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Ein Zauber liegt in den Wäldern und Höhen des Hochschwarzwalds. Vor des Urgroßvaters Wäldern ist sie groß geworden, durchstreifte sie als Kind, erhielt zwischen Tannen den ersten Kuss. Immer wieder kehrt sie, die schon lange im Ausland lebt, zu ihren Wurzeln zurück. Auf vertrauten Wegen wandernd, denkt sie über jene Menschen nach, die vor ihr in der Einsamkeit und Wildheit ihrer Heimat lebten. Sie nimmt die Fäden der Vergangenheit auf und verknüpft sie mit der Gegenwart. Da sind der Urgroßvater Johann, der ein Bauernfürst ist; die Urgroßmutter Karoline, die in Dublin als Hausmädchen dient; die Mühle des Großvaters Alexander, die zum Grundstein eines bedeutenden Unternehmens wird; der Abschiedsbrief des Großvaters Rudolf an seine Buben, als er in den 1.Weltkrieg zieht. Einfühlsam erweckt die Autorin mündlich und schriftlich Überliefertes zum Leben und bewahrt so die Geschichte einer Familie vor dem Vergessen. Auch vom Abschied erzählt uns das Buch: vom Abschied von der Herkunftsfamilie, den Eltern Else und Josef Morat und vom Abschied von einer großartigen Landschaft.
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Vorwort
Kapitel I Die Tritschlers vom Ebenemoos, die Familie der Mutter meines Vaters
Wie der erste „Tritscheller“ in den Schwarzwald kam, von meinen Urgrosseltern Johann und Sophie und meiner Grossmutter Johanna
Kapitel II Die Morats von Eisenbach, die Familie des Vaters meines Vaters
Wie der erste Morat in den Schwarzwald kam, von meinen Urgrosseltern Alexander und Karoline und meinem Grossvater Rudolf
Kapitel III Die Fehrenbachs und die Stoers, die Familie meiner Mutter
Von meiner Urgrossmutter Leopoldine und meinen Grosseltern Weibert und Pauline
Kapitel IV Mama ist tot
Kapitel V Meine Eltern Josef und Else Morat
Von Kindheit, Kennenlernen und Krieg
Kapitel VI Von Eltern und Kindern
Erinnerungen an Kindheit und Familienleben
Kapitel VII Die Familientragödie
Wie die Kindheit zu Ende ging
Kapitel VIII Vom Werden und Vergehen
Im Mittelpunkt dieser Familiengeschichten steht die Geschichte meiner Herkunftsfamilie, der Familie von Josef und Else Morat, meinen Eltern. Von dieser Kernfamilie ausgehend schlage ich den Bogen zurück in die Vergangenheit zu Urahnen, Urgrosseltern und Grosseltern, sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits. Gemeinsam ist ihnen, dass sie seit Generationen im Hochschwarzwald beheimatet sind. Irgendwann vor Jahrhunderten sind jedoch auch sie eingewandert.
Meinen Bruder Hans-Ulrich und mich hat das Leben aus dem Wald hinausgeführt. Es ist ein Zufall, dass wir beide in der Schweiz eine neue Heimat fanden. Unsere Nachkommen kennen den Schwarzwald nur noch durch ihre Besuche bei den Grosseltern und aus Erzählungen.
Es sind drei Gründe, die mich bewogen, die Geschichte meiner Herkunftsfamilie und Vorfahren aufzuschreiben.
Da war erstens die persönliche Motivation, der eigenen Herkunft und Prägung auf die Spur zu kommen.
Zweitens: Die Tatsache, dass die Nachkommen meiner Familie, deren Vorfahren seit Jahrhunderten im Hochschwarzwald verwurzelt waren, diese Tradition auflösten, indem sie sich in der Schweiz niederliessen, bewegt mich. Dies besonders unter dem Aspekt, dass die Urahnen laut mündlicher Überlieferung einst aus der Schweiz einwanderten.
Drittens: Die Ahnen meines Vaters Josef Morat gehörten Schwarzwälder Geschlechtern an, die im Hochschwarzwald Geschichte schrieben. Es sind dies einerseits die Familie Morat, eine Industriellenfamilie, andererseits die Familie Tritschler, die seit fünf Jahrhunderten auf dem Ebenemooshof im Schwärzenbach beheimatet ist. Über beide Familien existieren Bücher, die mir wertvolle Quellen waren.
Weitere Quellen waren Briefe aus dem Nachlass meines Vaters, die Erzählungen meiner Mutter, Gespräche mit Verwandten und nicht zuletzt das eigene Erleben.
Es war mir ein Anliegen, den geschichtlich dokumentierten Personen und Ereignissen Leben einzuflössen, indem ich mich in die damalige Zeit und deren Umstände einfühlte. Die Erzählungen sind oft, aber nicht immer, chronologisch geordnet. Zum besseren Verständnis dienen die Jahreszahlen und die Ahnentafeln im Anhang.
Während die Namen der Vorfahren und Verwandten authentisch sind, sind andere Namen geändert.
April 2016
Isolde Süess-Morat
Wie der erste „Tritscheller“ in den Schwarzwald kam, von meinen Urgrosseltern Sophie und Johann und meiner Grossmutter Johanna
Aus dunklen Wäldern stamme ich, nicht anders als meine Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern, Ururgrosseltern. Doch meine Vorfahren waren nicht immer hier.
Das Licht fällt in hellen Streifen in den Wald. Auf seinen Bahnen flimmern Staubkörnchen und verwischen die Konturen der Bäume; Sternenstaub, Kerosinteilchen, Saharasand.
Ich wähle vom Elternhaus aus den Pfad über den Eisenbacher Sportplatz zur Hochebene. Der Weg sei Wasserscheide, hat der Vater dem Kind erklärt. Das Wasser links des Weges fliesse zur Nordsee, das Wasser rechts ins Schwarze Meer. Der Vater verbrachte seine Kindheit und Jugend auf dem Hof im Talgrund. Dort, wo die Bächlein in die Donau fliessen. Ins Schwarze Meer! Ein Ausläufer der grossen weiten Welt reckt sich in die Wälder, berührt die Kinderseele.
