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Seit vielen Jahrhunderten herrscht ein scheinbar ewig anhaltender Frieden in der Hauptstadt der Zeitreisenden. Alles scheint in bester Ordnung zu sein, bis es auf einer gewöhnlichen Mission der Weltenwächterin Victoria plötzlich einen Zwischenfall gibt, der schnell viel größere Ausmaße annimmt als erwartet. Sie und ihr alter Freund William müssen den dunklen Mächten hinweg durch Zeit und Raum auf den Grund gehen, um die Realität selbst zu retten.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2020
Prolog
Kapitel 1: Berlin
Kapitel 2: Der Sondereinsatz
Kapitel 3: Die Jagd
Kapitel 4: Kugelhagel
Kapitel 5: Hyperia
Kapitel 6: Die Gerichte
Kapitel 7: Krisenmanagement
Kapitel 8: Abteilung Fünf
Kapitel 9: Die Vision
Kapitel 10: Timing
Kapitel 11: Taris
Kapitel 12: Über den Wolken
Kapitel 13: Landgang
Kapitel 14: Fast am Ziel
Kapitel 15: Die Höhle der Löwen
Kapitel 16: Eine Entscheidung
Kapitel 17: Dunkelheit
Kapitel 18: Zurück zum Aufsichtszentrum
Kapitel 19: Rückflug
Kapitel 20: Früh morgens
Kapitel 21: Schüsse in Hyperia
Kapitel 22: Damals
Kapitel 23: Die Antwort
Kapitel 24: Aurelium
Kapitel 25: Verdecktes Ermitteln
Kapitel 26: Prioritäten
Kapitel 27: Alles erledigt?
Kapitel 28: Felution drei
Kapitel 29: Hinter feindlichen Linien
Kapitel 30: Zeitliniengesetze
Kapitel 31: Abseits von allem
Kapitel 32: Antonio Verne
Kapitel 33: Die letzte Lösung
Kapitel 34: Der Paralux
Kapitel 35: Da wo alles begann
Epilog
Der Raum war dunkel. Nur eine Kerze, die ein ungewöhnlich dunkelblaues, düsteres Licht ausstrahlte, bewahrte das fensterlose Zimmer vor kompletter Finsternis. Die Möblierung war sehr spärlich. In der Mitte stand jedoch ein massiver dreieckiger Tisch aus Ebenholz, welcher an den drei Außenseiten von alten weißen Ledersesseln umringt wurde. Einer für jeden. Die Wände lagen schon zu weit im Schatten, um sie genauer erkennen zu können, jedoch noch nicht zu weit entfernt, dass die Dunkelheit die Umrisse der Türen schlucken konnte.
Auf dem Tisch war nichts außer der Kerze, die sich stolz aus einem antiken Silberkerzenhalter erhob, einem dicken, in Leder gebundenen Buch mit schwarzen Insignien auf dem Einband und einem Koffer mit den gleichen dunklen Zeichen auf der Außenseite.
Plötzlich zuckte die Flamme, erlosch und glühte in einem helleren Blauton wieder auf. Gleichzeitig ertönte ein Mechanismus, zuerst leise rumpelnd, dann immer lauter, bis sich schließlich eine der drei Türen beiseiteschob.
Einen kurzen Moment später war es soweit. Der Erste betrat den Raum.
Es war ein Mann mittleren Alters, gekleidet in einen weißen Mantel mit goldenen Streifen. Er wirkte autoritär. Auf eine gewisse Weise strahlte er seine Überlegenheit nach außen, dass niemand sich trauen sollte, ihn in Frage zu stellen, ohne es später bitter zu bereuen.
Langsam bewegte er sich durch das Zimmer, ging zum Tisch und nahm seinen Platz ein.
Kurze Zeit später flackerte die Kerze erneut, die Vorrichtung klackerte und eine andere Wand glitt zur Seite. Ein weiterer Mann betrat den Raum. Dieser war dem Aussehen nach in den späten Zwanzigern, war aber bereits durch eine Narbe, die sich von seinem Hals über seine rechte Gesichtshälfte bis zum Haaransatz zog, gezeichnet. Er trug eine schwere Rüstung aus Metallplatten, die durch seinen unbeherrschten Gang laute Geräusche erzeugte. Der Andere schien ihn jedoch nicht zu hören, sein Blick war starr auf den Koffer gerichtet.
Gerade als sich der zweite Mann gesetzt hatte, wurde es erneut dunkel im Raum. Dieses mal jedoch länger. Erst als die Apparatur die letzte Tür geöffnet und wieder verschlossen hatte, um den Dritten hineinzulassen, strahlte das blaue Licht ein weiteres Mal auf.
Der Letzte war weit älter als die anderen beiden. Er trug ein viktorianisches Jackett in burgunder kombiniert mit schwarzem Kragen, dazu eine graue Hose.
Er schritt langsam zum letzten verbleibenden Sessel, nahm Platz und begann mit kratziger Stimme zu reden.
<<Meine Herren, hiermit erkläre ich diese Zusammenkunft für eröffnet. Ich freue mich, euch mitteilen zu können, dass unsere langjährigen Vorbereitungen nun endlich abgeschlossen sind.>>
Er ergriff das Buch und blätterte eine scheinbar zufällige Seite auf, während die beiden anderen Männer schwiegen und gebannt zusahen.
Der gesamte Inhalt des Buches schien nur aus Zahlen und Buchstaben zu bestehen, die keinen erdenkbar sinnvollen Zusammenhang ergaben. Der Mann im weißen Mantel nahm das Buch nun an sich und gab vierundzwanzig der Ziffern in ein Codeschloss am Koffer ein, der sich daraufhin öffnete. Anschließend legte er diesen in die Mitte des Tisches.
Im Inneren befanden sich drei große Glaskugeln in schmiedeeisernen Halterungen, die mit Kupferdrähten verbunden waren und im Deckel des Koffers war recht neumodisch ein Bildschirm integriert. Genau gleichzeitig berührten die drei Männer jetzt je eine Kugel im Koffer, die daraufhin langsam anfingen, im gleichen dunklen Blauton wie die Kerze ihn aktuell angenommen hatte, zu glühen. Sie wussten genau was zu tun war. Einen kurzen Moment später wurde ein Text auf dem Bildschirm sichtbar und die Drei zogen ihre Hände zurück.
<<Meine Herren, wir haben es geschafft. Unsere Arbeit trägt nun endlich Früchte. Das Buch unserer Vorfahren kann erstmals nach so langer Zeit wieder entschlüsselt werden und wir werden erneut die Herren über die Zeit sein. Unsere Rache an denen, die uns in das Exil gezwungen haben, wird kommen>>, rief der alte Mann laut mit einer Stimme, die praktisch das gesamte Umfeld einfror.
Victoria
Es war ein gewöhnlicher Freitagnachmittag und alle versuchten im andauernden Gewitter möglichst schnell von der Arbeit nach Hause zu kommen. Laut den Wetterdaten in meinem Dimensiografen sollte es aber gegen sechzehn Uhr fünfundzwanzig, also in ungefähr fünf Minuten, aufhören zu regnen, weshalb ich mir keine großen Sorgen machte, noch nasser zu werden, als ich es ohnehin schon war.
Die Straße war trotz des schlechten Wetters voller Menschen, die sich durch Berlins Innenstadt schoben. Zum einen war das, denke ich, ganz gut, da mich in diesem Getümmel mit Sicherheit niemand erkennen würde, was es mir leichter machte meine Tarnung aufrecht zu erhalten. Zum anderen hätten wir aber auch einfach später losgehen können. Dann wäre es trocken gewesen und die Straßen wären nicht so überfüllt. Der Plan war aber nun einmal beschlossen und musste umgesetzt werden, obwohl ich persönlich dieses Wetter nicht als Tarnung genutzt hätte.
