Die Wege von Ines und Jan - Brigitte Weiss - E-Book

Die Wege von Ines und Jan E-Book

Brigitte Weiss

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Beschreibung

Jan gerät zunehmend in eine Sinnkrise und beschließt seinem Leben ein Ende zu setzen. Ines, die Schwester seines Freundes, erfährt davon und kann ihn in langen Gesprächen zu neuen Perspektiven anregen. Während Jan seine kreativen Fähigkeiten entdeckt, kommt Ines für sich selbst zu einer verstörenden Erkenntnis.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Brigitte Weiss

Die Wege

von

Ines und Jan

Ines dröhnte der Kopf. Dabei versuchte sie, sich Klarheit zu verschaffen. Jan war der Freund von Stephan, ihrem großen Bruder. Früher war Jan sogar der beste Freund von Stephan gewesen. Sie sahen sich kaum noch. Seit Jan die Schule abgebrochen hatte, drifteten die beiden auseinander, ohne dass einer das gewollt hätte. Jan – wie alt war er jetzt? Er war schon zweimal sitzengeblieben, als er nach der zehnten Klasse abging. Ines schob die Fertig-Pizza in den Backofen, stellte drei Teller auf den Küchentisch. Sie sah aus dem Fenster. Bald wurde sie achtzehn und er? War er vier Jahre älter oder vielleicht noch mehr?

Lukas kam die Treppe heruntergepoltert. „Unsere Biolehrerin hat gesagt, mit zwölf Jahren muss man regelmäßig gut essen, da wächst der Körper besonders schnell bei den Jungen, die Mädchen sind schon vorher gewachsen. Also, wo ist das Essen?“ „Gleich fertig, setz dich.“ Ines sprach leiser als sonst und sah Lukas nicht an. Lukas fuhr umso aufgeregter fort: „Hast du eben mit Jan telefoniert? Wegen der Kreissäge und dem Selbstmord?“ „Was geht dich das an, du kleiner Schnüffler?“ Ines wollte ihn ablenken und zog eine nicht ganz fertige Pizza aus dem Ofen, teilte sie und legte für beide eine Hälfte auf den Teller. Sie aßen schweigend. Keine fünf Minuten später kam Stephan herein. „Pizza, sehr originell, das essen wir bald jeden zweiten Tag, da hätte ich lieber gleich in die Sportlerklause gehen können.“ Lukas konnte Stephan kaum ausreden lassen, um mit der Neuigkeit herauszuplatzen: „Jan will Selbstmord machen! Das hat er Ines am Telefon gesagt.“ „Jan will Selbstmord machen? Dass ich nicht lache. Damit hat er in der Schule schon immer kokettiert.“ Dann drehte er sich frontal zu Ines „Wieso ruft Jan überhaupt dich an?“ Ines war erschrocken über Stephan, fing sich schnell und versuchte, alles der Reihe nach zu erklären: „Er hat bei uns angerufen, nicht bei mir. Er wollte dich sprechen, du warst nicht da. Er redete gleich davon, dass er die Kreissäge dringend zurückhaben muss. Er hat sie jemandem zugesagt, vererbt, sagt er, der sie unbedingt braucht. Da hab ich es eben organisiert. Du warst in deiner Projektgruppe dafür verantwortlich, dass Jan seine Säge pünktlich wiederbekommt. Du hast das mal wieder verpennt. Da hab ich sie ihm gebracht, mit dem Hausmeister allerdings. Der hat sie aufgeladen, mich abgeholt, wir haben sie kurz hingefahren.“ „Super, du mischt dich mal wieder in meine Angelegenheiten, mein Fräulein.“ „Nur in solche, die für alle in der Familie echt peinlich werden. ‚Die kriegen nichts auf die Reihe‘, heißt es dann wieder. Ja, ich hatte das große Glück, deinem Freund die Säge wiederzubringen zu deiner Ehrenrettung, mein teurer Herr Bruder.“ „Oder besser zu deiner Verleihung der Samariter-Medaille erster Klasse.“ Ines überhörte das und fuhr fort: „Jan will vorher nur noch alle wichtigen Verpflichtungen in Ordnung bringen, sagte er. Ich hab geantwortet: ‚Eine davon ist, dass du vorher hier vorbeikommst.‘“ Ines sprach zu schnell und musste husten. Lukas hörte gespannt zu und vergaß zu essen. Ines erinnerte ihn daran, dass er in einer Stunde zum Fußballtraining gehen und vorher noch Hausaufgaben machen müsse. Lukas erkannte, dass er keine weiteren Neuigkeiten erfahren würde, steckte die letzten Bissen in den Mund und trollte sich nach oben in sein Zimmer. Ines wollte von Stephan mehr über Jan erfahren, aber Stephan hatte sich den Mund andauernd zu voll gestopft, um reden zu können und hing förmlich über seinem Teller. Ines gab noch nicht auf: „Mittwoch. Mittwoch um vier will Jan vorbeikommen, das würde er noch schaffen, meinte er.“ Stephan schluckte, dann lachte er wieder. „Na dann viel Spaß am Mittwoch.“ Er sah seine Schwester belustigt an, stand auf und ging schon in Richtung Tür, als er vor sich hin murmelte: „Das kommt dabei raus, wenn du dich in anderer Leute Angelegenheiten mischst. Gleich witterst du deine Chance zur Rettungsaktion.“ Auf der Treppe rief er ihr noch nach: „Nur weiter so, du wirst bestimmt noch mal heilig gesprochen, aber ich bin auf keinen Fall dabei.“

Es hatte keinen Sinn, mit Stephan über Jan zu reden, jedenfalls nicht jetzt. Dabei wäre es gerade jetzt gut, mit jemandem über ihn zu reden. Sie wusste so wenig von ihm, kaum mehr, als dass er eine Lehre als Dreher oder Werkzeugmacher gemacht hatte. Zu Anfang hatte Stephan Jan beneidet um das Lehrgeld und erst recht, als er hörte, wie viel Jan danach verdiente. Stephan hatte keine große Lust, zur Schule zu gehen, aber es stand für ihn außer Frage bis zum Abitur durchzustehen. Jetzt war er zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich für andere zu interessieren. Er hatte zuhause alle Freiheit zu kommen und zu gehen, wie er wollte – sie lernten ja alle in Gruppen, hatte er erklärt. Beteiligen sollte er sich im Haushalt nicht mehr. Es käme ja alles darauf an, gute Noten zu bekommen für das Studium. Lukas war Ines Fürsorge anvertraut, musste dreimal in der Woche pünktlich zum Sport und schaffte es dabei selten, den Müll rauszubringen. Alle hatten ihre Freiräume. Warum nur sie nicht? Warum konnte sie nicht losgehen und jemanden suchen, mit dem sie vernünftig über Jan sprechen konnte? Auch mit der Mutter konnte sie selten sprechen.

Seit die Mutter sich ihren Traum von einem eigenen Geschäft für Kunst und Wohnaccessoires erfüllt hatte, war die Arbeit im Haus zunächst zwar aufgeteilt worden auf alle Familienmitglieder, tatsächlich erledigte Ines aber die Woche über das Nötigste im Haushalt allein und kaufte auch ein, denn nach Feierabend waren die Mutter wie der Vater dafür nicht ansprechbar. Größere Putzaktionen oder Gartenarbeiten wurden aufgeschoben bis zu einem verabredeten Wochenende, an dem dann regelmäßig die Grippe ausbrach oder Geburtstage von Verwandten anstanden.

Ines hatte sich vorgenommen keine weiteren Verpflichtungen zu übernehmen, sie hatte weiß Gott genug Pflichten im Haushalt, in der Familie, insbesondere für Lukas, das einzige Kind, das ihr Stiefvater mit ihrer Mutter hatte. Trotzdem kümmerte er sich kaum um sein Kind. Die Mutter gab ihr zwar immer wieder Anweisungen, wie sie mit Lukas umzugehen hätte, war aber mit ihrem Geschäft zu überlastet, um sich selber um die Kinder zu kümmern. Jetzt, am Anfang des Schuljahres, hatte Ines sich geweigert für die Wahl zum Klassensprecher zu kandidieren, aber die Klassenlehrerin hatte sie überredet: „Es hat doch bisher alles gut geklappt. Es ist keiner sonst in der Klasse, mit dem alle einverstanden wären. Das gibt nur ein ewiges Tauziehen zwischen den Parteien.“ Am Ende hatte Ines sich breitschlagen lassen und sich dann über sich selbst geärgert.

