Die Welt von oben - Torsten Johannknecht - E-Book

Die Welt von oben E-Book

Torsten Johannknecht

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Beschreibung

Bevor Bärbel und ich aufgebrochen sind, haben wir uns Gedanken gemacht, was denn das „Besondere“ an unserem Trip rund um die Welt sei. So nach dem Motto: Wir essen nur aus mundgeblasenen Tellern. Nehmen überall Bernd, das Nilpferd, mit hin. Machen von jedem Klo, auf dem wir sitzen, Vorher-Nachher-Fotos. Aber das ist Quatsch. Wir wollten auf keinen Selbstfindungstrip gehen, es sollte auch kein Ausstieg werden. Wir wollten eine ganz normale Weltreise machen. Eigentlich. Aber dafür bin ich einfach zu groß. Mit 205 Zentimetern Körperlänge habe ich in manchen Teilen der Welt ordentlich Aufsehen erregt – und bin mehrfach an meine Grenzen gestoßen. Auch im wahrsten und schmerzhaften Sinne. Denn die Welt ist einfach nicht gemacht für Riesen auf Reisen. Oder doch? Die verrückten Reiseabenteuer eines Riesen – und wie er die Welt sieht.

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EPUB

Seitenzahl: 314

Veröffentlichungsjahr: 2018

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»Als ich 1978 geboren wurde, war ich 52 Zentimeter groß. Mittlerweile sind es 205. Das war früher nicht immer leicht – und bereitet mir auch heute noch hin und wieder Kopfschmerzen.

Aufgewachsen bin ich im wunderschönen Wiedenbrück. Da bei Bielefeld. Ost-Westfalen. Nach dem Zivildienst zog es mich zum Studieren in die große weite Welt, an die Deutsche Sporthochschule Köln. Reiten, Schwimmen, Lesen. Irgendwann kam dann auch noch Schreiben dazu, sodass ich langsam einen Fuß in die Berufswelt setzte. Angefangen hatte alles bei Eurosport in München, später dann RTL in Köln. In Berlin, das liegt südwestlich der Uckermark, versuchte ich mich bei der Bild und aktuell beim Online-Reise-Magazin Travelbook. Schreiben und Reisen füllen meinen Berufsalltag. September 2014 dann die siebenmonatige Weltreise: Kolumbien, Peru, Bolivien, Argentinien, Chile, Neuseeland, Australien, Fidschi, Hongkong, Indonesien, Thailand.«

Torsten Johannknecht

Torsten Johannknecht, 205 cm

Die Welt von oben

3 Kontinente, 7 Monate und jede Menge Abenteuer in Schuhgröße 52

Originalausgabe

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Die Erzählungen beruhen manchmal ein bisschen auf wahren Begebenheiten. Die meisten Personen wurden zum Schutz der Privatsphäre entfremdet. Ebenfalls kann nicht komplett ausgeschlossen werden, dass auch Handlungen, Charaktere und Dialoge einer Fantasie entsprungen sind.

Bildnachweis:

iStockphoto: Echse (MrsWilkins), Farn (StudioBarcelona), Kiwi (debela) shutterstock: Winkekatze (iconim)

1. Auflage

Originalausgabe Juni 2018

Copyright © 2018 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München,

unter Verwendung eines Fotos von © Torsten Johannknecht

Lektorat: Doreen Fröhlich

DF · Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

978-3-641-21904-8

www.goldmann-verlag.de

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Inhalt

Vorwort

Südamerika

Niederknien vor Jesus und Maria (San Andres, Kolumbien)

Auf einem Lkw-Reifen den Fluss runter (Palomino, Kolumbien)

Die schlimmste Unterkunft (Santa Rosa, Peru)

Schwimmen mit Piranhas (Iquitos, Peru)

»Wie ist denn die Luft da oben?« (Copacabana, Bolivien)

Der Riese und die Todesstraße (La Paz, Bolivien)

Der Mann, der auf meinem Schoß einschlief (La Paz, Bolivien)

Mit dem Fahrrad in die Wüste (San Pedro de Atacama, Chile)

Der Alkohol und seine Folgen (Buenos Aires, Argentinien)

Ein Riese am offiziellen A… der Welt (Ushuaia, Argentinien)

Spaziergang auf dem Gletscher (El Calafate, Argentinien)

Kleines Dorf mit großer Wirkung (El Chalten, Argentinien)

Die 28-Stunden-Busfahrt (Bariloche, Argentinien)

Neuseeland, Australien, Fitschi

Die Pille, die alles verändert (Kaikoura, Neuseeland)

Der Zwischenfall vorm Wasserfall (Milford Sound, Neuseeland)

Bootsfahrt mit einer betrunkenen Crew (Doubtful Sound, Neuseeland)

Scheitern am Schicksalsberg (Turangi, Neuseeland)

Ein Riese auf den Spuren der Hobbits (Turangi, Neuseeland)

Ungeliebtes Känguru trifft unsichtbaren Koala (Apollo Bay, Australien)

Der Riese wird von der Insel geschmissen (South Sea Island, Fidschi)

Die Hai-Attacke (Waya Island, Fidschi)

Gießt Schampus auf den Lobster! (Waya Island, Fidschi)

Asien

Je lauter das Essen, desto besser (Hongkong, China)

Die doppelte Hektikhölle (Jakarta/Bali, Indonesien)

DANKE!

Bildteil

Vorwort

Ich hab schon mal ein Buch gekauft, also kann ich auch eins schreiben. Das ist in etwa so schlau wie: Ich hab schon mal ein Glas Wasser getrunken, also kann ich auch schwimmen. Das mit dem Schwimmen hab ich irgendwann hinbekommen. Jetzt das Buch.

Ein bisschen ist das wie mit einer Bar. Jeder (Kerl) will irgendwann in seinem Leben mal eine Bar eröffnen – klingt ja auch wirklich verlockend. Ich wollte zudem immer schon mal ein Buch schreiben. Bar oder Buch – beides ein Traum. Das mit der Bar hat sich bislang noch nicht ergeben, das mit dem Buch, offensichtlich, schon.