Unseren Ablaufplan hatte dieses Mal Evelyn ausgearbeitet. Sie war schon, seitdem wir zusammen die Ausbildung im Geheimbund der Weltenwächter begonnen hatten, meine beste Freundin, obwohl man ihre Planungsfähigkeit durchaus infrage stellen konnte.
Dinge zu organisieren gehörte definitiv nicht zu ihren Spezialgebieten.
Ihr Motto war: „Solange die Idee irgendwie funktioniert, ist alles in bester Ordnung“.
Einen umfangreichen Plan brauchte sie nicht und jegliche Versuche der letzten Jahre, ihr zu vermitteln, dass nicht immer alles gut gehen konnte, waren auch vergebens.
Bis heute hatte sie sich kaum verändert.
Gerade war sie vermutlich genau wie ich auf dem Weg zu unserem Treffpunkt, der Eisenbahnbrücke am Alexanderplatz. Vielleicht war sie auch schneller vorangekommen und wartete bereits auf mich.
Der Alexanderplatz selbst war voller Leben, als ich kurze Zeit später dort eintraf.
Beleuchtete Werbetafeln im typischen Stil der zwanziger Jahre zeigten die Namen der Geschäfte und priesen allerhand Waren an, die in den Läden verkauft wurden.
Menschen eilten von den verschiedenen Gehwegen hastig auf die entgegengesetzten Straßenseiten und schlängelten sich durch den zähfließenden Verkehr.
Zwei große Doppeldeckerbusse hielten zentral am Rand des Platzes und ließen Touristen ein- oder aussteigen, was die Fahrbahn zusätzlich verengte. Die Baustelle am Bahnhof zur Erneuerung der Bahnsteighalle war für die Verkehrslage ebenfalls nicht gerade förderlich. Einige Transporter parkten am Straßenrand, um Baumaterial zu liefern oder allerhand Altmaterial abzutransportieren.
Weiter links stand eine azurblaue Straßenbahn im Stau, da sie von zahlreichen Autos blockiert wurde.
Gerade als der Bahnhof in Sicht kam, fuhr eine Dampflokomotive mit ohrenbetäubendem Lärm aus dem großen Gebäude, in Richtung Ostbahnhof und überquerte die Brücke, in deren Richtung ich ging.
Unter dieser konnte ich jetzt auch Evelyn erkennen, die noch immer ihr amerikanisches Charlestonkleid trug, das sie heute Morgen aus ihrer riesigen Sammlung gewählt hatte. Es bestand aus schwarzem Tüll und war mit einem weißen Unterkleid kombiniert, geschmückt mit einem rosafarbenen Blumenmuster. Rein optisch passte Evelyn selbst also perfekt in diese Zeit. Das einzige, was das Gesamtbild leicht störte, war der helle Lederkoffer, in dem der Dimensiograf verbaut war. Ich selbst trug ein weißgoldenes Abendkleid und darüber einen dunkelbraunen Regenmantel, um wenigstens etwas gegen das schlechte Wetter gerüstet zu sein.
Sobald auch Evelyn mich sah, winkte sie mir zu, um auf sich aufmerksam zu machen. Wenige Momente später hatte ich sie dann schon erreicht.
<<Hallo Evelyn, hast du die Dokumente bekommen, die wir gesucht haben?>>, fragte ich.
<<Ja, hab‘ ich, Victoria. Und dank dir bin ich sogar in das Büro reingekommen ohne bemerkt zu werden. Allein hätte ich diese Typen wahrscheinlich nur schwer von der Tür wegbekommen.>>
Im Plan war ich für die drei Männer, die auf dem Flur des Regierungsbüros Wache gestanden hatten, zuständig gewesen. Ich hatte sie, einen nach dem anderen, unter verschiedenen Vorwänden von ihren Wachposten weggelockt, was den Weg für Evelyn freigemacht hatte. Sie hatte sich vom Dach aus abgeseilt und war durch das Flurfenster in das Gebäude gekommen, da das Fenster vom Büro nicht geöffnet werden konnte. Die ersten beiden Wachmänner konnte ich relativ gut loswerden, doch der letzte hatte wohl etwas von meinem Plan geahnt, weil die anderen Wachen weg waren. Nachdem ich mich weigerte, ihm zu folgen und seinem Vorgesetzten zu erklären, was genau ich hier tat, zog er sogar eine belgische FN Browning Modell 1922 um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen.
Bevor er jedoch überhaupt in Versuchung kommen konnte, auf mich zu zielen, war ich im Moment seiner Unaufmerksamkeit um die Ecke und im Treppenhaus verschwunden.
Doch auch ohne meine gute Ausbildung hätte er mir nichts anhaben können. Jeder Mensch mit Verstand hätte diese Gelegenheit genutzt und wäre dem Konflikt entgangen.
Evelyn erklärte ich nun kurz und knapp, was ich getan hatte, um die Wachen abzulenken und sie schilderte mir im Gegenzug, dass sie die Dokumente nach kurzer Suche in einem Aktenschrank des Büros gefunden und sie diese im Koffer vom Dimensiografen verstaut hatte. Alles in allem hätte der Plan also noch deutlich mehr Planungsarbeit vertragen können, aber bis auf ein offenes Fenster, einer verwirrten Wache, die vermutlich noch immer nach mir suchte, und einer Abseilausrüstung auf dem Dach hatten wir keine Spuren hinterlassen, womit der erste Teil dieser Mission offiziell beendet war.
Passend zum Ende des Einsatzes hörte es auch auf zu regnen und wir gingen in Richtung der Spree. Hier lag in einem Reihenhaus mit großem Innenhof das deutsche Büro des Geheimbunds der Weltenwächter. Wir wollten über Nacht hierbleiben, um morgen früh ausgeruht den Sprung nach Hyperia, der Stadt der Zeit, zu machen. Unsere Energiespeicher mussten sich zudem noch aufladen, da die Reise nach Berlin viel Energie aufgebraucht hatte.
Als wir im ersten Stockwerk angekommen waren und wir beide unsere Zimmer für die Nacht bezogen hatten, trafen wir uns im großen Saal des Hauses, wo der Verwalter des Büros, Valentin Goldstein, bereits Getränke serviert hatte, da wir zu diesem Zeitpunkt die einzigen Agenten hier waren. Er war sichtlich erfreut, da er nun endlich etwas zu tun hatte.
<<Dann zeig mal, wofür wir uns heute die ganze Arbeit gemacht haben>>, forderte ich Evelyn auf, nachdem wir uns hingesetzt hatten. Sie zog daraufhin die Dokumente aus dem Koffer des Dimensiografen und legte sie zwischen uns auf den Tisch.
<<Ich habe im Regierungsbüro schon mal nachgesehen und es ist tatsächlich eine Sammlung von Dokumenten, in denen Baupläne der Weltenwächter von Taris enthalten sind>>, sagte sie und schob die einzelnen vergilbten Seiten auseinander, was einige komplizierte Zeichnungen zutage brachte.
