Die Welt Ab_Bilden - Stephan Graus - E-Book

Die Welt Ab_Bilden E-Book

Stephan Graus

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Beschreibung

Ein Roman aus der Welt der schönen Künste. Das städtische Kunstmuseum sucht Guides für eine grosse Sonderausstellung. Rafael Schulz, Literaturwissenschaftler, arbeits- und geldlos, sieht seine Chance gekommen. Er stürzt sich in die Arbeit und hofft auf eine feste Anstellung. Im Museum-Mikrokosmos ist man von der absoluten Bedeutsamkeit der Künste und der Kunsthistoriker überzeugt. Kunst vereint Liebe und Hass, Eros und Eifersucht, Selbstlosigkeit und Niedertracht. Kurz, Kunst ist Leben. Allein Kunst ist wichtig, Geld ist wichtiger und hinter den Kulissen wird mit allen Mitteln um Pfründe, Posten, Macht und Einfluss gekämpft. Vom Hype der Blockbuster-Ausstellung wollen viele profitieren und über allem herrscht die wankelmütige Gunst der Geldgeber und Mäzene.

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Seitenzahl: 431

Veröffentlichungsjahr: 2021

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«Ich sehe was, was du nicht siehst...»

Kinderspiel

Scheiß Rauchverbot!

Nasskaltes Februarwetter, Dienstag, früher Nachmittag. Missmutig starre ich durch das Kneipenfenster. Sollte mal geputzt werden. Seit zwei Stunden sitze ich hier, lese Zeitungen und habe Lust auf eine Kippe. Rausgehen und rauchen oder bleiben und nicht rauchen? Lustlos blättere ich weiter.

Eine der teuersten Auktionen aller Zeiten: Gemälde für 180 Millionen Euro versteigert! Hundertachtzig Millionen. Das muss sich der Mensch auf der Zunge zergehen lassen. Darunter ein Werk von Juan Gris für zweiundvierzig Millionen.

Die Medien lieben solche Schlagzeilen. Vor drei Monaten schrien sie: Weltrekord! 142 Millionen Euro für ein Werk von Francis Bacon. Unter Tratsch und Klatsch werden die absurd hohen Preise breitgetreten, im Feuilleton folgen die fein gedrechselten Worte der Welterklärer.

Die einen geraten bei solchen Summen in Ekstase. Geld wird Kultur, viel Geld wird Hochkultur und darüber sprechen sie gern. Sehr gern sogar. Sie erklären den Wert der Kunst, schmeicheln den Käufern und sorgen für den nötigen Glanz in Galerien und Auktionshäusern. Für sie ist der Kauf eine kulturelle Tat und teuer das Qualitätsmerkmal.

Andere meinen es ernst und klagen, Kunst sei zum bloßen Investitionsgut geworden. Was man hier erlebe, sei die Befriedigung narzisstischer Selbstverwirklichungsphantasien gelangweilter Milliardäre.

Bedenklich, ich weiß, trotzdem: Das Problem hätte ich gern.

Giraffe Marius geschlachtet und an Löwen verfüttert! Zoodirektor erhält Morddrohungen. Auch gut zu wissen.

Draußen ist es kalt. Geh ich im Mantel rauchen, räumen sie ab. Zeitung weg, Tasse weg, Neubestellung erforderlich. Lasse ich den Mantel hier, wird er geklaut. Mantel weg, Zeitung weg, Tasse weg, alles weg. Will ich nicht riskieren und bei dem Wetter würde ich die Kippe eh im Schnelldurchgang runterziehen. Spaß macht’s nicht.

Neues Denkmal: Im Zentrum von Kiew ist die große Leninstatue durch eine golden schimmernde Toilettenschüssel ersetzt worden!

Darauf folgen der Sportteil und der Stellenmarkt. Ohne große Hoffnung scanne ich die Angebote. Ist eine Angewohnheit aller Arbeitsuchenden: Hast du eine Zeitung, lies den Stellenmarkt! Vielleicht findet sich etwas.

Auf der ersten Seite stehen wie immer die übergroßen Inserate: Dynamische Persönlichkeit als Geschäftsführer, Verkaufsstarker CEO und General Manager mit Führungsqualitäten. Nichts für mich.

Auf der vierten Seite, unten rechts, eine mittelgroße Anzeige:

Guides für Besucherführungen

Und weiter:

Das Städtische Kunstmuseum blickt zurück auf eine lange Tradition der Kunstvermittlung. Um für unsere kommende große Sonderausstellung einen lebendigen, attraktiven und zielgruppengerechten Zugang zu den Kunstwerken zu bieten, suchen wir zum nächstmöglichen Zeitpunkt motivierte jüngere Personen für Besucherführungen.

Wir bieten …

Junges, dynamisches Team mit flacher Hierarchie

15h die Woche

Flexible Arbeitszeiten

Kontakt mit internationalen Gästen

Interessante und abwechslungsreiche Tätigkeit

Sorgfältige Einarbeitung durch unsere Spezialisten

Ihr Profil …

Sie lieben Kunst

Sie haben Freude am Umgang mit Menschen

Sie haben ein abgeschlossenes Hochschulstudium in einem einschlägigen geisteswissenschaftlichen Studienbereich

Sie verfügen über gute Deutsch- und Englischkenntnisse

Sie verlieren bei großem Besucherandrang nicht den Überblick

Erfahrung im Museumsbereich und / oder pädagogischem Bereich von Vorteil

Eine Stelle im Kunstmuseum! Ich komme ins Träumen. Eine Arbeit im Glanz von Kunst und Kultur. Ansehen und Einkommen, später in verbeamteter Position, unkündbar, alle Rechnungen gedeckt, keine Sorgen mehr…

Sofort lese ich nochmals die Anforderungen. Sie lieben Kunst. Aber selbstverständlich. Wer liebt Kunst nicht? Als Kind des Bildungsbürgertums sowieso. Ich bin von meinen Eltern oft ins Museum mitgenommen worden. Unterm Strich waren es nicht die übelsten Ausflüge. Verwandtenbesuche waren schlimmer. Noch heute besuche ich hin und wieder ein Museum. Insbesondere auf Städtereisen. Vor allem, wenn es regnet oder kalt ist.

Englisch beherrsche ich seit meinem Austauschjahr und ich habe einen Master in Literaturwissenschaft. Die Geisteswissenschaften sind eine große Familie, die sich gegenseitig nährt und befruchtet. Literatur und Kunst sind die niedlichen Zwillinge am Familientisch. Diesen Satz muss ich mir merken für den Fall, dass ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werde.

Achtung! Da werden sich Hunderte bewerben, Kunstgeschichtler mit Promotion und jeder Menge Praktika, und ich stelle mir vor, was ich im Vorstellungsgespräch sagen will. Solche Träumereien machen den Frust nur größer. Ich kenne das. Lieber überlegen, was ich bieten kann, was für mich spricht. So oder so ähnlich heißt’s in den Ratgebern. Sprachkenntnisse und geisteswissenschaftliche Ausbildung sind okay. Und weiter?

Erfahrung im pädagogischen Bereich habe ich auch. Ich kann es zumindest behaupten. Nach dem Studium habe ich als Lehrer gearbeitet. Deutsch für junge Immigranten. ›Die Sprache ist der erste Schritt zur Integration‹ war das Schlagwort der Stunde. Ich hatte keine Ahnung vom Unterrichten, aber man hat mich trotzdem eingestellt. Das war damals so. Vom Schulalltag buchstäblich überrollt, habe ich schnell wieder gekündigt. Dem Schulleiter erzählte ich etwas von Mich-weiterbilden-Wollen, um anschließend in diesen sinnvollen und befriedigenden Beruf zurückzukehren und ihn nachhaltig für und mit den Lernenden gestalten zu können.

Ich habe keine Ahnung, ob er es mir geglaubt hat, aber er vergalt meine schönen Worte mit einem passablen Arbeitszeugnis. Im letzten Abschnitt erwähnt er mein Verantwortungsbewusstsein und meine hohen Ansprüche. Auf den ersten Blick macht es einen guten Eindruck.

Vielleicht sollte ich auch erwähnen, dass ich mal in der Werbung tätig war. Als Werbetexter. Nur als Praktikant, aber immerhin. Passt gut zum Stichwort ›Vermittlung‹. Habe an einer Waschmittel-Kampagne mitgearbeitet. Auch eine Art Kunst. Bevor ich mich groß beweisen konnte, war die Firma pleite und alles war futsch. Auch mein Lohn für drei Monate Arbeit. Egal. Ich kann die Geschichte als ›Erfahren in komplexe Inhalte leicht verständlich darstellen und zielgruppengerecht vermitteln‹ aufführen. Die Museen müssten so was lieben.

