Die Weisheit der Kinder - Udo Baer - E-Book

Die Weisheit der Kinder E-Book

Udo Baer

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Beschreibung

Udo Baer nimmt eine radikale Änderung des pädagogischen Blickwinkels vor: Ihn interessiert nicht, wie Kinder sein oder wie Eltern erziehen sollen. Hier wird der unbewusste Sinn kindlicher Äußerungsformen aller Art entschlüsselt. Darauf beruhen die hier dargestellten, Nachreifung ermöglichenden acht Prinzipien des Umgangs mit »Problemkindern«. In zahlreichen Beispielen aus seiner über 30jährigen Praxis zeigt der Autor, welcher verborgene Sinn in den oft schwer nachvollziehbaren und herausfordernden Verhaltensweisen früh geschädigter Heranwachsender liegt. Erwachsene lernen, Kinder aller Altersgruppen wirklich zu verstehen. Warum spielen Kinder Verstecken? Warum lassen die Kleinen so oft den Löffel fallen? Und was bedeutet es, wenn manche Kinder nicht spielen können? Dem erfahrenen Pädagogen Udo Baer gelingt es, die Verhaltensweisen und Äußerungsformen von Kindern aller Altersstufen aus ihrer Perspektive zu entschlüsseln und den unbewussten Sinn darin deutlich zu machen. Das betrifft die verschiedensten Aspekte kindlichen Erlebens: die alltäglichen Lebensäußerungen, wie sie sich in Spielen und typischen Vorlieben oder Ablehnungen von Kindern äußern, und auch die besonderen Verhaltensweisen, die auf schwierige Lebensumstände antworten. Die »Weisheit der Kinder« zeigt sich überall, wenn Eltern und Erzieher sie richtig zu deuten wissen und sensibel darauf eingehen. Wie das gelingt, zeigen die im Buch enthaltenen »Empfehlungen für liebende Eltern«.

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EPUB

Seitenzahl: 212

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Udo Baer

Die Weisheitder Kinder

Wie sie fühlen, denkenund sich mitteilen

Impressum

Dieses Werk wurde vermittelt durch Aenne Glienke / Agentur für Autoren und Verlage, http://www.aenneglienkeagentur.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Klett-Cotta

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© 2018 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Weiß-Freiburg GmbH – Graphik & Buchgestaltung

Unter Verwendung eines Fotos von © joey333 – Fotolia.com

Datenkonvertierung: Tropen Studios, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-86122-8

E-Book: ISBN 978-3-608-11082-1

PDF-E-Book: ISBN 978-3-608-20388-2

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Inhalt

Einige einleitende Worte

Teil A

Kinder verstehen

1 »Es brennt!« – Von der Wirksamkeit und Unwirksamkeit

2 »Such mich!« – Vom Verstecken, Gesucht- und Gefundenwerden

3 »Warum hast du so eine große Nase?« – Von der Neugier und vom Interesse

4 »Das ist meine Welt« – Vom Bauen

5 »Fang mich doch!« – Von der Lust, ergriffen zu werden

6 »Das darf niemand wissen« – Von der Wichtigkeit kindlicher Geheimnisse

7 Ohne Worte – Vom Herzlächeln

8 »Ich Ronaldo« – von der Bedeutung des Fan-Seins

9 »Ich find dich blöd!« – Von der wilden Gier nach Leben

10 »Boooh!« – Von der Kraft des Staunens

11 »Ich komme gleich …« – Vom unterschiedlichen Zeiterleben

12 »Das war schön« – Vom Geschenk des Anlehnens

13 »Ich bin nicht kitzelig!« – Von der Lust des Gekitzelt-Werdens

14 »Wir Lehmanns fassen uns nicht an« – Vom Wunder der Berührung

15 »Nicht zu greifen« – Von den schwarzen Löchern des Tabus

16 »Heute haben wir keine Hausaufgaben auf« – Vom »Lügen« und Phantasieren

17 »Der Starwas beschützt die Kinder« – Von der Notwendigkeit des Kämpfens

18 »Das tut nicht weh!« – Vom Schonen der Eltern

19 »Ich will nicht, dass es anders ist« – Vom Einhausen und Enthausen

20 »Das ist wie eine Mauer zwischen uns« – Vom Helfen bei Hilflosigkeit

21 »Gib dem Opa ne Fünf!« – Vom Druck und vom Drücken

22 »Nein. Das ist keine Butter, das ist Margarine!« – Vom Recht auf Besserwisserei

