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Hans ist auf dem Heimweg, als sein Leben eine unerwartete Wendung nimmt: Er bekommt einen Wunsch frei. Genau einen. Hans zögert nicht lange und schon fliegt er mit einem Baum samt Specht durch die Tiefen des Alls! Hans erkennt schnell, dass der Weltraum kein Ort ist, an dem er es sich bequem machen kann. Um dort zu bestehen, braucht er seinen ganzen Mut, all sein Glück, alle seine Freunde - und allen Verstand, den er auftreiben kann. Hans nimmt die Herausforderung an.
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Seitenzahl: 254
Veröffentlichungsjahr: 2020
Hinter dem Verstand geht die Reise erst los…
Vor nicht allzu langer Zeit,
ich glaube,
es war vorgestern,
zog in einer kleinen Seitenstraße
einer mittelgroßen Stadt
ein Mann
ein Dachfenster zu,
damit seine Katze
nicht auf die Schindeln klettern konnte,
um die Spatzen zu jagen,
die dort saßen.
Das war gut so,
denn nun saßen
die Spatzen ganz ruhig
auf dem Dach,
drei, nein vier,
alle nebeneinander.
Sie pfiffen
eine Geschichte
von den Dächern
auf die kleine Seitenstraße
in der mittelgroßen Stadt,
und diese Geschichte
war keine kleine Geschichte,
auch keine mittelgroße,
sondern eine große.
Es war die Geschichte
von Hans Glück,
der mit einem Baum
durchs Weltall flog.
Ich will sie euch erzählen.
© 2020 Maria Bronk
Umschlaggestaltung: Stefan R. von der Lieth
Foto: Couleur / Pixabay GmbH
Illustration: Angelique Schmidt
Korrektorat: Johann Jakob Preuß, Maria Bronk
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-11673-3
Hardcover
978-3-347-11674-0
e-Book
978-3-347-11675-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
1
Höflichkeit ist eine Zier
Im Sommer, als die Erdbeeren bereits lange von den Feldern verschwunden waren und die Menschen ungeduldig den Weintrauben beim Wachsen zusahen, lief ein Mann eine Straße entlang. Er hatte dunkles Haar, und die Julisonne sorgte dafür, dass seine Haut seinem Haar von Stunde zu Stunde mehr glich. Der Mann achtete nicht darauf. Er sah seinen Füßen beim Laufen zu, setzte mit ruhiger Gleichmäßigkeit einen Fuß vor den anderen, erst den rechten, dann den linken, rechts, links, rechts, links, und er summte ein Lied dazu, wie es ihm gerade in den Sinn kam.
Die Straße glühte unter seinen Schuhen. Wärme floss aus den Steinen durch die Sohlen hindurch in seine Füße. Die Luft roch nach Staub und nach dem Harz der Kiefern, die als lichter Wald die Straße säumten und deren Kronen ein leichter Wind hin- und hertrieb. Leise, leise sang der Wind in ihren Wipfeln. Nichts rührte sich, nur ein Zapfen fiel von den Kiefern herunter und dem Mann vor die Füße. Er trat danach, und der Zapfen sprang auf der Straße vor ihm hin, hüpfte zweimal, rollte noch ein wenig und blieb dann wieder liegen. Der Mann trat noch einmal nach ihm, und dieses Mal flog der Zapfen weit und landete irgendwo im Gebüsch.
„Au!“
Das kam aus dem Gebüsch.
Ein sprechendes Gebüsch ist es meistens wert, dass man innehält und es näher betrachtet, und so blieb der Mann stehen und sah es an. Während er jedoch so dastand und darauf wartete, dass etwas Weltbewegendes passierte, geschah nichts. Fast wäre er weitergegangen, aber dann entsann er sich einer alten Weisheit, die er mal an einem anderen Wegesrand mitgenommen hatte: Niemals zu früh aufgeben! Am besten überhaupt nicht aufgeben!
Er las einen Kiesel auf und warf ihn dem Kiefernzapfen hinterher.
„AU!! Erst Holz und jetzt Klamotten!“ Das Gebüsch sprach schon wieder, aber war es wirklich das Gebüsch, das da sprach? Was verbarg sich darin? Was steckte dahinter? Der Mann langte nach einem weiteren Kiesel, ehe er sich an das Grünzeug heranwagte.
Sicher ist sicher.
