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Im mexikanischen Grenzgebiet wird am helllichten Tag ein BUs mit protestierenden Studenten beschossen. Eine Gewalttat, die dem Nemesio-Kartell angelastet wird. Doch der alternde Anführer, Fox Uno, sieht den Angriff als das, was er ist: ein weiteres Störfeuer im lang andauernden Kampf mit ein rivalisierendes Kartell. Auf der anderen Seite des Rio Grande werden Sheriff Chris Cherry und seine Hilfssheriffs America Reynosa und Danny Ford in den eskalierenden Krieg hineingezogen, nachdem fünf tote Männer am Flussufer gefunden wurden. Als der DEA-Agent Joe Garrison aus El Paso im Rahmen seiner Ermittlungen nach Big Bend kommt, ist er nicht bereit, den Rückzug oder die Niederlage des Kartellführers zu akzeptieren. Er hegt nicht nur den Verdacht, dass eine hochkarätige Drogen-Sondereinheit in einem benachbarten Bezirk korrupt ist, sondern auch Zweifel an der Loyalität Reynosas. In Big Bend kommt es zu einem erbarmungslosen Showdown, der über die Zukunft von America Reynosa entscheidet.
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Seitenzahl: 603
Veröffentlichungsjahr: 2025
J. Todd Scott
Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke
Herausgegeben von Wolfgang Franßen
Polar Verlag
Originaltitel: This Side of Night
Copyright: © 2019 by Jeffrey Todd Scott
All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.
This edition published by arrangement with G.P. Putnam’s Sons, an imprint of Penguin Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2025
Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke
Mit einem Nachwort von Ulrich Noller © 2025
© 2025 Polar Verlag e.K.
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Lektorat: Tobias Schumacher-Hernandéz
Korrektorat: Andreas März
Umschlaggestaltung: Robert Neth / Britta Kuhlmann
Coverfoto: © kellyvandellen / Adobe Stock
Autorenfoto: © J. Todd Scott
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
Druck und Bindung: CPI Books GmbH, Ulm, Deutschland
ISBN: 978-3-910918-20-7
eISBN: 978-3-910918-21-4
Für Mom und Dad
Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.
Prolog: NOCHE
I
II
Erster Teil: RÍO BRAVO
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Zweiter Teil: NARCOMANTA
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Dritter Teil: TEJAS
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Vierter Teil: BAJADORES
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Epilog: DÍA
I
II
III
IV
V
VI
VII
Anmerkungen des Autors
Dank
Lagebild in Noir
Lo malo de la muerte no ha de ser más que la primera noche.
Die erste Nacht muss das einzig Schlimme am Tod sein.
Juan Ramón Jiménez
Chayo & Neva
Die Männer würden sie alle töten, das wusste Chayo, als sie Castel mitten ins Gesicht schossen.
Castel hatte gerade sein schmutziges T-Shirt ausgezogen, wedelte damit über seinem rasierten Schädel herum und rief, sie seien Normalistas und unbewaffnet, als der Schuss fiel. Ein schrilles, durchdringendes Geräusch, wie Chayo es noch nie gehört hatte.
Ähnlich einer Kirchenglocke.
Castel guckte überrascht und blickte im Zusammensacken zum Himmel hoch.
Wenige Sekunden davor war er aus dem Bus gestiegen, hinein ins gleißende Scheinwerferlicht des Polizeiwagens, der ihnen den Weg versperrte. Chayo hatte gedacht, wie blass Castel in dem Licht aussah, seine Haut glatt und makellos und glänzend wie ein neuer Peso. Und wie klein und dünn er war, obwohl er drei Jahre älter war als Chayo und bald seinen Abschluss machen wollte. Beim Schreien war ihm die Brille verrutscht, eine dicke, alte Opa-Brille, deren Gläser so glänzten wie seine Haut und in denen sich alles und nichts spiegelte, denn hinter dem Kreis aus Scheinwerferlicht lag die Kreuzung – die ganze Welt – im Schatten. Und in diesem Schatten waren die Männer, die sie umzingelten, nur zu erahnen.
Als würde die Nacht schwitzen und nach Luft ringen: schwarze Lungen und ein offener, alles verschlingender Mund.
Chayo nahm wahr, dass einige der Männer dort im Dunklen Uniform trugen, alle hatten sich, aus Angst oder Scham, Bandanas über Mund und Nase gezogen und waren im Gegensatz zu den Normalistas bewaffnet.
Inzwischen schrien alle durcheinander und stießen Drohungen aus. Die Polizisten oder die Männer, die so taten, als wären sie welche, und die Studenten, die in den Bussen in der Falle saßen.
An der nächsten Kreuzung, so weit entfernt wie der Mond, blinkte eine rote Lampe.
An und aus, an und aus.
Im Rhythmus eines Herzschlags.
Der Busfahrer hatte nach dem Auftauchen des Wagens beruhigend auf die Studenten eingeredet, doch Chayo, Castel und ein paar von den Älteren – Ernesto, Iker, Juan Pablo – waren wütend aufgesprungen und wollten aus dem Bus steigen, um die vermeintlichen Polizisten dazu zu bewegen, den Weg freizumachen. Doch Neva hatte ihn zurückgehalten. »Bitte nicht«, hatte sie ihm zugeflüstert. Und als er in diese Augen geblickt hatte, die seit Wochen dafür sorgten, dass sein Herz einen Schlag aussetzte und ihm die Zunge buchstäblich am Gaumen klebte, da hatte er sich wieder hingesetzt.
Um Nevas willen … um ihrer beider willen.
Und er war nicht der Einzige. Denn Iker – das runde pockennarbige Gesicht fest an die Scheibe gepresst – hatte gerufen, dass der Wagen leer sei. Verlassen. Der Fahrer hatte sich offenbar in die Dunkelheit davongeschlichen und den Wagen im Leerlauf an der Kreuzung stehenlassen.
Nur die Scheinwerfer brannten und glotzten ihnen blind entgegen.
Wie die Augen von Toten.
Während er Nevas Hand hielt und ihren Herzschlag in den Fingerkuppen spürte, glaubte Chayo fast, das Radio im leeren Wagen zu hören. Es redete mit sich selbst, Stimmen aus weiter Ferne. Weißes Rauschen. Gespenster, die sich in der warmen Nacht flüsternd von ihnen erzählten: von den zwei Busladungen Studenten, die in eine Falle geraten waren.
Und so war es am Ende nur Castel, der aus dem Bus stieg und sich dem Polizeiwagen entgegenstellte. Der den anderen, die im Bus geblieben waren und sich nun wieder hinsetzten, zurief:
»Keine Angst. Wir schieben das Auto einfach von der Straße!«
Castel, der noch in diesem Jahr in Chiquero eine Stelle als Lehrer antreten wollte und der so gern Navelina-Orangen aß.
Castel aus Meoqui, der später einmal Dichter werden wollte.
Castel, der nie auf andere hörte und sich für sein Leben gern stritt, wobei er lächelnd die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen entblößte.
Castel, der sein T-Shirt auszog und damit wild herumwedelte.
Wie ein Torero.
Castel … dessen Stimme viel zu kräftig war für seinen schmalen, nun entblößten Oberkörper.
Umgeben von Licht.
Ungeschützt.
»Wir sind unbewaffnet. Warum tun Sie das? Die Nacht macht Sie nicht unsichtbar! Wir können Sie sehen.«
Doch Chayo sah gar nichts. Es war zu dunkel. Die Nacht hatte sich in etwas Lebendiges verwandelt, mit schwarzen Lungen, einem rot blinkenden Herzen und einem heißen, aufgerissenen Mund.
Und …
Den Augen von Toten.
Die Nacht war lebendig und wollte sie verschlingen und verschwinden lassen.
Vielleicht hatte Chayo es auch nicht sehen wollen, denn Neva drückte ihr Gesicht in seine Armbeuge und drehte sich mit ihm weg …
… als die ersten Schüsse fielen.
Und so hatte Castel allein in dem Kegel aus Licht gestanden und in den Nachthimmel geschaut, auf der Suche nach der unheimlichen Kirchenglocke, die sie alle gehört hatten und die Chayo niemals vergessen würde.
Castel, der immer noch rief: »Keine Angst, Freunde. Es ist nichts. Sie schießen nur in die Luft.«
Aber das taten sie nicht.