Während Bärbel und ich also in der Weltgeschichte unterwegs waren, kam mir der Gedanke: Gerade passiert so viel Außergewöhnliches, wenn nicht jetzt ein Buch schreiben, wann dann? Einfacher fallen mir die Geschichten nicht in den Schoß. Knapp sieben Monate am Stück rumreisen, dazu Bärbel an meiner Seite – das Erlebte reicht locker, um damit ein paar Seiten zu füllen. Außerdem findet Bärbel die Idee von einer Bar nicht soooooo prickelnd. Von wegen keine Erfahrung und so ’n Zeug. Sehe ich natürlich komplett anders. Schließlich bin ich schon mal aus einer Bar rausgeflogen, also kann ich auch eine eröffnen.

Ok, das nötige Kleingeld fehlt vielleicht noch. Das ist das Gute an diesem Buch. Das ist für mich nicht ganz so teuer wie ’ne Bar – von den Reisekosten mal abgesehen. Also steht fest: Ich schreib jetzt ein Buch! Über das Reisen. Mit allen Hindernissen – wie zum Beispiel meine Körperlänge. Denn mit meinen 205 Zentimetern Körperlänge ecke ich doch an einigen Dingen und bei einigen Menschen an.

Ich habe beispielsweise eine tiefe Abneigung gegenüber Busfahrten. Diese engen Sitzplätze, grässlich. Im Flieger passe ich eigentlich nur an den Notausgang. Oder in die First Class, hab ich mal gehört. Probiert hab ich’s noch nie. Taxifahren ist Glückssache, kommt aufs Auto an. Bootfahren kann auch richtig ekelhaft sein. Dieses Buch handelt also von einem 205 Zentimeter großen Menschen, der in die große weite Welt loszieht. Frauen-Wrestling in Bolivien, »Assi« im Nachtbus, die Hai-Attacke. Natur, Tiere, Begegnungen, Orte – und als ob das allein nicht reichen würde, ist Bärbel ja auch mit dabei.

Menschen mit noch mehr Ahnung vom Bücherschreiben als ich (*räusper*) sagten mir, eine Frage solle ich mir selbst beantworten, bevor ich hastig in die Tasten haue: Was möchte ich mit diesem Werk erreichen? Hmm, gute Frage. Eigentlich das Gleiche wie mit einer Bar: Ich möchte Menschen unterhalten, vielleicht sogar einen Augenblick lang glücklich machen. Sie für einen Moment aus dem Alltag ziehen. Vielleicht wart ihr schon mal da, wo eine der Geschichten passiert. Oder wollt da hin. Vielleicht schmunzelt einer von euch, vielleicht weckt das Werk Sehnsucht. Vielleicht passiert auch nix. Dann könnt ihr immer noch in ’ne Bar gehen.

Ich fänd’s toll, wenn Menschen das Buch zuklappen (natürlich erst, nachdem sie es ganz gelesen haben) und plötzlich rauswollen. Aus dem Alltag. Aus der Wohnung. Der Stadt. Mal einen Urlaub machen. Eine Reise. Egal, ob ein verlängertes Wochenende in der Uckermark oder vierzehn Jahre durch die Mongolei – ich würde mir wünschen, dass dieses Buch anregt, die eigene Komfortzone zu verlassen. Menschen und Völker kennenlernen. Fremdes Zeug essen, Tiere und Natur bestaunen. Magische Momente gibt’s nicht allzu oft auf der eigenen Couch (ok, hin und wieder natürlich schon …). Es muss nicht gleich die Mongolei, Patagonien oder Neuseeland sein. Deutschland ist auch schön. Die Uckermark, die Eifel, das Allgäu, die Alpen, die Mecklenburger Seenplatte, der Müggelsee. Wiedenbrück! Warum denn nicht?!

Bevor Bärbel und ich aufgebrochen sind, haben wir uns Gedanken gemacht, was denn das »Besondere« an diesem Trip sei. Nicht bloß einfach eine Weltreise machen, sondern dem Ganzen einen eigenen »Touch« verpassen. Nach dem Motto: Wir essen nur aus mundgeblasenen Tellern. Wir nehmen überall ein Nilpferd mit hin und nennen es Norbert. Oder Nils. Wir machen von jedem Klo, das wir benutzt haben, Vorher-Nachher-Fotos. Mit einer solch duften Note würde die Reise sicherlich zu etwas ganz Besonderem werden.

Resultat: Wir haben unser Essen nicht vorher fotografiert, sodass es die ganze Welt sehen kann. Wir haben nicht immer und immer wieder dieselbe Pose auf unseren Fotos nachgestellt. Wir haben nicht versucht, mit nur zwei Euro am Tag auszukommen. Wir haben uns vorher keine Fahrräder gekauft, die Hinterräder abgeschraubt und sind damit durch die Sahara gefahren. Es war kein Selbstfindungstrip, auch kein Ausstieg. Auf all das hatten wir keinen Bock. Wir wollten eine stinknormale Weltreise machen. Eigentlich.

Dann aber kamen meine 205 Zentimeter ins Spiel. Mit meiner Körperlänge habe ich ungewollt in manchen Teilen der Welt ordentlich Aufsehen erregt – und bin mehrfach an meine Grenzen gestoßen. Auch im wahrsten und schmerzhaften Sinne. Denn die Welt ist nicht gemacht für Riesen mit einer Bärbel an ihrer Seite. Oder doch? »Fang doch einfach mal an zu schreiben«, hat sie gesagt. Recht hat sie.

Jetzt also mein Sprung ins kalte Wasser. Das Buch. Wenn’s richtig gut läuft, mach ich später vielleicht ’ne Bar auf Bali auf. Und schreib dann ein Buch drüber.

