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Bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr war Alexis blind. Mit der Rückkehr ihrer Sehkraft schwinden aber auch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten. Seltsame Erinnerungen schleichen sich immer wieder in ihren Geist. Wahrheit? Einbildung? Alexis verliert nach und nach ihre eigene Identität: Wer ist sie wirklich? Mit dem Verschwinden ihrer Freundin beginnt eine Kettenreaktion, die nicht nur Alexis in die Parallelwelt Kaltru zwingt. Was sie dort erfährt, stellt die junge Frau vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Nur eine kann die drohende Zerstörung zweier Welten aufhalten. Wird die Weltenwanderin die Menschheit retten können?
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Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Liara Frye
Die Weltenwanderin
Kaltru
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Liara Frye
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Über die Autorin
Danksagung
Impressum neobooks
I M P R E S S U M
»Die Weltenwanderin – Kaltru« von Liara Frye
Copyright ©
Vervielfältigung und Verbreitung (auch in Ausschnitten) ist ausdrücklich untersagt. Missachtung wird geahndet.
Coverzeichnung: Arndt Drechsler
Coverdesign: The Magical Bookcover Shop
Herausgeberin: Liara Frye
Lektorat: Isa Theobald
Alexis
»Das ist unmöglich!«
Die Stimme des Arztes klang entrüstet, mehr noch, verzweifelt. Anscheinend konnte er nicht erklären, was da geschehen war. Er konnte sie nicht erklären. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass von einem Tag auf den anderen ein Wunder geschehen könnte, dass Alexis von ihrer Blindheit geheilt sein würde. Doch mit ihr saß vor diesem Arzt der lebende Beweis.
Alexis ließ ihre Beine baumeln, während ihre Augen die Umgebung fixierten und sich erneut auf die neuen Reize einstellten. Sie hatte auf dem Patientenstuhl Platz genommen und wartete jetzt auf ihre Entlassung.
Natürlich erwartete sie nicht, dass er es verstehen würde. Sie verstand es ja auch nicht, aber im Gegensatz zu ihm ließ sie das Ereignis fast kalt. Sie brauchte die Sehkraft nicht, hatte sie nie gebraucht. Wie auch, wenn sie die Magie in allem spüren konnte? Wenn sie … Aber die Stimme des Arztes durchbrach ihre Gedanken.
»Und Sie haben absolut nichts gemacht? Haben Sie etwas Anderes gegessen oder wurden geimpft oder …«
Alexis unterdrückte ein Augenverdrehen. Nun versuchte er schon, Erklärungen zu finden. Doch es gab keine und danach zu suchen hatte keinen Zweck.
»Ich möchte nun gerne gehen«, unterbrach Alexis das Geschwafel des Mannes im weißen Kittel, der mittlerweile in irgendwelchen Verschwörungstheorien gelandet war.
Sie musste nicht zu ihm schauen, um zu wissen, dass der Mann nun eben den Mund aufgerissen hatte und sie zerstreut hinausschickte. Sie konnte seine Gefühle spüren. Die Verwirrung und Fassungslosigkeit des Arztes drangen mit aller Kraft zu ihr vor, doch es gelang ihr, sie mit viel Konzentration von sich weg zu schieben. Noch während sie die Tür öffnete und dadurch physischen Abstand gewann, atmete sie erleichtert auf. Jetzt konnte sie ein wenig Mitgefühl für ihn aufbringen. Jetzt, da seine Gefühle nicht mehr greifbar für sie waren. Schließlich waren gerade all seine Glaubenssätze durcheinandergeworfen worden.
Draußen wartete Tante Claudia vor der Tür. Sie führte ein pinkes Handtäschchen mit sich, das sie stets auf- und zuknipste, wenn sie nervös war. So auch jetzt. Alexis konnte Claudias Unruhe mit jeder Faser ihres Körpers spüren und wappnete sich innerlich dagegen. So, wie sie es beim Arzt getan hatte.
»Und, was hat er gesagt?« Tante Claudia strich ihren grauen Rock glatt, obwohl niemand in der Nähe war, der ihr Aussehen hätte bewundern können. »Hat er gesagt, was ich dachte? Du warst nie blind und hast schon immer gelogen?«
Das Blut schoss Alexis ins Gesicht, als heiße Wut in ihr hochkochte. Wie so oft war sie froh, dass Claudia nur ihre Tante war. Es hätte schlimmer kommen können. Sie konnte die Frau nicht ausstehen.
»Ich habe nie gelogen«, erwiderte Alexis und war erstaunt über ihre Stimme, die so ruhig und gefasst klang.
»Jaja, streite es nur ab, streite es nur ab.« Claudia knipste ihre Handtasche wieder auf und zu, dann strich sie sich über ihre pinkfarbene Bluse. Offenbar hatte sie vor, Alexis zu berühren, denn sie streckte eine Hand nach ihr aus, der Alexis im letzten Moment ausweichen konnte.
»Aber was ist denn jetzt herausgekommen?!« Als Alexis nicht sofort antwortete, wurde ihre Stimme hysterisch. »Sag es mir, oder ich werde gleich höchstpersönlich den verehrten Doktor aufsuchen, der sowieso schon so viel um die Ohren hat und ich wette, er wird nicht sehr begeistert von einem ungehorsamen Gör sein, das sein ganzes Leben lang vor sich hin lügt, um Aufmerksamkeit …«
»Es ist nichts dabei herausgekommen! Es ist einfach so, wie es ist, okay?« Wütend schlug Alexis den Weg zum Ausgang ein, um diese Frau nicht mehr sehen zu müssen. »Er hat keine Erklärung dafür und ich habe auch keine. Und statt sich wie ein normaler Mensch darüber zu freuen, dass ich nun sehen kann, wirfst du mir vor, schon immer gesehen zu haben?! Tolle Familie, echt.«
Mit einem heftigen Ruck stieß sie die Tür auf, ging ein paar schnelle Schritte und besann sich dann darauf, ruhig zu atmen. Wie Claudia sie immer in Rage bringen konnte … Doch warum regte sie sich eigentlich auf? Sie freute sich doch nicht einmal selbst darüber, dass ihre Augen funktionierten, dass sie nun das konnte, was jeder Mensch als Selbstverständlichkeit ansah. Sie besaß etwas weitaus Besseres.
Denn obwohl sie nie etwas hatte sehen können, ja, sogar die Blindenschrift anzuwenden vermochte, war ihr nie in den Sinn gekommen, von der Sehkraft zu träumen. Sie fühlte die Dinge um sich herum. Sie wusste, dass sich vor ihr eine Rose befand, noch ehe sie sie gerochen hatte. Sie konnte die Energien von Menschen und Tieren unterscheiden. Sie wusste, wann jemand log, obwohl sie keine Möglichkeit hatte, seine Körpersprache zu lesen. Und sie hatte sich immer zurechtgefunden, die ganzen letzten Jahre ihres Lebens, und nie hatte sie es bereut, anders zu sein als andere Menschen. Sie empfand sich nicht als besonders. Sie war einfach nur anders.
Irgendwann hatte Claudia sie keuchend eingeholt. Ihre Tante strich sich durch ihre zerzausten Haare, die sich normalerweise in einem sorgfältig gemachten Dutt befanden. Heute war jedoch offenbar keine Zeit gewesen für das gewöhnliche Schickmachen am Morgen. Sobald Claudia erfahren hatte, dass Alexis sehen konnte, war sie zu dem Haus gegenüber gerannt, in dem Alexis mit ihrer Mutter wohnte. Ganz durch den Wind war sie angekommen, die Handtasche hatte schief über dem Arm gebaumelt und die Augen hatte sie weit aufgerissen. Alexis würde diesen Anblick nicht mehr so leicht vergessen.
Nun schlug sie den Nachhauseweg ein und hörte die klackernden Schritte von Claudia hinter sich. Vermutlich war Alexis´ Kopf knallrot, jedenfalls sammelte sich eine ganze Menge Hitze darin.
Nach zehn ewig dauernden Minuten waren sie angekommen. Das Haus lag einladend vor ihnen und lächelte sie mit seinen roten Blumen, die auf den Fensterbänken verteilt waren, an. Ihre Mutter wartete schon auf sie und nahm Claudia in Beschlag, die ihr mit hoher Stimme verkündete, was Alexis ihr entgegengeschleudert hatte.
