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Alma M. Karlin, die heute zu den zehn größten Weltreisenden gehört und ihre Reisebücher und andere literarische Werke in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der deutschen Sprache verfasste, erlitt ein schweres Schicksal. Sie wurde sowohl vom Nazismus als auch vom Kommunismus verpönt und verschwiegen und erst nach der Unabhängigkeit Sloweniens 1990 als Autorin wiederentdeckt. Milan Dekleva begleitet sie in seinem Roman in drei dramatischen Lebensabschnitten. Er folgt ihr nach London kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, wo Alma acht Sprachen studiert und es als eine der wenigen Europäerinnen damaliger Zeit wagt, sich mit einem Chinesen zu verloben. Dann finden wir sie am Anfang ihrer Weltreise im Jahr 1920 in Arequipa in Peru. Der letzte Teil stellt die Zeit zwischen 1932 und 1944 dar: Zu diesem Zeitpunkt lebt Alma M. Karlin schon mit ihrer Schwesternseele Thea Schreiber-Gamelin in Celje zusammen und schließt sich dem Partisanenkampf an, um ihr Leben zu retten. Trotz der starken Verankerung in historischen Gegebenheiten stehen im Roman die Phantasie und die Intuition des Autors im Vordergrund. Ein Roman über eine edle Frau und ihr bitteres Schicksal. Das Nachwort stammt von Jerneja Jezernik, die sich schon seit Jahrzehnten mit dem Leben und dem Werk von Alma M. Karlin wissenschaftlich und schriftstellerisch beschäftigt.
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2018
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MILAN DEKLEVA
Roman über Alma M. Karlin
Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olofmit einem Nachwort von Jerneja Jezernik
Die Übersetzung dieses Werkes wurde gefördert durch die Slowenische Buchagentur JAK.
Titel der Originalausgabe: Teto iz črk – roman o Almi
DRAVA VERLAG • ZALOŽBA DRAVA GMBH9020 Klagenfurt/Celovec, Gabelsbergerstraße 5Telefon +43(0)463 [email protected]
Lektorat: Dr. Carsten Schmidt
Copyright © dieser Aussgabe 2017 bei Drava VerlagKlagenfurt/CelovecAlle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten
ISBN 978-3-85435-836-7eISBN 978-3-85435-862-6
In früheren Zeiten verehrte das Ona-Volk mehrere Götter. Der höchste Gott hieß Pemaulk. Pemaulk bedeutet „Wort“.
Eduardo Galeano, Kinder der Tage1
Mein Name ist Alma Erika
London, Christiania 1910-1914
Die Taube mit dem Löwenherzen
Cilli, Triest, Genua, Arequipa
Das Dunkel und das Licht
Celje, 1941-1942
So ein Weib hätte wohl jede Armee gern
Bela krajina, 1945
Nachwort
Von Jerneja Jezernik
Anmerkungen
London, Christiania 1910-1914
Alma steht am Straßenrand und zittert; der Wind hat sie voll Einsamkeit geblasen. Sie kehrt von der Arbeit zurück, müde und hungrig. Wenn sie sich nach den Fassaden der von Armut, Smog und Nebel geschwärzten Ziegelhäuser umdreht, beginnt ihre Seele zu schwanken wie ein Kahn auf der Themse, vertäut bei der nahen Papierfabrik in Limehouse. Ihr Herz erbebt, Schmerz durchfährt sie. Vielleicht werde ich nie eine Schriftstellerin? Vielleicht werde ich nie etwas Großes schreiben?
Sie wartet am Rand einer schmutzigen Vorstadtstraße. Erst vor kurzem hat sie die Schwelle der Jugend überschritten, jetzt ist sie eine erwachsene Frau, die das Tor zu einem selbstständigen Leben aufstößt. Eine Tram ist nirgends zu sehen; auf der Straße kommt ein Pferdeomnibus, der von zwei gedrungenen, ungepflegten Gäulen gezogen wird. In den Augen der Pferde sieht sie Überdruss, Hunger und Erschrockenheit, was ihre Seele beunruhigt. Mit den Tieren teilt sie eine rätselhafte dunkle Nähe.