Weitere Tätigkeiten? Nur die klassische Liste des modernen Prekariats. Von kurzen, schlechtbezahlten Tätigkeiten unterbrochene Arbeitslosigkeit. Man schlängelt sich durch. Die letzte Tätigkeit war der Klassiker: Pizzakurier. Bis ich auf der Lohnabrechnung sah, dass die Abzüge den größten Teil des Geldes auffraßen. Ich musste Benutzungsgebühren für Fahrzeug und Arbeitskleidung entrichten. Zudem Reinigungspauschalen für beides und für das Essen den vollen Preis. Ich besprach die Situation mit dem Chef und war wieder Teil der arbeitsuchenden Masse.

Motivierte, jüngere Personen. Motiviert bin ich. Sehr sogar. Existenzangst ist ein großer Motivator. Gut ist der Plural, wenn sie mehrere Leute suchen, steigen meine Chancen. Wegen der Teamdurchmischung und so, rede ich mir ein. Und jünger? Gemeinhin meint das unter dreißig. Trifft bei mir gerade noch zu.

Der letzte Absatz gibt den endgültigen Ausschlag, eine ernst gemeinte Bewerbung zu schicken: Das Städtische Kunstmuseum fördert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Gleichstellung von Frauen und Männern. In dem ausgeschriebenen Bereich sind Männer unterrepräsentiert. Männer sind daher ausdrücklich aufgefordert, sich zu bewerben. Sie werden bei gleicher Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung vorrangig berücksichtigt.

Das klingt vielversprechend. Die meisten Kunstgeschichtler sind weiblich und die wenigen Männer streben nach Höherem. Meine Chancen scheinen mir zunehmend gut.

Ich reiße die Seite unauffällig aus und gehe heim. Unterwegs zünde ich mir die erste Zigarette des Tages an. Sie schmeckt gut, sehr gut sogar, obwohl es kalt ist und ich im Laufen rauche.

Am Anfang einer Bewerbung steht die Recherche. So die Ratgeber. Bei Google finde ich unter ›Städtisches Kunstmuseum‹ die üblichen Links zu Wikipedia, der Homepage des Museums und Zeitungsartikel zu vergangenen Ausstellungen. Dazu noch ein paar Berichte über die zwei Jahre zurückliegende Wahl einer neuen Direktion. Da heißt es, obwohl mit der Leiterin der zeitgenössischen Abteilung, Irene Vogt, eine hausinterne Kandidatin zur Verfügung stand, hat sich die vom Bürgermeister eingesetzte Findungskommission für Doktor Helga Schneider entschieden, eine national wie international renommierte Museumsfachfrau. Für die Wahl sei neben ihrem ausgezeichneten Ruf das von ihr vorgelegte Ausstellungskonzept ausschlaggebend gewesen. Sie habe sich, heißt es noch, in der Vergangenheit als eine begnadete Einwerberin von Drittmitteln erwiesen.

Die Artikel über vergangene Ausstellungen loben die kulturellen Highlights und erwähnen das eine oder andere Meisterwerk. Dazu wird immer wieder betont, heutzutage müsse das Vermittlungsangebot im Vordergrund stehen. Der durchschnittliche Museumsbesucher wird immer älter und um die Jugend für Ausstellungen zu begeistern, bedarf es eines Angebots, das ihr Interesse weckt und sie in diese Welt einführt.

Auf der Homepage des Museums nur das Übliche. Das Introbild zeigt einen Raum mit großformatigen Werken an den Wänden. Amerikaner, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, darüber die weiterführenden Links. Das Leitbild begnügt sich mit dem Satz, man sei dem wertschätzenden Umgang mit dem anvertrauten kulturellen Erbe sowie den Mitarbeitenden verpflichtet.

Im Kapitel Ausstellungen wird die kommende Sonderausstellung angekündigt:

Die Welt Ab-Bilden – Die Welt im Spiegel der Kunst

Mit über 100 Meisterwerken aus internationalen Museen und Privatsammlungen, darunter viele kostbare Werke, die noch nie oder schon lange nicht mehr ausgeliehen worden sind, spiegelt das Städtische Kunstmuseum die Sicht des Menschen auf seine Umwelt durch die Jahrhunderte.

In diesem Umfang einmalig und auf höchstem Niveau werden im charakteristischen Nebeneinander verschiedene Traditionen aus der Renaissance bis in die neueste Zeit kontrapunktiert. Es offenbart sich eine einzigartige Auseinandersetzung von Kunst und Realität, wie sie in dieser Konzentration kaum wieder zu sehen und zu erfahren sein wird.

Zu den Highlights gehören zahlreiche Werke und Werkgruppen von einigen der berühmtesten Künstlerpersönlichkeiten aus allen Epochen. Die Künstlerliste wird laufend aktualisiert und in ihrer endgültigen Fassung zur Medienkonferenz bekanntgegeben.

Die Ausstellung wird ermöglicht durch die großzügige Unterstützung von

Stiftung für Kultur

Die Landessparkasse

Bergman Foundation

Dauer der Ausstellung: 1. Juni bis 30. November

Festakt für geladene Honoratioren und Leihgeber:

Freitag, 30. Mai (Zutritt nur mit Einladung)

Vernissage: Samstag, 31. Mai (Zutritt nur mit Einladung)

Der Text ist ziemlich verschroben, aber ›berühmteste Künstlerpersönlichkeiten‹ mit dem kann ich etwas anfangen. Sicher Picasso, Beuys, Warhol. Dazu etwas van Gogh und bei den Zeitgenossen Richter und Koons. Bei den Alten Holbein und Dürer. Vielleicht auch ein Rembrandt oder so. Wie auch immer, von der Renaissance bis zur Gegenwart, bei solch einem Spannbogen sind die Einzelheiten zweitrangig.

Bevor ich weiterlese, lege ich mir eine Liste für die Bewerbung an. Erster Eintrag: Gute Kenntnisse der Kulturgeschichte. Man muss sich verkaufen können, denke ich, und ersetze ›gute‹ durch ›ausgezeichnete‹. ›Kulturgeschichte‹ scheint mir zu allgemein. ›Kunstepochen‹ ist besser. Also ›ausgezeichnete Kenntnisse der Kunstepochen‹. Gefällt mir. Da kann ich noch etwas im Sinn von ›komplexe Inhalte pointiert veranschaulichen und zielgruppenorientiert vermitteln‹ anhängen. Vorher noch schauen, was das Städtische Kunstmuseum zur Kunstvermittlung anbietet:

Wir bieten Zugang zur Kunst. Für Kinder und Erwachsene, für Schulen und Lehrkräfte, für Gruppen und Einzelpersonen, für Jung und Alt. Unsere Angebote betreffen Sonderausstellungen und Sammlungspräsentationen.

Aha. Aber dafür braucht man wohl keine zusätzlichen Guides. Was will man wirklich? Das Übliche wohl, Ruhm, Ehre, Geld und viele Besucher. Die Jugend begeistern, nicht zu vergessen.

Für die Bewerbung brauche ich schlagende Argumente. Wie heißt es in den einschlägigen Bewerbungsratgebern: Zeige den Mehrwert, den du für das Unternehmen schaffst! Der Personaler muss schon im ersten Absatz von dir überzeugt sein!

›Nehmt mich, ich mach euch die Hütte voll‹, kann ich wohl nicht schreiben.

Da capo! Wie hieß es in den Zeitungen? Der regelmäßige Museumsbesucher wird immer älter und es bedarf verstärkter Anstrengungen, um neue Besuchergruppen zu erschließen. Was braucht es dazu? Ein ansprechendes Angebot, Unterhaltung und gute Werbung. Fokus auf Jugendliche und neue Besuchergruppen und neue Konzepte ... halt, denke ich, ich will die Kunstvermittlung nicht umkrempeln, sondern nur die Stelle als Museums-Guide. Also: Mit mir kriegen Sie einen kompetenten, engagierten und mitreißenden Guide. Mehr nicht. Wer zu viel denkt, macht den Leuten Angst.

Ich gebe mir wirklich große Mühe mit der Bewerbung. Ich schreibe von meiner erfolgreichen Tätigkeit als Lehrer, erwähne meine Fähigkeiten, mitreißend zu erzählen, lasse meine Erfahrungen und Erfolge in der Werbung einfließen. Ich fabuliere über eine Mitwirkung bei Motivationsprojekten für benachteiligte Jugendliche, streiche sofort das ›benachteiligte‹, hebe meine Kenntnisse der Kulturgeschichte hervor und gebe meiner Überzeugung kund, Kultur lebe durch jene, die sie schaffen und jene, die sie vermitteln.

Ich vergesse nicht, klar zu sagen, dass die Tätigkeit als Kunstvermittler nicht nur eine Arbeit, sondern ein eigentlicher Traumjob ist. Ich sei eine integrative Persönlichkeit, die sich gut in ein Team einfügt. Ich sei initiativ und behalte auch in hektischen Situationen den Überblick. Zum Schluss noch, dass ich mich über eine Einladung zum persönlichen Gespräch freuen würde.

Den ganzen folgenden Tag feile ich an den Formulierungen und Argumenten. Streiche, formuliere neu, biedere mich an und beginne mehrmals von vorn.

Einigermaßen zufrieden programmiere ich meine Bewerbung zum Versand auf den nächsten Morgen um sieben Uhr. Frühaufsteher sind bei Arbeitgebern beliebt, heißt es.

