Die wichtigsten Werke von Alfred Adler - Alfred Adler - E-Book

Die wichtigsten Werke von Alfred Adler E-Book

Alfred Adler

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Beschreibung

Alfred Adlers "Die wichtigsten Werke von Alfred Adler" bietet einen tiefen Einblick in seine pioneering Theorien zur Individualpsychologie. Der Band vereint Adlers umfassende Erörterungen über die menschliche Motivation, das soziale Gefüge und die Entstehung psychischer Probleme. In prägnantem, aber dennoch einfühlsamem Stil analysiert Adler die Rolle des Gemeinschaftsgefühls in der Entwicklung des Individuums und propagiert den Gedanken, dass die Suche nach persönlicher Bedeutung und sozialer Integration zentral für das menschliche Verhalten ist. Das Werk ist verankert im Kontext der frühen 20. Jahrhunderts, einer Zeit des Umbruchs und der psychologischen Revolution, was Adlers Gedankengebäude umso bedeutsamer macht. Alfred Adler, ein Wegbereiter der Psychologie, war nicht nur Begründer der Individualpsychologie, sondern auch ein bedeutender Sozialreformer. Während seiner Tätigkeit in der Wiener Gesellschaft für Psychiatrie erlebte er die Herausforderungen seines eigenen Lebens und Kontextes, die seine Ansichten über Minderwertigkeitsgefühle und die Notwendigkeit sozialer Bindungen prägten. Sein Bestreben, Menschen zu helfen, ihre Ängste zu überwinden und ein sinnvolles Leben zu führen, spiegelt sich in seinen Schriften wider und belegt sein tiefes Engagement für das Wohl der Gesellschaft. Für Leser, die sich für Psychologie, menschliches Verhalten und die gesellschaftlichen Strukturen interessieren, ist dieser Band unerlässlich. Adlers theoretische Grundlagen sind nicht nur erhellend, sondern auch inspirierend, und laden die Leser ein, über ihre eigenen sozialen Beziehungen und inneren Motivationen nachzudenken. Entdecken Sie die zeitlose Relevanz der Ideen eines der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Alfred Adler

Die wichtigsten Werke von Alfred Adler

Bereicherte Ausgabe. Die Grundlagen der Individualpsychologie: Adlers Schriften verständlich erklärt
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Nolan Shepherd
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547808534

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Die wichtigsten Werke von Alfred Adler
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Sammlung vereint zentrale Schriften von Alfred Adler in einer konzentrierten Auswahl und verfolgt das Ziel, seine Individualpsychologie in ihrer Breite und inneren Einheit sichtbar zu machen. Sie ist keine Gesamtausgabe, sondern eine kuratierte Zusammenstellung maßgeblicher Texte, die Theorie, Anwendung und gesellschaftliche Orientierung verbinden. Damit richtet sie sich sowohl an Leserinnen und Leser, die einen fundierten Einstieg suchen, als auch an Kenner, die Adlers Grundgedanken im Zusammenhang nachverfolgen möchten. Der Band führt in eine Denkweise ein, die das Individuum stets in Beziehung zur Gemeinschaft betrachtet und psychologische Einsichten mit ethischer Haltung und praktischer Lebenshilfe verbindet.

Im Mittelpunkt stehen fünf Werke, die unterschiedliche Zugänge eröffnen und einander ergänzen: Der Sinn des Lebens, Menschenkenntnis, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, Über den nervösen Charakter sowie Adlers ausgewählte Arbeiten aus Heilen und Bilden. Zusammen zeigen sie, wie aus klinischer Erfahrung, pädagogischer Praxis und gesellschaftlicher Beobachtung ein geschlossenes Konzept entsteht. Die Auswahl legt Wert auf Verständlichkeit und Relevanz: Sie lädt dazu ein, die großen Linien zu erkennen, ohne in Details zu verlieren, und das Denken Adlers sowohl historisch zu würdigen als auch für gegenwärtige Fragen fruchtbar zu machen.

Die Zielsetzung der Sammlung ist doppelt: einerseits systematisch, um Grundbegriffe und methodische Leitideen klar hervortreten zu lassen, andererseits exemplarisch, um die Vielfalt der Anwendungsfelder sichtbar zu machen. Leserinnen und Leser können verfolgen, wie sich zentrale Motive – etwa die soziale Eingebundenheit des Menschen, die Bedeutung individueller Zielvorstellungen und die Förderung von Mut und Verantwortung – in unterschiedlichen Kontexten entfalten. Die Zusammenstellung ermöglicht vergleichendes Lesen: Zwischen Werken, die eher programmatisch vorgehen, und solchen, die stärker popularisierend oder pädagogisch orientiert sind, entsteht ein Dialog, der Adlers Ansatz in seiner Spannweite erfahrbar macht.

Hinsichtlich der Textsorten versammelt der Band vor allem psychologische Monographien, systematische Darstellungen und popularisierende Sachtexte, ergänzt um pädagogische und therapeutische Beiträge. Es handelt sich nicht um literarische Gattungen wie Roman oder Drama, sondern um Fach- und Vermittlungsschriften, die Theorie, Fallnähe und lebenspraktische Orientierung verbinden. Manche Texte sind stärker begrifflich und methodisch, andere wenden sich erklärend an ein breiteres Publikum. Insgesamt ergibt sich ein Spektrum von der theoretischen Grundlegung über einführende Überblicksdarstellungen bis hin zu anwendungsbezogenen Ausführungen, die für Beratung, Erziehung und gemeinschaftliches Handeln anschlussfähig sind.

Der Sinn des Lebens führt zu grundlegenden Sinn- und Wertfragen, die für Adlers Denken charakteristisch sind. Menschenkenntnis öffnet einen verständlichen Zugang zu psychologischen Einsichten, die den Alltag betreffen, ohne an Präzision zu verlieren. Praxis und Theorie der Individualpsychologie ordnet Kernkonzepte und zeigt Wege ihrer Umsetzung. Über den nervösen Charakter richtet den Blick auf Muster, die seelisches Leiden prägen, und verknüpft individuelle Dynamiken mit sozialen Bezügen. Die ausgewählten Arbeiten aus Heilen und Bilden bündeln Beiträge, die die Brücke zwischen therapeutischem Verstehen und pädagogischer Förderung schlagen und damit Adlers ganzheitliches Anliegen verdeutlichen.