Vielleicht war ich im früheren Leben ein Pferd, denkt sie. Der Kutscher auf dem Bock spuckt achtlos den durchgekauten Tabak auf die Pferdekruppen und schnalzt mit der Peitsche über sie hin; einfach so, aus Langeweile und Bosheit.
Lady, willst du zu den Docks?, ruft der Kutscher und knallt mit der Peitsche. Weil Alma nicht antwortet, sondern ihn unfreundlich ansieht, reißt der Fahrer am Zügel, dass die Pferde vor Schmerz aufwiehern. Mit gesenkten Köpfen bleiben sie stehen, unter den Rädern steigt eine Staubwolke auf.
Wenn du zu den Docks willst, fahr ich dich hin, stößt der Kutscher hervor, als hätten sich ihm die Worte im Mund verkeilt und er müsste sie aushusten. Alma zeigt mit der Hand, dass sie ins Stadtzentrum will, und schüttelt den Kopf. Der Wind ist eisig, er verfängt sich in Almas langen Haaren und wirbelt sie durcheinander. Hinter der verstaubten Scheibe des Omnibusses drängen sich die Fahrgäste, unter ihnen bemerkt sie zwei Chinesen mit spärlichem Bart, beide tragen einen schwarzen Rock, eine hellhäutige Frau mit scharfen Backenknochen, auf dem Kopf einen Hut mit Blumen, eine Frau mit dicken Hängebacken und Kopftuch, wie sie die Marktfrauen von East End tragen. Auf ihrem Schoß sitzt ein Knabe in einem abgewetzten Anzug und einem Hemd mit schmutzigem Kragen; er starrt Alma direkt an, aber mit leerem Blick, ohne rechtes Interesse.
Wie würde sie in einer Geschichte den Fahrer beschreiben, die Zuggäule und die Fahrgäste im Pferdebus? fragt sich Alma und tritt auf der Stelle, um sich die Füße zu wärmen. Schon lange würde sie sich gern Winterschuhe kaufen, aber das Geld geht so dahin. Über die abgewetzten Trottoirs der Piccadilly und durch die schmutzigen Vorstadtstraßen geht sie in den abgenutzten Pumps, die sie aus Cilli2 mitgebracht hat und auf die sie wirklich nicht stolz ist. Nicht nur, dass sie ausgetreten sind, sagt sie sich, ihrem Charakter ist die unleugbare Leidenschaft zu eigen, Feuchtigkeit aufzusaugen. Wie kann der Mensch schreiben, wenn er andauernd nasse Füße und kalte Zehen hat?
Wie würde ich das, was ich sehe, in meinem Buch beschreiben? Nicht allzu realistisch; die Sprache muss immer das nur auf sehr persönliche Weise ausdrückbare tiefere Gefüge der Schöpfung widerspiegeln.
Lautes Gebimmel bricht Almas Gedanken ein. Ein Mann kommt auf sie zu, er verkauft Rosinenkuchen und macht mit Schellen auf sich aufmerksam. Alma läuft das Wasser im Mund zusammen; auch ich reagiere wie ein hungriges Tier, sagt sie sich. Der Mensch kann entweder hungrig oder nass sein, beides ist zu viel. Sie muss über sich selbst lächeln und beginnt, in der Tasche, in der sie ihre Lehrbücher des Norwegischen und Schwedischen mit sich trägt, nach Münzen zu kramen. Der Mann mit den Kuchen erkennt sie und bleibt stehen.
Wieder allein, Miss, sagt er und schnalzt besorgt mit der Zunge. Das ist nicht in Ordnung, fährt er fort, diese Stadt ist nicht mehr sicher wie früher. Zu viel Demokratie schadet nur, lacht er abfällig, alle diese Zugewanderten …
Alma fischt eine Sixpence–Münze heraus und sieht ihn an.
Auch ich bin eine Zugewanderte, erwidert sie.