Niederknien vor Jesus und Maria (San Andres, Kolumbien)

Unbeschwertes Reisen – nee, das wäre zu einfach. Wer mag schon einfach? Deshalb ist Reisen für Riesen wie mich mit meinen 205 Zentimetern Körpergröße, 105 Kilogramm und Schuhgröße 52 auch immer etwas Besonderes. Da wäre zum Beispiel der chronische Platzmangel. Fahrrad, Auto, Bahn, Flieger – sind mir meistens zu klein. Oder zu eng. So schön der Amazonas oder die Karibik ja auch sein mögen, sie sind verdammt weit weg. Und zehn oder mehr Stunden im Flugzeug oder Bus – das will bei meiner Körperlänge gut organisiert sein. Die normale Sitzplatzauswahl »am Gang oder lieber am Fenster« kann ich nur belächeln, ist für mich keine Option. In Tokio habe ich während der Rushhour mehr Platz in der U-Bahn als im Flieger am Fenster. Daher kann ich mich meistens erst vor Ort wirklich für das Urlaubsziel begeistern, denn meine Vorfreude ist gern getrübt von der Ungewissheit der Anreise. Na, dann mal herzlichen Glückwunsch zu der Entscheidung, eine Weltreise zu machen.

Flughafen Frankfurt. Der Start in das größte Abenteuer, das ich mir selbst bislang eingebrockt habe. Ich stehe am Check-in-Schalter. Der Ort, an dem ich versuche, das Schicksal meiner drei direkt vor mir liegenden Flüge zu beeinflussen. Denn ich möchte natürlich auf keinen Fall in einer der bei mir eher unbeliebten Sitzplatz-Pressen landen. Deswegen habe ich extra Notausgangsplätze gebucht. Für alle drei Flüge, bis zur Ankunft in Bogotá. So ein Platz kostet zwar einen Aufpreis, ist aber schlicht unabdingbar. Die Reservierung im Vorfeld inklusive Bezahlung heißt aber noch lange nicht, dass ich auch wirklich an einem der Notausgangsplätze sitze. Sogar, wenn ich beim Einchecken am Flughafen dem netten, hin und wieder gerne mal inkompetenten Bodenpersonal freundlich mitteile, dass ich bitte am Notausgang sitzen möchte, zum einen, weil ich muss, zum anderen, weil ich dafür bezahlt habe, ja sogar dann ist es schon vorgekommen, dass ich im Flieger in der mittleren Viererreihe den zweiten Sitz von rechts bekomme. Oder von links. Ein tolles Gefühl, wenn meine Nachbarn mich mitleidig angrinsen. Nicht! Es tut mir dann immer leid für das Bordpersonal, wenn ich denen mitteile, dass ich leider nicht die nächsten Stunden da sitzen bleiben kann, wo ich gerade hingepfercht wurde. Die müssen den Bockmist ausbaden, den ihnen die Bodencrew eingebrockt hat.

Unangenehm ist es mir schon, wenn dann ein Paar, das es sich gerade am Notausgang gemütlich gemacht hat, auseinandergerissen wird, weil einer von beiden in den rechten Mittelsitz der Viererreihe muss. Oder den linken. Geht aber nicht anders. Schöner wäre es natürlich, wenn ich einfach direkt in die First Class gesetzt werde. Ist aber noch nie passiert. Komisch. Nur bis in die Upper Economy Class hab ich es einmal geschafft. Das ist noch keine Business Class, aber immerhin Beinfreiheit und Porzellangeschirr beim Essen. Für mich die gefühlte First Class.

Kein Wunder also, dass ich mir hier beim Check-in in Frankfurt den einen oder anderen Gedanken mache, ob und wie ich wohl in Bogotá ankommen werde. Denn ich gebe der Fluggesellschaft in London und Sao Paulo zwei Mal beim Umsteigen die Möglichkeit, mich wieder auf einen der Foltersitze zu klemmen. Trotz Notausgangsreservierung. Jedes Mal Unbehagen beim Betreten des Fliegers: Welcher Platz ist es dieses Mal? Nervt.

Die Dame am Check-in hat aber gecheckt, dass ich auf einen Notausgangsplatz gehöre. Mein persönlicher Jackpot. Frankfurt – London, London – Sao Paulo, Sao Paulo – Bogotá. Ein einziger Notausgangstraum. Also lande ich – Überraschung – halbwegs entspannt in Kolumbien. Allein, wohlgemerkt, Bärbel kommt erst in sechs Wochen nach. Sie muss noch ein bisschen arbeiten. Sechs Wochen. Für uns beide ein kleiner Albtraum. Denn sie hat sich nicht nur intensiv auf diese Reise gefreut, sie ist auch sonst so voller Energie, dass sie kaum weiß, wohin damit. Auf dieser Reise hat sie sich vorgenommen, mal richtig Gas zu geben. Sie will alles machen, erleben, unternehmen, sehen, bereisen, kennenlernen, probieren – dass sie sechs Wochen länger warten muss als ich ist nicht einfach für sie. Und ihre Energie. Hilft aber nix, sie muss arbeiten. Somit bin ich jetzt erst mal alleine unterwegs. Bin ich ja nicht so Fan von.

Allein-Reisen. Was soll das? Macht doch keinen Spaß. Was sollen da die anderen Leute denken? Dass der Riese keine Freunde hat? Ein Alleinreisender ist doch ständig einsam – und mit wem bitte teilt er tolle Momente oder macht Sightseeing? Neee, das ist nix für mich. Das zumindest glaubte ich zu Beginn der Reise – und sollte sich ändern. So weit, so uninteressant. Jetzt geht der Spaß aber mal los:

Am Flughafen von Bogotá gibt’s für mich einen traumhaften Start in die Weltreise. Dort wartet ein stark befreundetes Pärchen aus Deutschland auf mich. Sharon und Georg – genannt Schorsch – verbringen ihren Jahresurlaub rein zufällig in Kolumbien. Trifft sich gut. So bin ich zumindest die ersten Tage nicht einsam. Ich freu mich riesig, dass Sharon und Schorsch mich abholen und mir somit den Start in die Reise vereinfachen. Schon von Weitem erblicke ich die beiden – und weil sie bereits ein paar Tage hier sind, haben sie diesen leichten Urlaubsteint im Gesicht. Herrlich. Aber warum tragen beide so dicke Jacken? Ist wohl was frisch hier im September in Bogotá. Viel wichtiger: Schorsch hat ein paar Getränke im Arm.

»Ist das toll, dass ihr da seid!«, begrüße ich überschwänglich die Bierdosen.

