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Vor langer, langer Zeit, als die Menschen frömmer waren als jetzt, ereignete sich das, was in diesem Buch erzählt werden soll. Mitten in des Waldes Einsamkeit wohnte ein alter Eremit in einer Felsenhöhle. Die Höhle befand sich auf einem hohen Berge, und der Weg hinunter ins Tal war lang und teilweise ungebahnt. Noch mühsamer war es jedoch, vom Tal zur Felsenhöhle hinauf zu klimmen. Aber doch hatten die Leute in der Umgebung die Gewohnheit angenommen, den Eremiten aufzusuchen, wenn sie in Herzensnot waren, wenn sie von Sorgen und Zweifeln heimgesucht wurden und ihre Seelen sich verzehrten in Sehnsucht nach dem, was das Leben ihnen nicht bescherte. Und der Eremit wusste Rat. Voller Liebe, Güte und Weisheit leitete er die Herzen der Menschen, die hilfesuchend zu ihm kamen, zu Erkenntnis und Verständnis für sich selbst, für ihr Schicksal und für die Prüfungen ihres Lebens.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2019
Die
Weisheiten
des
Eremiten
Erzählungen
von
Ebba Pauli
Eich-Verlag
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1. E-Book-Auflage 2017
© Thomas Eich-Verlag, Werlenbach 2016
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Umschlaggestaltung, Satz, Datenkonvertierung E-Book: Thomas Eich
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ISBN 978-3-940964-38-0
Inhalt
Vorwort zur Neuauflage 2016
Das Glück
Gebetserhörung
Nur Brosamen
Gut werden
Eine Mutter
Der König
Bekehrung
Zu früh geboren
Krankheit
Glauben
Die Geschichte einer Nonne
Der Wanderer
An der Pforte des Paradieses
Ein Gespräch mit Freunden
Der Bauer vom Osthof
So arm, dass man stehlen muss
Eines Kindes Tod
Der Holzhauer
Freude
Die jüngste Magd vom Westhofe
Stärker als Hass
Vom Überwinden
Der vornehme Platz
Ein Spielmann
Des Lebens Gerechtigkeit
Zwei junge Menschen
Ihre Schwester
Gemeinschaft
Des Eremiten Tod
Vorwort zur Neuauflage 2016
Wie schön wäre es doch, jederzeit einen liebe- und verständnisvollen Menschen um sich zu haben, der einen in allen Nöten und Ängsten des Lebens beraten könnte! Einen Seelsorger, der nicht verdammt, sondern versteht und ein verzweifeltes Leben voller Barmherzigkeit einfühlsam in die Richtung lenken würde, die ins Licht führt. Dieses Buch, das Sie nun in Händen halten, kann als solch ein Seelsorger angesehen werden. In einer fesselnden und zugleich schlichten Sprache wird uns in seinen vielen Novellen geschildert, wie ein alter, weiser Mann – der Eremit – auf die Nöte, Ängste und Fragen der Menschen antwortet, die zu seiner Berghöhle wandern, um dort Hilfe und Trost von ihm zu erlangen. So wird zum Beispiel in der Erzählung »Zu früh geboren« aufschlussreich die Frage des Suizids behandelt.
Die Kraft und Fähigkeit des Eremiten, den Suchenden zu helfen, entspringt der Quelle, die sich der Weise nach wohl langen Kämpfen erschlossen hat: dem Frieden – nämlich dem Frieden, der höher ist als alle Vernunft, wie es bei uns auch noch im Kanzelsegen der Kirchen heißt. Aus diesem Frieden schöpft er seine erhellenden Ratschläge für die Verzweifelten. In diesem Frieden hat er das allerinnerste Ich gefunden, das ihn mit Gott verbindet und von dem auch schon der Mystiker Johannes Tauler im 14. Jahrhundert als dem innersten Grund spricht. Wie Pater Pio durchschaut er die Hilfesuchenden bis in ihren Kern und kann somit vollständig auf ihre Fragen und Probleme eingehen.
Schon lange kenne ich diese märchengleich geschriebenen Geschichten, und wie Märchen habe ich sie auch schon des Öfteren im Kreise von älteren Menschen vorgelesen, die sich nicht selten in den Personen wiedererkannten, die den Eremiten um Rat und Hilfe baten. Mit diesen Novellen wird den Seelen der Menschen eine Nahrung angeboten, die sie auf ihrem Weg durch ihr Leben bis hin in die andere Welt stärken kann, wenn sie sich auf die Weisheiten des Eremiten und die der anderen drei separaten Erzählungen einlassen. Auch wenn sich in ihnen Elemente der katholischen Kirche finden, so dienen diese doch nur behutsam und respektvoll als Rahmen, um zur innersten Frömmigkeit und damit Gottverbundenheit zu gelangen. Insofern handelt es sich hier um kein religiös gebundenes Buch, sondern es lässt jedem die Freiheit, zeitlose Wahrheiten seiner Glaubensrichtung darin zu entdecken.
Wer ist nun die Verfasserin dieser tiefgründigen Geschichten und damit der eigentliche Eremit? Die am 12. Juni 1873 geborene Schwedin Ebba Pauli war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine der Gründerinnen des schwedischen Sozialsystems und Wohlfahrtsstaates. Sie arbeitete führend im Wohlfahrtsverband und schrieb mehrere politische Bücher, in denen sie sich für die Rechte der Frauen einsetzte. Ferner gründete sie mit anderen den Birkengarten in Stockholm, der ein Treffpunkt für christliche Kinder und Jugendliche wurde.