Ich wollte Sie nicht beleidigen, Miss, reagiert der Mann mit den Kuchen rasch, Sie sind eine Erzieherin und Lehrerin und sprechen viel besser Englisch als die Bäckerinnen, die meine Kuchen backen. Ich spreche von den Anarchisten und Gaunern, die von allen Ecken der Welt angelaufen kommen und denen die Königin Unterschlupf gewährt.
Alma weiß, dass der Kuchenverkäufer eine lebende Zeitung ist; frische Londoner Nachrichten gehören einfach zu einem erfolgreichen Handel dazu.
Drei tote Polizisten, Miss. Und zwei schwer verletzte. Nicht weit von hier. Vor wenigen Minuten. In Houndsditch hängt der Pulverdampf noch immer in der Luft. Da hat eine Bande bis an die Zähne bewaffneter Gangster aus Lettland und Russland um sich geschossen. Sie sind angeblich hier irgendwo zu Hause, in East End.
Auf der Straße geschossen? fragt Alma und blickt ins Dunkel, das die näheren Häuser einhüllt.
Juwelenraub, erklärt der Kuchenmann. Aber es sind Revolutionäre im Exil, Miss. Sie wollten Zar Nikolai vom Thron jagen, und jetzt sind sie hier und versuchen Geld für einen Umsturz aufzutreiben. So geht das, Miss, wenn Menschen entwurzelt werden und sich nicht an die Sitten und Gebräuche ihrer Väter und Großväter halten. Wie viele?
Zwei, sagt Alma. Ich habe ja auch Hunger für zwei.
In der Untergrundbahn riecht es unangenehm, aber man friert wenigstens nicht. In Borough steigt sie aus, die Zehen in den nassen Schuhen sind wie Eis.
Konntest du wirklich nicht auf die beiden Kuchenstücke verzichten, macht sie sich Vorwürfe. Der Kauf neuer Schuhe wird noch auf sich warten lassen.
Im Süden der Stadt ist der Rauch noch dichter. Gut, dass sie den Weg bis zu dem Mansardenzimmer, das ihr Frau D. vermietet, schon so oft gegangen ist. Der Weg von der Untergrundbahn bis zu ihrer derzeitigen Unterkunft kommt ihr jedes Mal kürzer vor. Um sich warm zu machen, geht sie immer schneller.
So viel Schatten, so viel Tod und Gewalt unter den fünf Millionen Lebensgeschichten, denkt Alma. In diesem riesigen Irrgarten fühlt sie sich einsam, ist sie unsicher und ängstlich. Wenn ich empfänglich bin für Angst, bin ich auch empfänglich für Mut, sagt sie sich. Angst, was ist das? Existenzangst? Zukunftsangst? Was heißt hier Angst, macht sie sich Mut, ich bin erst ins Leben eingetreten, und in mir warten zu viele Wünsche, als dass Raum für Angst bliebe. Als ich noch ein Kind war, hatte ich Angst vor dem dunklen Keller und dem mit geheimnisvollem Kram vollgeräumten Dachboden mit seinen Spinnweben. Aber ich wollte die triste Unterwelt des Hauses und den zugigen Dachboden erforschen. Ich habe gelernt, dass die Erforschung der Welt mit Wagnis und Gefahren verbunden ist.
Sie sieht sich um, die Straße wird von einer hohen, oben mit Glasscherben bewehrten Ziegelmauer begrenzt. An der Mauer lehnt eine erfrorene Birke. Alma weiß nicht, was hinter der Mauer ist. Vermutlich eine Fabrik. Oder ein Lagerhaus für die nahe Markthalle. Für die Birke empfindet sie Sympathie! Als teilten sie den hartnäckigen Willen zu wachsen. Selbst für die in die Mauer einzementierten Ziegelsteine empfindet sie Sympathie! Sie ist mit ihnen verbunden, einst war sie selbst Lehm, und jetzt ist sie eine Form des Lebens.
Das ist so, weil alle Dinge miteinander verbunden sind, durchweht es sie.