„He, du! Ja, du da, mit dem Stein in der Hand! Das habe ich gesehen! Versuch gar nicht erst, noch etwas nach mir zu werfen! Gerade ist Schonzeit! Ist es nicht schon genug, dass ihr mir im Herbst hinterherhetzen müsst, wenn ich wirklich noch andere Dinge zu tun habe, als mich und meine Haut vor euch und euren Kötern zu retten? Den Stein da, den du da in der Hand hast, den kannst du gleich wieder fallen lassen. Hast du mich verstanden?“
Der Kiesel fiel nach unten.
Der Mann starrte auf das Gebüsch.
„Was bist du?“
„Ein Reh“, sagte das Reh und trat hinter dem Gebüsch hervor.
„Ich bin ein Reh. Vier Beine, Körper, Fell drum rum. Reh. Ich habe sogar Rehaugen, siehst du?“, fügte es hinzu und klimperte den Mann damit spöttisch an.
„Rehe tun keinem was. Sie stehen nur herum, fressen Gras und versuchen mit sehr schwachem Erfolg, sich aus der Schusslinie zu halten, wenn die Langeweile mal wieder irgendwelche Jäger in den Wald treibt, um ihrer Fährte zu folgen. Aus Pilzesuchen scheint sich heute wohl keiner mehr was zu machen. Was treibt dich überhaupt hier des Weges? Normalerweise heizt ihr doch in diesen Metalldingern über die Straßen, diesen Autos. Mit denen legt ihr uns auch gut um, wenn wir mal nicht schnell genug über die Straße kommen. Aber du läufst hier auf zwei Beinen durch die Weltgeschichte, einfach so. Das ist mal was Neues.“
„Du kannst sprechen.“
„Na und? Du auch.“
„Ja, aber du bist ein Reh.“
„Ja. Das sagte ich bereits.“
„Ja, du sagtest es. Das ist ja das Besondere an dir.“
Das Reh zuckte nur mit den Schultern.
„Wo hast du das gelernt?“
„Das Sprechen?“
„Ja.“
„Nirgends. Es wurde mir gegeben. Ich bin einem dieser kleinen grünen Männchen begegnet, die einem jeden Wunsch erfüllen, wenn man ihnen über den Weg läuft und sich anständig benimmt und nicht mit Steinen nach ihnen schmeißt, so viel kann ich dir verraten. Sie sind sehr freigiebig, aber sie geben auch sehr viel auf Höflichkeit. Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es heraus. Ich war sehr nett zu ihnen und durfte mir daraufhin was wünschen.“
„… und du wolltest sprechen können wie die Menschen. Ist dir nichts Besseres eingefallen als das?“
„Nein, warum? Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es ab jetzt auch hinaus. Man schießt auf mich mit Blei, du wirfst nach mir mit Steinen, und bis vor Kurzem konnte ich nichts weiter tun, als mein Los still zu ertragen, mit meinen Rehaugen schicksalsergeben vor mich hin zu klimpern und mich in meine untere Position in der Nahrungskette zu fügen. Es ist nicht leicht, sage ich dir, nicht leicht. Ich wehre mich nicht gegen die Natur. Ich kann ja nichts dafür, dass ich als Reh geboren wurde und nicht als Löwe, aber von nun an beschwere ich mich darüber, jawohl. Das ist mein gutes Recht als Reh, und wir werden ja sehen, wie viele Menschen ich zu einem Leben als Vegetarier überreden kann. Solange ich stumm war, bedauerte mich keiner, doch verletzte mich jeder, aber nun, da ich sprechen kann, kann sich das ändern. Ich kann es ändern.“
„Na, wenn du das sagst. Wo hast du das grüne Männchen gefunden?“
„Ach, gar nicht weit von hier. Geh noch zwanzig Kiefern geradeaus, dann zwei Birken rechts, eine Eiche links, und dann ist der Fleck schon ganz nah. Es gibt da einen großen Stein, auf dem die Männchen gerne sitzen und sich sonnen. Du hast Glück. Heute ist das Wetter ideal für sie, und du triffst sie sicher an.“
„Danke.“
„Keine Ursache.“
„Ich wünsch’ dir noch einen schönen Tag und viel Spaß bei dem, was du tust, was auch immer es ist.“
„Danke, aber hörst du mir eigentlich zu? Ich sagte doch bereits, dass ich nur rumstehe, Gras fresse und mit schwachem Erfolg versuche, mich aus der Schusslinie zu halten, wenn die Langeweile mal wieder irgendwelche Jäger in den Wald treibt …“
Der Mann ließ das Reh neben dem Gebüsch stehen. Er setzte seine Schritte wieder vorwärts, doch nun abseits des Weges, zwanzig Kiefern geradeaus, zwei Birken rechts, eine Eiche links, und schon sah er vor sich eine kleine Lichtung, bewachsen mit wenig Moos und etwas mehr Gras, das die Sonne schon auf dem Halm trocknete. Außer dem Moos und dem Gras sah er nicht viel auf der Lichtung, nur einen großen, flachen Stein, und auf diesem Stein saßen in der Tat drei kleine Männchen. Ihre Haut war so grün wie das Moos. Sie waren silbern gekleidet, in einen Stoff, der nicht von dieser Welt zu kommen schien, im Sonnenlicht wie Mondschein funkelte und die grüne Haut der Männchen vor zu hoher UV-Strahlung schützte. An einem anderen Ort entsprach dieses Gewand den modischen Standards der Gegenwart, aber für den Mann sah es aus, als hätten sich die Männchen nur in ein glitzerndes Bettlaken gewickelt. Er entsann sich jedoch der Warnung des Rehs und behielt seine Ansichten für sich. Die Männchen hatten ihn auch noch nicht bemerkt.