Zwei Stunden zuvor waren sie in Ojinaga in die Busse gestiegen, nachdem sie die Fahrer überredet hatten, die fünfunddreißig Studenten der Escuela Normal Rural »Librado Rivera« nach Ciudad de Chihuahua zu bringen. So machten es die Studenten seit Gründung der Dorfschulen. Da es von Regierungsseite keine finanzielle Unterstützung gab, verhandelten die Normalistas – angehende Lehrkräfte für die ländlichen Gegenden Mexikos – mit den Busfahrern vor Ort und zahlten mit Essen, Unterbringung und dem bisschen Geld, das sie besaßen. Manche Fahrer waren leicht zu überreden, andere nicht, doch die Studenten waren auf die Busse angewiesen, wenn sie die abgelegenen Schulen, für die sie später zuständig wären, besuchen oder Besorgungen in der nächstgrößeren Stadt machen oder auf eine Demo gehen wollten. An diesem Tag waren sie auf dem Weg nach Ciudad de Chihuahua, um mit anderen Normalistas gegen die Staatskorruption auf die Straße zu gehen. Und im kommenden Herbst wären sie wieder auf die Busfahrer angewiesen, um nach Ciudad de México zu gelangen, wenn sich das Massaker von Tlatelolco jährte, bei dem im Jahr 1968 auf der Plaza de las Tres Culturas Sicherheitskräfte der Regierung das Feuer auf demonstrierende Studenten und Zivilisten eröffnet hatten. Zum Gedenken an die Toten würden sie singen, die Umrisse der Ermordeten mit Kreide auf den Boden zeichnen und über gemalten Friedenstauben Kunstblut vergießen.
Sie würden Transparente tragen und Protestlieder singen.
Chayo, der im ersten Jahr seiner Ausbildung stand, hatte mit Castel, Juan Pablo und Batista die Busse für die Fahrt nach Chihuahua organisiert. Den ersten hatten sie in der Calle Segunda aufgetrieben. Im Bus saß niemand, und der Fahrer war sehr entgegenkommend. Der große Mann hatte ein rundes, rotbackiges Gesicht wie die Orangen, die Castel so gern aß (deshalb verpasste Chayo ihm auch gleich den Spitznamen »Naranja«), und leerte zur selbst gemachten Empanada seiner Frau zwei warme Dosen Coke. Er lachte über Juan Pablos Witze und erzählte schlüpfrige Geschichten aus seiner eigenen Jugend, und sie mochten ihn auf Anhieb. Den zweiten Bus trieben sie in der Calle del Pacífico auf, doch war der Fahrer weit weniger aufgeschlossen. Im Bus saß bereits eine Handvoll zahlender Fahrgäste, einige alte Frauen und ein paar Teenager, kaum jünger als die Normalistas selbst. Der Busfahrer sagte, er müsse erst die Fahrgäste zur Haltestelle bringen und dann seinen Chef anrufen.
Vor einer derart langen Fahrt müsse er erst einmal einen Ersatzfahrer für seine Schicht organisieren und die Reifen checken lassen.
Witze erzählte er keine und er lachte auch nicht mit ihnen. Er war so dünn, wie der andere Fahrer dick war, hatte ein verkniffenes Gesicht (weshalb Chayo ihn »Limón« taufte) und schütteres Haar. Wie von einem Kind auf den Kopf gemalt, sahen die Haare aus, flüsterte Juan Pablo ihnen zu, und so sehr Chayo sich auch bemühte, ernst zu bleiben, er musste in das Gelächter seiner Freunde miteinstimmen. Doch dann warf der Fahrer ihnen einen bösen Blick zu, als würde er sich ihre Gesichter genau einprägen.
An der Endhaltestelle stieg Limón aus und redete mit einem Wachmann. Eine Stunde verging, doch niemand kam, um die Reifen zu checken. Stattdessen telefonierte Limón mehrmals mit seinem Handy, während er auf und ab lief und Zigaretten rauchte. Er telefonierte so lange, dass Chayo schon nervös wurde, kehrte dann aber zurück.
Als er wieder in den Bus stieg, lächelte er zum ersten und einzigen Mal. Er grinste breit und entblößte schmutzig gelbe Zähne, bevor er ihnen in Zeitlupe zunickte, als würden sie sich alle über einen von Juan Pablos Witzen amüsieren.
Nur hatte außer Limón keiner den Witz verstanden.
Und dann fuhren sie auf der staubigen Straße zu Batista, der im ersten Bus schon auf sie wartete.
Neva war Batistas jüngere Cousine und gehörte nicht zu den Normalistas.
Sie ging in Ojinaga auf die katholische Schule, hatte Chayo bei ihrer ersten Begegnung allerdings stolz verkündet, sie würde nicht an Gott glauben. Als sie es erzählte, lachte sie laut und wickelte sich einen Rosenkranz um die Hand. Sie würde nur an Gott glauben, wenn er etwas Gutes für sie tat, sagte sie, und bisher hätte er für sie nicht einen verfluchten Finger gekrümmt. Ob sie es ernst meinte, wusste Chayo nicht. Neva war zierlich und wie ein Vogel immerzu in Bewegung und musste über alles und jeden lachen. Im Jahr davor hatte sie zu ihrem Quince, ihrem fünfzehnten Geburtstag, ein iPhone geschenkt bekommen und liebte überhaupt alles, was aus Amerika kam: Musik von Popstars und Bands, deren Namen Chayo noch nie gehört hatte. Unentwegt redete sie über Fernsehsendungen und Filme, und Chayo versuchte dann, in Erfahrung zu bringen, worum es darin ging, weil er das, was ihr wichtig war, verstehen wollte, weil er sie verstehen wollte.
An den meisten Nachmittagen zog sie sich nach der Schule ein kurzes T-Shirt an und schminkte sich, bevor sie mit einer Wagenladung lachender und rauchender Mädchen vor der Schule auftauchte, angeblich um Batista zu besuchen und ihm was zu essen und andere Sachen zu bringen, aber dann redete sie jedes Mal auch mit Chayo, der sich in ihrer Gegenwart groß und klobig und unbeholfen fühlte, gerade so, als wäre er aus nicht zusammenpassenden Holzstücken und alten Nägeln gezimmert worden. Er wollte lustig sein wie ihre Freundinnen oder Juan Pablo, nur kannte er keine Witze und sagte oft einfach gar nichts.
Sondern grinste nur wie ein Vollidiot, während sie ihn mit dem Rauch ihrer Zigarette einhüllte und ihm die Melodien ihrer Lieblingslieder vorsummte.
Einmal waren sie in der Nähe der Schule spazieren gegangen, auf dem Weg neben den Feldern, die die Normalistas mühsam angelegt hatten. Für jedes Lied, das Neva gesungen hatte, hatte er ihr eine Pflanze, einen Baum oder eine Blume gezeigt: eine Dahlie, Lechuguilla oder Guayule. Einen Candelilla-Busch, die langen Schoten der Molina, die leuchtend roten Blüten des Ocotillo. Er zeigte ihr die s-förmigen Rillen, die eine Klapperschlange im Sand hinterlassen hatte, und erklärte ihr den Unterschied zwischen den Hufabdrücken von Maultierhirschen und Nabelschweinen. Vor vielen Jahren hätten Jaguare in der Gegend gejagt, erzählte er ihr, doch das war längst vorbei und niemand hatte hier jemals wieder eines der Tiere gesehen. Sie wollte wissen, aus welcher Gegend er stammte, und obwohl es ihm peinlich war, erzählte er es ihr – aus der Nähe von Blanco –, und als sie zugab, den Namen noch nie gehört zu haben, erwiderte er, das Dorf würde sowieso keiner kennen.
Sie hatte gelacht, obwohl er es gar nicht als Witz gemeint hatte, und ihr Lachen war das schönste Geräusch der Welt. Ganz kurz – einen Herzschlag lang – hatte sie sogar ihre Hand auf seinen Arm gelegt, um ihm zu zeigen, dass sie sich nicht über ihn lustig machte.
Es war das erste Mal, dass er ihre Finger auf seiner nackten Haut spürte, und obwohl er sich schämte, weil er von der Arbeit auf den Feldern so schmutzig war, zuckte er vor der Berührung nicht zurück, sondern ließ es geschehen, dass sich die Wärme ihrer Hand bis in seine Knochen ausbreitete. Selbst als Neva längst fort war, spürte er ihre Berührung noch – schwer und heiß und im selben Rhythmus schlagend wie sein Herz – was ihn gleichzeitig glücklich machte und besorgte, weil er Angst hatte, sie bis in alle Ewigkeit zu spüren.
Angst, dass das Gefühl niemals verschwinden oder – noch schlimmer – niemals wiederkommen würde.
Doch es war nicht nur die Berührung, sondern auch ihr Lächeln, als sie mit ihm geredet hatte, und ihr Gesicht, das sie ganz nah an seins gebracht hatte, als würde sie ihm ein Geheimnis anvertrauen, und ihre Stimme, als sie gesagt hatte, wie gut es ihr gefiel, dass er so ernst war. In diesem Moment hätte er ihr gern gesagt, wie schön sie war – das Schönste, was er jemals gesehen hatte –, doch da hatte sie ihre Hand schon wieder weggezogen und war über den sonnigen Pfad getanzt. Und hatte alle seine Wörter und Atemzüge und auch sein Herz mitgenommen.
Neva wollte die Welt nicht verändern, sie wollte aus ihr ausbrechen.