Alexis durchquerte den Flur, als plötzlich etwas in ihrem Augenwinkel aufblitzte und ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie drehte sich in die Richtung, aus der die Bewegung gekommen war und zuckte zurück. Ein fremdes Gesicht starrte ihr entgegen. Ihr Herz setzte aus, nur um dann in einem beängstigend raschen Tempo loszuschlagen. Da bemerkte sie, dass das Gesicht in Glas eingeschlossen schien.
Große Augen funkelten ihr fasziniert entgegen. Das linke war blau, das rechte grün. Etwas an ihnen kam ihr vertraut vor. Nicht ihr Aussehen, nein. Das, was sich hinter ihnen verbarg. Sie sah in die Augen eines Mädchens … und erkannte ihre eigene Seele, die sich darin spiegelte. Das hier musste sie selbst sein. Ihr Körper. Probeweise kniff sie ein Auge zusammen. Das Mädchen im Glas tat es ihr gleich.
Erstaunt schnappte sie nach Luft und ließ ihren Blick hastig weiter zu den Punkten gleiten, die ihre Nase und teilweise auch ihre Wangen zierten. Sommersprossen. Diesen Begriff hatte sie einst aufgeschnappt. Ungeduldig musterte sie den Rest ihres Gesichts.
Ihre Lippen waren seltsam, die eine schien dicker zu sein als die andere. Doch das störte sie nicht, im Gegenteil. Ein warmes Gefühl der Freude stieg in ihrem Bauch empor und breitete sich bis in die Fingerspitzen aus. War das wirklich ihr Abbild, das sie hier sah?
Da fiel ihr das schwarze Haar auf. Alexis nickte nachdenklich. Natürlich wusste sie, welche Farbe ihre Haare hatten, ihre Mutter erinnerte sie alle paar Wochen daran. Und auch, wenn Alexis vorher nie sehen konnte: Farben hatten ihre eigene Schwingung und diese hatte sie sofort wiedererkannt, als ihre Augen das erste Mal die leuchtenden Flächen wahrgenommen hatten. Dabei löste die Farbe Schwarz ein tiefes, aber beständiges Vibrieren aus.
Sie neigte den Kopf leicht nach vorne, um ihren Mittelscheitel besser betrachten zu können. Es zeigte sich schon der erste weiße Ansatz, der an ihren Haarwurzeln begann und sich dann ein paar Millimeter lang erstreckte.
Alexis runzelte die Stirn und eine kleine Falte zeigte sich zwischen ihren Augenbrauen.
Zwar konnte sie die Energien von anderen Menschen erkennen, doch nie war sie in der Lage gewesen, sich selbst betrachten zu können. Sie hatte nie gewusst, wie sie wirklich aussah und dass ihre Nase länger und gerader war, als sie vermutet hatte. Und ihre Haare, die eigentlich schneeweiß waren, wirkten irgendwie schwach, leblos, als würde ihnen die schwarze Farbe die Kraft rauben. Nur zu schade, dass ihre Mutter sie immer wieder färbte. Sie sagte ihr immer, dass Weiß eine ungewöhnliche Haarfarbe sei, die nur alte Menschen trugen. Die Leute würden tuscheln, irgendwelche Gerüchte verbreiten und das würde Alexis nur schaden. Also ließ Alexis die Tortur jedes Mal über sich ergehen. Sie wusste, dass ihre Mutter es nur gut meinte.
Und doch. Weiße Haare waren außergewöhnlich. Und außergewöhnlich passte zu ihr.
Maya
Die Sonne prallte auf die Menschen nieder und ließ die Gebäude große Schatten werfen. Abgase stiegen auf und sorgten für eine stickige Luft. Kein Wunder, heute war viel Verkehr. Die Menschen zog es an diesem Samstagmorgen in die Stadt wie Bienen zum Honig, und die Frauen sorgten mit den schillernden Farben ihrer Röcke und Kleider für eine willkommene Abwechslung in dem sonst so grauen Alltagsleben.
Mayas Haare wurden kräftig nach hinten gewirbelt, als sie über den Zebrastreifen lief. Sicher, im Zentrum der Stadt wehte in der Deckung der vielen Kaufhäuser nur ein zartes Lüftchen, aber hier, wo sich nur wenige Häuser und mehr Bäume fanden, blies der Wind schon etwas stärker.
Maya machte sich gerade auf den Weg nach Hause, die braune Ledertasche hatte sie über ihren rechten Arm gehängt.
Der Autofahrer, der vor dem Zebrastreifen gehalten hatte, hupte wie wild. Ein Mann, vielleicht Anfang vierzig, steckte den Kopf aus seinem schwarzen Lamborghini und schrie ihr etwas entgegen, das sich nicht besonders freundlich anhörte. Zum Glück konnte sie ihn nicht verstehen, er schien eine andere Sprache zu sprechen.
Stattdessen schrie Maya zurück: »Ich geh' ja schon, nur Geduld!«, und marschierte schneller über den Zebrastreifen, um dem Mann mit der Halbglatze eine schnelle Weiterfahrt zu gewähren.
Ein Glück, dass sie ihren kleinen Bruder nicht mitgenommen hatte. Mit ihm in der Stadt hätte sie an jedem Spielzeugladen Halt machen müssen. Leo war nicht nur unglaublich nervig, er besaß auch eine große Ausdauer, wenn es ums Einkaufen ging.
Aber nicht heute! Heute hatte Maya ihre Lieblingsstifte nachgekauft, mit denen sie neue Bilder malen würde. Landschaften, Portraits, Szenen aus Filmen – es war alles dabei. Schon immer war das Zeichnen und Malen ihre große Leidenschaft gewesen. Früher hatte sie noch ganze Leinwände beklecksen können, doch seitdem ihre Mutter mit zwei Kindern allein auskommen musste, nicht mehr. Für solchen Luxus war nicht mehr genug Geld da, sowohl Leo als auch Maya mussten sich einschränken. Sie selbst verdiente etwas dazu, indem sie Zeitungen austrug. Später würde sie wieder mit einem dicken Stapel auf dem Arm durch die Straßen rennen. Zuerst würde sie jedoch ihre neuen Stifte einweihen.
Bald kam sie an dem Park an, dessen wenige Bäume nicht viel Schatten boten. Ihn und den angrenzenden Wald zu durchqueren war stets der schnellste Weg nach Hause. Anfangs gab es noch viele Besucher, aber je weiter Maya ging, desto weniger Menschen begegneten ihr.
Sie lauschte den Vögeln, die ihr ein Lied vom Frühling sangen und strich sich ständig die braunen Haare zurück, die ihr immer wieder ins Gesicht fielen. Einen Moment lang vernahm sie ein leises Geräusch. Es hörte sich an, als würde jemand etwas flüstern, ganz nah. Irritiert ließ Maya ihren Blick umher wandern, konnte aber niemanden entdecken, der sich in unmittelbarer Nähe befand.
Einige Meter hinter ihr lief ein hagerer Mann im grauen T-Shirt und ausgeblichener Jeans und links von ihr entdeckte sie zwei schnatternde Frauen, die ihre Einkaufstüten vor sich herschwenkten. Maya schüttelte den Kopf. Vermutlich hatte sie sich das eingebildet.
Wenige Augenblicke später konnte sie das Flüstern erneut hören. Nun klang es drängender, lauter.
Maya biss die Zähne zusammen. Nein, ich bin nicht verrückt. Ich höre keine Stimmen, sagte sie sich. Sie konnte die Worte auch nicht deuten, sie schienen einer anderen Sprache zu entstammen.
Als das Flüstern aufdringlicher wurde, warf sie noch einmal einen Blick nach hinten. Der Mann lief noch immer hinter ihr her, die Frauen waren nicht mehr in Sicht. Wenn dieser Mann sie nun verfolgte ...?
Sie beschleunigte die Schritte und schaute gen Himmel. Die Bäume standen dichter, immer weniger Sonnenlicht flutete zwischen ihnen hindurch und immer mehr Schatten tanzten über den Boden.
Die Tasche schien zunehmend schwerer zu werden, dabei war außer den Stiften nur ein neuer Block für die Schule darin. Nochmals beschleunigte sie ihre Schritte, mittlerweile nicht mehr sicher, ob die Stimmen wirklich um sie herum oder nur in ihrem Kopf waren.
Die Gedanken überkreuzten sich und schwirrten in ihrem Kopf umher. Was war mit ihr los? Halluzinierte sie? Wurde sie allmählich verrückt? Wie, zum Teufel, sollte sie diese Stimmen aus ihrem Kopf bekommen? Und warum passierte das gerade jetzt?