23 »Tausche drei Franzosen gegen einen Boateng« – Von der Lust am Sammeln

24 »Mama, ich brauch die Ballerinas von H & M!« – vom Glitzern und Funkeln

25 »Ich trau mich nicht« – Vom Sinn der Angst

26 »Mensch, ärgere dich nicht!« – Vom Gewinnen und vom Nicht-verlieren-Können

27 »Du bist die Prinzessin! Nein ich!« – Vom Sinn des Spielens

28 »Ich will aber!« – Ein Lob des Risikos

29 »…« – Von der Gnade des Träumens

30 »Ich brauche erst einmal eine Pause!« – Vom Sinn des kindlichen Hin und Her

31 »Ich mache jetzt in Leichtathletik« – Vom Lernen und Identifizieren

32 »Ich komme da nicht mehr mit …« – Vom Himmelhochjauchzend und von der Exzentrizität

33 »Ich will das aber!« – Vom Maß und von der Maßlosigkeit

34  »Hältst du zu mir?« – Vom Sinn der Parteilichkeit

35 »Mama guck mal, mein Bett ist nass« – Wenn Kinder nachts die Kontrolle verlieren und einnässen

36 »Ich bin stark«! – Vom Rangeln, Ringen und Stark-Sein

37 »Nein!« – Wenn Kinder sich auf den Boden werfen

38 »Als wärst du nicht da« – Vogel Strauß und die unsichtbare Mauer

39 »Ich bin traurig und weiß nicht warum« – Geschwisterbande zwischen Leid und Liebe

Teil B

14 Empfehlungen für Eltern und andere Erwachsene

1 Erkunden Sie die Weisheit der Kinder!

2 Fragen Sie nach dem Sinn des »Unsinns«!

3 Fragen Sie beharrlich und geduldig!

4 Nutzen Sie Ihre eigenen Erfahrungen als Kind!

5 Nähren

UND

spiegeln Sie

UND

seien Sie ein Gegenüber!

6 Nutzen Sie das Wunder der Spürenden Begegnungen!

7 Ersetzen Sie »Zickigkeit« durch »Eigensinn«!

8 Reden Sie nicht über Kinder, wenn diese dabei sind: Kinder bekommen mehr mit, als Sie denken!

9 Sagen Sie klar: Wem gehört was!

10 Üben Sie Loslassen!

11 Verniedlichen Sie nicht: »Ist doch nicht so schlimm!«

12 Vermindern Sie Druck!

13 Seien Sie wahrhaftig!

14 Lassen Sie sich vom dreifachen Respekt leiten!

Zum Schluss: Welche Geschenke Kinder brauchen

Das erste Geschenk: Wir leben Gefühle

Das zweite Geschenk: Wir interessieren uns für die Kinder und zeigen das

Das dritte Geschenk: Reibung

Das vierte Geschenk: den Tanz von Nähe und Distanz wagen

Das fünfte Geschenk: Halt und Sicherheit

Das sechste Geschenk: Vorbild sein

Das siebte Geschenk: das große

UND

leben

Das Geschenk der Geschenke: die Liebe

Einige einleitende Worte

Vom ersten Tag ihres Lebens an versuchen Kinder, uns Erwachsene zu verstehen. Sie müssen sich darum bemühen, um sich ihre Lebenswelt zu erschließen und in ihr zurechtzukommen. Die ganze Welt ist für sie zunächst fremd und befremdlich. Die Menschen um sie herum geben Laute und Zeichen von sich, die unverständlich sind. Die Säuglinge spüren eher, als dass sie »wissen«, was die anderen ihnen signalisieren, sie spüren es an Berührungen, Blicken, Atmosphären.

