitzende ist eine Barrington, und deshalb mag die Zeit gekommen sein, unseren Blick auf die nächste Generation zu richten und Sebastian Clifton einzuladen, dem Vorstand beizutreten, was uns ermöglichen würde, die Familientradition fortzuführen.«

»Aber er ist doch erst vierundzwanzig!«, protestierte Emma.

»Das ist nicht viel jünger, als es unsere geliebte Königin zum Zeitpunkt der Thronbesteigung war«, rief ihr der Admiral in Erinnerung.

»Cedric Hardcastle, der ein kluger alter Bussard ist, war so sehr von Sebastians Fähigkeiten überzeugt, dass er ihn in der Farthings Bank zu seinem persönlichen Assistenten gemacht hat«, warf Bob Bingham ein und blinzelte Emma zu. »Außerdem habe ich erfahren, dass er kürzlich zum stellvertretenden Leiter der Immobilienabteilung der Bank befördert wurde.«

»Und ich darf Ihnen ganz im Vertrauen mitteilen«, sagte Giles, »dass ich Sebastian ohne zu zögern die Verantwortung für die Aktien unserer Familie übertragen habe, als ich Mitglied der Regierung wurde.«

»Dann«, sagte der Admiral, »bleibt mir nur noch offiziell vorzuschlagen, dass Sebastian Clifton eingeladen werden soll, dem Vorstand von Barrington Shipping beizutreten.«

»Diesen Vorschlag werde ich gerne unterstützen«, sagte Bingham.

»Ich muss gestehen, dass ich verlegen bin«, sagte Emma.

»Das wäre das erste Mal«, sagte Giles, was die Stimmung ein wenig auflockerte.

»Soll ich zur Wahl aufrufen, Chairman?«, fragte Webster. Emma nickte und ließ sich auf ihren Stuhl zurücksinken. »Admiral Summers«, fuhr der Vorstandssekretär fort, »hat mit der Unterstützung von Mr. Bingham den Antrag vorgetragen, dass Mr. Sebastian Clifton eingeladen werden soll, dem Vorstand von Barrington’s beizutreten.« Er hielt einen Augenblick inne, bevor er fragte: »Wer ist dafür?« Alle außer Emma und Giles hoben die Hand. »Wer ist dagegen?« Keine Hand hob sich. Der Applaus, der daraufhin erklang, machte Emma sehr stolz.

»Somit erkläre ich, dass Mr. Sebastian Clifton zum Vorstandsmitglied von Barrington’s gewählt wurde.«

»Beten wir dafür, dass es noch einen Vorstand geben wird, dem Seb beitreten kann«, flüsterte Emma ihrem Bruder zu, nachdem der Vorstandssekretär die Sitzung für beendet erklärt hatte.

»Ich fand immer, dass er vom Rang eines Lincoln oder Jefferson ist.«

Ein Mann, der ein Hemd mit offenem Kragen und eine Freizeitjacke trug, sah auf, schloss sein Buch aber nicht. Die wenigen dünnen Haare, die sich noch auf seinem Kopf befanden, waren in einem Versuch, die vorzeitige Kahlheit ihres Besitzers zu kaschieren, sorgfältig zurechtgekämmt worden. Ein Gehstock lehnte neben seinem Stuhl.

»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Giles. »Ich wollte Sie nicht stören.«

»Kein Problem«, erwiderte der Mann mit dem unverkennbaren Akzent der amerikanischen Südstaaten, schloss aber sein Buch noch immer nicht. »Es ist mir«, fuhr er fort, »ehrlich gesagt immer ein wenig peinlich, wie wenig wir über die Geschichte Ihres Landes wissen, während Sie sich so gut in der unseren auszukennen scheinen.«

»Das liegt daran, dass wir nicht mehr über die halbe Welt herrschen«, sagte Giles. »Und bei Ihnen sieht es so aus, als täten Sie genau das. Ich frage mich allerdings, ob ein Mann in einem Rollstuhl in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Präsidenten gewählt werden könnte«, fügte er hinzu und nickte in Richtung des Buches, das der Mann in den Händen hielt.

»Das bezweifle ich«, sagte der Amerikaner seufzend. »Kennedy hat Nixon aufgrund einer Fernsehdebatte geschlagen. Wenn Sie sie im Radio gehört hätten, wären Sie zum Schluss gekommen, dass Nixon gewonnen hat.«

»Niemand kann einen im Radio schwitzen sehen.«

Der Amerikaner hob eine Augenbraue. »Wie kommt es, dass Sie so gut über amerikanische Politik Bescheid wissen?«

»Ich bin Abgeordneter. Und Sie?«

»Ich bin ebenfalls Abgeordneter und vertrete meinen Bundesstaat im Repräsentantenhaus. Ich komme aus Baton Rouge.«

»Und da Sie keinen Tag älter als vierzig sein können, vermute ich, dass Sie als nächstes Ziel Washington anvisieren.«

Rankin lächelte, ging jedoch nicht darauf ein. »Jetzt bin ich an der Reihe, Ihnen eine Frage zu stellen. Wie heißt meine Frau?«

Giles wusste, wann er geschlagen war. »Rosemary«, sagte er.