Maya hatte gar nicht gewusst, wie laut Geflüster sein konnte. Das Schlimme war: Diese Stimmen schienen einen direkten Einfluss auf sie zu haben. Maya achtete nun nicht mehr wirklich darauf, wo sie lang ging, sie versuchte nur, zu entkommen.
Sie fing an zu rennen, die freie Hand an ihr Ohr gepresst. Es half nichts. Immer weiter rannte sie in den Wald hinein, floh vor etwas, von dem sie noch nicht einmal wusste, ob es real war.
Irgendwann war sie aus der Puste. Sie nahm die Hand herunter, legte die Tasche neben sich ab und hielt sich die Seiten. Einige Male holte sie tief Luft, und schloss die Augen, um sich besser auf ihren Atem konzentrieren zu können.
Sie öffnete die Augen. Direkt vor ihr lag ein See, ein paar Meter weiter führte eine Brücke über das Wasser. Panik schlug wie eine Welle über ihr zusammen und die eben gewonnene Ruhe verflog im Nu. Mayas Hände begannen zu zittern. Sie ballte sie zu Fäusten, um sie kontrollieren zu können. Gleichzeitig wich sie zurück, kämpfte mit ihrem Gleichgewicht.
Der See rief Erinnerungen wach. Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Sie war mit Justus hierhergekommen und hatte sich dann geweigert, auch nur einen weiteren Schritt auf den See zu zugehen. Sie hatte die Brücke noch nicht einmal betreten wollen. Justus hatte das nicht verstanden.
Maya spürte eine leichte Berührung an ihrem Handgelenk. Überrascht sah sie nach unten und verschränkte ihre Finger mit seinen. Justus‘ grüne Augen schauten tief in ihre blauen, als wollten sie ihre Seele ergründen.
Sie schlenderten gelassen nebeneinander her, während er sie über das kommende Wochenende ausfragte.
»Und am Samstag, da bist du also zu Hause?«
»Ja, genau«, antwortete Maya. »Keine Ahnung, was ich da mache. Aber ehrlich gesagt finde ich es mal schön, frei zu haben und entspannen zu können.«
Sie musterte seine roten Haare, die wild von seinem Kopf abstanden. Sie kannte ihn erst seit ein paar Monaten, als Justus in ihre Klasse gekommen war. Er war schüchtern gewesen, aber Maya wusste, wie es sich anfühlte, wenn man niemanden kannte. Und so hatte sie ihm den Ort gezeigt, in dem sie lebten, bis sie sich schließlich immer öfter getroffen hatten. Sicher, Justus hatte nun auch andere Freunde. Aber aus irgendeinem Grund hatte ihre Freundschaft gehalten.
»Oder um mit einem Freund etwas zu unternehmen?« Er sah sie bei der Frage nicht an, aber Maya konnte bemerkte, wie er leicht errötete.
»Ja, zum Beispiel.« Sie grinste ihn an und blickte wieder gerade aus. Dann wurde ihr klar, wo sie sich befanden.
»Ist das ...?«
»Ja, der See von Loch Ness.« Er grinste über seinen eigenen Scherz, aber als Maya plötzlich stehen blieb, legte er seine Stirn in Falten. »Was ist los?«
»Ich kann nicht weitergehen.« Sie biss sich auf die Unterlippe, ließ seine Hand los und ballte sie in ihren Hosentaschen zu Fäusten. Ihre Stimme klang kalt, ihr Blick war in die Ferne gerichtet. Die Erinnerung zwängte sich in ihren Kopf und ließ sie erstarren.
»Wie, du kannst nicht weitergehen?«, fragte Justus entgeistert und vollkommen verständnislos.
»Ich kann es einfach nicht.«
»Schön, und wieso nicht?« Plötzlich war sein Tonfall harsch und fordernd geworden.
Wahrscheinlich war das auch ihm aufgefallen, denn er hängte noch ein mitfühlendes: »Maya, was ist los?« daran. Er versuchte, ihr beschützend eine Hand auf ihre Schulter zu legen, aber sie wich noch einmal zurück.
»Das Wasser«, antwortete sie schlicht und hielt den Blick starr auf die glitzernde Oberfläche gerichtet, damit Justus die Verletzlichkeit in ihren Augen nicht sehen konnte.
Ihr Freund seufzte leise und hob ratlos die Hände. »Das ... Wasser also ...«
Kurz blieb es still, dann erklang seine Stimme erneut. »Hey Maya, was ist mit diesem See? Willst du mir sagen, dass du Angst vor Wasser hast?«
Noch immer konnte sie den Blick nicht von dem Gewässer abwenden. Ihre Schultern begannen vor Anspannung zu schmerzen.
»Ja. Gewissermaßen.« Ihre Stimme zitterte.
»Aber dein Körper besteht aus mindestens achtzig Prozent aus Wasser. Vor Regen hast du doch auch keine Angst. Und trinken musst du ja auch irgendwie.«
»Das hier ist was anderes.«
»Was Anderes? Okay ... Komm, Maya, wir gehen nur über die Brücke, dann sind wir da. Das Wasser tut dir doch ni-«
Doch ehe er seinen Satz vollenden konnte, hatte sich Maya umgedreht und war in die entgegengesetzte Richtung losgerannt. »Es tut mir leid ... Ich muss hier weg.«
Sie wusste nicht, ob er sie verstanden hatte oder wie er sich fühlte, jetzt, da sie ihn einfach stehen gelassen hatte. Doch die Emotionen, die über sie hereinbrachen, schwemmten die Schuldgefühle weg. Sie musste fort. So weit weg wie nur möglich.
Und hier stand sie nun, ein paar Monate später. Wieder vor dem See, wieder voller Angst. Justus hatte ja nicht wissen können, was hier einst geschehen war. Sie war nicht mehr baden gegangen, seit es passiert war, zu tief saß die Angst, sie könne das gleiche Schicksal ereilen wie ihren Vater. Immer hatte das Wasser sie daran erinnert, was sie nicht rückgängig machen konnte.
Ihr Herz schlug schneller. Sie versuchte ruhig zu atmen. Die Stimmen drangen wieder zu ihr vor, flüsterten ihr Dinge zu, die sie nicht verstand. Unruhig, drängend.
Das Wasser vor ihr hätte ruhig wirken können, aber für Maya war es bedrohlich.
Trotzdem bewegte sie sich darauf zu, als zöge es sie an. Innerlich stemmte sie sich dagegen, leistete Widerstand. Ohne Erfolg. Immer weiter wurde sie gezogen. Was ging hier vor? Wieso hatte sie ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle?
Bald berührten ihre Sneakers das Wasser. Maya spürte, wie es durch den Stoff sickerte, während sie immer weiter hineinging. Ihr Atem ging schwer, sie war noch immer panisch. Bald stand sie bis zu den Knien im Wasser.
Sie konnte nicht fassen, was hier geschah. Seit Jahren hatte sie sich nicht mal in die Nähe großer Wasserflächen gewagt und nun ging sie tiefer und tiefer in den See hinein, ohne es verhindern zu können. Ihr Gesicht glühte vor Anstrengung, ihre Fäuste waren schmerzhaft geballt, doch sie konnte sich dem Sog nicht widersetzen, der sie so fest im Griff hatte, dass es ihr wehtat. Sie wollte sich losreißen, gleichzeitig den Gefühlen entfliehen, die in ihr hochkamen und Erinnerungen mit sich brachten. Erinnerungen an ihren Vater, gegen die sie sich ebenso wehrte.
Vergeblich. Der Sog machte sie zu seiner Marionette, nahm ihr den Willen, der um sein Überleben kämpfte. Mit jedem Schritt bohrte sie die Fingernägel tiefer in die Handflächen hinein, bis sie nicht mehr konnte. Die Stimmen wurden leiser. Sie schienen zufrieden mit etwas zu sein. Maya schnappte nach Luft, ehe sie untertauchte.
Wie von selbst lösten sich ihre Fäuste. Entsetzt stellte sie fest, dass ihr Körper die Tiefe ansteuerte. Mayas Herz pochte rasend schnell, als wäre es das einzige, das sich ihr nicht widersetzte. Der Sauerstoff wurde knapp, sie musste Luft holen … Jetzt!
Ruckartig atmete sie ein … Und stellte fest, dass sie atmen konnte. Mit jedem Zug wurde ihr Herz ruhiger, ihr Kopf nebeliger. Wie in Trance glitt sie hinab, auf ein mächtiges Licht zu. Eine Stimme lullte sie ein, sagte ihr, wie sehr sie auf sie gewartet hatte. Maya kam dem Licht immer näher, wollte auf einmal so dringend zu ihm … Von Sehnsucht getrieben wollte sie die Hände nach ihm ausstrecken, doch sie gehorchten ihr noch immer nicht.