Papa war Hirtenbube bei seinem Grossvater, Johann Tritschler, damals der Bauernfürst vom Ebenemoos. Seit dem 15. Jahrhundert ist auf dem Hof das gleiche Geschlecht beheimatet. Zuvor lebte dort ein Jeckly Swytzer. Vieles spricht dafür, dass er aus der Schweiz eingewandert ist. Durch die Verbindung der Klöster St. Gallen, St. Georgen und Friedenweiler gab es im 15. Jahrhundert im Hochschwarzwald Siedler aus der Schweiz. Irgendwann zwischen 1437 und 1529 muss der Familienname Tritschler entstanden sein. Tritscheller nannte man damals in der Nordschweiz einen Schwätzer, einen Wortführer. War es ein solcher Wortführer, der sprachlos geworden sein Glück im Schwarzwald suchte?
***
Sie hört das leise Pochen sofort. Seit Wochen schläft sie unruhig, denn heimlich wartet sie auf ein Zeichen von Jakob. Als sie ihn das letzte Mal sah, versprach er ihr, sie bald als seine Frau heim zu führen. Sie müsse sich noch ein wenig gedulden, solle noch schweigen gegenüber der Mutter und der Schwester. Bald werde er kommen und alles regeln, was zu regeln sei.
Seither wartet sie, hört ab und zu Ungereimtes, von Händel und Aufständen, Zuwiderhandlungen gegen die Obrigkeit des Abtes von St. Gallen, Plünderungen gar. Es sind Dinge, die sie nichts angehen und die sie nur aufschrecken lassen, wenn sein Name genannt wird, wenn vom Wortführer und Anführer, vom „Tritscheller“ die Rede ist. Sie schweigt dazu und bangt, hofft, dass ein anderer der Tritscheller sei, der die rebellierende Gruppe anführt, und dass es andere Geschäfte sein mögen, die ihren Jakob so lange fernhalten.
Doch sie schläft nicht mehr so tief und sorglos wie früher. Sie wundert sich nicht, dass es mitten in der Nacht an die Tür pocht. Als hätte sie darauf gewartet. Sofort richtet sie sich auf, wirft ein Wolltuch über das grobe Nachtgewand, schaut rasch auf die Mutter und die kleine Schwester, die beide tief schlafen. Sie hastet zur Tür, presst das Ohr an die ungehobelten rauen Holzbretter und hört jetzt durch die Ritzen deutlich das Flüstern. Sie schiebt den Pfosten, der die Tür verriegelt, zur Seite, leise und vorsichtig, öffnet die Tür gerade so weit, dass sie durchschlüpfen kann. Mit blossen Füssen steht sie auf morastigem Grund, die kalte Luft trägt Tausende von Sternen und einen nicht ganz vollen Mond, der sein Licht über Bäume und Büsche giesst und sich spiegelt im nahen See. Sie prallt fast mit Jakob zusammen, der sie umfasst und an sich zieht.
„Du? Wo kommst du her?“ Sie drückt ihn von sich weg, denn ein wenig ist sie beleidigt, hat er sie doch lange warten lassen. Und überhaupt, weshalb kommt er mitten in der Nacht zu einer Zeit, zu der ein ehrbarer Mensch zu Hause schläft? Und wie er aussieht! Sein rötliches Haar zaust ungekämmt in die Stirn, eine Schramme zieht sich quer über die linke Wange und die Lider hängen schwer über den Augen.
„Was willst du?“, fragt sie ihn rau.
„Dorothea, ich muss gehen. Ich will mich von dir verabschieden.“ Als sie nicht antwortet, fährt er fort: „Du hast wahrscheinlich gehört von unserem Kampf gegen den Abt Ulrich…“ Sie schüttelt stumm den Kopf. „Wir sind unterlegen und ich muss verschwinden.“
„Verschwinden?“ Die Kälte des Bodens kriecht über die blossen Füsse die Beine hoch in den Körper des Mädchens. „Wohin?“, flüstert sie und lehnt sich an Jakob. Der erklärt mit kurzen, hastigen Sätzen, was er vorhat.
„Ich folge dem See und den Flüssen. Nach Westen geh ich. Ich kann dort roden. Vielleicht zu einem Lehen kommen. - Dorothea, ich werde dich holen zur rechten Zeit!“
Sie zittert vor Kälte.
„Ich wollte es dir sagen, bevor ich gehe. Und…“ Er legt den Finger auf den Mund. „Kein Wort, hörst du – zu keinem!“
Er drückt sie an sich, verbirgt den Kopf in ihrem Haar. Dann lässt er sie los, geht ein paar Schritte, kehrt um, hebt ihr Gesicht so an, dass sie ihm in die Augen schauen muss.
„Vertrau mir!“
Dann schlägt er sich in die Büsche, während sie ihm bewegungslos nachschaut, dann und wann hört sie das Knacken von Ästen, bald nichts mehr ausser dem leisen Geräusch der Wellen, die im gleichmässigen Rhythmus ans Ufer schlagen.
***
Dieser Jakob - hat er sich durchgeschlagen zu seinem Verwandten oder Landsmann Jeckly Swytzer und gab der Familie auf dem Hof den Namen? War es so? Gut möglich, dass es so war, aber ganz wahr ist es nicht. Ich schaue in den wolkenlosen Himmel, der so viel Platz bietet für Hirngespinste, die der Wind mit sich trägt, umherwirbelt und in tiefe Wälder fallen lässt, wo sie zu Materie werden, verwandelt, verwittert, verwurzelt.