»Spacko!« Schorsch grinst, nimmt mich einarmig in den Arm, Sharon umschlingt uns beide. Berauschende Begrüßung in Bogotá. Bravo!

»Man, seht ihr schon erholt aus. Wie gefällt euch Bogotá?«, will ich von ihnen wissen.

»Na ja, das Wetter spielt halt nicht immer mit. Ist manchmal ganz schön kalt. Wenn die Sonne scheint, geht’s. Ansonsten aber ist die Stadt recht trist, irgendwie komisch. Die Leute auch, so unpersönlich. Aber jetzt bist du ja da«, sagt Sharon. Genau. Jetzt ändert sich alles. Aber Moment mal, das hier ist eine Weltreise für mich – sollte da nicht alles immer abgefahren krass sein? Die Schilderung klingt jetzt eher durchschnittlich.

»Großstadt eben«, haut Schorsch noch raus, öffnet mit einem zischenden »Tschschschipp« das erste Bier und sagt: »Aaahhh. Musik in meinen Ohren.« Na dann – mögen die Abenteuer beginnen!

Bogotá, Playa Blanca, Salzkathedrale in Zipaquirá, Cartagena im Norden Kolumbiens. Alles nett. Alles gut. Tut keinem was. Besonders die wirklich beeindruckende Altstadt von Cartagena nicht. Sharon, Schorsch und ich machen Kolumbien unsicher. Ok, das haben schon genug Leute vor uns gemacht. Wir reisen einfach ein bisschen – aber so richtig aufgetaut sind die Kolumbianer wirklich nicht. Vielleicht auch, weil wir zu dritt nicht den besten persönlichen Kontakt zu ihnen aufbauen. Besonders in den Städten sind die Menschen manchmal sehr direkt. Mitten auf der Straße in Bogotá spricht mich eine Horde von Schulkindern an, erst auf Spanisch, dann wegen meiner Unkenntnisse in Zeichensprache. Sie fragen, ob sie ein Foto mit mir machen können. Aha. Wollen die mich verscheißern? Ich gucke ein bisschen sparsam aus der Wäsche, bin mir nicht sicher, ob ich die Jungs und Mädels richtig verstanden habe. Sharon und Schorsch stehen abseits, grinsen hämisch. Die Kinderhorde nimmt schließlich den Riesen mit dem Fragezeichen auf der Stirn einfach in ihre Mitte und lächelt in die Kamera. Anschließend fragen sie mich nach »Basket«. Immerhin: Das verstehe ich. Ich nicke freundlich und strecke meinen Daumen in die Luft. Ja, ich spiele Basketball, zwar nicht so gut, wie alle immer meinen, aber ich überweise den Vereinsbeitrag. Die Blagen lachen sich einen ab, sagen freundlich »Danke« und verschwinden. Das ist mir so auch noch nicht passiert.

Die meisten Einheimischen kennen in solchen Situationen offensichtlich keine Scheu. Fünf, sechs Mal muss ich allen Ernstes wegen meiner Größe für Fotos posieren, einmal sogar ein Autogramm geben. Stets waren die Leute freundlich und höflich, trotzdem finde ich es etwas kurios. Solche Sachen passieren mir in den größeren Städten; außerhalb, aufm Land, sind die Kolumbianer anders drauf. Ihr Hobby dort: Fleisch. Da wird gerne mal der Grill angeworfen, und die Menschen versammeln sich dann um die zum Teil riesigen Spieße, um sie mit allen zu teilen. Sie wirken nicht so befremdlich wie in der Stadt. Hier will auch keiner Fotos mit dem komischen Schlaks.

So, jetzt aber mal genug von Metropolen und Landidylle. Sharon, Schorsch und ich wollen uns ein paar schöne Tage am Strand machen. Haben wir uns schließlich mehr als verdient. Stellt sich raus: Ist gar nicht so einfach. Die Karibik hier auf dem Festland haben wir uns anders vorgestellt. Da geht mehr. Logische Konsequenz: Wir müssen auf eine Insel. Gemeinsam fliegen wir nach San Andres – mitten hinein in die Karibik. Her mit dem Sonnenmilch-Salz-Sand-Mix auf der Haut.

Unser Appartement (»San Luis Village«) liegt direkt am Meer. Wo auch sonst? Der gesamte Komplex ist nicht sonderlich groß, aber die weißen Gebäude zusammen mit dem netten, grünen Garten und dem kleinen Pool, das macht schon Bock. Ein bisschen eben so, wie man sich das zu Hause in Deutschland vorgestellt hat, dieses »Karibik«.

Sonnenbrille, eincremen, Liegestuhl, Füße hoch, Hände hinterm Kopf verschränken. Jepp, das ist für mich jetzt erst mal mehr Urlaub als reisen. Fehlt eigentlich nur noch das Abenteuer. Aber das lässt nicht lange auf sich warten.

Sharons Plan: mal die Lage checken. Straße und Umgebung angucken, wo wohnen wir hier eigentlich genau? Ist San Luis ein Dorf? Vielleicht kann man hier was zu trinken kaufen. Gibt’s einen Laden? Klingt stressig. Dann müsste ich ja aufstehen. Solange Bärbel nicht dabei ist, würde ich auch gerne meine Ruhe genießen. Schorsch spricht es aus: »Aufstehen? Jetzt? Nääää, vielleicht später. Vielleicht aber auch dann nicht.« Tschschschipp.

Sharon aber lässt nicht locker: »Was ist mit dir, Torsten? Los komm, hoch den Hintern. Wir machen auch nur ’nen kurzen Spaziergang. Dann kannste Bärbel erzählen, du hättest was unternommen.« Das ist natürlich nicht unclever, ein gutes Argument.

»Na gut. Ich finde übrigens, dass es ein gutes Zeichen für unseren Urlaub ist, wenn ein kleiner Spaziergang schon Stress macht«, stelle ich fest.

Sie schnappt sich ihren Fotoapparat, wir wollen los. Letzte Chance für Schorsch: »Komm schon. Gib dir ’nen Ruck! Willste nicht doch mit?« Sharon versucht alles.

»Schaff ich zeitlich grad nicht«, sagt er. Diese Entscheidung bereut er noch heute.