Nun grübelte Ines schon seit fast einer Stunde darüber, wie sie Jan begegnen sollte. Was hatte sie über ihn gehört? Er habe Kontakt zu komischen Typen, sagten sie in Stephans Klasse. Einige wollten wissen, er ginge mit den Tippelbrüdern. Stephan hatte erzählt, er sei mit einer Band unterwegs. „Der macht da auch schon Erfahrungen mit Drogen, beneidenswert“, hatte Stephan geschwärmt. Allmählich bekam sie Angst vor ihrem Angebot, Jan zu treffen, um ihn umzustimmen.

Schließlich versuchte sie, eine Adresse für ihn zu finden, an die er sich wenden könnte. Zuerst hatte sie an den Pastor gedacht, aber als sie überlegte, was sie ihm von Jan sagen sollte und was sie von ihm erwarten könnte, hatte sie die Idee schon wieder verworfen. Die Kirche war nicht Jans Welt. Jugendamt? Jan war kein Jugendlicher mehr, wenn sie richtig gerechnet hatte, mindestens einundzwanzig müsste er sein. Kann er einfach zum Psychiater gehen? Sie suchte eine Nummer aus dem Telefonbuch. Als sie den Hörer abnahm und wählte, bekam sie so heftig Herzklopfen, dass sie wieder auflegte. „Erst mal genau überlegen“, sagte sie sich, holte einen Zettel und schrieb: 1. Guter Freund. 2. Schulfreund vom Bruder. 3. Selbstmordgedanken. 4. Diesmal hat er einen genauen Plan. „Nein, ich hol' mir zuerst selbst einen Termin“, entschloss sie sich und rief an. Ob es akute Probleme gebe, wurde sie gefragt. „Selbstmord“, sagte sie. Ines bekam einen Termin.

Der Psychiater machte auf sie einen sehr freundlichen Eindruck und sie erklärte ihm etwas umständlich, was sie hier wollte. „Es geht also nicht um Sie sondern um ihren Freund, wie sie sagen“, wiederholte er. „Eigentlich ist er der Freund meines Bruders“, verbesserte sie. „Ich brauche Hilfe dabei, ihn zu einer Therapie zu motivieren.“ Der Psychiater redete viel, was sie nicht alles behalten konnte. Ein paar Sätze waren bei ihr aber hängengeblieben. Solche wie: „Ja, aber letztlich muss er schon selbst herkommen, mit Ihnen muss ich ja nicht arbeiten“, oder: „Versichern Sie Ihrem Freund, dass für ein Erstgespräch – und sogar die ersten fünf Gespräche – keine Kosten auf ihn zukommen. Später wird man dann einen Antrag auf Kostenübernahme bei der Krankenkasse stellen. Ihr Freund ist versichert?“ „Das weiß ich nicht genau“, musste sie zugeben. „Sie sehen ja, hier wird niemand zurechtgewiesen, es gibt bestimmt keine Vorhaltungen“, hatte der Psychiater in gewinnendem Tonfall versichert.“ „Aber das hilft mir nichts. Er will eigentlich gar keine Therapie, er will Schluss machen“, hatte sie protestiert, aber nur erfahren: „Suizid ist hierzulande nicht verboten. Gesetzlich kann man da nicht eingreifen, aber Sie können vielleicht bestätigen, dass man mit mir gefahrlos reden kann.“ Ines hatte schon resigniert, obwohl sie höflich genickt hatte. Trotz einer längeren Gesprächspause war ihr nichts mehr eingefallen. Sie hatte dann noch einen letzten Vorstoß gewagt: „Können Sie mir nicht einen Tipp geben, wie ich es anstellen kann, ihn herzuschicken?“ „Sie kennen ihn besser als ich, da fällt Ihnen sicher noch etwas ein. Es gibt natürlich auch Selbsthilfegruppen, aber auch da müsste er selbst hingehen.“ Entmutigt war sie aus der Praxis gekommen.

Ihre Gedanken kamen wie finstere Rauchschwaden daher: „Alle sind so selbstgerecht, keiner packt das Problem an. Stephan sagt sich, Jan kokettiert nur mit seinen Selbstmordgedanken und ist damit fein raus. Der Pfarrer würde vielleicht für ihn beten. Wer weiß, letztlich für sein eigenes Konto der Pflichterfüllung. Ich kann die Polizei anrufen, wenn es brenzlig wird, aber ich weiß nicht, wann das sein wird. Der Herr Psychiater weiß auch nur, dass man selbst kommen muss. Alle stellen ihre Bedingungen. Wer die nicht erfüllt, fällt hinten runter, das ist ihnen egal. Wem ist das auf dieser Welt mal nicht egal, wenn sich einer umbringen will?“

Ines stapfte mit wütenden Schritten nachhause. Sie hatte keine Lust, jetzt im Bus zu sitzen. Als sie in ihre Straße einbog, fiel ihr die alte Dame ein, mit der sie als Kind öfter geredet hatte, wenn sie sie auf der Straße getroffen hatte. Manchmal war sie mit ihr die Straße heruntergegangen bis zu ihrem kleinen Häuschen. Im Sommer durfte sie sogar einige Male mit in den Garten kommen und sich Himbeeren und Erdbeeren pflücken. Aber das Allerschönste war, dass die Dame immer Geschichten erzählte und Gedichte kannte. Jetzt grüßten sie sich nur noch im Vorbeigehen, Ines war ja kein Kind mehr. „Diese Frau“, dachte sie, „ist besonders, sie passt eigentlich nicht recht in die Nachbarschaft.“ Sie wurde selten gegrüßt, obwohl man wusste, dass sie Martein hieß. Sie wohnte in einem ausgebauten Gartenhaus, einem „Behelfsheim“, wie Ines Mutter es nannte. Das Ende der Straße war nicht gepflastert. Dort waren ehemalige Schrebergärten, deren Hütten im Krieg ausgebaut worden waren. Einige Gärten waren inzwischen von der Stadt verkauft und völlig neu bebaut worden. Die Verlängerung der Straße durch das ehemalige Schrebergartengebiet war nur ein Schotterweg trotz dieser Neubauten. Frau Martein wohnte all die Jahre unverändert in ihrer „Kriegsunterkunft“. Ines sprach als Kind zuhause immer nur von der „Dame“, wenn sie nach einem Besuch von ihr erzählte. Der überkorrekte Vater, eigentlich ihr Stiefvater, hatte sie zurechtgewiesen, sie solle doch bitte den Namen nennen. Jeder Mensch habe schließlich einen Namen. Aber Ines war zu dem Schluss gekommen, dass es in der Nachbarschaft lauter Leute mit Namen gebe, aber nur eine Dame. Später erzählte sie nichts mehr von der Dame, denn die Mutter hatte sie spöttisch angesehen und gemeint: „In den Garten darfst du schon mal gehen, aber geh mir auf keinen Fall in das Haus, da ist es nicht so…, so hygienisch.“

Ines erinnerte sich an das warme, freundliche Lächeln der Dame und war unversehens am Elternhaus vorbeigegangen, sie war schon am Ende der Pflasterung. „Sie könnte im Garten sein“, dachte Ines und ging noch das letzte Stück der Straße herunter. Unschlüssig stand sie vor der Pforte. „Was wollte sie denn von der Dame?“ Als sie noch überlegte, ging die Haustür auf, Frau Martein lächelte und winkte. „Komm nur“, rief sie „wir kennen uns ja immer noch. Ich bin ein wenig krumm und klein geworden und du bist jetzt groß. Aber was macht das schon? Es gibt wohl was zu fragen? Komm nur herein.“

Ines überlegte, wie viel sie eigentlich von Jan sagen dürfte ohne einen Verrat zu begehen. Sie würde sich bedeckt halten oder besser gar nichts preisgeben. „Mir kam es gerade in den Sinn, noch ein Stück zu laufen und da bin ich an Ihrem Garten vorbeigegangen und erinnerte mich an früher.“ Frau Martein nickte. „Komm, ich mach' uns einen Tee, wenn du magst, es ist schon zu frisch, um draußen zu sitzen.“

Nun saß Ines in der Küche. Ihr war etwas unbehaglich zumute. Alte Leute reden gern von sich, ihrem Leben und von Krankheiten. Sie sah sich um, es war hier nicht unhygienisch, wie ihre Mutter behauptet hatte. Altmodisch bestimmt – oder besser altgedient – die Kücheneinrichtung war in verschiedenen Zeiten zusammengestellt und ergänzt worden. Es gab noch die alte Feuerhexe, aber Frau Martein setzte das Teewasser auf einem zweiflammigen Elektroherd auf. „Es stimmt zwar, dass wir uns von früher kennen, aber das war natürlich ein anderes Kennen, aus dem sicheren Gefühl, das Kinder für Menschen haben. Ich bin in der Nachbarschaft nie warm geworden, man kennt mich nicht gut. Ich könnte ja etwas über mich sprechen, wie sich das für Erwachsene gehört.“ Ines war erleichtert, dass Frau Martein von sich aus ein Gespräch begann.

