17,99 €
Der siebzehnjährige Caleb Ross lebt seit dem Verschwinden seiner Mutter vor Monaten mit seinem autoritären Vater zusammen. Dem despotischen Sheriff von Big Bend County, den sie den "Richter" nennen und dessen Brutalität und Rücksichtslosigkeit legendär ist. Er behauptet, seine Frau habe ihn wegen eines anderen Mannes verlassen. Sein Sohn jedoch ist sicher, dass seine Mutter ein gewaltsames Ende fand und sein Vater hinter all dem steckt. Als in der Nähe eines Grenzübergangs für illegale Einwanderer Skelettüberreste entdeckt werden, beginnt der frisch gebackene stellvertretende Sheriff Chris Cherry, ein High-School-Football-Held, an seinem Chef zu zweifeln. Gemeinsam mit Caleb stellt er sich Murfee's dunkelstem Geheimnis, das zu demselben charismatischen und gefürchteten Verdächtigen führt: Calebs Vater und Chris' Chef.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 560
Veröffentlichungsjahr: 2021
J. Todd Scott
Aus dem Amerikanischen von Harriet FrickeHerausgegeben von Wolfgang Franßen
Originaltitel: The Far EmptyCopyright: © 2016 by Jeffrey Todd ScottAll rights reserved including the right of reproductionIn whole or in part in any form.
This edition published by arrangement with G.P. Putnam’s Sons,An Imprint of Penguin Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC.
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2021
Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke
Mit einem Nachwort von Carsten Germis
© 2021 Polar Verlag e.K., Stuttgartwww.polar-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Nadine Helms, Tobias Schumacher-Hernandez
Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann
Coverfoto: © W.Scott McGill/Adobe Stock
Autorenfoto: © J. Todd Scott
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
ISBN: 978-3-948392-16-1eISBN: 978-3-948392-17-8
Für Delcia, mi estrella del norte.Shine on, babe …
Diese Geschichte ist, mehr oder weniger, frei erfunden. In Texas gibt es keine Stadt namens Murfee. Aber ich war zwanzig Jahre lang Federal Agent, den Großteil davon an der Grenze zu Mexiko im Einsatz. Im Jahr 2010 fielen in Ciudad Juárez, direkt gegenüber der texanischen Großstadt El Paso, mehr als dreitausend Menschen Gewaltverbrechen im Zusammenhang mit Drogenkriminalität zum Opfer. 2012 wurden mehrere Polizisten und Deputys einer Spezialeinheit zur Drogenbekämpfung, darunter auch der Sohn eines angesehenen und einflussreichen Sheriffs, nach einer verdeckten Ermittlung verhaftet, weil sie Drogen beiseitegeschafft und Schmuggler gedeckt hatten. Ein Jahr später bekannte sich der Sheriff in einem Korruptionsverfahren für schuldig. 2014 stieß die U.S. Border Patrol in der Sonora-Wüste, Arizona, auf die Leichen von mindestens siebenundneunzig Immigranten. 2015 kürte eine beliebte Reise-Website den Big Bend National Park in West Texas – ein über 300.000 Hektar großes Teilstück der Chihuahua-Wüste am Ufer des Rio Grande – zu den fünfzehn schönsten Nationalparks in Amerika. Und das alles entspricht den Tatsachen.
Das ist die Grenze, wie ich sie kenne.
Wir haben ein aussichtsloses Spiel gewagt und verloren. Aber wir sind harte Kerle und raue Sitten gewohnt und werden dafür geradestehen.
Cole Younger, 1867
This is the song that the night birds sing
As the phantom herds trail by,
Horn by horn where the long plains fling
Flat miles to the Texas sky …
This is the song that the night birds wail
Where the Texas plains lie wide,
Watching the dust of a ghostly trail,
Where the phantom tall men ride!
S. Omar Barker, »Tall Men Riding«
Tall Men Riding
Knochen
1. Chris
2. Anne
3. Duane
4. Melissa
5. Caleb
6. Chris
7. Anne
8. Melissa
9. Caleb
10. Chris
11. Caleb
12. Anne
13. Chris
14. Melissa
15. Duane
16. Caleb
17. Chris
18. Anne
19. Caleb
20. Darin
21. Chris
Blut
1. America
2. Máximo
3. Der Judge
4. Caleb
5. Chris
6. Anne
7. Duane
8. Melissa
9. America
10. Chris
11. Anne
12. Caleb
13. Der Judge
14. Chris
15. Melissa
16. Anne
17. America
18. Duane
19. Chris
20. America
21. Chris
22. Caleb
23. Melissa
24. Anne
25. Der Judge
26. Melissa
27. Anne
28. Chris
29. Duane
30. America
Asche
1. Máximo
2. Chris
3. Melissa
4. Caleb
5. Duane
6. Anne
7. Chris
8. America
9. Der Judge
10. Melissa
11. Máximo
12. Caleb
13. Anne
14. Chris
15. Melissa
16. Duane
17. Caleb
18. America
19. Caleb
20. Der Judge
21. Anne
22. Chris
23. Melissa
24. Chris
25. Der Judge
26. Duane
27. Máximo
Geister
1. Anne
2. America und Máximo
3. Morgan
4. Caleb
Ende
Ein Jahr später
Dank
Ein demokratischer Held
Mein Vater hat drei Männer umgebracht.
Den ersten drüben in Graham, als ein verdeckter Drogendeal aufflog. Damals war er viel jünger, nur ein Deputy, noch nicht der Judge, und sollte von einem kalifornischen Nigger – seine Wortwahl, nicht meine – Gras kaufen. Vor den richtigen Leuten und mit ein paar Lone Stars oder einem Balcones Texas Single Malt intus – er tut dann so, als würde auch ihm davon die Zunge locker werden, aber das stimmt nicht – brüstet er sich gern: Ich hab dem schwarzen Pisser zwei Kugeln verpasst.
Die erste, weil er ein Nigger in Texas war, die zweite, weil er ein Scheiß-Nigger-Dealer in seinem Teil von Texas war.
Den zweiten, Dillon Holt, hat er hier in Murfee abgeknallt. Im Spätsommer vor ein paar Jahren, als Dillon die Remington seines Granddads auf seine Frau und die kleine Tochter gerichtet hatte.
Ich gehe auf dieselbe Schule wie Dillons jüngerer Bruder Dale, deshalb kenne ich Dillon ein bisschen. Ich weiß, dass nur ein Teil von ihm aus dem Irak zurückkam, und der war kaputt und wütend. Weil er den Kühen Angst gemacht hat, flog er bei seinem Job auf der Comanche-Ranch raus, und im Early’s hat er sich fast jeden Abend geprügelt. Irgendwann wurde es so schlimm, dass sie ihn dort nicht mehr bedient haben. An seinem letzten Freitagabend saß er deshalb allein mit einem Zwölferträger Pearl unter den Pekannussbäumen hinter seinem Haus, bis er am frühen Samstagmorgen etwas Meth auftreiben konnte. Nachmittags stand er ohne Hemd auf der Veranda, brüllte alles und nichts an, der Körper schweißnass, aufgedunsen und glühend, als würde er brennen. Seine Frau Brenda hatte die kleine Ellie auf dem Arm und hielt sich und dem Baby die Augen zu, damit sie nicht in die Mündung der Remington schauen mussten.
Ich weiß das alles, weil ich dort war. Als der Notruf kam, nahm mein Vater mich mit und ließ mich im Pick-up warten. Dass ich zuschauen würde, wussten alle im Sheriff’s Department, aber keiner hat irgendwas dagegen gesagt.
Er wollte, dass ich mit ansah, wie er Sachen regelt.
So hat er es damals genannt, so nennt er es heute noch.
Mein Vater redete auf Dillon ein, ließ ihn rumbrüllen, damit er müde wurde, aber als er die Flinte einmal zu oft auf Brendas Gesicht richtete, schoss mein Vater ihm mit seiner Ruger Mini-14 mitten in die nackte, glühende Brust.
Überall war heißes Blut, es spritzte auf das Fliegengitter der Veranda, auf die Fenster, auf Brenda, aufs Baby. Es fiel schnell, wie Sternschnuppen … rote Blitze. Trifft Blut auf Holz oder Haut, macht es dieses spezielle Geräusch. Dillons Gebrüll ging im Schreien seiner Witwe unter. An dem Tag war es heiß wie im Backofen, doch mein Vater schwitzte nicht. Als er sich danach in den Pick-up beugte, um die Ruger zu verstauen, die noch nach Rauch und Öl stank und sich an meinem Knie warm anfühlte, war seine Haut kalt. Staubtrocken wie die einer Schlange. Er zwinkerte mir zu, als wären wir alte Freunde.
So regelte er die Sache mit Dillon Holt.
Der dritte war der Mann von Nancy Coombs, der Frau, mit der er ins Bett ging, nachdem meine Mutter verschwunden war.