Antrieb ihrer Lebensleistung war eine dogmenfreie, christliche Überzeugung, und in diesem Geist schrieb sie in einer Neudeutung der christlichen Legenden 1919 das Buch »Eremiten och andra berättelsen«, das 1929 in Deutschland unter dem Titel »Der Eremit und andere Erzählungen« erschien, dem 1934 ein gleichnamiger zweiter Band folgte. Später wurden beide Bände zu einem einzigen zusammengefasst.
Am 28. Juli 1941 starb Ebba Pauli in Stockholm und legte so, wie sie es den Eremiten in »Eines Kindes Tod« sagen lässt, ihren äußeren Menschen ab.
Viel Zeit ist seit der Herausgabe des »Eremiten« in Deutschland vergangen, und so begrüße ich es sehr, dass der Eich-Verlag sich nun dazu entschlossen hat, dieses wichtige Werk einer sozial-christlich engagierten Frau in einem Band neu herauszugeben. Möge dieses wunderbare Vermächtnis einer zutiefst humanen Seele viele Leser finden, die sich an den Weisheiten des Eremiten erfreuen können!
Berlin, im März 2016
Bernd Körner
Das Glück
Einmal, vor langer, langer Zeit, als die Menschen frömmer waren als jetzt und die Frommen gehorsame und treue Söhne und Töchter der Kirche waren, ereignete sich das, was in diesem Buch erzählt werden soll.
Mitten in des Waldes Einsamkeit wohnte einst ein Eremit in einer Felsenhöhle, er war alt – wie alt, das wusste kaum jemand; und er hatte lange da gewohnt – wie lange, auch das wusste kaum jemand. Winter und Sommer wohnte er hier, und es war, als ob er niemals eine andere Lebensweise gekannt hätte. In der Felsenhöhle hatte er ein Bett aus Tannenreis und Moos, einen grob gehauenen Tisch und einen Baumstumpf als Stuhl. Über einem flachen Stein, der als Herd fürs Feuer diente, hing ein Kessel. Ein Wasserkrug und ein paar Tongefäße standen in einer Ecke; das war alles.
Die Höhle befand sich auf einem hohen Berge, und der Weg, den der Eremit in das Tal hinuntergehen musste, um – selten genug – seine karge Nahrung zu holen, war lang und teilweise ungebahnt. Noch mühsamer war es jedoch, vom Tal, wo die Menschenwohnungen in den Dörfern verstreut lagen, zur Felsenhöhle hinauf zu klimmen. Aber die Leute in der Umgebung hatten doch die Gewohnheit angenommen, den Eremiten aufzusuchen, wenn sie in Herzensnot waren, wenn sie von Sorgen und Zweifeln heimgesucht wurden und ihre Seelen sich verzehrten in Sehnsucht nach dem, was das Leben ihnen nicht bescherte.
Einmal kam ein junges Weib herauf zur Felsenhöhle. Sie sah blühend aus, und ihr dunkles Haar fiel in reichen Locken um ihr Antlitz.
»Vater«, sagte sie, »meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Glück. Ich bin jung und stark, und ich weiß, dass es ein großes Glück für mich gibt; aber es flieht mich beständig, und das Leben bleibt so elend dürftig. Ich sehe gleichsam mein Glück in der Ferne, und ich weiß, dass alles auf einmal verwandelt wäre, wenn ich es nur erreichen könnte. Das dürftige Leben würde groß und reich und schön. Vater, ich habe die heilige Jungfrau gebeten, sie, die doch Weib ist, auf meine Herzenssehnsucht zu hören – aber sie tut es nicht. Und jetzt ist meine Sehnsucht so stark, dass sie meine Kraft verzehrt. Vater, was soll ich tun, um das Glück zu erreichen?«
Der Eremit antwortete: »Das, was das Glück für dich bedeutet, könnte nur durch Unrecht werden – ein Unrecht, das du oder ein anderer begehen würde. Aber was durch ein Unrecht erreicht wird, das wird kein Glück. Darum musst du verzichten auf das, was du für dein Glück hältst.«
Das Weib sagte: »Ich kann nicht verzichten; mein Glück ist für mich mehr als das Leben.«
Und sie wandte sich hastig fort und eilte zurück ins Tal.
* * *
Als ein Jahr vergangen war, stand sie wiederum vor des Eremiten Höhle.
»Vater«, begann sie, »du hattest recht! Mein Glück konnte nur durch ein Unrecht erreicht werden. Und nun ist dies Unrecht begangen, und das, was mein Glück sein könnte, besitze ich nun. Aber das Merkwürdigste ist, dass du recht hattest auch darin – dass es jetzt kein Glück mehr ist.«
Der Eremit nickte still und traurig, aber er sagte nichts.
»Vater«, sagte das junge Weib weiter, »gibt es denn kein wirkliches Glück für mich?«
Auch jetzt antwortete der Eremit nichts. Er schüttelte nur sein graues Haupt und sah hinaus in den leeren Raum, als suchte er dort Antwort auf des Weibes Frage. Dann schüttelte er sein Haupt von Neuem, und das Weib verstand ihn.