Als ich am darauffolgenden Tag den Computer hochfahre, ist im Posteingang eine Mail des Museums. Man dankt für mein Interesse, im Städtischen Kunstmuseum mitwirken zu wollen. Meine Bewerbung wird geprüft und man wird sich möglichst zeitnah wieder bei mir melden.

Am Donnerstag der nächsten Woche ruft man mich an. Eine Frau Neuner teilt mir mit, die Direktorin, Frau Doktor Helga Schneider möchte mich am kommenden Dienstag um vierzehn Uhr zu einem persönlichen Gespräch einladen. Ich soll mich fünf Minuten vorher am Informationsschalter melden.

Ich bedanke mich artig, es freue mich, dass ich die Gelegenheit habe, mich persönlich vorzustellen. Es freue mich sehr.

»Gut. Auf Wiederhören«, erwidert meine Gesprächspartnerin ausdruckslos und beendet das Gespräch.

Ich freue mich wirklich. Die erste Hürde ist geschafft.

Eine gute Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch ist wichtig: Sie haben nur einmal die Gelegenheit für einen positiven ersten Eindruck, so die einschlägigen Ratgeber. Informieren Sie sich über die Firma und die wichtigsten Tätigkeitsgebiete. Im Gespräch können Sie dann subtil einfließen lassen, dass Sie sich über ihren zukünftigen Arbeitgeber informiert haben. Die Personaler werden Ihre proaktive Haltung schätzen.

Zur Vorbereitung lese ich die Geschichte des Städtischen Museums durch. Das Museum ist anfangs des 20. Jahrhunderts gebaut worden. Das reiche Bürgertum wollte einen repräsentativen Bau, es wurde ein riesiges Karree mit den unvermeidlichen Arkaden auf der Stirnseite. Das Ganze zweigeschossig, streng symmetrisch und über dem Eingang ein Aufbau für die Verwaltung. Mitte der 80er Jahre wurde es aufwendig umgebaut. Der ganze zweite Stock ist zu einem Rundgang umgestaltet worden, sodass nun auch publikumswirksame Sonderausstellungen gezeigt werden können. Ferner sind die Sicherheitsvorrichtungen und Klimaanlagen modernisiert worden. Mit diesen Maßnahmen ist das Haus für das 21. Jahrhundert fit gemacht.

Die Eintrittspreise sind ziemlich hoch, aber mittwochs ist eine Stunde vor Schließung freier Eintritt. Mittwoch war gestern. Ich verschiebe den Augenschein vor Ort für nach dem Vorstellungsgespräch. So ich denn in die engere Wahl komme und zu einem Zweitgespräch eingeladen werde. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Vorderhand klicke ich mich durch die im Web abgebildete Sammlung.

Pünktlich fünf vor zwei betrete ich das Museum, der Kopf voll gut klingender Textbausteine. Mein Mantra: Bei der Stellenbesetzung führt kein Weg an mir vorbei.

Am Informationsschalter schickt man mich ins Direktionsbüro, zuoberst im Verwaltungsaufbau, dann rechts. Vom zweiten Stock an steige ich über Treppenstufen, auf deren Stirnseite Verwaltung. Für Unbefugte kein Zutritt steht nach oben und zum Direktionsbüro. Vor der Tür murmle ich mein Tagesmantra und klopfe. Es ist genau zwei Uhr.

Keine Reaktion. Habe ich zu leise geklopft? Ist die Direktorin auf dem Klo? Ich warte noch einen Augenblick und will nochmals klopfen, da heißt’s leise »Herein«. Ich trete ein.

»Guten Tag, Frau Doktor Schneider«, sage ich beschwingt Richtung linke Ecke, wo sie hinter ihrem Schreibtisch sitzt.

Das Direktionsbüro ist groß. Sehr groß. Es nimmt die ganze Breite des Aufbaus ein und misst an die sechzig Quadratmeter. Mindestens. Viel größer als meine Wohnung. Rechts ein großer Konferenztisch, links schräg vorm Eck der Schreibtisch, Glasplatte, dahinter die Direktorin. Sie ist ungefähr sechzig, hager, schwarze Haare, gefärbt, Nickelbrille und beiger Hosenanzug. Die Bluse ist passend cremefarbig und aus den Ärmeln der Jacke ragen Rüschenmanschetten. Die Ellbogen auf die Glasplatte gestützt, blickt sie auf ein paar Blätter vor sich und rührt sich nicht. Zwischen den beiden Fensterfronten steht auf einer weiß lackierten Säule eine Skulptur. Ein sanft geschwungener Riesenphallus aus poliertem Messing, das Ganze ungefähr mannshoch. Ich mache zwei drei zögerliche Schritte auf den Schreibtisch zu.

»Guten Tag, Frau Doktor ...« Zweiter Versuch.

»Nehmen Sie Platz.« Sie unterbricht mich, ohne den Blick zu heben.

Ich gehe zum Konferenztisch und setze mich auf den vordersten Stuhl. Die Tischplatte ist aus dunkel-rotbraunen Holz mit einer regelmäßigen Maserung. Die ganze Platte aus einem Stück. Aus einer Zeit, als Edelhölzer nicht verpönt waren. Mahagoni wahrscheinlich, teuer sicher. Und zentral im Raum der riesige Phallus. Unweigerlich kommt mir Brechts ›Mahagonny‹ in den Sinn, ›Erstens, vergesst nicht, kommt das Fressen, zweitens kommt der Liebesakt‹, wenn, wie es weiter heißt, ›man Geld hat‹.

»Brâncuşi, Constantin Brâncuşi, Princess X«, sagt da die Direktorin, immer noch in ihre Papiere vertieft.

Natürlich. Die Plastik ist die Büste von Marie Bonaparte. War zu ihrer Zeit ein Riesenskandal. Urenkelin von Napoleons Bruder, beschäftigte sich mit obskuren Forschungen über den vaginalen Orgasmus. Vermaß den Abstand zwischen Vagina und Klitoris. Je größer der Abstand, desto schwieriger soll es sein, den Orgasmus zu erreichen. Bei sich hat sie den Abstand als zu groß diagnostiziert. Sie ließ den Abstand verkleinern, soll nichts genutzt haben. Wenig hilfreich war, dass ihr Mann ein bekennender Homosexueller war. Also versuchte sie die Psychoanalyse. Standesgemäß in Wien bei Freud. Kurz, adlig, reich und höchst neurotisch. Heute nur bekannt, weil sie Freud von den Nazis freikaufte und das Leben rettete.

»Ah, Marie Bonaparte, die Retterin Freuds, nicht?« Ich versuche, das Schweigen zu brechen und meine Kenntnisse zu zeigen. Ich habe letzthin den Film ›Marie Bonaparte‹ gesehen. Im Fernsehprogramm war dazu ein sogenannter Hintergrundbericht. Habe ich in der Werbepause gelesen.

Die Direktorin blickt tatsächlich auf und deutet auf die Stühle, die neben der Tür an der Wand stehen.

»Nehmen Sie einen Stuhl und kommen Sie, setzen sie sich hierher.« Sie zeigt auf den Platz vor ihrem Schreibtisch.

Ich stehe auf, gehe zu den Stühlen, billige Massenware mit Bastsitzfläche, trage einen zum Schreibtisch, stelle ihn frontal vor der Direktorin ab und setze mich.

»Also Herr ...« Sie blickt auf die Unterlagen vor ihr. »Herr ...«

Ich räuspere mich. »Schulz. Rafael Schulz.«

»Ah, Herr Schulz also. Ja hier.« Sie nimmt einen der Schnellhefter auf und blättert ihn durch. »Hmm. Haben Sie Probleme mit Frauen als Vorgesetzte?«

Ich lasse meine Brille nach vorn rutschen und starre sie über den Brillenrand an. Die Frage überrumpelt mich. Will sie eine Genderdiskussion mit mir anfangen?

Den Trick mit der Brille habe ich mir als Kind angewöhnt. Das war in der ersten Klasse. Wir sollten die Dinge auf der Wandtafel benennen. Ich sah nichts. Die Lehrerin rief meine Eltern an und ich musste zum Augenarzt.

Angeborene Myopie die Diagnose, Kurzsichtigkeit, wie mir die Eltern erklärten. Also Brille, so der Arzt. Ganz wie der Vater so die Mutter. Und wie es damals war, ein Kassenmodell, großer schwerer Plastikrahmen mit Gläsern im Flaschenbodenformat. Ich hasste das Ding vom ersten Moment an. Es war sperrig, tat hinter den Ohren weh und das klare Sehen war ein Verlust an Geborgenheit. Also habe ich es mir angewöhnt, bei Bedarf zu der wohligen Unschärfe zurückzukehren. Ich lasse die Brille auf die Nasenspitze rutschen, blicke über den Brillenrand, die Gesichter verlieren ihre Schärfe und werden zu verschwommenen Flecken. Es hilft, keine Angst zu haben.