Immerzu redete sie davon, den Río Bravo zu überqueren und in die Estados Unidos zu gehen, wo sie Familie in Dallas oder Houston hatte (welche Stadt es war, konnte Chayo sich nie merken). In zwei Jahren wollte sie Ojinaga für immer den Rücken kehren, das hatte sie sich geschworen; dann wollte sie sich auf der anderen Seite des Flusses einen Job besorgen und sich die amerikanischen Bands anschauen, die sie so gern mochte, und in die Shops gehen, von denen sie gelesen hatte. In Mexiko etwas verändern zu wollen, hielt sie für so dumm, als wollte jemand einen Berg aus dem Weg räumen. Als Chayo erwiderte, einen Berg wegzuräumen sei durchaus möglich, man müsse nur einen Stein nach dem anderen abtragen, da entgegnete sie, ja, vielleicht, nur würde das eben verflucht lange dauern und sie hätte zu viele andere Sachen zu tun. Außerdem wären Steine spitz und schwer, und sie wollte sich nicht verletzen. Offenbar tat sie schon so lange so, als wäre ihr alles egal, dass sie es fast selbst glaubte. Doch Chayo merkte, dass es nicht stimmte. Sie hatte bloß Angst vor dem Preis, den man für Veränderungen zahlen musste. In den letzten Jahren hatte fast jeder einen geliebten Menschen verloren, wegen der Narcos und der um sich greifenden Korruption oder wegen der Regierung, die nichts unternahm. Jeder konnte davon eine Geschichte erzählen, es gab so viele wie die Lieder, die Neva so gern sang.
Und sie hatte natürlich recht, wenn sie nicht verletzt werden wollte.
Deshalb hatte es ihn auch so überrascht, als er bei Naranjas Bus ankam und Neva bei Batista und den anderen stehen sah. Zuerst glaubte er, sie wollte ihnen nur eine gute Fahrt wünschen, aber, nein, sie wollte mitkommen. Sie wollte selbst sehen, warum ihnen das Ganze so wichtig war, wollte Fotos mit ihrem iPhone machen und das Abenteuer mit ihren Freundinnen teilen. Und sie hatte ihr Gesicht wieder ganz nah an seins gebracht und geflüstert, vielleicht würde sie selbst auch den einen oder anderen etwas leichteren Stein abtragen. Ihre Augen hatten so klar und leuchtend ausgesehen, dass er sofort wusste, wenn es sein müsste, würde er sie bis Ciudad de Chihuahua und wieder zurück tragen. Und weil er es sich so sehr wünschte, dass sie mitkam, war er froh, dass es ihr sowieso niemand hätte ausreden können.
Lächelnd stieg sie in Naranjas Bus, und Chayo blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
»Keine Angst, Freunde. Es ist nichts. Sie schießen nur in die Luft.« Castel wedelte mit dem T-Shirt und wollte seine schiefe Brille zurechtrücken, als sein Gesicht sich auflöste.
Das sah Chayo klar und deutlich.
In einem Moment war es da, im nächsten fort, nur ein rötlicher Dunst hing noch in der Luft wie ein blutiger Fingerabdruck. Feine Glassplitter rieselten auf den Boden. Dann war Castel weg, hatte sich ganz und gar aufgelöst, als hätte es ihn nie gegeben. Die Nacht, die sie umzingelte, hatte ihn sich geholt, als wäre sie ein Jaguar und er die Beute. Juan Pablo schrie und zeigte auf den Fleck, wo Castel gestanden hatte, da flog eine Kugel durchs Fenster und bohrte sich in seine Kehle. Er schaute auf seine Hände, öffnete und schloss sie, als wollte er sich an etwas Unsichtbarem festhalten, und fiel dann nach hinten auf den Sitz. Blut schoss aus der Wunde und traf Iker im Gesicht, der losschrie und es wegzuwischen versuchte, doch die nächste Kugel riss ihm drei Finger ab. Plötzlich waren im Bus überall Kugeln: Sie kamen aus allen Richtungen wie dicke Käfer, die gegen eine Lampe knallen, und jede war so groß wie die Leopardenmotten, die Chayo als Kind in Marmeladengläsern gefangen hatte. Die Normalistas schrien und warfen sich Schutz suchend zwischen den Sitzreihen auf den Boden.
Der Fahrer Naranja stand auf, seine massige Gestalt verdeckte das Scheinwerferlicht des Polizeiwagens. Es sah aus, als würde er von innen leuchten und um seinen Kopf wäre ein Kreis aus Licht. Um einen Jungen zu beschützen, den Chayo kaum kannte, wedelte er mit seinen dicken Armen, als wollte er die Kugeln abwehren. Doch dann wurde der lustige und mutige Busfahrer ein, zwei, dreimal in Brust und Bauch getroffen, die Frontscheibe des Busses zersprang und verteilte ihre Scherben auf seinem stürzenden Körper.
Nur eine Stunde zuvor hatte er Empanada gegessen und mit ihnen gelacht.
Er ist unseretwegen gestorben.
Nein … nein … wir haben ihn umgebracht.
Limón hatte seinen Bus bereits verlassen, und der von Naranja stand nun eingekeilt zwischen den beiden anderen Fahrzeugen. Inzwischen wurden die Busse heftig beschossen, Kugeln prallten von der Blechhaut ab, heiße Funken tanzten in der Luft. Glas zersplitterte, Reifen platzten und keuchten dabei wie alte Menschen. Die Studenten krochen übereinander hinweg, flüchteten aus den Bussen, rannten über die Kreuzung. Einige hielten ihre Handys hoch, um jemanden anzurufen oder den Angriff zu filmen. Doch hatten die Handys die Wirkung von Leuchtsignalen, die im Schatten verborgenen Schützen benutzten sie als Orientierungspunkte, um die Flüchtenden auf der dunklen Straße abzuknallen.
Chayo sah, wie einer nach dem anderen zu Boden ging und die Handys über den Asphalt schlitterten.
In diesem Moment wurde ihm klar, dass die Männer jeden von ihnen jagen und töten würden. Was sie verbrochen haben sollten, wusste er nicht, aber nachdem die Schießerei angefangen hatte, konnte sie erst enden, wenn alle tot wären. Tot und verscharrt in einem Loch, aufeinandergestapelt und mit Sand oder Müll oder Scheiße bedeckt. Dafür würden die Männer sorgen.
Denn sie mussten ihr schändliches Verbrechen verbergen.
Die Nacht wäre erst vorbei, wenn sie jeden von ihnen verschlungen hätte.
Neva schrie seinen Namen und den von Batista, und dieses Mal war es Chayo, der ihre Hand ergriff und festhielt. Über den Lärm hinweg versprach er ihr, dass sie es schaffen würden, dass er sie hier rausbringen und ihr nichts zustoßen würde.
Sie schaute ihn an, und in ihrem Blick lag Vertrauen.
Eine Kugel glitt durch die Luft, küsste fast sein Gesicht. Wie sanfte Flügel an seiner Haut. Wie Nevas Berührung, die erste Berührung.
Das sind nur Motten wie die, die ich als Kind gefangen habe. Sie können mir nichts anhaben.
Zu Neva sagte er, sie solle hinter ihm bleiben und sich nur bewegen, wenn er es tat. Falls er fiel, sollte sie weiterlaufen und sich nicht nach ihm umdrehen. Er küsste sie auf die Stelle zwischen den Augen und flüsterte, dass er sie liebte. Ob sie ihn gehört hatte, wusste er nicht, aber das war okay. Immerhin hatte er es endlich ausgesprochen. Das Gewicht der Wörter würde ihn nicht länger belasten und langsamer machen. Und er würde nicht sterben, ohne es ihr gesagt zu haben.
Unseretwegen werde ich fliegen.
Er drückte ihre Hand, um ihr zu signalisieren, dass es Zeit war. Zeit, zu rennen und nicht mehr anzuhalten.
Zeit, zu fliegen.
Und das taten sie.
Juan Abrego Carrión küsste die kleine Zita auf die Wange und dachte an den Tod.
La Muerte.
Sie trug ein neues Kleid und war auf die Veranda gekommen, um es ihm vorzuführen, indem sie sich im Schein des Feuers hin und her drehte. Ein hübsches Kleid, aus rosa Spitze. In wenigen Jahren würde sie zu ihrer Quince-Feier ein ähnliches Kleid tragen, und es würde ein schönes Fest werden. Aus Angst es zu beschmutzen, wollte er es jedoch nicht berühren. In letzter Zeit ertappte er sich immer häufiger dabei, wie er auf seine Hände starrte – inzwischen fingen sie manchmal von allein an zu zittern –, denn so gründlich er sie auch wusch und schrubbte, richtig sauber bekam er sie nie. Immer klebte Schmutz unter den Nägeln, hatte sich in jede Falte seiner alten, ledrigen Haut gegraben. Manchmal sah es aus wie Blut. Vielleicht bildete er sich das auch bloß ein. Oder er hatte sich tatsächlich auf ewig schmutzig gemacht. Konnte es sein, dass sich die Erde von den Feldern seines Vaters in seine Haut, in sein Herz gegraben hatte? Von den Feldern, auf denen früher Marihuana gewachsen war und jetzt Mohn gedieh? Er erinnerte sich an grüne Hügel unter einer glühend heißen Sonne, und daran, dass er mit freiem Oberkörper, braun gebrannt wie die Haut einer Kuh, dort gestanden und Wasser aus einem Kübel getrunken hatte. Aber ob die Erinnerung echt war, hätte er nicht sagen können.