»Dann lohnt es sich nicht zu leben«, sagte sie, und der Ton in ihrer jungen Stimme war wie gebrochen. Sie war mit einem Male eine alte Frau.
Sie wollte gehen, aber der Eremit gab ihr ein Zeichen zu bleiben.
»Es gibt etwas, was größer ist als das Glück«, sagte er langsam, »um das zu gewinnen, floh ich die Welt und die Menschen. Das, was niemals vergeht – Frieden!«
»Frieden«, wiederholte das Weib, und es schien ihr zuerst, als ob dies ein karger Ersatz wäre für das Glück, nach dem sich ihre Seele in rückhaltloser Sehnsucht gestreckt hatte. Aber als sie dem tiefen Blick begegnete, der ihr aus einem gefurchten Antlitz entgegenleuchtete, da verstand sie, dass hier von etwas die Rede war, dessen Größe sie noch nicht ahnte.
»Frieden«, wiederholte sie noch einmal wie mechanisch und fügte hinzu: »Sag, Vater, wie gewinnt man den?«
»Einer muss ein großes Opfer bringen«, antwortete der Eremit, »ein anderer einen schweren Kampf kämpfen, und ein dritter muss eine schwere Bürde tragen. Alle müssen wir uns beugen vor der Stimme des Höchsten in unserem Innersten.«
Sie blickte auf ihn, nickte still und ging wiederum dem Tale zu.
Als wieder ein Jahr vergangen war, stand sie von Neuem vor der Höhle des Eremiten.
»Vater«, sagte sie, »wieder hattest du recht. Ich habe das Opfer gebracht und mich vor der Stimme des Höchsten in meinem Inneren gebeugt. Das Glück suche ich nimmermehr, denn ich habe den Frieden gefunden.«
Gebetserhörung
Zum Eremiten kam einmal eine andere Frau, die still vor der Höhle stehen blieb. Sie wollte ihn nicht stören, da sie sah, dass der alte Mann im Gebet versunken war. Als er endlich zum Eingang der Höhle kam, sagte sie: »Alter, warum betest du? Es ist nicht wahr, dass Gott die Gebete der Menschen erhört, wie die Priester sagen!«
»Frau, weißt du, dass du lästerst?«, war des Eremiten Antwort.
»Ich lästere nicht«, erwiderte sie ruhig, »ich weiß, was ich sage. Durch zwanzig Jahre habe ich Gott um ein und dasselbe gebeten; vor allen Altären im Umkreis von einigen Meilen habe ich auf den Knien gelegen und der Mutter Gottes Wachskerzen und Opfergaben gebracht. Tief innerlich in meiner Seele habe ich dies eine Gebet ohne Unterlass getragen; es war mein erster Gedanke am Morgen und mein letzter am Abend. Und dennoch wurde ich nicht erhört. Habe ich da nicht recht, wenn ich leugne, dass Gott die Gebete erhört?«
»Nein«, sagte der Eremit, »du hast nicht recht! Vielleicht war dein Gebet nicht eins nach dem Willen Gottes.«
Sie schüttelte ihr Haupt.
»Will Gott denn nicht, dass Ehegatten einander lieben?«, forschte sie.
Und nun erzählt sie dem Eremiten, wie sie sich in jungen Jahren vermählt hatte mit dem Manne, den sie geliebt. Aber nicht viele Jahre darauf hatte er sein Herz von ihr abgewandt, und alles war vergeblich gewesen, was sie danach getan und gesagt hatte, um seine Liebe wieder zu erringen. Nun begannen sie beide, grau zu werden. Sie lebten zusammen, aber es stand zwischen ihnen eine hohe Mauer, und es war nicht einmal möglich, im äußeren Einvernehmen mit ihm zu bleiben.
»Gibt es denn«, so fragte sie schließlich, »gibt es denn größeren Kummer, als Jahr für Jahr dem zur Seite zu stehen, den man mehr liebt als sein Leben, und doch mit ihm zu leben wie mit einem Feinde?«
Der Eremit blickte sie an und bekam Mitleid mit ihr. Er sah, dass eine große Sehnsucht in ihrem Herzen lebte, und er sagte nicht, wie der Pfarrer im Dorf, dass ihr Gebet nicht heiß genug gewesen war und dass es darum nicht bis zum Himmel hatte aufsteigen können. Er merkte, dass ihre Liebe so warm war wie bei einer Siebzehnjährigen, trotz der reifen Jahre und des langen Leidens. Aber er suchte auch nicht, wie der Pfarrer im Nachbardorfe, die Handlungsweise des Höchsten zu verteidigen mit dem Ausspruch, dass ihre Liebe Abgötterei wäre, die jenen erzürnte. Er wusste, dass die Menschen niemals zu viel lieben können und dass der Gott der Liebe nicht zürne über Liebe!
»Frau«, sagte er langsam, »du weißt nicht, was du sagst, und darum wird Gott dir deine Lästerung nicht anrechnen! Sieh, du bist das Opfer eines großen Irrtums. Dein Gebet ist erhört worden, vielleicht schon vor langer, langer Zeit, aber du hast es nicht gemerkt, und du hast weiter gebetet um das, was du schon erhalten hast.«
»Ich verstehe dich nicht«, sagte die Frau.