Also ziehen wir zu zweit um die Häuser. Um alle vier. Die Gegend hier ist auf den ersten Blick eher ruhig. »Schmeckt interessant« würde man beim Essen sagen. Kurz nach Mittag, die »Läden« geschlossen. Menschen trauen sich nicht wirklich auf die einzige Straße, die durchs Dorf führt. Die Sonne guckt nur hin und wieder hinter den dicken Wolken hervor, der Wind weht vehement. Es wirkt wie ausgestorben. Eine Art Kiosk ist geöffnet, da gibt’s immerhin Wasser zu kaufen. Das wird aber nicht unser einziger aufregender Moment bleiben.

Recht ansehnlich ist natürlich der Strand. Der karibische Strand. Endlich! Wir schlendern am Meer zurück Richtung Appartement. Wie eben auf der Straße ist auch hier nix los. Keine Menschenseele unterwegs. Vielleicht macht Schorsch ja doch alles richtig? Das Wetter nicht wirklich karibisch – ich kann die Leute schon verstehen, dass sie gerade lieber Siesta machen. Logisch, dass dieser eine Mensch, der plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht, auffällt. Der ist, seinen Klamotten und seinem Gang nach zu urteilen, nicht der Dorfpfarrer. Auch nicht der Juwelier. Eher der angesäuselte Landstreicher – was auf San Andres sicherlich nicht das schlechteste Leben ist! Trotzdem ist er uns auf den ersten Blick alles andere als geheuer. Strubbeliges Haar, wilder Bart, barfuß. Dafür mit entspannter Sonnenbrille. Sharon und ich bewegen uns möglichst unauffällig von ihm weg, versuchen Blickkontakt zu vermeiden. Wir wollen verhindern, dass er uns anspricht oder anbettelt. Zu dem Zeitpunkt können wir noch nicht ahnen, dass wir ihn in wenigen Minuten freiwillig mit Geld bewerfen.

Ich schaue also unauffällig aufs Meer hinaus, als Sharon hinter mir plötzlich einen schrillen Schrei ausstößt. Mir gefriert das Blut! Was hat der Typ gemacht, hat er sie gepackt, zerrt er sie in einen Kastenwagen ohne Fenster? Ich reiße den Kopf herum und sehe, wie er einen Leguan auf dem Arm hat, Sharon hüpfend danebensteht. »Ist der nicht toll?«, quiekt sie entzückt. Wo bitte kommt das Viech denn auf einmal her? Das hatte er eben doch noch nicht. Sharon lacht laut, strahlt übers ganze Gesicht. »Der Typ hat das Dings gerade aus seinem Hemd gezogen. Toll, oder?« Sie ist völlig von der Rolle.

»Was hat er?« Ich steh baff und überdurchschnittlich dämlich grad hier am Karibikstrand rum und kann nicht glauben, was abgeht. Wer hat denn bitte einen Leguan in seinem Hemd versteckt? Langsam gefällt mir der Fuzzi. Er fängt an, Spanisch mit uns zu sprechen. Ich versteh kein Wort, Sharon auch nicht. Anscheinend hat sie die gleichen beschränkten »Olla-kä-tall«-Kenntnisse wie ich. Trotzdem entsteht eine Art Gespräch.

Stellt sich raus, der Typ nennt sich selbst Jesus. Vielleicht heißt er ja sogar so. Ist immerhin kein seltener Name im lateinamerikanischen Raum. Aber muss er dann sein Viech ausgerechnet Maria nennen? Klar, wir können jetzt erzählen, wir haben Jesus und Maria in der Karibik am Strand getroffen – aber nach rein biblischer Betrachtungsweise ist das Abstammungsverhältnis der beiden mehr als fragwürdig.

Egal. Jesus findet, ich würde wegen meiner Größe, des Barts und den Haaren aussehen wie Jesus. Jetzt wird’s verwirrend. War Jesus etwa so lang? Der Typ ist gut drauf – wo drauf auch immer. Er lacht viel, ist tierisch freundlich. Plötzlich nimmt er Maria und will sie mir in die Hand drücken. Oder auf den Arm legen. Halt. Stopp! Das geht zu weit. Ich kann doch nicht einen fremden Leguan anfassen oder sogar festhalten. Dann würde ja … Ich kann doch! Zack, hab ich das Monster auf dem Arm. Völlig unbeholfen – wir beide. Maria weiß nicht, wie ihr geschieht und ich auch nicht. Ich halte gerade einen echten Leguan auf dem Arm. Und die Show geht weiter. Jesus nimmt Maria wieder an sich und deutet immer wieder auf meinen Kopf. Weil er da oben aber nicht drankommt, ahne ich, dass er möchte, dass ich mich klein mache. Ich gehe also vor Jesus und Maria auf die Knie. Unbehagen. Maria wandert auf meinen Kopf. Oh Gott! Was, wenn sie runterfällt? Oder mir ins Haar kackt? Macht sie aber nicht. Sie krallt sich fest, bewegt sich nicht. Ich auch nicht. Alles ist gut. Wir lachen herzhaft. Alle vier.

Ich krieg das breite Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Sharon schon gar nicht, der fließen schon die Tränen vor Lachen. Zum Glück macht sie unzählige Fotos – doch dann erwischt es auch sie. Erst weigert sie sich noch wie Bolle. Aber: keine Chance. Jesus setzt ihr Maria auf den Arm. Noch besser wird’s, als auch sie den Leguan auf den Kopf bekommt. Hammer, was für ein Moment!

Anscheinend muss sich dann aber Maria von der ganzen Aufregung erst mal erholen. Jesus nimmt sie wieder an sich und setzt sie ins Wasser. Wahrscheinlich muss sie auch mal. Groß. Ganz friedlich plantscht sie in den Wellen rum, kommt brav zurück zum Strand, wo sie Jesus wieder in Empfang nimmt. Ein tolles Duo! Keine Frage – ich greif tief in die Tasche und gebe ihnen Geld. Sharon auch. »Quälst du das Tier auch nicht mit so einer Show?« Ich hole alles aus meiner Spanisch-App raus.