»Äh, nein. Überhaupt nicht. Das Geschlecht spielt für mich keine Rolle. Führungspositionen sollten nach Kompetenz und nicht nach Geschlecht besetzt werden.« Ich blicke treuherzig in den verschwommenen Fleck ihres Gesichts. Dann hebe ich den Kopf, blicke durch die Gläser und versuche, die Wirkung meiner Antwort abzuschätzen. Das Gespräch entwickelt sich überhaupt nicht, wie ich es erwartet habe.

Sie blättert wieder in dem Schnellhefter und blickt mal hierhin, mal dorthin.

»Sie haben Literatur studiert und als Lehrer gearbeitet.«

Es ist weder eine Frage noch eine Feststellung, es ist ein ›Hmm, interessant das! Vor sich hin murmeln‹. Jetzt will ich die Initiative übernehmen und sagen, was ich vorbereitet habe. Zeigen, dass ich der Richtige bin. Dass ich die nötigen Qualifikationen habe. Kurz, dass bei der Stellenbesetzung kein Weg an mir vorbeiführt.

»Ja, und als Lehrer war mir immer wichtig, Zusammenhänge aufzuzeigen. Nicht einfach erklären, sondern bei den Schülern …« Mir fällt ihre erste Frage ein und ich füge noch schnell »…und Schülerinnen die Lust am selber entdecken zu wecken, ihnen die Augen für die Schönheiten ...«

Sie winkt gelangweilt ab. »Wir versammeln hier kostbarste kulturelle Werke. Haben Sie Erfahrung damit?« Sie blickt mich forschend an. Ich senke den Kopf und blicke sie wieder über den Brillenrand an.

»Nun, ähmm, als Student habe ich die Stiftsbibliothek in St. Gallen besucht. Ich hatte das große Glück, mit den kostbarsten Handschriften arbeiten zu dürfen. Gebunden in feinstes Leder. Mit wunderschönen Miniaturen. Das Gefühl, diese Jahrhunderte alten Kostbarkeiten in den Händen halten zu dürfen, ist unbeschreiblich. Es hat mich gelehrt, wahre Kunst ist zeitlos. Sie eröffnet neue Sichtweisen und Welten, egal wie alt die Werke auch sein mögen. Dies erleben zu dürfen, ist ein unglaubliches Glück.«

Das ist alles frei erfunden und wohl auch schlecht erzählt. In Tat und Wahrheit kam ich der Stiftsbibliothek, geschweige denn den Handschriften, nie näher als bis zu der virtuellen Bibliothek mit den digitalisierten Handschriften. Vom eigenen Schreibtisch aus. Neue Welten eröffnen? Die Schrift war mir fremd und mein Schullatein ist nichts wert. Aber was habe ich zu verlieren? Irgendwas muss ich sagen. Immerhin habe ich die Site mit einem Lesezeichen abgespeichert.

Die Direktorin lächelt. Ich scheine die richtigen Worte getroffen zu haben.

»Ja …« sagt sie. »Ich kenne das Gefühl. Obwohl ich schon viele und, wie man sagt, bedeutende Ausstellungen gemacht habe, erlebe ich die besondere Erregung, wenn ich ein kostbares Kunstwerk in den Händen halte, immer wieder aufs Neue. Es zum Sprechen bringen, es an den richtigen Platz hängen und seine Geschichte erlebbar machen, ist ein großes Privileg. Genau das machen wir hier. Das ist der schönste Beruf der Welt. Aber nur wenige können es. Ganz wenige«, seufzt sie. »Man muss ein Gefühl für die Kunst entwickeln, offen sein, breitgefächerte Kenntnisse haben und den unbedingten Willen mitbringen, es richtig zu machen. Meinen Sie nicht auch?«

Ich nicke begeistert. »Dabei mithelfen zu dürfen, eine solche Ausstellung, die, wenn ich es so sagen darf, auch ein Kunstwerk ist, den Besuchern und Besucherinnen zu zeigen, insbesondere den Jugendlichen, sie für die einzelnen Teile wie für das Ganze, zu sensibilisieren, ihnen helfen, diese neue Welt zu entdecken, ist genau das, was ich machen möchte. Und ich weiß, dass ich es kann.«

In diesem Moment ertönen aus ihrer über der Stuhllehne hängenden Handtasche die Anfangstöne von Ravels ›Bolero‹. Sie greift in die Tasche, zieht ein Mobiltelefon heraus, schaut kurz auf das Display und nimmt das Gespräch an.

»Schätzchen, ich bin’s!«, schreit’s vom anderen Ende.

»Momentchen …« Die Direktorin deckt das Mikrofon mit der Hand und blickt mich an.

»Ich kann mich Ihnen jetzt nicht weiter widmen. Sie sehen ja …« Sie macht eine Bewegung mit dem Telefon. »Sie können sich mit der Umgebung vertraut machen. Gehen Sie in den zweiten Stock und schauen Sie sich die Räumlichkeiten an. Seien Sie um genau drei Uhr wieder hier. Wir besprechen dann den Rest.«

Verwirrt stehe ich auf und drehe mich Richtung Tür.

»Herr Schulz ...«

»Ja, bitte?«

»Stellen Sie doch den Stuhl zurück.«

Ich nehme den Stuhl, stelle ihn neben der Tür ab und verlasse den Raum.

Was hat das zu bedeuten? ›Machen sie sich mit der Umgebung vertraut‹, sagte sie. Heißt das, ich habe den Job? ›Seien Sie um drei wieder hier.‹ Ich blicke auf die Uhr. Das Gespräch hat zehn Minuten gedauert. Fast eine Stunde totzuschlagen, bevor wir den Rest besprechen. Was für ein Vorstellungsgespräch!

Ich gehe in den zweiten Stock und als ich von der Treppe nach links abbiege, baut sich eine Aufsicht vor mir auf.

»Das Stockwerk ist geschlossen. Ausstellungsaufbau. Für das Publikum sind zur Zeit nur der erste Stock und das Erdgeschoss zugänglich.«

»Die Direktorin schickt mich«, erwidere ich zaghaft. »Ich soll mir die Räumlichkeiten anschauen.«

»Ach so«, sagt der Aufseher. »In dem Fall kommen Sie.« Er geht zu der großen Doppeltür, drückt die brusthoch angebrachte Klinke nach unten und zieht den Flügel ein wenig auf.

»Bitte. Sie können sich den ganzen Rundgang anschauen. Die Räume sind leer. Wenn Sie durch sind, kommen Sie von dort wieder her.« Er deutet auf die identische Tür auf der anderen Seite des Raums. »Die Türen sind nicht abgeschlossen.«

Er zieht die Tür ein wenig mehr auf und wartet bis ich eintrete.

Es ist still und muffig. Die Wände sind mit Spachtelschlieren übersät. Das weiße Licht ist ebenmäßig und schattierungslos, wahrscheinlich künstlich. Die Räume sind durch querstehende Wände unterteilt, die von der Außenwand bis zwei Meter vor die Innenwand reichen. Türen gibt es keine, man sieht durch den ganzen Querbau bis zur gegenüberliegenden Seite.

Helle Streifen auf dem Parkettboden zeigen, dass der Raum mit mobilen Wänden unterteilt war. Ich zähle die Schritte von Wand zur Wand. Anschließend schreite ich die Länge ab. Acht auf zwölf Meter. Der nächste Raum ist ungefähr halb so lang und die Wände sind ebenfalls gespachtelt. Langsam laufe ich durch den Gang. Der Parkettboden knarzt leise. Insgesamt fünf Räume bis zum Querbau und auf der anderen Seite noch mal so viele. Platz für eine Menge Bilder oder eine lichte Hängung.

Die Verbindung zwischen dem West- und Ostflügel ist ein langer Raum mit Steinfußboden und breiten Fensterfronten zum Hof und zur Straße. Im Ostflügel sind die Räume identisch. Im letzten Raum steht im vorderen Drittel ein Kabäuschen. Neugierig trete ich ein. Der Boden ist mit schwarzem Filz belegt, die Wände sind mattschwarz und der Raum ist bis auf einen Tisch in der linken Ecke leer. Auf dem Tisch liegen Werkzeuge, Zangen, Schraubenzieher und etwas Kleinzeugs.

Unter dem Tisch kniet jemand, werkelt am Fußboden und streckt den Hintern in den Raum. Man hat mich bis jetzt nicht bemerkt. Ich will niemanden erschrecken, aber einfach davonschleichen geht auch nicht. Wie spricht man einen Hintern an?

»Ähhm.« Ich versuche es mit einem halblauten Räuspern und schicke noch ein gedämpftes »Guten Tag«, hinterher.

Die Person unter dem Tisch zuckt zusammen und kriecht vorsichtig unter der Tischplatte hervor. Es ist eine Frau, ungefähr in meinem Alter, einiges kleiner, schwarze Jeans, schwarzer Sweater, schulterlange Haare und ein bleiches Gesicht. Die Art Person, für die das Wort ›unscheinbar‹ geschaffen worden ist. Sie sagt kein Wort und ihr Blick verharrt irgendwo zwischen meinem Kinn und Brustbein. In der einen Hand hält sie eine Steckdose, in der anderen einen kleinen Schraubenzieher.