„Im Krieg, als diese Schrebergärten noch draußen vor der Stadt lagen – heute ist alles zugebaut – da haben sich viele Leute hier sicherer gefühlt, wir auch, mein Mann und ich. Ines dachte erschrocken: „Jetzt kommt der Roman ihres Lebens. Ich wollte doch hier nicht so lange festhängen.“ Frau Martein fuhr ruhig mit ihren Schilderungen fort: „Als mein Mann noch an der Uni seine Seminare hatte, kamen die Studentinnen lieber hierher. Manchmal haben sie im Garten kampiert. Hier gab's keinen Fliegeralarm. Wir konnten bis spät sitzen und diskutieren. Die jungen Männer waren ja alle im Krieg – fast alle. Die Mädchen studierten bei meinem Mann Philosophie. Habilitiert hatte er sich, aber bei der Vergabe einer Professorenstelle stimmten die Kollegen gegen ihn. Er blieb zwar Dozent, aber sonst war er Privatgelehrter. Er hatte trotzdem großen Zulauf. Im Sommer saßen wir unter den Apfelbäumen, im Winter hockten wir mit bis zu zwanzig Leuten in der Küche, dem größten Raum hier. Da war es von den Menschen immer warm genug. Feuerung hatten wir kaum. Nach dem Krieg hoffte mein Mann auf Gesinnungsänderung.“ Frau Martein machte eine wegwerfende Handbewegung. „Es wurde noch schlimmer mit der Ablehnung seiner Forschung, obwohl es auch Dozenten an anderen Universitäten gab, die Interesse für seine Ansätze zeigten. Ein harter Kern von Mitdenkern blieb uns verbunden, bis er starb. Dann wurde es sehr einsam für mich.“ Frau Martein goss den Tee auf und stellte die braune Steingutkanne und zwei Teegläser auf den Tisch. „Sie hatten keine Kinder?“ fragte Ines. „Zum Glück nicht. Im Krieg wäre es elend gewesen mit Kindern. Ich hatte auch so genug zu tun. An der Uni hatte mein Mann keinen Anspruch auf eine Bürokraft. Ich schrieb die Arbeiten meines Mannes auf der Schreibmaschine. Ich war seine rechte Hand auch in allen Forschungsfragen. Ein Gehalt habe ich zwar nie bekommen, aber ich war mit ganzem Herzen dabei. Später haben wir mit den Studentinnen Kernpunkte konzentriert in einem symbolischen Zeichen. In langen Diskussionen kristallisierte es sich gewissermaßen heraus.“ Sie sah durch das Fenster und lächelte. „Eigentlich ist es ganz einfach. Was völlig klar geworden ist, ist am Ende einfach.“

Frau Martein sah glücklich aus, als sie erzählte, obwohl sie doch eigentlich von schrecklichen Zeiten sprach. „Nun habe ich dir etwas von mir erzählt.“ Sie sah Ines aufmerksam an. „Du hast doch wohl auch etwas zu berichten?“ „Nicht so viel, lieber beschreiben Sie mir dies Symbol genauer. Können Sie mir das erklären?“ Ines hoffte, ihren Plan, nichts von Jan zu sagen durchhalten zu können, wenn das Gespräch diese Wendung nahm. „Sicher, ja“, Frau Martein nickte, „wir könnten darüber sprechen, aber besser lässt sich alles anhand einer konkreten Frage darstellen. Einer Frage, die dir am Herzen liegt. Du hattest wohl eine Frage, als du hierher kamst?“ Ines fühlte, wie ihre Ohren heiß wurden, dann schlug die Wärme über ihr Gesicht. Frau Martein goss den Tee ein, holte den Zuckertopf und zwei Teelöffel. Ines gab sich einen Ruck. „Tatsächlich hätte ich eine Frage“, gestand sie, „deswegen bin ich aber nicht gekommen und vielleicht ist es genau genommen gar nicht meine eigene Frage.“ Ines probierte den heißen Tee, holte einmal tief Luft und begann: „Mein Bruder hat einen Freund, einen ehemaligen Freund, müsste ich besser sagen, der will sich das Leben nehmen. ‚Alles hat keinen Sinn mehr‘, hat er mir so im Nebensatz mitgeteilt. Spontan hab' ich ihn aufgefordert, vorher noch mal bei uns vorbeizuschauen. Mein Bruder will damit nichts zu tun haben, hat er mir gleich gesagt. Mittwoch um vier sitze ich allein damit, das heißt mit seinem Freund. Ich habe Angst, dass die letzte Chance, die er sich gegeben hat, dann vertan ist, weil ich nicht weiß, wie ich ihn retten kann. Er habe alles genau geplant, sagte er, da ginge nichts mehr schief. Ich habe mich schon bei verschiedenen Stellen erkundigt, was es überhaupt für Hilfe geben könnte. Natürlich, alle sagen, er müsse sich selbst darum kümmern, aber er kümmert sich ja nur um seinen sicheren Tod. Er ist auch mindestens vier Jahre älter als ich. Wahrscheinlich nimmt er mich gar nicht ernst.“ So viel wollte Ines eigentlich gar nicht verraten, aber nun war es heraus. „Mittwoch?“, überlegte Frau Martein, „du hast noch zwei Tage. Dann kannst du morgen wieder zu mir kommen. Ich werde dir heute in aller Kürze ein theoretisches Rüstzeug geben. Morgen sehen wir dann auf die praktische Seite. Erwarte keine Wunder. Es wird deiner Mitgestaltung einiges abverlangen. Es kann nur ein Rahmen sein, füllen musst du ihn selbst.“

Frau Martein suchte in Schubladen nach einem Anhänger aus Messing. Den hatte ein Student ihres Mannes einmal angefertigt. Endlich fand sie den Messing-Anhänger: ein akkurater Fünfstern im Kreis, feine Linien, die miteinander verwoben waren. Die Linien konnte man im Uhrzeigersinn verfolgen, immer verlief eine Linie erst über, dann unter der kreuzenden anderen Linie hindurch. Ein Kreis fasste den Stern ein. Sie brachte den Anhänger, holte ein Putztuch und rieb ihn blank. Dann legte sie ihn in seine kleine Blechdose mit Watte und stellte die Dose vor Ines. „Das schenke ich dir. Keine Angst, es geht hier nicht um Aberglauben und Hexerei. Es ist nur eine hübsche Gedächtnisstütze, eben ein Symbol.