»Das Tier ist mein Freund. Ich hab ihn vor dem Tod bewahrt und wieder aufgepäppelt, würde alles für ihn tun. Er hat es sehr gut bei mir«, versichert mir Jesus. Glaub ich ihm. Eine wirklich gelungene und spontane Show hier am Strand. Der Typ freut sich über das Geld, nimmt es gerne an und verabschiedet sich freundlich. Toller Kautz!

Wie kleine Kinder, die den Eiswagen entdeckt haben, rennen wir zurück und wollen Schorsch von unserem Abenteuer berichten. Wir schnappen nach Luft, quasseln durcheinander, erzählen die Geschichte erst von hinten nach vorne, dann rückwärts und andersrum, beide gleichzeitig. Und Schorsch so: Tschschschipp. »Was? Euch hat Jesus auf den Kopf gekackt? Ich versteh kein Wort.« Mann, er ist aber auch megaschwer von Begriff. Erst als wir wieder Luft kriegen, können wir in Ruhe von unserem Abenteuer erzählen und zeigen die Fotos. Unsere Augen strahlen. Pure karibische Freude funkelt in unseren Gesichtern. Nicht so in Schorschs. Der ärgert sich. Warum noch mal ist er nicht mitgekommen?

Ein guter Start in der Karibik. Der Strand ist nur handgestoppte siebzehn Schritte von unserer Appartementtür entfernt, unser Programm einzigartig und nie dagewesen: Essen, Trinken, Alkohol, Meer, Magenvergiftung vom Tintenfisch, ein Besuch in der Stadt San Andres. Und wieder Essen, Trinken, Alkohol und Strand. Karibik eben. Ein bisschen vermisse ich Bärbel, finde es schade, dass sie bei unseren ersten Abenteuern nicht dabei sein kann. Immerhin hab ich ihr von Jesus und Maria erzählt, was ihre Vorfreude auf die Reise nur noch steigert. Zum Glück kann ich meine Erlebnisse in den ersten zwei Wochen mit meinen Freunden Sharon und Schorsch teilen. Ein emotional sanfter Start, von Einsamkeit keine Spur. Gefällt mir. Jesus Maria, jetzt fühle ich mich bereit für den Rest der Welt.

Auf einem Lkw-Reifen den Fluss runter (Palomino, Kolumbien)

Das soll ja ein ganz besonderer Ort sein. Dieses Palomino. Klingt fett. Schon bei der Weltreiseplanung damals in Deutschland hat mir eine Freundin diesen Ort an Kolumbiens Karibikküste ans Herz gelegt. Wegen des »Tubens«. Wegen was? Egal, erst mal checken, wo genau das Kaff liegt. Karibik klingt ja schon mal ganz gut, aber wenn ich ehrlich bin, ist Palomino nicht mal ansatzweise auch nur in der Nähe (m)einer Route.

Bärbel hockt in Deutschland, Sharon und Schorsch sind nach zwei Wochen Kolumbien-Urlaub auch wieder gesund in der Heimat angekommen. Meine Reise setze ich also allein fort. Allein. Hmm. Ein bisschen unwohl fühle ich mich schon dabei. Als ob man dem Hamster seine Käfigtür geöffnet hat. Das heißt aber noch lange nicht, dass er auch rausgeht. Oder rauswill. Manche Hamster machen die Tür auch wieder zu. Zu viel Freiheit kann auch anstrengend sein. Ich hingegen muss gerade allein reisen. Mir hat man also nicht nur die Tür geöffnet, sondern gleich den ganzen (schützenden) Käfig weggerissen. Das hat aber auch was Positives: Ich habe gar keine andere Wahl, kann mich nicht darüber ärgern, womöglich eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Manchmal ist es gut, in unangenehme Situationen gezwungen zu werden.

Kolumbien also. Trotz der Zeit mit Sharon und Schorsch kommt mir das Land noch fremd vor, jetzt, wo ich allein unterwegs bin. Ist es eigentlich heutzutage noch gefährlich hier? Vielleicht ist gerade nicht der beste Zeitpunkt, darüber nachzudenken. Von Santa Maria (da im Norden, wo die riesige Bronzestatue von Kolumbiens Fußballidol Carlos Valderrama steht) will ich nach Palomino. Zähneknirschend nehme ich den Bus. Mag ich ja nicht so, dieses Busfahren. Anders hab ich aber keine Chance, dorthin zu kommen. Mein lieber Herr Gesangskolumbianer, was für eine Fahrt! Ursprünglich hieß es mal, dass der Trip maximal eine Stunde dauern soll. Naiv, wie ich bin, hab ich das auch geglaubt. Drei. Drei Stunden sind die Wahrheit.

Bus also. Keine Stärke von mir. Eingepfercht in dem kleinen Gefährt, voll mit Kolumbianern und nur wenigen Touris. Insgesamt etwa fünfundzwanzig Menschen, einige davon müssen stehen, falls sie Platz dafür finden. Im Mittelgang ist alles voll mit … tja, mit was eigentlich? Gepäck, Gebäck, Gedöns, Gerümpel. Zeugs. Tüten. Säcken. Ein Spülbecken samt Arbeitsfläche für die Küche. Ein Stück Gartenzaun, eine alte Waschmaschine. Lebensmittel. Das Gleiche gilt fürs Dach. Komplett vollgepackt. Gackernde Hühner in einem Holzkäfig fehlen noch fürs perfekte Klischeebild. Ganz hinten, in der letzten Reihe auf dem Mittelsitz: der Riese aus Deutschland. Ich habe tatsächlich den Platz mit der theoretisch meisten Beinfreiheit im Bus gewonnen. Den werde ich die nächsten drei Stunden auch nicht mehr hergeben. Ausstrecken kann ich meine Gräten trotzdem nicht. Irgendein Sack hat seinen Sack mit geschätzten vierzig Töpfen drin direkt vor meine Füße gestellt. Der Besitzer guckt mich mit zugekniffenen Augen an, nickt bedeutungsvoll Richtung Sack (der mit den Töpfen), sodass ich bloß nicht auf die Idee komme, während der Fahrt etwas kochen zu wollen. Oder gar meine Beine darüber ausstrecke. Sein zorniger Blick sagt mir, dass eine mögliche Thrombose gerade das geringere Gesundheitsrisiko für mich ist.