Wenn das Weltall ein riesiges pulsierendes Herz ist, warum ist dann das Leben so voller Veränderungen und Unwägbarkeiten? überfliegt sie ein Schauer. Aus der Leere von Nacht und Schatten befällt sie Beklemmung. Ich habe nichts zu befürchten, spricht sie sich Mut zu, tief in mir trage ich eine animalische Kraft! Ich bin eine Löwin, obwohl ich in einem kleinen Körper mit schadhafter Wirbelsäule und schmerzenden, halb geschlossenen Augen gefangen bin. In jedem Wesen schläft eine riesige Kraft, tröstet sie sich. Auch in mir. Wie kann ich sie wecken? Die Spiritisten sprechen viel von Astralleib und Magnetismus, aber das scheint mir nicht einleuchtend. Ich möchte das Geheimnis entschlüsseln, mit dem ich in die große Welt hineingewachsen bin. Dann könnte ich sie beschreiben und hätte keine Angst vor ihr. Ich wüsste und fühlte, wo ihre Schmerz- und Krebspunkte sind, und würde ihnen ausweichen.
Jetzt ist sie schon in der Nähe der einstöckigen Holzhäuser, wo sie ein Zimmer gemietet hat. Sie muss daran denken, dass es in der Mansarde kalt ist, weil sie keine Heizung zahlen kann. Oh, murmelt sie, durch die Ritzen zwischen den Balken wird der Nebel hereinkriechen und die Fensterscheiben werden weiß sein vom Raureif.
Und dann diese verwünschten Schuhe, wie soll ich sie trocken kriegen? Soll ich sie anhauchen? Hier helfen weder innere Kraft noch der Glaube an sich selbst. Ich muss lernen, wie ich Wünsche in Wärme verwandeln kann, dann bin ich die Königin. Die Buddhisten in den Himalajaklöstern beherrschen diese Kunst angeblich.
Sie muss lächeln, aber da hört sie am Ende der Gasse ein Flüstern und das Geräusch heimlicher Schritte. Rasch öffnet sie die Tasche und beginnt, nach dem Schlüssel zu suchen. Als sie ihn ertastet, atmet sie erleichtert auf. Ich träume von einer inneren Kraft, in Wirklichkeit aber zittere ich vor Unsicherheit, sagt sie sich. Noch bevor sie den Schlüssel im rostigen Schloss einmal ganz herumgedreht hat, gibt die Tür nach und geht auf. Vor Alma steht Frau D. mit einer komischen, eng anliegenden Nachtkappe auf dem Kopf. Über den wulstigen Wangen kleben wurstförmige bläuliche Augenringe. Kein Wunder, dass sie in einem fort ihren Untermietern nachschnüffelt, denkt Alma, schon vom Anblick her ähnelt sie einem Spürhund.
Keine Ordnung, Miss, sagt die Hausbesitzerin. Solange Sie nicht nach Hause gekommen sind, kann ich nicht einschlafen.
Ich habe Überstunden gemacht, sagt Alma. Die Miete, die Mahlzeiten, Straßenbahn, Lehrbücher, Sie wissen ja, was für eine teure Stadt London ist.
Ich weiß, ich weiß, nickt Frau D. Sie sieht auf die Spitzen ihrer Schuhe, von denen schmutzige Tropfen kriechen, und schüttelt leicht den Kopf. Ach, die Lehrbücher, Miss. Jemand, der vom … Balkan kommt, muss gut Englisch lernen, alles andere kann warten. Außer der Miete natürlich. Bücher können Sie nicht anziehen, Miss. Läuft man bei Ihnen zu Hause mit Büchern an den Füßen herum?
Bei uns zu Hause, sagt Alma, stecken wir die Nase in die Bücher. Sie stecken Ihre in fremde Angelegenheiten. Und auch wer arm ist, Madam, schießt bei uns zu Hause nicht auf den Straßen aufeinander. Sie starrt mit unbewegtem, kühlem Blick auf die Hausbesitzerin, bis die sich umdreht und Unverständliches brabbelnd, mit schlurfenden Schritten in ihre Wohnung im Erdgeschoss zurückkehrt.