Beim Russenkreuz künden die in Stein geschriebenen Worte von russischen Soldaten, die hier den Tod fanden, als sie während der Befreiungskriege in den Jahren 1813 bis 1815 durch die Gegend zogen. Nach der Völkerschlacht in Leipzig verfolgten sie die Truppen Napoleons. Es war in einem harten, rauen Winter auf dieser weiten Ebene, über die der Wind heutzutage gleich hinwegheult wie in den Geschichten und Sagen der Vergangenheit.
Recht ist, dass dieses Kreuz zur Erinnerung an fremde Soldaten steht, denn sie zogen hier zu allen Zeiten durch, an Kriegen hat es nie gemangelt in dieser und anderen Weltgegenden. Während des Dreissigjährigen Krieges, des Holländischen, des Pfälzischen und, wie sie alle hiessen und heissen, diese Kämpfe um Grenzen, Güter und Gutgemeintes. So steht das Kreuz für die Opfer der Jahrhunderte und gleichzeitig für ein weiteres Stück der fernen Welt; der traurigen Welt, jener der Kriege und der Heimatlosigkeit.
Jetzt biege ich links ab in den Wald. Beim Hexenhäuschen am Titiseeblick, einem ehemaligen Forsthaus mit roten Läden und geschnitzten Herzen, brachte mir mein Papa das Skifahren bei. Der kleine Berghang reichte für etwa fünf Bögen auf jede Seite. Ausstemmen nach rechts, ausstemmen nach links, mit der Zeit sollten die Beine parallel zueinander bleiben. Wenn der Schwung gelang, stob der Schnee, wenn nicht, klebte er an den pluderigen Skihosen. Rechtsabbiegen konnte ich besser. Beim Abfahren hatte ich den Titisee im Blick. Während mir der Schnee das Gesicht bestäubte, sah ich im See die Verheissung des Sommers.
Auch heute glänzt der See in der Ferne wie ein Silberstück.
Im Titisee lernte ich Schwimmen. Papa machte mir die Bewegungen vor, hielt mich und liess mich los, immer schön im Wechsel, bis es seine sichernde Hand eines Tages nicht mehr brauchte.
Meine Freundin arbeitete im Sommer am Kiosk und beim Bootsverleih. Mir verwehrten die Eltern dieses Glück, witterten Gefahren für die behütete Tochter, fürchteten die Stimme aus dem See, die da rief „Missest du mich, so fresse ich dich“, stellten sich vielleicht vor, dass der See, wie in der Sage prophezeit, aus seinem Bett bricht und das Kind fortschwemmt. So musste ich die Ferien zu Hause verbringen, vor dem Wald meines Urgrossvaters.
Es gibt viel zu denken auf den Wegen in den Wäldern meiner Vorfahren. Ich schaue auf das Hofgut des Urgrossvaters. Er soll ein strenger und „g’schaffiger“ Mann gewesen sein, einer, der genau Buch über Feld und Wald führte und von seiner Frau, den Söhnen und Töchtern die gleiche Arbeitsmoral erwartete, die er selber pflegte. Hart sei er gewesen, weil ohne eiserne Disziplin und klare Ziele ein Hof auf dem Hohen Wald nicht bestehen konnte. Ein ganz anderer sei sein Vater, der Hofbauer Vinzenz, gewesen. Ihm war das Bauern nicht gegeben, er zog es vor, mit der hohen Geistlichkeit zu verkehren, fühlte sich im Anzug wohler als in Arbeitskleidung und war bekannt für seine Wohltätigkeit. Für die Erhaltung eines Bauerngutes war solches Handeln wenig nutzbringend, im Gegenteil sogar gefährlich. Vinzenz sah dies selber ein, denn er scheute sich nicht, mit knapp 50 Jahren seinen Betrieb an seinen erst 22-jährigen Sohn Johann zu übergeben.
***
„Du wolltest mit mir sprechen, Vater.“ Johann tritt in den niedrigen Raum, zieht die schwere Tür hinter sich zu und heftet seinen Blick auf den Mann, der im Lehnstuhl vor dem Schreibtisch sitzt, sich aber jetzt erhebt und seinem Sohn in ungewohnt feierlicher Manier die Hand reicht und ihm mit kurzer Handbewegung den Platz auf dem gegenüber liegenden Stuhl anweist.
„Du weisst, worum es geht, Johann.“
„Nicht wirklich, Vater.“
„Aber du ahnst es.“
„Vielleicht…“ Johann schiebt sich verlegen die Haare aus der Stirn.
„Du bist mein jüngster Sohn…“
„Aber nein…“
„Jaja, ich weiss, da ist Vinzenz, unser Jüngster, den uns der Herr genommen hat…“
„Und Josef“, wirft Johann beklommen ein.
„Der in England lebt und dort sein Glück gefunden hat“, ergänzt der Vater. „Du bist der jüngste Sohn, der noch bei mir lebt, und du bist daher nach altem Brauch der Erbberechtigte unseres Hofs.“
Jetzt schweigt Johann, senkt den Kopf, sein Hemd zittert vom Herzschlag bewegt.
„Es ist Zeit, dass ich dir den Hof übergebe.“
Johann schweigt.
„Wir wissen beide“, fährt der Vater fort, „dass es das einzig Richtige ist, wenn du den Hof jetzt bekommst. Ich bin müde geworden, weisst du, der Herrgott hat mir manche Prüfung geschickt. Deine Mutter – du erinnerst dich an sie?“
„Ich war zehn, als sie starb, ich habe gute Erinnerungen an sie.“
„Das will ich meinen“, die Stimme des alten Hofbauern zittert ein wenig, „obwohl sie krank war, war sie euch liebende Mutter und sie zu verlieren…“, der Bauer schluckt, fasst sich wieder, „sie zu verlieren, war das Schlimmste für mich.“
„Ja, Vater.“ Johann rückt seinen Stuhl zurecht, legt die kräftigen Männerhände übereinander.