Der Bus von Santa Maria nach Palomino hält an jedem Briefkasten. Menschen steigen ein und aus, Gepäck und anderes Zeugs wird rein- und rausgepackt. Manchmal wird der Bus auch nur kurz langsamer, und jemand stellt eine große Plastiktüte vor ein Gartenzauntor. Der Fahrer hupt – das kolumbianische Zeichen für »die Post ist da« – und gibt wieder Gas. Der Typ mit dem Topf-Sack steigt natürlich erst kurz vor Palomino aus, nur die letzten Minuten kann ich meine Beine ein bisschen strecken. Trotzdem ist die Tour eine der abgefahrensten, an die ich mich erinnern kann. Ok, viele gute Erinnerungen an Busfahrten habe ich eh nicht, aber das geht vermutlich den meisten Menschen jenseits der zwei Meter Körperlänge so.

In Palomino angekommen checke ich ins Hostel »The Dreamer« ein. Von allen einundfünfzig Unterkünften, in denen ich während der gesamten siebenmonatigen Weltreise schlafen werde, landet dieses Hostel in meiner persönlichen Hitliste auf Rang drei. Mit anderen Worten: Die Unterkunft ist ein Traum! Klar, meine Koje ist mir zu kurz, trotzdem sind die Acht-Bett-Zimmer richtig entspannt (ja, so was geht). Der Pool ist sauber und relaxt, das Personal super gelaunt, und die Jungs und Mädels in der Küche haben auch Bock. Das schmeckt man. Palmen, blauer Himmel – »all inclu« also. Dazu noch die Bar. Jeden Abend geht’s hier rund. Bis tief in die Nacht, wenn man möchte. Zum Strand sind es nur knapp hundert Meter. Die ganze Anlage samt tropischem Garten ist sauber und gepflegt, die Atmosphäre sensationell. Noch mal: Es ist ein Hostel, kein Hotel. Schon wegen »The Dreamer« hätte sich der Weg bis nach Palomino gelohnt. Aber ich bin ja eigentlich aus einem anderen Grund hier: das »Floaten«. Oder auch »Tuben« genannt. Dabei sitzt man auf einem riesigen Lkw-Gummireifen und lässt sich auf dem Fluss Palomino bis zum Meer treiben. Allerdings: Wenn ich mich jetzt gerade hier mal so umschaue und es mir genau überlege: Das Tuben klingt doch ein bisschen anstrengend.

Die Sonne scheint, die Menschen um mich herum sind entspannt. Das steckt an. Dazu Pool, Strand, Meer. Wer braucht da dieses Tuben, warum sollte ich mir jetzt den Stress antun und diese Tour organisieren? Ich könnte einfach noch ’ne Runde rumliegen, gucken, ob ich einen der wenigen freien WLAN-Spots bekomme und ein bisschen im Netz surfen. Vielleicht eine Kleinigkeit essen, kontrollieren, ob der Strand noch da ist. Klingt doch verlockend. Hinzu kommt, dass ich das Abenteuer eigentlich viel lieber mit Bärbel zusammen machen möchte. Worin also liegt dann noch der Sinn im Tuben? Ha! Ein Zeichen: eine freie Liege. Ich hol mein Handtuch und fläze mich in die Sonne. Muss ja auch mal sein. Ich schließe die Augen und … heee, wer nervt denn da? Wieso meldet sich ausgerechnet jetzt mein schlechtes Gewissen?

Ok, ich verstehe die Einwände: Extra für dieses Tuben bin ich ja eigentlich hierhergekommen. Wie bringe ich das dieser Freundin in Deutschland bei, die mir den Tipp gegeben hatte, wenn ich erzähle, dass ich in Palomino war, aber das Tuben aus zeitlichen Gründen nicht geschafft habe? Auch irgendwie Quatsch. Zugegeben: Wirklich viel zu tun habe ich heute und morgen ja nicht mehr. Was würde Bärbel jetzt wohl machen? Ok, die Antwort ist klar: Sie hätte die Tour schon längst gebucht und sich womöglich auch noch beim anschließenden Einheimischen-Nähkurs samt Dia-Vortrag über das Häkeln und dessen Rolle für den Mann in der kolumbianischen Gesellschaft eingeschrieben. Die hat so viele Hummeln im Hintern – ich glaube, sie ist allergisch gegen ihre Komfortzone. Verstehe ich ja nicht. Da ist es doch so schön gemütlich drin.

Am Ende siegen das schlechte Gewissen und das kleine Bärbel-Teufelchen auf meiner Schulter. Beide reden mir ein, ich solle gefälligst die Liege von meinem Hintern befreien und was Neues erleben. Es könne nicht genug Firsts im Leben geben. Na ja. Kann man so und so sehen. Als ob Bärbel direkt hinter mir steht, höre ich sie in meinem Kopf sagen: »Du wirst mir hinterher danken, dass ich dich überredet habe, da mitzumachen.« Ist ja gut. Damit ist die Entscheidung gefallen: Ich werde auf dem Palomino-Fluss tuben gehen. Also zerre ich mich von der Liege und gehe ins Zimmer. »So, wer von euch kommt morgen mit mir floaten – dann melde ich uns alle an, ja?« Ich blicke in verständnislose Gesichter meiner derzeitigen Mitbewohner.

»Warum sollten wir das tun?«, fragt mich Maria aus Peru, stellvertretend anscheinend für alle anderen hier im Raum.

»Kommt schon. Bisschen auf dem Wasser rumschippern – klingt doch nach ’ner entspannten Tour.« Komisch, ich kann niemanden überreden, mitzumachen.

Maria: »Viel zu stressig.« Ich mag die Stimmung hier. Trotzdem melde ich mich zum Abenteuer an. Hach, stark von mir!

