Die Welt ohne Hunger - Alfred Bratt - E-Book

Die Welt ohne Hunger E-Book

Alfred Bratt

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Beschreibung

Der Chemiker Alfred Bell steht kurz vor der Vollendung einer Formel, die den Hunger der Welt ein für alle Mal besiegen soll. Allerdings fehlt ihm jemand, der an seine Arbeit glaubt und sie finanziert. So reist Bell auf den abenteuerlichsten Wegen von Paris nach London und New York, trifft eitle Professoren, reiche Unternehmertöchter und zwielichtige Dema­gogen. Mit der Weigerung, seine Erfindung wirtschaftlich auszubeuten oder in den Dienst der Populisten zu stellen, macht er sich bald gefährliche Feinde. Der einzige Roman des viel zu jung verstorbenen Schriftstellers Alfred Bratt sorgte bei seinem Erscheinen 1916 für Aufsehen. "Die Welt ohne Hunger" erlangte innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Auch heute hat der Roman nichts von seiner Spannung und Aktualität verloren.

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Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Alfred Bratt

Die WELT ohneHUNGER

Roman

Herausgegeben,mit einem Nachwortsowie mit Illustrationenversehen von Jorghi Poll

Inhalt

Erster Teil

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Dritter Teil

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Vierter Teil

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Von Kaffeehausprinzen und Maggiwürfeln: über das viel zu kurze Leben des Schriftstellers Alfred Bratt

Anmerkungen

Erster Teil

Erstes Kapitel

Auf dem Tisch in der Mitte des Laboratoriums stand ein physikalischer Apparat.

Über der kochenden Flüssigkeit in dem Behälter stieg langsam weißlicher Dampf in die Höhe, wie eine dichte, in sich selbst kreiselnde Wolke. Die Glaswand drohte von Sekunde zu Sekunde zu bersten. Plötzlich hob sich der Dampf bis zu dem nadeldünnen Ende der Röhre und fuhr in einem boshaften, singenden Strahl heraus – geradewegs in eine neugierig über die Retorte gebeugte Nase. Der so unvermittelt attackierte Gesichtsteil zog sich schnaubend zurück und krümmte sich nach unten zu einer wulstigen Oberlippe. Aufwärts mündete der Nasenrücken in eine schmale, aber sehr fleischige Stirn. Der Schädel, auf dem eine einsame Silberlocke wippte, war im übrigen kahl und saß auf einem fettigen Nacken, der sich zwischen runde Schultern duckte. Das Ganze basierte auf zwei kurzen Säulenbeinen und hieß Thomas François Bourdier, Professor an der Pariser Sorbonne.

Mit der Entschlossenheit eines Mannes, der die Materie beherrscht, zugleich aber mit einem leichten Zittern der Hände, die nicht ganz sicher schienen, drehte der Professor eine Schraube zu. Die flüssige Substanz in der Röhre warf noch einige widerspenstige Blasen und sank dann auf den Boden des Gefäßes zurück. Der Professor zog geräuschvoll den Atem, trocknete sich ab und hielt dann mit einem Ruck des erhobenen Armes inne. Es klopfte.

Der Laboratoriumsdiener trat ein und überreichte eine Karte.

Der Professor hielt sie dicht vor die Augen und las: »Alfred Bell«.

Er bog die Karte zwischen den Fingern und glättete sie wieder: »Ihnen bekannt?«

»Nein, Herr Professor.«

»Warten lassen!«

Der Diener ging zur Türe.

Bourdier blickte auf. Es dunkelte bereits.

»Pierre …«

Der Diener wandte sich um und wartete, die Hand auf dem Türgriff.

Der Professor war an das Fenster getreten. Er sah durch das zitternd einströmende Abendlicht hinab auf die Züge der neuen Expreß-Stadtbahn, die – zwei Stockwerke tiefer – auf in der Luft schwebenden Schienensträngen vorbeidonnerten. Die eisernen Traversen der Hochbahnstrecke liefen quer von Haus zu Haus und überspannten die Straße mit einem Netz von Metall, so daß die Wände des Laboratoriums bei jedem vorüberratternden Zug leise dröhnend den Schall zurückgaben. Die Straße selbst lag sieben Stockwerke tief. Sie war schmal und erschien durch zwei ununterbrochen fortgleitende Reihen gedrängter Automobildächer noch enger.

Der Professor blickte gedankenlos in diesen kribbelnden Kessel zwischen den schroffen Häuserfronten. So gedankenlos, wie er dies durch zehn Jahre Tag für Tag getan.

Er hielt die Hände tief in die Taschen seines weißen Kittels versenkt; mit der Festigkeit eines Mannes, der sich Zeit läßt.

Er hatte sich stets Zeit gelassen. Und nicht zu seinem Nachteil.

Herrgott, ja, wenn man einen Namen trägt …

Keine einfache Sache. Keineswegs. Man altert und muß sich auf den Nachwuchs stützen.

Und die jungen Kräfte, deren man sich bedienen könnte, sind nicht immer zur Stelle.

Thomas François Bourdier gehörte zu jenen Wissenschaftlern, die es mit außerordentlichem Spürsinn und einer bewunderungswürdigen Anpassungsfähigkeit verstehen, Talente zu – entdecken. Er hatte es stets für vernünftiger gehalten, die Leistungen Unbekannter gewinnbringend zu verwerten, als selbst allzu tief in die so verwirrten und verwirrenden Regionen der Elemente einzudringen.

Denn es ist unbestreitbar bequemer und keineswegs weniger amüsant, diese komplizierten Neuerungen anderen zu überlassen. Wenn man nur die Glorie auf seine Seite bringt!

Man muß die Welt kennen – das ist es. Thomas François Bourdier kannte die Welt.

Auf diesem mehr ehren- als dornenvollen Wege war er mit dem Vollgewicht seiner Person die steilen Stufen zur Professur und zum Sitz und Titel eines Akademikers emporgestiegen. Seine Abstammung aus der Gascogne, die ihn mit einer nicht unbeträchtlichen Redegewandtheit begabt hatte, trug keineswegs den kleinsten Teil an seinen Erfolgen. Zudem ist häufig genug beobachtet worden, wenn auch noch nicht ganz aufgeklärt, daß fette Leute dem Fatum sympathischer sind als magere. Und in Bezug auf die erstere Eigenschaft hatte Thomas François Bourdier sich nichts vorzuwerfen. Seine von harten Fleischmassen zusammengepreßte Gestalt mit den merkwürdig beweglichen Armen und Beinen, dem zugespitzten Kopf und den runden, gleichsam auf unsichtbaren Stielen hervorquellenden Augen glich wahr- und leibhaftig dem tausendfach vergrößerten Exemplar jenes merkwürdigen Tieres, das die Zoologen Ameisenlöwe nennen. Man weiß, daß dies anmutige und ansprechende Geschöpf seine Zeit damit verbringt, eine trichterförmige Öffnung in den Sandboden zu bohren und hier auf die Ameisen zu warten, die sich etwa freundlicherweise dem Trichterrand nähern und herabfallen möchten. Das ganze Leben des Professors Bourdier war sozusagen ein solcher Raubtiertrichter, in dessen Mittelpunkt er unablässig saß und gierig eine Karriere bohrte.

Vor dem hohen Laboratoriumsfenster stehend, blickte Bourdier in einen Sonnenuntergang, der die Giebel der gegenüberliegenden Häuser, die schwanken Stahlsparren der Hochbahngleise und die Motorhauben der in der Tiefe schwirrenden Automobile in rötliche und gelbliche Linien zerflimmerte. Der sacht streichende Hauch des Abends, jener Hauch vom ersten Wipfelgrün des Bois de Boulogne und dem sanften Schlag des Seinewassers an schlammige Kaimauern, vom Brodem der in Dunstschleiern versinkenden Verkehrsplätze und der schüchternen Melodie einsamer Vorstadtgassen, von Lachen und Parfüm, von Hupenklang und dem Ruf versprengter Camelots mit druckfeuchten Zeitungen auf dem Arm – dieser aus hunderterlei Geruch- und Lautempfindungen gemengte Hauch, den jeder Pariser Frühjahrsabend in seinem Atem mitschwingt, drang nicht bis herauf in den kahlen Raum. Er berührte nur mit einem kaum sichtbaren Nebel die geschliffene Fensterplatte, flüchtig wie ein halber Gruß.

Der Professor legte den Kopf asthmatisch über die rechte Schulter: die Wartezeit schien ihm genügend lange.

»Pierre … lassen Sie den Herrn eintreten!«

Der Diener drückte den Türgriff nieder und verschwand.