Vielleicht erinnerte er sich an einen anderen Jungen, einen anderen Ort. Manchmal wünschte er sich, der Junge wäre nie erwachsen geworden und hätte nicht all diese Dinge getan.
Er gab Luisa, die nicht Zitas Mutter war, ein Zeichen, das Mädchen ins Haus zu bringen. Motten umkreisten die beiden, schlugen mit den Flügeln gegen die nackten Glühbirnen. Als Luisa mit Zita losging, folgte ihnen ein bewaffneter Mann. Überall, wo Luisa und das Mädchen hingingen, wurden sie begleitet. Es waren so viele Männer, dass er nicht jeden kannte, außerdem sahen sie sowieso alle gleich aus. Jung, tätowiert, dicker Schnurbart. Ihre Augen hatten keine Tiefe, waren unergründlich – blinde Spiegel wie die Sonnenbrillen, hinter denen sie die Augen meistens verbargen. Sie taten so, als wären sie wie die Männer von früher, echte Narcos, aber in Wahrheit waren sie nur Möchtegerngangster und so schnell zu ersetzen wie das Geld, mit dem man sie gekauft hatte. Niemand würde jemals ihre Namen kennen, niemand würde Narcocorridos über sie singen. Ihre Klamotten waren mehr wert als sie selbst. Hier in Cuchillo Negro trugen sie Jeans, Stiefel und neue Cowboy-Hüte von Stetson. Fuhren sie nach Mazatlán, Juárez oder Ciudad de México, trugen sie Anzüge von Z Zenga, der Lieblingsmarke seines Sohns Martino, der inzwischen nicht mehr selbst nach Cuchillo Negro kam. Er mochte den Schmutz nicht, den Geruch, die Sonne. Im Gegensatz zu ihm hatte Martino nie auf den Feldern geschuftet, außerdem behauptete er, sie wären nicht länger sicher, wenn sie zusammen waren, und damit hatte er wahrscheinlich recht.
Das letzte Mal hatte er Martino vor einem Jahr gesehen, aber unter dem Manager im teuren Anzug hatte er den Jungen, der er früher einmal gewesen war, nicht mehr wiedererkannt.
Der bewaffnete Mann auf der Ranch hielt etwas Abstand zu Luisa und Zita. Gesehen hatte Juan Abrego ihn noch nie, trotzdem mochte er ihn nicht. Er war zu langsam, zu lässig. Als würde er sich durch irgendetwas ablenken lassen, vielleicht Musik, die nur er hören konnte. Oder er dachte an ein Mädchen aus Ciudad de México oder sonst wo. Wer suchte die Männer eigentlich aus? Martino oder sein Segundo Gualterio? Er würde sich danach erkundigen. Und diesen Mann durch einen anderen ersetzen lassen. Einen anderen gab es immer.
Das wusste er nur allzu gut, auch wenn Gualterio oft zu ihm sagte: Es wird immer nur einen El Patrón geben.
Was sein ältester und bester Freund in Wahrheit meinte: Er, Juan Abrego Carrión, hatte alle anderen überlebt. Wieder war ein Tag vergangen, und er stand immer noch.
Er war der Einzige, allein.
Weil das Mädchen das Haus inzwischen erreicht hatte und in Sicherheit war, stand er von seinem Schaukelstuhl auf, um in die Scheune zu gehen, wo ein Mann auf den Tod wartete. So sehr Juan Abrego sich nach zwei Fingerbreit Tres Quatro Cinco in einem eisgekühlten Glas, seinem Bett und der Frau, die man ihm für diese Nacht besorgt hatte, auch sehnen mochte, zuerst gab es Arbeit zu erledigen.
Arbeit gab es immer, und vielleicht hatte er sich so lange an der Spitze gehalten, weil er sie von Anfang an ernst genommen hatte.
Als der alte Mann – und er war alt, zu alt – die Verandastufen hinabstieg und den langen Weg zur Scheune einschlug, begleitete ihn mehr als ein Dutzend Männer mit geschulterten Mossberg-AR-15-Sturmgewehren.
Die Scheune roch intensiv nach Pferden, obwohl man die Tiere auf die Koppel gebracht hatte, weil die Feuertonne sie nur erschreckt hätte. Früher hatte er Andalusier, Araber und Trakehner gezüchtet und mithilfe eines Gestüts in Texas fast zehn Millionen Dollar gewaschen. Hay Fuego, eines seiner besten Pferde dort, hatte das All-American Futurity in Ruidoso Downs in New Mexico gewonnen. Doch die Pferde, die er nun auf der Ranch hielt, unterschieden sich kaum von den anderen im Tal. Eigentlich hielt er sie nur, weil er sie so mochte. Manchmal nahm er morgens seinen Becher Kaffee mit in die Scheune. Dann klopfte er den Pferden auf die Flanken, lauschte ihren Geräuschen und betrachtete ihre Atemwolken, die so viel wärmer, so viel lebendiger waren als die Luft um sie herum. Was sie wohl miteinander redeten, fragte er sich. Was hielten sie von ihrem Leben?
Was dachten sie über den alten Mann mit dem Kaffeebecher, der sie betrachtete und mit Namen ansprach?
Die Ranch in Cuchillo Negro war nur eine von Dutzenden in seinem Besitz – so viele waren es, er hatte den Überblick verloren. Auf ihr hielt er sich am liebsten auf, weil sie ihn an den Hof in der Nähe von Durango erinnerte, auf dem er aufgewachsen war und den es jetzt nicht mehr gab. In Nächten wie dieser, in denen die Sterne den Himmel über dem nahe gelegenen dunklen Hügelkamm zum Leuchten brachten und auch auf den entfernten Höfen kleine Feuer brannten, meinte er zu hören, wie sich der Wind in den Zweigen der Bäume verlor und unsichtbare Tiere unter ihnen hindurch huschten. Um ihn herum war alles voller Leben. Aber so sehr es ihm hier auch gefiel, er durfte nie länger als zwei, drei Tage am Stück auf der Ranch bleiben. Wegen der Amerikaner. Wegen ihrer Behörde mit den drei Buchstaben: DEA. Nirgendwo durfte er lange bleiben. Inzwischen führte er ein Wegwerfleben, alles darin konnte von jetzt auf gleich entsorgt werden. Ein Handy benutzte er genau zweimal, bevor es durch ein neues ersetzt wurde; ständig wurden nagelneue Laptops und Satellitentelefone aus Plastikhüllen und Styroporverpackungen gezogen; fast täglich fuhren Männer, die ihn beschützten, mit neuen Autos oder gestohlenen, umlackierten Trucks vor, die gleich darauf wieder verschwanden. Auch das Bett teilte er nicht häufiger als zweimal mit derselben Frau. Mit Ausnahme von Gualterio durfte niemand zu viel von ihm wissen oder ihm zu nahe kommen. Nicht einmal Martino, der aus freien Stücken sowieso lieber wegblieb. Denn so sah inzwischen sein Leben aus: Er hätte so vieles haben können, und musste doch alles wieder loslassen, bevor er es richtig berührt hatte.
In einem Narcocorrido hatte es großspurig geheißen, ihm, Juan Abrego Carrión, würde die ganze Welt gehören. In Wahrheit verhielt es sich ganz anders.
Er konnte die Welt zwar kaufen, aber gehören tat ihm rein gar nichts mehr.
Er hätte gern noch einen Augenblick länger vor der Scheune gestanden und sich gesammelt, nur durfte er sich ohne Deckung nie zu lange im Freien aufhalten. Martino, der zwei Jahre an einer Universität in Kalifornien studiert hatte, hatte ihm von den Satelliten und Drohnen erzählt, die die Amerikaner inzwischen bei der Jagd auf ihn einsetzten. Nein, die Welt gehörte ihm ganz sicher nicht. Er gehörte ihr, und selbst der Himmel hielt ihn gefangen.
Und deshalb mussten sie die Feuertonne in der Scheune entfachen und er seine Arbeit unter einem Dach verrichten, damit ihn am nächtlichen Horizont kein Schatten verriet, den eine zwischen den Sternen versteckte Kamera einfing.
Aber eigentlich war es sowieso egal. Denn Gott sah alles und wusste, was Juan Abrego in seinem Leben schon getan hatte.
Sie hatten den Mann auf einen Stuhl gesetzt und ihm die Hände hinter dem Rücken mit Kupferdraht zusammengebunden.