Je älter Kinder werden, desto mehr Fähigkeiten haben sie erworben, die Welt und insbesondere die Menschen darin zu verstehen. Doch es bleibt mühsam, sich in der Welt zurechtzufinden. Denn große Lücken im Verstehen bleiben, und immer neue, immer weitere und immer wieder zunächst fremde Lebensbereiche öffnen sich und werden erreichbar: der Kindergarten, die Schule, der Sport, die Freunde und Freundinnen, die Musik, die Bücher, das Internet … Als Kind sich die Absicht der Mutter, die Ermahnung des Vaters und die Verhaltensweisen der Erzieherin oder des Lehrers zu erschließen, bleibt eine immerwährende Herausforderung. Das, was wir Erwachsene als kindliches Lernen bezeichnen, ist ein immerwährendes Bemühen um Verstehen und Verständnis.

Kinder sind in diesem Ringen erfolgreich. Nicht immer, aber meistens. Manches bleibt für sie unerklärlich; manche resignieren in ihren Bemühungen, doch viele erhalten sich ihre Neugier und ihren Hunger nach Verstehen. Dieser Weg der Kinder ist eine enorme Leistung, die wir würdigen sollten. Umso wichtiger ist, dass auch wir Erwachsene uns darum bemühen sollten, Kinder zu verstehen. Es ist der Mühe wert. Aus unserem eigenen Interesse und im Interesse der Kinder.

Wie oft haben wir als Eltern und andere Erziehende den Eindruck, dass wir Kinder nicht erreichen! Wie oft kommt es uns vor, als würden wir an ihnen »vorbeireden«! Wie oft kommt uns manches im Verhalten von Kindern unerklärlich und unverständlich vor! Kinder besser zu verstehen, liegt deshalb im Interesse der Erwachsenen, weil jedes Verstehen die Beziehung zu den Kindern leichter macht.

Und auch den Kindern dient jede noch so kleine Verbesserung des Verstehens. Kinder wollen gesehen und gehört werden. Kinder wollen verstanden werden. Kinder brauchen Verständnis. Das fördert ihr Lebensglück und das stärkt ihr Selbstwertgefühl.

Doch das Verstehen ist für Eltern und andere Erwachsene gar nicht so leicht. Wenn wir fragen, erhalten wir oft keine Antworten. Häufig ist unser Blick von unseren Erfahrungen und Interessen als Erwachsene geprägt. Wir haben gelernt und hören immer wieder, wie Kinder sein sollen, was Kinder lernen sollen, wie sie werden sollen. Und wir bekommen Ratschläge, wie wir erziehen sollen, ob als Eltern oder in Kindergarten und Schule. All das bezeichne ich als den Erwachsenenblick auf die Kinder. Dieser Blick trübt oft die Wahrnehmung. Er lässt manche, oft viele und v. a. gewichtige Aspekte des kindlichen Erlebens außen vor, die zum Verstehen der Kinder wesentlich sind. Wenn Achims Leistungen in der Schule absinken und er immer häufiger vor sich hin träumt und das, was andere sagen, nicht mitbekommt, dann macht das der Lehrerin und den Eltern Sorgen. Sie wollen, dass Achims Lernleistungen stimmen, und versuchen, ihn durch Druck und versprochene Belohnungen zu mehr Aufmerksamkeit anzuspornen. Das ist die Perspektive der Erwachsenen.

Achims Verhalten aus der Perspektive seines Erlebens zu betrachten, zeigt anderes: Achim hat Kummer. Sein bester Freund ist in eine andere Stadt gezogen. Er ist traurig und enttäuscht. Er fühlt sich allein. Das zu zeigen, geht für einen 12-jährigen Jungen nicht, das wäre uncool. Er ist nicht »unaufmerksam«, sondern seine Aufmerksamkeit wird von seiner Wehmut und Traurigkeit in Anspruch genommen. Wenn seine Eltern und die Lehrerin dies verstehen würden, könnten sie anders reagieren.

Ich schlage vor, die Erwachsenenperspektive beizubehalten, weil sie nun einmal die von uns Erwachsenen ist, UND uns darum zu bemühen, die Kinderperspektive zu erfassen, sich zumindest ihr anzunähern. Dazu möchte ich mit diesem Buch einen Beitrag leisten. Es versucht, das Erleben der Kinder aus ihrer Perspektive heraus aufzuzeigen und zu verstehen.