»Man muss nicht nur beten können«, erwiderte der Eremit, »man muss es auch verstehen, die Erhörung zu empfangen. Gehe heim und bete nicht länger, sondern nimm Gottes Geschenk an!«
Er kehrte in seine Höhle zurück, aber in des Weibes Augen war ein Hoffnungsstrahl erglommen. Sie stolperte, als sie ins Dorf hinunterging, so sehr eilte sie.
* * *
Acht Tage später stand sie wieder vor des Eremiten Höhle.
»Vater«, sagte sie, »ich weiß es jetzt, der Höchste erhört die Gebete der Menschen.«
Der Eremit nickte. Für ihn war, was sie sagte, das Gewisseste von allem. Es schien ihm auch offenbar nicht wichtig, dem zuzuhören, was sie ihm noch erzählen wollte. Es war, als wüsste er es im Voraus. Aber sie zwang ihn zuzuhören.
»Vater, an jenem Abend, als ich in mein Haus zurückkehrte, eilte ich ohne Zögern zu meinem Mann hinein, und was er seit zwanzig Jahren nicht getan hatte, das tat er jetzt, er stand auf und kam mir entgegen. Warum hat er das früher nie getan?«
»Weil du in all den zwanzig Jahren nicht zu ihm hingeeilt bist, als wie an jenem Abend.«
»Und als ich meine Augen zu den seinen erhob, sah ich in ihnen etwas von dem alten Glanze, dem Glanze, der mir entgegenleuchtete an dem Tage, als ich die Seine wurde. Sag, warum war der verloschen in all diesen Jahren?«
»Weil du ihn nie, kein einziges Mal, zu sehen erwartet hast«, antwortete der Eremit.
»Und jetzt können wir miteinander reden, wie in den herrlichen ersten Jahren, da ich ihm angehörte. Es ist, als wären all diese langen, schweren Jahre nur ein fürchterlicher Traum gewesen und als wäre es jetzt Tag geworden. Sag, Vater, wie war das möglich, dass all meinen Gebeten zum Trotz das Schwere zwischen uns gekommen ist und die Herrschaft behalten konnte durch zwanzig lange Jahre?«
»Verstehst du es denn nun noch immer nicht, meine Tochter?«, sagte der Eremit. »Du hast gebetet um das Gute, aber geglaubt an das Übel und die Hand nach diesem ausgestreckt. Nicht einmal der Höchste kann den Menschen außerhalb seines eigenen Bewusstseins erlösen. Nicht einmal der Höchste kann uns gute Gaben schenken, wenn unsere Hände immer zum Gebet gefaltet sind und sich niemals auftun, um das entgegenzunehmen, worum wir gebetet haben.«
Lange blieb die Frau stehen, in Nachdenken versunken. Es war, als erlebte sie in Gedanken die vergangenen Jahre noch einmal.
»Ich Törin!«, sagte sie schließlich.
Und wiederum eilte sie mit schnellen Schritten den Pfad entlang, sie hatte die verlorene Zeit zurückzugewinnen.
Nur Brosamen
Eines Tages kam ein junger Priester aus einem der Dörfer unten im Tal zum Eremiten. Es war eigentlich verwunderlich, dass ein Priester zu ihm kam, denn er war von der Kirche nicht gerne gesehen. Er hatte immer und zu allen seine Meinung geradeheraus gesagt, und diese Meinung hatte nicht immer übereingestimmt mit dem, was die Männer der Kirche lehrten. Und dann war es eben das, dass die Leute den Eremiten für einen heiligen Mann hielten, heiliger als die Priester und Mönche, die mitten unter ihnen lebten. Das war nicht gut für die Macht der Kirche, auch gehörte der Eremit zu den vielen Heiligen, die erst lange nach ihrem Tode heiliggesprochen werden. Dann, wenn sie nicht weiter gefährlich sind für die, die Macht haben oder haben wollen.
Der junge Priester wanderte langsam den Pfad hinauf. Er schaute auf alles rundherum und genoss es, da in den großen, stillen Wald zu gehen. Hier und da blieb er stehen und betrachtete nachdenklich eine Blume, ein Blatt oder einen Baum, welcher sich gegen den Himmel abzeichnete. Aber man sah es wohl, dass er über das Blatt den Baum, über den Baum den Wald vergaß.
So kam er zur Höhle des Eremiten. Als er aus dem Dorf gegangen, war er sich klar gewesen, was er diesen fragen wollte. Aber nun war es, als ob die Frage nicht wert war, gestellt zu werden. Darum schwieg er, bis der Eremit ihn fragte:
»Was suchst du?«
»Nichts Besonderes«, gab er zur Antwort. Aber gleich darauf bereute er es und fügte hinzu: »Ja, das tue ich natürlich doch. Ich suche wohl eine Antwort, wie alle anderen«, und dann schwieg er wieder.
»Wenn ich antworten soll«, sagte der Eremit schließlich, »so musst du doch wohl zuerst fragen.«
»Ja, das muss ich wohl«, sagte der Priester langsam.