Noch blutete er nicht, denn Juan Abrego hatte angeordnet, ihn erst einmal zu verschonen. Neben seinen schuhlosen, geschwollenen Füßen standen eine Flasche Wasser, aus der seine Männer ihm ab und zu einen Mitleidsschluck gegeben hatten, und eine Flasche mit vergorener Ziegenmilch und Cayennepfeffer, falls Juan Abrego es für angebracht hielt, dem Mann die Flüssigkeit in die Nase zu sprühen. In Reichweite stand außerdem eine Schale mit Chilipulver, das er ihm ins Gesicht streuen konnte, damit er es einatmen musste wie rohe Flammen. In der Scheune war es wegen der Feuertonne brutal heiß, und das Hemd des Mannes war völlig durchgeschwitzt. Es klebte an ihm, sodass man die Rippen an seinem mageren Oberkörper zählen konnte. Juan Abregos Leute hatten ihn mit einer Kapuze über dem Kopf hergebracht, die nun im Heu lag, was ihm eine Höllenangst machen musste. Es verriet ihm nämlich, dass es nicht mehr darauf ankam, ob er etwas auf der Ranch sah, sondern nur noch darauf, dass er möglichst viel erzählte.
Bereit lagen auch die anderen Utensilien, nach denen Juan Abrego verlangt hatte: eine Spule Kupferdraht, zwei Macheten, eine Tüte mit Glasscherben, ein Zimmermannshammer und Nägel, ein Sortiment fabrikneuer chirurgischer Instrumente. Skalpelle, Knochensägen und Spekula in verschiedenen Formen und Größen, in denen sich die anderen Männer in der Scheune spiegelten. All diese Gegenstände waren auf einer Pferdedecke ausgelegt worden, direkt vor dem Mann, der mit weit aufgerissenen Augen darauf starrte.
In einem Auto vor der Scheune saß ein Arzt, den man ebenfalls mit Kapuze über dem Kopf aus Ciudad Jiménez hergebracht hatte. Um ihn ruhigzustellen, hatte man ihm ein Tablett mit einer Flasche Tres Quatro Cinco – Juan Abregos Lieblingstequila – und zwei auf der Ranch geernteten, in Scheiben geschnittenen Limetten hingestellt. Der Arzt sollte nicht etwa die neuen chirurgischen Instrumente ausprobieren, sondern den Mann in der Scheune nur so lange wie nötig am Leben erhalten.
Mit dem Verbreiten von Furcht und Schrecken kannte Juan Abrego sich so gut aus wie mit dem Körper einer Frau, weshalb er sich erst einmal vor dem gefesselten Mann aufbaute und ihn nur anschaute. Der Mann atmete schneller und schneller und pisste sich dann in die Hose. Juan Abrego ließ ihn in seiner Todesangst schmoren, als er merkte, dass Gualterio neben ihm stand.
Gualterio war groß und massig. Seine Brust schien die Perlmuttknöpfe an seinem Hemd wegsprengen zu wollen, und sein Bauch hing ein ganzes Stück weit über der Jeans. An Kraft hatte er nichts eingebüßt, seine Größe allein wirkte bedrohlich, doch in den noch vollen Haaren an seinen Schläfen zeigte sich bereits ein Anflug von Grau. Wie Juan Abrego vermutete, überlegte Gualterio, sich die Haare zu färben, denn seine Hände wanderten in letzter Zeit oft zu den Schläfen, als wolle er die Anzeichen seines fortschreitenden Alters wegwischen. Juan Abrego würde kein Wort darüber verlieren, weil er wusste, wie gefährlich es war, an der Eitelkeit eines Mannes zu kratzen, auch wenn es sich bei ihm um einen uralten Freund handelte. Er selbst war zehn Jahre älter als Gualterio, und sie kannten sich seit ihrer Kindheit. Gualterio liebte gutes Essen und Bier – was sich an seinem aufgedunsenen Gesicht und seiner Wampe zeigte – und hatte auf Juan Abregos Befehl hin mehr Menschen umgebracht, als beide zählen konnten. Es gab niemanden, den er besser kannte, und seit dem Tod seines Bruders Rafael – den alle nur Nemesio genannt hatten – gab es auch niemanden, dem er mehr vertraute, nicht einmal seinen fünf Halbbrüdern, seiner Schwester oder seinem eigenen Sohn.
Manchmal konnte er es selbst kaum glauben, dass Nemesio nun schon seit dreißig Jahren tot war.
Im Beisein der bewaffneten Männer wartete selbst Gualterio, bis Juan Abrego das Wort an ihn richtete.
»Ist das der Busfahrer?«, fragte Juan Abrego in die Dunkelheit hinein, obwohl nur Gualterio den Mut hätte, ihm zu antworten.
»Ja, wir haben uns genau an deine Anweisungen gehalten.« Gualterio zündete sich eine Zigarette an; auch da war er der Einzige, dem das in Juan Abregos Gegenwart gestattet war. »Da waren noch welche. Wir finden sie.« Er zuckte mit den Schultern. Eine Feststellung, eine Drohung. Ein Versprechen.
So viele Menschen hatten vor Juan Abrego Carrión im Dunkeln ein Versprechen abgelegt. Viele waren gestorben, weil sie es gehalten hatten. Noch mehr waren gestorben, weil sie daran gescheitert waren.
Der Busfahrer.
Zwei Abende zuvor hatte es in Ojinaga einen Anschlag auf zwei Busse mit Normalistas gegeben. Die Zahl der Toten und Verletzten war noch immer ungeklärt, aber im Internet kursierte bereits ein Handyvideo, das sich die ganze Welt anschaute. Deshalb hatte Ciudad de México Hunderte Federales und Angehörige der Secretaría de Marina eingeflogen. Weil halbe Kinder auf der Straße erschossen worden waren, war El Presidente rund um die Uhr im Fernsehen zu sehen, wo er versprach, dass dieses Mal etwas geschehen werde, und vielleicht meinte er es zur Abwechslung auch tatsächlich einmal so, obwohl ein Versprechen allein natürlich auch nichts nützen würde. Keine Drohung der Welt würde dafür sorgen, dass das Video aus dem Internet verschwand oder die Vermissten zurückkehrten.
Auf wessen Konto der Anschlag ging, wusste niemand, doch Juan Abrego hatte schon einen Verdacht, wen man dafür verantwortlich machen würde.
Niemand kannte den Auftraggeber, abgesehen vielleicht von dem an den Stuhl gefesselten Mann, dem Busfahrer. Zwei Busse waren angegriffen worden, aber nur dieser Fahrer war unverletzt geblieben, weil er so schlau gewesen war, seinen Bus kurz vor Beginn der Schießerei zu verlassen.
Auf seinem Handy waren Anrufe eingegangen. Man hatte ihn vorgewarnt.
Juan Abrego hatte schon vor vielen Jahren erkannt, dass ein einzelner Mensch nur eine begrenzte Anzahl an Versprechen machen und halten konnte, aber wer bereit war, genug Geld, Gewalt und Zeit einzusetzen, konnte alles bekommen und erfahren.
Dass Studenten das Ziel des Anschlags gewesen waren, war das Entscheidende, denn auch Juan Abrego hatte früher davon geträumt, Lehrer zu werden. Wie die Jugendlichen in Ojinaga waren auch Nemesio und er einmal Normalistas gewesen, und deshalb konnte es sich bei dem Angriffsziel nicht um einen Zufall handeln. An Zufälle glaubte er ohnehin nicht. Nein, es war eine Lektion gewesen, gerichtet an ihn allein.
Eine Kriegserklärung.
Er ging vor dem Busfahrer in die Hocke, wobei er nicht nur das Alter in seinen Knien spürte, sondern auch die Krankheit, die ihn seit Monaten plagte. Bisher hatte er niemandem davon erzählt, aber Gualterio hatte mit Sicherheit schon einen Verdacht. Seine Beine zitterten, seine Arme waren schwach und ein dumpfer Schmerz zog durch seinen Bauch. Aber er wollte, er musste dem Mann in die Augen schauen.
Er hustete, spuckte aus, und Gualterio wendete diskret den Blick ab.
»Mein Freund, ich werde dir jetzt Fragen stellen. Viele Fragen. Und du wirst mir jede Einzelne beantworten. Nicht, weil du es willst oder glaubst, du dürftest weiterleben, wenn ich fertig bin. Denn das wirst du nicht, und es ist wichtig, dass du das jetzt schon weißt. Ich werde dir keine falsche Hoffnung machen. Wenn du wahrheitsgemäß und schnell antwortest, wirst du als Ehrenmann sterben. Deiner Frau und deinen beiden Töchtern wird es nie wieder an irgendetwas mangeln. Dafür sorge ich. Voller Stolz werden sie von dir erzählen. Wenn du aber lügst und diejenigen, die das getan haben, zu decken versuchst, dann wirst du unter großen Schmerzen sterben. Ich werde meine Männer losschicken, damit sie deine Frau, die Mutter deiner Kinder, vergewaltigen und töten. Danach schicke ich deine älteste Tochter in Culiacán auf den Strich und deine jüngste verkaufe ich an einen Mann in Camargo, einen echten Perversen. Er dreht Filme. Schreckliche, böse Filme, die anständige Menschen nicht ertragen könnten. Das sind keine Drohungen, das sind Tatsachen. Glaubst du mir das?«
Der Busfahrer fing an zu weinen, wimmerte wie ein alter Hund, aber er nickte. Sein Körper zitterte, als würde er unter Strom stehen, und er pisste sich erneut in die Hose. Der Geruch war durchdringend, stechend. Juan Abrego hatte das alles schon Dutzende Male erlebt. Die Todesangst hielt den Mann fest in ihrer Knochenhand und flüsterte ihm Dinge ins Ohr, die Juan Abrego gar nicht erst aussprechen musste.