Dabei sind mir zwei Aspekte besonders wichtig:

Ich gehe davon aus, dass unbewusst jedes Verhalten eines Kindes einen Sinn enthält. »Sinn« kommt vom mittelhochdeutschen »sin« und bedeutet »Richtung«, wie es im Wort »Uhrzeigersinn« noch gebräuchlich ist. Sinn meint also eine Richtung, in die das Verhalten weist. Wenn ein Kind unruhig ist, kann der »Sinn« darin bestehen, dass es unbewusst zeigen will, dass es durch irgendetwas beunruhigt ist. Wenn ein Kind seine Traurigkeit über den Auszug des Vaters nicht zeigt und verstummt oder einnässt, dann kann der »Sinn« seines Verhaltens darin bestehen, dass es die Mutter schonen will, die über das Scheitern der Ehe verzweifelt. Ich habe mir immer die Frage gestellt, welchen Sinn die Äußerungen und das Handeln eines Kindes haben könnten (auch wenn es von außen gesehen »unsinnig« und »widersinnig« oder »kindisch« schien), ich habe beobachtet, ich habe »mitgefühlt«, und ich habe gefragt. Was ich dabei erfahren habe, hat mich immer wieder zum Staunen gebracht. Dieses Staunen möchte ich hier in Worte fassen und mit Ihnen teilen.

Und zweitens darf es nicht dabei bleiben, dem zuzuhören, was Kinder uns sagen. Es gilt, auch das anzunehmen, was sie uns nicht sagen, aber zeigen, oder was sie uns kundtun, indem sie etwas nicht zeigen. Ich bin der festen Überzeugung, dass dazu auch das gehört, was Kinder in uns hervorrufen. Wenn ich im Umgang mit einem Kind hilflos bin, dann nehme ich dies als Spur, dass das Kind mir dadurch seine Hilflosigkeit zeigt, für die es keine Worte hat. Ich nenne das die Weisheit der Kinder.

Wenn ich hier für das Verstehen der Kinder werbe, dann beinhaltet das nicht, dass ich allem, was Kinder denken und unternehmen, einfach zustimme oder zu dieser Art von falsch verstandener Toleranz und Akzeptanz auffordere. Kinder brauchen auch Grenzen, Kinder brauchen auch Erwachsene mit eigenen Auffassungen und klaren Regeln, die ihnen Halt und Sicherheit geben. Kinder brauchen kritische Auseinandersetzungen. Wenn diese auf einem Boden des Verständnisses erfolgen, was ein Kind gerade bewegt und umtreibt, dann können auch solche Konflikte in einer grundsätzlich friedvollen Atmosphäre und würdigenden Haltung ausgetragen werden, in der Kinder wachsen können und nicht erniedrigt werden.

Dieses Buch soll deshalb ein Kinder-Versteher-Buch sein. Es wendet sich an Eltern, PädagogInnen, SozialpädagogInnen, ErzieherInnen, LehrerInnen und andere Menschen, die mit Kindern arbeiten. Es beruht auf meinen Erfahrungen als Vater und Großvater, als Pädagoge und als Therapeut.

Ich werde in diesem Text verschiedene Aspekte kindlichen Erlebens beschreiben, so wie ein Scheinwerfer sein Licht auf diesen oder jenen Aspekt der Bühne des Lebens wirft. Dabei bin ich mir bewusst, dass ich als Erwachsener den Scheinwerfer bediene. Ich hoffe und bemühe mich, möglichst offen für die vielfältigen Facetten und Zwischentöne kindlichen Erlebens zu sein, die das Licht meines Scheinwerfers zurückstrahlt. Ich werde, so oft es geht, Kinder zitieren und von Kindern erzählen.

Sie werden manchmal das Kind oder die Kinder wiedererkennen, mit denen Sie leben oder arbeiten. Und an anderen Stellen werden Sie denken: »Das ist bei meinem Kind anders.« Ja, jedes Kind ist einzigartig, und das ist wunderbar so. Deswegen wählen Sie beim Lesen aus, nehmen Sie die Geschichten und Darlegungen als Anregung. Auch alle Empfehlungen, die ich im zweiten Teil des Buches ausspreche, sind keine »Du-musst-Keulen«, sondern das, als was ich bezeichne: Empfehlungen.