Fangen wir einfach an. Mir ist noch sein Satz im Gedächtnis: ‚Alles hat keinen Sinn mehr‘. Was macht denn zunächst für uns Sinn? Die Sinne machen Sinn. Als Kinder sind wir natürlich so unmittelbar mit unseren Sinnen verbunden, dass wir in dieser Sinnhaftigkeit getragen und gehalten werden. Aber das muss uns verloren gehen, sonst würden wir nur Sklaven unserer Sinne bleiben. Die Sinne werden nicht alle gleichzeitig „sinnlos“ im Jugendalter, aber einer nach dem anderen. Da fühlen sie sich plötzlich oder allmählich leer und bedeutungslos an. Die Neugierde ist verflogen, das Wundern und Staunen prägt keine Worte mehr, die Vorgänge und Veränderungen werden gleichgültig und das Vertrauen in die Kraft und Sinnhaftigkeit der Welt bildet keinen festen Boden mehr. Dann beginnt der lange Prozess der Wiederbelebung aus dem eigenen Interesse, selbst den Sinn erkennen zu können. Natürlich funktionieren die Sinnesorgane noch, aber einen sinnhaften, Interesse fesselnden Sinn oder einen neuen sinnvollen Begriff kann man sich nicht so schnell daraus machen. Jeder junge Mensch macht das durch: Die alte Faszination der Sinne trägt nicht mehr, eine neue ist noch nicht vorhanden. Bei der Erforschung der Sinne ist es nützlich, auf alte Weisheiten zurückzukommen. Aus den altindischen Lehren stammt die Vorstellung von zehn oder zwölf teils transzendenten Sinnen. Rudolf Steiner hat diese Einteilung in seine Forschung aufgenommen und dabei einen Kreis von zwölf Sinnen erforscht. Diesen Ansatz haben nach ihm andere Sinnesforscher weiter entwickelt. Da ist viel zu finden, was dir eine Anregung sein kann. Du brauchst jetzt keine Literatur zu wälzen. In diesem Fall ist es immer das Beste, Anregungen werden mündlich weitergegeben. Erst von mir, dann machst du dir deine Gedanken dazu und erzählst ihm davon. Mit den Studenten hatten wir diesen grundsätzlichen Arbeitsansatz, der taugt auch gut für die Sinne. Bei jedem Sinn wirst du vier, besser fünf Aspekte herausfinden müssen. Zuerst bei dir, und wenn der Freund Vertrauen findet, entdeckt er sie auch bei sich. Das kann sicher ein Jahr und mehr an Zeit benötigen. Ziel für den Mittwoch müsste sein, ihn zu einem Experiment einzuladen unter der Bedingung, dass er sein Vorhaben erstens so lange aufschiebt und zweitens, dass er verbindlich daran teilnimmt, also einen Vertrag schließt mit dir, bis das Experiment mit den Sinnen durch etwa zehn, zwölf Sinnesbereiche gelaufen ist.“ Ines hörte ihr gebannt zu. „Du bist daran so interessiert, als ginge es genauso um dich. Willst du dich denn auch auf diese Reise begeben? Du wirst dabei immer um einen Schritt in Vorleistung gehen müssen, dann wird dir das Gespräch gelingen können.“ Frau Martein machte eine lange Pause. Ines befiel eine Beklommenheit aus Angst, dass sie das zeitlich und intellektuell nicht leisten könnte. Dann fühlte sie Skepsis aufsteigen, ob sie damit bei Jan überhaupt Interesse wecken könnte. Ines war zwar neugierig, was sie hier alles noch erfahren würde, schwankte aber in ihren Gefühlen: hoffnungsvoll und dann wieder zweifelnd. „Du brauchst dich nicht sofort zu entscheiden. Schlaf noch mal darüber, morgen sehen wir weiter.“ Ines trank ihren Tee aus. „Und wenn er angefangen hat und dann doch abbricht?“, fragte sie leise. „Er kann jederzeit abbrechen, er behält seine volle Freiheit, aber dann hätte er nicht den Mut zu diesem Experiment und du weißt, dass du getan hast, was du nur irgend konntest. Du stehst anders vor dir selbst, als du jetzt dastehst.“ Die Dämmerung war schon angebrochen. Ines wollte nachhause. Bis morgen hatte sie Bedenkzeit. „Lass auch dem Jan Bedenkzeit, so etwas kann man nicht überstürzt entscheiden“, riet Frau Martein. Ines bedankte sich und versprach, morgen wiederzukommen. Mit Frau Martein als ihre Verbündete war Ines weniger nervös. Ihre Angst war vorerst gebannt.

Am folgenden Nachmittag saß Ines wieder in der Küche bei Frau Martein. Sie sprach von den

Erinnerungen, die sie an diesen Garten hatte und wie wohl sie sich als Kind hier gefühlt hatte. „Jetzt haben wir wohl einen anderen Garten zu bestellen, die Sommerzeit ist ja auch vorbei. Hast du dir schon etwas überlegt? Hast du für dich noch Einwände oder Bedenken?“ Ines beschrieb ihre Verpflichtungen. Wie sollte sie da noch eine so schwere Aufgabe unterbringen in ihrer eng bemessenen Freizeit? Frau Martein beeindruckte das wenig. Sie riet nur: „Einmal in der Woche könnte ein Treffen stattfinden. Wahrscheinlich wird das aber zu viel für dich, alle vierzehn Tage, das müsste zu schaffen sein. Aber wichtig ist, immer am selben Wochentag zur selben Zeit, das belastet am wenigsten.“ „Und wie lange muss ich auf ihn einreden?“, fragte Ines. „Gar nicht. Du erzählst von dem, was du dir in den zwei Wochen vorher überlegt hast zu einem Wahrnehmungsbereich und achtest darauf, dass er sich einbringen kann. Eine Dreiviertelstunde wirst du schon brauchen, länger als eineinhalb Stunden sollte so ein Treffen niemals sein. Es empfiehlt sich, keine gesellige Verlängerung zu dulden. Es verwässert nur alles, was verstanden und erreicht wurde. Zunächst ist die Regelmäßigkeit die größere Hälfte des Erfolgs.“ Ines war entschlossen, ihren Ängsten zu trotzen. Sie hatte in der Schule keine Probleme, sich zu äußern, aber lange hatte sie noch nie ein Gespräch geführt. Zuhause sprach man nicht lange miteinander. „Den ersten Sinn und später die Reihenfolge der Sinne gebe ich dir immer als Empfehlung. Die Sinne sind einander in besonderer Weise zugeordnet. Es hilft dir im Fortgang der Darstellungen, wenn du diese Reihenfolge beibehältst.“ „Wieso gibt es einen ersten Sinn und danach eine Reihenfolge?“, fragte Ines verwundert. „Das Leben lässt die Sinne wie Knospen erst allmählich aufgehen. Bei der Entwicklung dieser Knospen ist der Mensch im Laufe seines Lebens zunehmend selbst beteiligt. Am Anfang hat natürlich mehr die Biologie vorgesorgt. Nun sollten wir schon einmal auf den ersten Sinnesbereich schauen, das ist der Tastsinn.“ „Bei mir ist das aber der Augensinn, das Sehen, das ist das Allerwichtigste für mich“, protestierte Ines. Frau Martein nickte: „Das ist bei vielen Menschen so, bei einer anderen großen Gruppe ist es das Hören. Am Anfang des Lebens aber, bei der Geburt und der ersten Zeit danach noch ist der Tastsinn ein Existenzsinn, sonst könnte das Kind wohl gar nicht sofort saugen und trinken. Vielleicht müssen wir uns sogar die Geburt aus dem Blickwinkel, aus dem Erleben des Tastsinns vorstellen. Die Mediziner unterscheiden den Tastsinn von der Tiefensensibilität, dem Druckgefühl, das tiefer im Körper liegt, aber für unsere Betrachtungen sollen sie zu einem Bereich gezählt werden.“ Hiermit endete schon ihre Ausführung. Sie wollte Ines nur eine kurze Anregung geben.

Nachdem sie eine Weile schweigend Tee getrunken hatten, stand Frau Martein auf und holte aus dem Nachbarzimmer einen Block mit karierten Linien und einen Bleistift. Beides legte sie sich an ihrem Platz zurecht. Sie setzte sich wieder und sah Ines aufmerksam mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Nun bekommst du noch fünf Stichpunkte mit auf den Weg. Später können wir diese Punkte vertiefen, aber sie bleiben ein grobes Raster. Es gibt darin viel auszufüllen für dich.“ Sie begann zu schreiben:

1. Wahrnehmung

Sie erläuterte: „Der erste Schritt ist immer die Wahrnehmung, so wie die Sinne sie liefern. Wir können dabei erstmal nur aufmerksam sein.

2. Begriff

„Wenn die Wahrnehmung und die dazu gefundene Vorstellung oder der dazu gefundene Begriff zur Deckung kommen, entstehen auch Gefühle wie Freude, Wertschätzung, Abscheu usw.