»Nachdem wir jetzt geklärt haben, dass dies kein zufälliges Treffen ist, sagen Sie mir bitte, wie ich Ihnen helfen kann, Sir Giles.«

»Ich muss mit Ihnen über gestern Nacht sprechen.«

»Ich bin nicht überrascht, da ich nicht daran zweifle, dass Sie zu der Handvoll Menschen an Bord gehören, die wissen, was heute in den frühen Morgenstunden tatsächlich passiert ist.«

Giles sah sich um. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass niemand sie belauschen konnte, sagte er: »Das Schiff war Ziel eines terroristischen Angriffs, doch glücklicherweise ist es uns gelungen …«

Der Amerikaner machte eine wegwischende Geste. »Ich muss die Einzelheiten nicht kennen. Sagen Sie mir einfach, wie ich helfen kann.«

»Versuchen Sie, Ihre Landsleute an Bord davon zu überzeugen, dass da draußen wirklich die britische Marine war. Wenn Ihnen das gelingt, kenne ich jemanden, der Ihnen dafür ewig dankbar sein wird.«

»Ihre Schwester?«

Giles nickte, und inzwischen konnte ihn die Beobachtungsgabe seines Gegenübers nicht mehr überraschen.

»Mir war sofort klar, dass es ein ernsthaftes Problem geben muss, als ich sie vorhin auf dem Oberdeck gesehen habe, während sie sich bemühte, so auszusehen, als gäbe es für sie keine Sorgen auf dieser Welt. Nicht gerade das, was eine zuversichtliche Vorstandsvorsitzende tun würde, die, so habe ich den Eindruck, an einem Sonnenbad nicht im Geringsten interessiert ist.«

»Mea culpa. Aber wir haben es hier zu tun mit …«

»Wie ich schon sagte, ersparen Sie mir die Details. Genauso wenig wie er«, fuhr er fort und deutete auf das Foto auf dem Umschlag seines Buches, »bin ich an den Schlagzeilen von morgen interessiert. Als ich in die Politik gegangen bin, habe ich mir langfristige Ziele gesetzt, weshalb ich tun werde, worum Sie mich bitten. Doch dafür, Sir Giles, schulden Sie mir etwas. Und Sie können sich darauf verlassen, dass der Tag kommen wird, an dem diese Schuld beglichen werden muss«, fügte er hinzu und widmete sich wieder Roosevelt. Ein Leben.

»Haben wir schon angelegt?«, fragte Sebastian, als er und Samantha zu seinen Eltern zum Frühstück kamen.

»Vor über einer Stunde«, antwortete Emma. »Die meisten Passagiere sind bereits an Land gegangen.«

»Und weil das unsere erste Reise nach New York ist«, sagte Samantha, als Sebastian sich neben sie setzte, »und uns nur sechsunddreißig Stunden bleiben, bevor es wieder zurück nach England geht, haben wir keine Zeit zu verlieren.«

»Warum wird das Schiff nur sechsunddreißig Stunden im Hafen bleiben?«, fragte Sebastian.

»Weil wir nur Geld verdienen, wenn wir in Bewegung sind. Ganz abgesehen davon, dass wir horrende Liegegebühren bezahlen müssen.«

»Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Reise nach New York, Mr. Clifton?«, fragte Samantha.

»Aber sicher«, sagte Harry bewegt. »Ich wurde wegen eines Mordes festgenommen, den ich nicht begangen hatte, und verbrachte die nächsten sechs Monate in einem amerikanischen Gefängnis.«

»Oh, das tut mir leid«, sagte Samantha, der die Geschichte, die ihr Sebastian einst erzählt hatte, wieder einfiel. »Es war taktlos von mir, Sie an eine so schreckliche Erfahrung zu erinnern.«

»Denken Sie nicht weiter dran«, sagte Harry. »Sorgen Sie nur dafür, dass Seb bei seinem Besuch nicht verhaftet wird, denn ich will nicht, dass das zur Familientradition wird.«

»Dazu kommt es ganz sicher nicht«, sagte Samantha. »Ich habe bereits geplant, dass wir das Metropolitan, den Central Park, Sardi’s und die Frick Collection besuchen.«

»Jessicas Lieblingsmuseum«, sagte Emma.

»Obwohl sie nie die Möglichkeit hatte, die Sammlung mit eigenen Augen zu sehen«, sagte Sebastian.