»Warum handelt Gott so merkwürdig an uns Menschen? Mir gibt er nur Brosamen.«
»Alle klagt ihr über unsern Herrn«, sagte der Eremit. »Ich muss beinahe dasitzen als der Verteidiger unseres Herrn. Aber was meinst du nun damit, dass du nur Brosamen bekommst?«
»Ach, es ist alles so kleinlich«, sagte der Priester, »und es geschieht nie etwas. Meine ganze Jugend ist vorbeigeflossen wie ein stiller Strom. Ich weiß nicht, was eine große Sorge, ein großes Glück oder eine große Sehnsucht überhaupt ist. Ein Tag ist wie der andere und ein Jahr wie das andere. Manchmal beneide ich beinahe die großen Sünder und die großen Zweifler, die zu mir zur Beichte kommen. Die wissen wenigstens, was die große Angst und Zerknirschung bedeutet, und weil sie das wissen, können sie auch den großen Trost erfahren. Das kann ich nicht.«
»Jetzt sprichst du töricht«, sagte der Eremit.
»Ja, ich tue es wohl«, gab der Priester zu, »aber ich glaube doch, du kannst mich verstehen. Siehst du, es wird ja nie etwas aus mir auf diese Weise. Meine Gedanken und Hoffnungen und Gefühle werden klein und lumpig. Alles wird lumpig und kleinlich. Und ich glaube doch, dass ich es zu etwas bringen könnte. Wenn ich doch aufgerufen würde zu einem Kampfe auf Leben und Tod, wenn ich doch mit der Feuertaufe getauft würde oder den Leidenskelch zu trinken bekäme!« – »Ja, du Alter, ich meine, was ich sage, ohne das bliebe ich sicher nur ein Stümper! Aber es geschieht mir nie etwas. Das Leben ist ein ewiges Einerlei!«
»Es ist wohl schon ziemlich viel geschehen, seit du geboren wurdest«, sagte der Eremit, »sowohl Großes als Kleines; aber man kann auch das zerpflücken, was man in seine Hände gelegt bekommt, sodass es niemals zu etwas wird. Vielleicht tust du das.«
Aber nun wurde der junge Priester zornig.
»Nun gibst du mir auch wieder nur Brosamen«, sagte er, »ich meine, du könntest mir wenigstens eine ordentliche Antwort geben!«
Da ging der Eremit aus seiner Höhle hinaus, den Pfad hinauf bis zum Bergesgipfel, verwundert folgte ihm der Priester. Als sie oben waren, zeigte der Eremit auf zwei Bäche, die nicht weit voneinander entsprangen und von denen sich jeder auf seine Art den Weg ins Tal hinunterbahnte. Sie glichen zwei breiten silberweißen Bändern, die im Sonnenschein glänzten.
»Sieh diesen Bach«, sagte er, »er wirft sich über eine Bergplatte nach der anderen, er schäumt und braust, ist niemals still und hat niemals Ruhe, er geht in wunderlichen Winkeln und Buchten hier in des Waldes Einsamkeit. Die Menschen bleiben bewundernd vor ihm stehen – aber fahren können sie nicht auf ihm. Und das Meer erreicht er erst auf langen Umwegen.«
Er schwieg, und der Priester schwieg auch und wartete, dass der Alte weiter reden sollte.
»Dieser Bach ist dem Leben ähnlich, das du dir wünschest«, fuhr der Eremit nach einer kleinen Pause fort, »ein Leben voller Kampf und Streit, Bewegung und Abwechslung. Es gibt Menschen, die immer ein solches Leben leben, und jeder von uns erlebt wohl früher oder später etwas davon. Wir sollten weder andere tadeln noch sie beneiden, noch uns selber beklagen in solchen Zeiten. Es ist nun einmal einer der Wege durch das Leben. Und so, wie der Bach schließlich einen Weg zum Meere findet, so finden auch die, welche dieses Leben leben dürfen, früher oder später den, der zugleich der Ursprung und ihr Ziel ist.«
Er schwieg und fuhr erst nach einer kleinen Weile fort:
»Aber, siehst du, in diesen Zeiten müssen wir fast alle unsere Kraft ausgeben für die Kämpfe mit uns selber. Die vielen Gedanken und Zweifel, die Sorge und die Angst – glaubst du nicht, dass die Kräfte verschlingen? Wir sind gezwungen, dahin zu gehen mit nach innen gewandtem Blick. Das, was in uns vor sich geht, ist so mächtig, dass es all unsere Aufmerksamkeit und all unsere Kraft in Anspruch nimmt. Wir sind dann kaum für andere Menschen da – und es muss wohl so sein!«
»Und nun, und der andere Bach da«, sagte der Priester, als der Eremit wieder schwieg, »das bin wohl ich?«
»Ja«, antwortete der Eremit, und nun lächelte er. »Du sagtest ja selbst gerade, dass dein Leben dahinfließe wie ein stiller Strom. Siehst du, unserem Herrn ist nicht damit gedient, dass wir immer herumgehen und unsere Kraft für uns selbst ausgeben. Darum gibt es für fast alle Menschen Zeiten in ihrem Leben, wo sie weder persönliches Glück noch persönlichen Kummer erhalten. Wenigstens nicht das große Glück oder den großen Kummer. In dieser Zeit erwartet unser Herr von ihnen, dass sie da sein sollen nicht nur für sich selbst, sondern für die Vielen. Sie haben ja Zeit übrig und Kraft, und die sollen für andere da sein. Das, was den anderen geschieht, das soll für sie sein, als geschähe es ihnen selbst. Davon weißt du wenig, und doch bist du Pfarrer für die ganze Gegend. In den Jahren, die du in ihrer Mitte gelebt hast, waren Sorge und Freude wieder und wieder bei ihnen zu Gaste. Erinnerst du dich an die Missernte und die bleiche Hungersnot, welche einige aus eurer Mitte fortriss und andere an den Bettelstab brachte? Erinnerst du dich an die Pest, die ein Heim nach dem anderen verwüstete, die Kinder elternlos und die Eltern kinderlos machte? Erinnerst du dich an die Feuersbrunst im Kirchdorf und an den Erdrutsch, welcher drei Höfe zerstörte? – Erinnerst du dich daran?«
Der Pfarrer hatte sicher das alles nicht vergessen, aber er antwortete nicht. Er hatte seinen Blick gesenkt, und die Röte stieg ihm in die Wangen.