Stilistisch sind klare Argumentation, didaktische Struktur und der Wille zur Verständigung prägend. Die Texte verbinden anschauliche Beispiele mit begrifflicher Schärfe und wahren dabei einen Ton, der zugleich nüchtern, ermutigend und verantwortungsbewusst bleibt. Adlers Sprache zielt auf Orientierung, nicht auf Spektakel; sie will aufklären, ordnen und zur eigenen Prüfung anregen. Charakteristisch ist die Verknüpfung von psychologischer Analyse mit ethischer Perspektive: Erkenntnis soll nützen, Beziehungen stärken und Selbsttäuschungen auflösen helfen. Die Darstellung bleibt grundsätzlich zugänglich, ohne die Komplexität menschlichen Handelns und Erlebens zu verkürzen.

Als verbindende Themen treten die Ganzheitlichkeit der Person, die Zielgerichtetheit des Handelns und die soziale Mitverantwortung hervor. Adler betont das Gemeinschaftsgefühl als Maßstab gelingender Entwicklung und versteht das Individuum nicht isoliert, sondern im Gefüge von Familie, Beruf und Öffentlichkeit. Wiederkehrend sind Überlegungen zu Lebensstil und Sinnorientierung, zu Gefühlen von Unterlegenheit und zu kompensatorischen Bestrebungen. Diese Motive werden nicht als starre Kategorien behandelt, sondern als dynamische Prozesse, die durch Ermutigung, Einsicht und Kooperation beeinflusst werden. So entsteht ein Menschenbild, das Autonomie und Zugehörigkeit konstruktiv miteinander verbindet.

Die Sammlung zeigt, wie Theorie und Praxis ineinandergreifen. Psychologische Begriffe dienen nicht der Abstraktion um ihrer selbst willen, sondern sollen diagnostische Klarheit und hilfreiches Handeln ermöglichen. Pädagogische und beratende Haltungen folgen daraus folgerichtig: Förderung statt Beschämung, Kooperation statt Konkurrenzdenken, Entwicklung statt Etikettierung. Indem die Texte systematische Reflexion mit praktischer Anleitung verbinden, werden sie für Beratungssituationen, Bildungsprozesse und gemeinschaftliches Engagement nutzbar. Gerade diese Anschlussfähigkeit erklärt, warum die hier versammelten Werke über ihren Ursprungskontext hinaus wirksam geblieben sind und immer wieder neue Leserkreise erreichen.

Im historischen Hintergrund wird eine Psychologie sichtbar, die sich aus der Erfahrung gesellschaftlicher Veränderungen speist und die Lebensbedingungen ihrer Zeit ernst nimmt. Die Texte entstehen in einem Umfeld, in dem medizinische, psychologische und pädagogische Fragen enger zusammenrücken. Adlers Blick richtet sich dabei auf die gegenseitige Beeinflussung von persönlicher Entwicklung und sozialer Umwelt. So verbindet sich klinisches Interesse mit einer Haltung, die Prävention, Bildung und Gemeinschaftsbildung als zusammengehörige Aufgaben versteht. Die Sammlung macht diesen Zusammenhang nachvollziehbar, ohne die Eigenart der einzelnen Werke zu verwischen.

Methodisch ist der teleologische Zugriff kennzeichnend: Verhalten wird unter dem Aspekt von Zielen und Nutzen betrachtet. Daraus resultieren diagnostische Leitlinien, die weniger nach Ursachen in der Vergangenheit suchen, als nach aktuellen Bedeutungen und hilfreichen Neuorientierungen. Ermutigung, Klarheit der Ziele und die Prüfung ihrer sozialen Tragfähigkeit werden zu Leitprinzipien. Diese Orientierung erlaubt es, individuelle Besonderheiten anzuerkennen und zugleich auf gemeinsame Aufgaben hinzuweisen. In der Gesamtschau wird deutlich, wie aus dieser Methodik ein konsistentes Vorgehen entsteht, das Pathologie nicht verharmlost, aber Entwicklungsmöglichkeiten konsequent in den Vordergrund rückt.

Als Gesamtheit sind die Werke bedeutsam, weil sie ein dauerhaft tragfähiges Verständnis vom Menschen entfalten: realistisch im Blick auf Konflikte und Hemmungen, zugewandt in der Betonung von Ressourcen und Verantwortlichkeit. Die Verbindung von persönlicher Sinnsuche, sozialem Engagement und praktischer Veränderungsarbeit stiftet Orientierung über disziplinäre Grenzen hinweg. Leserinnen und Leser gewinnen nicht nur begriffliche Werkzeuge, sondern auch Maßstäbe für Zusammenarbeit, Erziehung und Selbstführung. Gerade die Balance aus analytischer Strenge und lebensnaher Anwendbarkeit macht den bleibenden Wert dieser Sammlung aus.

Diese Einleitung lädt dazu ein, die Texte im Wechselspiel zu lesen: Die Sinnfrage schärft den Blick für Ziele, die Menschenkunde erweitert das Verständnis alltäglicher Motive, die systematische Darstellung ordnet das Feld, die Analyse des nervösen Charakters sensibilisiert für Hemmnisse, und die pädagogischen Arbeiten zeigen Wege in die Praxis. So entsteht eine Lektürereise, die von der Grundhaltung der Individualpsychologie getragen wird. Der Band verfolgt damit einen klaren Anspruch: die wesentlichen Linien von Adlers Werk zugänglich, vergleichbar und nutzbar zu machen – für gründliche Studien ebenso wie für verantwortliches Handeln.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Alfred Adler (1870–1937) war ein österreichischer Arzt und Psychologe und zählt zu den prägenden Gestalten der frühen Tiefenpsychologie. Als Begründer der Individualpsychologie rückte er soziale Eingebundenheit, Lebensziele und Verantwortlichkeit ins Zentrum des psychischen Geschehens. Seine Konzepte des Minderwertigkeitsgefühls, des Strebens nach Überlegenheit und des Gemeinschaftsgefühls boten eine praktische Alternative zu freudschen Trieblehren und prägten Psychotherapie, Pädagogik und Beratung im 20. Jahrhundert nachhaltig. Adler verstand psychische Symptome als sinnvolle Versuche der Bewältigung und betonte Ermutigung statt Deutungshoheit. Seine Ideen fanden in Schulen, Beratungsstellen und Kliniken Anwendung und wirken bis heute in Beratung, Coaching und Prävention fort.