„Achtzehn.“
„Ja.“
„Zwanzig.“
„Ja.“
„Zwo.“
„Ja.“
„Drei.“
„Ja.“
„Vier?“
„Ja.“
„Sieben?“
„Weg.“
„Dreißig?“
„Spielse.“
„Harr-harr.“ Eines der Männchen angelte nach zwei Karten, die auf dem Stein vor ihm lagen, und fügte sie den Karten auf seiner Hand hinzu. Es legte zwei Karten zur Seite und sah seine Mitstreiter an, erst den einen und dann den anderen. Dabei fiel sein Blick auch auf das Moos und das Gras, auf die Bäume am Rand der Lichtung und auf den Mann davor.
„Holla, Kameraden, schaut euch mal um! Wir haben Besuch. Tritt näher, Fremder, und sag uns, wie du heißt!“
Der Mann trat näher. „Mein Name ist Hans. Hans Glück. Ich wünsche euch einen schönen guten Tag, meine Herren.“
„Wir wünschen dir auch einen schönen guten Tag, Hans Glück. Bist du schon lange hier in der Gegend? Wir haben dich noch nie gesehen, aber das will nichts heißen. Wir reisen nicht viel herum. Wir kommen eigentlich jeden Tag nur hierher und sitzen auf diesem Stein. Wenn die Sonne scheint, versteht sich. Wen treibt es auch schon ans Ende der bewohnten Welt, wenn er vor der Haustür alles hat, was er braucht? Die Sonne lacht auf uns, und wir lachen in die Sonne. Ach, das Leben ist schön, wenn man es in der Gesellschaft von Freunden verbringen darf. Kommst du von weit her?“
„Ich komme von der Arbeit.“
Die Männchen sahen ihn fragend an. Alle drei schauten zu ihm auf, denn sie waren bedeutend kleiner als er. „Von der Arbeit, sagst du? Von der Arbeit? Von so einem Planeten haben wir ja noch nie was gehört. Wir kommen von der Venus, auch wenn alle glauben, wir kämen vom Mars. Das stimmt aber nicht. Es ist die Venus. Die Typen vom Mars sind totale Halunken. Falsch und verschlagen, wie man es sonst nirgendwo erlebt. Hüte dich vor denen, wenn du sie mal triffst. Du kommst von der Arbeit, sagst du? Wo liegt denn die?“
Hans erhaschte gerade noch rechtzeitig sein Lächeln und versteckte es, bevor es sich auf seinem Gesicht ausbreiten konnte. „Die Arbeit ist kein Planet, sondern eine Sache, die man tut. Man kann viele Sachen als Arbeit bezeichnen. Es ist das, was man einen großen Teil des Tages über macht, und am Ende lebt man davon. Wenn man Glück hat, bringt einem die Tätigkeit auch Freude. Meine Arbeit liegt hinter diesem Wald. Ich bin Tischler.“
„Ah, ich verstehe. Du baust Tische, und es macht dir Freude, denn dein Name ist ja Hans Glück. Wir sind dann also hier auch gerade bei der Arbeit“, sagte das erste grüne Männchen und deutete auf die Karten. „Wir leben zwar nicht davon, aber wir tun es trotzdem begeistert, den ganzen Tag über, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Nur nachts sind wir zu Hause.“
„Auf der Venus.“
„Genau.“
„Warum kommt ihr von der Venus hierher, um in Ruhe Karten zu spielen? Warum bleibt ihr dafür nicht zu Hause?“
„Nun ja. Wir könnten auf der Venus auch Karten spielen, das stimmt schon, aber mit der Ruhe ist das so eine Sache. Wir sind verheiratet, musst du wissen, und wenn …“
„Ich verstehe schon. Dann ist es wirklich besser, wenn ihr dafür auf den Nachbarplaneten ausweicht, aber wie kommt ihr da so schnell hin und zurück? Die Venus ist nicht gerade um die Ecke, wenn ich mich recht erinnere.“
„Kinderspiel. Siehst du das Ding da hinter dir, das grünbraune, am Waldrand?“
„Meinst du die Eiche?“