3. Tat

„Der dritte Schritt ist nun die Motivation, die Initiative zur Tat, wenn sich zum l. Begriff und Wertgefühl, das Ich stellt.“ Sie schrieb in die nächste Zeile:

4. Leistung

„Der vierte Schritt betrifft das Ergebnis der Tat. Was hat sie gebracht für dich, für die Welt? Welche Leistung stellt die Tat zur Verfügung?“

5. Metamorphose -Verwandlung

„Der letzte, der fünfte Schritt heißt Verwandlung oder mit einem Fachausdruck „Metamorphose“. Dazu darf ich eigentlich nur so viel sagen: Die Wirkung einer Leistung hat ja zwei Seiten. Eine für dich und eine für die Welt. Wenn du nun die Auswirkung verfolgst, weitet sich dein Horizont der Wahrnehmung. Du siehst, dass wir auf einer erweiterten, höheren Stufe wieder beim Anfang angekommen sind.“ Sie zeichnete am Rand einen großen Bogen von der fünften Stufe zur ersten.

„Warum ist das dann eine höhere Stufe von Wahrnehmung?“, wunderte sich Ines. „Wenn der Horizont sich weiten soll, muss der Standpunkt der Beobachtung höher liegen.“ Frau Martein trank ihren Tee aus. Dann fuhr sie leise und beruhigend fort: „Das war sehr theoretisch, aber praktisch lässt es sich doch gut handhaben.“ Du siehst, dass es eine spezielle Kreisverbindung der fünf Ebenen gibt. Deshalb haben die Studenten die Ebenen sternförmig verbunden nach Art eines Fünfsterns. Ein Fünfeck hätte es vorerst auch getan, aber später haben sie noch andere Beziehungen der Ebenen gefunden und den Fünfstern bevorzugt.“

Es war draußen fast dunkel geworden. Ines sah Frau Martein an und suchte nach einer Wendung zum Abschied. Sie war schon länger geblieben, als sie eingeplant hatte, aber Frau Martein fuhr fort: „Dieses Blatt legst du dir am besten unters Kopfkissen. Wenn du in dieser Schrittfolge bleibst, kann dir daraus ein Kompass werden. Ich empfehle, zuerst jeden Sinnesbereich in diese Schrittfolge einzuteilen und pro Treffen zuerst vielleicht nur einen Schritt zum Thema zu machen.“ Sie lächelte Ines an und beruhigte sie: „Ja, es scheint dir jetzt etwas viel zu sein, aber das hat alles Zeit. Fang an mit dem Tastsinn, dem Wahrnehmen des Tastsinns, am besten am Anfang des Lebens.“ „Kann ich eventuell nach dem Mittwoch noch mal kommen, vielleicht am nächsten Sonnabend?“, bat Ines, nun wieder recht zaghaft geworden. „Drei Tage nach eurem Treffen, das ist ein guter Abstand. Wir werden uns auch weiterhin vor jedem Treffen verabreden können.“

Ines verabschiedete sich. Sie war froh, an die frische Luft zu kommen. Zuhause sollte niemand von ihren Besuchen bei Frau Martein erfahren. Sie lief noch eine Weile zwischen den alten Schrebergärten hindurch, bis sie ein Alibi für ihr Ausbleiben gefunden hatte: Ärger mit den Aufgaben als Klassensprecherin. Dann entschloss sie sich, nachhause zu gehen.

Am Mittwoch ging sie gleich nach der Schule zum Einkaufen. Das sparte etwas Wegezeit für den Nachmittag. Zuhause schob sie wieder drei Fertig-Pizzen in den Backofen. Lukas wartete schon ungeduldig auf das Mittagessen. Stephan würde irgendwann am Nachmittag kommen. Er könne das nie so genau sagen, behauptete er immer. „Jetzt, wo wir schon langsam das Abi anpeilen, arbeiten wir meistens zusammen.“ Tatsächlich hockten sie viel in der Sportlerklause. „Lukas“, fragte Ines, „wie lange ist dein Fußballtraining?“ „Von vier bis halb sechs. Warum?“ „Ich will auch noch mal weg zum Babysitten für etwa eine Stunde.“ „Was verdient man dabei?“ „Wenig, sei nicht so neugierig.“ Ines wurde rot und beeilte sich, in ihr Zimmer zu kommen. Als Stephan kam, fragte Lukas ihn sofort: „Was verdient man eigentlich beim Babysitten?“ „Kein Vermögen. Ich dachte du hast Fußballtraining, willst du kein Star mehr werden und lieber gleich Kohle verdienen?“ „Nein, Ines will Kohle verdienen, die geht heute Nachmittag zum Babysitten.“ Stephan ging hoch, öffnete Ines Zimmertür und rief hinein: „Das muss ich deinem Baby mal stecken, dass du als Babysitter zu ihm gehst.“ Lachend schloss er wieder die Tür. Ines war zu aufgeregt, um sich jetzt über Stephan zu ärgern.

Ines packte eine neue Kladde aus, die sie sich vom Einkaufen mitgebracht hatte. Darin wollte sie immer in Stichworten ihre Vorbereitung notieren und hinterher festhalten, wie das Treffen gelaufen war. Sie ertappte sich dabei, dass sie schon ganz selbstverständlich davon ausging, dass alles weiterlaufen würde. „Wovon soll ich denn sonst ausgehen“, versuchte sie sich zu bestätigen. Sie machte sich ein paar Notizen, unterdessen rückte der Zeiger der Uhr auf vier.

Vier Uhr: Um die Straße von hier aus besser im Blick zu haben, war sie in die Küche gegangen. Noch war er nicht da. Bis viertel nach vier blieb sie gelassen, um zwanzig nach kümmerte sie sich enttäuscht um die Waschmaschine. Fünf vor halb fünf ging sie, getarnt mit einem Mülleimer, aus dem Haus. Jan saß vor der Haustür auf der letzten der drei Stufen. „Hallo, warum klingelst du nicht?“, entfuhr es ihr erschrocken. „Will ich nicht. Du kannst ja kommen. Ich war jedenfalls pünktlich.“ „Komm rein, wir können in der Küche was trinken, wenn du willst.“ „Nein, komm raus, wir können laufen.“ „Dann brauch' ich noch meine Jacke.“ Ines lehrte den Mülleimer aus, ging zurück und holte ihre Jacke.