Bourdier begab sich an den Schreibtisch. Er rückte den Armsessel noch tiefer in den Schatten der Ecke und schob einen zweiten Stuhl für den Besucher nach vorne in die letzte kalte Helle. Dann nahm er Platz – verborgen im Dunkel der Wand, so daß er, selbst kaum kenntlich, den Gegenübersitzenden scharf fixieren, jede Falte, jeden Muskel seines Gesichts in der prallen Beleuchtung beobachten konnte – und rief, ohne ein zweites Klopfen abzuwarten: »Herein …«

Als Alfred Bell das Laboratorium betrat, vermochte er niemand zu erblicken. Erst auf ein Räuspern des Professors bemerkte er eine Gestalt, die sich hinter dem Schreibtisch bewegte.

»Guten Abend, mein Herr.« Es klang ölig jovial aus der Ecke.

»Herr Professor Bourdier? …«

»Sehr wohl.« Der Professor hob den rechten Arm und ließ ihn gleich wieder herabfallen. »Hier, bitte.«

Der Fremde setzte sich. Das schwindende Tageslicht fiel auf sein kantig geschnittenes, knochiges Gesicht und die glattgescheitelten braunen Haare.

Der Professor warf einen beflissen interessierten Blick auf die Karte, die vor ihm auf der Tischplatte lag.

»Herr Bell, nicht wahr?«

»Ja.« – Der Fremde blickte dem Professor kühl und ruhig in die Augen.

Bourdier fühlte, daß dieser Blick ohne Scheu durch das Dunkel der Ecke bis zu ihm drang.

»Erfreut«, murmelte er. Und dann laut: »Womit kann ich Ihnen dienen?«

Er tippte gleichgültig die Fingerspitzen aneinander, ließ aber bald erstaunt und gespannt die Hände sinken, als der Fremde folgendermaßen begann:

»Ihr Name und Ihre Stellung, Herr Professor, sind mir bekannt. Ich weiß, daß Ihre Zeit nicht jedermann zur Verfügung steht. Aber – Sie werden mich anhören!«

»Mhmm …!« Der Professor rückte auf seinem Platz und gab keine Antwort.

»Ja«, fuhr der Fremde, der Bell hieß, fort. »Sie müssen mich anhören. Nicht meinetwegen, sondern um dessentwillen, was ich zu sagen habe.«

»Ich bin begierig …«

Der Fremde beugte sich kräftig zurück, wie jemand, der gesonnen ist, sich nicht unterbrechen zu lassen. Er machte eine Pause, als überlegte er noch einmal blitzschnell seine Worte.

Der Professor betrachtete ihn unter zusammengezogenen Augenlidern, ohne an diesen energischen, glatten Zügen irgendein Merkmal, ein bezeichnendes oder verräterisches Kennzeichen entdecken zu können. Der Mann, der vor ihm saß, den hageren Oberkörper mit den kantigen Schultern zurückgebogen, gab sich nicht auf den ersten Blick, das war klar.

Ein merkwürdig sicherer junger Mann. Wie? – Nun, man würde ja sehen.

»Es handelt sich um eine Erfindung«, sagte Bell laut und unvermittelt. »Eine Erfindung, die ohne Zweifel das Leben des einzelnen beeinflussen wird und die ganze zivilisierte Welt zu verändern vermag.«

Der Professor faltete die Hände wie ein erstauntes, neugieriges Kind. Aber in seinen Augen glomm ein Licht auf, das sofort wieder verschwand.

»Mein Gott«, sagte er liebenswürdig lächelnd, »wie sollte dies geschehen – wenn man fragen darf?«

Der andere sah geradeaus. »Durch Schaffung einer neuen sozialen Basis!«, sagte er. »Die Verteilung der Werte, wie sie heute besteht, ist ungesund und rechtlos. Die grenzenlose Stapelung der Kapitalien auf der einen Seite und die mit dem Mangel der primitivsten Entwicklungsmöglichkeiten verbundene Wehrlosigkeit auf der anderen Seite – diese andauernde Verstärkung der wirtschaftlichen Kontraste bis zur hoffnungslosen Erhitzung muß in absehbarer Zeit zu einer Explosion führen. Zu einer Explosion, die in ihrem elementaren Ausbruch, ihrem Umfang und ihren Wirkungen gleich fürchterlich sein kann.«

Der Professor lehnte die Brust an den Tisch.

»Kapitalismus und Proletariat, hm ja … ich verstehe. Sie sprechen von einem alten Problem, mein Herr, das ungezählte Male so heftig und stets so erfolglos diskutiert wurde, daß man nachgerade an seinem Vorhandensein zweifeln könnte. Beiläufig bemerkt, die Katastrophe, die Sie zu prophezeien belieben, scheint mir zumindest der Aktualität zu entbehren.«

Bell hob den Kopf; er saß jetzt vollkommen gerade. »Sie war nie so aktuell wie heute!«, stieß er halblaut hervor. »Wenn zwei konträre Pole sich berühren, entsteht ein Funke. Das können Sie nicht leugnen, Herr Professor … Sie sind Physiker«, fügte er mit einem Lächeln hinzu.

Bourdier erwiderte dieses Lächeln, ohne zu wissen warum.

Er empfand auf einmal eine ihm selbst unerklärliche Nervosität. Er wußte nicht recht, wie er sich diesem unbekannten Besucher gegenüber verhalten sollte.

Von ferne erdröhnte ein prasselndes Rollen, schnell anschwellend. Dann wurde es wieder schwächer und verlor sich in den Mauern. Ein Hochbahnzug war vorbeigerast.

Der Mann, dessen Schädel schwarz wie eine Silhouette im letzten Licht des Fensters ragte, fuhr fort: »Es ist jetzt nicht die Stunde, um die technische oder, besser gesagt, chemische Seite meiner Idee darzulegen. Nur soviel: es müßte ein Mittel geben, das die ursprünglichste Lebensbedingung jedes einzelnen – ohne Ausnahme – absolut und automatisch sicherstellt! Die Wissenschaft ist unsere erste Religion, sie ist das Tatsächliche: das Mittel, von dem ich spreche, müßte aus ihr hervorgehen.«

Der Professor bewegte sich nicht.

»… Dieses Mittel habe ich gefunden«, sagte Bell einfach.

Das Grau der Wände war schwarz geworden. Nur dort, wie der Spiegelglanz der Fensterscheiben reflektierte, blinkte ein matter Majolikastreif.

Ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, fühlte Bourdier, daß die Worte des Fremden keine vulgäre Utopie sein konnten. Noch vermochte er das, was er gehört hatte, auf keinerlei Weise in die Form einer greifbaren Vorstellung zu bringen. Er nahm auf, was der andere sagte, ohne eigentlich einen festen Begriff damit zu verbinden. Er hörte, ohne geistig zu sehen. Aber – so rätselhaft ihm dies war – er konnte sich nicht von dem Gefühl befreien, daß, was dieser Fremde sprach, möglich war. Daß es möglich war … weil er es sagte.

Und es war ihm plötzlich, als hätte er diesen abendlichen Besuch schon einmal erlebt – irgendwann, irgendwo.

Er drückte die Hände ineinander, daß die Fingergelenke hörbar knackten.

»Und worin, mein Herr … sollte dieses Mittel bestehen?«

Bell sah an ihm vorbei.

»Der Haß«, sagte er, »die durch Generationen erweiterte und vererbte Kluft zwischen Arbeiter und Unternehmer, muß überbrückt werden. Wir treiben Philosophie auf jedem, selbst dem abseitigsten Gebiet. An unseren Universitäten werden die Geheimnisse der Ethik, die Lehren der Nationalökonomie getrieben. Wir errichten Heilstätten für die arbeitenden Klassen, ach ja … Wir pumpen den Männern in Maschinenhallen, Hochöfen und Eisenwalzwerken die Lungen leer, wir vergiften ihren Atem in Bleigruben, wir jagen ihnen in Kohleschächten und Glasbläsereien die Schwindsucht an den Hals. Und wenn wir den letzten schweißigen Tropfen aus ihnen gepreßt haben, wenn sie ausgedrückt sind und leer bis zum Äußersten, dann schicken wir sie zum Teufel, als Krüppel, ohne Kraft, ohne Verstand, hohle Gespenster … Sie halten die Zeit nicht für reif! … Ich kenne das Sausen der Treibriemen, das mit jeder Umdrehung ein Stück Nerv abschabt, ich kenne den Schweiß des weißglühenden Stahls. Ich kenne die geisternde Stickluft der Werkstätten, die Pest, die in die Herzkammern dringt und das Blut würgt … Der Himmel weiß, ob das aktuell ist! … Entsinnen Sie sich der Katastrophe in Wales, die vor zwei Jahren durch die Presse der ganzen Welt ging? Wissen Sie, daß innerhalb einer Minute sechshundert Leute durch jene Explosion zugrunde gingen? Und wie sie starben? Ich habe sie gesehen: mit offenen Fischmäulern und verkohlten Kiefern, mit gekochten Nieren und geplatzten Eingeweiden! … Denken Sie an den Bau der Dardanellenbrücke! An dieses Galafest der Haie! … Gewiß – diese Arbeiten sind notwendig, sie müssen ausgeführt werden. Wir brauchen sie, wie wir den elektrischen Strom und das Dynamit brauchen: für unsere Bahnen, für unsere Städte, für den Verkehr unter Wasser und in der Luft. Aber haben jene, die diesen Pflichten nachkommen, nicht auch selbstverständliche Rechte? … Vernichten Sie das herrschende System und setzen Sie ein neues an seine Stelle: beschäftigen Sie in denselben Werken zweimal, dreimal so viele Arbeiter; verdoppeln und verdreifachen Sie die Ablösungen von Tag- und Nachtschicht; vermindern Sie die Schwere und Zeit der Arbeit; erhöhen Sie die Löhne – und wir werden dieselben Dampfmaschinen und Motoren bekommen. Sagen Sie nicht, daß dies wirtschaftlich unmöglich ist; alles ist möglich, wenn man die Mittel besitzt, es zu erzwingen! Die Konzerne, die Truste werden einige Prozente weniger verdienen, wir werden die Heilstätten sperren – und das schlimmste Geschwür unserer Zeit, die Arbeitslosigkeit, wird eine Schimäre sein. – Aber dulden Sie nicht, daß Millionen in Whitechapel, in Port-Said, im Judenviertel New Yorks, in San Franzisko, in allen Gold- und Sumpfzentren der Welt vor Hunger und Dreck der Atem ausgeht. Dulden Sie nicht, daß Männer wie John Pitt in den Betongräben von Cornerhill den Streik mit Stinkbomben und schwerem Kaliber bekämpfen, daß die Arbeiter gezwungen werden, Verträge einzuhalten, die sie blind unterschrieben haben … Ich glaube nicht an die moralische oder geistige Berechtigung einzelner, über die Massen zu schreiten, die ihnen gleich geschaffen wurden … Ich glaube nur an die Masse!«