Ich unterscheide in der Auswahl meiner Beispiele und in den Texten bewusst nicht zwischen eher alltäglichen Erfahrungen der Kinder und schwerwiegenden, z. B. traumatischen, Verletzungen der Kinder. Die Weisheit der Kinder zeigt sich überall. Die Kinder äußern sie auf unterschiedliche Weise und passen dies ihren Lebensbedingungen an. Doch ihre Weisheit zeigen sie immer.

Ich hoffe, mit dem Buch zum tieferen Verstehen der Kinder beizutragen. Im Interesse der Kinder und der Erwachsenen und im Interesse einer gelingenden Beziehung zwischen ihnen.

Teil A

Kinder verstehen

1 »Es brennt!« – Von der Wirksamkeit und Unwirksamkeit

Kinderszenen

Die kleine Ayse sitzt in ihrem Kindersitz. Sie hat gegessen. Sie nimmt den Plastiklöffel in die Hand, mit dem sie gefüttert worden war, und schlägt mit ihm auf die Ablage vor ihrem Kindersitz. Dabei strahlt und lacht sie: Sie ruft ein Geräusch hervor! Doch nicht nur das, ihre Wirkung geht darüber hinaus. Die Eltern und die Geschwister am Esstisch werden aufmerksam und lachen zurück. Sie freuen sich mit.

Dann nimmt Ayse den Löffel, hält ihn neben sich und lässt ihn auf den Boden fallen. Die Mutter springt auf und sagt: »Oh, Ayse, du hast etwas fallen gelassen.« Sie hebt den Löffel auf und gibt ihn Ayse zurück. Ayse strahlt noch mehr. Sie nimmt den Löffel, guckt nun den Vater an und lässt den Löffel fallen. Der Vater schmunzelt, steht auf und gibt Ayse den Löffel. Die Prozedur wiederholt sich mehrere Male. Ayse strahlt und juchzt. Sie ist wirksam. Sie ruft nicht nur Geräusche hervor. Nein. Ihre Wirksamkeit reicht weiter. Sie bewirkt, dass die Mutter und der Vater etwas tun: den Löffel aufheben und ihn ihr wiedergeben. All das ist mehr als ein Haschen um Aufmerksamkeit: Ayse übt Beziehungswirksamkeit.

Verstehen

Das Gefühl, wirksam zu sein, ist den meisten Menschen nicht bewusst. Erst wenn Menschen die Erfahrung machen, unwirksam zu sein, spüren sie dieses Gefühl und seine Bedeutung. Unwirksam zu sein, hat Konsequenzen.

In dem Buch »ABC der Gefühle«1 befragten wir Gefühle, als wären sie Personen. Da sagen die Wirksamkeit und die Unwirksamkeit über sich: »Wir beide, Wirksamkeit und Unwirksamkeit, gehören auf immer zusammen; wir sind eins. Niemand darf uns trennen, das ist unsere größte Angst. Würden wir nur als Wirksamkeit existieren, würden die Menschen das Scheitern nicht kennen, dann könnten sie daraus nicht lernen, sondern würden größenwahnsinnig und eitel werden. Wenn wir nur als Unwirksamkeit in einem Menschen existierten, würden wir von ihm Besitz ergreifen und ihn lahmlegen. Das passiert manchmal bei Kindern und Jugendlichen. Wenn nicht nur das eine oder andere, das sie tun, unwirksam bleibt, sondern alles, dann verliere ich, die Unwirksamkeit, meine Lebenspartnerin und damit jede Hoffnung und Sinnhaftigkeit. Ich werde als Unwirksamkeit zum bestimmenden Grundgefühl und lande bei immer sinnloserer Gewalttätigkeit, entweder gegen andere oder gegen die Person selbst, in der unbewussten verzweifelten Hoffnung, doch noch irgendetwas bewirken zu können.«

Wenn Kinder positive Wirksamkeitserfahrungen machen, dann verstärkt das ihr Interesse und ihre Bemühungen. Wenn ein Kind in der Schule lernt und dadurch bei der nächsten Klassenarbeit Erfolg hat oder zumindest die wohlwollende Aufmerksamkeit eines Lehrers oder einer Lehrerin hervorruft, dann zieht es daraus Befriedigung. Wenn die kleine Ayse bewirkt, dass die Eltern und Geschwister strahlen und mit ihr froh sind und sich bewegen, um den Löffel aufzuheben, dann erfreut sie das.