„Ja. Nein. Das ist keine Eiche. Sieh noch mal genau hin! Schon mal eine Eiche mit Antennen gesehen? Das ist unser fahrbarer Untersatz.“
Hans betrachtete die Eiche. Sie sah alt und mächtig aus, und ihre Wurzeln gruben sich ehrwürdig in den Waldboden. Er sah keine Antennen, so sehr er sich auch anstrengte, welche zu entdecken. Oh, diese kleinen Spinner! Die Männchen wurden ihm immer suspekter, je länger er sich mit ihnen unterhielt, aber das behielt er für sich. Er war seit jeher einer der seltenen Meister der erhabenen Kunst, die darin bestand zu wissen, wann es angebracht war, lieber die Klappe zu halten. Hans räusperte sich.
„Alles klar, ich verstehe. Ihr kommt jeden Tag hierher, weil das Wetter hier besser ist als bei euch. Ihr sitzt auf diesem Stein, kloppt Karten und lasst den lieben Gott einen guten Mann sein, und bei Sonnenuntergang düst ihr nach Hause zu den Sternen. Das ist durchaus nicht das schlechteste Leben.“
Die Männchen nickten wissend.
„Ja, wir möchten auch mit niemandem tauschen. Ach, Hans, du verstehst uns wirklich und das, obwohl du uns ja erst seit so kurzer Zeit kennst. Das ist sehr freundlich von dir. Es ist richtig rührend, so gut verstanden zu werden. Das hat man so selten in dieser Zeit. Du hast ja keine Ahnung – oder vielleicht hast du doch Ahnung, denn du verstehst ja alles so gut …“
Hans trat ein wenig unruhig von einem Fuß auf den anderen. Was, wenn die kleinen Herren auch noch nah am Wasser gebaut waren und ihm im nächsten Moment vor Rührung heulend um den Hals fielen? Das hätte ihm gerade noch gefehlt! Er stellte sich schon innerlich darauf ein, doch die Männchen rissen sich schniefend zusammen und hielten sich an ihren Karten fest.
„Weißt du, Hans, weil du so nett bist …“
„… ja, weil du uns so gut verstehst …“
„… weil du unser Freund bist …“
„Genau, weil du das alles bist, Hans Glück, darfst du dir was wünschen.“
Die drei Männchen nickten ihm eifrig zu und sahen erwartungsvoll zu ihm auf.
Hans war überrascht. Das Reh hatte nicht erwähnt, dass die Männchen so schnell ihre Freundschaft verschleuderten. Etwas wünschen sollte er sich, aber was? Er fing an nachzudenken. Er dachte nach, wie er schon seit langer Zeit nicht mehr über eine Sache nachgedacht hatte. Es könnte die Chance seines Lebens sein, aber was sollte er sich wünschen? Die Feen im Märchen gaben einem immer drei Wünsche, aber das hier war kein Märchen, sondern die Realität.
Hans dachte nach.
Was wünsche ich mir? Was wünsche ich mir? Geld? – Geld macht nicht glücklich. Ewiges Leben? – Wer will schon leben, wenn alle, die man kennt, nicht mehr da sind und nur die Langeweile einem noch Gesellschaft leistet? Ewige Gesundheit? – Das war viel wert, doch erstens fühlte Hans sich sehr fit, und zweitens hatte er genug Menschen gesehen, die einigermaßen gesund waren und trotzdem todunglücklich dabei. Mit der Gesundheit war es so eine Sache, und es war so ähnlich wie mit dem ewigen Leben: besser, wenn man sich nicht einmischte, sondern das Beste aus dem machte, was man bekam, selbst wenn es nur Mist war. Außerdem war es ein recht großer Wunsch, und die Männchen waren so klein und vielleicht auch nicht allmächtig. Hans wollte auch nicht unhöflich sein. Nein, er musste weiter nachdenken. Wünschen ist nicht einfach, stellte er fest, und klug zu wünschen ist sogar sehr schwierig.