„Sie war ja lange krank, das weisst du, und viele unserer Kinder, deine Geschwister, haben das Kindesalter allesamt nicht überlebt. Und so sind mir von zwölfen nur sechs geblieben. Vielleicht war es einfach zu viel für sie, alle diese Geburten…“
„Es war nicht deine Schuld, Vater!“
„Schuld, Johann, wer redet von Schuld, es war Gottes Wille, dem ich mich fügen musste und gefügt habe. Den Anbau auf der Südseite unseres Hofes, den habe ich nur ihretwegen gemacht, ich hoffte, dass sie gesund werde in den hellen freundlichen Räumen…“
„Ich weiss Vater, ich habe sie da oft besucht. Du, ja, du hast sie sehr gern gehabt.“
„Sie und den Herrgott, die zwei habe ich am meisten geliebt. Wäre es nicht so gewesen, hätte ich dafür gesorgt, dass ihr wieder eine Mutter bekommt, aber… ich konnte es nicht, ich konnte es nicht – sie vergessen.“
„Ja, Vater.“
Johann betrachtet den Vater, der erst 50, aber schon ein alter Mann ist, gebeugt von den Lebenslasten.
„Weisst du, Johann, ich war nie gerne Bauer.“
„Ich weiss, Vater.“
„Und mein Vater, dein Grossvater, hat mir den Hof nur ungern übergeben, er ahnte wohl, dass ich dem Geistigen und Geistlichen mehr zugeneigt war.“
Die beiden Männer schweigen, jeder hängt eine Weile seinen Gedanken nach. Jetzt lächelt der Alte.
„Ich war ja erst 18, als ich den Hof übernahm und durfte meine Agatha noch nicht zum Altar führen. Doch kaum war ich volljährig, holte ich sie auf den Hof. Wie sieht’s bei dir damit aus?“
Johann ist verwirrt. „Wie meinst du das?“
„Na, Bub, gibt’s da eine, für die dein Herz schlägt?“
Johann richtet den Oberkörper auf. „Ja, da gibt’s eine“, sagt er mit fester Stimme, „die Sophie vom Unteren Wirtshaus, sie wäre eine gute Bäuerin.“
Des Vaters ernste Miene mündet in ein breites Lächeln. „Das will ich meinen, Johann, so ist es also wahr, was die Leute munkeln, dass man dich öfters als sonst im Unteren Wirtshaus am Stammtisch sieht.“
„Ja, es ist wahr.“
„Welch glücklicher Mensch ich doch bin! Einen Sohn zu haben wie dich, der meine Begabung zur Landwirtschaft bei Weitem übertrifft. Seit du aus dem Militärdienst zurück bist, dem freiwilligen, dem ich, mit Verlaub gesagt, nicht viel Gutes abgewinnen konnte, seither muss ich zugeben, dass du dort auch einiges gelernt hast. Ein unermüdlicher Schaffer bist du schon immer gewesen, aber diese Eigenschaft gepaart mit deiner Disziplin, deiner Sorgfalt und Genauigkeit, deiner Zukunftsplanung…“
Verlegen ob so viel Lob winkt Johann ab, doch der Vater steht auf, geht um den trennenden Schreibtisch herum und legt die Hände auf Johanns Schultern.
„Keine falsche Bescheidenheit, seien wir ehrlich, du gibst schon lange auf dem Hof den Ton an, das Gesinde tut, was du befiehlst. Und das sage ich nicht mit Bitterkeit, sondern mit Stolz. Einen fähigeren Sohn könnte ich nicht haben und, weiss Gott, von mir hast du das nicht.“
„Du hast andere Vorzüge, Vater, du hast die Kapelle neu erbaut, pflegst einen noblen Freundeskreis, bist weitherum als Wohltäter bekannt, man denke nur an die sechzig Patenschaften, die du auf dich genommen hast und…“
„Und nebenbei“, jetzt schüttelt der Vater den Kopf über eigene Narreteien, „nebenbei habe ich den Hof vor lauter Nächstenliebe heruntergewirtschaftet.“
„Ich bringe ihn wieder hoch!“, verspricht Johann.
Der Alte umarmt den Jungen. „Ich übergebe dir den Hof mit gütiger, segnender Hand. Ich habe den Termin der Hofübergabe bereits ins Auge gefasst, ich denke nämlich, je früher, desto besser. Ich möchte den Notar des Amtsgerichts Neustadt auf September zu uns auf den Hof bestellen, auch der Waisenrichter muss anwesend sein. Ist dir das recht so?“
Ein Handschlag besiegelt das Versprechen. Am 10. September 1880 übernimmt der zweiundzwanzigjährige Johann Tritschler den Ebenemooshof, einen Monat später heiratet er Sophie Straub und pünktlich nach 9 Monaten kommt Magdalena, das erste Kind von sieben, auf die Welt.
***
Vom strengen Wirtschaften und Arbeiten auf dem Hof konnte auch mein Papa ein Lied singen. Seine Mutter, meine Grossmutter Johanna, Tochter des „Bauernfürsten vom Ebenemoos“, überliess ihre Söhne, sie hatte deren sechse, dem Grossvater auf dem Hof, wo sie als Hirtenbuben dienten. Sie hatten zu essen und mussten arbeiten. Liebevolle Worte gab es nicht, dafür vieles zu lernen: Arbeitseifer, Ausdauer, Disziplin, Sauberkeit und Ordnung. Abends nach dem Tagwerk mussten die Hirtenknaben der ledigen Tochter des Hofherrn, der Magdalena, ihre Hände zeigen. Magdalena prüfte deren Sauberkeit. Eine Hofbäuerin gab es auch, doch mein Papa erzählte nie von seiner Grossmutter. Sie spielte in der Hierarchie des Hofes eine untergeordnete Rolle. Man erzählt, dass der Grossvater ein Jahr lang nicht mit ihr geredet habe. War es so, ist es wahr?