Aufgewachsen in der multikulturellen Hauptstadt der Habsburgermonarchie, studierte Adler in den 1890er-Jahren Medizin an der Universität Wien. Eine frühe klinische Tätigkeit führte ihn über die Augenheilkunde zur allgemeinen Praxis, wo er medizinische, soziale und psychische Notlagen in enger Wechselwirkung erlebte. Das Wiener Umfeld mit seiner Verbindung von Naturwissenschaften, Sozialreform und Kulturkritik prägte seinen Blick auf den Menschen als biopsychosoziale Einheit. Methodisch orientierte er sich an klinischer Beobachtung, Fallarbeit und an der damals entstehenden Psychopathologie. Diese Ausbildung bildete den Rahmen, in dem seine späteren theoretischen Akzente — Zweckmäßigkeit des Verhaltens und Einheit der Persönlichkeit — vorbereitet wurden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schloss sich Adler dem psychoanalytischen Kreis um Sigmund Freud an und beteiligte sich an lebhaften Debatten über Neurosenlehre und Therapie. Mit der Studie über Minderwertigkeit von Organen (um 1907) verknüpfte er körperliche Dispositionen mit psychischer Kompensation und leitete daraus eine umfassendere Sicht auf Entwicklung und Störung ab. Seine wachsende Kritik an Triebzentrierung und Kausaldenken führte in den frühen 1910er-Jahren zum Bruch mit dem freudschen Lager. In der Folge begründete er die Individualpsychologie, die das Zielhafte, den Lebensstil und das soziale Eingebundensein des Menschen betont und therapeutische Praxis stärker an Ermutigung und Kooperation ausrichtet.

Kernstücke von Adlers Ansatz sind die Vorstellungen vom Minderwertigkeitsgefühl und vom Streben nach Überlegenheit als alltägliche, entwicklungsrelevante Dynamiken. Entscheidend ist das Gemeinschaftsgefühl: die Fähigkeit, sich kooperativ und verantwortungsvoll in soziale Zusammenhänge zu stellen. Er beschrieb den individuellen Lebensstil als frühes Muster der Sinngebung und Problemlösung. Philosophisch stützte er sich unter anderem auf Hans Vaihingers Lehre vom Als Ob, aus der er die Idee der fiktiven Finalität ableitete: Menschen orientieren ihr Handeln an entwürfen künftiger Ziele. Daraus erwuchsen Interventionsformen, die Zielklärung, Ermutigung und soziale Teilhabe systematisch fördern. Therapeutisch bedeutete dies, Biografie, Gegenwart und Zukunft in einem kohärenten Sinnzusammenhang zu bearbeiten.

Adlers theoretische Entwicklung spiegeln mehrere einflussreiche Veröffentlichungen. Über den nervösen Charakter (1912) bündelte seine Kritik an neurotischen Sicherungen und an kompensatorischen Lebensentwürfen. In den 1920er-Jahren fasste er Systematik und Praxis in Praxis und Theorie der Individualpsychologie zusammen. Menschenkenntnis (1927) popularisierte Grundbegriffe für ein breiteres Publikum, während Der Sinn des Lebens (1933) die ethischen und gesellschaftlichen Implikationen seines Ansatzes akzentuierte. Seine Vorträge und Fallseminare trugen zur internationalen Verbreitung bei; Übersetzungen machten die Konzepte in Europa und Nordamerika zugänglich und lösten fachliche Kontroversen ebenso wie nachhaltige Anschlussarbeiten aus. Früher bereits markierte die Studie über Minderwertigkeit von Organen (um 1907) den Übergang von Medizin zur Psychologie.

In den 1920er-Jahren baute Adler mit Kolleginnen und Kollegen in Wien öffentliche Erziehungs- und Beratungsstellen auf, in denen Eltern, Lehrkräfte und Kinder niedrigschwellig unterstützt wurden. Der Fokus lag auf Prävention, Kooperation mit Schulen und der Schulung von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Die Erfahrungen aus dieser Praxis flossen in Fallstudien und Lehrveranstaltungen ein und stärkten die Anwendungsorientierung der Individualpsychologie. Während des Ersten Weltkriegs hatte Adler als Militärarzt gearbeitet; die dortige Konfrontation mit Belastungen und Anpassungsleistungen vertiefte sein Interesse an Resilienz und sozialer Verantwortung. In den späten 1920er- und 1930er-Jahren lehrte und referierte er in zahlreichen europäischen Städten und in Nordamerika.

In seinen späteren Jahren verlegte Adler einen Teil seiner Tätigkeit in die Vereinigten Staaten, wo er an Hochschulen lehrte und ein Netzwerk von Ausbildungsgruppen unterstützte. Auf Vortragsreisen nach Großbritannien setzte er seine öffentliche Bildungsarbeit fort. 1937 starb er auf einer Reise in Aberdeen, Schottland, während einer Vortragsserie. Sein Vermächtnis wirkt in Psychotherapie, Beratung, Pädagogik und Organisationsentwicklung fort: Zielorientierung, Ermutigung, soziale Eingebundenheit und die Idee des Lebensstils prägen vielfältige Schulen der Praxis. Moderne Kurzzeit- und lösungsfokussierte Ansätze, Schulpsychologie und Elternberatung greifen zentrale Gedanken Adlers auf und rezipieren sie bis heute kritisch und produktiv.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Als Alfred Adler am 7. Februar 1870 in Wien geboren wurde, befand sich die Hauptstadt der Habsburgermonarchie in einem intensiven Modernisierungsschub. Wien um 1900 war ein Laboratorium der Moderne: naturwissenschaftliche Medizin, städtische Sozialpolitik und eine lebendige Debattenkultur prägten das Milieu, in dem neue psychologische Konzepte entstehen konnten. In derselben Stadt wirkten Sigmund Freud, Arthur Schnitzler und Gustav Klimt; die Universität Wien und das Allgemeine Krankenhaus waren Zentren der Ausbildung. In diesem Umfeld reifte Adlers späteres Interesse an präventiver, sozial eingebetteter Psychologie, das sein gesamtes Werk durchzieht und seine Texte für ein breites bürgerliches wie arbeitendes Publikum anschlussfähig machte.