Hier am Stadtrand konnte man schnell in die Feldmark kommen. Sie trotteten einen Feldweg entlang. Ines hatte Mühe, mit Jan Schritt zu halten. Wenn er zwei Schritte machte, brauchte sie mindestens drei. Sie hätte ihn gerne gebeten langsamer zu gehen, wagte es aber nicht. Die Luft war feucht und kalt, über den Wiesen stieg Dunst auf, der Weg war aufgeweicht und in den Fahrspuren standen Pfützen. Er endete auf einem Acker. Jan ging voraus, immer schneller, schien es ihr, obwohl er weiter am holperigen und matschigen Feldrand entlangging. Nasse Erde hing schwer an den Schuhen. Jan schien das nicht zu stören. Ines war außer Atem, konnte nicht sprechen und kaum noch mithalten. Jan war offenbar nicht der Ansicht, dass er ihr etwas zu sagen hätte. „Jan“, begann sie endlich und blieb einen Moment stehen. Er sah sich um. „Du lebst also nicht mehr lange. Woher weißt du das?“ „Weiß ich sicher“, sagte er kurz und wollte weiter. „Du willst nicht mehr, warum?“ „Hab' alles ausprobiert, taugt alles nichts.“ „Was hast du ausprobiert?“ „Soll ich das ganze sinnlose Zeug runterbeten?“ Ärgerlich wandte er sich zum Weitergehen. „Ja, fang von vorne an“, rief sie gegen seinen Rücken. Er drehte sich noch mal um: „Eltern? Für die war ich nichts, sogar meine Mutter war hilflos, wenn wieder was passiert war. Das brachte alles nichts für mich, bin da bald weg. Mein Großvater auf seinem kleinen Hof ist für sich selbst okay, hatte für mich sogar mal ein aufmunterndes Wort. Zu ihm konnte ich aber nicht, wollte ich auch nicht. Der kennt mich nicht gut. Ich soll mir aber sein ewiges Gezeter über Gott und die Welt anhören. Zur Belohnung will er mir seinen kleinen Hof vererben. Der ist aber nie eine Existenzgrundlage gewesen, nur was zum Totarbeiten.“ Jan machte eine Pause zum Luftholen. Ines ließ ihm aber keine Zeit: „Wohin bist du dann gekommen?“ Jan redete schnell und monoton weiter: „Da war ich noch in der Lehre. Bin zu Freunden gezogen, dann zum Militär, waren alles kaputte Typen da, aber Hauptsache, ich war weit weg. Hab' die Lehre in zwei Jahren gemacht. Glaubte, ich mach Karriere. Erstmal Arbeit als Dreher und Werkzeugmacher – der Betrieb ging schnell pleite. ‚Umsatteln auf Elektroniker‘, dachte ich. Hab ich dann gemacht. Bin auch mal mit so einer großen Band im Startruck gefahren. Sollte ein Abenteuer sein, war aber keins. Weiterbildung für Computertechnik, Arbeit als Mechatroniker. Mein Betrieb wurde aufgekauft und keine Mitarbeiter übernommen. Noch andere Sparten konnte ich mir nicht vorstellen. Am liebsten wollte ich weg, Weltenbummler, das wäre es gewesen. Ich versuchte mich als Erfinder, also eher Tüftler, wollte mir Schaltungen patentieren lassen, musste mich mit 'nem Kredit über Wasser halten, dabei bin ich dann pleite gegangen – ich will nicht mehr.“ Jan hatte immer schneller geredet. Er war in Rage gekommen, wollte sich aber keine Blöße geben und hielt die Luft an. „Wovon lebst du denn?“, drängte Ines. Sie hatte Angst, sie würden wieder in Schweigen versinken. „Aushilfsarbeit im Hafen, aber das geht bald auch zu Ende, haben sie mir gesagt.“ Ines wusste nicht mehr weiter, aber sie sah ihn unverwandt an. „Na gut, wenn du das auch noch wissen willst“, sagte er mit gequältem Lächeln: „Frauen gab's auch. Immer große Erwartung, nichts dahinter. Die letzte, da war ich mir so sicher, die ist es, ich fand sie wahnsinnig…, die hat Erfahrung.“ „Und jetzt?“ „So gut wie vorbei, die will sich aushalten lassen, scheint mir, ist krankhaft eifersüchtig, sie wird richtig zickig.“ „Du siehst sie noch?“ „Vielleicht oder auch nicht.“ „Wenn das alles keinen Sinn macht, dann haben wir ja reinen Tisch und können von vorne anfangen. Mir sagte neulich jemand: ‚Nur der Sinn macht Sinn.‘ Du hast ja noch deine fünf Sinne beisammen. Da haben wir ja schon mal was für den Anfang.“ „Wie?“ „Ja, das geht natürlich nicht Hokuspokus. Schön alles der Reihe nach. Jeden Sinn neu zu entdecken, bis er Sinn macht, das ist ein ordentliches Stück Arbeit, jedenfalls, wenn es am Ende wirklich Sinn machen soll.“ „Na, dann mal los mit deiner Sinnlichkeit.“ „Sinnlichkeit alleine reicht nicht aus um einen Sinn gründlich kennenzulernen. Meine Sinnlichkeit ist da vielleicht auch weniger gefragt als deine.“ „Schade, was soll mir das dann noch bringen.“ „Eindrücke bringen auch Vorstellungen, Zusammenhänge, Urteile und Motivation.“ „Da dreht man sich doch immer nur im Kreis, da kommt nichts Neues bei raus.“ „Wenn die Eindrücke neu sind, schon und besonders, wenn die Vorstellungen dazu sich erneuern. Am Ende kommen vielleicht andere Wertgefühle und Motivationen hervor.“ „So einen intellektuellen Quatsch kannst du mir nicht anbieten. Ich hasse diese Kopfgeburten. Deswegen bin ich rechtzeitig von der Schule abgegangen.“ „Aber wenn wir von einer echten Geburt ausgehen, kannst du aus neuen Eindrücken auch neue Vorstellungen gewinnen.“ „Eine Geburt hab ich im Film mal gesehen. Mein Eindruck war: scheußliche Sache.“ „Wir können sicher lohnendere Eindrücke finden, wenn du mir die Auswahl überlässt. Da wirst du bestimmt auf Neuigkeiten stoßen. Wenn du nur immer im eigenen Saft schmorst, wie man so sagt, kommt wahrscheinlich nichts Neues hervor. Du wirst dich darauf einstellen müssen, dass so etwas ein Jahr dauern kann. Alle zwei Wochen müssten wir uns für eine gute Stunde treffen.“ Sie begann hastiger zu sprechen: „Das ist ein Experiment. Danach hast du bestimmt ein anderes Gefühl für deine Sinne.“ Jan sah sie belustigt an. „Du könntest das natürlich jederzeit abbrechen“, beeilte sie sich fortzufahren, „aber dann hättest du eben nicht den Mut gehabt, das Experiment durchzustehen.“ Jan lachte. „Ich hab' schon viel dummes Zeug mitgemacht, ja, da kommt es auf eins mehr oder weniger wohl nicht mehr an. Also treffen wir uns noch einmal. Man sieht dann ob das lohnt.“ Ines hakte in Gedanken ihre Stichworte ab. „Sag mir übernächsten Mittwoch, ob du dich auf ein Jahr einlassen willst. Das ist dann eine vertragliche Abmachung zwischen uns.“ „Ja, ich komm in vierzehn Tagen, hab' ich dir gesagt.“ „Ich will dich aber dann noch mal fragen.“ In Jan schoss plötzlich Wut hoch. „Ich hab ja gesagt, das reicht.“ Ines erschrak.

Nach einem langen Schweigemarsch zurück verabschiedeten sie sich kurz: „Bis Mittwoch in zwei Wochen“, sagte Ines. Jan nickte und ging. „Komische Person“, dachte er beim Weggehen, „aber von der Heilsarmee ist sie nicht. “

Am Sonnabendnachmittag war Ines wieder bei Frau Martein. Es wurde nur ein kurzer Besuch. Ines berichtete, dass eigentlich nicht viel passiert sei, außer, dass Jan dem Experiment sofort zugestimmt habe. „Ich glaube aber nicht, dass er es ernst gemeint hat.“ „Über das, was hinter seiner Fassade läuft, brauchst du dir wenig Gedanken zu machen. Das Wichtigste hast du erreicht für dieses Mal: Es geht weiter. Mach dir Stichpunkte über den Lebensanfang und den Tastsinn, der, wie ich dir sagte, dabei eine wichtige Rolle spielt. Es müssen deine eigenen Gedanken sein und du darfst sie mir jetzt nicht sagen. Davon wussten schon größere Geister, als ich es bin, Gedanken sind wie eine Flüssigkeit im Gefäß. Sind sie einmal ausgesprochen, ist es, als seien sie weggeflossen. Es ist dann oft schwieriger, sie noch einmal neu zu schöpfen, jedenfalls, wenn es nicht sozusagen ‚gute alte Bekannte‘ sind. Behalte sie also für dich.“ Ines hatte Kritik erwartet, weil sie ihre Hausaufgaben besser beisammen gehabt haben müsste. Darum gestand sie: „Ich wollte mir auch Notizen machen, wie es gelaufen ist, aber ich wusste wenig aufzuschreiben. Er hat kurz sein Leben heruntergerattert in zwei, drei langen Sätzen, eigentlich nur Aufzählungen. Ich konnte nicht alles erinnern.“ „Viel wichtiger ist, dass er sich erinnert hat und im Heute angekommen ist. Er ist offenbar nicht einmal steckengeblieben in schwierigen Situationen. Wenn du dir etwas notieren willst, dann rate ich dir, nur positive Punkte zu berücksichtigen, denn damit soll es nachher ja weitergehen. Lass dich nicht entmutigen. Es wird vielleicht eine Art Ringkampf geben. Du darfst dich nicht vom positiven Feld abdrängen lassen. Da brauchst du eine gewisse Beharrlichkeit und Geduld.

Beim nächsten Treffen begann Ines mutig: „Hast du es dir noch mal durch den Kopf gehen lassen?“ „Was?“ „Willst du mindestens ein Jahr das Experiment mitmachen?“ „Am liebsten würde ich jetzt ‚nein‘ sagen, wenn mein gegebenes Wort nichts wert ist… Hat ja sowieso alles keinen Zweck.“ „So eine Entscheidung soll doch nicht spontan gefällt werden“, wollte sie sagen, aber sie biss sich noch rechtzeitig auf die Lippen. „Überlegen ist scheinbar nicht seine Sache“, dachte sie ernüchtert.