Natürlich muss ich das sofort Bärbel erzählen, sie an meinem überwältigenden Erfolg teilhaben lassen. Mann, wird die stolz auf mich sein. Wir skypen. Ich schwärme ihr vor, wie ich mich dazu durchgerungen habe, mich auf dieses Mega-Adventure hier in Palomino einzulassen. »Ja, aber deswegen wolltest du doch sowieso dahin. Was machste denn vorher und nachher noch?« Rummms. Mit einer Frage meine ganze Euphorie erstickt.

»Ääääh, hab ich dir schon vom geilen Pool hier erzählt?« Den Rest unseres Gesprächs bereitet sie mich schon mal darauf vor, was passieren wird, wenn sie sich zu mir auf die Reise gesellen wird. Was wir dann nicht alles für Wanderungen, Touren und Unternehmungen machen.

»… und dann hab ich da was in Neuseeland entdeckt. Da kann man fünf Tage lang mit dem Fahrrad die Gegend erkunden und immer in anderen Unterkünften schlafen. Ist auch gar nicht so teuer und klingt total spannend.«

»Ja, aber wir haben doch eh unseren Campervan. Wollen wir nicht lieber mit dem fahren, der ist ja eh schon bezahlt, da sparen wir uns die zusätzlichen Übernachtungskosten.«

»Quatsch. Wir fahren Fahrrad.«

Ha, ich hab die Lösung: »Du, die Internetverbindung ist hier per Satellit und …« Klick. Ruhe im Paradies.

Vielleicht ist es auch gar nicht sooooo schlimm, dass ich das Tuben mal alleine erlebe, ohne es mit jemandem zu teilen. Bärbel zum Beispiel. Dieses Floaten soll ja ganz entspannend sein, und dann will ich es auch genießen, ohne dass jemand währenddessen schon hektisch die nächsten Tage durchorganisiert. Was ich nicht so auf dem Schirm hatte: Die Tour startet verdammt frühmorgens! Denn am nächsten Tag treffen wir uns schon um halb neun direkt vorm Hostel. Wir? Das sind vier Kolumbianer aus einem anderen Hostel, Toni, unser Guide, und ich. Ach so, und sechs Mopedfahrer. Die haben die unangenehme Aufgabe, uns alle Richtung Fluss zu fahren. Klingt unspektakulär, ist aber schon das erste Abenteuer des Tages. Also, für Moped und Fahrer. Denn mein Fuzzi hat das große Los (»Budummtschsch«) gezogen und muss mich hinten draufnehmen. 205 cm und 105 kg. Dazu kommt noch der gigantische Gummireifen, um den ich mich während der Fahrt kümmern darf. Ich möchte jetzt nicht das Bild vom Affen auf dem Schleifstein verwenden, aber ich fürchte, das trifft es ganz gut.

Von den sechs Mopeds starten wir als erstes – kommen aber nachher als letztes an. Die anderen müssen sogar auf uns warten. Mit so viel Last hintendrauf ist es eben nicht leicht, die schlechten Wege den Berg hochzuknattern. Mit einer Hand kralle ich mich hinten an einem kleinen Eisenbügel fest, mit der anderen versuche ich, den Reifen nicht zu verlieren. Damit wir die Hügel auch tatsächlich hochkommen, muss ich uns immer wieder mit den Füßen abstoßen. Wenn es mal nach einem Schlagloch nicht gleich weitergeht, brauchen wir jeden Schwung, um überhaupt wieder in Fahrt zu kommen. Moped, Fahrer und ich, wir geben alles! Ein Abenteuer mit Happy End: Wir kommen alle gesund an. Der Fahrer schwitzt wie Sau, sagt irgendwas zu seinen Kollegen und deutet auf mich. Gelächter, Schulterklopfen, Erleichterung. Geschafft! Der Riese ist angekommen.

Von dem Punkt aus, wo die Mopeds nicht mehr weiterkommen, beginnt unsere kleine Wanderung. Wir laufen mit Flipflops knapp ’ne halbe Stunde lang einen Berg hoch. Nicht zu vergessen: Jeder von uns, mit Ausnahme von Guide Toni, schleppt einen riesigen aufgeblasenen Lkw-Schlauch mit sich rum. Weil eine kleine Kolumbianerin irgendwann nicht mehr kann, machen wir kurz Pause. Eher ungewöhnlich, wie Tonis Gesichtsausdruck unmissverständlich verrät. Beim Verschnaufen hören wir auf einmal das Rauschen des Flusses: Es ist nicht mehr weit! Das motiviert. Wir raffen uns auf – und sind drei Minuten später am Ziel. Herrlich.

Plopp! Plötzlich machen die vier kauzigen Kolumbianer neben mir die Pulle auf. Morgens, halb zehn in Kolumbien, da knallt der Champagnerkorken. Wie auch immer sie die Flasche hierhergeschleppt haben. Unsere Füße endlich im warmen Wasser halten wir alle noch den riesigen Lkw-Gummireifen fest, während der Schampus kreist. Auch ich bekomme ihn gereicht. Auf nüchternen Magen einen Schluck Alkohol, warum nicht!? Sehr freundlich, diese Einheimischen. Unser Guide hat jetzt auch wieder beste Laune. Der Schweiß trocknet, der Schampus knallt rein, die Sonne verdrängt die Wolken – perfekte Bedingungen für das, worauf wir uns jetzt alle freuen.

Dabei ist es gar nicht mal so leicht, in einen riesigen Reifen zu steigen, der auf einem Fluss treibt. Nicht nur ich habe damit leichte Schwierigkeiten, auch die angesäuselten Kolumbianer haben mächtig Spaß dank fehlender koordinativer Fähigkeiten. Zum Glück hilft Toni, und alle sitzen irgendwann irgendwie in ihren Gummis. Hintern nass, Füße nass, Hände nass – so muss das sein! Toni schubst uns Richtung Flussmitte, wo wir von der Strömung erfasst werden. Klingt dramatischer, als es ist. Wir reden hier nicht von Stromschnellen oder Wildwasserrafting. Lediglich ganz sanft werden wir den Fluss entlanggetrieben. Hin und wieder müssen wir mit den Armen ein wenig den Kurs korrigieren. Panik kann nicht ausbrechen – der Fluss ist an manchen Stellen nur knöcheltief. Schwimmwesten sind überflüssig.