Bell schwieg. Er war deutlich hörbar in der Stille des Raumes, wie er den Atem laut und breit in die Brust zog. Dann klang seine Stimme wieder ruhig durch die Dunkelheit.

»Das Proletariat fordert für sich, was das Primitivste ist: das heißt das, was die Fortführung des nackten Daseins garantiert. Es fordert dies weder als Gnade noch als Lohn, sondern als etwas Primäres, das einfach da ist, wie die Natur da war, bevor wir sie zerteilten und kartellierten!«

Und etwas gedämpfter fügte er einfach hinzu: »Mein Mittel besteht in einem Präparat, das in kondensierter Form alle Nahrung enthält, die der menschliche Körper täglich verbraucht. Es wird – durch ein womöglich internationales Monopol verstaatlicht – auf Staatskosten hergestellt und steht von Staats wegen jedermann zur Verfügung, der seiner bedarf. – Das ist alles.«

Bell verstummte plötzlich. Er glaubte ein leises, knarrendes Geräusch gehört zu haben.

Er blickte nach der Türe. Trotzdem der rückwärtige Teil des Laboratoriums bereits schwarz von Dämmerung war, meinte Bell ganz deutlich einen schmalen offenen Türspalt zu sehen. Und hinter diesem Spalt schwebte ein weißer Fleck, wie … ja, wie ein menschliches Gesicht.

Es währte nur den Bruchteil einer Sekunde. Gleich darauf wandte Bell geblendet den Kopf.

Der Professor hatte die elektrische Tischlampe angedreht.

Die Tür war geschlossen. Kein Fleck, kein Gesicht. Nur die blanke Türklinke aus Messing schien sich noch leise zu bewegen.

Stille. Und abermals jagte zwei Stockwerke tiefer ein Hochexpreß, knatterte Sturm und verhallte.

Ein breiter Schatten kroch unruhig über die mattbeleuchtete Rückwand des Laboratoriums. Die seltsam geformten Gläser und Phiolen in den Schränken stießen mit ganz leisem Klirren aneinander, während hastige Schritte Thomas François Bourdier hin und wider trieben. Er hielt die Hände hinten gekreuzt und sandte verstohlene, schnelle Blicke zu Bell, der wortlos dasaß und ihn aus ernstem Gesicht ohne erkennbare Regung betrachtete. Der Professor verspürte eine Hitze im Kopf, als sei das Blut seines Körpers in einem Schwall bis in die Hirnschale gesprungen.

Das – das war doch …! Krrrrr.

Hol mich der Teufel – eine Idee!

Wahrhaftig ja – das war es!

Es schien unmöglich, die Folgen dieses Planes zu überschauen, oder selbst nur einen Teil davon auszudenken. Aber die fast unbegrenzten Möglichkeiten, die in den knappen Worten Bells enthalten waren, hatten Bourdier überwältigt.

Eine Sekunde lang hatte er das Empfinden, als würde er gegen die Brust gedrückt und könne keinen Atem bekommen.

Das hieße wahrhaftig, das Wirtschaftsleben an seiner Wurzel packen. Bewährte Begriffe würden einfach umgestülpt, he, und an die Luft gesetzt. Zum Lachen … Die durch Traditionen von Jahrhunderten geheiligte Maschine sozusagen altes Eisen! Das Staatsleben selbst könnte …

Er blieb stehen und griff sich unwillkürlich an die Stirn.

Dieser Bell sah ganz aus wie ein Mann, der weiß, was er spricht. Hier also mußte man einsetzen. Und zwar sofort! Denn das eine war Bourdier klar: der Moment war für ihn gegeben, seine Position festzustellen.

Er warf den Kopf nach hinten, daß die Locke auf dem kahlen Kran erzitterte.

Er ging auf seinen Platz zurück, ließ sich wieder nieder und richtete ein gewaltsam harmloses Augenzwinkern auf Bell, der schweigsam dasaß, als ginge ihn die Sache gar nichts an.

Bourdier stockte der Atem. In seinem Kopf arbeitete es jetzt wie eine überhitzte Präzisionsmaschine. Er wußte, daß er jeden Satz dreimal wenden müsse, bevor er ihn entließ.

Krrrr. Jawohl.

Er hockte in seinem Armstuhl mit hochgezogenen Schultern und gab sich den Anschein, als räkelte er sich möglichst behaglich zurecht; während er doch in Wahrheit dem armseligsten der Gedanken nachjagte, die sich nun in seinem Hirn überrannten, so daß er innerlich in Schweiß geriet. Er bohrte sich tief in den Sessel; der über den Schultern in Falten gezogene Stoff des Rockes und das ungesunde Gelb seiner schwammigen Augen zergingen im Schein der geschirmten Tischlampe in ein fast konturenloses Verschwimmen von Licht und Schatten, aus dem nur seine Augen hervorglommen.

Er rieb die feuchtgewordenen Innenflächen der Hände:

»Und was wünschen Sie von mir in dieser Angelegenheit?«

Durch Bells langgestreckte Gestalt ging eine Bewegung, als sei er plötzlich aufgewacht.

»Meine Arbeiten sind so gut wie abgeschlossen, so weit dies theoretisch überhaupt möglich ist. Zur tatsächlichen Herstellung des Präparats ist eine praktische Tätigkeit erforderlich, die ein halbes Jahr beanspruchen dürfte. Ich benötige komplizierte Apparate, deren Konstruktion mein Geheimnis ist. Hierzu aber sind Geldmittel erforderlich, die dem Umfang des Unternehmens gegenüber zwar gering, für mich persönlich jedoch unerschwinglich sind.«

Der Professor legte die gespreizten Finger vor sich auf die Tischplatte. Sein Schädel saß schief, seine Mienen waren zusammengekniffen. Er war nur noch lauernde Aufmerksamkeit.

»… Und zu diesem Zweck brauche ich Ihre Hilfe, Herr Professor!«

Bourdier räusperte sich.

»Tja«, meinte er breit und vorsichtig, »… und wenn die chemische Seite Ihrer Idee nun ein – Irrtum wäre?«

Bell beugte sich vor. Innerhalb einer Minute hatte er zwei symmetrische Reihen von Formeln auf einen Notizblock geworfen.

Bourdier starrte lange auf das Papier. Seine Augen weiteten sich, als wollte er jedes Zeichen und jede Zahl auf ewig in sein Gehirn einprägen. Er bewegte murmelnd die Lippen und hob dann mit einem jähen Ruck den Kopf.

»Hm, allerdings … ein außerordentliches Problem! Aber ein Problem …«

Bell lächelte unmerklich. »Die Lösung«, sagte er, »ist vorläufig natürlich mein Geheimnis.«

Er streckte sich. In dem Schwarz, das über der niedrig strahlenden Lampe schwebend die Decke verhüllte, schien er ins Unbegrenzte zu wachsen.

»Es ist für Sie ein leichtes, mir durch die Leitung der Sorbonne die nötige Summe zu verschaffen.«

Und mit einem scheinbar wieder halb abwesenden Blick fügte er hinzu: »Wie denken Sie darüber – Herr Professor?«

Bourdier neigte sich in seiner ganzen Fülle vornüber und schlug Bell kräftig und wiederholt auf den Arm, als wäre er seit Jahren sein bester Freund.