Doch wenn Ayse mit dem Löffel klopfen und ihn fallenlassen würde, es würde aber niemand reagieren oder es gebe nur genervte Reaktionen: »Lass das!«, dann würde dies Ayse frustrieren. Wenn Bemühungen in der Schule oder Bemühungen um Freundschaft nicht registriert werden, dann fühlen Kinder, dass sie ins Leere gehen, was sie oft verzweifeln lässt. Sie greifen dann manchmal zu destruktiven Wirksamkeitsbemühungen, zerstören etwas, manchmal auch sich selbst. Oder sie resignieren.

Eltern neigen manchmal dazu, die Wirksamkeitsbemühungen der Kinder nicht als solche zu verstehen, sondern nur die Auswirkungen zu betrachten: den Lärm, die Verschmutzung, die Unordnung. Selbstverständlich sollten da Grenzen gesetzt werden. Doch der Anfang und der Kern unserer Reaktionen sollten die Begeisterung und das Staunen sein, dass und wie Kinder sich um Wirksamkeit bemühen.

Leid, Sinn, Weisheit

Tim ist ein freundlicher Junge. Er fällt nicht auf, hat wenig Freunde, kommt aber mit allen zurecht. In der Schule ist er Mittelmaß. Bei den LehrerInnen gilt er als »pflegeleicht«. Er bemüht sich, stört nicht, eckt nicht an. Tim wohnt mit seinem Vater und dessen neuer Freundin auf dem Land. In der alten, leerstehenden Scheune versucht er, in einer Ecke ein Feuer zu machen. Der Vater kommt zufällig hinzu, schimpft und tritt das Feuer aus. Er verbietet ihm den Umgang mit Streichhölzern. Zwei Wochen später zündelt Tim wieder. Ein Junge aus der Nachbarschaft ist in der Nähe, sieht die Flammen und schreit: »Es brennt!« Das Feuer kann gelöscht werden. Der Vater ist entsetzt. Er sagt: »Warum machst du denn so einen Unsinn?! Ich versteh das nicht!«

»Unsinn«? Ja, vom Vater aus gesehen verständlicherweise gefährlicher Unsinn. Aus der Perspektive des Kindes, aus seinem Erleben heraus, ist es anders. Äußerlich wirkt Tim unauffällig, doch innerlich brennt es in ihm. Zwei Jahre nach seiner Geburt hatte sich die Mutter von seinem Vater und ihm getrennt. Er sieht die Mutter nur alle zwei Wochen. Sie hat einen neuen Partner und sagt zu diesem, sie liebe ihn, Tim, nicht besonders. Tim hat das gehört und vor allem spürt er es. Der Vater hat ebenfalls eine neue Partnerin. Tim fühlt sich von ihr ungeliebt. Der Vater und seine neue Partnerin bekommen ein Kind.

Das, was Tim mit seinem Zündeln hervorruft, spürt er in sich: Es brennt, der Schmerz brennt, die Einsamkeit brennt, die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit brennt!

Tim ruft Hocherregung hervor, vor allem bei seinem Vater. Diese Hocherregung lodert in ihm verborgen unter seinem freundlichen, angepassten Wesen. Die Angst und Sorge vor einem Brand wünscht er sich als Angst und Sorge um sich. Er möchte, dass sich die Erwachsenen um ihn sorgen. Er hat Angst, dass er nach der Geburt des neuen Kindes ganz verloren geht. Darüber kann er nicht reden, ihm fehlen die Worte. Er zeigt Bedürftigkeit, zeigt seine Weisheit in seinem Handeln.

Hören Sie den Kindern zu, auch auf das, was sie nicht sagen. Wer still ist, kann innerlich voller Lärm sein. Geben Sie den Kindern das Gefühl, wirksam zu sein. Lassen Sie sie nicht ins Leere gehen, sondern reagieren Sie, so gut und so wahrhaftig Sie können. Achten Sie auf die versteckten Signale der Not, zumindest im zweiten Schritt, wenn sich unverständliches Verhalten wiederholt, das Sie in Not bringt.