Und dann tauchte sie hindurch.
Der Nebel verschwand so schnell, wie er gekommen war. Das Wasser färbte sich dunkel, riss sie herum wie ein Spielball. Maya wollte schreien, aber es fehlte ihr plötzlich die Luft zum Atmen. So kräftig sie konnte, strampelte sie mit den Beinen und ruderte mit den Armen. Atemlos durchstieß sie die Wasseroberfläche und schnappte nach Luft. Sie schwamm hektisch auf das Ufer zu, das im Dunkeln lag. Erst als ihre Füße den warmen Sand berührten und sie tief ein- und ausatmen konnte, fiel die Anspannung von ihr ab. Erschöpft wischte sie sich die klebenden Haare aus dem Gesicht und sah sich um. Sie richtete sich wieder auf und blickte entgeistert auf das Meer, durch das sie gekommen war. Die Panik kehrte zurück, ballte sich in ihr zusammen und brachte ihren Puls auf Hochtouren. Wo zum Teufel war sie gelandet? Wo war der Wald hin und was war gerade mit ihr geschehen? Ein warnendes Ziehen machte sich in ihrer Magengegend bemerkbar. Die salzige Luft zerrte an ihr. Mächtige Wellen richteten sich drohend auf und peitschten gegen die angrenzenden Felsen. Die Finsternis, an die sich Mayas Augen schnell gewöhnt hatten, färbte alles in ein dunkles Blau.
Sie wünschte sich zurück nach Hause. Dorthin, wo sie hingehörte. Maya atmete einmal tief durch und zwang sich dazu, einen ruhigen Gedanken zu fassen. Vielleicht träumte sie das Alles nur. Vielleicht war es gar nicht die Realität, die sie hier erfuhr. Wie sonst konnte man an einem hellen Tag in einen See steigen und bei Nacht aus einem Meer herauskommen?
Auf einmal legte sich eine schwere Hand auf ihre Schulter. Mayas Herz machte einen Satz. Hinter sich hörte sie ein tiefes Brummen. »Wen haben wir denn da?«
Schlagartig fuhr sie herum.
*
»Ach komm, mach der Kleinen keine Angst«, beschwerte sich jemand hinter dem Typen, den sie trotz der anbrechenden Dunkelheit als recht stämmig und kräftig vor sich stehen sah. Weg war die Ruhe. Stattdessen machte sich ein unangenehmes Prickeln in ihrem Nacken breit. Ihr Herz donnerte ihr schmerzhaft gegen die Rippen, das Ziehen in ihrem Bauch nahm zu. Ihr ganzer Körper schrie vor Angst. Wer zum Teufel sind diese Typen? Reichte es denn nicht, dass sie keine Ahnung von dem Ort hier hatte? War sie jetzt auch noch Gefahr durch Fremde ausgesetzt?
Was sie wohl mit ihr anstellen würden … Sie war nur ein kleines Mädchen. Denn so hatte er sie genannt: klein. Doch genau den Eindruck durfte sie niemals vermitteln. Keinen dahergelaufenen Fremden, wenn sie die Gelegenheit hatte, sich zu verteidigen. Binnen einer Sekunde hatte sie einen Entschluss gefasst: Sie würde ihnen nicht die Genugtuung geben und ihre Angst zeigen.
Also schnaufte Maya demonstrativ. »Ich und klein? Ich habe keine Angst. Und ihr steht mir im Weg.«
Sie machte Anstalten, an diesem Fels von Mann vorbei zu kommen, doch er hielt sie mit einer Hand zurück. Sie schielte an ihm vorbei und sah einen Jungen auf einem der größeren Steine sitzen. Er hatte die Beine ausgestreckt und kämmte sein Haar durch. Er erinnerte sie an einen Popstar, der es sich gut gehen ließ, und war ihr von Anfang an unsympathisch.
Trotzdem machte sie seine Anwesenheit nervös. Immerhin waren die Beiden zu zweit und sie allein.
Gleichzeitig kramte der andere Mann in seinen Taschen und richtete eine Lampe auf sie. »Zuerst müssen wir wissen, wer du bist.«
Ruckartig kniff Maya die Augen zusammen und legte so viel Wut in ihre Stimme, wie sie konnte. »Was spielt das für eine Rolle? Und halt gefälligst dieses Licht nicht in meine Augen!«
Tatsächlich gab der stämmige Mann nach. Nun wurde ihr Hals angestrahlt, aber ihr Gesicht konnte er bestimmt noch gut erkennen. Sie biss sich auf die Unterlippe, wie immer, wenn sie nervös war.
»Beantworte einfach die Frage. Nicht jeder läuft einfach aus dem Wasser heraus und wir haben dich auch nicht hineinlaufen sehen. Also, wer bist du?«
Das konnte nicht gut sein. Gar nicht gut. Sie wusste ja noch nicht mal selbst, wie sie hier her gekommen war … Und jetzt von zwielichtigen Typen ausgehorcht zu werden, die ihre Schritte überwachten, machte es nicht besser. Bestimmt träumte sie, hoffentlich träumte sie nur …
»Ich bin Maya. Und nun lasst mich durch, ich äh ...« Sie schaute hinunter zu ihren Schuhen, die sie in der Hand hielt. Wo sollte sie jetzt hin? »... muss nach Hause.«
Mit einem Mal rammte sie ihrem Gegenüber den Ellbogen in den Bauch und spurtete los. Der Bauch war nicht ganz so muskulös gewesen, wie sie vermutet hatte. Vielleicht hatte sie eine Chance und war schneller als dieser große Typ.
Hinter ihr knirschte der Sand und sie wusste, dass ihr jemand auf den Fersen war. Also rannte sie schneller, kam vom Strand runter auf eine schwach beleuchtete Straße und wollte gerade um die Ecke biegen, als …
Jemand packte sie am Arm. Da sie an den starken Mann gedacht hatte, verblüffte sie nun der Anblick ihres Verfolgers.
»Hast wohl noch nie so einen gutaussehenden Typen wie mich gesehen, oder?« Seine Zähne blitzten.
Natürlich, der Junge vom Felsen. Er war einen Kopf größer als sie und sein Haar schimmerte silbern im fahlen Licht der Straßenlaternen.
Rasch wandte sie den Blick ab. »Das glaubst du doch selbst nicht. Ich fasse es nicht, dass dein Kumpel und du nachts ein einsames Mädchen verfolgen.«
Er runzelte die Stirn. Hinter ihm konnte sie ein Schnaufen vernehmen. Der andere war also wirklich nicht so gut in Form. Zwar stark, aber auch ohne Kondition. Anders als der vor ihr. Leider.
Jetzt blieb ihr nur noch eins. Sie musste in die Offensive gehen, Fragen stellen, von sich ablenken. Vielleicht wollten sie ja wirklich nichts Böses von ihr, aber dass sie sie nicht gehen ließen, machte es nicht besser …
Sie schluckte die Panik hinunter und gab sich einen Ruck. »Jetzt beantworte mir doch mal die Frage, was ihr hier macht. Habt ihr gecampt? Auf etwas gewartet? Oder auf jemanden? Ich muss euch sehr enttäuschen, aber ich bin es jedenfalls nicht. Und -«
Aber die tiefe Stimme unterbrach sie. »Es tut mir leid.« Er ließ ihren Arm los. »Wir wollten dich nicht so erschrecken ...«
Erstaunt blinzelte sie. Meinte er das ernst? »Erschrecken? Ihr habt -«
»Und ich glaube, dass du wahrscheinlich wirklich aus dem Wasser gekommen bist, wie Ercan es gesagt hat. Du wirst keine Vorstellung davon haben, wo du bist.«
Mit einem Mal verrauchte ihre Wut. Sie schaute die verlassene Straße entlang. Ein Windstoß kam und brachte einen unangenehmen, jedoch wohlbekannten Geruch mit sich: Abgase, Metall, Staub. Auf einmal kam sie sich verloren vor. Verloren wie ein Kind. Die Erkenntnis traf sie mitten ins Gesicht. Sie war in einer Stadt gelandet, die sie nicht kannte und sie konnte nicht zurück.
»Wo sind wir?«
Sie konnte die Besorgnis in seinen Augen erkennen, aber da war noch etwas Anderes. Überlegenheit. Er wusste etwas, das sie nicht wusste. Und das gefiel ihr nicht.