Roger Coombs hat er nicht erschossen wie Dillon Holt oder den Schwarzen in Graham. Soweit ich weiß, hatte er den Finger nicht mal in der Nähe des Abzugs, was aber auch keine Rolle spielte, weil es auf dasselbe hinauslief. In der Geschichte, die ich gehört habe, kam Roger nach einem Spiel der Big Bend Central Raiders nach Hause und fand meinen Vater mit Nancy im Schlafzimmer – die Fotos von der Hochzeit und den Flitterwochen im Excalibur in Las Vegas schauten auf beide herunter, während mein Vater Nancy zum Stöhnen brachte. Nachdem mein Vater mit Lachen fertig war und sich an Rogers Laken abgewischt hatte, flogen Beleidigungen hin und her, vielleicht auch ein paar Fäuste, aber mehr passierte nicht – wenigstens nicht an diesem Tag. In Murfee hatte man schon über meinen Vater und Nancy getuschelt, aber einen Aufstand machte deswegen niemand.
Wer hätte auch was gegen den berühmten Sheriff Stanford »Judge« Ross sagen sollen?
Und so musste Roger allein mit allem fertigwerden: mit dem Gerede, dem Gegrinse, dem Gelächter. Jeder wusste von Nancy und meinem Vater, Roger konnte nicht aus dem Haus gehen, ohne daran erinnert zu werden. Von morgens bis abends, an jedem x-beliebigen Tag … Jedes Mal, wenn jemand für eine Flasche Lone Star, eine Packung Zigaretten oder eine Dose Kautabak in den Hi ’n’ Lo kam, wo er Geschäftsführer war. Jedes Mal, wenn mein Vater reinschaute und sich, manchmal noch nach Nancy riechend, ohne zu zahlen einen Kaffee, schwarz und bitter, einschenkte und den Laden mit einem Zwinkern und einem breiten Lächeln wieder verließ.
Denn Sheriff Ross bezahlt in Murfee für nichts.
Nicht mal für die Frau eines anderen.
Als er es nicht mehr aushielt, fuhr Roger mit seinem alten Ford F-150 auf den Parkplatz des Sheriff’s Department, zog eine nagelneue Gillette über beide Handgelenke und verteilte sein Blut über alte McDonald’s-Tüten und den anderen Müll in seinem Auto. Chief Deputy Duane Dupree sah ihn zuerst. Rogers letzter Atem beschlug die Scheibe des Pick-ups, aber Duane ließ sich Zeit, bevor er zum Telefonhörer griff. Er zündete sich noch eine Zigarette an, während er die Nummer meines Vaters wählte und etliche Minuten später die des Rettungsdiensts. Als der Krankenwagen eintraf, war Roger seit einer Viertelstunde tot und das Letzte, was er in dieser Welt sah, war Duane Dupree, der seelenruhig eine Lucky Strike rauchte und mit dem Daumennagel in seinen Zähnen pulte, während er ihm beim Sterben zuschaute.
Roger hinterließ einen Abschiedsbrief. Das weiß ich, weil ich nachts mal gehört habe, wie Duane und mein Vater auf unserer Veranda darüber redeten, aber gesehen oder gelesen hat ihn niemand. Duane hat über den Brief gelacht, aber mein Vater sagte nichts, sondern warf ihm nur diesen Blick zu, wenn seine grauen Augen schwarz werden und sich in ihnen nichts und niemand widerspiegelt.
Der Blick bringt jeden schwächeren Menschen schneller zum Schweigen als ein Wort von ihm. Und wir sind alle schwächer. Duane schaute meinem Vater also in die Augen und sagte, er würde sich um den verdammten Brief kümmern, ihn auf seinem Weber-Grill verbrennen, und ich verwette mein Leben, dass er genau das getan hat.
Die erste Frau meines Vaters war Vickie Schori. Sie kannten sich aus der Highschool in Murfee und heirateten ein halbes Jahr nach dem Abschlussball. Beim Ball war er natürlich der König, sie die Königin – aber nur ein paar Jahre später verließ sie ihn und brannte nach El Paso durch. Die meisten hielten das für das Beste, wenigstens für den jungen Deputy Ross (Sheriff war er da noch lange nicht). Über die Schoris hatte es immer böse Gerüchte gegeben. Sie hatten die West Texas Cattle Auction, die heute Comanche heißt, gegründet und eine Ewigkeit geleitet, dann aber verkauft und waren kurz nach Vickies Verschwinden weggezogen. Niemand weiß, wo sie abgeblieben sind. Keiner hat Vickie jemals wiedergesehen.
Bei uns zu Hause habe ich nie ein Foto von ihr entdeckt, aber in der Schule hängt eines, hinter Glas, im Eingangsbereich. Es gehört zu einer Collage aus bestimmt hundert Fotos, Momentaufnahmen aus der Geschichte der Big Bend Central Highschool. Das Foto ist schwarz-weiß, verblichen. Sie steht auf einem Footballfeld und sieht im Flutlicht aus wie ein Geist. Ihr Kleid hat weite Ärmel, ihre Haare wehen im Wind und sie winkt, lächelt sogar, während sie in die Ferne schaut. Sie ist sehr hübsch.
Von meinem Vater sieht man nur eine Hand, sie liegt schwer auf ihrem Arm, hält sie fest. Dass er es ist, weiß ich. Diese Hände würde ich immer erkennen. Er ist da, aber nicht zu sehen. Der Rest von ihm wird von einem Baseballfoto aus dem Jahr 1988 verdeckt.
Die zweite Frau meines Vaters war Nellie Banner, sie heirateten knapp ein Jahr nach Vickies Verschwinden. Auch ihre Familie hatte lange in Murfee gelebt; als mein Vater und Vickie auf dem Abschlussball tanzten, ging Nellie in die neunte Klasse. Vickie war eine echte Texas-Blondine, Nellie dagegen klein, dunkel, mit einem Tropfen mexikanischem Blut, obwohl das niemand laut aussprach. Mein Vater hat nicht viel von ihr erzählt, aber ich glaube, sie haben sich oft gestritten. Streiten, versöhnen, wieder streiten. Am Anfang wohnten sie draußen in der Peachtree und die Nachbarn gewöhnten sich sicher schnell an das Geschrei und Geprügel. Trotzdem ließen sich die beiden jeden Sonntag in der Kirche blicken, mein Vater in seiner Uniform, Nellie in ihrem weißen Sonntagskleid, auch wenn sie vielleicht etwas mehr Make-up trug, als die anderen Frauen für angemessen hielten.
Vielleicht gefiel sie sich so besser. Vielleicht brauchte sie die zusätzliche Farbschicht auch, um ein blaues Auge zu kaschieren.
Nellie starb plötzlich und unerwartet im fünf Zentimeter flachen Wasser in der großen Badewanne im neuen Haus an der Rustler. Sie hatten es gebaut, nachdem mein Vater zum Chief Deputy befördert worden war. Es war für alle ein Schock, eine echte Tragödie. Niemand konnte es sich erklären, nicht einmal der Gerichtsmediziner, der extra aus El Paso geholt wurde. Mein Vater war nicht zu Hause, sondern mit Deputy Dupree in der Nähe von Nathan im Einsatz gewesen und nachts so spät zurückgekehrt, dass ihr Körper schon blau angelaufen war. Sie lag mit dem Gesicht im Wasser, das längst kalt geworden war. Kälter noch als ihre Haut.
Die Leute erzählen sich, mein Vater wäre nach Nellies Tod so verzweifelt gewesen, dass er die Badewanne mit bloßen Händen rausgerissen hätte. Einige haben behauptet, sie hätten es mit eigenen Augen gesehen. Aber ich weiß es besser.
Die verdammte Badewanne steht noch da.
Die dritte Frau meines Vaters, meine Mutter, war Evelyn Monroe. Sie hatten sich in Dallas kennengelernt, wo er an einem Polizeikongress teilgenommen hatte. Sie hatte gerade ihren Abschluss an der Southern Methodist University gemacht und war, wie ich vermute, sofort von ihm angetan. Bald telefonierten sie täglich und er fuhr an den Wochenenden zu ihr nach Dallas. Es dauerte nicht lange und sie gab ihren neuen Job bei IBM auf und zog nach Murfee, ohne vorher jemals dort gewesen zu sein.
Ich habe mich oft gefragt, was ihr durch den Kopf ging, als sie hier ankam, mitten im Nichts. Was dachte sie, als sie ihr neues Zuhause zum ersten Mal sah? Präriegestrüpp und lange Streifen Grasland; die sonnenverbrannten Berge der Chisos und Santiago Mountains. Und alles mit einer Schicht Sand und Staub überzogen, als wäre die ganze beschissene Welt unter Asche begraben.
Im März oder April hätten wenigstens die Meskalbohnen geblüht und über den Talhängen hätte ein lila Teppich gelegen. Das hätte ihr gefallen. Lila war ihre Lieblingsfarbe.
Die beiden heirateten und sie zog in das Haus an der Rustler, in dem Nellie gestorben war. Etwa ein Jahr später wurde ich geboren. Mein Vater schlug den alten Dugger Barnes bei der Wahl und wurde Sheriff, meine Mutter kümmerte sich um meine Erziehung und arbeitete als Ehrenamtliche an der Barnhardt Middle und später an der Big Bend Central.
Meine Mutter war sehr hübsch – groß, schlank, blonder Pferdeschwanz. Immer waren Haargummis in ihrer Nähe, umkreisten sie wie kleine Sterne: um ein Handgelenk oder den Schalthebel ihres Pick-ups geschlungen, auf ein Regal geworfen, unter Kissen begraben.