Ihre Hüften schmerzen, sagt sich Alma, daher ihre schlechte Laune. Gott weiß, was für ein unglückliches Leben sie gehabt hat. Auch für das, was mir fremd ist, sollte ich Mitgefühl zeigen. Sie denkt an ihre Mutter, mit ihr hat sie lange Jahre zusammengelebt, aber sie sind sich nie nähergekommen.
Und dann, in dem kleinen Zimmer, wo sie sich bücken muss, um aus dem Fenster sehen zu können, ist ihr alles fremd: Das angestoßene emaillierte Waschbecken, der windschiefe Schrank und die Kommode, der knarrende Schiffsboden, sogar das Bild des peruanischen Indios, das sie aus einer illustrierten Zeitschrift gerissen und bei sich an die Wand gehängt hat. Alles ist ihr fremd, und mit nichts fühlt sie sich auch nur im geringsten verbunden. Sie fühlt nur die Einsamkeit der Dinge, die ihre eigene Einsamkeit umgeben. Morgen ist Mittwoch, seufzt sie, der Tag für Russisch und die Grundlagen der arabischen Kalligraphie.
Im Lehrerzimmer der Übersetzerschule fühlt sie sich wie der letzte Fetzen. So ist es, wenn du mit nassen Füßen ins Bett kriechst und bis zum Morgen nicht warm wirst. Halb erfroren konnte ich nicht einschlafen. Was auch sein Gutes hat, muss sie über sich selbst lächeln. Schlaflosigkeit ist ein dem persönlichen Wachsen bestimmter Samen. Bis zum Morgengrauen habe ich die Konjugation der russischen Verben wiederholt. Wie viel Gefühl gibt es in den slawischen Sprachen und wie viel Besonderheiten! Als würde ich an einer Flussschnelle die Lichtreflexe auf den Steinen beobachten.
Geräuschvoll betritt Captain L. das Zimmer. Alma freut sich über ihn, er flößt ihr Hoffnung ein. Das ist ein Mensch mit einem sonnigen, orangenen Herzen, durchfährt es sie. Ohne ihn stünde es in dieser Wahnsinnsstadt schlecht um mich, denkt sie. Ich habe zahllose Anstellungsgesuche geschrieben, aber ich bekam von überall eine Ablehnung. In den meisten Fällen hat man mir nicht einmal abgeschrieben, sie haben mich ignoriert. Bis dieser Brief aus dem Übersetzungsbüro und der Sprachenschule der Frau A. kam. Sie sind zu einem Gespräch eingeladen, stand dort, und darunter die Unterschrift: Captain L.
Seit ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, sehe ich sein Lächeln vor mir, nicht nur auf den Lippen, auch in den Augen. Bei uns zu Hause sagt man: Er hat mich mit lächelnden Augen empfangen, und das bedeutet: mit offenen Armen. He is all smiles and graces, smiles of fortune. Ja, als er hinter dem Tisch aufstand und mir die Hand reichte, war er groß und stattlich, ein wahrer Captain. Mit dunklem, dichtem, gewelltem Haar.
Alle diese Sprachen sprechen Sie, Miss?
Ja, sie gefallen mir, und ich mache schöne Fortschritte.
Rasch verwickelten wir uns in ein kurzes Gespräch in Französisch und dann in Spanisch.
Ausgezeichnet, das waren seine Worte, ich bewundere Ihr Wissen und Ihren Willen. Aber Sie haben keine amtlichen Dokumente beigelegt. Prüfungen haben Sie also an der Königlichen Akademie noch keine abgelegt?
Voller Angst musste ich das bestätigen. Wieder dieselbe Geschichte, dachte ich. Aber die Zuneigung in den Augen des Captains war nicht erloschen. Dieser Mensch ist ein Lichtträger, durchfuhr es mich. In seinem Körper findet das Licht zur Ruhe und sammelt frische Kräfte.
Nicht so schlimm, sagte er. Wir werden es so machen, wenn es Ihnen recht ist: wenn Sie die Prüfungen abgelegt haben, stelle ich Sie ein. Bis dahin können Sie in den Unterrichtsstunden erfahrener Kollegen hospitieren, um pädagogische Erfahrung zu sammeln.