***
Beim Russenkreuz biege ich links ab und folge der Strasse an den Ahornhäusern vorbei gegen Langenordnach talabwärts bis zu der Stelle, von der aus ich das Untere Wirtshaus sehen kann. Von dort stammt meine Urgrossmutter. Sophie, die auf den wenigen Fotos, die ich von ihr kenne, sorgenvoll schaut, bekümmert, ein wenig verkniffen. Hatte sie als junges Mädchen Träume oder blieb dafür kein Platz zwischen all den Pflichten und der harten Arbeit? Da unten im Wirtshaus lernte sie ihn kennen, den Bauernsohn vom Ebenemoos. Stolz war sie, dass sie es war, auf die er ein Auge geworfen hatte.
In der Wirtsstube hing lange ein Bild meines Urgrossvaters. Ein stolzer Mann im Jägergewand auf einem Baumstumpf sitzend, seine Hände ruhen auf dem Gewehr, das an seinem linken Bein lehnt, neben ihm der Jagdhund, ein Dackel. Im Hintergrund die vom Schnee schwarzweiss gemusterten Baumstämme. Die Kulisse wirkt kalt, doch der Mann lächelt, fast unmerklich, er wirkt zufrieden.
„Dein Urgrossvater“, sagte Mama jedes Mal, wenn wir im Gasthof einkehrten.
„Er isch nid nätt gsi mit sinere Frau. Er hätt ä ganzes Johr nid mittere gschwätzt“, erzählte die Wirtin, die an unseren Tisch getreten war.
***
November 1882, ein sonniger Tag, Martinisommer. Heute wird Sophie ihre Eltern, die Wirtsleute des Unteren Wirtshauses, besuchen. Die Gelegenheit ist günstig, denn Sophies Mann, der Hofbauer des Ebenemoos, ist unterwegs wegen Verhandlungen über einen Pachtvertrag, der seine Jagdrechte regeln soll. Sophie hat seine Schwester Magdalena in ihren Plan eingeweiht. Magdalena hat genickt, missbilligend zwar, denn es bedeutete für sie, die ledige Schwester und Haushälterin, mehr Arbeit. Doch Sophie lässt sich vom Unwillen der Schwägerin nicht beirren, ist sie doch von einer stillen Freude erfüllt. Sie packt ihr Baby, den viermonatigen Johann, warm ein und legt es in den Kinderwagen. Die kleine Magdalena, genau ein Jahr älter, darf auf den vorderen Teil der Chaise sitzen. Der Weg führt auf eine Anhöhe und Sophie atmet schwer.
Das Leben auf dem Hof hat sie sich leichter vorgestellt. Wie es ihr schmeichelte, als sie bemerkte, dass der Sohn des angesehenen Bauern von ihr angetan war! Er, der Arbeitssame, Tüchtige und Sparsame, gönnte sich auffällig oft einen Krug Bier im Unteren Wirtshaus, liess seine Blicke wohlgefällig über die Wirtstochter gleiten. „Ich werde den Hof bald übernehmen, dann brauche ich eine Bäuerin.“ Das war seine Art, um sie zu werben. Und er verlor keine Zeit. Einen Monat, nachdem ihm sein Vater den Hof vererbt hatte, führte er Sophie zum Traualtar. Doch mit der Heirat hatte das Flattieren ein Ende. Bäuerin zu sein, bedeutete Arbeitskraft zu sein.
Was um Himmels willen hatte sie erwartet?
Sophie hat den höchsten Punkt der Umgebung erreicht. Die kleine Magdalena darf eine Weile an ihrer Hand gehen. Das langsame Vorankommen stört Sophie nicht, ist sie doch müde von der Arbeit in Haus und Hof. Doch die Vorfreude belebt sie. Bald würde sie bei ihren Eltern sein und die Tür zu ihrem Seelenverlies aufstossen und Empfindungen und Gefühle loslassen. Sophie summt ein Liedchen - die Gedanken sind frei, ihr Lieblingslied. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschiessen… Selbst wenn der Jäger der eigene Mann war, ihren Gedanken konnte er nichts antun.
Jetzt senkt sich der Weg in die Tiefe. Magdalenchen wird in die Kinderchaise verfrachtet und schläft bald friedlich neben ihrem Brüderchen, während Sophie abwärts wandert, die Augen geradeaus gerichtet auf die Silhouette der Schwarzwaldberge, deren Umrisse sich milchig blau vom Novemberhimmel abheben. Auf dem Feldberg liegt bereits Schnee. Es ist Glück, diesen Spätherbsttag in sich einzusaugen, bevor der Winter Hof und Menschen vom Leben draussen trennt. Der Weg wird steiler und Sophie muss sich gegen die Schwerkraft stemmen, sie fährt Schlangenlinien, um die Herrschaft über ihre kostbare Fracht nicht zu verlieren. Unten, wo der Weg in die Landstrasse nach Neustadt mündet, liegt das Elternhaus. Man weiss dort nicht, dass sie heute auf Besuch kommt.
„Was, Sophie, du?“ Die Wirtsstube ist leer an einem gewöhnlichen Werktag im November, erst wenn sich das Herbstdunkel über die Häuser legt, pflegen die Gäste in Erwartung von Gesellschaft und Zerstreuung zu kommen.
Die Mutter ist allein, sie umarmt ihre Sophie, hebt die Kinder aus dem Wagen und herzt sie, lässt prüfende Blicke über ihre Tochter gleiten. „Schmal bist du geworden“, stellt sie fest. Sophie zuckt mit den Schultern. „Es gibt viel Arbeit.“
„Das denk ich mir – beim grössten Bauern.“
„Ja, und auch die Kinder…“, hebt Sophie an, möchte mehr sagen, zieht die Lippen ein.
Johann beginnt zu weinen, Sophie legt ihn an die Brust. Ihre Mutter holt Milch, Suppe, Brot und Speck für Tochter und Enkelin.