<<Und was sollen die hier? Damit kann zwar hier ohnehin keiner was anfangen, weil der technische Stand hier im Jahr 1925 noch viel zu niedrig ist, aber Chaos könnte das auf jeden Fall auslösen.>>
<<Das alles erklärt auf jeden Fall auch den Paraluxausschlag in Hyperia und die Reaktion der Menschen hier, die Pläne in einem geschützten Regierungsgebäude aufzubewahren.>>
<<Aber die entscheidende Frage ist, wie die Sachen hierhergekommen sind?>>, fragte ich, da ich mir wirklich den Kopf darüber zerbrach, wie solche Dokumente überhaupt in diese Zeit und diese Welt gelangen konnten.
Taris war eine der Welten, die die Menschen innerhalb der Zeit der Kolonien im fünfundzwanzigsten Jahrhundert erschlossen hatten, als die Erde durch Überbevölkerung und Ausbeutung der Rohstoffe immer ungemütlicher geworden war. Somit hatten diese Baupläne hier definitiv nichts zu suchen. Jedoch waren wir nur ein zweiköpfiges Einsatzteam ohne Historiker und mussten daher morgen in Hyperia nach Hilfe suchen.
Für heute entschieden wir aber erst einmal, uns schlafen zu legen, da inzwischen bereits die Sonne untergegangen war und wir unsere gesamte Kraft morgen für den Dimensionssprung brauchen würden. Zum Glück mussten wir nicht noch zu einem Konzentrationspunkt reisen, um unsere Energiespeicher aufzuladen, womit die gesamte Mission noch länger gedauert hätte. Die zwanziger Jahre waren zwar schön, verglichen mit anderen Zeiten und Orten, aber bei all den großartigen Dingen im Universum war es doch schon bedrückend, hier einer Mission zugeteilt zu werden, nachdem ich in meiner Ausbildung bereits zwei lange Jahre in Berlin gewesen war. Andererseits konnte aber auch kaum einer der anderen Weltenwächter behaupten, sich in den Zwanziger Jahren auf der Erde so gut auszukennen, wie ich. Daher waren Evelyn und ich sogar ohne ein größeres Einsatzteam losgeschickt worden, was mir, bis auf die Tatsache, dass wir einen Historiker gut hätten gebrauchen können, ganz recht war.
Morgen würden wir beide dann endlich, nach fast einem Monat, wieder in Hyperia sein.
Diese Stadt war nicht nur eine Hauptstadt mit allem, was man sich vorstellen konnte.
Nein, sie beinhaltete alles, was die Zeitreisenden jemals selbst erschaffen oder in den Welten gesammelt hatten und war somit jede Reise wert. Immer konnte man etwas Neues entdecken, das die kühnsten Vorstellungen um Längen überstieg. Evelyn und ich waren aber nicht auf Urlaub in meiner Heimat aus, sondern mussten die Abschlussberichte der letzten Missionen einreichen und neue Aufträge annehmen. „Immer die Arbeit an erster Stelle“, das war einer der Leitsätze von den Weltenwächtern, dessen Bedeutung mir erst so langsam richtig klar wurde. Die Abenteuer in Zeit und Raum zur Rettung von allem Existierenden belohnten aber die harte Arbeit.
Als ich für heute ein letztes Mal aus dem Fenster meines Zimmers sah, leuchteten schon einige Sterne am Nachthimmel. Der Großteil wurde aber von den Lichtern der Stadt verschluckt. Unten auf der Straße war alles ruhig. Dachte ich zumindest auf den ersten Blick. Sobald ich genauer hinsah, meinte ich, ein elektrisches Flimmern erkennen zu können. Dann war es auf einmal genau so schnell wieder verschwunden, wie es aufgetaucht war. Ich hatte es mir wohl nur eingebildet.
William
Es war gerade einmal vier Uhr Nachmittags und ich freute mich nach einem langen Tag mit einem richtig großen Haufen Papierkram auf meinen wohlverdienten Feierabend. Ich hätte in Florenz zu Abend essen können oder vielleicht ein Frühstück in einer der Hauptstädte von Saros bestellt. Wer weiß das schon? Doch leider musste ich mein heutiges Abendessen wohl verschieben, da ich von der Einsatzleitstelle der Weltenwächter den Auftrag bekommen hatte, einem Paralux-Alarm der Stufe fünf nachzugehen. Der Paralux war ein riesiges Gerät, das ungenehmigte Dimensionssprünge oder Zeitlinienänderungen angab. Einfach gesagt, war es das ultimative Kontrollwerkzeug. Selbst wenn ich nur einen privaten Zeitsprung machen würde, wüsste der Paralux, wo ich ankommen würde, bevor ich den Nullraum verlassen hatte.
Konkret bekam ich heute aber nur verschlüsselte Raumzeitkoordinaten für meinen Dimensiografen und wie so oft die Freigabe, allein zu arbeiten, da so ziemlich jedes Team, das ich bis heute leiten sollte, maßlos überfordert mit meiner Arbeitsweise gewesen war. Allein würde alles sehr viel besser funktionieren und das wusste der hohe Rat genau.
Nachdem ich in aller Eile meine Ausrüstung zusammengepackt hatte, klappte ich den Koffer meines Dimensiografen auf und tippte die Koordinaten in das brandneue Gerät ein. Sofort begann der Dimensiograf mit der Entschlüsselung und gab kurze Zeit später mein Ziel aus.
In den dunkelblauen Buchstaben erschien auf dem Display der Text: „Welt/Erde, Zeit/ 09.07.1925 02:23 Uhr, Ort/ Berlin, deutsche Außenstelle der Weltenwächter“. Mein Ziel waren also die goldenen Zwanziger. Da sollten die auf jeden Fall auch was zum Essen für mich organisieren können, sobald mein Einsatz beendet war. Meine Haare würden aber in 1925 klar auffallen, da ich sie während meinem letzten Einsatz grau gefärbt hatte, um in der Zukunft nicht allzu sehr gegen die dortige Mode zu gehen. Jetzt war die Farbe wohl nicht mehr gut geeignet, aber um etwas dagegen zu unternehmen, war meine Zeit zu begrenzt.
Nun, da ich mein Ziel genau kannte, war der eigentliche Sprung geradezu ein Kinderspiel.
Ich griff nach meiner Halskette mit dem Anhänger aus blauem Aquamarin, umschloss den Edelstein mit meiner rechten Hand und konzentrierte mich auf mein Ziel. Wie immer baute sich sofort das blaue Kraftfeld auf und Zeit und Raum wurden um mich herum auf einmal unbedeutend. Die Straße in Hyperia, auf der ich eben noch unterwegs gewesen war, verblasste und letztendlich war nur noch das Kraftfeld zu sehen. Kurz darauf baute sich um mich herum die Eingangshalle des Berliner Büros auf und erst einmal schien alles ganz normal zu sein. Als jedoch das satte Blau um mich herum verschwand, merkte ich fast sofort, was hier das Problem war. Es roch verbrannt. Flammen konnte ich zwar nicht direkt erkennen, aber der Rat hätte mich ja wohl kaum mitten in einen Großbrand geschickt.
Manchmal fragte ich mich in Momenten wie diesen, womit genau ich es verdient hatte, solche Aufträge zu bekommen. Ich meine, Feuer. Ernsthaft? Vielleicht sollte ich irgendwo ein Werbeplakat aufhängen: „William Hunt, ihre interdimensionale Feuerwehr, immer auf Abruf bereit “. Das wäre doch mal was. Auf jeden Fall konnte der Rat sich auf etwas gefasst machen, wenn es nur das Feuer gewesen wäre, das hier ein Problem war. Da aber der Paralux-Alarm Stufe fünf gehabt hatte, musste hier noch etwas anderes los sein. Was das genau war, würde ich bald herausfinden.