Selbst heute noch finde ich manchmal eines und muss dann weinen. Nicht lange, jedes Mal ein bisschen weniger und nie, wenn mein Vater es sehen könnte.
Sie riechen wie meine Mom … wie ihr Shampoo. Minze und Regen und grüne Landschaften, weit weg von hier.
Vor dreizehn Monaten hat meine Mutter uns verlassen, vielleicht wollte sie zu einem dieser fernen Orte.
Das stand wenigstens in dem Brief, den mein Vater angeblich auf der Arbeitsplatte in der Küche gefunden hat. Auf dem Briefpapier des Big Bend County Sheriffs geschrieben, landete er aus irgendeinem Grund nicht auf dem Grill von Duane Dupree. Drei Sätze, die man eigentlich im Murfee Daily hätte abdrucken sollen, denn jeder in Murfee wollte begreifen und darüber reden, wieso Evelyn Ross – die schöne, schlaue und geliebte Frau von Sheriff Ross – ihren Mann und den Sohn verlassen hatte und verschwunden war.
Spurlos verschwunden.
Einige boten an, sie zu suchen. Wenn sie einmal nicht nur bei uns klingelten, um einen Auflauf abzuliefern oder sich nach unserem Befinden zu erkundigen, schlugen sie vor, sie für uns aufzuspüren und nach Hause zu schleifen wie eine alte Wild-West-Bande, aber mein Vater wollte davon nichts wissen. Er behauptete, sie wäre schon länger unglücklich gewesen, und verriet ein paar unschöne Dinge aus ihrem Eheleben – Geheimnisse, die er mit sich herumgeschleppt und niemandem anvertraut hatte, um mich und ihren Ruf zu schützen – alles schnell zur Hand, als Erklärung für ihre Entscheidung.
Natürlich gab es Geheimnisse, echte, nicht die, die meinem Vater im Early’s oder Hamilton absichtlich herausrutschten. Drei Wochen, nachdem sie verschwunden war, packte er alle ihre Sachen in Kartons und verfrachtete sie auf den Dachboden.
Seine Hände waren noch staubig von der Leiter, als er mich zu sich rief und erklärte, ich dürfe nichts davon jemals wieder auspacken. Zwei, drei Tage dürfe ich ihretwegen traurig sein, eine Handvoll weiterer Stunden Trübsal blasen, aber danach sollte ich ihren Namen nie wieder erwähnen, wenigstens nicht in seiner Gegenwart. Wenn ich es doch täte, würde er die Hundepisse aus mir rausprügeln, und das wolle er nicht. Aber da er es nun mal gesagt hatte, würde er es auch tun, denn sobald er etwas gesagt hatte, war es Gesetz.
Aber er hoffe, dass es nicht so weit kommen würde. Das hoffe er wirklich.
Danach zwinkerte er mir zu, klopfte mir fest auf die Schulter und stand auf, um sich ein Lone Star zu holen und einen Anruf zu tätigen. Er hinterließ einen staubigen Handabdruck auf meinem T-Shirt und später am Abend warf ich es in den Müll.
Ich kannte meine Mutter. Ich kenne meine Mutter. Ich weiß, sie wäre nie mit leeren Händen abgehauen, ohne die Sachen, die sie so sehr geliebt und er so schnell in Kartons gepackt hat.
Ohne ihre Fotoalben und Bücher, ohne den Ring und die Kette mit den Chalzedonen, die sie mit sechzehn von ihrer Großmutter geschenkt bekommen hatte.
Sie hätte das alles nie zurückgelassen.
Sie hätte mich nie zurückgelassen.
Bei ihm.
Mein Vater hat drei Männer umgebracht.
Mein Vater … dieses Monster … hat auch meine Mutter umgebracht.
Die Leiche war kaum zu erkennen.
Das Ende eines Knochens vielleicht, schmutzig und elfenbeinfarben, und etwas Faserartiges, das ein Stück Stoff gewesen sein mochte.
Und noch etwas anderes, spinnwebartig, verfilzt und schrecklich, wie es sich träge im Wind bewegte, etwas, das wohl einmal Haar gewesen war. Menschliches Haar. Es raschelte mit dem Gras, den vertrockneten Kreosotbüschen, den Meskalbohnen, als würde es leben.
Menschliches Haar … und ein Knochen.
Deputy Chris Cherry stand vor der Leiche und dachte nach, während ihn Bulgers Hereford-Rinder stumm beäugten. Auch Bulger beäugte ihn, während er die Ellbogen auf sein dreckiges Kawasaki-Quad stützte, Kautabak malmte und einen Pfirsich aß.
Dazu gehörte schon verdammt viel Talent.
Chris ging vorsichtig in die Hocke und besah sich den Fund genauer, bevor er wieder hochkam und sich die Hände an der Diensthose abwischte, obwohl er gar nichts angefasst hatte.
»Was macht das Knie?«, fragte Bulger, den Mund voller Pfirsich und Tabak.
Was macht das Knie? Das fragten ihn die Leute ständig. In Murfee ersetzte die Frage ein Hallo oder Auf Wiedersehen. Sie bedeutete Willkommen zu Hause oder Verdammtes Pech, je nachdem, wer es sagte.
Was macht das Scheißknie?
Chris ging nicht darauf ein. »Sie haben das also heute früh gefunden?«
Bulger schnitt eine Grimasse und spuckte einen dunklen Strahl aus, in der Farbe von Blut. »Heute früh, yeah. Keine Zeit, vorher Bescheid zu geben. Viel zu tun.« Er war mit dem Pfirsich fertig und warf den Kern über die Schulter, in Richtung von Chris’ Streifenwagen, einem Ford-Pick-up im Blau und Grau des Countys. Der Kern verfehlte den Wagen um wenige Schritte und ein Rind trottete mit gesenktem Kopf darauf zu.
Sobald er weg wäre, das wusste Chris, würde Bulger beim Sheriff anrufen und einen Mordsaufstand machen, weil der Deputy mit dem Pick-up über sein Weideland gefahren war. Zu Chris würde er jetzt nichts sagen, sondern sich direkt beim Sheriff beschweren, der ihn vielleicht ausreden ließ oder auch nicht – und sich Chris vornehmen würde oder auch nicht. Vorhersagen konnte man das nicht. Aber Chris hatte kein schlechtes Gewissen, weil er die fünf Meilen von der Ranch-Zufahrt nicht zu Fuß zurückgelegt hatte, aus Angst vor Knöchelbrüchen, Schlangen, Kaninchenlöchern und weiß Gott, was hier draußen sonst noch lauerte.
Bulger auf seinem Quad wäre niemals auf die Idee gekommen, zu laufen.
Was macht das Scheißknie?
Indian Bluffs, die Ranch von Matty Bulger, schlängelte sich wie eine schiefe Wirbelsäule über achttausend Hektar an der Schlucht des Rio Grande entlang. Seine Familie hatte einen Teil der riesigen Sierra-Escalera-Ranch gekauft und besaß das Stück Land seit Jahrzehnten. Matty hatte drei Söhne, mit dem jüngsten, Nathaniel, hatte Chris in der Highschool-Mannschaft Football gespielt. Die beiden älteren bewirtschafteten mit dem Vater die Indian Bluffs, während Nat inzwischen den Jagdbetrieb auf der Sierra Escalera leitete, was Matty Bulger, wie Chris wusste, gewaltig gegen den Strich ging.
Nat, groß, mit geschickten Händen, war ein recht ordentlicher Receiver gewesen. Wenn er im Flutlicht an den Seitenlinien entlangrannte, erwischte er selbst den weitesten Ball. Chris erinnerte sich noch gut daran, wie Matty seinem Jungen von der Tribüne aus zugeschaut und dabei Nats Namen geschrien und die blau geäderten Fäuste geschüttelt hatte.
»Und was isses? Wieder so ’n toter Mex?«
Chris zuckte die Achseln. Wahrscheinlich. In West Texas, am Ufer des Flusses, gehörte das zum Alltag: Mexikaner, die auf der Suche nach Arbeit über die Grenze kamen, die Drogen und andere Mexikaner mitbrachten. Der Weg war anstrengend und viele schafften es nicht. Sie wurden krank, weil sie verdrecktes Wasser aus Viehtränken getrunken hatten oder verletzten sich schwer beim Marsch durch die raue Landschaft. Einige brachen in Ranches ein, um Essen zu stehlen oder sich für ein, zwei Tage in einem verlassenen Schuppen zu verstecken. Dupree hatte ihm von einer kleinen Gruppe berichtet, die freiwillig die 911 gewählt hatte, nachdem sie sich mit einer Brechstange Zutritt zu einem Haus verschafft hatte. Vom Weg abgekommen und völlig erledigt, hatten sie sämtliche Biervorräte aus dem Kühlschrank vernichtet und sich auf die Veranda gesetzt, wo sie rauchend und nach Flussschlamm stinkend, mit Jutesäcken, in denen vierhundert Pfund Marihuana eingenäht waren, ruhig auf die Ankunft von Dupree und einer Handvoll Deputys gewartet hatten.
Wenn Dupree, eine Dose Dr Pepper in der einen, eine Lucky Strike in der anderen, die Geschichte zum Besten gab, lachte er sich jedes Mal halb tot.