Will ich die Rettung der Menschheit? – Die ist eh nicht mehr zu retten. Da hilft auch Wünschen nichts mehr. Weltfrieden? – Das ist leider auch komplett illusorisch. Soziale Gerechtigkeit? – Lach. Ein neues Auto? – Nee.
Hans dachte nach und dachte nach und dachte nach. Endlich hatte er die Antwort. Sein Verstand zweifelte an ihr, doch sein Herz war sich sicher: Die Antwort war richtig, und sie war genial. Hans sprach sie laut aus:
„Ich, äh, ich hätte auch gern so eine Weltraumeiche, bitte.“
2
SPOAK II
Die drei kleinen Männchen nickten nur. „Wie du es wünschst, Hans, so soll es geschehen. Du hast klug gewünscht. Wir hatten hier schon Leute, die wollten die Rettung der Menschheit und ähnlichen Mumpitz, aber da hilft auch Wünschen nichts mehr. Dein Wunsch ergibt wenigstens einen Sinn und wenn du ein wenig Verstand zwischen den Ohren sitzen hast und diesen auch zu benutzen weißt, dann kann dir dein Wunsch noch viel Gutes bringen. Das kannst du uns glauben.“
Hans versuchte, so auszusehen, als hätte er mehr als nur ein bisschen Verstand.
Die kleinen Männchen lächelten ihm zu, und das größte von ihnen erhob sich und legte seine Karten verdeckt auf den Stein. Es blickte seine Gefährten scharf an. „Wehe, wenn ihr mir in die Karten guckt, ihr zwei!“
„So was würden wir doch nie tun!“
„Niemals!“
Das Männchen sah sie zweifelnd an. Es zuckte mit den Schultern und trippelte auf kurzen Beinchen hinüber zur Eiche. Hans folgte ihm. Er sah, dass es feine Absatzschuhe trug, die aus einem Material waren, das ähnlich funkelte wie das Gewand, das es trug. Als das Männchen seinen Blick bemerkte, kicherte es.
„Gefallen dir meine Schuhe? Sie sind aus Wolkenfäden gesponnen, aus dem Nebel, der die Monde mancher Planeten einhüllt. Die gibt es nirgendwo zu kaufen, aber manchmal kann man sie finden. Wenn dir welche begegnen, auch wenn sie anders aussehen als meine, so nimm sie mit! Sie werden dich immer an den Ort führen, an den du gehen musst, auch wenn du selbst noch gar nicht weißt, dass du dort hinwolltest oder dass du dort hinsolltest. Du kannst ihnen aber vertrauen. Meistens.“
Hans zuckte mit den Schultern. Die Schuhe waren nicht das Einzige, das hier gesponnen war, fand er. Ein unhörbarer, doch tief empfundener Seufzer breitete sich in seinem Hirn aus.
Das Männchen war nun bei der Eiche angelangt. Sie sah aus der Nähe genauso robust aus wie aus der Ferne, mit dichtem Laub und vor allem mit kräftigen Wurzeln, die sie fest in der Erde verankerten. Es waren auch Eicheln angesetzt, und in den Zweigen turnten Eichhörnchen herum. Hans erblickte auch einen Specht, der weiter oben am Stamm saß und ihn keck anschaute, falls Spechte keck schauen können. Hans war sich nicht sicher. Er verstand nicht viel von Vögeln.
Das kleine Männchen angelte nach einem der Zweige. Es prüfte sorgfältig die angesetzten Eicheln und pflückte schließlich eine davon ab. Danach klatschte es in die Hände und stieß einen Pfiff aus. Hans hatte keine Zeit, sich über den Hokuspokus zu wundern. Ehe er damit anfangen konnte, segelten eine Spechtfeder und ein Büschel Eichhörnchenfell zu Boden. Das Männchen fing beides auf und wickelte es zusammen mit der Eichel in ein großes Eichenblatt. Dann reichte es Hans feierlich das Paket.
„Hier. Es ist am besten, wenn du es machst, sonst hört es später nicht auf dich.“
„Hä?“
„Na, das Schiff. Du musst es einpflanzen.“
Das Gehirn von Hans begann automatisch, über die wundersamen Wirkungen bewusstseinserweiternder Substanzen zu reflektieren. Über ihm schien noch immer die Julisonne, brannte heiß auf seinem Kopf. Um ihn herum wiegten sich Bäume leicht im Wind. Das Gras trocknete auf den Halmen, und das Moos war so grün wie die Haut des Männchens, das neben ihm stand und ihn erwartungsvoll, fast ungeduldig ansah.