»Wir sind in Kaltru. Und nicht in deiner Welt.«
Alexis
Der Gong hallte durch den Klassenraum. Niemanden schien es zu wundern, dass sich Alexis zwischen den Schülern befand und wie selbstverständlich am Unterricht teilnahm. Daran war ja auch nichts Ungewöhnliches.
Milans Blick traf sie nun schon das dritte Mal in dieser Stunde. Alexis hatte das registriert, langsam ging es ihr aber auf die Nerven und verwirrte sie. Schließlich war er einer der beliebtesten Schüler in ihrem Jahrgang. Er gab sich nicht mit Leuten wie ihr ab. Zwar war Alexis keine Außenseiterin, aber um zu den Beliebten zu gehören, hätte sie sich viel mehr in Schale werfen, angesagte Musik hören und sich den Mund über andere Leute zerreißen müssen. Darauf hatte sie dann doch keine Lust. Sollte Milan mal lieber in seiner Liga bleiben.
Da stupste ihre beste Freundin April sie an. Unter dem Tisch hielt sie ein Magazin, nein, eine Zeitung, die sie nun Alexis reichte, um ihr etwas zu zeigen. April war schon immer ziemlich klein gewesen und Alexis hatte nicht das Gefühl, dass sie noch viel wachsen würde. Ihre kurzen, roten Haare bildeten Stacheln und ihre Haut war gebräunt. Gerade im Unterricht vertrieb sie sich oft die Zeit mit irgendwelchen Zeitschriften. Die Stunden verstrichen einfach zu langsam.
»Das ist Maya Grant. Sie ist vor ein paar Tagen verschwunden«, erklärte April gerade aufgeregt und strich mit dem Daumen über das Bild des Mädchens.
Alexis bemerkte den Schatten von Traurigkeit, der sich in Mayas Blick gelegt hatte. Es war so ungewohnt, nun immer ihre Augen zu gebrauchen. Aber Bilder enthielten nicht die Energie der darauf befindlichen Personen und so war sie diesmal für ihre Sehkraft dankbar.
»Und sie kommt von hier? Wieso zeigst du mir das?«
April zeigte auf die Vermisstenanzeige darunter.
Wieder sah Alexis genauer hin. Ein Junge mit schokoladenbrauner Haut und genauso braunen Augen lächelte ihr entgegen.
»Das ist Kaja«, erklärte ihr April aufgeregt, während Alexis überrascht die Luft anhielt.
»Unser Kaja ist …?« Doch sie kam nicht dazu, ihren Satz zu vollenden. Sie spürte, wie eine Ladung gestauter Energie auf sie zukam und wandte sich ab. Herr Brauk schien nicht sehr begeistert zu sein, dass sein Unterricht nicht mit absoluter Hingabe verfolgt wurde.
»Wo ist die Stelle, die ich vorlesen soll?«, fragte Alexis nur, die die Absicht des Lehrers gespürt hatte.
Herr Brauk räusperte sich. »Seite 24, junge Dame. Und passen Sie in Zukunft besser auf!«
Alexis lächelte schwach. »Ich habe aufgepasst, sonst hätte ich wohl kaum wissen können, dass ich lesen soll.«
Und so begann sie auf Seite 24.
Vielleicht hätte sie es wissen müssen. Milan fing sie an der Tür ab.
»Hey«, sagte er und lehnte sich lässig an den Rahmen, doch sie konnte seine Anspannung spüren.
»Hallo«, erwiderte Alexis und wollte gerade aus der Tür gehen, als er vor sie sprang und dies verhinderte.
»Ich wollte dich nur fragen … Hättest du demnächst mal Zeit?«
Der Satz traf sie völlig unvorbereitet. »Was?« Sie runzelte die Stirn. »Nein, hab ich nicht. Echt toll, dass du ausgerechnet jetzt fragst.«
Nun war es Milan, der komisch dreinschaute. »Wie bitte, was?«
Demonstrativ verdrehte sie die Augen. »Ist nicht eben dein Freund verschwunden? Dein bester sogar, soweit ich weiß? Du scheinst ja wirklich besorgt zu sein.« Ihre Stimme wurde lauter, ohne dass sie es wollte. Wenn Milan so wenig an seinem besten Freund lag, was für ein Mensch musste er dann sein? Sie erinnerte sich nur zu gut, wie Kaja und er den Lehrern die Kreide durch Radiergummis ersetzten, die Tafel mit bunten Bilder vollmalten und wenig unauffällig voneinander abschrieben. Wieso also sollte sie sich auf jemanden einlassen, der sich kurz nach Kajas Verschwinden nach einem neuen Freund umschaute?
»Ehm … mochtest du ihn denn?« Fragend zog er eine Augenbraue hoch und Alexis wünschte sich instinktiv, das auch zu können.
»Was spielt das für eine Rolle?«
Milan schüttelte den Kopf. »Er ist schon wieder aufgetaucht«, versprach er, aber Alexis wusste, dass er log. Auch das konnte sie spüren. Da nützte auch das charmante Lächeln, das er aufgesetzt hatte, um sie zu überzeugen, nichts.
»Und, hast du nun heute etwas vor?«
»Du bist unmöglich«, erwiderte sie nur und schob ihn beiseite. »Ich bin heute im Kino, also habe ich ohnehin keine Zeit.«
Und das entsprach sogar der Wahrheit. April wollte unbedingt, dass Alexis das Augenerlebnis der großen Leinwand kennen lernte. Zoe und Jara, zwei Klassenkameradinnen, mit denen sich Alexis und April gut verstanden, wollten mitkommen. Und Alexis hatte natürlich nichts dagegen, sie freute sich sogar schon darauf.
Mit schnellen Schritten entfernte sie sich von diesem seltsamen Jungen, aus dem sie nicht schlau wurde. Sekunden später hallte seine Stimme den Flur hinunter.
»Sag mir nur, wie es kommt, dass du auf einmal hier bist. Wieso bist du hier?«
Was sollte das bedeuten? Kopfschüttelnd lief sie weiter, hielt jedoch an der frischen Luft inne.
Was hat er damit gemeint?
*
Schon als sie vor der Haustür stand und den Schlüssel ins Schloss steckte, hörte sie durch das offene Fenster eine Schlagermelodie klingen. Alexis konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Sie ahnte bereits, was sie erwarten würde: Tante Claudia hatte mal wieder ihre Lieblingsmusik von Gudrun Schotter aufgelegt und sang jetzt in hohen Tönen mit. Dabei singt sie noch nicht einmal schlecht, dachte Alexis. Das Problem war nur, dass sie die Musik nicht leiden konnte. Wie eigentlich alles, was mit Claudia zu tun hatte.
Den Schlüssel einmal umgedreht und die Tür aufgeschoben, hastete Alexis in den Flur und auf die Treppe zu, die sie nach oben in ihr Zimmer führen würde.
Doch da hatte sie die Rechnung ohne Claudia gemacht, denn diese tauchte im gleichen Moment im Türrahmen auf – mit einer Schürze um den fülligen Bauch ertappte sie Alexis.
»War mir doch, als hätte ich jemanden reinkommen gehört«, meckerte sie und blickte ihr fest in die Augen.
Tante Claudias Dutt saß heute perfekt, was ihre Strenge unterstrich. Im Hintergrund lief noch immer in voller Lautstärke die Musik, sodass sich beide regelrecht anbrüllen mussten.
»Wie kannst du denn bei dem Lärm etwas gehört haben?«, fragte Alexis sichtlich verwirrt.
Da schnalzte Tante Claudia mit der Zunge. »Also wirklich, junges Fräulein …« Tadelnd betrachtete Claudia sie und schüttelte den Kopf.
Doch Alexis verspürte keinen großen Drang, das Gespräch in diese Richtung fortzusetzen und sich wieder einmal anzuhören, ihr würden die Manieren fehlen. Claudia war nämlich stark der Meinung, dass in diesem Haus der Mann fehlte, der schon in Alexis´ frühen Jahren geflüchtet war und sie mit ihrer Mutter allein gelassen hatte. Aber als sie näher darüber nachdachte, verblasste die Erinnerung immer mehr in ihrem Kopf. Plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, was sie gerade gedacht hatte.
Irritiert wischte sie den Gedanken mit einer Handbewegung weg, woraufhin Claudia sie nur anstarrte, als stünde eine Geistesgestörte vor ihr. Offenbar hatte es sehr seltsam ausgesehen.