2 »Such mich!« – Vom Verstecken, Gesucht- und Gefundenwerden

Kinderszenen

Knapp vier Jahre ist Lisa alt. Wenn die Oma zu Besuch kommt, fragt sie: »Willst du mit mir Verstecken spielen?« Und dann geht es los. Lisa versteckt sich hinter dem Vorhang (aber die Füße schauen darunter hervor). Sie versteckt sich unter dem Tisch, hinter dem Sofa, unter dem Sesselkissen usw. Wie schnell die Oma sie findet, ist ihr egal. Hauptsache sie wird gefunden.

Umgekehrt macht es auch Spaß. Die Oma muss sich verstecken, und Lisa findet sie mit einem lauten Jauchzen. Doch am wichtigsten ist es ihr, selbst gefunden zu werden. Schon als kleineres Kind hat sie öfter die Hände vor die Augen gehalten und gerufen: »Bin weg. Bin weg!« Und wenn man ihr dann auf die Nase stupste, nahm sie die Hände weg, öffnete die Augen, strahlte und rief: »Daaaaaaaa!«

Verstehen

Kinder möchten gesehen werden, Kinder müssen gesehen werden. Das Sehen und Gesehenwerden gehört zu den spürenden Begegnungen2, zu den grundlegenden Interaktionen, mit denen sich Kinder in die Welt öffnen und mit ihr verbinden. Wenn Kinder sich nicht gesehen fühlen, dann schwächt das ihr Selbstwertgefühl, dann gehen sie verloren und fühlen sich verloren. Gesehen zu werden bedeutet viel mehr, als dass ein anderer Mensch die Information erhält, dass Lisa existiert oder Lisa dies und jenes macht. Gesehen zu werden bedeutet, dass Lisa als Mensch wahrgenommen wird, dass jemand in Beziehung zu ihr tritt und sie wertschätzt. Wenn Lisa gesehen wird, bedeutet das für sie immer auch, dass sie es wert ist, gesehen zu werden.

Der Sinn des Versteckens besteht vor allem darin, gefunden zu werden. Der Schriftsteller Friedrich Ani erzählt in einem Roman3 von einem Kind, das aus einem Kinderheim abhaut und sich mehrere Tage versteckt. Süden, der Held des Romans, findet den Jungen und versucht, für ihm und für sich selbst danach eine Erklärung zu finden, warum er weggelaufen ist: »Du kamst dir vor, als wärst du unsichtbar, und da dachtest du: wenn mich eh niemand sieht, kann ich genauso gut ganz abhauen.«4 Und er sagt an anderer Stelle: »Manche Menschen werden erst durch ihr Verschwinden sichtbar.«5 Wenn Kinder sich verstecken, wollen sie gefunden werden. Immer und immer wieder.

Lisas Oma spielt gern Verstecken. Sie weiß nicht, warum Lisa so viel Spaß daran hat, aber das ist ihr egal. Lisa freut sich, und deshalb freut sie sich auch.

Leid, Sinn, Weisheit

Jan, ein Kind aus der dritten Klasse der Grundschule, erhält von einer Pädagogin mit kindertherapeutischer Qualifikation eine Sonderunterstützung. Jan will jedes Mal, wenn sie sich treffen, verstecken spielen. Als die Pädagogin mit Jan zu arbeiten beginnt, darf sie sich, wenn sie sich selbst versteckt, nur zwei oder drei Meter von Jan entfernen. Er ruft dann sofort »Ich komme« und öffnet die Augen. Im Zuge der weiteren Begleitung vergrößert sich die für Jan erträgliche Entfernung allmählich. Und umgekehrt: Wenn Jan sich versteckt, muss er anfangs immer schnell gefunden werden. Später harrt er länger im Versteck aus. Er ist nun sicher, dass er gefunden wird.