»Ähhm …« Ich räuspere mich abermals. »Sie sind Elektrikerin?«

»Nein.« Pause. Nichts weiter.

»Sie scheinen aber eine Steckdose zu montieren.« Ich deute auf die Steckdose in ihrer Hand und den zurückgeschlagenen Filzteppich unter dem Tisch, wo nackte Drähte hervorstehen.

»Ja.« Pause. Nichts weiter.

»Warum?« Unwillkürlich imitiere ich ihre Ein-Wort-Sätze.

»Der Künstler will schwarze Steckdosen.«

»Unterm Teppich?«

Sie zuckt mit den Achseln, blickt mein Brustbein an und sagt nichts.

»Ist es für die kommende Ausstellung?«

»Ja.«

Das Gespräch harzt. Sie hat offensichtlich keine Lust auf eine Unterhaltung. Vielleicht sollte ich erklären, was ich hier mache.

»Die Direktorin meinte, ich soll mich hier umzusehen. Es ist wegen der Kunstvermittlung.«

»Und? Haben Sie die Stelle?«

Jetzt zucke ich mit den Schultern.

»Keine Ahnung. Die Direktorin hat einen Anruf erhalten und das Vorstellungsgespräch unterbrochen. Soll um drei wieder bei ihr sein.« Ich werfe einen Blick auf die Armbanduhr. Es ist zwanzig nach zwei.

»Aber Sie sollen sich die Räume anschauen?«, sagt sie mit einem spöttischen Unterton. »Ich glaube, Sie haben die Stelle.«

»Na ja, hoffen wir’s. Trotzdem danke, ist sehr nett, dass Sie das sagen.«

Darauf antwortet sie nichts und blickt stumm mein Brustbein an. Die Stille zieht sich in die Länge. Mir ist das Ganze peinlich und ich mache ich einen Abgang.

»Na ja, dann will ich mal weiter, mich noch etwas umsehen, bevor ich wieder zur Direktorin muss. Ich will Sie nicht weiter aufhalten.«

Sie nickt und dreht sich sofort zum Tisch, als hätte sie Angst, dass ich es mir anders überlege.

»Auf Wiedersehen«, sage ich knapp und gehe zum Ausgang.

»Auf Wiedersehen Herr Schulz«, höre ich noch, als ich schon draußen bin.

Woher kennt sie meinen Namen? Ich unterdrücke den Impuls umzukehren und gehe zu der Flügeltür. Die Höhe und Größe der Türklinke lassen mein Selbstwertgefühl weiter schrumpfen.

Die restliche Zeit durchstreife ich die Säle im ersten Stock. 16. bis spätes 19. Jahrhundert. Dramatische Sonnenuntergänge, Landschaften unter bedrohlichen Wolkenformationen, Porträts herrisch blickender Großbürger und ornamental überladener Adliger, heroische Schlachtszenen sowie die obligaten Holländer mit bäuerlichen Szenen und winterlichen Stadtansichten.

Die Galerie ist menschenleer, ich bin der einzige Besucher. In der Mitte kommt mir eine Aufsichtsperson entgegen. Eine ziemlich skurrile Figur. Der Uniformanzug Charlie-Chaplin-mäßig, zu große Hose, zu kleine Jacke. Der Kopf kahl bis auf einen pink gefärbten von Stirn zum Nacken verlaufenden Haarkamm. Punkmode der Achtziger, voll retro. Er schreitet seines Weges, blickt weder nach links noch rechts und verschwindet in den vorderen Räumen, ohne mich beachtet zu haben.

Nichts entwickelt sich so wie erhofft. Für die Aufsicht bin ich unsichtbar, die Direktorin fragt, ob ich Probleme mit Frauen habe, die Handwerkerin montiert eine schwarze Steckdose, die in einem schwarzen Raum von einem schwarzen Teppich bedeckt sein wird. Weil es der Künstler so will.

Von meinem vorbereiteten Text konnte ich bis jetzt nichts anbringen. Das Ganze riecht verdächtig nach einem Desaster. Dabei brauche ich dringend einen Job. Museums-Guide zum Beispiel. Vielleicht, ich versuche es mit der Kraft des positiven Denkens, hat die Kleine recht und ich bin schon so gut wie angestellt.

Punkt drei Uhr stehe ich wieder vor dem Direktionsbüro und bin entschlossen, meine vorbereiteten Argumente und salbungsvollen Worte an die Frau zu bringen.

Im Büro ist neben der Direktorin eine zweite Frau. Die beiden sitzen sich am Konferenztisch gegenüber; beide haben einen Stapel Papiere vor sich liegen.

»Ah, Herr Schulz. Schön sind Sie wieder da …«, sagt die Direktorin. »Kommen Sie, setzen Sie sich hierhin.« Sie deutet auf den Platz neben der anderen Frau.

Als ich auf den Platz zugehe, steht sie auf und streckt mir die Hand entgegen: »Carola Lehmann. VIP-Relations-Managerin und Leiterin Kunstvermittlung.«

Sie trägt eine übergroße weiße Bluse und obwohl sie die vierzig hinter sich hat, weiße Leggings. Um den Hals ein gelbes Chiffontuch, doppelt geschlungen und unterm Kinn nach vorn gezupft. Die Haare im Pagenschnitt, der das Oval ihres Gesichts betont und mittendrin eine ziemliche Hakennase.

Ich schüttle ihr die Hand, murmele: »Rafael Schulz. Freut mich sehr.« Ich setze mich neben sie und blicke die Direktorin an. Bevor ich auch nur einen der vorbereiteten Sätze loswerden kann, spricht mich Frau Lehmann an.

»Wir praktizieren die dialogische Kunstvermittlung. Das ist die schwierigste, aber beste Art der Kunstvermittlung und absolut notwendig, insbesondere bei Führungen für Jugendliche. Haben Sie Erfahrung damit?«

Ich versuche, mich ihr zu zuwenden, was nicht einfach ist, wir sitzen ziemlich eng nebeneinander und so drehe ihr nur den Kopf zu. Schon nach ein paar wenigen Worten beginnt mein Nacken zu schmerzen.

»Als Lehrer habe ich den Dialog mit meinen Schülerinnen und Schülern gepflegt.« Ich rufe einen meiner Textbausteine ab. »Ich habe sie an Stelle des althergebrachten Frontalunterrichts die Zusammenhänge selbst entdecken lassen. Es war mir immer wichtig, bei ihnen die Lust am Selberdenken und Herausfinden zu wecken. Das geht natürlich nur im gegenseitigen Austausch und nicht, wenn man Monologe hält. Später, in der Werbung, war der Dialog mit den Zielgruppen eine Conditio sine qua non. Wissen Sie, die Werbung muss heutzutage immer dialogisch sein. Die Kunst besteht darin, das Gesprächsangebot so zu verpacken, dass es angenommen wird und ein Zwiegespräch zustande kommt. Darin war ich, sowohl als Lehrer, wie als Werber, ziemlich erfolgreich, wenn ich das so sagen darf.«

Zögern Sie nicht, Ihre Kenntnisse und Erfahrungen selbst positiv zu bewerten. So die Ratgeber. Ganz wohl ist mir dabei nicht, aber wenn schon denn schon.

»Mit dem exklusiven Angebot, das Sie hier anbieten, ist eine breite und kulturgeschichtlich reichhaltige Dialogebene gegeben. Ich bin überzeugt, dass ich den Austausch zwischen den kulturellen Artefakten und den Besuchern gut zum Laufen bringen und gewinnbringend moderieren kann.«

Jetzt schmerzt mein Nacken endgültig. Ich drehe den Kopf zur Direktorin, entspanne die Muskeln und will auch schauen, ob meine Worte den gewünschten Effekt haben.

»Kunstgeschichte haben Sie nicht studiert?«, fragt die Lehmann mit Blick in die Papiere vor sich. Ich drehe mich wieder zu ihr. Auf die Frage bin ich vorbereitet.

»Nein, aber als Literaturwissenschaftler kenne ich die verschiedenen Epochen und ihre künstlerischen Ausdrucksweisen. Zudem, die Geisteswissenschaften bewegen sich auf verwandten Gebieten und die Literatur und Kunst haben sich schon immer gegenseitig befruchtet. Ich besitze also das nötige Rüstzeug, um die Aufgabe kompetent wahrzunehmen. Dies umso mehr, als dass eine gründliche Einarbeitung vorgesehen ist. Da ich Freude am Lernen habe und eine gute Auffassungsgabe besitze, kann ich mich schnell einarbeiten. Ich lerne gern und bin es gewohnt, mich selbstständig und zielorientiert weiterzubilden.«

Das Gespräch entwickelt sich in eine für mich vorteilhafte Richtung. Mit solchem Schmu könnte ich noch lange weiterfahren. Gespannt warte ich auf das nächste Stichwort von der Lehmann.