»Heißt das, Mum ist mal wieder nicht da?«, fragte Alexis und versuchte, die Enttäuschung zu verbergen, die in ihr hochstieg.
Wie so oft spielte ihre Tante die Babysitterin. Dass ausgerechnet sie die Rolle übernehmen musste, empfand Alexis als Demütigung. Aber ihre Mutter hatte nun mal nicht genug Geld, um jemanden einstellen zu können. Sie arbeitete von früh bis spät im Büro, sodass Alexis und sie sich kaum sahen. Und eigentlich war Alexis mit sechzehn Jahren mittlerweile alt genug, um auf sich selbst aufzupassen, zudem nun ihr Augenlicht zurückgekehrt war. Trotzdem kam Claudia, zu ihrer beider Leidwesen, immer noch herüber.
Sie spürte den durchdringenden Blick ihrer Tante auf sich.
»Na, wenn ich mir dich so ansehe, frage ich mich doch glatt, wieso sie sich lieber in der Arbeit versteckt, anstatt hier zu sein.«
Autsch. Das tut weh.
»Ich habe übrigens gebacken«, sprach Claudia weiter, als wäre nichts geschehen, »heute Abend ist ein Fest im Dorf. Ich gehe mit Ralf dorthin, kommst du mit?«
Alexis schüttelte den Kopf. »Ich gehe nicht hin, hab schon was vor.«
Claudia warf ihr einen perplexen Blick zu, doch im nächsten Moment erhellten die Züge von Erkenntnis ihr Gesicht, als hätte sie sich eben an etwas erinnert. Obwohl es dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen nichts Gutes sein konnte. Schließlich war ihr Mund zu einem Strich geworden.
Ohne Claudias Antwort abzuwarten, sprintete Alexis endgültig die Treppenstufen hoch und ließ ihre Tante zurück. Noch während sie die Treppe nahm, brüllte sie: »Ich bin Hausaufgaben machen!«
*
»Wow, das war echt … cool«, gab Alexis zu. Ihre Mundwinkel verzogen sich automatisch zu einem verunsicherten Lächeln.
Es war so ungewohnt gewesen, die Personen nicht zu fühlen, die auf der Leinwand miteinander sprachen. Sie hatte keine Ahnung von ihren Energien, hatte sich ganz auf ihre Augen verlassen müssen. Natürlich faszinierte sie diese Art, die Dinge wahrzunehmen, aber es ließ sie auch stutzen. Es war, als hätte man ihr für diese Zeit einen Sinn entzogen, der sich sonst überlebenswichtig angefühlt hatte.
Umso überraschter war sie, als plötzlich jemand Neues hinter ihr erschien. Wieso hatte sie das nicht vorher gespürt? Es war, als würde ihr außergewöhnlicher Sinn allmählich verschwinden. Und ein Teil von ihr sehnte ihn sich mit aller Kraft zurück, auch wenn das bedeuten könnte, die Sehkraft wieder aufgeben zu müssen. Schließlich war er erst in den Hintergrund gerückt, seit sie ihr Augenlicht bekommen hatte.
Langsam drehte sich Alexis um und erkannte den schwarzen Haarschopf wieder. »Milan, schon wieder du?«, fragte sie müde. »Lass mich in Ruhe, habe ich dir nicht gesagt ...«
»Du hättest keine Zeit? Ja, das hast du.« Die Sonne sank allmählich tiefer und tauchte seine Haut in ein zartes Orange. Die Hand hielt er sich über die Augen, damit diese mit Schatten bedeckt wurden. »Aber es ist wirklich wichtig. Ich habe nur ein paar Fragen.«
Alexis zögerte. Sie warf einen Blick auf ihre Freundinnen, die sich bereits kichernd zurückgezogen hatten.
»Bis morgen«, rief April und verschwand mit ihren beiden Begleiterinnen kurz darauf hinter dem großen Einkaufszentrum.
Na toll. Alexis rollte mit den Augen und wandte sich wieder Milan zu. Ein weiteres Mal fragte sie sich, woher sein Interesse kam, da sie ja kaum etwas miteinander zu tun hatten. Nach allem, was sie wusste (und das war nicht viel), waren sie grundverschieden.
Als sie nicht antwortete, redete er einfach weiter. »Seit wann kannst du wieder sehen?«
Alexis runzelte die Stirn. Darum ging es ihm? Versuchte er wie der Doktor, eine Erklärung für ihr Phänomen zu finden? »Das war Samstag. Vor zwei Tagen.«
Der Junge nickte und runzelte nachdenklich die Stirn. »Das ging schnell … Das ging echt schnell …«
»Was ging schnell?«, hakte Alexis nach, die sein Gemurmel neugierig machte.
Doch er schüttelte nur den Kopf, mittlerweile blass geworden. »Seit wann bist du in dieser Klasse, Alexis?«
Fast musste sie lachen. Wollte er sie auf den Arm nehmen? »Das weißt du doch, wir sind von Anfang an auf diese Schule gegangen, seit ...« Doch sie konnte nicht weitersprechen, die Erinnerung wollte erst nicht kommen. Dann fiel es ihr wieder ein. »Seit wir zehn sind. Und soweit ich weiß, hatten wir nie besonders viel miteinander zu tun. Was also willst du von mir?«
Milan schloss kurz die Augen und antwortete, obwohl seine Lippen sich kaum bewegten. »Du warst nie in dieser Klasse.« Er öffnete die Augen und als sie hineinsah, wusste sie, dass es die Wahrheit war. »Vor heute«.
Er drehte sich um und wollte gehen, doch Alexis packte ihn am Arm. »Was redest du da? Wie kommst du darauf?«
Wahrscheinlich versuchte er zu lächeln, jedenfalls zogen sich seine Mundwinkel leicht nach oben. »Weil du vor ein paar Tagen noch blind warst und nicht lesen konntest. Auf welche Schule bist du vorher wirklich gegangen, Alexis?«
Er sprach mit ihr, als würde er einem kleinen Kind das Offensichtliche erklären. Sie hatte kaum wahrgenommen, dass er sich ihrem Griff entzogen hatte und bereits in der Dunkelheit verschwand. Auf welche Schule ging ich? Sie kannte die Antwort. Natürlich kannte sie sie. Schließlich konnte sie die Blindenschrift lesen.
Etwas in ihr tauchte auf, doch sie konnte es nicht erfassen. Es war wie ein Stück von Papier, das vom Großen und Ganzen abgerissen worden war und selbst der eine Buchstabe, den man erkennen sollte, war unleserlich. Sie wollte nach diesem Fetzen greifen, doch er verschwand schon wieder in der Tiefe.
Fragen wirbelten in ihrem Kopf umher und ließen nicht locker. Wieso ging sie auf eine normale Schule mit Leuten, die sie schon ewig zu kennen glaubte? Wieso konnte sie lesen, wie jeder andere Mensch auch? Und die wichtigste Frage war wohl überhaupt: Warum verschwand ihre Gabe?
Aber etwas war ihr klargeworden: Sie hatte keine Ahnung, wie ihre Vergangenheit wirklich aussah. Und sie würde nicht ruhen, ehe sie Antworten auf diese Fragen gefunden hatte.
Maya
»Wenn du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, so unwahrscheinlich sie auch ist.«
- Arthur Conan Doyle
»Eine andere Welt?« Maya stemmte die Hände in die Hüfte. »Klar doch, und ich bin die Kaiserin von China«, stieß sie hysterisch hervor.
Der Junge runzelte die Stirn. »Du siehst nicht aus wie eine Kaiserin.«
Fast hätte sie gelacht, aber als sie ihn genauer betrachtete, stellte sie fest, dass er ernsthaft verwundert war. »Das ist nur so 'ne Redewendung. Ihr müsst ganz schön weit weg von der normalen Zivilisation leben, sonst wüsstet ihr das.«
Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete Maya die beiden und hob den Finger. »Also, wo bin ich?«
Wieder antwortete der Junge, diesmal in einem leicht genervten Ton. »Das sagte ich schon, in Kaltru. Wir wissen nicht, wie du hier her gekommen bist …« Er wandte sich an Ercan, der ihn nicht so überzeugt ansah. »Außer sie ist ...«
»Außer ich bin was?« Maya sah zwischen den beiden Männern hin und her, bis Ercan schließlich ein leises Seufzen hören ließ und antwortete. »Er denkt, du bist die Weltenwanderin.«
Sollte ihr das jetzt etwas sagen? Zumindest ging keine Glühbirne in ihrem Kopf an.