Der Big Bend des Rio Grande ist Outlaw-Territorium. So war es schon immer, so wird es immer sein.
Der Big Bend, das ist die scharfe Kurve, wo die Rockies auf die nördliche Chihuahua-Wüste treffen, wild und schön und gnadenlos. Die Landschaft ist so zerklüftet und öde, dass dort Astronauten für den Einsatz auf dem Mond ausgebildet wurden. Big Bend macht mit El Paso, Jeff Davis und einem halben Dutzend kleinerer Countys den Großteil der texanischen Uferseite aus – auch Trans-Pecos genannt – insgesamt über einunddreißigtausend Quadratmeilen. Das Big Bend County, in dessen Herzen Murfee lag, schluckte allein schon einen State Park und einen National Park und bestand aus zehntausend Meilen Leere, für die gerade einmal sechs Deputys plus Sheriff Ross zuständig waren, obwohl das Gebiet größer war als Delaware, Connecticut und Rhode Island zusammen – Bundesstaaten, in denen Chris genauso wenig gewesen war wie an zigtausend anderen Orten. Im Schatten der Santiago, Chinati und Chisos Mountains gelegen, war es ein Patchwork aus Ranches, Flussgrundstücken und Schluchten, in die Landschaft gegraben wie tiefe Risse in schmutziger Haut. Wer genau hinschaute, entdeckte die schwarzen Pockennarben ausgebrannter prähistorischer Muschelhaufen, im Sand indianische Pfeilspitzen und in den Felsen verblichene Höhlenmalereien. Die Hügel und Täler waren mit Teufelszungen, Kreosotbüschen, Wüstenweiden und Meskalbohnen bewachsen, sodass nach ausgiebigem Regen eine Explosion von Farben folgte und sich vor den Augen ein endloser bunter Teppich zu entrollen schien – bis nach Mexiko und von einer solchen Strahlkraft, dass man mit einem Blick gar nicht alles aufnehmen konnte.
Zu allen anderen Zeiten sah man nur Knochenweiß und Rostbraun, ähnlich anstrengend für das Auge, wenn auch aus anderen Gründen. Die einzige Ausnahme bildeten Flecken von Bahiagras, das einige Rancher als Viehfutter verwendeten – das Grün nur eine zarte Andeutung und schon wieder verschwunden, sobald man nur kurz zur Seite blickte.
Chris hatte einmal gehofft, für immer aus Murfee verschwinden zu können.
Chris’ Vater hatte oft gesagt, die Ranches würden das Land in kleine Reiche zerstückeln, in denen sich Männer wie Bulger selbst zum König krönten. Von Deputys wie Chris ließen sie sich nicht viel sagen und noch weniger von den grün uniformierten Mitgliedern der Border Patrol. Das Land wurde vom Vater an den Sohn weitervererbt, sie heuerten ihre eigenen Leute an – darunter etliche Illegale von der anderen Seite des Flusses – und ließen sie in kalten Baracken schlafen, erbaut mit den eigenen Händen. Ihre Kranken versorgten sie selbst, die Toten begruben sie in Familiengräbern und Gehälter zahlten sie in Dollarbündeln aus. Einige Abläufe waren modernisiert worden, indem man Hunde und Pferde durch elektrische Zäune, Chopper und Allradfahrzeuge ersetzt hatte. Statt die staubigen Trails zu nehmen, belud man nun Trucks und Trailer, und nicht wenige hatten Manager eingestellt, die den Jagdbetrieb auf ungenutzten Flächen organisierten. Sie streamten Livevideos von Wapitis und Maultierhirschen und verdienten recht ordentlich an den Wochenendkriegern, die sich mit wenig oder gar keinem Aufwand ein Geweih fürs Wohnzimmer holen wollten.
Aber die Ranches und Rancher waren das, was Murfee ausmachte, und daran würde sich nichts ändern. Wie so viele andere Städte in West Texas wurde auch Murfee vom Flickenteppich aus Zäunen und Weiden umzingelt. Die Ranches bestimmten das Leben hier, mitsamt seinen Höhen und Tiefen.
Im Sommer hatte Chris oft bei den Viehzüchtern ausgeholfen. Er kannte Männer wie Bulger, die sich einen Scheißdreck für das interessierten, was jenseits ihrer Zäune passierte. Doch nicht alle waren so – Terry Macrae von der Tres-Rios-Ranch und Dave Wilcher von der Monument stellten Essen und frisches Wasser für die Illegalen bereit, die ihr Land auf der Suche nach Arbeit durchquerten. Wilcher hatte in der Nähe der Schlucht sogar eine kleine Hütte bauen lassen, als Zwischenstation für die erschöpften Wanderer, obwohl die Border Patrol deswegen tobte. Chris war einmal draußen gewesen und hatte die zurückgelassenen Kleidungsstücke, ausgelatschten Schuhe und zerfledderten Landkarten gesehen. Die Karten kauften sie unten in Ojinaga. Grobe Skizzen, auf denen Bleistiftstriche unbewachte Pfade, Straßen und Grenzübergänge markierten, aber auch Ranches wie die Monument, wo verzweifelte Männer – verzweifelte Menschen – für ein paar Stunden einen Unterschlupf finden konnten.
Etliche schafften es trotzdem nicht: Sie ertranken bei Starkregen im Fluss, wurden von einem plötzlichen Kälteeinbruch oder Schneesturm überrascht oder fingen sich eine Kugel ein. Alle blieben dort, wo sie hinfielen, zum Sterben zurück. Mitten im Nichts stieß man nicht selten auf eine Leiche.
Männer wie Bulger entdeckten sie, das Wie oder Warum interessierte sie nicht, sie warteten nur auf Leute wie Chris, die die Schweinerei wieder wegmachten.
Chris war hier aufgewachsen und hatte einmal den Versuch gestartet, die Stadt und alles hinter sich zu lassen.
Sein Vater war der einzige Zahnarzt in Murfee gewesen und sie hatten im Zentrum gewohnt, aber nach der Highschool hatte Chris ein Footballstipendium bekommen und der Stadt für immer, wie er glaubte, den Rücken gekehrt, nur um aus hundert schlechten Gründen zurückzukehren. Diese Gründe kamen ihm jetzt noch übler vor, als er vor den halb von Sand bedeckten Knochen und Haaren stand, während ihm eisiger Wind ins Gesicht blies und die über den Bergen hängende Regenfront den Himmel verdunkelte. Und Matty Bulger ungeduldig darauf wartete, dass Chris endlich etwas unternahm, damit er wieder zu seiner Arbeit zurückkonnte.
Sein Handy summte und verstummte, bevor seine Hand auch nur in der Nähe der Hosentasche war. Der Empfang hier draußen war miserabel, es gab nur wenige, oft meilenweit entfernte Sendemasten und die Funkverbindung war häufig noch schlechter, weil die Antenne in Stockton durch die Berge gestört wurde. Um die Leiche zu melden, würde er zur Landstraße zurückfahren müssen. Der verpasste Anruf war wahrscheinlich von Melissa gewesen.
Dass er ihn verpasst hatte, bedeutete einen Streit weniger, ohne ihm extra aus dem Weg gehen zu müssen.
Chris wollte gerade zu seinem Pick-up zurück, als ihm auf dem Boden etwas auffiel. Nicht auf dem Boden, vielmehr im Boden: in dem länglichen Sandbuckel, der die Leiche barg.
Wie Hände, die einen Schatz hielten.
Er ging noch einmal vorsichtig in die Hocke, um es sich genauer anzusehen. Bulger rührte sich hinter ihm, glitt mit seinem Hintern endlich vom Quad und reckte den Hals, um herauszufinden, was Chris entdeckt hatte.
Chris versuchte abzuschätzen, wo die Leiche begann und wo sie endete, in der aufgebrochenen Erde, durchsetzt mit Steinen, die ebenfalls Knochen sein mochten – alles aufgewühlt und nach Kuhscheiße stinkend.
Aufgewühlt.
Aus der Erde gerissen.
Die Leiche war hier vergraben worden. Nicht besonders tief oder sorgfältig, aber sie war mit Absicht in die Erde gelegt worden und hatte dort geruht, bis ein Kojote oder Wolf, vielleicht sogar ein Schwarzbär sie gewittert und ausgegraben hatte.
Jemand hatte sie versteckt. Die Illegalen, die hier durchkamen, begruben ihre Toten nicht, ganz gleich, wie sie ums Leben gekommen waren. Sie ließen sie nackt und ungeschützt zurück, weil sie wussten, dass Sonne, Wind und Regen weit mehr Zeit blieb, um sich der Leichen anzunehmen.
Jetzt sah er das, was ihn ein zweites Mal hatte hinschauen lassen, ganz deutlich – sein Instinkt hatte sich mit einer Frage beschäftigt, die sein Verstand beinahe beiseitegeschoben hätte.
Hände, die einen Schatz hielten.
Er hatte auf die Hände der Leiche gestarrt, aber sie erst jetzt wahrgenommen, wie plötzlich sichtbare Puzzleteile. An den Handgelenken fest verbunden, hatte man sie hinter etwas gezogen, das nur der Nackenwirbel sein konnte, die Knie der Leiche auf Höhe des Kiefers, so, wie man ein Kalb fesselt … oder einen Menschen.