»Grandios!«, rief er und schnaufte vor Extase. »Grandios – mein Lieber! … Hä – soll ich Sie umarmen? … Krrrr.«

Professor Bourdier überstürzte die Worte – nun, da der Augenblick gekommen war, auf den er während der letzten Minuten mit sehnsüchtiger Spannung gewartet hatte. Er fand – wie er sagte – keine Bezeichnung, die so absolut idealistischen Tendenzen Bells in gebührendem Maße zu apostrophieren. Da war endlich einmal ein Mann, der über die Grenzen dessen hinauswollte, was uns als das Gegebene und darum recht und gültig erscheint. Ein Pionier! … bei allen Heiligen.

Er wiegte sich nach allen Seiten, seine Bewegungen bekamen Tempo und Rhythmus vor Beredsamkeit.

Ja, Bell sei einem ganz richtigen Instinkt gefolgt, als er ihn aufsuchte. Er würde nicht ermangeln … ganz im Gegenteil. Aber das mit dem Direktorium der Sorbonne – oder wie hatte Bell doch gesagt? – sei meilenweit davon entfernt, die Unantastbarkeit der Herren Kollegen in Zweifel zu ziehen. Aber immerhin … es gäbe persönliche Interessen, die gefährlich werden könnten. Und dann sei überhaupt nicht zu erwarten, daß die Sorbonne eine derart nach Utopie klingende Angelegenheit (er selbst zweifle kaum, aber trotzdem) in den Kreis ihrer streng sachlichen Interessen ziehe … und überhaupt, jawohl.

Bourdiers Stimme lief hurtig und gelenksam alle Windungen seiner Dialektik durch, vom vibrierenden Baß der Überzeugung bis zum Falsett der Voraussicht. Seine Glimmerkohlen von Augen flackerten verfänglich.

Aber er persönlich sei durchaus nicht dagegen, sich der Entwicklung des Unternehmens zu widmen. Dies wäre nicht der erste Fall – ganz gewiß nicht. Wenn auch die Unsicherheit der realen Basis natürlich nicht zu unterschätzen sei. Vor allen Dingen müßte er die wissenschaftlichen Voraussetzungen untersuchen, das sei Prinzip und Notwendigkeit. Nur ein älterer Fachmann ist berufen – nicht wahr? – zu prüfen und zu scheiden und die Verbindungen herzustellen, die die Jugend oft leicht übersieht, deren aber jeder wissenschaftliche Bau grundsätzlich und dringendst bedarf.

Seine Meinung gehe also kurzerhand dahin: er wolle Bells Pläne und Analysen selbst der genauesten Prüfung unterziehen, und dann sei er bereit, sozusagen Hand in Hand mit ihm zur Lösung zu schreiten.

Ja, das sei wahrhaftig das beste.

Und was die Mittel beträfe – he … das würde sich finden! Er selbst sei bereit – entsprechend dem Ergebnis seiner Untersuchung, natürlich – das Notwendige zu beschaffen. Alles weitere würde sich von selbst ergeben, nicht wahr? … Denn das mit staatlichem Monopol und Internationalität – allerhand Ideale in Ehren – sei doch wohl übertrieben und ermangele zuvörderst der reiflichen Überlegung.

Oder wie?

Eine private Gesellschaft – er bemerke dies beispielsweise – könne da ganz anders zu Werke gehen! Dies sei eine alte Erfahrung. Und man behalte das Recht der Disposition!

Übrigens – es sei ja noch Zeit, bis dahin.

Zuerst müsse jeder Zweifel in wissenschaftlicher Hinsicht beseitigt werden.

Bourdier stieß den Atem kurz und kräftig. Er plusterte vor Überzeugung.

Vorläufig seien Zweifel immerhin vorhanden. Es gäbe wohl Schwierigkeiten, ganz abgesehen von ökonomischen und anderen, sozusagen geschäftlichen Maßnahmen. Er könne doch nicht umhin, mancherlei in Frage zu ziehen. Und kurz und bündig – vorläufig sehe er nicht weniger und nicht mehr als eine großartige Möglichkeit, deren Hintergrund festzustellen seine erste Aufgabe sei. Und er hoffe, daß Bell allen guten Willen habe, ihn in diesem Belang werktätig zu unterstützen.

Wie gesagt – von der Sorbonne müsse man absehen, das werde Bell wohl begreifen – er für seine Person sei nicht abgeneigt, das Ganze in die Hand zu nehmen!

Die letzten Sätze hatte Bourdier regelrecht hervorgeschossen. Er zielte förmlich und folgte ihnen mit dem Körper, um ihre Treffsicherheit abzuschätzen. Er umkreiste Bell mit Einsicht und Schärfe, er drang in ihn, er füllte ihn mit Autorität und bester Meinung, er umnebelte ihn mit einem Wust von Tiraden und Phraseologien, er polierte seine Bedenken, seinen Widerstand, den kleinsten Argwohn mit Erfahrungen und Grundsätzen, er schliff und feilte ihn von allen Seiten, er sprach ihn platt rundherum. Und nun hatte Bourdier wohl die Fläche und Form, auf der er sich zu bewegen gewohnt war. Er stand sicher und war nicht in Gefahr, abzugleiten.

Doch er glitt ab.

Bell hatte ihn mit keiner einzigen Bewegung unterbrochen. Nur über seinem Kinn war ein Lächeln hervorgekrochen, das in einer schmalen Linie um seine Lippen lief, sich vertiefte und von den geschärften Mundwinkeln in gerader Linie zur Nasenwurzel zog.

Er spürte, wie ein bitterer Geschmack durch seinen Hals nach oben stieg.

Wieder vergebens … Es war immer dasselbe!

Er zog mit zwei Rucken die Ärmel bis zu den Handgelenken, erhob sich und griff brüsk nach seinem Hut. Dann sagte er, jedes seiner Worte gleich trocken betonend: »Ich verstehe, Herr Professor! Und ich bedauere, Sie in Anspruch genommen zu haben. Ihr Weg und mein Weg haben verschiedene Richtungen. Das ist es. Ein kleiner Irrtum, der sich aber nicht überbrücken läßt. – Ich bedauere nochmals!«

Er ging zur Türe, ohne sich umzuwenden.

Aber da stand auf einmal Bourdier vor ihm, und seine kompakte kleine Person versperrte den Weg. Ein anderer, zusammengezogener Bourdier, mit muskulösen Fleischwülsten an Hals und Wangen. Sein Gesicht knallrot. Und Bell bemerkte, daß die Haut Boudiers von Sommersprossen übersät war.

»He, lieber Freund« – der Professor schnellte den Ausruf wie aus einem Blasrohr hervor – »das ist Ihre Meinung?! Ich will Sie nicht bekehren. Nichts liegt weniger in meiner Absicht!«

Bell gab keine Antwort.

Bourdier sträubte sich, als hätte er Federn am Leibe: »Aber verdammt noch einmal, kommen Sie dann nicht und besetzen meine kostbare Zeit – mit Ihren Narreteien! Sie – glorioser junger Mann, Sie!«

Bell streckte den Arm nach der Türe aus: »Ich sagte Ihnen schon, daß ich bedauere.«

»Mein Herr«, schrie Bourdier, »meinetwegen können Sie sich zum Kuckuck …«

Er schluckte heftig, mit hüpfendem Halsknorpel. »Und überhaupt – das lassen Sie sich gesagt sein – was denken Sie sich denn eigentlich?! Bilden Sie sich etwa ein, Sie brauchten nur mit den Fingern zu knipsen, um ein neues Paradies erstehen zu lassen? … Ho! Sie glauben an die Massen! … Seit Adam ist der Gang der Welt von einzelnen bestimmt worden. Stets waren es einzelne, die den Massen den Fortschritt aufzwingen mußten. Aufzwingen, hören Sie? … Glauben Sie – glauben Sie meinetwegen an den Teufel! … Und Sie wollen Ideale haben? Ja, sind Sie denn verblendet genug, um nicht zu sehen, daß Sie gerade diejenigen ins Verderben reißen, denen Sie helfen wollen! … Knechten Sie die Masse tausendmal härter – und Sie haben die Revolution! … Sie wollen das größte Verbrechen begehen, das Verbrechen der Schwäche. Sie – Demoralisationsfanatiker!«

Und, während Bell wortlos die Tür aufklinkte: »Denken Sie an mich: die Massen, für die Ihr Werk bestimmt ist, werden die ersten sein, die es vernichten!«

Die Türe ging auf … so geisterhaft geräuschlos, als sei sie nur angelehnt gewesen. In dem breiten Rahmen wurde ein Kopf sichtbar, der sich wie ertappt zurückzog. Es war der Laboratoriumsdiener Pierre.