Sobald das Kraftfeld ganz verblasst war und ich damit den Nullraum komplett verlassen hatte, machte ich mich auf den Weg nach oben zum Dach, um mir erst einmal einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Den Koffer mit dem Dimensiografen legte ich vorher am Empfangstresen ab, damit er mich nicht störte.
Das Gebäude war weitläufig gebaut worden und schien somit zu dieser Uhrzeit noch verlassener als es ohnehin schon war. Auch als ich meinen Weg über die schwere Marmortreppe bis hinauf in den dritten Stock gefunden hatte, war noch niemand zu sehen, aber ab der zweiten Etage brannte das Haus lichterloh. Zum Glück hatte ich meinen Militäranzug aus dem siebenunddreißigsten Jahrhundert angezogen, da dieser mir erlaubte, direkt durch das Feuer zu laufen und dabei leicht, wie eine Feder, war.
Damals hatte ich ihn auf einer Rettungsmission gefunden und seitdem hatte er mir gute Dienste geleistet. Eigentlich war er ja für Pioniere auf einem Mond von Aszelsos entwickelt worden, auf dem es sehr warm war, aber hier war er gerade auch gut zu gebrauchen.
Dennoch würde das Gebäude selbst für mich unter diesen Umständen wahrscheinlich nur noch einige Minuten begehbar sein. Bis dahin sollte ich also am besten von hier weg und herausgefunden haben, was das Problem war. Es sei denn der Rat hatte mich wirklich nur wegen des Feuers hergeschickt. Aber das konnte doch nicht sein!
Immer weiter stieg ich die Stufen hinauf und dabei zeigten sich mir die Schäden, die das Feuer anrichtete. Das Treppengeländer war verkohlt und die Gemälde an den Wänden sahen nicht besser aus.
Als ich auf der Höhe der fünften Etage angekommen war, loderten die Flammen mit solcher Intensität, dass ich kaum die Augen offen halten konnte. Dann war es geschafft. Das Dach lag frei zugänglich hinter einer offenen Stahltür vor mir.
Blieb nur die Frage, warum die Tür bereits offen auf mich wartete. Eine Möglichkeit wäre, dass die anwesenden Weltenwächter über das Dach geflohen waren. Viel wahrscheinlicher war aber, dass nicht jemand nach draußen gegangen, sondern in das Gebäude hinein gekommen war. Warum sollte ein Agent über das Dach fliehen wollen, wenn er einfach in Raum und Zeit springen konnte, wie er wollte? Andererseits, was könnte jemand hier suchen? Das Berliner Büro war normalerweise in den Zwanzigern nicht oft besucht und meiner Meinung nach auch viel zu groß und auffällig. Ich war im gesamten Haus auch noch niemandem begegnet, wobei das um halb drei Uhr nachts sicherlich kein großes Wunder war.
Vom Dach selbst hatte man eine großartige Aussicht auf die Spree und einige Häuser auf der anderen Uferseite. Die umliegenden Straßen waren jedoch, genau wie das Gebäude wie ausgestorben. Nur das Rauschen des Wassers war zu hören. Dann war es still und für einen Moment war es, als würde die Zeit selbst, wie im Nullraum, stehen geblieben sein.
Und das konnte nur eins heißen: Victoria hatte soeben einen Sprung gemacht und war unkonzentriert gewesen. An sich war das nichts Schlimmes, da dann nur die Zeit im Nullraum länger dauerte und man dort wie ein Gefangener in seinem eigenen Körper vergangene Lebensabschnitte noch einmal erlebte, ohne steuern zu können, was man tut.
So spontan gesagt, hörte sich das wohl gefährlicher an als es eigentlich war, da die einzige Gefahr im Nullraum jene war, stecken zu bleiben, wenn man nicht genau weiß, wo man hinwollte. Das Springen mussten aber alle Agenten ausgiebig in ihrer Ausbildung lernen, womit es fast unmöglich war, als vollwertiger Agent im Nullraum stecken zu bleiben.
Die Sache mit Victoria war zudem komplizierter. Ihr Energiespeicher war genau wie meiner ein Aquamarin und bis auf die Farben waren sie identisch. Mein Stein war blau und ihrer grün. Auf irgendeine Art und Weise waren die beiden Edelsteine miteinander verbunden, was zwar in Situationen wie gerade zu Problemen führen konnte, aber auch praktischen Nutzen hatte, da wir die Verbindung schon in einigen Trainingseinsätzen dazu genutzt hatten, uns gegenseitig zu finden. Da die Verbindung selbst über die Grenzen von Zeit und Raum reichte, musste man nur die andere Person als Ziel wählen und schon war man da. Über den normalen Weg, durch den Paralux, herauszufinden, wo ein anderer Agent war, war viel komplizierter und in unseren Fall zum Glück nicht notwendig.
Einen Augenblick, nachdem ich die Stille wahrgenommen hatte, war es soweit. Mit einer ungeheuren Wucht wurde ich nach hinten geworfen und schlug auf dem Boden auf. Der thermoflexible Anzug verhinderte zum Glück größeren Schaden und ich kam sofort wieder auf die Beine. Vor mir erschien zeitgleich ein hellgrünes Kraftfeld und Victoria wurde ihrerseits ebenfalls durch den Zusammenprall des Kraftfeldes mit mir nach hinten geworfen. Ihr dürfte das aber nichts ausgemacht haben, da sie noch teilweise im Nullraum war.
Langsam bewegte ich mich in Victorias Richtung, um zu sehen, ob ihr durch den Aufprall vielleicht doch etwas passiert war. Beim ersten Mal, als wir die Verbindung der Steine bemerkt hatten und keiner von uns vorbereitet war, hatten wir uns jeweils einige Knochen gebrochen, was für uns einen mehrtägigen Krankenhausaufenthalt in Hyperia bedeutet hatte.
Allem Anschein nach war aber alles noch einmal gutgegangen und Victoria war nichts passiert. Mal abgesehen von der Desorientierung nach zu langer Zeit im Nullraum und ihren roten Haaren, die noch wie statisch aufgeladen waren.
Nachdem das Kraftfeld komplett verschwunden war, näherte ich mich weiter und streckte meine Hand aus, um ihr aufzuhelfen.
<<Hallo Victoria, komm, ich helfe dir.>> Sie reagierte erst nicht, griff dann aber doch nach meiner Hand.
<<Danke William. Wo und wann sind wir?>>
<<Berlin 1925>>, antwortete ich und stellte gleich die Gegenfrage. <<Von wo und wann kommst du?>>
<<Auch Berlin 1925, ich habe mich scheinbar nur im Raum bewegt. Das Büro brennt und ich wollte zu Evelyn springen, um sie zu warnen.>>
<<Ich weiß, wir sind auf dem Dach, aber was macht ihr eigentlich hier?>>
<<Ist doch egal, wir müssen Evelyn schnell da rausholen. Los!>>
Damit hatte sie Recht. Vom Rumstehen kamen wir hier nicht weiter und den Rest konnten wir später klären. Wenigstens wusste ich nun, warum ich hier war. Victoria und Evelyn hatten das Feuer wohl zu spät bemerkt und es könnten auch noch andere Agenten im Haus sein, die Hilfe brauchten. So langsam wurde es doch noch interessant. Also musste ein Plan her. Erstens, Victoria in Sicherheit bringen, zweitens Evelyn suchen, drittens Abendessen. Soweit alles kein Problem.