»Also gut«, sagt plötzlich die Direktorin. »Die Konditionen sind Ihnen bekannt? Fünfzehn Stunden die Woche, bedarfsorientierte Arbeitszeit, probeweise Anstellung ab April. Ihre Hauptaufgabe sind die Führungen, aber Sie stehen bei Eignung und Bedarf auch für weitere Aufgaben zur Verfügung.«

Ich bin überrumpelt, nicke begeistert, doch bevor ich etwas sagen kann, richtet sich die Lehmann an die Direktorin: »Es war doch vereinbart, dass ich die Auswahl treffe. Ich meine, ich bin als Leiterin Kunstvermittlung die direkte Vorgesetzte...«

»Aber selbstverständlich, meine Liebe.« Die Direktorin wirkt gelangweilt. »Sie sind mit Herrn Schulz einverstanden, nicht wahr?« Kurze Pause. Dann wendet sie sich wieder an mich: »Mit der Entlohnung sind Sie auch einverstanden?«

»Selbstverständlich, vielen Dank. Es freut mich sehr und ich kann Ihnen versichern...«

»Ja, ja«, winkt sie ab. »Frau Lehmann seien sie so nett und bringen sie Herrn Schulz zu Frau Neuner. Das ist meine persönliche Assistentin.« Fügt sie zur Erklärung für mich an. »Sie regelt das Administrative. Und jetzt freue ich mich, Sie am 1. April als neues Mitglied in unserem Team zu begrüßen.«

Mit den letzten Worten ist sie aufgestanden und geht zu ihrem Schreibtisch. Die Botschaft ist klar, Sache erledigt, die Lehmann und ich sollen gehen. Ich will mich verabschieden, noch ein paar Worte des Dankes sagen, aber sie hat uns den Rücken zugekehrt und macht keine Anstalten, sich nochmals umzudrehen.

Dann halt nicht.

»Mich haben Sie nicht überzeugt«, legt Lehmann los, sobald die Tür hinter uns zu ist. Die Betonung auf ›mich‹ und ›nicht‹.

»Ähhm, nun, also, ich weiß nicht...«

»Bis jetzt«, unterbricht sie mich. »… habe ich alle Führungen selber gemacht. Wenn’s hochkam, gab’s noch ein paar Studenten als Aushilfen. Aber jetzt, für Ihre Ausstellung, gibt’s auf einmal drei Teilzeitstellen.« Sie streckt drei Finger in die Luft und wiederholt mit Nachdruck: »Drei!«

Ich starre sie verständnislos an. Bevor ich mich fassen und etwas sagen kann, redet sie weiter.

»Es stimmt, als Head of Wie-Ei-Pi-Relations und Kunstvermittlung habe ich keine Zeit für Führungen. Trotzdem, drei Teilzeitstellen für das, was ich jahrelang allein gemacht habe. Ich werde Sie und Ihre beiden Kollegen, die hoffentlich tatsächlich qualifiziert sind, genau einmal durch die Ausstellung führen. Zu mehr habe ich keine Zeit.«

Dramatische Pause.

»Aber Sie sind ja lernbegierig und gewohnt, sich selbstständig und zielorientiert weiterzubilden«. Sie äfft mich hämisch nach.

Ich bin sprachlos. Was soll diese Suada? Ich wollte noch etwas über die eigentliche Arbeit erfahren, ein paar Freundlichkeiten austauschen, ihr mitteilen, wie sehr ich mich auf die Zusammenarbeit freue – und jetzt das.

»Gut, wir sind uns also einig …«, sagt sie. »Was Ihre Arbeit während der Ausstellung angeht, erhalten sie Ihre Einsatzpläne von mir. Ausschließlich von mir. Haben Sie das verstanden?«

Ich nicke stumm. Was soll ich auch sagen?

»Gibt es Tage, an denen Sie nicht können?« Sie erwartet keine Antwort, es geht ohne Pause weiter. »Gut! Kann nämlich keine Rücksicht darauf nehmen. Weder bei Ihnen noch bei den anderen. Ich habe keine Zeit andauernd neue Pläne zu machen. Die Wie-Ei-Pi-Betreuung braucht viel Zeit. Wir erwarten viele wichtige Leute, sehr viele. Davon hängt auch der Erfolg der Ausstellung ab. Die Planung ist allein meine Sache, ich bin die Vorgesetzte. Merken Sie sich das.«

Mit diesen Worten kehrt sie mir den Rücken zu und eilt Richtung Treppe.

»Was ist mit Frau Neuner, wo finde ich sie?«, ist alles, was ich ihr noch hinterherrufen kann.

»Dritter Stock, Büro 2.«

Ich hab den Job. Der Satz breitet sich in meinem Kopf aus und verdrängt alle Zweifel. Das gesamte Vorstellungsprozedere war, gelinde gesagt, eigenartig, aber ich hab den Job. Ich hab den Job. Diesen äußerst erfreulichen Gedanken weiterwälzend steige ich die Treppe hinunter zum Büro 2. Drinnen die nächste Überraschung. Am Schreibtisch sitzt die kleine Elektrikerin aus den Ausstellungsräumen.

»Sie sind Frau Neuner? Die Assistentin von Frau Schneider?«, frage ich ziemlich unbeholfen das Offensichtliche.

»Wissen Sie was?«, platzt es aus mir raus. »Sie hatten recht, ich habe die Stelle erhalten. Ich freue mich sehr.«

Sie nickt, nimmt eine Klarsichtmappe vom Sideboard und reicht sie mir.

»Das ist der Arbeitsvertrag. In doppelter Ausführung. Lesen Sie ihn durch und schicken Sie mir beide Exemplare unterschrieben zurück. Ich brauche sie bis Ende Woche.«

»Ja, danke, mache ich. Wie geht es weiter? Ich meine, mit den Vorbereitungen. Gibt es schon irgendwelche Unterlagen, die Sie mir geben können?«

Interesse zeigen, nicht nachlassen, daran denken, dass die Festanstellung erst nach der Probezeit fällig ist, oder so ähnlich heißt’s in den Ratgebern.

»Lesen Sie zuerst den Vertrag.« Sie blickt mich unverwandt irgendwo auf Brustbeinhöhe an. »Wenn Sie unterschrieben haben, melde ich mich und lasse Sie wissen, wie es weitergeht. Wann Sie wo sein müssen und so weiter. Unterlagen erhalten Sie zum Anstellungsbeginn Anfang April. Bis dahin können Sie sich öffentlich zugänglichen Quellen über unser Museum informieren.«

»Gut, gut«, sage ich und nehme die Klarsichthülle. »Also, bis dann, und auf Wiedersehen.« Ich strecke meine Hand aus. Sie zögert einen kurzen Moment, aber vielleicht ist das eine Täuschung, dann ergreift sie meine Hand und wir verabschieden uns.

Draußen atme ich tief durch und blättere im Vertrag. Meine persönlichen Angaben sind bereits eingetragen. Ich muss nur noch unterschreiben.

Zu Hause lese ich das Ganze richtig durch. Es ist der Standardvertrag für städtische Angestellte in befristeter Einstellung. In meinem Fall ist die Dauer auf acht Monate festgelegt, vom 1. April bis 30. November, wobei die ganze Zeit als Probezeit gilt, also beidseitig jeweils auf Ende der laufenden Woche kündbar. Bei Eignung besteht die Option auf eine unbefristete Verlängerung. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich aus dieser Option kein Rechtsanspruch ableiten lässt. So weit, so gut.

Unter ›Besonderes‹ ist ein Absatz eingefügt: Der Arbeitnehmer verpflichtet sich ausdrücklich, Stillschweigen über alle Museumsinterna zu wahren und keine Informationen nach außen zu geben, die er in Ausübung seiner Tätigkeit erhält, außer sie stehen mit der Ausübung seiner Tätigkeit in direktem Zusammenhang. In Zweifelsfällen ist er verpflichtet, vorher das Einverständnis seiner direkten Vorgesetzten einzuholen. Diese Verpflichtung gilt über das Angestelltenverhältnis hinaus.

Ich fülle Ort und Datum ein, unterschreibe und überlege, ob ich die Verträge vorbeibringen oder per Post schicken soll. Sie persönlich vorbeizubringen, würde Interesse zeigen, aber vielleicht kommt’s als Anbiederung an. Schlussendlich gibt die Vorstellung, wie mir die Neuner aufs Brustbein starrt und mich mit ihren Ein-Wort-Sätzen abfertigt, den Ausschlag. Ich packe die Verträge in einen Briefumschlag und bringe es anderntags zur Post.

Am Wochenende besuche ich meine Eltern. War schon lange nicht mehr dort und der Zeitpunkt ist günstig. Ich kann mit meiner neuen Stelle angeben und muss mir keine Vorwürfe wegen meiner angeblich selbstverschuldeten Arbeitslosigkeit anhören. Kann mich vollessen und am Schluss wird mir Mutter ein paar Geldscheine zustecken. So eine Art nicht rückzahlbaren Vorschuss auf mein von nun an regelmäßiges Einkommen. Kann ich gut brauchen.