Adler promovierte 1895 an der Universität Wien und praktizierte zunächst als Augenarzt, später als Allgemeinmediziner. Seine Sprechstunde im dicht besiedelten Gürtelbereich konfrontierte ihn mit Krankheiten der Armut, Wohnungsnot und kinderärztlichen Problemen, die in Wien um 1900 weit verbreitet waren. Die entstehende Sozialhygiene, vertreten durch städtische Reformen, schuf eine Atmosphäre, in der medizinische und pädagogische Fragen zusammendachten wurden. Unter Bürgermeister Karl Lueger (1897–1910) verschärften jedoch antisemitische Tendenzen die sozialen Spannungen, was viele jüdische Intellektuelle – darunter auch Adler – zugleich herausforderte und mobilisierte. Adlers spätere Betonung von Gemeinschaft, Erziehung und Vorbeugung wurzelt in diesen konkreten Großstadterfahrungen.

Im Herbst 1902 trat Adler der von Sigmund Freud initiierten Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft bei, der Keimzelle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (offizieller Name ab 1908). Als Vorsitzender 1910 erreichte er eine prominente Stellung, bevor es 1911 zur theoretischen Trennung kam. 1912 gründete er in Wien die Gesellschaft für Individualpsychologie, die ihren Fokus auf soziale Bezogenheit, Zielorientierung und Erziehung legte. Diese institutionelle Differenzierung spiegelt sich in Adlers gesamtem Œuvre: Statt Triebtheorie und Determinismus rücken Lebensstil, Minderwertigkeits- und Gemeinschaftsgefühl in den Vordergrund. Die frühen Vereinsjahre, Diskussionen in der Berggasse 19 und öffentliche Vorträge gaben den organisatorischen Rahmen, aus dem die späteren Bücher hervorgingen.

Philosophisch stand Adlers Denken im Austausch mit Strömungen, die um 1900–1914 das intellektuelle Europa prägten. Hans Vaihingers „Philosophie des Als Ob“ (1911) und William James’ Pragmatismus (1907) lieferten Stichworte für teleologisches, nutzensorientiertes Verstehen menschlichen Verhaltens. Gleichzeitig kursierten lebensreformerische und neukantianische Ideen, während die Soziologie (z. B. in Wien und Berlin) das Individuum in Beziehungen und Milieus verortete. Diese Konstellation begünstigte Adlers Abkehr von monokausaler Triebannahme und seine Betonung fiktiver Ziele, Sinnzuschreibungen und sozialer Einbettung. Die so entstandene Perspektive ermöglicht, seine Schriften als Bausteine einer praxisnahen, auf Lebensführung und Gemeinwohl abzielenden Psychologie der Moderne zu lesen.

Der Erste Weltkrieg (1914–1918) brachte eine Zäsur. Adler diente als Militärarzt und sah Verwundungen, Kriegsneurosen und die Folgen massenhafter Mobilmachung. In den Lazaretten verdichtete sich seine Überzeugung, dass psychische Störungen nicht losgelöst von sozialer Organisation, Arbeit, Familie und Schule verstanden werden können. Die Kriegs- und Nachkriegszeit lenkte seine Aufmerksamkeit auf Prävention, Rehabilitation und die Stärkung von Gemeinschaftsressourcen. Diese Erfahrungen fließen in das gesamte Werk als Hintergrundfolie ein: Lebensziele, Erziehungsstile und Kooperationsfähigkeit erscheinen nicht als Privatangelegenheiten, sondern als öffentliche Aufgaben in einer Gesellschaft, die von Gewalt, Unsicherheit und wirtschaftlichen Verwerfungen gezeichnet war.

Nach 1918 entstand in „Roten Wien“ (1919–1934) unter Bürgermeister Karl Seitz und dem Gesundheitsstadtrat Julius Tandler eine europaweit beachtete Sozial- und Gesundheitspolitik. Schulreformen unter Otto Glöckel setzten auf umfassende Bildungschancen. In diesem Klima richteten Adler und seine Mitarbeitenden ab den frühen 1920er-Jahren schulnahe Erziehungs- und Beratungsstellen ein; bis Ende der Dekade existierten in Wien über 30 solcher Einrichtungen. Sie verbanden Diagnostik, Beratung und öffentliche Vorträge. Dieses Netzwerk, in dem Lehrkräfte, Ärztinnen, Sozialarbeiter und Eltern kooperierten, bildet den praktischen Resonanzraum für Adlers Schriften: Prävention, Erziehungskompetenz und Gemeinschaftsgefühl werden als sozialpolitische Anliegen konkret.

Parallel zur kommunalen Reformbewegung wuchs die Erwachsenenbildung. Wiener Volkshochschulen wie die Urania (1910) und Einrichtungen in Ottakring und Floridsdorf boten populärwissenschaftliche Vorträge. Adler und Kolleginnen traten dort regelmäßig auf, ebenso in Berlin, München und Zürich. Die Zusammenarbeit mit Lehrervereinen und Arbeiterbildungsvereinen spiegelte die Überzeugung, dass psychologische Einsichten erst durch pädagogische Vermittlung gesellschaftlich wirksam werden. Aus dieser öffentlichen Vortragspraxis entstanden Texte, die didaktisch zugänglich, lebensnah und auf Alltagssituationen bezogen sind. Adlers Bücher sind daher nicht nur Fachliteratur, sondern Bausteine einer breiten Aufklärungskultur, die Schule, Familie und Gemeinwesen als Lernorte psychischer Gesundheit versteht.