»Es hat auch Freude gegeben«, fuhr der Eremit unbarmherzig fort. – »Erinnerst du dich an die Witwe, deren einziger Sohn nach zwanzigjährigem Fernsein unbeschädigt heimkam, und an das junge Mädchen, dem das Meer den Geliebten zurückgab? – Erinnerst du dich der wunderbaren Ernten in den Jahren vor dem Unheilsjahre? – Erinnerst du dich an den gottgesegneten Regen, der die rasenden Flammen löschte, bevor das ganze Dorf niederbrannte, erinnerst du dich dessen?«
Der Pfarrer nickte. Ja, gewiss, er dachte daran.
»Es waren auch andere Dinge, die geschahen«, fuhr der Eremit fort. »Schmerz und Freude sind nicht das Wichtigste auf dieser Welt. Du hast Feinde ins Dorf einziehen sehen. Einer hieß Trunksucht, und die jungen Männer wurden seine leichte Beute. Drei Wirtshäuser gibts heuer da unten; vor wenigen Jahren war keines da. In dieses Feindes Spuren folgten andere, die Faulheit und Verschwendung. Armut herrscht da, wo früher Wohlstand war. – Und wie ist es mit der Diebesbande, die durch das Tal zieht und der Schrecken aller ist, wegen ihrer Gewalttaten? Du weißt, dass mehr als ein junger Mann aus deinem Dorfe sich der Gesetzlosigkeit und Gottlosigkeit in die Arme geworfen und sich der Bande angeschlossen hat. Oder weißt du das nicht?«
Das Haupt des Pfarrers sank tiefer herab. Er wusste es, ja, er wusste es.
»Pfarrer«, sagte der Eremit mit erhobener Stimme und einem Schimmer von Entrüstung in seinem Blick, »du weißt all dies, und dennoch kommst du und sagst mir, dass nichts geschieht und dass es für dich keinen Kampf zu kämpfen gibt?!«
Es wurde still da oben auf dem Berggipfel.
Das Haupt des Pfarrers war in seine Hände herabgesunken. Als er es wieder erhob, war jede Spur von Zorn im Antlitz des Eremiten verschwunden. Er saß und folgte mit seinen Blicken jenem Fluss, der sich durch die Dörfer schlängelte da unten im Tal.
»Siehst du«, sagte er, »dieser Fluss hat nicht weniger tiefes Wasser als der Bach, der sich als Wasserfall dort hinunterstürzt. Aber er geht seinen Weg still und ruhig, ohne viel Wesens von sich zu machen. Breit und mächtig fließt er durchs Tal, ohne sein Wasser kämet ihr schlecht aus da unten. Und fast überall hin könnt ihr auf seinem breiten Rücken fahren.«
»So sollte mein Leben sein«, murmelte der Pfarrer.
»Ja«, sagte der Eremit. »In den Zeiten, da Gott uns das große, persönliche Glück versagt und uns verschont vor schwerem, persönlichem Kummer und Kampf, sollten wir da nicht Zeit haben, aus uns herauszugehen und Freude und Kummer und Kampf der Menschen zu unserem eignen zu machen?«
Gut werden
Eines Abends im Herbste ging eine Frau den Pfad hinauf zur Höhle des Eremiten. Sie war keine vom benachbarten Dorfe, sondern von einem, das weiter entfernt gelegen war. Zeitig am Morgen, beinahe noch in der Dämmerung hatte sie ihre Wanderung begonnen. Aber vor jedem der vielen Kruzifixe am Wege hatte sie gezögert; vor einigen hatte sie Blumen hingelegt wie die Kinder, vor anderen hatte sie ein »Ave Maria« oder ein »Paternoster« gemurmelt. In der kleinen Kapelle auf dem Gipfel des höchsten Hügels, wo die Wände die Bilder der Seelen im Fegefeuer in natürlicher Größe zeigten, war sie hingekniet wie alle Gläubigen und hatte einen Rosenkranz gebetet für die im Feuer Gemarterten. Fast mechanisch hatte sie die Hand beim Friedhofsgitter in die Nummernbüchse gesteckt und Nummer acht gezogen. Welches Gebet sie da beten sollte, brauchte sie nicht einmal mehr nachsehen auf der von Wind und Wetter so übel mitgenommenen Tafel.
Sie wusste, es war das lange Gebet zum Herzen Jesu, zu seinen durchstochenen Händen und zu seiner verwundeten Seite, und in tiefer Andacht hatte sie es vor einem der Gräber gesprochen.