Skelettierte Hände, zusammengehalten von einem dicken Kabelbinder. Er sah neu aus, kaum schmutzig geworden durch die Erde, in der er vergraben gewesen war.
Chris kam hoch, sein Knie knackte. Ein hartes, scharfes Geräusch, das bis zu Bulger getragen wurde. Der Rancher hatte gefragt, ob die Leiche wieder so ’n toter Mex sei, der jetzt sein Land besudelte und seine Kühe erschreckte. Chris Cherry, der erst seit einem knappen Jahr Deputy war, glaubte das nicht. Ganz und gar nicht.
Anne stand im Klassenraum von Tancy Garner – der Toten – und versuchte, nicht an ihre Vorgängerin zu denken. Sie hatte alle Fenster aufgerissen, ließ die Oktoberluft ins Zimmer. Eine Brise blähte die Papiere auf dem Tisch der Toten auf. Das schäbige, alte Sonnensystem oben in der Ecke drehte sich, kreiste um sich selbst. Die comichaften Saturnringe stießen gegen eine wasserfleckige Deckenplatte.
Sie hoffte, die kalte Brise würde den Geist der Toten wegpusten. Ihn dorthin schicken, wo er hingehörte. Und sie schämte sich, weil sie sich über den Job freute, der sie einen Monat nach Beginn des neuen Schuljahres an die Big Bend Central geführt hatte, und weil erst eine Frau hatte sterben müssen, um sie wieder auf die Beine zu bringen. Wenigstens war Tancy Garner nicht im Klassenraum gestorben.
Man hatte sie, mit dem Gesicht in Blut und Milch, in ihrer Küche gefunden, wo sie am Abend zuvor beim Wegstellen einer Flasche gestürzt und gestorben war. Ein unglücklicher Sturz, denn sie hatte sich den Kopf an der Arbeitsplatte aufgeschlagen. Sie hatte zwanzig Jahre unterrichtet, zuerst Naturwissenschaften, später Englisch. In der Schule gehörte sie zum Inventar, wurde respektiert und gefürchtet, mit ihrem strengen Gesicht, das an einen wettergegerbten Stein erinnerte und einem aus alten Jahrbüchern und Schulzeitungen entgegenblickte. Ihr gesamtes Leben hatte sie in Murfee verbracht. In Annes Fantasie hatte die alte Frau reiten, Kühe mit dem Lasso einfangen und melken können – eben alles, was man beherrschte, wenn man auf einer Ranch aufgewachsen war. Sachen, von denen Anne gelesen, die sie auf dem Discovery Channel gesehen hatte. Natürlich wurde von Anne nicht erwartet, Tancy Garner zu ersetzen, sie sollte lediglich ihre Klasse einigermaßen sicher durchs Schuljahr bringen, ohne größere Ausfälle und Chaos. Das hatte Philip Tanner, der Direktor, ihr deutlich zu verstehen gegeben. Sehr deutlich sogar. Allerdings hatte er nebenbei fallen lassen, dass nach dem Ende des Schuljahrs eventuell eine Festanstellung in Aussicht stand, aber versprechen konnte er ihr nichts.
Wir sehen dann weiter, Mrs Hart. Anne rückte die Sachen auf dem Schreibtisch zurecht – ihrem Schreibtisch, wenigstens für ein paar Monate. Es war Montag, Columbus Day, ein Feiertag. Außer ihr war niemand in der Schule.
Am Donnerstag war sie spät in Murfee angekommen und hatte nur schnell die Schlüssel für das angemietete Haus abgeholt, das sie nach dem Gespräch mit Direktor Tanner am Freitag bezogen hatte. Das verlängerte Wochenende hatte sie gebraucht, um sich ein wenig einzurichten. Morgen würden Schüler auf den uralten Stühlen vor ihr sitzen und sie anstarren, während sie sich heimlich zuflüsterten und Nachrichten in ihre Handys hackten. Ein paar von ihnen hatten sie am Freitag gesehen und vielleicht auch schon den Namen der neuen Lehrerin spitzgekriegt. Wenn die BBC so war wie andere Schulen – und das war sie mit Sicherheit –, dann würden bereits Gerüchte kursieren. Vermutlich würde sie am Dienstag in der zweiten Stunde, spätestens in der ersten am Mittwoch wissen, was die Schüler alles über sie herausgefunden hatten.
Trotz allem würde sie sich morgen bei Dial Montgomery melden und sich bedanken und sobald wie möglich auch bei Sheriff Ross, obwohl er sicherlich so tun würde, als hätte er seine Hände nicht im Spiel gehabt. Sie hatte eine feste Stelle in Dallas oder Fort Worth gesucht, weil Austin, selbst mit Dials Rückendeckung, für sie nach wie vor tabu war, und sich eigentlich schon darauf eingestellt, bis zum Ende des Jahres in Arlington ein paar Aushilfsstunden zu geben und dann nach Virginia zurückzukehren. Murfee war ihre letzte Chance. Ihre Eltern warteten darauf, dass sie wieder nach Hause kam, und verstanden nicht, warum sie es nicht längst getan hatte. Dass sie in Texas geblieben war, hielten sie für unvernünftig.
Ungesund, das war das Wort, das ihr Vater immer wieder benutzte. Sie wollte lieber glauben, dass sie sich hier erholte.
Sie ging zu einem offenen Fenster und blickte über Murfee. Vor dem Hintergrund der dunkelgrau und violett gefärbten Berge, deren Namen sie nicht kannte, wirkte die Stadt winzig klein. Sie sah die Flutlichtmasten des schuleigenen Footballstadions, die hohen Pfosten eines Tores, und hörte das mit dem Wind an- und abschwellende Echo einer Trillerpfeife. Das Team trainierte sogar am Feiertag. Wie sie vermutete, war das verboten, aber wer würde sich hier draußen schon beschweren? Tanner hatte das Oktober-Match gegen Presidio und den Herbstjahrmarkt erwähnt und es hatte nach einer großen Sache geklungen – einer sehr großen Sache. Murfee war in jeder Hinsicht eine Kleinstadt. Schön, die Berge und der weite, graue Himmel erzeugten eine Illusion von Größe – eines unendlichen, mit nichts zu füllenden Raumes –, aber wenn man beides wegließ, war Murfee nicht anders als jedes x-beliebige Kaff in Virginia. Und deshalb war die Stadt für Anne zu klein – eines Tages musste ihre Vergangenheit sie hier einholen.
Vielleicht wäre keine Stadt jemals groß genug.
Im Grunde musste sie sich gar keine Gedanken machen, ob Tanner ihr eine feste Stelle anbot. Sie würde ein paar Monate hierbleiben, versuchen, ihr Leben in den Griff zu kriegen … sich selbst wiederfinden und weiterziehen, sobald man es ihr nahelegte.
Sich hier erholen.
Dial, der Einzige aus dem Kuratorium des Austin Independent School District, der sich nicht von ihr abgewandt hatte, hatte die traurige Geschichte von Sheriff Ross’ Frau erwähnt, als er Anne wegen der vakanten Stelle angerufen hatte. Auch Direktor Tanner hatte ein, zwei Andeutungen gemacht – als würde er ein Geheimnis ausplaudern, das er eigentlich nicht verraten durfte, aber doch mit Freuden teilte. Vielleicht hatte er gedacht, Anne würde es verstehen; als hätten sie und der Sheriff eine ähnliche Tragödie erlebt, was in Wahrheit nicht einmal ansatzweise stimmte.
Evelyn Ross war vor etwa einem Jahr verschwunden – ob sie mit einem anderen Mann durchgebrannt war, wusste niemand. Es war ein Skandal – wie alles, was sich in einer Kleinstadt abspielt. Die Frau war überall beliebt gewesen, sie hatte ehrenamtlich im Schulbüro ausgeholfen, Tickets für Football- und Basketballspiele verkauft und sich um dieses und jenes gekümmert. Ihr Sohn ging noch auf die Schule, in Annes neue Klasse.
Offenbar war er ein guter Schüler – wenigstens bis vor Kurzem. Am Wochenende hatte sie in den Notenbüchern von Ms Garner geblättert, die ältere Frau hatte sich anscheinend geweigert, die neuen computerbasierten Notenmodule zu verwenden, und stattdessen weiterhin die alten Whaley-Notenbücher benutzt. Die ordentlich sortierten Bücher, die mindestens die letzten zehn Jahre umfassten, waren mit ihrer kleinen, akkuraten Handschrift vollgeschrieben.
Tancy Garner hatte den Sohn der Vermissten in den letzten beiden Jahren in Englisch unterrichtet. Und obwohl im neuen Schuljahr noch nicht viele Noten verteilt worden waren, erkannte man doch schon ein Muster. Die Stadt mochte sich von dem Skandal erholt haben, aber Anne war sich ziemlich sicher, dass Caleb Ross den Verlust seiner Mutter noch nicht verkraftet hatte.
Wie kam eine Mutter auf die Idee, einfach abzuhauen und ihren Sohn im Stich zu lassen? Geschichten wie diese hatte Anne natürlich schon gehört, aber richtig begreifen konnte sie es nicht. Was musste Schlimmes passieren, dass eine Mutter bei Nacht und Nebel davonlief und alles zurückließ?