<<Ich bringe dich am besten erst mal runter in die Eingangshalle, da dürfte es noch sicher sein. Wer ist sonst noch alles im Gebäude?>>
<<Der Verwalter und wir sind die einzigen hier. Aber dass du mich nach unten bringst, kommt gar nicht infrage. Nur weil mein Stein eben mal wieder seine Position geändert hat, heißt das nicht, dass ich nicht helfen kann. Zu zweit sind wir schneller.>>
Auch in diesem Punkt hatte Victoria eigentlich Recht, da sie aber eben komplett abwesend und klar desorientiert war, hielt ich es für sicherer, sie, trotz ihres Widerstands, vom Dach runter zu bringen. Dazu legte ich meine rechte Hand auf ihre Schulter, konzentrierte mich auf mein Ziel und das Kraftfeld baute sich um uns auf, um fast sofort wieder zu verschwinden, da wir nur ungefähr fünfzig Meter von der Eingangshalle entfernt waren. Victoria hatte das zwar mitbekommen, aber ich war sofort wieder weg und musste mir daher erst mal keine weiteren Beschwerden anhören. Dafür würde ich später aber sicher noch etwas zu hören bekommen.
Als ich wieder im dritten Stockwerk angekommen war, bestätigte sich meine Vermutung, dass sich das Feuer immer weiter durch das Gebäude zog. Das Treppenhaus war zwar fast schon ausgebrannt, aber in den Fluren war das Flammenmeer, wie eine Art Tunnel, ein ernstzunehmendes Hindernis, obwohl ich den Anzug trug.
Die ersten beiden Räume rechts und links vom Gang müssten die der anderen Agenten sein und Evelyn sollte laut Victorias Informationen noch hier sein. Hinter der Tür links hatte ich jedoch keinen Erfolg. Der Raum war zwar leer, aber klar für die Nacht bezogen worden, da auf dem Tisch Papiere lagen und der Schrank eingeräumt war. Das war also wahrscheinlich Victorias Zimmer. Also musste Evelyn entweder in dem anderen Raum sein oder ich war aufgeschmissen.
Als ich jedoch gerade zurück auf dem Flur war und die Tür zu Victorias Zimmer geschlossen hatte, passierte etwas Unerwartetes. Die Tür vom Raum schräg gegenüber schlug auf und eine komplett in Schwarz gekleidete Person rannte in Richtung des noch immer brennenden Gangs davon. Eigentlich sollte ich laut meiner Ausbildung in solch einer Situation hinterherlaufen, aber ich hatte Evelyn noch nicht gefunden und die Verfolgungsjagd würde auch später noch Zeit haben. Also bewegte ich mich schnell in die Richtung der nun geöffneten Tür.
In diesem Zimmer herrschte eine Unordnung, wie ich sie nur selten gesehen hatte. Überall lagen verstreut Kleidungsstücke herum. Dazwischen waren immer wieder Zettel verteilt und in der Mitte von all dem Chaos stand Evelyn, die verzweifelt nach etwas zu suchen schien und mich im ersten Moment gar nicht einmal bemerkte.
<<Evelyn, du musst hier raus!>>, rief ich und bahnte mir einen Weg durch die am Boden liegenden Gegenstände, um den Koffer zu erreichen, der neben dem Bett stand.
<<Und vergiss den Dimensiografen nicht!>>
<<William? Ich dachte schon, der Typ von eben wäre nochmal zurückgekommen. Ich glaube er hat wichtige Dokumente mitgehen lassen. Ich suche aber noch nach ihnen.
In der Unordnung, die er hier zurückgelassen hat, kann man ja nichts finden. Er hat meine ganzen Kleider einfach überall verteilt. Und dann das Feuer!>>
<<Darum kümmern wir uns später. Die Eingangshalle ist noch sicher und Victoria wartet da hoffentlich noch auf dich. Sie wollte, als sie den Brand bemerkt hat, zu dir springen, ist dann aber mal wieder zu mir gekommen. Sieh mal nach, ob es ihr wieder gut geht.
Holt am besten die Feuerwehr her, wenn ihr könnt. Ich halte erst einmal den Einbrecher auf und dann sehen wir weiter.>>
Scheinbar hatte sie verstanden, dass es momentan wichtigere Aufgaben gab, als irgendwelche Dokumente zu suchen, da sie auf meine Anweisung hin den Koffer entgegennahm und nach unten sprang. Die Treppe zu nehmen, wäre für sie aus bekannten Gründen noch keine gute Idee gewesen.
Ich selbst hatte nun ein neues Ziel. Den Einbrecher.
Vor circa einer Minute hatte ich dieses Zimmer betreten, also würde es reichen, dreißig Sekunden in die Vergangenheit zu reisen, um den Mann am Ende des Flurs zu überraschen. Im Normalfall war es nicht üblich auf der eigenen Zeitachse herumzuspringen, aber da ich sicher nicht noch einmal in den Raum gehen würde, in dem mein zweites Ich dann stehen würde, um mit Evelyn zu reden, konnte ich das Risiko eingehen. Der Mann in Schwarz würde sicher nicht damit rechnen.
Victoria
Die Nacht hatte letztendlich nicht so lange gedauert wie erwartet. Auch das Aufladen der Energie war hinfällig geworden, als ich wegen des Feuers zu Evelyn springen wollte. Zwar war ich letztendlich bei William gelandet, der warum auch immer hier aufgetaucht war, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass ich mit dem Sprung einen Großteil meiner neu aufgeladenen Raum-Zeit-Energie verbraucht hatte.
Nachdem William mich dann, obwohl ich ihm auch hätte helfen können, in die Eingangshalle gebracht hatte, brauchte ich noch einen kurzen Moment, um wieder komplett klar denken zu können. Der unkonzentrierte Sprung hatte mich wohl doch mehr mitgenommen, als ich zuerst angenommen hatte.
Dann ging auf einmal alles ganz schnell und in der Mitte des Raums tauchte ein orangefarbenes Kraftfeld auf. Zum Glück. Evelyn war scheinbar nichts passiert.
Einen Moment später hatte ich Gewissheit, da Evelyn wie ein Wasserfall zu reden begann und Fragen stellte.
<<Geht's dir gut, Victoria? William hat mir gesagt, dass du mal wieder auf seine Position gesprungen bist. Was ist hier eigentlich los?! Das sollte doch eigentlich eine ganz einfache Sache werden. Und jetzt das.>>
<<Mir geht's wieder gut, aber wir müssen uns beeilen. Es brennt>>, antwortete ich.
<<Was hast du denn noch so lange gemacht? Ich wollte eben nach dir sehen, dann bin ich wegen allem hier auf einmal panisch geworden und bin, wie du ja bemerkt hast, zu William gesprungen.>>
<<Wenn William nicht gekommen wäre, würde ich auch immer noch nach den Bauplänen suchen und wäre überhaupt nicht hier. Als ich nicht in meinem Zimmer war, ist da jemand eingebrochen und ich weiß nicht, ob die Pläne weg sind oder nicht. William wollte den Einbrecher auf jeden Fall verfolgen, um das zu überprüfen. Wir sollen die Feuerwehr herrufen, damit nicht noch das ganze Büro abbrennt.>>
Das war mal wieder klar. Mister Special Force wollte schon wieder allein versuchen, etwas aufzuhalten, von dem er noch keine Ahnung hatte. Wenn es so weit gekommen war, dass der Rat ihn herschickte, musste es sich schon um mehr als einen einfachen Dieb handeln, den er gerade zu stellen versuchte und das hieß eins:
Er brauchte ganz dringend meine Hilfe.