„Es wird nicht wachsen, wenn du hier nur rumstehst. Geh ein paar Schritte auf die Lichtung! Wir brauchen ausreichend Platz. Du gräbst ein Loch, ungefähr zwei Handbreit tief, und legst alles hinein. Anschließend schaufelst du alles wieder zu und wartest noch einen Moment. Ich komme gleich nach.“
Das Männchen wedelte Hans mit der Hand zu und bedeutete ihm, wieder auf die Lichtung zu gehen. Es selbst sprang in die Zweige der Eiche und turnte mit einer Behändigkeit in die Baumkrone, die Hans dem kleinen Kerlchen nie zugetraut hätte. Er tat jedoch, wie ihm geheißen war. Auf der Lichtung war das Moos trocken und ließ sich leicht vom Waldboden heben. Die Erde darunter war locker und staubig. Das Loch zu graben, fiel Hans nicht schwer, aber es fiel ihm nicht leicht, sich dabei nicht als Trottel zu fühlen. Hans behielt jedoch seine Zweifel für sich und buddelte weiter. Man konnte ja nie wissen. Er legte das Eichenblatt samt Eichel, Feder und Eichhornhaar in das Loch und bedeckte alles mit Erde. Als er fertig war, erschien neben ihm wieder das kleine Männchen. Es hielt eine purpurfarbene Flasche in seinen kleinen Händen und zwinkerte ihm zu.
„Das ist der beste Dünger zwischen hier und dem Andromeda-Nebel. Du willst ja schließlich noch erleben, dass aus der Sache was wird. Ohne Dünger kannst du vierhundert Jahre darauf warten, dass aus der Eichel was wächst. Mit diesem Dünger hingegen …“, das Männchen warf Hans einen wissenden Blick zu und träufelte zwei Tropfen aus der Flasche auf die durstige Erde, „… mit diesem Dünger dauert der ganze Spaß nur vier Minuten. Pass auf!“
Hans passte auf. Während er aufpasste, begann er, sich zu wundern. Während er sich wunderte, begann er zu staunen, und aus dem Staunen kam er so schnell nicht mehr heraus.
Die Erde sog den Dünger auf, als sei es Wasser. Ein feiner Rauch stieg auf, zog gen Himmel und verflüchtigte sich wieder. An die Stelle der Rauchsäule trat ein feiner Spross, der die Erde durchbrach und sich zügig nach oben reckte. Gelbgrün, wie die Blätter im Frühling, tastete er sich an die Luft und wuchs mit einer Geschwindigkeit, die Hans den Atem raubte. Schon hatte er eine Höhe erreicht, dass Hans zu ihm aufschauen konnte. Er wurde dicker und dicker, verzweigte sich und trieb Blätter. Hans trat einen Schritt zur Seite, um der Krone auszuweichen, die das junge Bäumchen bildete, das unaufhörlich wuchs, Meter um Meter, bis es die Kiefern überragte und als riesiger Baum auf der Lichtung stand. Vor Hans erhob sich eine erhabene Eiche, breitete ihre dichtbelaubten Zweige über dem Waldboden aus und krallte ihre starken Wurzeln in die Erde. Eine mächtige Eiche, wie Hans noch keine gesehen hatte. Mit Antennen.
Ich glaub’ das nicht.
Hans schritt vorsichtig um die Eiche herum, berührte ihre Rinde und betastete ihre Blätter. So etwas konnte es nicht geben. Nein, so etwas war ganz und gar unmöglich. Wirklich. Seine Finger bildeten sich das nur ein.
„Ich glaub’ das nicht. Ich glaub’ das einfach nicht!“
„Piep.“
Hans schaute nach oben.
„Piep“, machte es dort. „Piep.“
Hans sah genauer hin. Zwischen den Zweigen, nahe einer Astgabel, saß ein junger Specht und sah keck zu ihm herunter. Er richtete sein Gefieder und schnippte mit einem Flügel lässig ein paar leere Eierschalen auf den Waldboden. Über ihm turnte ein Wurf junger Eichhörnchen durch die Baumkrone.
Hans schüttelte den Kopf und blickte wieder auf das Männchen, das grinsend neben ihm stand.