Vor fast zehn Jahren habe ich meine Heimatstadt verlassen, um zu studieren. Damals war die Arbeitslosigkeit höher als heute, aber man war optimistisch. Es herrschte die Vorstellung, es ist eine vorübergehende Krise, eine wirtschaftliche Schlechtwetterperiode und am Ende werde alles wieder gut. Eine profunde Ausbildung überbrücke die Zeit und garantiere einen guten Arbeitsplatz. Dann kamen die Finanzkrise und die Rezession. Niemand stellte mehr Leute ein, die Politik bemühte sich nach Kräften, den wirtschaftlichen Crash abzuwenden, und ich hangelte mich von einem Provisorium zum nächsten. Dann zog die Wirtschaft wieder an, aber der Wirtschaftsaufschwung fühlt sich merkwürdig an. Wer sich nicht als Hundeausführer, Personal Assistant, Fitness- und Ernährungscoach, Babysitter oder Berater irgendeiner Art verdingen kann, gilt als Verlierer des Strukturwandels. Man spricht von der Dienstleistungsgesellschaft, der Ich-AG und ähnlichem Schwachsinn. Die althergebrachten Arbeitsplätze und klare Zukunftsperspektiven werden immer rarer. Dafür floriert die Ratgeberbranche. Und jene der Verschwörungstheoretiker. Was soll’s? Für mich zählt, nach den acht Monaten der befristeten Anstellung in die unbefristete überzugleiten.

Mein Vater reagiert auf die düsteren Zukunftsperspektiven seines Sohnes mit der gefühlt tausend Mal wiederholten Weisheit, ich hätte Metzger oder Bäcker lernen sollen, essen müssen die Menschen immer. Er selbst kam als junger Ingenieur zu den hiesigen Stadtwerken und blieb. Heute ist er im höheren Management angekommen. Er heiratete, zeugte einen Sohn und richtete sich behaglich im Kokon der Kleinstadt ein. Er liebt sein Leben. Meine Mutter stammt einem Nachbarsdorf. Nach Heirat, Schwangerschaft und Mutterschaftspause ließ sie sich zur Musiklehrerin ausbilden und unterrichtet Teilzeit am hiesigen Gymnasium. Meine Eltern hören klassische Musik, besitzen ein Theater-Abonnement und engagieren sich im Unterstützungsverein des örtlichen Museums. Ferien sind für sie geführte Kulturreisen in gepflegten Kleingruppen. In der Diele steht ein Bücherschrank, Art déco, randvoll mit DuMont-Kunst-Reiseführern, alphabetisch sortiert. So eine Art Statement, an dem jeder Besucher vorbei muss.

Meine Mutter ist ganz aus dem Häuschen. Anstellung! Öffentlicher Dienst! Museum! Mehrmals wiederholt sie, wie viele Sorgen sie sich gemacht habe, seit ich aus dem Schuldienst ausgeschieden bin. Aber jetzt sei ich, Gott sei Dank, wieder in geordneten Verhältnissen. Vater wiederholt seine übliche Bäcker- oder Metzger-Weisheit, scheint aber auch zufrieden.

Dann ist es schon Zeit für die allabendlichen Nachrichten im Fernsehen.

Der Rest ist der übliche Klatsch und Tratsch. Ob ich mich noch an Pauline erinnere? Sie ist jetzt verheiratet. Wir seien in der Grundschule ein so schönes Paar gewesen. Der Schwiegersohn werde demnächst den Betrieb übernehmen. Es ist jammerschade, aber ich müsse selbst wissen, was ich tue. Und überhaupt, wie es denn bei mir sei? Gäbe es jemanden, die ich ihnen vorstellen möchte? Und so weiter. Alles wie immer.

Die mir zum Abschied zugesteckten Scheine sind erwartungsgemäß zahlreicher als sonst.

Zu Hause liegt ein Schreiben vom Städtischen Kunstmuseum im Briefkasten. Es ist der von der Direktorin gegengezeichnete Arbeitsvertrag und ein Begleitschreiben. Ich bin gebeten, am Montag, den 31. März um neun Uhr an der ersten Ausstellungssitzung teilzunehmen. Laut Vereinbarung bin ich ab dem 1. April angestellt, aber da flexible Arbeitszeiten vorgesehen sind, hoffe man, dass mir die Teilnahme am Tag vorher möglich ist. Die Teilnahme werde selbstverständlich meinem persönlichen Zeitkonto gutgeschrieben. Das Museum ist montags für das Publikum geschlossen, ich soll den Liefer- und Personaleingang benutzen. Der ist auf der Rückseite des Museums. Mein Name sei beim Pförtner hinterlegt. Das Sitzungszimmer befindet sich im zweiten Stock des Verwaltungsaufbaus. Im letzten Absatz der Hinweis, freier Eintritt könne mir erst zum offiziellen Arbeitsbeginn gewährt werden. Gezeichnet Annegret Neuner, Assistentin der Direktion. Als PS noch, die Sitzung werde pünktlich beginnen, sodass ich mich ein paar Minuten vorher einfinden soll.

Die verbleibenden Märztage suhle ich mich im wohligen Wissen, bald eine Arbeit und regelmäßiges Einkommen zu haben. Es ist ein gutes Gefühl. Ein sehr gutes.

Montag, 31. März, mein erster Arbeitstag. Ich gehe, wie im Schreiben geheißen, zum Personaleingang. Mein Name wird vom Pförtner mit der einen Liste abgeglichen, sorgfältig in eine andere eingetragen und anschließend werde ich durchgewinkt. Punkt fünf vor neun steige ich im Verwaltungstrakt die Treppe in den obersten Stock hoch. Das Sitzungszimmer ist auf der Längsseite und grenzt an das Direktionsbüro. Die Tür ist offen; daneben steht Carola Lehmann flankiert von zwei Männern. Sie trägt wieder Leggings und eine übergroße Bluse, heute beides in Schwarz, das Chiffontuch in Violett. Sobald sie mich sieht, winkt sie mich ungeduldig zu sich.

»Da sind Sie ja endlich …«, sagt sie vorwurfsvoll und deutet auf ihre Begleiter. »Kevin Meier und Jonas Hahn, die beiden anderen Kunstvermittler.« Dann deutet sie auf mich. »Rafael Schulz, der Dritte im Bund.« Sie ist sichtlich stolz auf den Reim.

Wir schütteln die Hände und murmeln Begrüßungsworte. Kevin Meier dürfte etwas älter sein als ich und ist ähnlich gekleidet, schwarze Hose, Hemd, neutrales Sakko. Jonas Hahn sieht aus wie ein Bubi im Sonntagsstaat, dunkler Anzug mit Krawatte und ein Scheitel wie mit dem Lineal gezogen.

»So genug der Freundlichkeiten, meine Herren, dafür ist nachher Zeit genug. Kommen Sie.« Carola Lehmann geht in den Raum. Wir folgen ihr stumm in Einerkolonne wie die Küken der Entenmutter, Hahn zuvorderst, ich ganz hinten.

Im Raum steht ein großer Konferenztisch, auf jeder Seite vier Stühle. An der Stirnseite ein größerer Stuhl mit Armstützen und rechter Hand, schräg am Eck, das Tischbein zwischen den Knien, sitzt die Neuner. Sieht ziemlich unbequem aus. Sie starrt auf den Schreibblock vor sich und rührt sich nicht. An der Wand stehen drei Holzstühle.

»Nehmen Sie da Platz!« Die Lehmann deutet nachlässig auf die drei Stühle und setzt sich mit dem Rücken zu uns an den Tisch. Kurz nacheinander kommen weitere Leute, setzen sich, blättern in ihren Unterlagen oder unterhalten sich. Von uns nimmt niemand Notiz. Dann öffnet sich in der Wand zum Direktionsbüro eine Tapetentür und die Schneider betritt den Raum. Schlagartig hören alle Gespräche auf.

»Ich begrüße Sie zu unserer ersten Ausstellungssitzung.« Sie blickt in die Runde. »Die Sitzung findet jeden zweiten Montag statt. Es ist wichtig, dass sich alle Beteiligten regelmäßig austauschen. Die übliche Museumssitzung findet alternierend statt. Ich fordere Sie auf, die Sitzungen regelmäßig zu besuchen. Sollten Sie verhindert sein, so melden Sie das bitte rechtzeitig Frau Neuner, sie führt das Protokoll und wird es vermerken.« Sie macht eine Pause und blickt kurz zu ihrer Assistentin. Neuner schreibt an ihrem Protokoll, sonst rührt sich niemand.