Seinetwegen werde ich eine Arbeit haben, seinetwegen werde ich mir bald neue Schuhe kaufen können, habe ich damals überschwänglich gedacht.
Was ist mit Ihnen, Miss, sagt Captain L., bevor er die Tür hinter sich schließt. Sie sind krank, Sie dürften gar nicht zum Dienst kommen.
Ich brauche bitter ernst jeden Penny, Sir. Außerdem darf ich den Russischkurs und den Kurs aus arabischer Kalligraphie nicht versäumen. Zuhause … in Borough gibt es niemanden, dem ich leid tun würde.
Der Captain lacht, schaut aber noch immer besorgt drein. Wir werden es so machen, Miss: In die Klasse werden Sie heute nicht gehen, ich werde für eine Vertretung sorgen. Sie können aber Schriftstücke der französischen Botschaft übersetzen, denn das ist ein äußerst dringender Auftrag. Ich werde Ihnen Salbeitee bringen, der wird Sie wenigstens wärmen.
In der Tür dreht er sich um. Nach dem Russischkurs werde ich Ihnen einen neuen Schüler vorstellen, Herrn H.
Alma hebt verwundert die Brauen.
Ja, er ist Chinese. Aus einer reichen Großhändlersfamilie. Er möchte gern das Deutsche beherrschen. Ich habe ihm gesagt, dass Deutsch Ihre Muttersprache ist. Ich darf doch so sagen?
Alma nickt. Sie fühlt sich nicht gut, auf ihrer Stirn sammeln sich Schweißtropfen. Sie nimmt ein mit ihren Initialen besticktes Tuch aus der Tasche, wischt sich die Stirn und öffnet die Mappe mit dem zweifachen Trikolorewappen über den goldenen Ölzweigen. Schon nach den ersten, in gekünstelter Diplomatensprache geschriebenen Sätzen ist ihr klar, dass es sich um einen Nachhall der Dreyfus-Affäre handelt. Die Politiker wärmen noch immer die alte Feindschaft zwischen Preußen und Frankreich auf, denkt sie. Die Menschen lernen nichts aus der Geschichte. Sie benutzen sie nur, um neue Konflikte zu schüren. Das vergiftete geistige Klima führt notwendigerweise zu körperlicher Gewalt und zu persönlichen Tragödien. Aber Zola hat den Weg gewiesen, den einzig möglichen Weg: Es gilt, das demagogische Wort der politischen Lüge und Heuchelei mit engagiertem Wort zu überwinden.
In der Brust fühlt sie ein Rauschen und Krabbeln, als würden unter ihrer Haut Bienen schwärmen. Doch es sind keine Bienen, es sind keine Insekten. Sie schließt die Augen, um leichter lauschen zu können. Buchstaben sind es, Buchstaben. Ein Chaos an Lauten, die sich zu geordneten Reihen von Gedanken und Gefühlen fügen wollen. Ich werde schreiben, das ist mir bestimmt, versichert sie sich. Wenn ich mich endlich frei gemacht habe, werde ich Schriftstellerin.
Captain L. kommt mit einer Tasse Tee zurück und stellt sie vorsichtig vor Alma auf den Tisch. Er wirft einen Blick auf das offene Schriftstück, spitzt die Lippen und nickt ihr aufmunternd zu.
Es gibt Wesen der Dunkelheit und Wesen des Lichts, sagt er, eine alte Geschichte. Erbauer und Zerstörer. Wir Übersetzer errichten Brücken des Verstehens, Gewaltmenschen reißen sie ein und säen Misstrauen.
Weiß rauschende russische Sätze, die an Birken und vom Wind gebeugte Halme erinnern, gleiten an ihrer angegriffenen Aufmerksamkeit vorüber. Noch immer denkt sie ans Schreiben, an die Gewalt des künstlerischen Wortes, das sie angeboren in sich trägt. Papa, sagt sie zu sich, was warst du doch komisch, Papa. Wir sind im Hof im Staub marschiert, eins, zwei eins, zwei, und haben salutierend Goethes Verse zitiert: Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh’n. Wenn ich unter meine Zeilen doch nur ein Stück jener Liebe mischen könnte, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnere. Geprägt durch Worte, das könnte der Titel meines Romans sein, lächelt sie. Eines Romans über ein kleines Mädchen, das vor der Vitrine der Triestiner Schifffahrtsgesellschaft in der Nähe des Cillier Bahnhofs steht und von einer Reise nach Amerika träumt.