„Das ist ja unglaublich!“
„Ja, nicht wahr? Los, steig ein! Ich erkläre dir schnell die Basics, und dann kannst du gleich losdüsen. Ist ziemlich selbsterklärend, wenn man erst einmal weiß, wo alles ist.“
Das grüne Männchen reckte sich ein wenig und berührte ein Astloch am Stamm. Mit einem leichten Knarzen öffnete sich eine Tür im Baum und gab den Blick auf das Innenleben der Eiche frei. Der mächtige Stamm war innen hohl. An einer Seite waren kleine Einbuchtungen und griffartige Ausbuchtungen im Holz, an denen man sich nach oben hangeln konnte. Das Männchen kletterte flink hinauf, und Hans gab sich Mühe, ebenso sportlich zu sein. Es war vermutlich nur eine Frage der Übung, dachte er sich. Das Männchen sah alt aus. Es konnte nicht jünger sein als er.
Der Tunnel mündete weit oben in einen Raum, der so gut in der Krone versteckt war, dass Hans ihn von unten nicht bemerkt hatte. Er erinnerte ihn entfernt an das Innere eines Blockhauses, doch er war irgendwie – Hans suchte nach dem richtigen Wort – lebendiger als ein Haus. Hans konnte fast spüren, wie der Raum sich ein wenig bewegte, aber er war sich nicht sicher. Er traute an diesem Tag seinen Sinnen schon lange nicht mehr.
„Kannst du mal bitte herüberkommen, Hans?“
Hans folgte dem Männchen zu einer Seite des Raumes, von der er annahm, dass sie ‚vorn‘ sein musste, wenn die Weltraumeiche flog. Sie standen nun vor einer Art Armaturenbrett, das verdächtig simpel aussah. Es gab nur wenige Knöpfe und dazu ein paar Hebel. Das Innere eines Flugzeugcockpits war die reinste Technikschlacht dagegen.
„Willkommen an Bord der SPOAK II. Space Oak. Es gibt nur wenige Dinge, die du vorab wissen musst. Erstens: Nirgendwo auf dem Schiff gibt es die Möglichkeit, sich irgendwomit gegen irgendwen oder irgendwas zu verteidigen. Wenn du in Schwierigkeiten kommst, dann vertraust du entweder auf dein Hirn und deine Redegewandtheit, oder du siehst zu, dass du Land gewinnst, klar?“
„Klar“, sagte Hans und versuchte, nicht an die außerirdischen Monster zu denken, die er aus Filmen kannte.
„Zweitens: Du kannst deiner Crew vorbehaltlos in allen Fragen vertrauen. Achte darauf, dass du immer alle zusammenhältst! Die SPOAK II ist eins der wenigen ökologisch einwandfreien Raumschiffe, die es gibt, und Schiff und Crew bilden ein geschlossenes System. Wenn du Bausteine davon verlierst, ist das schlecht. Auf ein oder zwei Raumhörnchen kannst du zur Not noch verzichten, aber niemals auf den Specht.“
„Wofür brauche ich die Raumhörnchen?“
„Sie treiben Nahrung auf. Raumhörnchen haben eine völlig gestörte Wahrnehmung über den eigenen Bedarf. Sie holen sich immer viel mehr, als sie brauchen, und so versorgen sie dich und auch den Specht mit. Lass dich nicht von ihrem Äußeren täuschen, auch wenn sie so aussehen wie die Eichhörnchen, die du von deinem Planeten kennst. Diese Eichhörnchen hier springen nicht nur von Ast zu Ast, sondern auch von Raum zu Raum, aber sie kehren immer wieder zur SPOAK II zurück, denn das ist von nun an auf ewig ihre Heimat, egal wo sie sich befindet. Sei nett zu ihnen, und sie versorgen dich mit Nahrung – und oft auch mit sehr nützlichen Tipps. Sie wissen fast alles.“
„Und der Specht?“
„Der weiß alles. Er und die Raumhörnchen werden mit Wissen geboren. Der Specht ist die Schnittstelle zwischen dir und dem Schiff. Du bestimmst, wohin die Reise geht, aber ohne den Vogel ist die SPOAK II nichts weiter als ein gewöhnlicher Baum. Sie wird sich ohne den Vogel um keinen Millimeter bewegen, also pass immer darauf auf, dass dem Specht nichts passiert! Der Specht teilt dem Schiff deine Wünsche mit und steuert es auch durch den Raum. Wenn du den Specht brauchst, dann drücke einfach auf den grünen Knopf, und er kommt sofort.“
„Der Specht spricht also mit dem Schiff, aber wie spreche ich mit dem Specht?“
„Genau so, wie du auch mit mir sprichst. Er versteht dich bereits, und du wirst alle anderen auch bald verstehen.“
„Alles klar. Und womit tanke ich das Baby?“
„Mit Wasser natürlich. Du wirst ja sehen, wann die Blätter welk werden. Irgendwo hier gibt es eine Liste mit Planeten, auf denen es Wasser gibt. Nimm solche mit flüssigem Wasser. Eis ist nur für Cocktails, Kumpel.“
Das Männchen zwinkerte ihm zu.