»Gut nun zu den Neuigkeiten. Als Erstes möchte ich unsere neuen Mitarbeiter begrüßen. Bitte stehen Sie auf, meine Herren«, wendet sie sich an uns. »Herr Rafael Schulz, Literaturwissenschaftler, hat in der Stiftskirche zu St. Gallen alte Handschriften und Inkunabeln erforscht und war als Lehrer tätig. Herr Kevin Meier, er hat einige Semester Theaterpädagogik studiert, arbeitete bei verschiedenen Theaterproduktionen, insbesondere an Jugendtheatern, und er hat ein Praktikum am MoMA in New York absolviert. Und Herr Jonas Hahn, der soeben sein Studium der Kunstgeschichte abgeschlossen hat, ein junger Kollege, dem wir den Einstieg in unseren Beruf ermöglichen. Das also sind unsere Tick, Trick und Track.«

Höfliches Kurzlachen am Tisch.

»Ich darf Sie doch so nennen, meine Herren?«, sagt sie in unsere Richtung und fährt, ohne eine Antwort zu erwarten fort: »Sie können sich wieder setzen.«

Ich habe einen heißen Kopf. ›Handschriften und Inkunabeln erforscht‹, davon war nie die Rede. Und Tick, Trick und Track? Das soll wohl witzig sein. Ich schiele zu den beiden anderen rüber. Meier scheint sich ebenso unwohl zu fühlen. Hahn nickt beflissentlich der Direktorin zu.

»Frau Annegret Neuner, meine Assistentin, kennen Sie bereits.« Die Direktorin zeigt der Reihe nach auf die am Tisch versammelten. »Neben ihr sitzt Herr Daniel Schuster, unser Öffentlichkeits- und Pressebeauftragter, dann Herr Mark Wagner, Leiter Technischer Dienst, Ausstellungsaufbau und Aufsicht, Herr Martin Kottler, Kurator Graphische Sammlung, Frau Irene Vogt, Kuratorin zeitgenössische Kunst. Auf der anderen Seite Frau Carola Lehmann, ihre Vorgesetzte, Frau Linda Bucher, Kuratorin Sammlung 19. Jahrhundert, Frau Lana Michael, Verantwortliche für Publikationen und Kataloge und Herr Markus Hinrichs, Kurator Alte Meister.«

Einige nicken uns kurz zu, andere blicken nicht mal auf. Besonders interessiert ist niemand.

»Es gibt ein paar wunderbare Neuigkeiten«, hebt die Direktorin wieder an. »Als Erstes… wir haben den Namen der Ausstellung angepasst.«

Erstaunt blicken sie alle an.

»Nein, nein, kein ganz neuer Name, aber eine gewichtige Verbesserung. Statt ‹Die Welt Ab-Bilden‹ mit Bindestrich« – sie zieht mit dem Zeigefinger einen kurzen Strich in der Luft – »schreiben wir es neu mit einem Unterstrich, einem sogenannten Underscore, ›Die Welt Ab_Bilden‹.«

Sie zieht einen langen Strich in der Luft.

»Der Unterstrich ist aus der Computersprache und spricht insbesondere die jungen Leute an. Diesen Hinweis verdanke ich Frau Neuner.« Sie nickt in Richtung ihrer Assistentin. »Wenn wir die Jugend für unser Museum begeistern wollen, müssen wir ihre Sprache sprechen, das heißt, modern sein. Bitte veranlassen Sie die nötigen Änderungen«, sagt sie das Thema abschließend zum Öffentlichkeitsbeauftragten. Der schaut sie verwundert an, sagt aber nichts und macht sich eine Notiz.

»Die zweite Neuigkeit. Heute trifft der Kurier vom Puschkin-Museum ein und bringt Dürers ›Große Passion‹. Diese wunderbare Arbeit werde ich im ersten Raum platzieren. Ein großartiger Auftakt für unsere Ausstellung. Finden Sie nicht?«

Der Öffentlichkeitsbeauftragte räuspert sich: »Das könnte für die Presse interessant sein. Wir bieten ihnen die Möglichkeit dabei zu sein, wenn die Werke in Empfang genommen werden. Sie können das ganze Prozedere mitverfolgen. Vielleicht auch mit Interviewangebot? Das würde sicher ein paar gute Artikel ergeben. Ich kann einige Journalisten anrufen und sie einladen.«

»Nein, nein! Auf keinen Fall!«, faucht ihn die Direktorin an. »Sie wissen doch, außer den Namen, die ich freigegeben habe, dürfen bis zur Pressekonferenz keine weiteren Werke oder Künstler nach außen kommuniziert werden. Die Ausstellung und insbesondere die Menge und Ausgestaltung der Leihgaben sind eine Überraschung. Da darf nichts nach außen dringen. Haben Sie das verstanden? Oder wie viel Mal muss ich das noch wiederholen?«

Der dermaßen Gescholtene senkt den Blick und nickt schicksalsergeben.

»Das gilt für Sie alle. Ihnen meine Herren …« Sie blickt uns drei an. »Wird Frau Lehman im Anschluss die Verhaltensregeln erklären. Jeglicher Bruch der Vertraulichkeit zieht schwerwiegende Konsequenzen nach sich.«

Sie blickt wieder die ganze Runde an. »Die Werke und Künstler sind eine Überraschung. Es darf nichts nach außen dringen. Das Echo in der Fachwelt und Öffentlichkeit wird immens sein. Das verspreche ich Ihnen.«

»Die ›Große Passion‹ sind Werke aus der Graphischen Sammlung, sollte nicht ich sie in Empfang nehmen?«, meldet sich der Kurator graphische Sammlung, ein älteres Männchen in einem abgewetzten Cordjackett. »Ich muss ja auch das Zustandsprotokoll unterschreiben und ...«

»Aber selbstverständlich, Herr Kottler«, unterbricht sie ihn. »Sie und Ihre Restauratorin sind herzlich eingeladen, dazuzukommen. Aber die Blätter werden so gut wie nie ausgeliehen werden und es ist nur dank meiner exzellenten Kontakte gelungen, sie für uns zu erhalten. Daher muss ich den Kurier persönlich begrüßen. Es ist der Leiter der Graphik, ich glaube, Sie kennen ihn, und er wird aller Voraussicht nach auf den Direktionsposten eines bedeutenden Museums berufen. Mehr kann ich an dieser Stelle nicht sagen, aber er möchte selbstverständlich von der Direktion begrüßt werden. Das verstehen Sie doch. Bitte veranlassen Sie, dass man mich unverzüglich informiert, wenn der Kurier eintrifft.« Das ging an Frau Neuner.

Kottler zieht den Kopf ein und die Mundwinkel nach unten, sagt aber nichts mehr. Auch sonst meldet sich niemand zu Wort.

»Gut, das ist von meiner Seite vorderhand alles. Machen wir die Runde.« Die Direktorin wendet sich über Neuner hinweg an den Öffentlichkeitsbeauftragten.

»Herr Schuster, bitte.«

Der ordnet kurz seine Unterlagen.

»Die Änderung des Titels werde ich sofort veranlassen. Da noch kein Gut-zum-Druck vorliegt, ist die Änderung problemlos und ohne Kostenfolge möglich. Die Einladungen zur Pressekonferenz werden gerade fertiggestellt und pünktlich sechs Wochen vor der Eröffnung versandt. Je nach Rücklauf wird noch ein Reminder per E-Mail verschickt. Ich werde die Anmeldungen überwachen. Sollten gewichtige Namen fehlen, werden wir sie telefonisch kontaktieren und persönlich einladen. Ich stehe auch im engen Kontakt mit dem Technischen Dienst bezüglich der Ausgestaltung der Konferenz und der Einrichtung der Technik. Die Planung ist so weit abgeschlossen und ich würde die Einzelheiten noch gerne mit Ihnen besprechen. Das gilt auch für die Einladungskarte, da habe ich bereits die Entwürfe erhalten. Ich werde mich nach der Sitzung wegen eines Termins mit Frau Neuner absprechen, wenn Ihnen das recht ist.«

Die Direktorin nickt und Schuster fährt fort: »Für die eigentliche Öffentlichkeitsarbeit habe ich für die Ausstellung das Drei-Kreise-Modell entwickelt. Im innersten Kreis, der entspricht dem Stadtgebiet und näheres Einzugsgebiet, wird vollflächig in einer hohen Kadenz auf allen Kanälen kommuniziert. Unabhängig von ihrer geographischen Verortung gehören da die wichtigsten Redaktionen und Medienhäuser dazu. Sie werden bei allen Kommunikationsmaßnahmen mitberücksichtigt. Der zweite Kreis umfasst unsere gesamte größere Metropolregion. In diesem Kreis werden alle Institutionen, Hotels und Tourismusorganisationen regelmäßig angeschrieben und mit Werbematerialien, Flyern, Kleinplakaten und Veranstaltungsprogrammen beliefert. Zu diesem Kreis zählen auch die wichtigsten Multiplikatoren weltweit, das heißt Museen, Hochschulen, Kunstvereine und dergleichen. Der dritte Kreis ist global aufgestellt und ...«

»Urbi et orbi«, lässt sich eine vor Sarkasmus triefende Stimme vernehmen. Ich glaube, es war der Kurator Alte Meister.

»Und, und, ähhm, ja.« Schuster, sichtlich irritiert, kommt ins Stottern und erst ein aufmunterndes Nicken der Direktorin bringt ihn wieder in die richtige Spur.