»Weißt du, wer ich bin?«
Der Busfahrer schüttelte den Kopf, kniff die Augen zu.
»Oh ja, du weißt es. So zu tun, als wäre es anders, wird dir nicht helfen. Das ist unmöglich. Also, mach die Augen auf und sag meinen Namen. Noch kann ich dir die Zunge nicht rausreißen, aber ich kann dich dazu bringen, sie zu benutzen. Und das werde ich auch, mein Freund.«
Gualterio rührte sich und signalisierte ihm, dass er jederzeit eingreifen und den anderen zum Reden bringen konnte. Auch er hatte das alles schon unzählige Male erlebt, doch viele der Männer in der Scheune eben noch nicht. Sie kannten El Patrón nur als alten Mann, der oft im Stuhl sitzen und an heißen Tagen im Schatten ein Nickerchen halten musste. Als Mann, der gern Telenovelas schaute und seiner Zita beim Tanzen zusah. Gut möglich, dass sie sich hinter seinem Rücken über ihn lustig machten. Und dass der eine oder andere bereits überlegte, ihn zu hintergehen.
Für diese Männer wurden die Folterinstrumente ebenso zur Schau gestellt wie für den an den Stuhl gefesselten Busfahrer. Jetzt war Juan Abrego der Lehrer, der er früher so gern hätte sein wollen, und dies war seine Unterrichtsstunde.
Der Mann auf dem Stuhl öffnete die Augen und atmete tief ein. »Sie sind Fox Uno.«
Juan Abrego schüttelte den Kopf, obwohl der andere gar nicht so falschlag. Es war ein alberner Name, den man ihm schon vor langer Zeit gegeben hatte, so wie Martino jetzt überall Tiburón genannt wurde und Gualterio schon immer den Spitznamen Oso Ocho gehabt hatte. Diese Namen hielten sich vor allem in der Presse und in Narcocorridos. Inzwischen glaubten viele Menschen, dass es den Mann »Fox Uno« gar nicht mehr gab. Nur der Name lebte weiter und trug ein gewaltiges Gewicht … eine unerträgliche Last.
Fox Uno war nur noch ein böser Traum, ein Gespenst, mit dem man Kindern Angst machte.
Und wenn Juan Abrego an den Jungen dachte, der er einmal gewesen war und den er vor Jahrzehnten auf den Feldern seines Vaters zurückgelassen hatte, dann glaubte er es beinahe selbst.
»Nein, mein Freund, ich bin der Tod.«
Nachdem der Busfahrer sämtliche seiner Fragen beantwortet hätte, nachdem sein Wille gebrochen wäre und er alle seine Geheimnisse preisgegeben hätte, würde Juan Abrego den Mann mit bloßen Händen erwürgen. Mit Fox Unos Händen. Den Händen, die er lieber von Zitas Kleid fernhielt, weil er träumte, sie seien immerzu blutbefleckt. Danach würde er die Leiche mit Gualterios Hilfe in die Feuertonne stecken, wo sie schmelzen und so furchtbar stinken würde, dass der Geruch niemals wieder aus der Scheune herauszukriegen wäre. Vielleicht würde er hinterher sogar sämtliche Pferde weggeben oder sie in Freiheit entlassen und alle Gebäude auf der Ranch abfackeln und nie wieder nach Cuchillo Negro kommen. Doch davor sollte jeder Mann in der Scheune dabei zusehen, wie er den Busfahrer tötete, und danach so lange auf die Feuertonne starren, bis von der Leiche nur noch Asche und Fett übrig wären. Ganz gleich, wie lange es dauern würde. Sie sollten sich die Lektion gut einprägen und nie wieder vergessen.
Juan Abrego Carrión, besser bekannt als Fox Uno – der Anführer des Nemesio-Kartells – nahm den Hammer von der Pferdedecke.
Er wog ihn in der Hand und richtete das Klauenende auf das Gesicht des Busfahrers.
Seine Hand war alt, doch in diesem Moment zitterte sie nicht.
Ich bin der Tod.
Yo soy la Muerte.
Es fing mit einer Bratpfanne und zwei Eiern an. Von da an ging es nur noch bergab.
Take-Out spähte durch die kaputte Scheibe, sein Gesicht unscharf und vernebelt. Falls er Danny Ford erkannte, merkten es beide nicht auf Anhieb. Danny sah, wie Take-Out ihn zweimal von oben bis unten musterte, bevor seine Augen einfach abtauchten.
Blinzel, blinzel und weg waren sie.
So lief das an einem Ort, der so klein war wie das texanische Murfee und so groß wie das Big Bend County: Eigentlich kannte jeder jeden, deshalb ging es nicht darum, ob Take-Out ihn erkannte, sondern darum, ob er sich an ihn erinnerte. Und wenn man daran dachte, dass Take-Out sich das Hirn mit jeder erhältlichen Pille und jedem verbotenen Pulver weggeschossen hatte, war davon auszugehen, dass das Erinnerungsvermögen des Mannes einen Scheiß wert war. Im besten Fall lückenhaft, voller Löcher wie sein Trailer.
Die klapprige Tür ging nicht auf, was kein gutes Zeichen war. Oder es hatte rein gar nichts zu bedeuten.
Take-Out – Eddy Lee Rabbit – litt bekanntlich an Paranoia.
»Mach die scheiß Tür auf, ich will hier nicht den ganzen verdammten Tag rumstehen …«, rief Danny. Er schätzte die Entfernung zwischen Tür und oberster Treppenstufe ab, machte einen Schritt seitlich nach hinten, damit er genug Spielraum hätte, falls Eddy in Kampfeslaune war. Zu gern hätte er seine eiskalten Hände in die Taschen gesteckt, aber er musste sie im Zweifel sofort einsetzen können. Es war Anfang September, und zu dieser Jahreszeit war es im Big Bend morgens bitterkalt, bis die Sonne hinter den Bergen hochstieg und die ganze Gegend aufheizte. Und hier im Canyon, in der Nähe des Flusses war es noch extremer. Noch lagen lange Schatten über dem Trailer, sie zogen sich hin bis zu dem Wasser, das Danny nicht sehen konnte, weil Schilfrohr und Tamarisken ihm die Sicht versperrten. Irgendwo hatte er gelesen, dass beide Pflanzen ursprünglich nicht hier heimisch waren, sondern sich im neunzehnten Jahrhundert von künstlich angelegten Gärten und Parks aus verbreitet hatten und inzwischen die Ufer vieler Flüsse fast vollständig bedeckten und dem Boden Wasser und Salz raubten. Darin unterschieden sie sich nicht groß von vielen anderen Dingen im Big Bend: von Männern wie Take-Out zum Beispiel, die auch nicht von hier stammten, aber hergekommen waren und nun ein Stück vom Kuchen für sich beanspruchten. Es gab zwar Leute, die die pflanzlichen Eindringlinge im Sommer mit der Wurzel herausrissen, um die Ufer der Flüsse wieder freizulegen, aber Danny hatte den Eindruck, dass sie den Kampf längst verloren hatten.
Immerhin versuchten sie es, so wie er es heute mit Eddy Lee Rabbit versuchte.
Der alte Trailer war, wenn es hochkam, fünfhundert Dollar wert, aber die Lage im Canyon mindestens zwei Millionen. Trotzdem lag überall alter Krempel herum: Motorräder, Konservendosen und Bierflaschen, Motorblöcke und Teile rostiger Betonstahlmatten, die aus irgendeinem Grund hier gelandet waren. Ein uralter Kühlschrank. Wie ein einsamer General stand er mitten auf dem flachen Grund des Delcia Canyon, wo sich die Wüste bis zum Horizont hinzog und nur im Süden ein Steilufer die Grenze markierte – eine streifig dunkle Wand aus Sandstein, Quarz und Selenit, die ihre Farbe je nach Sonnenstand änderte.
Nach den jüngsten Regenfällen, die den Fluss drei Tage lang hatten anschwellen lassen, sah Danny hier und dort Farbtupfer auf dem Wüstenboden: blutrote Ocotillos, gelbe Wüstenringelblumen, weißer und violetter Texas-Salbei und die dunkelpinken Früchte der Opuntien. Die meisten Menschen hielten die Wüste für eine trockene, trostlose Landschaft. Ohne Farben, ohne Leben. Wie Danny inzwischen wusste, stimmte das nicht.
Auch Danny stammte ursprünglich nicht von hier, trotzdem waren ihm das Big Bend und die Chihuahua-Wüste mit ihren jahreszeitlichen Launen inzwischen ans Herz gewachsen, auch wenn er nicht alles verstand, was hier vor sich ging.