<<Ich glaube, die Sache mit der Feuerwehr bekommst du allein hin, Evelyn, ich gehe nach oben und helfe William.>>
<<Gut, aber Pass auf dich auf! Wir treffen uns draußen, wenn alles vorbei ist.>>
Das Treppenhaus, das von der Eingangshalle aus nach oben führen sollte, war hoffentlich noch nicht am Brennen. Aber selbst wenn, müsste ich nur nah genug an William herankommen, um mit meinem kleinen Rest an Energie zu ihm zu springen. Da unsere Edelsteine miteinander verbunden waren, konnte ich zu ihm, ohne genau zu wissen, wo er war. Diesmal würde ich dann hoffentlich auch neben ihm landen und nicht, so wie eben, genau auf seine Position springen. Das war zwar keine Absicht gewesen, da ich ja eigentlich zu Evelyn gewollt hatte, aber trotzdem nicht optimal, da man sich ernsthaft verletzen konnte, wenn man nicht aufpasste, wo genau man hinwollte.
Als ich das Podest zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoss erreicht hatte, erkannte ich, dass meine Hoffnung maßlos enttäuscht wurde. Das Feuer hatte sich bereits weit ausgebreitet und die Flammen stellten für mich ein unüberwindbares Hindernis dar. Die Entfernung, die ich zurückgelegt hatte, musste also reichen, um zu William zu springen. Darum umschloss ich den Edelstein mit meiner rechten Hand, konzentrierte mich auf William und mein grünes Kraftfeld baute sich auf, schluckte alle Geräusche und ließ das Treppenhaus langsam verblassen. Hätte ich jetzt nicht genug Energie, würde ich irgendwo zwischen hier und William landen. Wenn ich Pech hatte, mitten im Feuer oder in einem abgeschlossenen Zimmer.
Sobald sich nach kurzer Zeit im Nullraum wieder die Umgebung aufbaute, wusste ich erst nicht, wo ich angekommen war, da mir dieser Teil des Gebäudes nicht bekannt war. Ich befand mich aber auf jeden Fall noch in der Außenstelle und konnte gerade noch erkennen, wie William am anderen Ende des Flurs nach rechts in einen anderen Gang abbog. Es war also für den heutigen Tag noch einmal alles gut gegangen. Hoffentlich blieb das auch so.
Für mich hieß das aber erst mal, William einzuholen, bevor er wieder weg war und ich keine Ahnung mehr hatte, wo er hingelaufen war.
Nach einem kurzen Sprint war auch ich an der Kreuzung und hatte wieder Sichtkontakt zu William. Jetzt konnte ich aber zusätzlich noch den Einbrecher ausmachen, der am Ende dieses Gangs, welcher eine Sackgasse war, versuchte, das Fenster zu öffnen, um zu entkommen. Viel Zeit hatte er dafür aber nicht mehr, da William schon fast bei ihm angekommen war und er gleich nicht mehr weglaufen konnte. Jetzt war es soweit. William erreichte die Person, blieb aber auf Abstand und brüllte laut:
<<Hände hoch und Maske abnehmen! Hier kommst du nicht weiter.>>
Ich war noch circa dreißig Meter von den beiden entfernt, als der Mann plötzlich in der Bewegung seiner Hände einen kleinen schwarzen Gegenstand fallen ließ, der seltsam glänzte und mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden aufprallte. William wiederholte daraufhin seinen Befehl:
<<Hände hoch>>. Zu mehr kam er nicht, da der schwarze Gegenstand auf einmal eine Art Gas ausstieß und den gesamten Flur vernebelte. Solche Technik sollte es in dieser Zeit nicht geben. Das bedeutete, der Mann war mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ein Genträger und konnte genau wie wir in Zeit und Raum reisen, was eine Verfolgung stark erschwerte. Zum Glück musste William nicht allein hinter ihm her.
Der Nebel verlangsamte mich zwar genau wie William, aber trotzdem war ich relativ schnell an der Stelle angekommen, wo die beiden bis eben noch gestanden hatten.
Jetzt war das Fenster aber offen und der Mann war weg. William stand am Fenster.
<<Wo ist er hin?>>, fragte ich.
<<Ich weiß es nicht. Als der Rauch kam, war auf einmal das Fenster offen und er war weg. So schnell, wie er war, konnte ich nichts tun. Er ist aber definitiv ein Profi, das muss man ihm lassen.>>
<<Hast du noch Energie übrig? Ich habe meine Letzte verbraucht, um zu dir zu kommen.>>
<<Ja habe ich, aber solltest du dich nicht mit Evelyn um die Feuerwehr kümmern?>>
<<Evelyn bekommt das auch allein hin. Ich glaube, du kannst meine Hilfe besser gebrauchen als sie.>>
<<Dann mal los. Eine Minute zurück nach unten auf die Straße sollte genügen, um von draußen sehen zu können, wohin er geflohen ist.>>
Das, was William gerade plante, war ein Eigenachssprung. Der hieß so, weil wir praktisch auf unserer eigenen Zeitachse einen Zeitsprung machten und so zweimal in einer Zeit existierten. Normalerweise machte man so etwas nicht, da es Paradoxe hervorrief, die der Paralux nicht immer verarbeiten konnte. Jetzt war es aber notwendig oder wir würden nie erfahren, wer der Einbrecher war und wie er gegen uns Weltenwächter arbeiten konnte. Wäre er dem Rat unterstellt, hätten wir von ihm gewusst und es hätte für ihn auch keinen Sinn gehabt, hier einzubrechen. Warum also war er hier und wer war er überhaupt?
Die Straße war jetzt wie ausgestorben und es war kaum zu glauben, dass einige Stunden zuvor ein totales Chaos in der Berliner Innenstadt geherrscht hatte. Kleine Lachen, in denen sich das Regenwasser angesammelt hatte, erinnerten noch an das Unwetter, das sich inzwischen komplett verzogen hatte. Nach dem Sprung waren wir beide, genau wie William es vorgehabt hatte, unten auf dem Gehweg gelandet. Von hier aus hatten wir im Schein der Straßenlaternen die Außenwand des Hauses im Blick und würden den Einbrecher bei seiner Flucht beobachten können.
<<Was schlägst du vor? Wie sollen wir ihn aufhalten, wenn er auch ein Genträger ist?>>, fragte ich.
<<Wir müssen ihn auf jeden Fall irgendwie festsetzen, damit er, falls er es kann, nicht einfach einen Sprung macht und wir ihn nie wiedersehen.>>
<<Du denkst da aber gerade nicht an das Manöver in Venedig, oder?
<<Doch, genau das tue ich, Victoria. Das ist unsere beste Chance, den Typen erst einmal auszuschalten.>>
Dann hörte ich plötzlich William, wie er zum ersten Mal den Einbrecher aufforderte, die Hände hochzunehmen. Es war also fast soweit. Wir näherten uns nun der Hauswand und über uns regnete explosionsartig das Glas der Scheibe nieder, die der Mann oben zerschlagen hatte, was auch Williams zweiten Befehl von seiner oben stehenden Version übertönte. Zudem wurde uns nun klar, wie er so schnell verschwinden konnte. Genau wie es Evelyn gestern getan hatte, seilte der Mann sich rückwärts ab. William und ich traten noch weiter an die Wand heran, damit er uns nicht sehen konnte und er von hinten erreichbar war. Die Einlassung in der Mauer für einige Fenster kam uns da gerade recht. Von oben aus gesehen waren wir so fast unsichtbar.