„Und sonst?“ Eine Hand fährt über Sophies Wange. „Ist er gut zu dir?“
Sophie nickt zögernd, sie möchte ihrer Mutter keine Sorgen bereiten. „Es ist nur…“
Die Miene der Mutter verhärtet sich. „Nur?“ Jetzt bricht es aus Sophie heraus. „Er schwätzt nicht mit mir.“
„Aber warum? Hast du ihn verärgert? Ist er närrsch wegen irgendetwas?“
Sophie schüttelt den Kopf, die Tränen sind zuvorderst. „Ich bin nicht tüchtig genug. Nicht genau genug. Er sieht jedes Staubkörnchen. Ich bin zu langsam auf dem Feld. Er versteht nicht, dass ich auch zu den Kindern schauen muss… Und dann sind da noch…“
„Was? Wer?“ Die Zornfalten auf der Mutter Stirn vertiefen sich.
„Seine Schwestern. Sie …sie… Er hört nur auf sie! Sie befehlen, was zu tun ist. Ich komme gegen sie nicht an. Sie sind stärker.“
„Ach, die Ledigen! Sie haben keine Kinder geboren und genährt. Keinen Mann gestützt. Hatten alle ihre Kraft immer nur für sich allein.“
„Magdalena ist stark, klug und tüchtig“, sagt Sophie leise.
„Das bist du doch auch!“ Die Mutter legt die Arme um Sophie. „Aber er schlägt dich nicht?“ Sophie schüttelt den Kopf.
„Er ist kein schlechter Mann, nur sehr streng. So arbeitsam, so genügsam. So unermüdlich wie er selber ist, so sollte ich auch sein. Und Magdalena ist auch so.“
„Aber du bist die Hofherrin, vergiss das nicht. Die Frau des Bauernfürsten! Darauf sollst du stolz sein!“
Sophie flüstert: „Stolz liegt mir nicht, Mutter.“
„Und du hast zwei goldige Kinder!“
„Es werden bald drei sein“, sagt jetzt Sophie, „ich vermute, dass ich wieder schwanger bin.“ Drei Kinder in drei Jahren. Mutter und Tochter sitzen nah beieinander, es braucht nicht viele Worte, das Wichtigste ist gesagt, die ältere Frau hat es gehört und verstanden.
Erste Schatten fallen über das Haus, die Tage sind kurz, Sophie muss aufbrechen.
„Schöne Adventszeit und frohe Weihnachtstage wünsche ich dir“, sagt die Mutter zum Abschied. „Weihnachten?“ Sophie beisst auf die Lippen. Dann neigt sie sich zur Mutter und flüstert. „Es gibt keinen Tannenbaum, Mutter. Keine Kugeln! Keine Geschenke! Man betet, betet, den ganzen Abend.“ „Allmächtiger!“, wispert die Mutter und bekreuzigt sich. Bevor Tochter und Enkel die Stube verlassen, taucht die ältere Frau ihre Finger ins Weihwassergefäss an der Wand und besprengt das kleine Grüppchen. „Geht mit Gott!“
Sie bleibt unter der Tür stehen und schaut ihrer Tochter nach, die beide Kinder in den Wagen gepackt hat und mit zügigen Schritten heimwärts geht. Noch ist der Weg eben, doch bald windet er sich steil in die Höhe. Sophie braucht viel Kraft, um den Wagen über den Hügel zu stossen. Immer wieder tritt die Untere Wirtshaus Wirtin unter die Tür, um nach ihrer Tochter zu spähen. Ab und zu bleibt Sophie stehen und winkt ins Tal hinunter.
***
In der Hof- und Familiengeschichte Tritschler steht Folgendes über meine Urgrossmutter: „Die junge Mutter hatte zu Beginn ihrer Zeit keinen leichten Stand. Ihr Mann Johann regierte mit eiserner Faust und duldete kein Hineinreden. Ihren häuslichen Bereich hatte sie mit den noch ledigen Schwestern Johanns zu teilen, die in der Hauswirtschaft ihres Elternhauses zu tun gedachten, was sie bisher gewohnt waren.“
Im August des folgenden Sommers gebärt Sophie ihr drittes Kind, die Tochter Johanna, die 1910 Rudolf Morat aus Eisenbach heiratet und die Mutter meines Papas wird.
Johanna musste wie alle Söhne und Töchter des Bauern auf dem Hof mithelfen. „Ora et labora!“, lautete das Lebensmotto. Das Religiöse, der Umgang mit den Geistlichen der umgebenden Dörfer, die Andachten in der Hofkapelle spielten eine grosse Rolle.
Ich sehe die kleine Johanna mit den beiden älteren Geschwistern umhertapsen, wie sie geschubst wird, hinfällt, weint. Sie pflückt Blümchen in der nahen Wiese und hält die kurzen Stile in ihrer braunen Faust, öffnet sie in die Schürze der Mutter. Wie war es damals, drittes Kind zu sein in einer Geschwisterreihe von sieben? In einer Familie, in der niemand Zeit hatte, in der aber jedes Mitglied wusste, was zu tun und wo sein Platz war. Nämlich da, wo die anderen waren, sei es bei der Arbeit, beim Essen, beim Kirchgang, beim Schlafen. Wiesen bis zum Saum der Wälder, zum Höhenzug, hinter dem die dunkelgrünen Berge wachsen; Kühe, Schweine, Pferde, Katz und Hund; die Geräusche der Natur – Raunen, Rauschen, Rumpeln; ländliche Geschäftigkeit – mähen, treiben, rattern; der Duft des Harzes, des Heus, des Mists; Vaters schwielige Hand, Eisblumen am Schlafzimmerfenster, Knien in hölzernen Kirchbänken. Das war Johannas Welt. Lange Zeit.
Als sie erwachsen wurde, fanden es die Eltern angebracht, der Tochter eine gewisse Bildung zukommen zu lassen. Eine, die sie auf ihre späteren Aufgaben als Frau und Mutter vorbereiten sollte. Im Elisabethenheim in Zürich an der Kreuzstrasse absolvierte die 21-jährige Johanna einen Haushaltungskurs. Kochen, Waschen, Bügeln, Handarbeiten, Theorie – überall erhielt sie ein „Sehr gut“, das pflichtbewusste Schwarzwaldmädel. Die geborene Hausfrau, sollte man meinen.