Die institutionelle Verankerung der Individualpsychologie erhielt 1914 eine Stimme durch die „Zeitschrift für Individualpsychologie“, die nach kriegsbedingter Unterbrechung ab 1923 erneut erschien. Verlage wie Ernst Reinhardt (München/Basel) etablierten in den 1920er-Jahren eine eigene Programmlinie für individualpsychologische Titel. Seit 1919/20 kursierten zudem praxisorientierte Hefte und Artikelreihen, aus deren Umfeld „Heilen und Bilden“ hervorging und die den Transfer in Schule und Elternhaus beschleunigten. So bildete sich ein publizistisches Ökosystem aus Journal, Monographien und populären Reihen, das die Verbreitung zentraler Adler’scher Begriffe – Lebensstil, Minderwertigkeits- und Gemeinschaftsgefühl – im deutschsprachigen Raum nachhaltig beförderte.

Die 1920er-Jahre brachten eine starke Internationalisierung. In Deutschland entstanden Sektionen in Berlin und München, in der Schweiz blieb Zürich ein wichtiger Knotenpunkt. Adler reiste mehrfach nach London und unternahm ab Mitte der Dekade ausgedehnte Vortragsreisen in die USA. Zu seinen Mitstreitern gehörten Rudolf Dreikurs (1897–1972), Lydia Sicher (1890–1962) und seine Tochter, die Neurologin Alexandra Adler (1901–2001). Sie trugen die individualpsychologische Praxis in Kliniken, Lehrerfortbildungen und Beratungsstellen. Diese internationale Vernetzung schuf einen transatlantischen Diskursraum, in dem Adlers Konzepte in Erziehung, Sozialarbeit und Medizin erprobt und für verschiedene kulturelle Kontexte anschlussfähig gemacht wurden.

Die Nachkriegsinflation (1922/23) und die Weltwirtschaftskrise ab 1929 verschärften soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und familiäre Belastungen. Gerade diese Krisen machten Beratung, schulische Prävention und arbeitsweltliche Integration zu zentralen öffentlichen Anliegen. Adlers Texte lesen sich vor diesem Hintergrund als Programmschrift für soziale Resilienz: Sie adressieren Alltagsschwierigkeiten von Kindern, Eltern und Lehrkräften und leiten zu kooperativen Problemlösungen an. Die wachsende Nachfrage nach Vorträgen, Kolumnen und Fallbesprechungen in Stadtverwaltungen und Vereinen zeigt, dass psychologische Aufklärung als Teil der Wohlfahrtspolitik begriffen wurde. In diesem Feld formte sich die praktische Relevanz des Gesamtwerks besonders deutlich aus.

Im interdisziplinären Feld konkurrierten in den 1920er-Jahren biologische, sozialhygienische und eugenische Deutungen von Normalität und Abweichung. Figuren wie Ernst Rüdin prägten erbbiologische Programme, während andere Strömungen soziale Ursachen betonten. Adlers Ansatz stellte die Plastizität des Lebensstils, Lernbarkeit sozialer Kompetenzen und die normative Bedeutung des Gemeinschaftsgefühls heraus. Diese Position verband Aufklärung und Ethik mit empirischer Beobachtung, ohne in biologistische Reduktionen zu verfallen. Damit bot sein Werk eine Alternative zu deterministischen Konzepten, zugleich kompatibel mit städtischen Präventionsstrategien. Der methodische Akzent auf Zielorientierung und Kooperation machte die Individualpsychologie anschlussfähig für Pädagogik, Sozialarbeit und Gemeindemedizin.

Frauen spielten in der Individualpsychologie eine hervorgehobene Rolle. Neben Raissa Adler (1872–1962), die als intellektuelle Partnerin Adlers Netzwerke mittrug, arbeiteten Praktikerinnen wie Lydia Sicher und Sofie Lazarsfeld (1882–1973) in Beratungsstellen und publizierten zu Erziehung und Partnerschaft. Die Einführung des Frauenwahlrechts in Österreich 1918 und der Ausbau weiblicher Bildungswege schufen neue Adressatinnen und Autorinnen psychologischer Literatur. In Adlers Umfeld wurden Rollenbilder, Erziehungsstile und Partnerschaftskonflikte sozialpolitisch verhandelt. Diese Konstellation förderte eine Schreibweise, die alltagstaugliche Orientierung gab und zugleich gesellschaftliche Teilhabe betonte – ein Profil, das sich durch mehrere seiner Bücher und Aufsätze zieht.

Die Popularisierung psychologischen Wissens vollzog sich über Vorträge, Zeitungen und neue Medien. Die Wiener „Arbeiter-Zeitung“ berichtete regelmäßig über Sozial- und Bildungspolitik, und seit 1924 sendete „Radio Wien“ pädagogische Beiträge. Fallvorstellungen, Diskussionsabende und öffentliche Beratung wurden zu Formaten, in denen individualpsychologische Ideen sichtbar wurden. Aus diesen Foren speiste sich eine literarische Form, die Beispiele, Dialoge und praxisnahe Empfehlungen bevorzugte. So entstanden Texte, die zugleich Anleitung und Kulturkritik boten, indem sie autoritäre Muster problematisierten und kooperative Lernprozesse einforderten. Die mediale Einbettung erklärt die weite Verbreitung von Adlers Konzepten im urbanen Mitteleuropa der Zwischenkriegszeit.

Die politischen Zäsuren der 1930er-Jahre bedrohten diese Infrastruktur. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 und der Errichtung des austrofaschistischen Ständestaats in Österreich 1934 wurden viele Einrichtungen der „Roten Stadt“ Wien eingeschränkt oder geschlossen. Individualpsychologische Beratungsstellen verschwanden aus dem öffentlichen Raum. Adler verlagerte seine Tätigkeit zunehmend ins Ausland, insbesondere in das Vereinigte Königreich und die USA. 1935 übernahm er eine Gastprofessur am Long Island College of Medicine in Brooklyn. Diese Emigration der Praxis führte zu einer stärkeren Internationalisierung des Diskurses und prägte die späten Schriften durch die Erfahrung politischer Verfolgung und institutioneller Umbrüche.