Einige Sekunden später erreichte der Mann mit einem leisen Geräusch seiner Schuhe, die auf den Boden trafen, den Gehweg, und schaute nach oben, um sein Seil einzuholen. Uns bemerkte er nicht einmal. William gab daraufhin ein Handzeichen, wir berührten den Einbrecher und begannen mit den Raumsprüngen. Ich einen Meter nach links, William einen nach rechts. Für diese fast schon lächerliche Distanz hatten wir beide noch genug Energie und der eigentliche Sprung war auch nicht das Ziel. Vielmehr war die Folge für den Mann interessant. Normalerweise konnte man andere Personen mitnehmen, indem man sie berührte, wenn man einen Sprung machte. William hatte das heute ja auch schon zweimal getan, weil meine Energiereserven ausgeschöpft waren. Durch die besondere Verbindung unserer Speicherkristalle setzten sie aber in diesem Fall nicht das stärkere Ziel als Gesamtziel fest, sondern jeder von uns sprang unabhängig an sein Ziel, obwohl wir alle drei miteinander verbunden waren.
Der Einbrecher wurde somit dauerhaft zwischen uns beiden hin und hergerissen, was dazu führte, dass sein Geist im Nullraum verblieb und sein Körper bewusstlos wurde, da er nicht verschwinden und sich an der neuen Position materialisieren konnte, bevor sein Ziel festgelegt war.
Vor vier Jahren hatten wir beide diese Taktik auf dem Manöver in Venedig entwickelt, bis heute aber noch nicht ernsthaft einsetzten müssen.
Letztendlich brach der Einbrecher sofort in sich zusammen und wir beide änderten fast ohne Verzögerung unsere Position.
<<Es hat funktioniert. Es hat wirklich funktioniert!>>, rief ich freudig. Es kam nämlich nicht oft vor, dass diese Taktik beim ersten Versuch gelang. Damals hatten wir über zehn Anläufe gebraucht.
William näherte sich nun dem Mann und zog ihm die Maske vom Gesicht.
<<Braune Haare, ich denke grob unser Alter, aber ich erkenne ihn nicht wieder. Er ist definitiv kein Weltenwächter. Genau wie ich gedacht habe.>>
<<Aber wer kann es dann sein? Irgendwoher muss er die Technik haben, die er gegen uns eingesetzt hat.>>
<<Ich denke, das finden wir heraus, wenn wir ihn nach Hyperia bringen. Evelyn und du schließt euch mir doch sicher an, um ihn bei den Gerichten abzuliefern. Schließlich wäre ich alleine immer noch hinter ihm her.>>
Ich sagte zu, da wir ohnehin nach Hyperia wollten und es sicher keine Nachteile haben würde, William zu begleiten. Außerdem hatte es schon immer Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten. In letzter Zeit, nachdem wir mit unserer Ausbildung fertig gewesen waren, hatten wir uns gezwungenermaßen immer mehr auseinandergelebt, aber heute war es wieder gewesen wie in den guten alten Zeiten.
<<Sind das die Dokumente, die Evelyn gesucht hat, als er oben in ihrem Zimmer war?>>, fragte William plötzlich und hob den grauen Umschlag in die Luft, in dem die Zeichnungen und Baupläne lagen, die Evelyn und ich uns gestern Abend angesehen hatten.
<<Ja das sind sie, wo hatte er die denn versteckt?>>
<<Sie waren in seinem Mantel, da hatte er vermutlich auch das Seil.>>
Er übergab mir die Pläne, hob scheinbar mühelos den bewusstlosen Mann vom Boden auf und legte ihn über seine Schulter.
<<Komm mit, wir bringen ihn erst einmal nach drinnen, sehen was Evelyn so geschafft hat und fahren dann zum Konzentrationspunkt. Um bis nach Hyperia zu kommen reicht meine Energie jetzt auch nicht mehr.>>
Dann drehte er sich um und schlenderte in Richtung des Innenhofes davon.
Als wir in der Eingangshalle angekommen waren, erkannte man sofort, dass Evelyn ganze Arbeit geleistet hatte. Zwar hatte sie nicht die Feuerwehr hergerufen, dafür hatte sie aber mit dem Dimensiografen Hilfe bei den anderen Weltenwächtern geholt, die jetzt die Zeitlinie veränderten und den Brand rückgängig machten. In wenigen Stunden würde es hier wieder wie immer aussehen. Der Verwalter Valentin Goldstein und Evelyn standen noch vor dem Gerät und gaben ihren aktuellen Stand an die Leitstelle weiter. Kurz tauschten wir vier uns über die Ereignisse der letzten Minuten aus und schließlich packten William, Evelyn und ich unsere Sachen zusammen, um letztendlich doch zu einem Konzentrationspunkt zu reisen.
William
Der Mercedes Benz glitt fast geräuschlos durch Berlins Innenstadt. Es war ein Prototyp des Modells S, das der Öffentlichkeit eigentlich erst nächstes Jahr vorgestellt werden würde.
Diese Ausfertigung hatte einen Sechszylindermotor mit Root Gebläse und somit 180 PS. Goldstein hatte jedoch in seiner Freizeit, von der er hier scheinbar viel zu viel hatte, dafür gesorgt, dass es nahezu das perfekte Fahrzeug für die Zwanziger Jahre war. Die Karosserie und die Frontscheibe waren kugelsicher, die Lackierung des Autos konnte ihre Farbe wechseln und in der Konsole war ein Navigationssystem verbaut, dass den Weg zum nächsten Konzentrationspunkt anzeigte.
Evelyn, Victoria und ich waren gegen fünf Uhr von der Berliner Außenstelle aufgebrochen und nun hatten wir nur noch einige Kilometer zu fahren, bis wir Spandau erreichten.
Ich fuhr mit dem Mercedes voraus, in welchem neben mir der bewusstlose Einbrecher lag. Victoria folgte mit Evelyn in einem zweiten Fahrzeug, einem Audi Typ C, der ähnlich aufgerüstet war, wie der Mercedes, den ich fuhr.
Unser Ziel war der Konzentrationspunkt nahe der Zitadelle in Spandau, von welchem aus wir dann endlich nach Hyperia reisen konnten. Diese sogenannten Konzentrationspunkte konnte man sich als eine Art Tankstelle vorstellen, da in ihrer Nähe die Energie in unseren Speichern sehr viel schneller aufladen konnte, als sie es normalerweise tat. Die Erde gehörte zusätzlich noch zu den Welten, in denen es am längsten dauerte, Energie aufzuladen, womit wir ohne einen solchen Punkt für einen so großen Sprung, wie den nach Hyperia, tagelang hätten warten müssen.
Zum Glück war dieser Konzentrationspunkt nur ungefähr fünfzehn Kilometer von der Berliner Außenstelle entfernt und wir mussten nicht, wie ich einmal in Persien, sechshundert Kilometer weit zu Fuß gehen, um von diesem Planeten wegzukommen. Damals war ich fast drei Wochen lang unterwegs gewesen, obwohl ich, immer wenn ich konnte, kleine Sprünge in Richtung des Punktes gemacht hatte. Der Sand der sich bei diesem Einsatz in meinem Dimensiografen angesammelt hatte und ihn letztendlich unbrauchbar gemacht hatte, um Hilfe zu rufen, fand sich auch heute noch in Teilen meiner Ausrüstung. Als hätten die damals nichts anderes als Sand gehabt!