Jans Geschichte ist eine von Verlusten und Brüchen. Er lebt mit seinem Vater nun in Schleswig-Holstein, wurde in Macao geboren. Dort blieben die Mutter und die Oma zurück. Hier in Deutschland erlebte er mehrere Umzüge und Ortswechsel. Der Vater ist bemüht, aber hilflos und überfordert. Jan fühlt sich nicht gesehen und hat Angst, zurückgelassen zu werden, verloren zu gehen. Deswegen will er jedes Mal verstecken spielen. Es ist ihm wichtig, dass er sucht und findet und dass er gesucht und gefunden wird. Wer die andere Person am schnellsten findet, darum geht es ihm nicht in erster Linie. Er »gewinnt« fast immer und lässt dann seine pädagogische Begleiterin gegen Ende des Spiels auch gewinnen. Da ist er großzügig. Wenn er Menschen mag, dürfen sie gewinnen. Entscheidend ist, dass er gefunden wird und finden darf, dass er sich seiner Beziehungen vergewissert.

Mit der Liebe zum Versteckenspielen zeigen uns Kinder, wie wichtig es ihnen ist, gesehen und gefunden zu werden. Immer wieder neu. Es ist ihnen nicht selbstverständlich, dass sie gesehen werden. Es ist immer wieder aufregend. Für viele Eltern und andere Erziehende scheint es selbstverständlich zu sein: »Natürlich sehen wir sie. Die Kinder sind doch da, das ist doch selbstverständlich.« Für Kinder ist es oft nicht selbstverständlich. Sie müssen immer wieder die Erfahrung machen dürfen, dass sie gesehen und gesucht werden. Versteckenspielen ist für die Kinder ein Spiel, manchmal auch ein spielerischer Kampf um Verbindung und Bindung. Sie zeigen uns damit ihre Bedürfnisse und weisen uns so immer wieder darauf hin, dass sie gesehen, gesucht, gefunden werden wollen.

Spielen Sie verstecken und finden Sie! Zeigen Sie dem Kind mindestens einmal am Tag, dass Sie etwas Besonderes, etwas nicht Alltägliches an ihm wahrnehmen.

3 »Warum hast du so eine große Nase?« – Von der Neugier und vom Interesse

Kinderszenen

Stefan ist zwei Jahre alt. Er besucht die Wohnung der Nachbarn, mit denen seine Eltern freundschaftlich verbunden sind. Anfangs ist er scheu und hält sich zurück. Doch nach kurzer Zeit erhebt er sich vom Schoß der Mutter und beginnt, in der Nachbarwohnung herumzulaufen. Er fasst alles an, beschnuppert es, probiert aus, wie diese kleine Porzellanfigur oder jenes Modellauto klingt, schüttelt am Salzstreuer, reißt eines der Bücher aus dem Regal, um sich die Seiten anzusehen, schaut in die Tasse und ist nur im letzten Moment davon abzuhalten, die Blumen in der großen Vase zu zerpflücken … Er ist neugierig und geht auf Entdeckungsreise.

Irina ist zwölf. Sie besucht ihre neue Schulfreundin. Zum ersten Mal ist sie in deren Zimmer. Auch sie ist neugierig, auch sie schaut umher. Ihr Blick bleibt an den Postern hängen, mit denen die Zimmerwand voll behängt ist. Auch die Fotos, die über dem Spiegel hängen, betrachtet sie neugierig. Einige kennt sie schon von der Facebook-Seite. Sie ist zurückhaltender als Stefan. Sie fasst nicht alles an, aber ihre Blicke zeigen ihr Interesse an ihrer neuen Freundin und an deren Lebenswelt.

Akin fragt alles und jeden. Er fragt, warum der Kinderwagen, in dem seine Schwester liegt, vier Räder hat. Er fragt, warum der Mond leuchtet und rund ist. Er ist wach und neugierig. Als der Vierjährige mit seinem Vater eine Straße entlanggeht und dieser einen Freund trifft, fragt er den Freund: »Warum hast du so eine große Nase?« Dem Vater ist das peinlich, und er sagt: »Die Nase ist doch nicht so groß.« Und versucht sofort, abzulenken und das Thema zu wechseln. Als der Vater und Akin sich von dem Freund getrennt haben, sagt er zu Akin: »Du darfst so etwas nicht fragen!« Akin fragt: »Warum?« Der Vater antwortet: »Das ist peinlich.« Akin fragt: »Was ist das – peinlich? Warum ist das peinlich?« … Akin fragt weiter.

Verstehen