„Hans, ich muss jetzt wieder zurück zu meinen Jungs, sonst gucken die mir wirklich noch in die Karten. Hast du noch Fragen?“
„Nein, ich denke nicht.“
„Gut. Zur Not kannst du auch immer den Specht fragen. Ich wünsche dir viel Glück und eine gute Reise. Mach’s gut!“
„Mach’s besser!“
Sie reichten sich zum Abschied die Hand, und das Männchen winkte ihm auch noch einmal zu. Dann hangelte es sich wieder den Stamm hinab, und Hans war allein.
3
Der Weltraum, unendliche Weiten
An Bord der SPOAK II war es ruhig. Hans rührte sich auch nicht und gab seinem Hirn Zeit, sich die Realität um ihn herum zu etwas zu sortieren, das Sinn ergab. Das war leichter gesagt als getan. Da war zunächst diese fremdartige Helligkeit. Warum konnte er sehen, was er sah? Er war schließlich im Inneren eines Baumes, und doch war es hell. Es musste etwas mit dem Holz zu tun haben. Vielleicht war dieses Weltraumholz einfach durchlässiger als andere Stoffe. Vielleicht war es auch irgendetwas, das so seltsam war, dass Hans es sich noch nicht einmal vorstellen konnte. Er betrachtete die Luft, und es schien ihm, als könne er beinahe die Luft sehen, als käme das Licht im Raum aus der Luft selbst, als schwebten kleine Helligkeitspartikel wie Staubkörner durch die Luft, die er atmete.
Wollen wir hoffen, dass ich nicht auch anfange, nachts zu leuchten, wenn ich hier öfter tief Luft hole.
Er sah sich weiter um und sah dabei nur, dass es nichts zu sehen gab. Es gab die Wände der SPOAK II. Es gab den Fußboden. Es gab das seltsame Armaturenbrett. Sonst gab es nichts, nicht einmal einen Stuhl, auf den man sich setzen könnte, und das gab dem Tischler in Hans doch sehr zu denken. Die SPOAK II mochte die ökologischste Raumeiche im ganzen Universum sein, aber Komfort war etwas anderes, jawohl, und wer an der Inneneinrichtung sparte, der sparte an der falschen Stelle. Hans dachte an die Männchen, die draußen in der Sonne saßen.
Kein Wunder, dass sie es bequem finden, tagein, tagaus auf einem Stein zu sitzen, wenn sie so etwas hier gewohnt sind. Hier kann man sich allenfalls die bequemste Stelle aussuchen, die man auf dem Fußboden findet, oder man veranstaltet gleich eine Ein-Mann-Stehparty mit sich selbst.
Hans trat ans Armaturenbrett und beäugte neugierig die Knöpfe. Entweder hatte das Männchen die meisten davon nicht erklärt, oder er hatte vor lauter Staunen bei der Erklärung nicht zugehört. Er wusste nur noch, dass der grüne Knopf den Specht rief.
Hans drückte den grünen Knopf.
Zweieinhalb Sekunden lang passierte nichts. Dann klopfte es hinter Hans viermal in rascher Folge auf Holz.
„Pti-ta. Erster und einziger Navigator der SPOAK II. Zu Ihren Diensten.“
Hans drehte sich um, und richtig: Da saß der junge Specht, mit glattem Gefieder und kecker Miene.
„Ti-ta?“
„Pti-ta.“
„Pti-ta.“
„Genau. Was kann ich für Sie tun?“
„Du kannst mich duzen.“
„Was kann ich für dich tun, außer dich zu duzen?“
„Äh, du kennst dich mit dem Schiff hier aus?“
„Mit der Eiche? Natürlich. Ich kann sie dir zu jedem Punkt des Weltalls steuern. Selbst wenn du auf die andere Seite des Universums möchtest, ist das für mich kein Problem, und es dauert auch nicht lange, wenn man weiß, welche Abkürzungen man nehmen muss. Die Eiche ist auch fast genauso schnell wie die Zeit.“
„Hä?“