Bourdier erblickte ihn, raffte sich zusammen, schloß plötzlich ganz fest den Mund, klappte ihn dann wieder auf – und sagte mit gepreßter Stimme, langsam und halb gegen die offen gebliebene Türe gedreht: »Mein Herr – es hat mich gefreut.«

Bell verbeugte sich korrekt: »Ganz meinerseits – Herr Professor!«

Dann ging er gerade und sicher an Pierre vorbei, den langen Gang hinab. Er stieg in den Lift, drückte, ohne sich dessen bewußt zu sein, auf den Hebel und schloß während der Fahrt die Augen in dem Gefühl eines lähmenden Halbschlafs. Gleichgültig schritt er durch die kalte Marmorhalle, trat auf die Straße und erwachte erst wieder, als die rotierenden Reklameaugen des gegenüberliegenden Warenhauses grell gegen ihn stießen. –

In der siebenten Etage des Sorbonnepalastes stand Pierre noch immer neben der Türe, die wieder zugefallen war.

Es zuckte seltsam in seinem häßlichen Gesicht.

Ein Klingelzeichen!

Der Diener drückte lautlos das Schloß auf und schlüpfte in das Laboratorium.

Der Saal war jetzt hell erleuchtet. Professor Bourdier hatte den weißen Kittel ausgezogen und schleuderte ihn zornig von sich.

»Räumen Sie den Tisch ab!«, befahl er barsch.

Ein Klirren … und dann ein Sturz. Auf dem Parkett lag ein Haufen von Metall- und Glassplittern.

Bourdier fluchte.

Pierre richtete sich auf: »Ich bitte um meine Entlassung!«, sagte er heiser.

Bourdier vergaß seinen Zorn vor Verblüffung.

»Sind Sie verrückt geworden?«

Aber der Diener war schon zur Türe hinaus.

Zweites Kapitel

Das Kanalboot »Lady Grace« dampfte mit achtundzwanzig Knoten Geschwindigkeit.

Vor dem scharf schneidenden Zug sprang das Wasser in rasenden Schaumwirbeln hoch, die sprudelnd abglitten und zu beiden Seiten siedend die eilende Fahrtrichtung zurückflossen. Der Sturmton johlte um die Antennen des drahtlosen Telegraphen; er fuhr wütend in die schwarze Höhlung des Schlotes, aus der ihm dickquellender Rauch entgegendrang; er platzte mit krachendem Hall an der glatten Holzwehr der Kommandobrücke; er jagte sprühend, durchnäßte Tauenden vor sich herfegend, über Deck. Er sauste rüttelnd um die luftdicht verschlossenen Luken der Bordwände; er knatterte am Heck, während er ohnmächtig das Fahrzeug voranfliehen ließ, eine Sekunde hoch über dem Gischtschweiß der Schrauben und stürzte dann breit auf die Wellen, die sich hochtürmten und mit ihm versanken.

Der Himmel war zerrissen. Ein kupferfarbener Mond beleuchtete düstere Wolken.

Das rote Wachtlicht auf Backbord irrte wie ein erblindeter Funke durch den Nebel.

In zweidrittel Höhe des Vordermastes glaste ein Scheinwerfer im Halbkreis über die Flut, die mit dunkelgrün brausenden Kämmen gegen das Schiff rannte. Der schmale, für schnellstes Tempo gebaute Rumpf rollte schwer; bald schien er nach Steuerbord, bald nach Backbord zu kentern, richtete sich jedoch stets wieder elastisch auf unter dem treibenden Druck der Maschinenkraft.

Das Vorderdeck war durch Seile abgesperrt. Die unaufhörlich über die Planken jachternden Wogen machten den Aufenthalt hier zur Unmöglichkeit. Von der Navigationskammer hinter dem Offizierssteg klangen in kurzen Abständen die Glockensignale durch den langgezogenen Brustton der Sirene.

Die Passagiere, die den Blitzzug Paris–Calais erst vor zehn Minuten verlassen hatten, saßen und lehnten mit schützend zum Festhalten ausgebreiteten Armen im Schiffssalon. Sie stießen an die Wände, an die Tische und Ecksofas und folgten mechanisch jeder Bewegung des schwankenden Bodens. Die an die Decke geschraubten Elektrizitätskörper zitterten unter der Erschütterung über bleiche Gesichter.

Zehn Minuten Fahrt! Und noch doppelt so lange würde es dauern, bis Dover erreicht war.

Noch zwanzig Minuten …

Die Luft war angefüllt von der verdunstenden Nässe der Tücher und Mäntel, vom Ledergeruch der Reisetaschen, von muffigen Sammetbezügen, Möbelholz und Dumpfigkeit.

Auch der rückwärtige Teil des Decks war leer. Niemand wagte sich auf die abschüssige, glitterige Fläche.

Zwischen der Reeling und der das Deck überragenden Außenfront des Salons – in dem schmalen Gang, den der Wind pfeifend durchfuhr – stand ein Mann. Er hielt sich mit beiden Händen an der obersten Stange der Barriere fest. Der Luftzug zerrte an seinem Schal und fegte sein Haar unter der Mütze hervor. Eiseskälte sprühte ihm ins Gesicht und blieb wie spitze Splitter in der Haut stecken.

Er hatte die Arme hart gegen die Reeling gestemmt und starrte in die Brandung, die das Schiff hochwarf und dann wieder einen gurgelnden Abgrund aufriß, um es in die Tiefe zu schlingen.

Bell stand da, vom Sturm umtost, und träumte.

Er sah sich daheim – als Zwölfjähriger – auf dem steinernen Hafenwall, gegen den auch solche grün spritzende Wellen angesprungen waren. Er sah sich im Gewirr der Hafengäßchen, im rußgeschwärzten Hof der Lötwerkstätte. Er hörte den Meister fluchen, und die Erinnerung an Schläge würgte ihn wie ein harter Griff.

Seine Mutter war jung gestorben. Er hatte sie kaum gekannt.

Schritte tappten vorbei. Die von Schweiß und Kohle gefleckte Gestalt eines Schiffsheizers, der heraufgekommen war, um eine Minute Luft zu schöpfen.

Bell blickte ihm sinnend nach. So hatte auch sein Vater ausgesehen, wenn er von seinen monatelangen Seefahrten heimkehrte. Bis er bei den Orkney-Inseln den Seemannstod fand und ihn als Waise zurückließ.

Immer schwerer legte sich dichter Nachtnebel auf den Kanal. Bell träumte weiter. Von nebelerfüllten Straßen der Küstenstadt, in der er seine Kindheit verbracht hatte.

Er schlug den Kragen seines Gummimantels hoch und schritt den schwankenden Gang längs des Schiffssalons hinab. Aus dem Maschinenhaus drang ein Dröhnen herauf. Bell kehrte sich gegen den Wind und blickte durch die angehauchte Scheibe. Im Kesselraum, in dem die Luft vor Hitze sichtbar zu stehen schien, schwangen fetttriefende Kolben um rotierende Achsen. Die Pression steigerte die Energien bis an die Grenze gewaltsamer Entladung, die Glühkohlen stürzten lohend zwischen die Eisenplatten der Heizwände, die Verschlußhauben, Rohre und Ventile sangen von gesättigtem Widerstand. Aus allen Ecken, Tiefen und Fugen des stöhnenden Schachtes tönte der Gang der Maschine.

Ja – das war der Gesang von Metall, dem er so oft gelauscht hatte … als er später als Schiffsjunge auf einem Frachtboot fuhr. Es war ein schmieriger Kahn gewesen, auf den er damals geraten war.

Vergeblich versuchte Bell sich dies Boot, auf dem er seinen ersten Schiffsdienst getan, in seinen Einzelheiten zu vergegenwärtigen. Der große Frachtdampfer, auf dem er bald darauf Dienst genommen und der die Chemikalien von Deutschland nach England beförderte, schob sich gewaltsam dazwischen.

Hamburg–Edinburg! Edinburg–Hamburg! Wie die Zeit vergangen war! Wie der Tag, an dem er seine letzte Schiffslöhnung einsteckte, weit zurück lag! Wie die rote Glut, die aus den Fronten der Edinburger Fabrikblocks schlug, ihn damals gelockt und gerufen hatte! Ja, er war allein gewesen, weiß Gott! Aber er hatte die Zähne zusammengebissen und war seinem inneren Drang gefolgt! …

Bell wandte sich von dem Maschinenhaus ab und ging wieder über das rollende Deck. Er sah nicht mehr die Mastlichter der »Lady Grace«, wußte nichts vom Heulen des Windes. Nach innen gekehrt, die Hände auf dem Rücken, durchwanderte er weiter die Vergangenheit.

Dann war die Anstellung in der Raffinerie zu London gekommen. Die Zeit, da er von jäh erwachtem Wissensdurst getrieben zum erstenmal erfuhr, daß es mit der bloßen Körperkraft ohne Kenntnisse kein Vorwärtskommen gab in dieser Welt.