Heute war das Wetter schön, das Laufen tat gut. Jan kannte sich draußen besser aus als sie. Sie überließ sich seiner Führung und suchte nach Worten. Dabei spürte sie, wie schwer sie sich damit tat, endlich den ersten Satz zu sagen. Jan würde ihr diesen Schritt nicht abnehmen.

Sie zwang sich zur Konzentration. Tastsinn! Frau Martein hatte ihr einige Beschreibungen mitgegeben: Anfang des Lebens, frühe Kindheit…, ‚aber bleib bei der Wahrnehmung‘, hatte Ines noch im Ohr. „Ich fange mal mit dem Tastsinn an.“ Jan grinste: „Okay, mach mal los.“ Ines überhörte den Unterton. Sie konzentrierte sich auf ihre Stichworte und gab sich das Kommando zum Durchhalten: „Stell dir das vor: ein Kind im Mutterleib. Die Geburt beginnt. Alles drückt, presst, schiebt an der Haut wie niemals vorher. Es ist nicht mit einem Mal getan, die Druckwellen überfallen das Kind immer neu, immer heftiger. Arme und Beine konnte es vorher etwas gegen den umhüllenden Druck ringsum stemmen. Jetzt muss es den starken Druck erdulden. Ich glaube, das ist ein totales Tasterlebnis. Dieses Erlebnis in der Uterushöhle erlebt das Kind in seiner Mundhöhle nach. Gleich nach der Geburt saugt es reflexartig an allem, was den Mundbereich berührt. Ich denke, es könnte sonst gar nicht Milch saugen, wenn es dieses GeburtsSinneserlebnis nicht sozusagen nachahmen würde, es könnte dann gar nicht überleben.“ Während ihrer Rede hatte sie beim Laufen einen Meter vor sich auf den Boden gesehen. Sie wagte einen kurzen Blick zu Jan herüber, der sein Tempo auf ihres heruntergedrosselt hatte. „Veto, dazu hatte ich von Anfang an keine Lust. Meine Mutter hat immer wieder erzählt, wie verzweifelt sie war, weil ich nicht getrunken habe. Nur eine ältere Großtante schaffte es schließlich mich zu füttern. Ich wurde immer wieder zu ihr gebracht, weil ich zuhause jede Nahrung verweigerte.“ „Aber du hast ja überlebt, du musst also trinken gelernt haben“, beharrte Ines. „Ja, irgendwann schließlich, es ging aber lange zwischen der Tante und meiner Mutter hin und her. Meiner Mutter ist das immer noch peinlich, wenn sie davon erzählt.“ Ines überlegte einen Moment, ob sie riskieren sollte, den Gedanken weiterzuführen. Jan triumphierte geradezu mit seiner Gegendarstellung, das war dem Tonfall und dem wieder gesteigerten Tempo seiner Schritte anzumerken, aber sie hatte keine andere Wahl, als in ihrem Gedankengang fortzufahren. „Wenn es auch schwierig war“, beharrte sie, „es gab schließlich keine andere Möglichkeit, als den Mund zu aktivieren, der tastend und saugend die Nahrungsaufnahme übernehmen musste, die vorher noch passiv über die Nabelschnur stattfand.“ Jan schwieg. Sie gab sich Mühe, wieder mit seinem Schritt mitzuhalten. Vielleicht war es besser, wenn sie jetzt von sich erzählte. „Bei mir hat sich der Tastsinn wohl vom Mund aus schnell über die ganze Haut ausgedehnt“, begann sie wieder. „Ich erinnere mich, als kleines Kleinkind war ich oft bei meinen Großeltern zu Besuch, da kam ich in die Besuchsritze, so hieß das, Oma stopfte zum Glück die Ritze zwischen den Ehebetten aus. Die Großeltern hatten riesig-dicke, schwere Federbetten. Ich bekam in der Mitte auch so eine Decke. Diese Hülle war ein Traum von Gehaltenwerden, schwer, weich und so gut warm. Die Schwere verlieh der Bettdecke etwas Körperliches, fast Menschliches, als ob mich jemand in den Arm nimmt.“ Jan sah sich um, sie standen an einer Weggabelung. Er brauchte ein Weilchen, bis er sich für eine Richtung entschied. „Kennst du das Gefühl von solchen Federbetten?“ „Was?“ Jan hatte nicht mehr gut zugehört. Sie beschrieb ihm noch einmal das Federbettgefühl. Er zuckte die Achseln. „Was denkst du?“ „Mit 'nem Kissen im Arm schläft' s sich auch weich und warm, nee, das gefällt mir nicht. Außerdem, schwere Decken sind was Furchtbares.“ „Wobei erlebst du den Tastsinn?“ „Wenn man sich stößt wahrscheinlich. ‚Wer nicht hören kann, muss fühlen‘, sagte mein Vater und knuffte mich dann, das war nicht der Tastsinn, das war eher der ‚Stoßsinn‘. Hat aber auch nichts gebracht.“ „Deine Grenze solltest du jedenfalls erfahren.“ Jan machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich mag sowieso nicht angetickt werden. Ich krieg' hier aber auch so gleich 'nen Tick. Was willst du überhaupt?“ „Darauf hinaus, dass du dich mit dem Tastsinn ruhig mal anfreunden könntest. Ohne diesen Sinn könntest du deine Grenze gar nicht wahrnehmen. Du würdest mit deiner Umgebung verschwimmen.“ „Ich kann sie ja sehen.“ „Wenn du alle Grenzen, die du siehst, fühlen müsstest, würdest du verrückt werden. Der Tastsinn zeigt dir überall an deiner Grenze deine tatsächliche Existenz. Die Erde unter den Füßen zeigt dir durch den Tastsinn: hier, an dieser Stelle bist du vorhanden. Das Wasser: hier wirst du sanft berührt, eingehüllt und getragen beim Schwimmen. Die Luft umschmeichelt dich und dringt tief in dich ein.“ „Jetzt mach mal 'nen Punkt, ich hab ja noch andere Sinne, bei denen ich mich erlebe.“ „Jeder deiner Sinne teilt dir etwas anderes von dir mit. Das Sehen lenkt dich auf die Oberflächen ringsum. Der Tastsinn bringt dich zu dir. Schließ die Augen, vergiss die Erinnerung, das, was du berührst, bleibt im Dunkeln, von sanft bis hart erfährst du nur dich durch den körperlichen Eindruck.“ Jan richtete den Blick unverändert in die Ferne. Auch als sie ihn eine Weile ansah, entzog er sich ihr auf diese Weise. „Der Tastsinn ist mir sehr sympathisch, er behütet mein Existenzgefühl, auch wenn er oft bescheiden im Hintergrund bleibt. Wenn ich Stress habe, nehme ich immer ein Stück Schlacke in die Hand, das habe ich in einer Schublade liegen. Der Stein aus Schlacke ist eine zuverlässige Existenz-Basis, rau, hart, aber zuverlässig. Ich fühl' mich dann vom Tastsinn gehalten.“ „Das hilft dir?“, fragte Jan ungläubig, „interessant. Komische Idee, sich vom Tastsinn gehalten zu fühlen.“

Für heute hatte Ines alles gesagt, was sie sich überlegt hatte. Der Rückweg war länger als beim letzten Treffen. Sie hatte sich an das Gehen neben seinen großen, langen Schritten schon gewöhnt. Als sie wieder an die Straße kamen, sagte Jan nur: „Ich muss dich ja nicht bis an die Haustür bringen. Tschüss dann.“ „Bis zum nächsten Mittwochstreffen. Wir können uns auch wieder gleich hier treffen.“ Jan nickte. Als sie allein das letzte Stück des Weges ging, fiel ihr auf, dass Jan sich ständig gesträubt hatte. Er hatte sich nur bemüht, ihr zu widersprechen. Was interessierte ihn eigentlich? Sie fühlte, wie hilflos und unglücklich sie war.