Vielleicht hatte die wilde, abgelegene Gegend am Rand dieser Leere etwas an sich, das einen auf solche Ideen brachte?
Der Oktoberwind fuhr ihr durch die Haare, brannte in ihren Augen. Sie schaute zu den Bergen hin, weit entfernt und doch nah. Ihre Namen kannte sie nicht, wusste nicht einmal, ob sie noch in Texas lagen oder schon in Mexiko. Marc hatte sie als »Geografie-Legasthenikerin« bezeichnet und über den kaputten Kompass in ihrem Kopf gelacht – über ihre Unfähigkeit, sich Wegbeschreibungen oder die Hauptstädte der Bundesstaaten zu merken, über ihre Schwierigkeiten beim Lesen von Landkarten. Einmal hatte er ihr sogar ein teures, idiotensicheres GPS-Gerät gekauft, aber sie wusste – natürlich – nicht mehr, wo es jetzt war.
Wie so vieles in ihrem Leben hatte sie es irgendwo zurückgelassen.
Obwohl sie nicht begriff, wie man sein eigenes Kind im Stich lassen konnte, verstand sie das mit dem Weglaufen nur allzu gut. So gut, dass es wehtat.
Ein scharfer Schmerz, wie wenn man sich an Papier schneidet. So wie jetzt und jedes Mal, wenn sie an Marc dachte. Sie kannte das überwältigende Bedürfnis, einfach wegzulaufen; alles, was man nicht mehr reparieren konnte, hinter sich zu lassen; ins wilde Dunkel zu rennen und sich darin zu verlieren, bis sich der Sturm gelegt hatte. Sofern er es denn jemals tat.
Dieses Gefühl kannte sie nur zu gut. Aber sie würde das Beste aus ihrer Zeit hier machen. Auch wenn sie ihr altes Leben nicht würde abstreifen können, in Murfee konnte sie sich immerhin in die Arbeit stürzen oder es wenigstens versuchen. Das war alles, was ihr geblieben war. Sie trat vom Fenster weg, ging zum Schreibtisch zurück und räumte die Sachen der Toten weg.
Jemandem wehzutun, war leicht, viel zu leicht.
Aber sich zurückzuhalten? Keine Gewalt anzuwenden? Tja, das war verdammt hart … wie ein Kreuz aus Klingen und Nägeln, zum Tragen zu schwer, zu scharf. Sie verstand das nicht. Noch nicht. Aber sie würde es lernen, obwohl er jetzt gerade – in diesem Scheißmoment – nicht mal mehr ihren Namen wusste. Er kreiste irgendwo herum, war nicht zu greifen. Doch bald würde er das Reden sowieso seinen Händen überlassen.
Mit kleinen Botschaften hatte er angefangen. Seine Nachrichten waren erst nett gewesen, aber schnell hässlich geworden. Dann die Fotos: der Wind in den Bäumen hinter dem Haus seines Dads, die Sonne über den Chisos, rot wie die Hölle, seine Knarre im Schatten auf der Küchenablage. Sogar ein aufgeplatztes Kaninchen, das am Straßenrand verrottete, ein totes, glasiges Auge starr auf die Kamera in seinem Handy gerichtet. Warum er ihr das alles geschickt hatte und was die Bilder bedeuten sollten, hätte er nicht sagen können. Bei den meisten konnte er sich nicht mal daran erinnern, dass er sie verschickt hatte.
Er hatte mitgekriegt, wie die kleine Mex langsam erwachsen wurde, aber richtig gesehen hatte er sie erst, als sie vorm Mancha’s an einer Dr Pepper genuckelt hatte. Vielleicht war es keine Dr Pepper gewesen und womöglich hatte sie ihm auch nicht zugezwinkert, aber dort hatte sie gestanden: dunkle Haare, dunkle Haut … dunkler Mund, der einen Strohhalm küsste. Bis diese schmutzigen Träume von ihr anfingen, war ihm nicht mal klar gewesen, wie sehr er auf sie abfuhr. Jetzt träumte er schon sehr, sehr lange von ihr.
Und nun war er endlich in ihrem Zimmer, zum ersten Mal, mit der einen Hand hielt er die Uniformhose, mit der anderen seinen gottverdammten Schwanz – verlegen, weil er schlaff war und nicht funktionierte, obwohl er ihn ihr schon so lange hatte zeigen wollen. Vielleicht hatte er ihr mal ein Foto von seinem Schwanz geschickt, erinnern konnte er sich nicht. Anfassen würde er sie nicht, noch nicht, nicht heute, denn wenn er einmal damit anfing, würde er nicht mehr aufhören können, also besser gar nicht erst anfangen. Sie hatte ja keine Ahnung, wie sehr er sich zurückhielt. Aber verdammt, sie würde ihn ganz sicher nicht anfassen, nicht freiwillig, also stand er nur da, mit halb heruntergelassener Hose, und nichts klappte so, wie er es wollte, wie er es geträumt hatte. Er war zu abgelenkt, musste ständig zu seinem Funkgerät auf dem Nachttisch gucken, wo es aufrecht neben einem Stapel Bücher und ihrem Handy stand. Aufrechter als sein Schwanz, verdammte Scheiße.
Ihr Scheißhandy lenkte ihn ab. Oh, wie gern er unter die knallpinke Hülle geschaut hätte, um rauszukriegen, ob sie seine Nachrichten und Fotos speicherte und mit wem sie sonst so telefonierte – um in ihren schmutzigen Geheimnissen zu schnüffeln und sicherzugehen, dass sie nichts von ihm aufbewahrte. Sie durfte mit niemandem über ihn reden. Es gab ihn nicht. Er war der Rauch, der Staub, der Wind in den Fotos, die er ihr geschickt hatte – war die Leere. Er hatte ihr gesagt, was passieren würde, falls sie irgendwas rumerzählte, und war sich verdammt sicher, dass sie die Botschaft verstanden hatte, weil er nämlich was Scharfes an ihr Auge gehalten, eine Patronenhülse in ihre Schultasche gesteckt, ihr ein Foto vom Blut eines anderen geschickt hatte. Er konnte sich nicht mehr erinnern, was genau er davon getan hatte, womöglich alles drei.
Nein … wenn er ihr Handy checkte, dann gar nicht mal ihretwegen, sondern seinetwegen – vielleicht würde er sich dann wieder erinnern, mehr nicht. In letzter Zeit war es richtig schlimm geworden, er vergaß so vieles. Wie Brandlöcher in einer Zeitung, wo eigentlich Wörter hätten stehen sollen. Sein Dad Jamison Dupree hatte sich mit Zigaretten und Brandlöchern ganz gut ausgekannt. Noch heute hatte Duane auf seinen Armen und seinem Rücken die Narben. Die Vergesslichkeit war durch das Crystal, das er sich reinzog, schlimmer geworden, und wenn der Judge davon Wind bekam – tja, dann würde er die Hundepisse aus Duane rausprügeln, deshalb behielt er das dreckige kleine Geheimnis für sich.
Er mochte das Crystal, oh, ja, Sir, und wie … yessir, yessir, drei Tütchen, Sir. Duane stand darauf, dass es alles schneller und gleichzeitig langsamer machte. Dass es ihn schärfte, als wäre er eine blanke Klinge und würde die Luft beim Gehen schneiden und bluten lassen, dass er dadurch Dinge sah, die gar nicht da waren … dass er durch die Dinge hindurchsehen konnte.
Einmal hatte er auf seinem Stück Land einen räudigen grauen Wolf gesichtet und jetzt war er überzeugt, dass er vom Crystal die Augen eines Wolfs bekam. Er hatte schon Angst, die Leute würden sie im Dunkeln glühen sehen, wenn sich das Licht von seinem Armaturenbrett oder das der entgegenkommenden Autos auf dem Highway 67 in ihnen spiegelte.
Eigentlich ging es nicht mehr darum, dass er das Crystal mochte, er brauchte es verdammt noch mal. Weil er sich nach der geschärften Haut und den Wolfsaugen sehnte, die ihn beschützten, wenn er wach war, was er inzwischen fast immer war, denn er schlief kaum noch oder falls doch, erinnerte er sich hinterher nicht mehr daran. Sein Dad hatte immer behauptet, es läge an dem Comanche- oder Mescalero-Blut in ihren Adern, die Schwäche für Alkohol sei das Geburtsrecht der Duprees … Sie konnten nichts dagegen tun. Und es war nur zu Duanes Bestem, dass sein Dad mit dem süßlich stinkenden Four-Roses-Atem die Lucky Strikes auf seiner Haut ausdrückte und ihm mal flüsternd, mal schreiend einbläute, bloß nicht zur Flasche zu greifen wie er selbst, weil Duane sie sonst womöglich nie wieder absetzen konnte.
Und Duane hatte auf Jamison Dupree gehört. Tat es immer noch, weil er, schon bevor das Crystal ihn mit seinen knöchernen Händen gepackt und ähnlich verbrannt hatte wie die Zigaretten seines Dads früher, von der längst verstummten Stimme seines Dads geträumt hatte. Manchmal nicht nur von der Stimme, sondern von dem ganzen Mann – fast verrottet, stand er dann neben Duane und grinste wie ein Blitz in der Dunkelheit. Wenigstens seinen Bedürfnissen blieb Duane treu. Sie lagen ihm schließlich im Blut.