Schwer, aber schön war es gewesen … tagsüber im Fabriksaal, am Abend das Studium der geliebten Bücher, bis ihn der Schlaf übermannte. Und dann war aus dem Wirrwarr all der Wissensgebiete, mit denen er sich, jede Feiertagsstunde nutzend, herumschlug, die Chemie als sein ureigenstes Gebiet herausgetreten. Bis ihn der leitende Chemiker der Fabrik eines Tages »entdeckte«.

Bell lächelte.

Entdeckt! Bis der Entdecker merkte, daß er ihm über den Kopf wuchs. Bis sie schließlich dahinter kamen, daß er über Wege nachsann, die ihre ganze geldbringende Fleisch- und Gemüsekonservierung gefährden konnten. Bis sie ihm, aus Furcht vor drohender Konkurrenz, lieber zwei kontraktlich ausstehende Jahresgehälter bezahlten und ihm rieten, die Chemie an den Nagel zu hängen.

Bell fuhr mit der Hand über seine Brusttasche. Einige hundert Schilling! Das war der Rest. Dann aber …

Eine breite Sturzwelle schlug über Bord; ihre Schaumketten klirrten an die Oberlichtfenster des Schiffssalons.

Bell ließ die Reeling los und lavierte zum Mitteldeck.

Er beugte sich über die Kajütentreppe und wollte hinabsteigen, als ein zuckender Lichtstreif über die Stufen zu ihm emporlief. Unwillkürlich trat er einen Schritt zur Seite; in der Helle, die aus dem sich erweiternden Spalt drang und gelbe Reflexe auf das Holz der Stufen warf, erblickte er eine Hand, die sich mit ruhigem Griff auf das Treppengeländer legte. Es war eine schmale Hand, und sie wuchs weich aus dem Gelenk, mit dünngliedrigen Fingern von einem außerordentlich zarten, fast durchscheinenden Weiß … die Hand einer Frau. Und gleich darauf tauchte unter dieser Hand ein Kopf empor, blond, schlank und aufrecht … Bell trat in das Dunkel neben der Treppenmündung und ließ die junge Dame vorbei. Sie trug einen Reisemantel, der sich eng um den Rücken legte. Es war ihm unmöglich, das Gesicht zu erkennen. Er sah nur ihre Schultern, die rund schienen von Jugend und Wärme. Das Licht aus dem Salon, das hinter die zufallende Türe zurückglitt, glänzte mit einem letzten Schimmer auf den Absätzen ihrer kleinen Stiefel. Bell sah ihr nach – wie sie auf dem Holzboden stehen blieb vor den ersten Stößen des Windes … Atem holend und mit den Füßen Halt suchend … und wie sie dann den Kopf aufwarf und tapfer weiterging, voran in die stürmende Seeluft. Er bemerkte, während sie im Nebel sacht seinem Blick entglitt, ihren Gang mit dem leichten Wiegen der Hüften; es schien viel Frische und Kraft in dieser Bewegung, und eine stumme Zärtlichkeit. Und als die Nebelwand sich hinter ihr zusammenschloß, undurchdringlich wie zuvor, da war es ihm, als hätte sie – mit einem kurzen Neigen des Kopfes – sich umgewandt.

Bell stellte sich mit dem Rücken gegen die Windrichtung und steckte seine Pfeife in Brand. Dann fuhr er mit den Händen tief in die Taschen seines Gummirocks und schritt breit und vorsichtig über die rollenden Planken.

Die einsame Mädchengestalt lehnte gegen den zweiten Mast, auf dem Hinterdeck. Bell erspähte sie wie einen etwas helleren Streifen in der Finsternis. Er ging weiter, kehrte um und blieb dann ohne Gedanken vor ihr stehen. Sie bewegte sich nicht und sah auch nicht zur Seite. Er zog in kleinen Rucken den Rauch aus der Pfeife; das Aufglühen des Tabaks entblößte sekundenlang ihr Profil in einem roten Leuchten.

Bell spürte, wie die Wärme des Rauches in seinem Mund zerging. Sein Blick war nicht mehr starr wie vorhin, als er dem Sturm ins Antlitz sah. Eine merkwürdig glättende Milde stieg in ihm auf und verbreitete sich in seinem ganzen Körper. Er hatte die Empfindung eines, der nach starker physischer Anspannung aufatmet. Er grübelte nicht mehr; es hatte plötzlich den Anschein – so meinte er –, als sei alles in ihm ganz ordentlich und richtig und an seinem Platz.

Man steht, sozusagen, ganz einfach auf dem Meere und hält seine Pfeife in Brand.

Sehr natürlich.

Er spreizte alle zehn Finger in den Taschen und rauchte mit Bewußtsein. –

Die »Lady Grace« bäumte sich und schwankte heftig. Das aus der Tiefe bullernde Geräusch der Maschine wurde schwächer. Der Sturm heulte auf und verhallte in mehrfachem Echo. Vom Vorderdeck schrillten abgerissene Töne des Läutewerks. Im bleichen Flimmer des Scheinwerfers wuchsen Felsen aus dem Wasser, schwarz, triefend und gezackt. Hinter ihnen kleine, helle Punkte. Das waren die Leuchtfeuer der Hafeneinfahrt. Ermattete Wellen strichen den knarrenden Eisenrumpf entlang. Die salzige Luft wurde wärmer, es roch nach Tank und Teer.

Wieder fiel ein Lichtband von der Salontreppe über Deck, unruhig gefleckt von beweglichen Schatten. Die Fahrgäste drängten herauf.

Bell nahm die Pfeife aus dem Mund und klopfte sie am Handrücken aus.

»Wir sind angekommen«, sagte er laut und freundlich.

»Ja«, erwiderte die Gestalt vor ihm – »das ist Dover.«

Er hörte ihre Stimme zum erstenmal; und fast wunderte er sich darüber …

Ein heftiger Stoß ging über den Rücken der »Lady Grace«. Die Maschine stand still. Das Schiff neigte sich seitwärts und trieb dann schaukelnd an die Mole.

Drittes Kapitel

Der breite Abfahrtsperron de D. L. E. (Dover-London-Expreß) war von hunderten gestikulierender, hastender, in allen Sprachen durcheinanderrufender Menschen besetzt. Die niederen, dreirädrigen Gepäckloren ratterten vom Registriersaal über den betonierten Damm zu den beiden unendlich langen Postwagen, die am Kopf des Zuges hinter die Maschine gekuppelt waren. Die Linie Dover–London war, wie London–Folkstone, London–Harwich und die anderen Kontinentallinien, seit fast zwei Jahren nach dem Schnellverkehrssystem des deutschen Ingenieurs Daniel Forster eingerichtet. Die Forster-Züge waren einschienig. Der ganze Zug war grau wie ein Gigantenmaulwurf, die Untergestelle, Achsen und Räder aus Stahl, alles übrige aus Aluminium. Die Reflektoren, die das Licht von der Bahnhofsdecke herabschleuderten und die Signalaugen der Maschine abblendeten, gossen wellige Strahlenschnüre über die flachen Dächer der Cars. Der Führungswagen empfing seine letzte Ladung Elektrizität aus den Akkumulatoren, es surrte in den Kautschukisolatoren der Kabel, den ganzen Zug entlang surrte der elektrische Strom, die Gleichgewichtskreisel zwischen den Tragachsen der Wagen feilten denselben feinen, rastlosen Ton. Die große Hauptuhr zeigte 11:24 – um 11:25 mußte der Zug ausfahren.

Bell kam als einer der letzten durch die Sperre. Er überblickte unschlüssig die Knäuel der Einsteigenden und sprang erst im letzten Augenblick auf den nächsten Wagentritt. Die Kupplungen ächzten knirschend unter der plötzlichen Anspannung, das Feilen der Kreisel setzte lauter ein und stieg einen Ton höher, die Bahnhofsmauer glitt vorbei. Auf dem Bahnsteig lief ein halbwüchsiger Junge neben dem Zug her und warf die Türe hinter Bell zu.

Bell hatte die Ellbogen auf die gepolsterten Lehnen gestützt. Er legte ein Bein über das andere und genoß die Ruhe. Nun, da sie mit ganzer Kraft dahinschnurrten, verspürte man kaum eine Bewegung, es war, als glitte man auf stählernem Schlitten über eine magnetische Fläche. Manchmal fuhr ein blauer oder grüner Riß durch die Dunkelheit … die Telephonhäuschen der Streckenwächter.