Aber für all dies hatte sie Zeit gebraucht. Nun kam sie den Berg herauf, müde und ein wenig atemlos vom Steigen. Sie blieb jedoch nicht stehen, um sich auszuruhen und Atem zu schöpfen, sondern ging geradewegs zur Höhle. Der Eremit saß davor auf einem Stein, vor sich ein Bündel Reisig, das er im Wald zum Brennen gesammelt hatte.
Die Frau setzte sich neben ihn hin und begann sofort zu sprechen: »Vater«, sagte sie, »kannst du mich lehren, gut werden? Ich arbeite und plage mich Tag für Tag, Jahr für Jahr. Ich tue die gröbste und schwerste Arbeit, die ich finden kann. Ich entsage dem Wesen dieser Welt mit ihren Lockungen. Ich versuche jeden Tag mit Geduld das Kreuz zu tragen, das unser Herr mir auferlegt; ich gebe den Armen, was ich kann, und versäume keine Messe. Ich bitte die Mutter Gottes um Hilfe und die Heiligen, ich bitte sie unter Seufzen und Tränen, aber es hilft alles nichts! Mein Herz ist sicherlich ein böses und schlechtes Ding, denn über jede Sünde, von der ich lasse, entdecke ich ein neues Übel in mir. Ich möchte werden wie die Heiligen, von denen ich lese. Aber ich bleibe eine große Sünderin. Nichts von all dem, was ich tue, tue ich aus reiner Absicht. Ich diene den Menschen, aber ich liebe sie nicht. Und selbst, wenn ich hier sitze und dir meine Sünden klage, bin ich hochmütig und stolz darüber, dass ich mehr nach Heiligkeit strebe als andere drunten im Dorf!«
Sie verstummte und saß still und starrte gerade vor sich hin. Dann begann sie wieder zu sprechen, aber diesmal mit gesenkter Stimme.
»Kann man denn nicht gut werden? Ich denke immer daran. Ich bewache meine Gedanken und Worte. Ich tue die Werke, von denen ich glaube, dass unser Herr sie von mir fordert, und versuche so viel als möglich, solche Werke zu tun. Hilft denn das nicht? Was soll man denn tun?«
»Nein«, sagte der Eremit langsam, »nein, das hilft zu nichts!«
Es war, als ob die Frau sich nicht über diese Antwort verwunderte, als ob sie sie vielmehr erwartet hätte; das war ja nur die Bekräftigung ihrer eigenen Erfahrung. Sie fuhr fort, wie geistesabwesend in den Raum hinauszustarren und wiederholte: »Was soll man denn tun?«
Sie schwiegen beide.
Dann fragte die Frau: »Habe ich denn nicht genug bereut und gekämpft und gebetet?«
»Doch«, sagte der Eremit, »du hast genug bereut, gebetet und gekämpft, vielleicht zu viel. Du hast dich selbst geplagt und gemartert. Unser Herr will nicht, dass das Leben so sei. Sieh die Natur rund um dich an! Die Blume strengt sich nicht an, um zu wachsen, und beunruhigt sich nicht, um die rechte Gestalt und die klare warme Farbe zu bekommen. Sie saugt Saft aus der Erde und trinkt Licht und Sonne und Tau – und so wird sie zum wunderbarsten Ding auf Gottes grüner Erde. Du solltest es machen wie die Blume!«
»Sollte ich nicht bereuen und kämpfen?«, fragte die Frau langsam und wandte zum ersten Mal den Blick dem Antlitz des Eremiten zu. – »Sollte ich die Hände in den Schoß legen und alles ruhig nehmen? Wer bist du, dass du solches zu einem Menschen zu sagen wagst?«
»Einer, der lange gelebt hat«, gab der Eremit zur Antwort.
»Ein Mensch ist doch wohl etwas anderes als eine Blume«, fuhr die Frau beinahe erbittert fort. »Es gibt Hunderte und mehr dort drunten im Dorf, die so leben, wie du es meinst. Die denken nicht darüber nach und grämen sich nicht darüber, was sie sind und was sie sein sollten. Aber gut sind sie nicht und heilig noch weniger.«
Der Eremit schien diesen Einwand gar nicht zu hören. »Ich kann dir keine andere Antwort geben«, sagte er bloß, »gehe hinunter ins Dorf und leb dein Leben weiter. Aber versuch zu tun wie die Blumen!«
Sie sah ihn an, und er verstand, dass sie meinte, er hätte ihr Steine gegeben statt Brot. Trotzdem ließ er sie gehen und blickte ihr traurig nach. Und als sie längst verschwunden war, blickte er noch immer in jene Richtung. Seine Lippen bewegten sich zu lautlosen Worten.
* * *
Es verging eine lange Zeit. Aber endlich stand die Frau doch wieder vor der Höhle des Eremiten. Auch diesmal begann sie sofort zu sprechen:
»Es ist seltsam«, sagte sie, »aber ich habe das nicht vergessen können, was du über die Blumen sagtest! Ich glaube, ich verstehe jetzt etwas von dem, was du meintest. Ich habe versucht zu tun, wie du wolltest – nicht immer zu arbeiten und zu kämpfen, sondern stille zu werden und meine Seele aufzuschließen und gleichsam etwas einzuatmen. Und weißt du – alles wird anders gegen früher. Es ist nicht mehr alles so lastend schwer! Es ist, als ob etwas in mir im Wachsen wäre. Ja – ich kann gar nicht sagen, wie es ist. Es ist fast, als ob – ja, als ob ich lebendiger würde!«
Voller Freude blickte der Eremit sie an, aber er sagte nichts. Weiter sprach die Frau:
»Früher habe ich fortwährend gekämpft und gearbeitet und hatte kaum Zeit zum Atmen, und dennoch wuchsen alle meine Sünden und Fehler und wurden erschreckend groß. Jetzt ist es« – die Worte kamen still und gedämpft – »ja, es ist, als ob Gott in mir arbeitete!« Der Eremit nickte bejahend.