Am Sonnabend war sie wieder bei Frau Martein. „Jan will das Experiment nur mitmachen, um mir zu zeigen, dass er nicht will“, endete ihr Bericht. Ihre Enttäuschung hatte sich beim Reden in Wut verwandelt. Frau Martein blieb ruhig, trank etwas Tee, sah hinaus und schließlich wieder zu Ines. Mit freundlicher Stimme begann sie: „Du hast doch einen kleineren Bruder. Erinnerst du dich noch daran, wie er als kleines Kind war? Hatte er nicht auch solche Trotzphasen? Stell ihn dir noch einmal vor, er war dann ganz erfüllt von sich und konnte sich erst dann so richtig spüren. Mit ‚Ja‘ ist man doch ganz bei dem anderen. Erst mit ‚Nein‘ bin ich ganz bei mir, baue eine Grenze auf, nehme meine Kraft wahr. Sagen wir es mit anderen Worten: Er fühlte sich aufgefordert, sich zu spüren. Er hat sich angenommen, er hat sich aufgerichtet. Zwar in Auflehnung gegen dein Angebot, aber er hat zu sich gefunden.“ Frau Martein strahlte ruhige Zufriedenheit aus, Ines konnte in diese Zufriedenheit nicht hineinfinden, obwohl sie Frau Martein verstand. „Wie kommen wir weiter, wenn er nicht mitdenken will?“ „Du bist kein Missionar, es passiert immer etwas. Ein Etwas, das ein Lebendiges, Erlebbares ist. Wäre der Tastsinn unser einziger Sinn, würde er uns mitteilen, dass wir existieren und dass ein Etwas, irgendein Ding es uns zum Bewusstsein gebracht hat. Etwas bleibt in uns als lebendiger Eindruck, ohne dass wir es durch das Auge näher benennen können. Der Tastsinn zeigt uns die Sehnsucht nach diesem Etwas, das ein Erleben in uns entstehen lässt. Sehnsucht nach etwas, etwas Erlebbarem, ist ein gewaltiges Lebensfundament. Das ist der Auftakt und die bleibende Basis unseres Lebens.“ „So etwas kann ich mit Jan nicht besprechen“, befürchtete Ines mutlos. „Das sollte man auch besser erleben. Es genügen kleine Experimente. Such dir ein paar Dinge zusammen, die du dir mitnehmen kannst. Er muss die Augen schließen und eines nach dem anderen betasten. Frag ihn, welches Ding er am besten erleben konnte. Er soll aber auch hinterher nichts davon sehen, es handelt sich nicht um ein Ratespiel.“ „Was mache ich dann mit seinem Erlebnis?“ „Du hast schon verstanden, es geht erstmal nur um ein Erlebnis. Das Erlebnis ist es, das zur Frage, zum Suchen und im weitesten Sinne zur Sehnsucht führt. Dies bleibt die Basis ein Leben lang. Alle anderen Sinne geben Teilantworten auf unsere Fragen, aber die Fragen bleiben. Kluge Leute haben festgestellt, dass die Fragen mit jeder Antwort nur größer werden.“ Ines war unsicher, ob es ihr beim nächsten Treffen gelingen würde, Jan dies zu vermitteln. „Ich werd's versuchen“, sagte sie tapfer beim Abschied, mehr zu sich selbst als zu Frau Martein.

Jan und Ines trafen sich von nun an immer am Anfang des Feldwegs. Jan übernahm weiter die Führung der Route. Das Gespräch begann Ines heute wie alle folgenden Male, wenn sie soweit außer Sicht gekommen waren, dass sie nicht von neugierigen Nachbarn gesehen oder womöglich von Lukas und seinen Mitstreitern belauscht werden konnten.

Ines hatte einen Beutel aus feinem Stoff mitgebracht. Zehn Gegenstände hatte sie hineingetan: einen zerbrochenen Korken, einen glatten Kieselstein, einen Stein mit roher Schafwolle umwickelt, einen getrockneten Apfel, einen Bauklotz, eine dicke Schraube, eine Schüssel vom Puppengeschirr, eine Kastanie, einen noch recht stacheligen Seeigel und den Fünfstern von Frau Martein. „Ich hab' was mitgebracht“, begann sie. „Wenn du den Beutel betastest, fühlst du lauter Gegenstände darin. Was fühlt sich davon interessant an?“ Ines hielt ihm den Beutel hin. „Ratespielchen vom Geburtstag, sowas mach' ich nicht“, sagte er verächtlich. „Hab' ich mir gedacht. Du sollst nichts davon sehen, ich auch nicht. Nur was du fühlst, sollst du genau unterscheiden und dann das beste Gefühl für dich bestimmen. Auch dann geht es nicht um die Gegenstände. Der Beutel bleibt zu. „Was ist denn da so Spannendes drin? Sind auch Knallfrösche dabei?“ Ines zuckte mit den Achseln. Jan nahm ihr den Beutel ab, drehte sich um und befingerte den Inhalt. Nach einer Weile drehte er sich lächelnd um. „Klar, nur eins unter all dem Klöterkram ist interessant, das kriegt man ja leicht raus.“ Er gab Ines den Beutel zurück. „Was war das für ein Gefühl bei dem Gegenstand?“, fragte sie. „Kann ich nicht genau sagen, irgendwie weich und schwer, fast wie etwas Körperliches.“ Ines überlegte eine Weile. „Wenn du den Gegenstand gesehen hättest, würdest du nur an etwas denken, wofür du schon einen bekannten Begriff hast, aber jetzt geht es um ein Erlebnis. Das wird in dir lebendig, ein lebendiges Etwas.“ Sie machte eine längere Pause und war froh, dass dieses unfassbare Etwas des Tastsinns doch greifbar geworden war. „Warum machst du alles so kompliziert?“ „Das werden wir noch weiterverfolgen können. Wenn die Antwort auf eine Tasterfahrung von anderen Sinneswahrnehmungen kommt, ist die Erfahrung, das Erlebnis erstmal zugedeckt. Es könnte ein anderes Sinneserlebnis dazukommen und wieder ein anderes, aber etwas wesentlich Neues erfahren wir auch bei der Überlagerung des Tasterlebnisses mit anderen Sinnen erst mal nicht. Es ist wie auf dem Bahnhof: ein Chaos von Eindrücken. Du findest da nicht mehr durch oder musst dich mit größter Anstrengung auf eine Wahrnehmung, z. B. den Lautsprecher, konzentrieren und alles andere ausblenden. Wenn du wirklich ein sinnvolles Etwas erfahren willst, erreicht es dich leichter, wenn du dich auf eine Wahrnehmung in einem Sinnesbereich konzentrierst. So konzentriert sich auch das kleine Kind erst einmal auf den Tastsinn.“ „Du hast mir also einen Schnuller mitgebracht“, folgerte Jan. Ines widersprach: „Das ist eher die Tastverstopfung“, glaube ich. „Das Kind lernt im ersten Lebensjahr so viel, wie später nie wieder, habe ich gelesen.“ „Was muss ich jetzt trainieren?“ „Deinen Kopf, hüte deine Erlebnisse. Das Tasten ist in allen anderen Sinnen auch mit dabei, nur versteckter im Hintergrund. Die Augen haben vom Tastsinn gelernt, die Objekte gewissermaßen abzutasten. Beobachtung nennt man das. Das Trommelfell tastet die Schallwellen ab, wenn man es so sieht. Alle anderen Sinnesorgane tun es auf ihre Weise.“ Jan unterbrach sie: „Ich denke, wir bleiben erstmal bei einem Sinn, habe ich von dir gehört.“ „Richtig, lassen wir die anderen Sinne beiseite, die Tasterlebnisse aber darfst du dir gut merken.“ „Du bist zu gütig zu mir“, bemerkte er spöttisch. Ines ließ sich nicht davon irritieren. „Die Tasterlebnisse kann man später ordnen, einteilen nach ihrer Herkunft. Die Eindrücke aus den festen Stoffen, z. B. Erde, Sand oder Steine unter den Fußsohlen beim Stehen, das sind Eindrücke, die dir ein Raumgefühl vermitteln. Eindrücke aus dem wässrigen oder flüssigen Element: umspült werden, eintauchend umhüllt werden, die Bewegungen dieses Elementes als Veränderung, als Dynamik auf der Haut erleben. Wasser kann sich in deinem Erleben schnell verändern. Die Veränderung der Eindrücke gibt