Bell drehte sich von der Scheibe weg und senkte den Kopf. Die Spannung der letzten drei Tage begann nun zu wirken, eine leichte Erschlaffung ließ ihn fröstelnd zusammenschauern. Der helle Wagenraum versank vor seinen müden Augen in farblose, verschobene Umrisse. Sein Kopf schmerzte. Mancherlei Erwägungen kreuzten durch sein Bewußtsein. Er überdachte den Lauf dieser Reise: abgeschlossen … das war vorbei, ja … Und eigentlich war es nicht einmal überraschend – durchaus nicht! Dennoch – es war Raum für sein Projekt in dieser Welt! Und wenn dieser Raum sich nicht selbst bot, so würde er ihn schaffen! Er fühlte die Schnelligkeit der Fahrt in allen Nerven, und das beruhigte ihn. Er rechnete flüchtig und in losen Zusammenhängen seine Aussichten durch, und es dünkte ihn, daß die Rechnung stimmte. Sie mußte stimmen. Bell zog unwillkürlich die Stirne hoch und kniff die Augen zusammen. Dann wurde er innerlich ganz kühl, während er seinen Betrachtungen folgte … Und plötzlich mußte er lächeln – schon halb im Schlaf – als er sich Bourdiers erinnerte, wie er vor ihm stand und sich spreizte, knallrot und ohnmächtig; und die letzten Worte des Professors klangen ihm in den Ohren. Dann verloren auch sie ihren Sinn, und es war nur der Klang, der nachwirkte …

Der Zug flog mit bebenden Flanken. Er fraß sich durch das Dunkel, er schluckte die Kilometer, er flitzte durch sie durch und stieß sie hinter sich ab in einen lustleeren, pfeifenden Raum, der nach ihm über die Strecke fegte. Er legte sich in die Kurven, schleuderte die blanke Barre der Schiene unter sich zurück und schoß in die Schwärze wie ein spiegelglatter Pfeil.

Bell schlummerte ein.

Die Unterhaltung der Mitreisenden zirkulierte gleichförmig um ihn von Drehstuhl zu Drehstuhl. Der Geruch glimmender Zigarren krieselte von den Aschbechern auf den Mahagonitischchen. Die livrierten Diener kamen und gingen mit Teekannen und Toasttabletts.

Bell schlief. Er schlief noch immer, als unter ihnen, wie aus der Erde heraus, ein Dröhnen barst, und die Schiene splitternd sprang, und der lange Wagen wankte.

Er erwachte erst, als es ihn heiß und kalt umwehte. Irgendetwas stürzte tosend zusammen.

Bell spürte etwas Hartes, Schneidendes in den Handflächen. Es war eine aus dem Bahndamm ragende Wagenachse, die er umklammert hielt. Die scharfen Kanten des Metalls schnitten ihn ins Fleisch und verursachten ihm heftige Schmerzen – während ein marternder, an seinen Nerven rüttelnder Lärm wie eine klagende Woge um ihn brandete. Er biß die Zähne zusammen und suchte Erleichterung, indem er abwechselnd den Griff der einen Faust lockerte und die andere dem Gewicht seines Körpers standhalten ließ. Schwelende Wärme stieg unter ihm auf. Ein brandiges Etwas hinderte ihn, frei zu atmen, es legte sich um sein Bewußtsein wie eine zerfließende Wolke. Einen Augenblick war ihm, als müßte er alles verschließen, was noch an Empfindung in ihm lebte, aber dann griff er stärker um das Metall, das seine Haut zu sengen begann, er wollte durchhalten, und gleich darauf ließ er dennoch los. Aber er stürzte nicht; er rollte ganz sanft den Bahndamm hinab und blieb liegen.

Der Boden war weich und feucht. Bell genoß diese plötzliche erfrischende Nässe mit einem Dehnen der Glieder. Er öffnete angestrengt die Augen und sah, daß es hohe, betaute Grashalme waren, die seinen Kopf umstanden und ihm Stirn und Wangen streiften. Er empfand den Duft des Wachstums, der mit jedem Halm aus der Erde stieg, er bewegte den Kopf nach beiden Seiten im Grase, er hätte sich am liebsten daran gelehnt, und er dachte, daß es wüchse ohne innezuhalten, so zart war es und empfindlich vom Tau.

Bell drückte aufatmend die Schulterblätter tief in das auseinanderweichende Gras und richtete den Blick gerade empor. Über ihm ruhte die Wölbung des Himmels wie ein sehr dunkles, straff gespanntes Tuch ohne Falte; da und dort stand ein Leuchten auf dem Stoff, nicht größer als ein Punkt, aber bleich und mild wie Silber – die unendlich ferne Iris der Sterne …

Bell saß aufrecht; und als er den Kopf wandte, gewahrte er den Damm, auf dem umgestürzte und zerbrochene Waggons die hilflosen Räder ins Leere streckten. Flammen stiegen aus der Verwüstung empor, kurze Feuersäulen, aus denen es gierig tönte von knackendem Holz und schmelzendem Aluminium. Und da – während er mit einem Sprung stand und voll Verwunderung feststellte, daß er heil war und kein Knochen fehlte – hörte Bell den Chor von Rufen und Wimmern. Er unterschied – erst wie ein entferntes Gewirr, und dann entsetzlich wirklich und nah – die Stimmen, von hüben und drüben, von dem Abhang und von dem aufgerissenen Weg der Schiene; sie kamen von oben und unten, vorn vorne und rückwärts, aus dem Wust gekrümmter Metallrücken, aus den Flammen, überall her … Es war der verunglückte Zug, der schrie – oder waren es die Menschen? –, es war der Schauplatz eines Kampfes, der kurz, aber furchtbar gewesen sein mußte. Bell schritt, unsicher noch und betäubt, dem Bahndamm zu. Er kletterte über Haufen zerstörter Wagenteile, er stieg über Schuttmassen, er bückte sich unter Schwellen, er trat in Asche und Blut, und das Schreien, das Schreien des Zuges folgte ihm. Ja, das war der Nachtexpreß Dover–London, sein Zug. Er war entgleist infolge falscher Weichenstellung.

Lichter huschten an Bell vorbei – es klapperte neben ihnen von eiligen Schritten – und kletterten den Abhang hinauf. Die von der nächsten Zwischenstation telephonisch gerufene Rettungsmannschaft war an der Arbeit. Tragebahren standen auf der Wiese. Zwei Männer brachten eine durch Bandagen unkenntliche Gestalt und legten sie behutsam auf ein Feldbett. Die Wasserstrahlen der Handpritschen zischten durch die Luft und jagten den Rauch aus den Brandstellen auf. Unter halbverkohlten Wagen, zwischen den abgesplitterten Platten der Dächer, zwischen zerrissenen Kabeln und geborstenem Glas waren Menschen – sie schrien laut, sie klagten monoton oder jammerten leise, sie streckten die Hände und suchten sich herauszuarbeiten.

Bell hielt neben der Maschine. Sie hatte den Kopf, diesen Maulwurfskopf mit den stählernen Kiefern, zur Hälfte in den Sand gebohrt. Die eine der beiden Laternen war erloschen, die andere fehlte; die Öffnung, aus der sie im Sturz gebrochen war, glich einer leergeronnenen Augenhöhle. Der Leib, der noch vor kurzem von elektrischen Energien gebebt hatte wie ein Wesen, das lebendig ist und stark, der Leib, der gewohnt war zu schweben vor Geschwindigkeit, war nun still – ein breiter Riß ging mitten durch, und daraus quollen die Drähte und Kabel, Bündel von Eingeweiden. – Die Postcars waren umgekippt, die Kuppelung hielt sie noch zusammen, und vor ihnen häuften sich Stapel eingedrückter Koffer und geplatzter Pakethüllen. Der erste Passagierwagen – ein Sonderwagen der »Compagnie de Luxe« – ruhte mit dem vorderen Teil auf einer Schicht von Trümmern, der hintere Teil hing frei über den Abhang. Die Räumungsarbeiten waren an dieser Stelle in vollstem Gang. Der Wagen, dessen gewichtiger Bau sich ruckweise, aber unaufhaltsam senkte, wurde durch Pfosten gestützt, deren Holz sich bog und jeden Augenblick entzweizubrechen drohte. Eine Schar Geretteter umstand den Platz – bereit, auf das erste Warnungszeichen zurückzuspringen. Ihre Gesichter erschienen merkwürdig weiß und leer in der wechselnden Beleuchtung. Der Schutt oben auf dem Damm bewegte sich, kam ins Rutschen, ein Geröll von Steinen klinkerte herab – und dann brach ein vielstimmiger Schrei aus der Schar, er keuchte aus dem Kreis, den die Erwartung wie ein fiebriger Strom umfloß, er hallte in die Nachtluft –: zwischen den verschobenen Trümmerteilen wurde ein menschlicher Körper sichtbar. Der Unterleib war festgeklemmt, und gerade darüber schwebte der gewaltige Achsenbau des Wagens. Es war ein Mädchen. Das offene blonde Haar wehte von ihrem vorneüber geworfenen Kopf herab, das Gesicht war unkenntlich, zur Erde gerichtet. Eine Bewegung ging durch die Zuschauer, wie das erste Signal einer Panik. Die Frauen drückten sich aneinander, die Männer zauderten, sie wollten retten und wagten sich doch nicht vorwärts in den Bereich des drohenden Sturzes. In den Stützbalken knackte es von zerspringenden Holzfibern, der schwere Wagen gab ein Dröhnen von sich. Auch die Beamten wichen zurück, und die Balken, die nicht mehr festgestemmt wurden, begannen zu wanken.