Dann war er fertig, ohne es richtig gemerkt zu haben … hatte vergessen, dass sie da war. Sie starrte ihn an, wartete darauf, dass er ging, irgendwas tat. Er zerrte an seiner Hose, konzentrierte sich auf die Wand, auf ihre Poster und Bilder … die Zeitschriftenfotos von Orten, wo sie niemals hinkommen würde, weil er es nicht zulassen würde. Heute war keine Schule, aber ihr Dad war bei der Arbeit oder auf ein kaltes Bier im Mancha’s. Vielleicht hatte Duane gedroht, ihren Dad oder ihre Mum oder beide umzubringen. So was in der Art hatte er zu ihr gesagt. Dann dämmerte es ihm, langsam wie ein Wels, der im schlammigen Wasser auftaucht, warum er sich nicht auf das in seiner Hand hatte konzentrieren können. Schuld war nicht ihr Handy, sondern sein Funkgerät, schwarz und glatt, und die nicht zu erklärende Gewissheit, dass es jeden Moment angehen und ihn rufen würde.
Schön, er vergaß ein paar Dinge, keine Frage, aber das kam nur daher, dass er jetzt andere Dinge wusste. Komische Dinge, die er eigentlich gar nicht wissen konnte. Er testete sich selbst. Versuchte zu erraten, welche Farbe das nächste vorbeifahrende Auto hatte oder welchen Schwachsinn ihm irgendein Trottel als Nächstes erzählen würde. Und er wusste, wann sein toter Dad im Schatten auf der Veranda auf ihn wartete … ihn anglotzte aus Augen wie harte, weiße Steine und die Luft unter dem Seifenbaum und den Eichen mit seinem Gestank nach Four Roses und toter Haut verpestete.
Jetzt wusste er alle möglichen Dinge, manche waren nützlich, andere nicht: Geheimnisse und Rätsel, ein bisschen wie Hellseherei. Eine neue Gabe – ein fairer Tausch für alles, was er vergaß. In diesem Moment wusste er zum Beispiel, dass sein Funkgerät gleich nach ihm rufen würde. Vielleicht lag es an seinem Blut, seinen Wolfsaugen oder am Crystal. Vielleicht bildete er sich alles nur ein. Oder, und das war am wahrscheinlichsten: Er wurde langsam verrückt.
Misstrauisch wie ein getretener Hund beobachtete sie ihn von der anderen Seite des Zimmers. Sie trug T-Shirt und Jogginghose mit dem Logo der Big Bend Central und hatte sich, weil es ziemlich früh am Morgen war, noch nicht geschminkt oder gekämmt. Aber er liebte ihre dunkle Haut, die ihn an diese dämmrigen Momente erinnerte, wenn der Wüstenhimmel von den Strahlen der untergehenden Sonne durchzogen war und lange Schatten über den Boden wanderten, kurz bevor die Chance am größten war, dass sein Dad unter den Blättern der Eiche auftauchte.
Er hätte ihr befehlen können, sich neben ihn zu setzen, seine Hand zu halten und Sachen zu sagen, die sie nicht sagen wollte. Aber er war nicht in der Stimmung. Nicht mehr. Sie zu ärgern, war so, als würde er einen getretenen Hund piesacken und manchmal biss auch ein geprügelter Köter zu. Oder kläffte wenigstens. Duane grinste, lachte in sich rein. Und machte die Hose zu.
»Vete a la mierda«, zischte sie. Tough, auch wenn er nicht genau wusste, was es bedeutete. Vielleicht hatte sie den Spruch von ihrem Bruder gelernt, nur war der nie tough gewesen. Sie verschränkte die Arme. Ihr zu sagen, sie solle die hübsche Fresse halten, wäre nur Zeitverschwendung. Seine Drohungen hatten sich schon in ihre Augen eingebrannt … all die Sachen, die er ihr antun würde, die entsetzliche Wirklichkeit, die er ihr in seinen Fotos gezeigt hatte und die so anders war als die Welt in ihren Zeitschriften.
Sie zuckten beide zusammen, als das Funkgerät anging und Miss Maisie aus der Zentrale seinen Namen rief. Er langte danach, musste lächeln. Es war genauso gekommen, wie er vorhergesehen hatte. Das Mädchen schlich im Bogen um Chief Deputy Duane Dupree herum. Er zog die Lippen zurück, bleckte die Zähne zu einem breiten Grinsen, ließ seine Wolfsaugen leuchten. Zeigte sie ihr und fragte sich, ob auch seine Zähne scharf aussahen.
Bevor er das Zimmer verließ, hatten sie gehört, wie Miss Maisie über Funk von irgendeinem Vorfall auf der Indian Bluffs erzählte. Eine Leiche? Das war es, was sie gesagt hatte.
Indian Bluffs war die Ranch von Matty Bulger, weit draußen, in der Nähe der Chapel Mesa und verdammt nah an Mexiko. Dahinter lag nur noch die Far Six und dort wurde seit Jahren nicht mehr gearbeitet, wenigstens nicht mit Vieh, obwohl Duane genau wusste, was dort vor sich ging. Offenbar hatte Bulger auf der Kalkkruste eine halb verrottete Leiche gefunden und das Department verständigt. Chris Cherry hatte auf den Funkruf reagiert, war jetzt vor Ort und vermasselte todsicher alles.
Eine Leiche.
Duane wusste, dass ihm das was sagen sollte, aber wie bei so vielem hatte er vergessen, was es sein konnte.
Sie hasste hier fast alles, am meisten aber den Geruch. Die feuchtwarmen, üblen Ausdünstungen von Kühen – der beißende Gestank von Kuhscheiße. Er war überall, hing in der Luft, kroch in ihr Essen; manchmal träumte sie sogar davon. Er erinnerte sie zu sehr an die Ölfelder, an brennendes Gas und rostiges Metall. Chris behauptete, das wäre alles nur in ihrem Kopf, und vielleicht hatte er recht. Dieser Ort hatte sich in ihrem Kopf eingenistet, hielt sie als Geisel.
Mel zog an der Zigarette, versuchte, sämtlichen Rauch zu inhalieren, aber auch das vertrieb die Kuhscheiße nicht. Die Zigaretten waren ihr Geheimnis, sie versteckte sie im Haus wie ein Pirat seine Schätze, obwohl Chris vermutlich Bescheid wusste. Er musste sie an ihr gerochen haben und ignorierte sie wie den Gestank der Kuhscheiße, weil er wohl fand, sie seien keinen Streit wert. Seit sie hergekommen waren, in sein altes Zuhause in Murfee, war vieles keinen Streit mehr wert.
Aber jetzt das … diese Leiche. Ihretwegen war Chris aufgedreht wie schon lange nicht mehr. Er war begeistert, weil er Detektiv spielen durfte, wollte Mel überzeugen, dass es nicht nur irgendeine Leiche war, nicht nur ein weiterer Illegaler, der seinen Arsch über den vertrockneten Boden geschleppt hatte und dabei umgekommen war. Offenbar fand man hier in der Gegend ständig tote Mexikaner. War es das, was auch den Leuten zustieß, die hier wegwollten? War es das, was sie in Wahrheit die ganze Zeit roch – die Toten, die es nicht geschafft hatten? Nein, für Chris war dieser Mensch nicht einfach nur gestorben, er glaubte an Mord. Und aus irgendeinem Grund machte das für ihn einen gewaltigen Unterschied.
Mel fischte die nächste Zigarette aus der Schachtel, betrachtete den abgeblätterten Lack auf ihren Nägeln und stieß die Verandaschaukel mit einem nackten, blassen Fuß an. Chris’ Dad hatte die Schaukel selbst gebaut, in dem Jahr, bevor Chris’ Mom an Krebs gestorben war. Zusammengehalten wurde sie mit groben Nägeln, die Kissen waren ausgeblichen und fadenscheinig, ihr Blumenmuster erinnerte an Blutflecken. Mel schaute auf die Kerben, die Chris im Lauf der Jahre mit dem Taschenmesser ins Holz gekratzt hatte. Sie sah es fast vor sich, wie er hier draußen gesessen, gegrübelt und geschnitzt hatte. Und davor seine Mom, sterbenskrank und eingewickelt in Decken, die jetzt auf ihrem gemeinsamen Bett lagen. Als sie nach Murfee gezogen waren, war sein Dad ebenfalls tot gewesen und das abbezahlte Haus gehörte nun Chris.