Im englischsprachigen Raum fanden Adlers Ideen früh Resonanz. Übersetzungen erschienen in London und New York, und Vortragsreihen an Universitäten sowie Community Centers eröffneten neue Leserkreise. Der Arzt und Autor Walter Beran Wolfe (1900–1935) trug wesentlich zur Verbreitung im angloamerikanischen Feld bei. Die englische Rezeption betonte besonders die Anwendbarkeit in Schule, Ehe- und Erziehungsberatung. Diese internationale Editionstätigkeit festigte zentrale Termini wie „community feeling“ und „social interest“ als Übersetzungen von Gemeinschaftsgefühl. Die transkulturelle Anschlussfähigkeit verstärkte den praxisorientierten Charakter des Gesamtwerks und sicherte ihm auch jenseits des deutschsprachigen Raums eine bleibende Wirkung.

Adler starb am 28. Mai 1937 während einer Vortragsreise in Aberdeen (Schottland) an einem Herzinfarkt. Sein Tod markierte keinen Abbruch der Bewegung: Mitarbeitende setzten die Arbeit in Exilnetzwerken fort, während in Österreich nach dem „Anschluss“ (12. März 1938) die verbliebenen Strukturen zerschlagen wurden. In den USA und Großbritannien etablierten Kolleginnen und Kollegen Ausbildungsgruppen, Beratungsstellen und Lehrveranstaltungen. Diese Kontinuität erklärt, warum Adlers Schriften auch nach 1937 als lebendige Praxisliteratur gelesen wurden. Sie dienten als Curricula für Beratung und Pädagogik und als Referenzrahmen für eine Ethik der Kooperation in autoritär bedrohten Gesellschaften.

Nach 1945 knüpften individualpsychologische Gesellschaften in Europa und Nordamerika an Vorkriegstraditionen an und wurden in den 1950er-Jahren international neu organisiert. In der aufkommenden Wohlfahrtsstaatlichkeit, der Schul- und Familienberatung sowie der Gemeindepsychiatrie fanden Adlers Konzepte erneute Beachtung. Kongresse in Städten wie Zürich, Wien und Berlin förderten die Rezeption, während Schüler wie Rudolf Dreikurs in den USA die schulische Anwendung weiterentwickelten. So blieb das Gesamtœuvre in Debatten über Inklusion, Prävention und demokratische Erziehung präsent. Die historische Spannweite von der k. u. k.-Monarchie bis zur Nachkriegsordnung verleiht Adlers Arbeiten ihren anhaltenden, transnationalen Referenzcharakter.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Der Sinn des Lebens

Adler versteht Sinn als praktisch erfüllte Lebensaufgabe, die sich aus Gemeinschaftsgefühl und dem Bewältigen der Lebensaufgaben Arbeit, Freundschaft und Liebe ergibt. Fehlgeleitete Zielvorstellungen und mangelnde Zugehörigkeit führen zu Problemen, die durch sozialen Beitrag korrigiert werden können.

Menschenkenntnis

Ein Überblick über die Entstehung von Persönlichkeit aus Minderwertigkeitsgefühlen, dem Streben nach Überlegenheit, Familienkonstellation und früh geprägtem Lebensstil. Adler zeigt, wie typische Muster erkannt und am Maßstab des sozialen Interesses beurteilt werden.

Praxis und Theorie der Individualpsychologie

Grundlagen und Vorgehen der Individualpsychologie mit Fallbeispielen: Lebensstilanalyse, frühe Kindheitserinnerungen, zielbezogene Traumdeutung und diagnostische Leitlinien. Behandelt therapeutische, pädagogische und präventive Anwendungen im sozialen Kontext.

Über den nervösen Charakter

Darstellung neurotischer Sicherungstendenzen als Schutz vor befürchteter Minderwertigkeit. Symptome, Ausweichmanöver und Aggression werden als Mittel gedeutet, ein fiktionales Überlegenheitsziel zu wahren und soziale Aufgaben zu vermeiden.

Adlers ausgewählte Arbeiten aus Heilen und Bilden

Praktische Aufsätze zu Erziehung, Schule und Elternberatung, oft aus der Arbeit der Erziehungsberatungsstellen. Im Fokus stehen Förderung von Gemeinschaftsgefühl, die Folgen von Verwöhnung und Vernachlässigung sowie Prävention durch kooperative Erziehung.

Die wichtigsten Werke von Alfred Adler

Hauptinhaltsverzeichnis
Der Sinn des Lebens
Menschenkenntnis
Praxis und Theorie der Individualpsychologie
Über den nervösen Charakter
Adlers ausgewählte Arbeiten aus "Heilen und Bilden"

Der Sinn des Lebens

Inhaltsverzeichnis
1. Die Meinung über sich und über die Welt
2. Psychologische Mittel und Wege zur Erforschung des Lebensstils
3. Die Aufgaben des Lebens
4. Das Leib-Seele-Problem
5. Körperform, Bewegung und Charakter
6. Der Minderwertigkeitskomplex
7. Der Überlegenheitskomplex
8. Typen der Fehlschläge
9. Die fiktive Welt des Verwöhnten
10. Was ist wirklich eine Neurose?
11. Sexuelle Perversionen
12. Erste Kindheitserinnerungen
13. Gemeinschaftshindernde Kindheitssituationen und deren Behebung
14. Tag- und Nachtträume
15. Der Sinn des Lebens
Anhang: Stellung zum Berater
Individualpsychologischer Fragebogen