Bell hatte sich mit zwei Stößen der Ellbogen in die erste Reihe gedrängt. Er stand da und starrte wie festgebannt auf dieses blonde Haar, das die Steine berührte. Er schnob in die Luft, und in seinem betäubten Hirn quälte ihn ein unsicherer, blitzartiger Gedanke. Er sah das blonde Gold dieser Haare, und es jagte wie ein Dämmer durch seine Erinnerung – er beugte sich vor, seine Füße berührten den Boden – da löste sich eine weiße, schmale Hand aus dem Geröll, und er wußte: es war das Mädchen von Bord der »Lady Grace«! Und im selben Augenblick stieß er gleichsam von dem Fleck Erde ab, auf dem er stand, und fuhr voran – er landete auf dem Anhang, der unter ihm fortzugleiten schien, er hieb mit drehenden Armschwingungen in das Geröll, er riß das Mädchen empor und an sich, er schnellte in zwei, drei Sätzen wieder hinab – und gleich darauf erschütterte der Sturz des Wagens das Gelände – die Erde bebte – und ein prasselnder Regen von Erdstücken, ein Wirbel von Staub hüllte ihn ein. Er stand aufrecht in diesem Luftkreisel, er wußte nicht, daß seine Augen brannten, er hörte nicht die Rufe, er fühlte nur das lebende, elastische Gewicht der Last auf seinen Armen – die Augenlider fielen ihm herab, ein Strahl von Stärke und Unbändigkeit rann durch ihn. Dann, als er wieder zu sehen vermochte, schritt er durch eine Gasse von Menschen zum Wiesenrain und bettete das Mädchen ins Gras. Ein Arzt kniete neben ihr. Er horchte auf den Herzschlag und konstatierte einen vorübergehenden Schwächeanfall. Bell war gezwungen, den Druck zahlloser Hände zu erwidern. Doch sein Blick suchte die Gestalt des Mädchens, das schlank und leicht auf dem Rasen ruhte, kühle Tautropfen in dem blonden Haar.

Eine kurze Strecke voran wartete der Hilfszug. Er glich seinem (nun durch den Tod entstellten) Kollegen wie ein Bruder dem anderen. Er funkelte von der Schnauze seiner Maschine bis zu den roten Lichtern am Schwanz. Er brummte aus den Dynamos und sprühte zurückgehaltene Lebendigkeit, als könne ihm so etwas nie und nimmer passieren. Und als er anzog und absurrte, schleiften die immer kleiner werdenden Schlußlaternen hochmütig ihren Schein hinterher.

Bell hatte ein getrenntes Abteil entdeckt und die junge Dame, der er in dieser Nacht auf so merkwürdige Weise zum zweiten Male begegnet war, hineingehoben. Da saß er nun. Auf der Bank gegenüber lag sie und bewegte sich nicht. Und im Grunde war er heilfroh, daß sie sich so hervorragend still verhielt, den Kopf zwischen den Kissen verborgen. Während der Zug wie ein Pfeil flog – als wollte er gutmachen, was der andere versäumt hatte –, sandte Bell zuweilen einen raschen Seitenblick hinüber zur anderen Bank und lächelte, beruhigt darüber, daß sich dort nichts regte. Er kam sich ganz unwirklich und wie aus der Welt verschlagen vor, allein mit dieser kleinen Dame, die so vornehm und zierlich war und so überaus gebrechlich erschien unter den Falten der Decke, die er über sie gebreitet hatte. Bell war nie dazu gekommen, sich mit Frauen abzugeben, und nun saß er da und betrachtete die Situation wie ein heimliches Wunder. Er konnte sich nicht recht darein finden, daß er sie soeben in seinen Händen gehalten hatte, die ihm so grob und rauh vorkamen, so daß er niemals gewagt hätte, ihr mit ihnen das Haar aus der Stirn zu streichen. Er scharrte mit den Füßen und hielt gleich wieder erschrocken inne, damit sie nicht erwache. Er studierte die verschlungenen Buchstaben D. L. E., die auf die Polsterung gepreßt waren. Er bemühte sich, die vorbeihüpfenden Telegraphenstangen zu zählen, und schließlich pfiff er zwischen den Zähnen zum Takt der Radschwingungen eine kleine vorsichtige Melodie.

Das Unglück hatte mehr als drei Stunden Zeitverlust gekostet. Der Tag tastete bereits herauf. Die Ausdünstung der Morgenstunde hob sich von den Feldern und wälzte sich neben dem Zuge mit. Milchweiße Schwaden verdeckten die Vegetation; es sah aus, als führe man zwischen Wassern.

Wieder glitten sie dahin wie auf einer magnetischen Ebene.

Draußen wurde es immer heller. Baumkronen und Dächer stiegen aus dem Dunst wie treibende Inseln. Bald war es ein fliegender Dunst von schwebenden Streifen, die sich über der grünen und braunen Landschaft zerteilten. Auch in dem Abteil wurde es hell und sonnenwarm. Bell pfiff auf einmal ganz unbekümmert, er wurde froh in all der Helligkeit. Aber dann verschluckte er den Ton in der Kehle und erhob sich unbeholfen: das fremde Mädchen sah ihn aus weit geöffneten Augen an und richtete sich langsam auf. Er war sogleich bei ihr, ließ sich auf dem Fensterplatz nieder und stützte sie mit einer Sorgfalt, über die er selbst erstaunt war. Sie faßte nach seinem Arm, ohne ein Wort zu sprechen; – er war ihr dankbar dafür. So lehnten sie am Fenster, der Sonne entgegen. Es war Bell, als tönte ein hüpfendes, übermütiges Morgenlied an sein Ohr, aus dem Summsen des Wagens, aus den Feldern dort draußen, aus der atmenden Berührung der Gestalt neben ihm. Der Linoleumboden zu ihren Füßen, die Bank, der Fensterrahmen sausten noch schneller als früher an der Landschaft vorbei. Sie fuhren eine Biegung – und dann sah man weit voraus, in einer Welt von Himmel und Schimmer, den riesenhaft gedehnten Umriß Londons. Zwei gleißende Türme stiegen vor der Stadt schwindelnd in die Atmosphäre, eine gleißende Wölbung spannte sich zwischen ihnen. Das war der Kristallpalast – die weiten Bogen standen flimmernd im Morgen, und es schien, als klängen sie in der Luft.

Der Zug raste mächtiger denn zuvor. Er knatterte über eine Hängebrücke, er hob und senkte sich wie ein fliegendes Fahrzeug, er hämmerte über Land, er knallte pfeifend zwischen zwei kilometerlange Zäune von Plakaten – er nahm keine Notiz davon, daß Madame Feodorowna in der »Alhambra« tanzte, und es wunderte ihn nicht, daß »Pink-Flower« das beste Mundwasser ist – er preßte sich in einem Nu durch diese bemalten Wände, die schon hier draußen für die große Stadt Reklame brüllten, er fuhr – wie ein Bolzen aus dem Blasrohr – wieder aus ihnen heraus, er hatte alle Besinnung verloren, er war nicht mehr zu halten, er witterte das Ziel, er stürmte darauf los – und er streckte sich flach vor Übereilung, als die Halle der Victoria-Station sich vor ihm auftat … hinter ihrem gläsernen Abschluß konnte man den Verkehr der Straße erblicken … er sprang gleichsam in einem Satz aus dem Flachland mitten in das Herz von London, und er wieherte aus den angerissenen Bremsen, als er betäubt stillstand, atemlos und mit zitternden Aluminiumflanken – zwischen den Kolonnen von Omnibussen und Autos, die von der Straße in die Halle gefahren waren.

Bereits um fünf Uhr hatte der Draht das Unglück in die Hauptstadt gemeldet. Die Morgenausgaben der Zeitungen brachten fett gedruckte Titelblätter. Und jetzt – neun Uhr vormittag – staute sich in der Halle von Victoria eine erregte und neugierige Menge. Verwandte und Freunde der Reisenden (man hatte die Namen der Toten und Verletzten noch nicht melden können), mühsam beherrschte Menschen, Nichtstuer, Schreiber, die auf dem Wege zum Bureau eine kleine Frühstückssensation aufschnappen wollten, Reporter, Photographen. Sie stürzten sich auf den Zug, als müßten sie ihn verschlingen, sie kletterten auf die Plattformen … unterdrücktes Aufschluchzen, Freudenschreie … die Photographen knipsten, die Redaktionsautos fuhren davon.

Bell half seiner Reisegefährtin auf den Bahnsteig. Noch einen Augenblick hielt er eine kleine, weiße Hand in der seinen – dann drehte er sich unvermittelt herum, wie jemand, der nach einer traumhaften Luftfahrt gelandet ist und merkt, daß er wieder auf nüchterner Erde steht.