Inzwischen hatten wir Spandau erreicht und ich steuerte in Richtung der Havelbrücke. Hier hatte ich mit Goldstein vereinbart, die Autos abzustellen. Wie man es für diese unmenschliche Uhrzeit erwarten konnte, war noch nicht viel los. Hin und wieder sah man zwar einzelne Personen, die in der Frühe schon zu ihren Arbeitsplätzen unterwegs waren. Sonst war aber noch alles ganz still, obwohl es inzwischen bereits fast halb sechs Uhr morgens war.
Ich war jetzt schon seit über dreißig Stunden wach und sollte so langsam auch mal schlafen, aber erstmal mussten wir nach Hyperia reisen und dort den Einbrecher abliefern, der noch immer unverändert neben mir auf dem Beifahrersitz lag. Da ich mir aber jetzt sogar schon einbildete, verfolgt zu werden, sollte ich wirklich so langsam darüber nachdenken, etwas gegen die Müdigkeit zu tun.
Auf der linken Straßenseite tauchte nun das kleine Waldstück auf, das auf einer Art Damm die innere Insel der Zitadelle umgab. Langsam fuhr ich mit dem Mercedes über die schmale Brücke, die die äußere Insel mit dem Festland verband und parkte auf der anderen Seite hinter einer Baumgruppe abseits der Straße. Bis zur eigentlichen Zitadelle mussten wir nicht, da der Konzentrationspunkt einige hundert Meter weiter entfernt auf der äußeren Insel lag. Zum Glück waren wir aber in dieser Zeit hier und nicht einige Jahrhunderte zuvor, wo der Punkt noch im Wasser lag. Auf eine Runde Schwimmen hatte ich heute und vor allem um diese Uhrzeit keine Lust mehr.
Als ich ausgestiegen war und die Tür des Wagens mit einem leisen Klicken ins Schloss fiel, kam neben mir der Audi zum Stehen und Evelyn fing an, mir etwas zuzuflüstern:
<<William, nicht umdrehen, wir werden verfolgt. Mindestens drei oder vier Fahrzeuge.>>
Also hatte ich doch Recht gehabt und meine Vorahnung war nicht nur eine Einbildung gewesen.
<<Dann mal los. So langsam gehen die mir so richtig auf die Nerven. Wir sollten jetzt wirklich mal rausfinden, wer so großes Interesse an eurem Ordner hat, dass sie erst den maskierten Mann schicken und jetzt mit so einem Großaufgebot hinter uns her sind>>, antwortete ich ebenfalls leise.
<<Und was genau hast du vor, wenn ich mal fragen darf? >>, fragte Victoria. <<Wenn die genau so drauf sind wie dein Freund da auf dem Beifahrersitz, haben wir ein großes Problem. Der eine war ja schon nicht gerade einfach zu fangen.>>
<<Ich denke wir sollten zusehen, dass wir zum Konzentrationspunkt kommen. Dann müssen wir noch möglichst viel aus ihnen herausbekommen und bevor die sich versehen können, sind wir weg.>>
<<Gute Idee William>>, antwortete nun wieder Evelyn. <<Dann mal zurück in die Autos und los bevor die hier ankommen.>>
Das war gerade noch zur rechten Zeit, denn als wir wieder losfuhren, schoss das erste Fahrzeug über die Brücke und jagte mit quietschenden Reifen um die Ecke. Die Lackierung des Wagens, den ich im Übrigen keinem Hersteller zuordnen konnte, war genau wie das Outfit des Einbrechers schwarz. Auf der Motorhaube und an den Seiten waren jedoch seltsame Muster in einem dunklen Rot zu erkennen, die ich noch nie gesehen hatte. Sicher war jetzt aber auf jeden Fall, dass sie uns nicht friedlich gesinnt waren, da einige Sekunden später das Feuer auf uns eröffnet wurde. Zum Glück waren der Audi und der Mercedes kugelsicher. So leicht wollten wir es ihnen aber dann doch nicht machen, weshalb ich nun Victoria, die diesmal vor mir fuhr, zurief, dass sie den kleinen grünen Hebel am Armaturenbrett umlegen sollte, woraufhin das Faltdach des Audis automatisch ausfuhr und die Umgebungstarnung des Autos aktiviert wurde.
Durch dieses Verfahren wurde das Fahrzeug praktisch unsichtbar, da die Sonderlackierung dauerhaft die Farben an das Umfeld anpasste. Ich tat genau dasselbe bei meinem Auto und unsere Verfolger stellten wie erwartet das Feuer ein. Mit viel Glück würde das auch so bleiben.
Der Weg wurde immer schlechter, da er eigentlich auch nur für Fußgänger gedacht war. Die Stoßdämpfer steckten die Unebenheiten aber noch gut weg. Vor uns gab es, nach einer starken Rechtskurve, jetzt jedoch ein Problem. Eine Schranke versperrte den Weg. Einen kurzen Augenblick dachte ich nach, um eine Lösung zu finden, Victoria nahm mir aber die Entscheidung ab, indem sie mit Vollgas durch das Hindernis brach. Das hatten scheinbar auch unsere Verfolger mitbekommen, da sie plötzlich wieder aus allen Rohren auf uns schossen. Sie wussten zwar noch immer nicht, wo wir genau waren, die zerstörte Schranke hätte aber auch ein Blinder durch den lauten Knall, der beim Aufprall entstanden war, bemerkt. Außen herum zu fahren wäre aber aufgrund der Bäume nicht möglich gewesen, womit Victorias Lösung noch die Beste zu sein schien.
Jetzt, wo sogar der Fußweg nicht viel mehr als ein Feldweg war, wurde es richtig ungemütlich. Hinter uns schoss man noch immer auf uns und vor uns versperrten Bäume den Weg. Wir mussten die Fahrzeuge also gleich zurücklassen. Victoria hatte das wohl auch schon bemerkt und blieb am Ende des befahrbaren Weges abrupt stehen. Das erste schwarze Auto war schätzungsweise nur noch einhundert Meter hinter uns. Wir mussten uns also beeilen, wenn wir außerhalb ihrer Schusslinie gelangen wollten, bevor sie hier waren.
<<Los William, wir müssen weiter>>, rief Victoria, als ich mit einer Notbremsung hinter dem nach wie vor unsichtbarem Audi zum Stehen kam.
<<Ich lasse den Mann aber nicht hier. Das könnt ihr vergessen! Wer auch immer die sind, sie dürfen ihn nicht bekommen, genau wie euren Ordner. Wir nehmen alles mit.>>
Noch in meinem Satz eilte ich um das Auto herum, öffnete die Tür und hob den Einbrecher auf meine Schultern.
<<Los jetzt, auf zum Konzentrationspunkt.>> Ohne mich ein weiteres Mal nach hinten umzusehen, lief ich in Richtung Osten davon, Evelyn und Victoria folgten mir. Zu meiner Überraschung hatten wir noch genug Zeit gehabt, um unseren kleinen Vorsprung aufrecht zu erhalten. Nach einigen weiteren Metern konnte jedoch niemand von uns mehr sagen, ob unsere Verfolger noch hinter uns waren oder nicht. Jedenfalls spürte ich schon die Energie, die, je näher wir dem Konzentrationspunkt kamen, immer mehr anstieg. Weit waren wir dementsprechend nicht mehr entfernt, was mich freute, da ich dann gleich dieses Schwergewicht auf meinem Rücken ablegen konnte. Dann waren wir da. Eine fast kreisrunde Lichtung machte klar, dass wir am Punkt angekommen waren.
<<Was hast du jetzt geplant William? Die sind doch direkt hinter uns>>, fragte Victoria energisch.