1. Die Meinung über sich und über die Welt

Inhaltsverzeichnis

Es ist für mich außer Zweifel, daß jeder sich im Leben so verhält, als ob er über seine Kraft und über seine Fähigkeiten eine ganz bestimmte Meinung hätte; ebenso, als ob er über die Schwierigkeit oder Leichtigkeit eines vorliegenden Falles schon bei Beginn seiner Handlung im klaren wäre; kurz, daß sein Verhalten seiner Meinung entspringt. Dies kann um so weniger wundernehmen, als wir nicht imstande sind, durch unsere Sinne Tatsachen, sondern nur ein subjektives Bild, einen Abglanz der Außenwelt zu empfangen. »Omnia ad opinionem suspensa sunt.« Dies Wort Senecas sollte bei psychologischen Untersuchungen nicht vergessen werden. Unsere Meinung von den großen und wichtigen Tatsachen des Lebens hängt von unserem Lebensstil ab. Nur dort, wo wir unmittelbar auf Tatsachen stoßen, die uns einen Widerspruch zu unserer Meinung von ihnen verraten, sind wir geneigt, in unmittelbarer Erfahrung im kleinen unsere Ansicht zu korrigieren und das Gesetz der Kausalität auf uns wirken zu lassen, ohne unsere Meinung vom Leben zu ändern. In der Tat hat es für mich die gleiche Wirkung, ob nun eine Giftschlange sich meinem Fuß nähert, oder ob ich glaube, daß es eine Giftschlange ist. Das verzärtelte Kind verhält sich ganz gleichartig in seiner Angst, ob es sich nun vor Einbrechern fürchtet, sobald die Mutter es verläßt, oder ob wirklich Einbrecher im Hause sind. In jedem Falle bleibt es bei seiner Meinung, daß es ohne die Mutter nicht sein könne, auch wenn es in seiner angsterregenden Annahme widerlegt wird. Der Mann, der an Platzangst leidet und die Straße meidet, weil er Gefühl und Meinung hat, der Boden schwanke unter seinen Füßen, könnte sich in gesunden Tagen nicht anders benehmen, wenn der Boden unter seinen Füßen wirklich schwankte. Der Einbrecher, der der nützlichen Arbeit ausweicht, weil er, unvorbereitet zur Mitarbeit, irrtümlicherweise das Einbrechen leichter findet, könnte die gleiche Abneigung gegen die Arbeit zeigen, wenn sie wirklich schwerer wäre als das Verbrechen. Der Selbstmörder findet, daß der Tod dem, wie er annimmt, hoffnungslosen Leben vorzuziehen ist. Er könnte ähnlich handeln, wenn das Leben wirklich hoffnungslos wäre. Dem Süchtigen bringt sein Giftstoff Erleichterung, die er höher schätzt als die ehrenhafte Lösung seiner Lebensfragen. Wenn dem wirklich so wäre, er könnte ähnlich handeln. Der homosexuelle Mann findet die Frauen, vor denen er sich fürchtet, nicht anziehend, während ihn der Mann, dessen Eroberung ihm als Triumph erscheint, anlockt. Sie alle gehen jeweils von einer Meinung aus, die, wenn sie richtig wäre, auch ihr Verhalten objektiv richtig erscheinen ließe.

Da ist folgender Fall: Ein 36jähriger Rechtsanwalt hat alle Lust an seinem Beruf verloren. Er hat keinen Erfolg und schreibt dies dem Umstand zu, daß er offenbar auf die wenigen Klienten, die ihn aufsuchen, einen schlechten Eindruck macht. Es fiel ihm auch immer schwer, sich anderen anzuschließen, und besonders Mädchen gegenüber war er stets von großer Scheu befallen. Eine Ehe, die er außerordentlich zögernd, geradezu mit Ablehnung einging, endete nach einem Jahr mit einer Scheidung. Er lebt nun ganz zurückgezogen von der Welt mit seinen Eltern, die größtenteils für ihn sorgen.

Er ist das einzige Kind und war von seiner Mutter in einem unglaublichen Grade verwöhnt worden. Sie war stets um ihn. Es gelang ihr, das Kind und den Vater zu überzeugen, daß ihr Sohn dereinst ein ganz hervorragender Mann sein werde, und der Knabe lebte in der gleichen Erwartung weiter, was durch seine glänzenden Erfolge in der Schule bestätigt schien. Kindliche Masturbation gewann, wie bei den meisten verwöhnten Kindern, die sich keinen Wunsch versagen können, eine unheimliche Macht über ihn und machte ihn frühzeitig zum Gespött der Mädchen in der Schule, die seinen heimlichen Fehler entdeckt hatten. Er zog sich von ihnen ganz zurück. In seiner Isolierung gab er sich den triumphalsten Phantasien über Liebe und Ehe hin, fühlte sich aber nur zu seiner Mutter hingezogen, die er völlig beherrschte und auf die er lange Zeit auch seine sexuellen Wünsche bezog. Daß dieser sogenannte Ödipuskomplex nicht »Grundlage«, sondern ein schlechtes Kunstprodukt verzärtelnder Mütter ist, deutlicher zutage tretend, wenn der Knabe oder Jüngling sich in seiner überragenden Eitelkeit von den Mädchen betrogen sieht und zu wenig soziales Interesse entwickelt hat, um sich an andere anzuschließen, ist auch aus diesem Falle klar genug zu sehen. Kurz vor Vollendung seiner Studien, als die Frage einer selbständigen Existenz an ihn herantrat, erkrankte er an Melancholie, so daß er auch jetzt wieder den Rückzug antrat. Als Kind war er, wie alle verwöhnten Kinder, ängstlich und zog sich vor fremden Leuten zurück. Später von Kameraden und Kameradinnen. Ebenso vor seinem Beruf, was in wenig gemildertem Grade bis jetzt andauert. 

Ich begnüge mich mit dieser Darstellung und übergehe die Begleitakkorde, die »Gründe«, die Ausreden, die anderen Krankheitssymptome, mit denen er seinen Rückzug »sicherte«. Klar ist eines: Dieser Mann hat sich zeitlebens nicht geändert. Er wollte immer der erste sein und zog sich immer zurück, wenn er am Erfolge zweifelte. Seine Meinung vom Leben läßt sich (wie wir erraten können, was ihm aber verborgen war) in die Formel fassen: »Da die Welt mir meinen Triumph vorenthält, ziehe ich mich zurück.« Man kann nicht leugnen, daß er als ein Mensch, der seine angestrebte Vollendung im Triumph über die anderen sieht, nur darin richtig und intelligent gehandelt hat. Es ist nicht »Vernunft«, nicht »common sense« in seinem Bewegungsgesetz, das er sich gegeben hat, wohl aber, was ich »private Intelligenz« genannt habe. Würde jemandem dies Leben tatsächlich jeden Wert verweigern, könnte er nicht viel anders handeln.