Vielleicht liebte Eddy dieses Fleckchen Erde auf seine Art ebenfalls.
Danny wollte gerade gegen die Tür hämmern, als sie aufging und Eddy vor ihm stand. Er hatte etwas in der Hand. Keinen Colt Mustang, keinen Buck Woodsman, keinen Louisville Slugger – stattdessen hielt er eine eiserne Bratpfanne wie diejenige, die Dannys Mutter in Sweetwater früher immer benutzt hatte. Eddy kratzte mit einer Gabel Rührei aus der Pfanne – Rührei mit Chorizo genauer gesagt – und drückte die Tür mit einem schorfigen Knie auf. Sein Oberkörper war nackt, die fisseligen, fettigen Haare überschatteten seine Augen, und er futterte seelenruhig sein Frühstück.
Wie ein König.
Aber seine Augen leuchteten, strahlten, hüpften auf und ab und hin und her … standen in seinem Schädel kaum still. Er musste seit Tagen auf Meth sein, wofür auch der Schweiß auf seiner Haut sprach.
»Is verdammt früh, was willste?«, fragte Eddy, zwischen zwei Bissen Chorizo-Rührei.
Aus dem Schlaf geholt hatte er Take-Out mit Sicherheit nicht. Wahrscheinlich war er seit zig Stunden wach.
Eddy Lee Rabbit war einundvierzig Jahre alt und vermutlich nach dem Countrysänger Eddy Rabbitt benannt. Aufgewachsen war er in Floydada und nach der Highschool weiter in den Süden gezogen, bis es ihn vor zehn, fünfzehn Jahren ins Big Bend verschlagen hatte. Den Spitznamen Take-Out hatte er sich redlich verdient – lange Zeit hatte er bei einem Drive-In hinter dem Schalterfenster gestanden und sein allererstes Tütchen Gras dann als Beilage zu einer Portion Tacos verkauft. Im Lauf der Zeit hatte er sich zu Kokain, Heroin, Meth und Pillen hochgearbeitet und war von Beto’s Taco Shop über Arby’s und Wendy’s zu Kentucky Fried Chicken aufgestiegen. Man musste nur auf seinen Schichtbeginn warten und das Codewort des Tages kennen, dann konnte man zum Verkaufsfenster vorfahren und bei ihm die Bestellung abholen.
Die spezielle Beilage schob Eddy in eine Serviette und steckte sie mitsamt einem Tütchen Ketchup oder Honey-Barbecue-Soße in die Papiertüte.
Zweimal war er wegen Drogenhandels verknackt worden und hatte in den texanischen Gefängnissen Preston Smith und James Lynaugh eingesessen. Auch wenn er beide Male nicht lange bleiben musste, hatten die Gerichtsurteile bewirkt, dass kein Fastfood-Restaurant im Big Bend ihm jemals wieder einen Job geben würde.
Deshalb dealte Eddy inzwischen aus dem Fenster seines Trailers heraus, doch so wie er aussah, konsumierte er selbst erheblich mehr, als er verkaufte. Ansonsten schien alles beim Alten geblieben zu sein: Man rief an oder fuhr gleich zu ihm, gab seine Bestellung auf und nahm die Ware mit, denn Eddy Lee Rabbit machte keine Lieferungen – und dabei würde es auch bleiben.
Ein Kleindealer in einer Kleinstadt.
Und wenn das sein einziges Vergehen gewesen wäre, hätte Deputy Danny Ford vom Sheriff’s Department des Big Bend County den guten Eddy hier draußen im Delcia Canyon wohl in Frieden gelassen. Sheriff Chris Cherry kannte Eddys Geschichte und wollte ihm nicht auch noch eine dritte Verhaftung antun, deshalb hatte er an seine Deputys die Order ausgegeben, ihn zu ignorieren.
Nur leider war es nicht Eddys einziges Vergehen geblieben.
Das behauptete zumindest Charity Mumford, Eddys langjährige On/Off-Freundin. Erst letztes Wochenende waren sie mal wieder off gewesen, zwischen ihnen war es sogar richtig aus und vorbei, weil Eddy ihr eine Billardkugel an den Kopf geschleudert hatte. Passiert war es in seinem Trailer und danach war sie – mit Platzwunde, die mit mehreren Stichen genäht werden musste – zur Notaufnahme in Murfee gefahren, wo man sie gleich ins Hancock Hill Medical Center eingeliefert hatte, weil sie immer noch voll drauf war und die ganze Zeit über wie eine Verrückte schrie. Und über Eddy schimpfte. Der Sheriff hatte America Reynosa zur Befragung ins Hancock Hill geschickt, und da hatte Charity dann nur noch von Mexikanern gefaselt.
Von Eddy und seinen beschissenen Mexikanern … bis Eddys Kleindealerei plötzlich nicht mehr ganz so klein klang.
Sondern nach einem richtig dicken Geschäft.
Am nächsten Morgen, nachdem Charity etwas runtergekommen war – und ihr aufgegangen war, was sie getan hatte –, hatte sie sich geweigert, noch irgendetwas dazu zu sagen. Nicht nur das, sie hatte ihre Aussage sogar zurückgezogen. Und stattdessen behauptet, sie sei gestürzt und gegen ihr Auto gefallen und hätte die andere Geschichte nur erfunden; ein Speedjunkie, der Mist erzählte. Auf das wirre Gerede einer Meth-Abhängigen hin wollte der Sheriff keinen Durchsuchungsbeschluss beantragen – vielleicht war die Eddy-Story nur Bullshit, aber die zwölf Stiche auf Charitys Kopf waren es nun einmal nicht und sie durfte der Sheriff nicht ignorieren. Er ließ Charity von America ins Family Crisis Center in Artesia bringen und bat Danny und Amé, Eddy Rabbit einmal unter die Lupe zu nehmen.
Und sich in seinem Trailer umzusehen.
Deshalb stand Danny nun im frühmorgendlichen Schatten auf Take-Outs Veranda und schaute zu, wie der andere seelenruhig sein Rührei aß.
»Ich will was bestellen … ich brauche … nen Eightball. Speed. Hast du was da?«
Eddy ließ die Gabel im Mund stecken, nahm die Hand weg und hielt sie nur noch mit seinen kaputten Zähnen fest. Als er sie wieder rauszog, tat er es mit einer langsamen Bewegung.
Doch hinter den viel zu strahlenden Augen drehten sich die Rädchen in seinem Hirn mit Überschallgeschwindigkeit.
»Nee, Bruder, mach ich nicht mehr. Hab aufgehört. Keine Ahnung, was du willst.«
Danny zuckte mit den Schultern, spuckte aus. »Da hab ich aber was anderes gehört.«
»Von wem? Der Typ ist ’n Scheißlügner.«
»Wer hat gesagt, dass es ein Typ war?«
»Aja? Interessant …« Eddy stopfte sich Rührei in den Mund und führte die Gabel erneut so langsam, als hätte er Angst, sein Kopf könnte abfallen und über den Boden kullern, wenn er sich zu schnell bewegte.
Verdammte Junkies. Danny hatte zwar durchaus Verständnis, wenn Menschen wie Charity oder Eddy wegen persönlicher Probleme oder beschissener Lebensumstände zu Drogen griffen, doch für die Folgen ihres Konsums galt bei ihm Null-Toleranz, schließlich gehörte er zu den Leuten, die hinter ihnen aufräumen mussten. Junkies sahen die Welt nur durch die Löcher, die der Shit ihnen ins Hirn gebrannt hatte wie die Schlitze in einem Bettlaken, mit dem sich ein Kind an Halloween als Gespenst verkleidet. Ihre Welt bestand nur noch aus grellen Bruchstücken, die zusammen kein Ganzes mehr ergaben, alles war nur noch Licht und Schall und Wahn. Eine sich drehende Discokugel über einer leeren Tanzfläche. Und alles wurde dadurch rätselhaft und geheimnisvoll oder, im schlimmsten Fall, bedrohlich.
Es machte diese Menschen unberechenbar, weil nicht einmal sie selbst wussten, was sie im nächsten Moment tun würden. Da sie die Welt nur noch durch winzige Löcher sahen, konnten sie nicht mehr weit vorausschauen.