»Es ist so«, sagte er. »Unsere Fehler und Mängel sind nicht das Wichtigste und Größte hier auf Erden. Sobald sie es werden, lähmen sie uns. Das Wichtigste ist das, was Gott tut! Das befreit uns.«
Nachdenklich lauschte die Frau und senkte übereinstimmend den Kopf. Heute verstand sie etwas davon.
»Vater«, flüsterte sie nach einer Weile, »Vater, sag mir das eine: Was ist das, was zu mir kommt, wenn ich versuche, still zu werden wie die Blumen, wenn meine Seele sich auftut und ich einatme?«
»Gotteskraft«, sagte der Eremit still. Das Antlitz der Frau erhellte sich in großer demütiger Freude.
»Das dachte ich mir«, sagte sie leise. »Aber das ist ja ein Wunder Gottes. So eine wie ich, die nicht eine einzige reine Absicht hatte, das ist ja ein Wunder Gottes!« – »Ja«, sagte der Eremit, »das ist es wohl!« Lange stand die Frau in tiefen Gedanken versunken.
»Ich bin so froh«, sagte sie endlich. »Aber gleichzeitig fürchte ich mich so davor, dass das Alte wiederkommen könnte. Sag, kann es werden wie früher?«
»Nein, es kommt nicht, wenn du dich nicht davor fürchtest.« Sie erwog die Antwort und kam dann mit noch einer Frage:
»Ich glaube, ich habe die neue Art zu leben noch nicht recht gelernt. Ich habe auch Angst, dass ich nicht Kraft und Zeit haben werde zu all dem, was ich jetzt tun möchte! Siehst du, es gibt jetzt so vieles, was ich sehnlichst gern tun möchte. Ich habe aber so wenig Zeit und kann so wenig!«
»Wenn du nie Eile hast, dann wirst du Zeit haben für alles«, gab der Eremit zur Antwort. »Wenn du nicht unruhig bist um das, was bei deinem Tun herauskommt, dann kannst du auch!«
»Aber wenn ich nicht weiß, was ich tun soll?«, fuhr sie fort; »wenn ich im Zweifel bin?«
»Tu dann, was du zutiefst willst!«
»Was ich zutiefst will!«, wiederholte die Frau erstaunt. »Du antwortest doch aber auch niemals, wie man es erwartet! – Ich soll wohl das tun, was Gott will, und nicht, was ich will?« Der Eremit lächelte. »Du zweifelst ja nur, um zu erfahren, was Gottes Wille ist«, sagte er. »Und wie sollst du es anders erkennen als dadurch, dass du deinem tiefsten Ich lauschest? Dieses dein Ich weiß! Aber dieses dein Ich will auch den Willen Gottes! Nur dein äußeres Ich will manchmal etwas anderes.«
»Das, was ich zutiefst will«, wiederholte die Frau langsam und nachdenklich.
»Ja, das, was du willst vor Gottes Angesicht!«
Die Frau begegnete dem Blick des Alten, und der Ausdruck demütiger Freude, der zuvor in ihrem Antlitz aufgeleuchtet hatte, kam zurück. Sie atmete auf..
»Du antwortest seltsam«, sagte sie, »aber du hilfst!« Und sie ging von dannen.
Eine Mutter
Der Eremit ging die Dorfstraße entlang und blieb vor einer Hütte stehen, die durch Wind und Wetter grau geworden war. Er ging durch das Vorgärtchen, in dem Gras und bunte Blumen wucherten, und musste sich tief bücken, um durch die niedrige Tür der Hütte hindurchzugehen.
Da drinnen herrschte gedämpftes Licht. Auf dem Herd brannte kein Feuer, und im Zimmer war es kalt. Ein geschwärzter Kochtopf hing auf einem Haken über dem Herde. Die wenigen Möbel des Zimmers waren ärmlich, und es war weder ordentlich noch gemütlich darin. In einem Armstuhl beim niedrigen Fenster saß eine Frau, die Hände im Schoße. Sie arbeitete nicht. Sie saß nur dort und sah zum Fenster hinaus.
Beim Eintritt des Alten wandte sie den Blick zur Tür.
»Wer bist du?«, fragte sie, ohne sich zu erheben.
»Ein einsamer alter Mann«, war die Antwort.
Er ging hin und setzt sich der Frau gegenüber zum Fenster, wo man über das Tal hinsehen konnte. Die Frau musterte ihn mit einem langen Blick.
»Bist du der Alte vom Berge droben?«, fragte sie.
Er nickte. – »Deine Gedanken haben nach mir gerufen«, sagte er. »Du hast Kummer.«
»Ja«, antwortete sie dumpf. »Ja, mein Sohn ist tot.«