Da fing Ercan – der Starke von beiden – an, zu erzählen. »Die Prophezeiung spricht davon, dass jemand mit der Bezeichnung Weltenwanderin in unsere Welt übergeht. Wir haben auf diese eine Person gewartet.« Kurz sammelte er sich, dann redete er weiter. »Es gibt die Erde und es gibt unsere Welt. Diese beiden Planeten sind Parallelwelten, die sich in den Landbeschaffenheiten gleichen, aber andere Bewohner beherbergen. Auf eurer Seite sind die Menschen, auf unserer … Na, das erfährst du noch früh genug.«
Er räusperte sich, bevor er weitersprach. »Jedenfalls steht in der Prophezeiung geschrieben, dass beide Planeten aufeinander zusteuern und durch einen Zusammenprall alles ausgelöscht wird. Die Weltenwanderin kann zwischen den beiden Welten wechseln und soll dies verhindern. Allerdings ...« Er sah zu den Sternen, als würden sie ihm wie Hoffnungslichter entgegenblinken. Dann senkte er seinen Blick wieder. »Allerdings sollte das schon geschehen sein, daher wurden einige von uns unruhig. Schlachtpläne werden entwickelt, wie man die Erde vernichten kann, bevor sie uns vernichtet.«
Auch Maya sah nun in den Himmel. Ein Teil von ihr war bestürzt über die Ereignisse und sagte ihr, dass sie vorsichtiger sein musste, um nicht in etwas Großes hineingezogen zu werden. Der andere Teil versuchte, alles zu verstehen, und kam zu einem Entschluss: Sie musste träumen. Das war die einzig logische Erklärung. Sie lobte leise ihre Fantasie für diesen Traum und beschloss, einfach mitzuspielen. Sie würde noch früh genug ihren nervigen Bruder, ihre gestresste Mutter und ihre Stifte wiedersehen. Sobald sie aufwachen würde. Diese Vorstellung ließ ihre ganze Anspannung von ihr abfallen und sorgte für einen klaren Kopf. »Wenn es stimmt, was ihr sagt … frage ich mich, warum sieht man die Erde nicht am Himmel? Oder einen anderen Planeten?«
Nun war es wieder der Junge, der antwortete. »Die Erde ist noch zu weit entfernt von unserer Welt. Sie kommt aber im rasenden Tempo näher und es bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Spezialisten schätzen zwei Monate. Und da sich auch dir bekannte Planeten ein gutes Stück entfernt befinden, kann man diese ebenfalls nicht sehen. Wir haben unsere eigenen Planeten, die uns mit Licht und Energie versorgen.«
Irgendwie klingt es schon plausibel, dachte sich Maya. Aber irgendwie auch nicht, denn wieso sollten sich die zwei Planeten selbst ansteuern? Sie äußerte ihre Frage und Ercan zuckte zur Antwort mit den Schultern.
»Es sind Parallelwelten. Es wird vermutet, dass nicht zweimal das Gleiche existieren kann, und um diesem Widerspruch zu entkommen, versuchen die Welten, sich gegenseitig zu vernichten. Es kann auch sein, dass sie sich gegenseitig anziehen, wie zwei Magnete. Niemand weiß das so genau …«
Maya nickte. Das verstand sie, auch wenn sie noch nicht ahnte, welche Wahrheit dahintersteckte. Vor allem fragte sie sich, warum die beiden Bescheid wussten und auf der Erde noch nie jemand von all dem gehört hatte. Oder doch? Vielleicht wusste sie einfach nichts davon. »Und es gibt verschiedene Wesen in den Welten?«
All das schien ihr doch zu abstrus, als dass sie es richtig ernst nehmen konnte. Ercan knackte mit seinen Knöcheln und ließ ein dröhnendes Gähnen hören. »Ja, aber … das wirst du noch erfahren. Eins nach dem anderen.«
Enttäuschung machte sich in ihr breit. So ein interessanter Traum, und dann erfuhr sie noch nicht mal alles!
Ihre Augen suchten die Umgebung ab. Es sah hier wirklich wie in ihrer Heimat aus: Vor ihr erstreckte sich eine lange Straße, die sich in der Dunkelheit verlor. Die Häuser wirkten wie bleiche Fassaden und ließen nichts von ihrem Charakter durchscheinen. In diesem fahlen Straßenlicht schien alles unwirklich und als sie die beiden Männer wieder ansah, bemerkte sie die dunklen Ränder unter deren Augen. Tatsächlich wirkten sie erschöpft.
»So, nun, wo geht es als Nächstes hin? Wo kann ich schlafen?« Die Hemmungen hatte sie wohl in dem Moment verloren, in dem ihr klar geworden war, dass all dies nicht Realität sein konnte. Ernsthaft etwas passieren konnte ihr ja ohnehin nicht.
Der Junge warf Ercan einen vielsagenden Blick zu, der anscheinend weniger überzeugt von der unausgesprochenen Idee war.
»Nein«, Ercan schüttelte den Kopf. »Unter keinen Umständen!«
»Ach, bitte. Du weißt, was passiert, wenn sie ins Hauptquartier gelangt … Wir müssen sie verstecken, bevor er sie findet.«
»Und das bei mir?« Ercan schnaufte verächtlich. »Wir wissen noch nicht mal, ob sie es ist.«
Plötzlich befiel Maya eine Welle der Müdigkeit. Ihre Augen wurden schwer und die Unterhaltung entglitt ihr, die Worte verwirrten sie nur noch … Sie starrte vor sich hin und wartete nur noch auf einen Entschluss.
»Wieso nimmst du sie nicht mit zu dir?«
Maya hatte schon fast vergessen, wie hochnäsig der Junge sein konnte, als er zur Antwort ansetzte. »Ich nehme doch kein Menschenkind mit zu mir! Bah! Nein, bei dir ist sie sowieso viel sicherer. Und mein Zuhause wäre außerdem viel zu gut für sie.«
Ihr wurde bewusst, wie sehr sie fror. Ihre Kleider waren noch immer nass und die Kälte drang bis in ihre Knochen. Bibbernd schlang sie die Arme um sich und betete um ein warmes Bett. Sicher würde sie bald aufwachen, daran hielt sie fest.
»Nun gut, ich nehme sie zu mir. Aber du solltest aufpassen, was du sagst. Sie ist vielleicht unsere Rettung.«
Dankbar warf sie dem großen Mann einen Blick zu. Von dem Jungen, dessen Namen sie nicht wusste, Beleidigungen hinzunehmen, war nicht sehr angenehm. Auch wenn ihr die Worte in diesem schläfrigen Zustand weniger ausmachten als im wachen. Die beiden Freunde brummten noch eine Verabschiedung und dann trottete Maya schräg hinter dem großen Ercan her, der sie durch die stillen Straßen führte.
Maya durchbrach schließlich das Schweigen. »Du glaubst nicht daran, oder?«
Ihre Stimme war leise, und so war sie sich nicht sicher, ob er sie gehört hatte. Unverwandt ging er weiter, nicht einmal den Kopf drehte er zu ihr nach hinten.
Nach einer Weile antwortete er dann doch. »Woran soll ich nicht glauben?« Im Gegensatz zu Maya sprach Ercan laut und scharf, als traue er ihr nicht, obwohl er sie in diesem Moment zu sich nach Hause führte.
Maya musste sich räuspern, ehe sie antworten konnte. Sie hob ihre Stimme an. »Daran, dass ich diese Weltenwanderin bin, wie der Junge es vermutet hat.«
Die Schritte von Ercan wurden langsamer, doch er drehte sich nicht zu ihr um. »Sein Name ist Ian. Und nein, das glaube ich tatsächlich nicht.«
»Wieso?«, drängte Maya weiter, denn sie hoffte sehr, nicht diese Person sein zu müssen. So viel Verantwortung und Aufmerksamkeit? Darauf konnte sie verzichten. Zwei Welten vor ihrer Zerstörung zu retten, wie sollte das gehen? Aber warum war Ian dann so überzeugt davon gewesen? Ian. So hieß er also. Der vorlaute Bengel, der ihr mit seiner arroganten Art gehörig auf die Nerven ging, obwohl sie ihn erst kennengelernt hatte.
Noch während sie auf Ercans Antwort wartete, wurde ihr bewusst, dass sie es diesmal vergebens tun würde.