***
Wie der erste Morat in den Schwarzwald kam, von meinen Urgrosseltern Karoline und Alexander und meinem Grossvater Rudolf
Die geborene Hausfrau - das glaubte auch Rudolf Morat. Die beiden heirateten im Jahre 1910. Nudelsuppe gab es bei ihrem Hochzeitsessen, Ochsenfleisch mit Beilage und Meerrettich, Schinken in Burgundersauce mit Sauerkraut und Kartoffelpüree, Kalbsbraten, Salat, Kompott und Diplomatencrème. Bald wurden nach dem ausführlichen Mittagessen Kaffee und Kuchen gereicht. Zum Abendessen türmten sich Schnitzel, Kartoffeln und Salat auf Platten und in Schüsseln.
Wer war er, dieser Rudolf Morat aus Eisenbach?
Morat ist ein Name, der im Schwarzwald geläufig ist. Mein Verwandter, Klaus Zimmermann, erarbeitete eine Ahnentafel, auf der vermerkt ist, dass die Vorfahren der Morats aus dem Örtchen Gumefens in der welschen Schweiz stammen und 1717 nach Baden einwanderten. Weshalb sie die Heimat verliessen, bleibt Spekulationen und der Fantasie überlassen. Gründe gab es damals viele: Armut, persönliches Leid, Verfolgung aus religiösen, politischen, strafrechtlichen Gründen. Genauso wie heutzutage.
***
„Vater, ich muss dich was fragen.“
„Kind?“ Der Vater, der seine Hände am Brunnentrog wäscht, blickt auf.
„Ich will heiraten.“
„Potz Tausend! Das sind Neuigkeiten!“
Die Tochter steht und wartet. Der Vater trocknet gemächlich die Hände am Hemd ab.
„Ich hab nichts dagegen. Ein Maul weniger zum Stopfen.“
„Das hab ich mir auch gedacht, Vater.“
Beide schweigen wieder, der Vater abwartend neugierig, das Mädchen verlegen mit ihren Händen spielend. Es atmet tief ein. „Ich brauch deine Zustimmung, Vater.“
„Das will ich meinen“, bestätigt dieser, „aber ich kann nicht zustimmen, ohne zu wissen, wer es ist. Du hast ihn mir noch nicht vorgestellt.“
„Es ist der Josef Morat“, sagt sie schnell.
Die Miene des Mannes verfinstert sich. „Keiner von hier also, der Name ist mir unbekannt. Was ist das für einer?“
„Ein guter Mann, Vater. Er stammt aus der Schweiz …“
„Ein Hergelaufener“, unterbricht der Vater seine Tochter, „meine Tochter und ein Hergelaufener, da bin ich dagegen.“
„Lern ihn kennen, Vater! Er ist ein tüchtiger Mann. Seit er nach Baden eingewandert ist, hat er schon manchen Gulden erarbeitet und gespart …
„Weshalb ist er nicht in seiner Heimat geblieben? Da ist doch immer etwas faul, wenn einer sein Land verlässt.“
„Früher hab ich auch so gedacht, Vater, aber seit ich Josef kenne, denk ich anders. Die Katholischen wurden in seinem Dorf nicht mehr geduldet, er sollte seinen Glauben wechseln, stell dir vor, Vater, dem Glauben abtrünnig werden, nicht mehr zur Gottesmutter beten! Er wollte katholisch bleiben und…“
„Katholisch bleiben“, der Vater kratzt sich am Kopf, „katholisch, das ist ja schon gut und achtenswert, dass er katholisch bleiben wollte!“
„Siehst du! Und so gut und achtenswert ist auch er …“
Erneut fällt ihr der Vater ins Wort. „Kann er überhaupt eine Familie ernähren, der Galgenschwengel?“
Jetzt streckt sich das Mädchen, steht wie eine Burg. „Er ist kein Galgenschwengel und er hat einen ehrbaren Beruf…“
„Was macht er?“
„Er ist Glasmacher, Vater“, sagt das Mädchen.
„Glasmacher!“ Der Alte tritt mit dem Fuss nach einem Stein.
„Ein stattlicher Bauer wäre mir lieber!“
„Er verdient gut als Glasmacher, überall auf der Welt wollen sie unser Glas! Selbst am Fürstlichen Hof von Donaueschingen …“
Der Vater winkt ab. „Und wenn schon, Reingeschmeckter bleibt Reingeschmeckter“, murmelt er und wendet sich zum Gehen. Die Tochter läuft ihm nach, hält ihn am Hemdsärmel zurück.
„Darf ich ihn mal heimbringen, Vater? Wenigstens mal vorstellen?“
Der Ältere zögert, das junge Mädchen hält den Atem an.
„Dann zeig ihn mal her, den Bengel … Und wie heisst er nochmal, sagst du?“ Er betritt das Haus, die Tochter hinterher.
„Morat heisst er, Morat, es gibt dort, wo er herkommt eine Stadt, die so heisst, M-o-r-a-t, auf Deutsch Murten.“
Jetzt bleibt der Bauer stehen, schaut erstaunt. „Eine Stadt, die nach ihm benannt ist?“
„Nein, Vater“, lächelt die Tochter, „er heisst nach der Stadt.“
***
1716 heiratete Josef Morat Barbara Fischer. Bezüglich seines Berufs gibt es verschiedene mündliche Überlieferungen. Es ist von einem Steinhauer die Rede, der Steine für Wege und Strassen zurecht schlug. Andere sagen, er sei Köhler gewesen. Jede dieser Berufsbezeichnungen passt in die Zeit des 18. Jahrhunderts, als im Schwarzwald die Glasmacherei eine blühende Industrie war. So ist es wohl wahr, dass dieser Morat aus der welschen Schweiz seinen Lebensunterhalt im Umfeld dieses neuen Erwerbszweiges verdiente, sei es als Steinhauer, Köhler oder Glasmacher.