Es war klein und sonnenverbrannt, mit abgeplatzter Farbe und einem großen Garten. Drinnen standen überall Kisten mit den alten Büchern seines Dads, ihr staubiger, muffiger Geruch nicht viel besser als die Kuhscheiße. Man musste sehr viel Arbeit ins Haus stecken und Chris war schon seit Monaten zugange, besserte hier und da was aus, ohne Plan oder größere Fortschritte. Er hatte ihr einen Pool versprochen, doch davon war nichts zu sehen. Der Garten war nur eine platte grüne Fläche, drum herum verzogene Zaunpfähle und überraschend hohe, moderne Lampen. Richtige Flutlichter, die hoch über dem Rasen aufragten, um den sich Chris tatsächlich kümmerte. Er mähte das Gras, das aber immer weich und smaragdgrün blieb. Es sah kalt aus, wie angemalt, unecht – und ließ sie noch mehr an den Pool denken, den sie nicht hatte. Aber wenigstens das konnte sie nachvollziehen. Chris hatte mal erwähnt, dass er und sein Dad sich hier draußen immer Footbälle zugeworfen hatten. Sie hatten so viel Platz gebraucht, weil Chris diesen verdammt guten Arm hatte, jeder Wurf wie eine Rakete, und sein Dad hatte die Lampen aufgestellt, damit sie auch abends werfen konnten – hin und her, hin und her – quer über den grünen Rasen.
Seine Mom hatte ihnen von der Veranda aus zugeguckt, von dieser Schaukel. Melissa verbrachte inzwischen mehr Zeit auf der Schaukel als im Haus. Die Veranda, die Schaukel, das war jetzt ihr Reich, hier konnte sie heimlich rauchen und zuschauen, wie sich der Rauch auflöste – wie er mit dem Wind aufstieg, sich darin drehte und an den Bäumen vorbei über die Berge entwischte.
Bloß weg von hier.
Ein großer, massiger Junge – so war Chris nach Baylor gekommen; wegen seines Kanonenarms hatte er ein Stipendium für die Uni bekommen, aber dass er tatsächlich spielen würde, hatte niemand erwartet, am wenigstens er selbst, und es hatte ihn nicht gekratzt.
Sie war ein bisschen älter als er, belegte aber noch Kurse, weil sie so einen Grund hatte, in Waco zu bleiben. Außerdem arbeitete sie stundenweise im Institut für Sportwissenschaft und ging mit dem einen oder anderen Co-Trainer ins Bett. Einer von ihnen war verheiratet, was einen Skandal auslöste, und die Scheiße war erst zu Ende, nachdem seine Frau spät nachts bei Mel angerufen hatte. Die Frau hatte nicht geschrien, sie nicht beschimpft, ihr nicht gedroht. Nur geweint hatte sie und unter Tränen und Schluchzen gefragt, warum Mel sich an etwas festhielt, das ihr nicht gehörte und nie gehört hatte.
Mel hätte am liebsten erwidert, dass die Schule ihr hätte gehören sollen und Waco wahrscheinlich das Einzige war, woran sie sich festhalten konnte – ihre Möglichkeit, Spindletop und Goose Creek und Spraberry Trend und all den anderen stinkenden Ölfeldern, zu denen ihr Dad sie mitgeschleift hatte, zu entkommen, obwohl sie bisher weder ihnen noch ihm richtig entkommen war. Dass ihr Scheißdad tausend Gründe für sein Gesaufe gefunden hatte: Stress und Rückenschmerzen, Kränkungen und alte Wunden, die niemand sehen konnte und die nie verheilten. Und dass sie viel zu viele Nächte damit verbracht hatte, sich um seine Verletzungen, die echten und eingebildeten, zu kümmern; dass sie noch Stunden, nachdem er besoffen oder halb bewusstlos geprügelt eingeschlafen war, neben ihm gesessen, das unregelmäßige Heben und Senken seines Brustkorbs beobachtet und gebetet hatte, dass er niemals aufhörte zu atmen, damit sie nicht ganz allein dastand – und manchmal auch für das Gegenteil.
Das alles und noch viel mehr hätte sie gern zu der traurigen Stimme am Telefon gesagt, die die Frechheit besaß, ihr beschissenes Leben infrage zu stellen. Stattdessen hatte sie einfach abgewartet, bis die andere sich ausgeheult hatte, und das Telefon über eine Stunde ans Ohr gepresst und zugehört, weil sie wusste, dass sie es sich zu Ende anhören musste, dass sie der Stimme – der anderen Frau – wenigstens das schuldig war … bis die Frau dann einfach aufgelegt hatte.
Danach hatte Mel noch eine Stunde mit dem Handy im Dunkeln gesessen. Vor Sonnenaufgang hatte sie die Nummer des Co-Trainers gelöscht und, weil das noch nicht reichte, das Handy einfach in den Müll geworfen.
Ihr Dad hatte immer gesagt: Wenn es keinem fehlt, isses kein Klauen. Aber das war es trotzdem … immer.
Dann kam Chris Cherry. Schon in seinem ersten Jahr auf dem Campus – als sie längst den Abschluss hätte machen und weiterziehen sollen – fiel er ihr auf, weil er mindestens so oft mit einem Stapel Bücher herumlief wie mit einem Football. Während er sich allmählich von groß und massig in groß und stark verwandelte, wechselten sie kaum mehr als ein Hallo miteinander. Das College meißelte alles Überflüssige an ihm weg, auch wenn es ihm selbst nie auffiel. Er stand an der Seitenlinie des Spielfelds, in der Hand ein Klemmbrett, in dem, wie sie später herausfand, keine Spiel-, sondern Arbeitsblätter steckten. Das Footballtraining fiel ihm leicht und die Kurse machten ihm richtig Spaß.
Er war smart und kam wie ein echter Gentleman rüber. Wenn sie sich über den Weg liefen, waren seine Bewegungen langsam und vorsichtig, als hätte er Angst, sie zu zerbrechen. Für einen so großen Kerl war er erstaunlich schüchtern und als sie sich dann immer häufiger unterhielten, hatte sie das Gefühl, für zwei reden zu müssen. Aber er hatte ein Talent, auch ohne viele Worte viel zu sagen, und war ein guter, fast schon zu aufmerksamer Zuhörer. Mit seinen Büchern war es ähnlich, manchmal verlor er sich stundenlang in ihnen, und obwohl sie sich meistens in der Nähe des Trainingsplatzes oder des Instituts sahen, redete er mit ihr fast nie über Football oder die Mannschaft.
Damals hatte sie sich gefragt, ob das Spiel für ihn nicht auch nur eine Möglichkeit war, irgendwo rauszukommen.
Vermutlich wäre er aber nie über die Seitenlinie rausgekommen, hätte Tyler McGee nicht zwei Tage vor dem Auftaktspiel gegen Wofford ein Schnapsglas auf dem Kopf seiner Freundin zertrümmert. Tyler war nicht mal erste Wahl gewesen, sondern nur Ersatzmann für Bill Pressey. Weil Billy aber wegen einer Blinddarmentzündung ausfiel und Tyler in die Mannschaft geholt wurde, wollte er das mit einer Kneipentour feiern, bei der er dann zwei, drei Kurze zu viel trank und seiner Freundin Dominique gegenüber handgreiflich wurde.
Vielleicht hätte man die hässliche Geschichte unter den Teppich gekehrt und ihn trotzdem spielen lassen, wären da nicht die Stiche gewesen. Nicht die fünfzehn, die nötig waren, um das Loch in Dominiques Kopf zu schließen, nein, es waren die sechs winzigen Stiche in Tylers Wurfhand, die er sich am Tresen aufgeschlagen hatte.
Blieb also nur noch Chris … Chris, der, die Augen unter dem Helm versteckt, zum dröhnenden »Old Fite« vor fünfzigtausend Zuschauern ins Floyd Casey Stadium marschierte.
Monate später, als sie in Mels Bett lagen, gestand Chris, seine Hände hätten so sehr gezittert, dass er sie gefaltet hielt, als würde er beten, was in gewisser Hinsicht auch stimmte.
Trotzdem ging es da nur gegen Wofford. Es war das erste Spiel der neuen Saison und sobald ernste Gegner kamen, würden die Bears wieder Tyler oder Billy ins Team holen. Chris musste nur einen kühlen Kopf bewahren und keinen Fehler machen, dann würden die Defense und die Runningbacks das Spiel schon für ihn gewinnen. Aber die Strategie platzte mit dem ersten Fumble, dem ersten geblockten Punt und dem langen Lauf eines Wofford-Backs, der bisher in keinem Spiel mehr als achtzig Yards geschafft hatte. Als er zum zweiten Viertel aufs Spielfeld rausging, das hatte Chris ihr erzählt, hatte er nicht an seine Spiele für die BBC gedacht – an all die gewonnenen Highschool-Matches –, sondern nur daran, wie es sich anfühlte, hier zu sein, im Garten hinter dem Haus, wenn ihn sein Dad mit einem »Lass krachen« anfeuerte und sie beide zuschauten, wie hoch und weit er werfen konnte.
In der letzten Hälfte gegen Wofford tat er genau das: es krachen lassen. Und fünfzigtausend Fans schauten zu, wie hoch und weit Chris Cherry werfen konnte.
In der folgenden Woche beim Spiel gegen Louisiana-Monroe war er von Anfang an dabei und auch bei dem gegen Iowa State. Zwei Tage später kam Chris nach dem Training zu ihr und fragte, ob sie mal mit ihm ausgehen würde. Die Haare noch nass vom Duschen, eine Schramme über der Stirn, wirkte er so ernst, süß und unbeholfen, dass sie beinahe gelacht hätte.
Stattdessen fragte sie ihn, warum er so verdammt lange gebraucht hatte.
Seitdem waren sie ein Paar.