Obwohl Danny auch dafür durchaus Verständnis hatte. Seit er nämlich diesem Stück Skinheadscheiße namens Jesse Earl begegnet war, hatte er selbst Probleme mit der Wahrnehmung. Das lag an seinem linken Auge, das Jesse mit dem Griff eines alten Ruger Blackhawk fast kaputt geschlagen hatte. Zum Glück hatte Danny das Auge behalten (und eine fiese Narbe als Souvenir obendrein), aber manchmal hatte er das Gefühl, in seinem Hirn würde es einen Kurzschluss geben und er auf dem Auge schlagartig das Sehvermögen verlieren. Immer begann es am Rand seines Blickfelds: Als würde etwas Dunkles mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zurasen, gefolgt von einer Druckwelle aus grauem Rauschen und einem stechenden Schmerz. Als würde in seinem Kopf ein Lichtschalter kurz hintereinander mehrmals aus- und wieder eingeschaltet, wodurch er die Orientierung verlor. Es machte ihm Angst, doch allmählich gewöhnte er sich daran. Er hatte beschlossen, die Aussetzer zu ignorieren. Manchmal vergingen zwei Monate ohne Beschwerden, dann wieder kam es an einem Tag gleich zweimal zu Ausfällen. Nach der Operation und der Reha und lange, nachdem er die vielen Arztbesuche endgültig leid gewesen war, hatte er für sich entschieden, niemandem davon zu erzählen. Nicht einmal dem Sheriff und Amé gegenüber hatte er es erwähnt, weil beide deswegen mit Sicherheit einen Riesenaufriss gemacht hätten.
Für Danny war das kaputte Auge nur ein Übel von vielen, die man einfach hinnehmen musste.
So sah er die Welt jetzt eben – ähnlich wie Eddy Rabbit.
Danny spähte über Eddys Schulter, weil er herausfinden musste, ob sich im Trailer noch jemand aufhielt. Er sah niemanden, hörte nur Musik aus einem Radio. Was für ein Stück es war, konnte er nicht erkennen.
»Ich bin nicht zum Labern hier. Es geht ums Geschäft. Hab mit Cody von der Comanche geredet und mit Mike auch. Mike kennst du doch? Dich kennt er jedenfalls verdammt gut.«
Auf der Comanche Ranch fanden die Viehauktionen von Murfee statt, und es wimmelte dort von gesichtslosen Saisonarbeitern. Und ein Michael, Mike oder Mikey war mit Sicherheit auch darunter …
Eddy überlegte und versuchte dabei, seine hin und her hüpfenden Augen auf Danny gerichtet zu halten oder auf einen Fleck hinter ihm. Genau ließ sich das nicht sagen.
»Kohle?«
Danny bewegte die Hände langsam, damit Eddy sie gut sehen konnte, und zog eine kleine Rolle schmutziger Geldscheine aus seiner Jeanstasche. Gestern Abend hatten Amé und er die Scheine auf der Straße mit den Füßen bearbeitet, damit sie gebraucht aussahen. Wie Geld, das ein Vollzeitjunkie fürs nächste High erbetteln oder stehlen würde.
Auf die Scheine konnte Eddy sich konzentrieren. Seine ganze Welt verengte sich auf sie. Er bewegte sich im selben Rhythmus wie das Geld.
»Wenn Mikey das über mich sagt, ist er ’n Stück Scheiße. Ist nicht fair, Mann. Heute war nämlich der Tag, an dem ich clean werden wollte. Ich wollte es versuchen. Scheiße, ich versuch’s wirklich.«
Danny nickte. Zwinkerte Eddy zu, grinste ihn an. »Bruder, tun wir das nicht alle?«
Das war der Moment. Als Soldat und später als Cop hatte er gelernt, dass es immer diesen einen Moment gab, an dem man sich entscheiden musste.
Ja, nein.
Gehen, bleiben.
Kämpfen, Rückzug.
Schießen, nicht schießen.
Das Leben bestand aus solchen Momenten.
Eddy überlegte und lachte dann. Das Geräusch, ein kurzes Kläffen, kam aus dem Nichts und hallte durch den Canyon. Es schreckte ein halbes Dutzend Schuppenwachteln auf, die in einem alten Reifen auf Eddys Grundstück hausten; die Vögel liefen kreischend umher, bevor sie sich wieder in ihr Nest setzten. Eddy lächelte abwesend und zeigte dabei seine kaputten Zähne. Dann fing er an, im Takt einer Musik, die nur er hören konnte, mit der Gabel gegen die Pfanne zu schlagen. »Tja, morgen ist wohl auch noch ein Tag, oder?«
Der Moment.
Danny lachte und nickte. »Ja, morgen.«
Sie verstanden sich.
»Und morgen ist für’n Arsch«, sagte Eddy, immer noch lachend, holte mit der Pfanne aus und schlug damit nach Danny.
Die Bratpfanne traf ihn nur halb, aber das reichte. Seinem kaputten Auge konnte er nicht die Schuld geben. Er hatte einfach nicht damit gerechnet. In dem Moment, als sie beide gelacht hatten, hatte er sich zu sicher gefühlt und kurz nicht aufgepasst. Dabei hätte er es besser wissen, hätte es voraussehen müssen. Die zwei Jahre in Afghanistan hatte er nur wegen seiner Voraussicht überlebt, und ihr hatte er es auch zu verdanken, dass ihm als Undercover-Ermittler bei verschiedenen Skinheadgangs nichts richtig Schlimmes zugestoßen war. Nie den Ball aus den Augen verlieren: die dunklen Ecken in einem zerschossenen Hotel in Wanat oder die Pistole im Hosenbund eines blutjungen Skins. Sogar eine beschissene alte Pfanne. Doch dafür musste man natürlich von Anfang an auf der Hut sein.
Dieser Scheißmoment.
Denn mehr als einen winzigen Moment Unaufmerksamkeit brauchte es nicht, um getötet zu werden.
Obwohl er sich schnell weggeduckt hatte, traf ihn die Pfanne am Hals und an der Schulter, und Reste des fettigen Rühreis landeten in seinen Augen. Eddy hatte die Pfanne wie eine Axt geschwungen, und wenn Danny den Kopf nicht rechtzeitig eingezogen hätte, hätte er ihm vermutlich den Schädel bis zum Kiefer gespalten. Danny wankte rückwärts die zwei Verandastufen hinunter, fiel aber nicht hin. Eddy schleuderte die Pfanne in seine Richtung und flüchtete im Affenzahn in den Trailer. Zum Glück hatte er sie zu weit geworfen, sie kam auf dem Wüstenboden auf und schlitterte hinter den Scheinen her, die Danny aus der Hand geglitten waren und nun auf dem Grundstück herumflatterten.
Danny hatte keine Ahnung, wie viel Amé und Dale Holt von alldem mitbekamen. In der Wüste und im Canyon gab es überall Funklöcher und die Verbindung war schlecht, weshalb er von Anfang an dagegen gewesen war, ein Mikrofon zu tragen. Weil aber der Sheriff und Amé darauf bestanden hatten, hatte er sich, ohne groß zu murren, gefügt. Doch nun saßen Amé und Dale mehr als hundert Meter entfernt in Amés Truck, hinter einem Mesquite-Busch versteckt und jenseits der Sichtachse des Trailers, weshalb Danny – scheiße, jeder von ihnen – von vornherein gewusst hatte, dass die beiden zu lange brauchen würden, falls die Sache (so wie jetzt) in die Hose ging. Denn Eddy machte sich aus dem Staub. Danny horchte, ob der Motor von Amés Ford und die Sirene ansprangen, aber es war nichts zu hören.
Schon wieder dieser Moment.
Gehen, bleiben.
Kämpfen, Rückzug.
Verdammt.
Es wäre echt verdammt kacke, wenn er sich von Eddy Rabbit erst mit einer Bratpfanne beinahe k.o. schlagen und ihn dann auch noch wie seinen tierischen Namensvetter davonrennen ließ.
»Los los los«, schrie Danny in das Mikrofon unter seinem Shirt und sprintete die Stufen zur Trailertür hoch. Sein offizieller Notruf, ein dämlicher Spruch, den er rufen sollte, falls Eddy Schwierigkeiten machte, war es nicht. Aber die anderen würden ihn schon verstehen.
Außerdem hatte er auch diesen Moment verstreichen lassen.
Danny stieß die Tür auf, blickte nach links und rechts, um sich zu vergewissern, dass Eddy ihm nicht in einer Ecke auflauerte. Die wenigen Fenster waren mit schwarzer Farbe besprüht worden, und er hatte den Eindruck, in dunkles, brackiges Wasser zu fallen. Im Trailer stank es, als wäre dort seit einer Ewigkeit nicht mehr gelüftet worden, vielleicht war irgendwo auch ein Tier verendet. An einer Wand lag ein Futon, ein paar Schritte weiter stand ein aufgeschlitzter Liegesessel und der Boden war übersät mit zersplitterten Glühbirnen, die unter seinen Stiefeln knirschten. In der Mitte des Hauptraums stand ein Keramikwaschbecken, randvoll mit zerdrückten Bierdosen und Zigarettenkippen. Eddy hatte es als Mülleimer benutzt.
In der Luft hing der süße, schwere Geruch von Gras. Unmengen von Gras, der Gestank klebte an den Wänden, die Danny streifte, gerade so, als würden die Pflanzen hinter den Spanplatten wachsen.
Danny ging weiter.
Auf dem Boden und an den hinteren Wänden sah er blasse Flecken von Sonnenlicht, weil Eddy auf seiner Flucht durch die Küche das Fliegengitter offen gelassen hatte. Wie es aussah, war er durch die Vordertür rein- und durch die Hintertür direkt wieder rausgerannt.