Nach Ende des Kurses sucht Alma die Damentoilette auf und wäscht sich lange das Gesicht, um die undeutlichen Gefühle zu klären. Enttäuscht schaut sie auf ihr Bild im Spiegel. Wenn sie nicht gesund ist, beginnt ihr eines Auge gern böse zu schielen, als hätte es seinen eigenen Willen und würde auf etwas Unbekanntes hinter den Dingen starren, auf einen unsichtbaren zeitlosen Wesenskern. Und diese lästigen, von der Hitze verklebten Haare, die ihr in die Stirn drängen und die auf dem Scheitel notdürftig zu einem Dutt geflochten sind! Ich werde sie abschneiden müssen, sagt sie sich, zu einem Pagenschnitt, wie es jetzt modern ist. Dann werde ich die hohen Kragen ablegen können, die meine Haut verstecken. Ich habe einen schönen Hals, nickt sie sich zu, und der Hals ist der Eingang in den Körper. Sie seufzt und versucht die Müdigkeit der Augenlider und die Schlaffheit der Wangen mit Puder zu verdecken. Was soll denn der neue Schüler sagen, schüttelt sie den Kopf, der erste Eindruck kann auch der endgültige sein.
Sie setzt sich an ihren Tisch und denkt an den chinesischen Jüngling, der sie im Austausch gegen ihr Deutsch mit der Geistigkeit und der bildhaften Sprache seiner fernen Heimat bekannt machen wird. Die Weisheit des Ostens reizt sie, seit sie denken kann.
Ich bin mir dessen seit dem Augenblick bewusst, sagt sie sich, seit ich mich gegen die mütterliche Herrschaft über meinen Körper gewehrt habe. Ihretwegen musste ich Orthopäden aufsuchen, die mich quälten, anstatt dass ich über Wiesen gelaufen wäre und unter Bäumen getanzt hätte Erst als ich das Tor der Einsamkeit aufgestoßen hatte, war ich frei. Wie bedeutend die Weisheit des Ostens ist, wurde mir an dem Tage klar, als mir Frau K. die Geheimlehre der Mme. Blavatsky schenkte. Die dunkelblauen Umschlagseiten des theosophischen Lehrbuchs waren angestoßen. In London kommt man trotz aller Nachdrucke noch immer nicht leicht an das Buch.
Ist Herr H. ein Mensch geblieben, in dessen Adern die Überlieferung der Vorfahren fließt, oder hat er sich den flüchtigen Genüssen Londons verschrieben und verachtet jetzt alle mystische Geistigkeit und esoterische Wahrheit?
Captain L. betritt den Raum zusammen mit einem tadellos gekleideten jungen Mann kleineren Wuchses. Er ist nicht größer als ich, wundert sich Alma, erhebt sich und wartet, dass der Captain sie miteinander bekannt macht. Der chinesische Jüngling verneigt sich tief, das schwarze Haar hat er mit einem Mittelscheitel geteilt und mit duftender Pomade an den Kopf geklebt. Alma muss innerlich lachen. Dieser Scheitel ist ein Gleichnis für die moderne Welt, die gespalten ist in Ost und West. Ich mag keine Spaltung. Wenn ich einmal Schriftstellerin bin, denkt sie, werde ich versuchen, das Sichtbare mit dem Unsichtbaren, die Freiheit mit der Notwendigkeit, die Tradition mit der Modernität zu verbinden. Ich werde mich nicht um die Vorurteile der Bourgeoisie kümmern, ich werde mir selbst und dem Ruf der Buchstaben treu bleiben, die in meiner Seele aufkeimen!
Jetzt lächelt H. und verbeugt sich höflich.
Warum möchten Sie Deutsch lernen? fragt sie ihn.