*
Etwas an Ercans Haus kam ihr seltsam vor, aber in dem schlaftrunkenen Zustand, in dem sie sich befand, wollte sie einfach nicht darauf kommen, was es war. Zumal sie in der Dunkelheit sowieso nicht alles erkennen konnte. Morgen, wenn es hell ist, werde ich mir alles genauer ansehen. Irgendwie gelangte sie wohl ins Innere des Hauses und ehe sie sich versah, fiel sie auf das gemachte Bett, das vermutlich in einem Gästezimmer stand. Sie spürte bereits, wie ihre Augen zufielen, versuchte jedoch mit aller Kraft, wach zu bleiben. Dabei war ihr so schön warm und die Tatsache, dass sie sich in einem fremden Bett befand, störte das Gefühl der Geborgenheit kaum. Sie war so dankbar, sich nun endlich ausruhen zu können, dass sie kaum merkte, wie sie weiter abdriftete. In der festen Absicht alle Erinnerungen auch nach dem Aufwachen zu behalten, versuchte sie, die Geschehnisse dieses Tages durchzugehen, angefangen bei dem See …
Aber es war zu spät und so fiel sie in einen leichten Schlaf, der bald unterbrochen werden sollte.
Geweckt wurde sie von einem lauten Gong, der in jedem Winkel des Hauses widerhallte. Steif blieb sie liegen, da sie dieses ungewohnte Geräusch nicht einzuordnen vermochte, aber als eine Tür aufgemacht wurde, erkannte sie, dass es die Klingel gewesen sein musste, und entspannte sich.
»Du bist aber spät dran«, erkannte Maya Ercans Stimme wieder, dann kam eine zweite, tiefere dazu, die sanfter und leiser klang.
»Entschuldige. Es wird immer riskanter, hierher zu kommen ...«
Maya hörte, wie nun auch Ercan seine Stimme senkte. »Nebenan ist ein Mädchen, das plötzlich in dieser Welt aufgetaucht ist … Ian hält sie für die Weltenwanderin.«
Eine kurze Stille trat ein. Dann ein dumpfer Aufschlag. Jemand musste etwas abgestellt haben.
»Erzähl mir im Wohnzimmer mehr davon. Weiß sie, was wir sind?«
Seine Stimme klang besorgt und sie musste sich anstrengen, um sie überhaupt noch hören zu können.
»Nein … Und besser, sie erfährt es nicht.«
Die Schritte entfernten sich, eine Tür schlug zu und Maya war wacher denn je.
*
Es war ihr irgendwann gelungen, wieder einzuschlafen, allerdings hatte es einige Zeit gedauert. Viel geruht hatte sie also nicht.
Das Licht traf ihre Augen völlig unvorbereitet, sodass sie sich reflexartig eine Hand vor die Stirn hielt. Die Sonne schien hell durch ein riesiges, blitzsauberes Fenster. Als sie sich umdrehte, nahm sie das riesige blaue Himmelbett wahr, auf dem sie geschlafen hatte. Was für ein Gästezimmer! Tatsächlich war alles sehr schön eingerichtet. Gelbe und rote Blumen, deren Namen Maya nicht kannte, standen in allen Ecken des Zimmers. Der dunkelbraune Boden glänzte und die silberne Lampe, die einem kleinen Kronleuchter glich, ließ zarte Farbenspiele auf Boden und Wänden entstehen. Doch außer diesen Dingen war nichts in dem Raum, nur das Bett nahm einen großen Teil der freien Fläche ein.
Maya wollte gerade näher an das Fenster herantreten, eine Hand auf den Mund gelegt, um ein Gähnen zu unterdrücken, als es sachte an der Tür klopfte. Schnell setzte sie sich auf die äußerste Kante des Bettes, in der Erwartung, den grimmigen Ercan wieder zu sehen.
»Herein«, sagte Maya und ihre Stimme klang viel zu hoch in ihren Ohren.
Daraufhin öffnete sich langsam die Tür. Der Anblick überraschte sie. Ein Mann von dunkler Hautfarbe streckte sein schmales Gesicht durch den Spalt. Seine dunklen Augen schimmerten neugierig. »Entschuldige die Störung.«
Da, sie kannte die Stimme … Die Stimme von gestern Abend? Das musste Ercans Mitbewohner sein. Maya erwiderte nichts und der Mann wartete unschlüssig, bis er zu ihr hinein huschte. Er sah so anders aus als Ercan. Seine schokoladenbraune Haut hatte etwas Warmes an sich, das gut zu seinen ebenso braunen Augen passte. Die Haare jedoch waren blond gefärbt und hingen in Rastazöpfen seinen Rücken herunter. Und während Ercan mit seiner stämmigen Figur mächtig Eindruck machte, verlieh die schmale Gestalt dieses Mannes ihm etwas Erhabenes, tatsächlich wirkte er auch einen halben Kopf größer als Ercan.
Doch Maya versuchte, sich von diesem eindrucksvollen Anblick nicht irritieren zu lassen. Sie verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. Nur weil er sympathisch schien, hieß das nicht, dass sie ihm sofort vertraute. »Wer bist du? Und wo ist Ercan?«
»Ich heiße Livian. Und Ercan ist auf der Arbeit. Ich könnte dich herumführen, wenn du magst ...« Seine Stimme wurde leiser, als er sah, wie Maya zurückzuckte.
»Warum bist du auf einmal so ängstlich? Ercan hat mir erzählt, dass du auf ihn ganz anders gewirkt hast. Eher … entschlossen.«
Maya war sich fast sicher, dass er ein anderes Wort im Sinn gehabt hatte, aber seine Worte führten zum gewünschten Effekt. Sie gab ihre verteidigende Haltung auf und stand langsam auf. »Es ist noch alles sehr neu für mich«, erklärte Maya. Und du verunsicherst mich, wollte sie noch hinzufügen, ließ es aber. Er schien so anders zu sein als Ercan und Ian, die ihr eher feindselig gegenübergestanden hatten. Was wollte Livian erreichen?
Sie seufzte leise und deutete auf die Tür. »Gut, ein Rundgang wäre nett. Und ein paar Auskünfte vielleicht?«
Livian zwinkerte ihr zu, bevor seine schmale Hand die Tür aufschob.
Zuerst wollte er ihr das Äußere des Hauses zeigen. Es sei wichtig für das Verständnis, wie sie lebten. Dort, wo kein Sonnenlicht war, kam ihr alles sehr kühl vor. Schließlich gingen sie hinaus und Maya fand sich in einer Art … Burghof wider. Vor ihr stand ein steinalter Brunnen, der von Efeu überwuchert wurde und vermutlich gar nicht mehr zu verwenden war. Stirnrunzelnd schaute sie hoch. Wie nobel und modern doch alles gewirkt hatte und nun, da sie draußen war, war alles wie im Mittelalter? Maya schmunzelte. Das hatte etwas.
»Warte.« Livian hielt sie sanft am Ärmel fest, als sie sich aus dem Hof hinausbewegen wollte, um die Burg von vorne zu sehen. »Warte bitte kurz hier.«
Als er sich umdrehte, bemerkte sie, dass sein langer Zopf nur von einem dünnen Band gehalten wurde, und fragte sich, wie lang es wohl halten würde.
Livian schien ihr sympathisch, trotzdem wäre das jetzt ihre Gelegenheit, sich auf eigene Faust loszumachen. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie auf keinen Fall in einem Traum gefangen sein konnte. Das hier war wirklich. Echt. Träume konnten nicht so lange dauern. Sie hatte hier bereits zu viel Zeit verbracht.
Während die Wahrheit zu ihr durchdrang, lehnte sie sich an den defekten Brunnen. Die Sonnenstrahlen küssten sachte ihre Haut, als wollten sie sie beruhigen. Tatsächlich hätte es ein schöner Tag sein können, aber in ihr begann es zu toben. Ein Wirbel aus Emotionen, die ihr zuschrien, wegzulaufen, nach Hause zu kommen. Verzweiflung nagte an ihr. Es kostete sie all ihre Kraft, sich von ihr nicht auffressen zu lassen. Sie musste einige Male tief durchatmen. Das hier mochte real sein, aber das bedeutete nicht, dass sie für immer hier festsaß. Niemand durfte erfahren, wie schwach sie war, also baute sie erneut eine Mauer um sich herum.
Livian kehrte zurück. Er trug etwas Schwarzes auf seinen Händen.
»Was ist das?«, fragte Maya und betete, dass man ihr die Panik nicht ansah, die in ihr herrschte.
Doch Livian antwortete nicht, stattdessen breitete er das große Stück Stoff aus und legte es ihr über die Schultern. »Schieb die Kapuze nach oben, Chérie. Dann wird dich niemand erkennen.«