***
Die Spaziergängerin versinkt in Gedanken ebenso wie im Wald. Plötzlich scheinen die Wege nicht mehr vertraut. Der Wald wirkt wie eine grüne Wand, gemalt von einem untalentierten Maler. Pinselstriche kreuz und quer, im gleichen Grünton, mal heller mal dunkler. Doch das Dickicht lichtet sich und zwischen den Stämmen schimmert es weiss. Ich habe mich verlaufen, aber nicht verirrt. Statt auf den Höchstberg im Obereisenbachtal entlässt mich der Wald in den Wolfswinkel, jene Waldecke, die den Blick auf das Untertal freigibt. Weit unten, dort wo die beidseitigen Waldränder nah zusammenrücken, steht heute das Unternehmen IMS, ein Riesenbauwerk in der Enge, als wolle es das Tal abriegeln. Es ist die Fabrik, die Johann Morat, der Bruder meines Urgrossvaters Alexander, gründete. Er gründete sie an diesem Ort dank der Mühle, die er von seinem verarmten Bruder erwarb. Dieser Alexander war der Vater meines Grossvaters, der die Ebenemoostochter heiratete.
Bevor ich meine Grosseltern Johanna und Rudolf vom Hochzeitsessen in die Nacht und ins Ehebett entlasse, drehe ich das Rad der Zeit nochmals gehörig zurück bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.
Die Mühle, Energiespenderin und daher von unschätzbarem Wert, hatte die erste Frau von Alexander, Anna Ganter, als Mitgift in die Ehe gebracht. Anna starb früh, hinterliess ihren Ehemann, zwei kleine Kinder – und die Mühle.
Mein Urgrossvater Alexander stand auf der Verliererseite der Familie. Während sein einziger Bruder Johann in die Annalen einging als Firmengründer, der mit seinen Produkten auf der Wiener Weltausstellung den Vergleich mit der europäischen Konkurrenz nicht scheute, mühte sich Alexander mit allerlei Geschäften ab – als Müller, Bäcker, Pferdegeschirrflicker. Der frühe Tod seiner Frau Anna war ein tragischer Verlust für den jungen Familienvater. Was nur sollte er tun?
Die Schwester der verstorbenen Anna, Karoline Ganter, weilte damals als Dienstmädchen in Irlands Hauptstadt Dublin.
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Durch eine Lücke zwischen den hohen Häusern blitzt das schwarze Gusseisen der Half-Penny-Brücke. Karoline schiebt ihre Hand unter die Falten des langen Rocks und kramt in der eingenähten Tasche nach ihrem Half-Penny, den sie bezahlen muss, bevor sie die Brücke überquert.
Oh, nein! Sie hat ihn vergessen, liegen gelassen auf der Werkbank ihres Verwandten! „Vergiss den nicht“, hat er gemurmelt, während er die Uhr sorgfältig verpackte, die sie einem Kunden ausliefern sollte. Sie war gern bei Onkel Josef, hier nannte man ihn Joe, sie war gern bei ihm in der Werkstatt. Neugierig schweiften dann ihre Augen über seine Werkzeuge, den kleinen Schraubstock, die winzigen Schräubchen im Glas, den Stechzirkel, die Unruhwaage. Welch seltsamer Name, als könnte man die Unruhe wiegen! „Wozu ist das gut?“, fragte sie. „Damit wuchte ich die Unruh aus“, antwortete Joe und reichte ihr die verpackte Uhr. Sie nickte artig, wohl wissend, dass er weder Zeit noch Lust hatte, weitere Erklärungen folgen zu lassen. Doch die Unruh liess ihr keine Ruhe und darüber hatte sie den halben Penny vergessen, der so unscheinbar inmitten der glänzenden Uhrmacherutensilien lag.
Karoline seufzt, bleibt stehen, rückt den Strohhut zurecht, zieht seine Bänder unter ihrem Kinn fest und verknüpft sie, denn von der See her kommt Wind auf. Schon ballen sich die Wolken, gleich würde es regnen und einen Schirm hat sie auch nicht. Umkehren? Es bleibt ihr wohl nichts anderes übrig. Sie könnte eine der zahlreichen Passantinnen ansprechen, höflich um einen Half-Penny bitten. Den Damen mit ihren üppig dekorierten Hüten und zierlichen Schnürstiefeln würde so ein halber Penny kaum wehtun und die Herren, die sich so wichtigtuerisch mit Stock und Gehrock im Eiltempo durch die Gassen bewegten, denen – Aber nein, einen Herrn anzusprechen, das war ohnehin ein unmögliches Unterfangen, allein schon der Gedanke daran! Und überhaupt, sie würde die Worte nicht finden, ob Dame, ob Herr, herumstaksen würde sie und sich dabei verloren fühlen. Verloren im Ozean der fremden Wörter. Missmutig stampft Karoline mit dem rechten Fuss auf und dreht sich mit dem linken gleichzeitig schwungvoll in Richtung Heimweg.
Zwar hat sie etwas Englisch gelernt in den zwei Jahren, die sie nun schon bei Onkel Joes Familie in Dublin ist, doch noch sind die Kenntnisse spärlich, denn im Hause ihres Onkels wird Deutsch gesprochen. Wenn man das überhaupt Deutsch nennen konnte, Karoline kichert in sich hinein, dieses Schwarzwälderische, das ihr so leicht von der Zunge geht. So leicht, dass sie die Tante manchmal wegen ihrer Schwatzhaftigkeit tadelt. „Die Mühle vom Schwarzwälder Tal klappert wiedermal gehörig“, pflegt sie teils scherzhaft, teils streng zu reklamieren. „Nicht nur klappern, auch mahlen“, fügt sie je nach Laune noch hinzu und Karoline weiss, dass sie die Nadel etwas geschwinder durch das grobe Leinen der Bubenhemden stechen und eine gewichtige Miene aufsetzen muss.