Ähnlich, nur mit anderen Ausdrucksformen, mit geringerer Ausschaltungstendenz behaftet, erscheint folgender Fall: Ein 26jähriger Mann wuchs zwischen zwei von der Mutter vorgezogenen Geschwistern auf. Mit großer Eifersucht verfolgte er die überlegenen Leistungen seines älteren Bruders. Der Mutter gegenüber nahm er sehr bald eine kritische Haltung ein und lehnte sich – immer eine zweite Phase im Leben eines Kindes – an den Vater an. Seine Abneigung gegen die Mutter griff infolge unleidlicher Gewohnheiten seiner Großmutter und einer Kinderfrau bald auf das ganze weibliche Geschlecht über. Sein Ehrgeiz, nicht von einer Frau beherrscht zu werden, dagegen Männer zu beherrschen, wuchs riesengroß. Die Überlegenheit seines Bruders suchte er auf alle mögliche Weise zu unterbinden. Daß der andere an Körperkraft, im Turnen und auf der Jagd überlegen war, machte ihm die körperlichen Leistungen verhaßt. Er schloß sie aus der Sphäre seiner Wirksamkeit aus, wie er auch schon im Begriffe war, die Frauen auszuschalten. Leistungen lockten ihn nur an, wenn sie für ihn mit einem Triumphgefühl verbunden waren. Eine Zeitlang liebte und verehrte er ein Mädchen so recht aus der Ferne. Dem Mädchen gefiel offenbar diese Zurückhaltung nicht, und so entschied sie sich für einen anderen. Daß sein Bruder eine glückliche Ehe führte, erfüllte ihn mit Furcht, nicht so glücklich zu sein und in der Meinung der Welt, wieder wie in der Kindheit bei seiner Mutter, eine schlechtere Rolle zu spielen. Ein Beispiel für viele, wie es ihn drängte, dem Bruder den Vorrang streitig zu machen. Einst brachte der Bruder von der Jagd einen prächtigen Fuchspelz nach Hause, auf den er sehr stolz war. Unser Freund schnitt heimlich die weiße Schwanzspitze ab, um den Bruder um seinen Triumph zu bringen. Sein Sexualtrieb nahm jene Richtung an, die ihm nach Ausschaltung der Frau übriggeblieben war und wurde in Anbetracht seiner im kleineren Rahmen stärkeren Aktivität homosexuell. Seine Meinung vom Sinn des Lebens war leicht zu entziffern: Leben heißt: ich muß in allem, was ich beginne, der Überlegene sein. Und er suchte diese Überlegenheit zu erreichen, indem er Leistungen ausschloß, deren triumphale Erfüllung er sich nicht zutraute. Daß im homosexuellen Verkehr auch der Partner sich den Sieg seiner magischen Anziehungskraft wegen zusprach, war die erste störende bittere Erkenntnis im Laufe unserer aufklärenden Gespräche.

Auch in diesem Falle dürfen wir behaupten, daß die »private Intelligenz« ungestört ist und daß vielleicht die meisten den gleichen Weg betreten würden, wenn die Zurückweisung von seiten der Mädchen allgemeine Wahrheit wäre. In der Tat findet sich die große Neigung zur Verallgemeinerung als grundlegender Fehler im Aufbau des Lebensstils ungemein häufig. »Lebensplan« und »Meinung« ergänzen sich gegenseitig. Sie beide haben ihre Wurzel in einer Zeit, in der das Kind unfähig ist, seine Schlußfolgerungen aus seinem Erleben in Worte und Begriffe zu fassen, aber in der es bereits beginnt, aus wortlosen Schlußfolgerungen, aus oft belanglosen Erlebnissen oder aus stark gefühlsbetonten wortlosen Erfahrungen allgemeinere Formen seines Verhaltens zu entwickeln. Diese allgemeinen Schlußfolgerungen und die entsprechenden Tendenzen, gebildet in einer Zeit der Wort- und Begriffslosigkeit, sind nun, allerdings verschiedentlich gemildert, weiter wirksam in der späteren Zeit, in der der common sense mehr oder weniger korrigierend eingreift und Menschen davon abhalten kann, sich allzusehr auf Regeln, Phrasen und Prinzipien zu stützen. Wie wir später sehen werden, ist diese Befreiung von zuweitgehenden Stütz- und Sicherungsversuchen, Ausdrücken eines schweren Unsicherheits- und Minderwertigkeitsgefühls, dem durch das Gemeinschaftsgefühl gesteigerten common sense zu verdanken. Daß derselbe fehlerhafte Vorgang auch bei Tieren vorkommt, zeigt unter anderem folgender, häufig zu beobachtende Fall: Ein junger Hund wurde abgerichtet, seinem Herrn auf der Straße zu folgen. Er hatte es in dieser Kunst schon ziemlich weit gebracht, als es ihm eines Tages einfiel, ein im Fahren begriffenes Automobil anzuspringen. Er wurde von diesem weggeschleudert, ohne Schaden erlitten zu haben. Dies war sicherlich eine singuläre Erfahrung, für die er kaum eine angeborene Antwort bereit haben konnte. Man wird auch schwerlich von einem »conditioned reflex« sprechen können, wenn man erfährt, daß dieser Hund weiter in seiner Dressur Fortschritte machte, nur an den Ort des Unfalles nicht mehr hinzubringen war. Er fürchtete nicht die Straße, nicht die Fuhrwerke, sondern den Ort des Geschehnisses und kam zu einem allgemeinen Schluß, wie ihn auch manchmal Menschen ziehen: Der Ort, nicht die eigene Unachtsamkeit und Unerfahrenheit ist schuld. Und immer an diesem Orte droht Gefahr. Er sowohl, wie auch manche, die ähnlich vorgehen, halten an solchen Meinungen fest, weil sie wenigstens das eine dadurch erreichen, »an diesem Orte« nicht mehr geschädigt werden zu können. Ähnliche Strukturen finden sich häufig in der Neurose, in der ein Mensch sich vor einer drohenden Niederlage, einem Verlust seines Persönlichkeitsgefühls fürchtet und sich dadurch zu schützen trachtet, daß er die aus seiner seelischen Erregung vor einem als unlösbar mißverstandenen Problem stammenden körperlichen oder seelischen Symptome in Kauf nimmt und ausnützt, um den Rückzug antreten zu können.

Daß wir nicht von »Tatsachen«, sondern von unserer Meinung über Tatsachen beeinflußt sind, liegt klar auf der Hand. Unsere größere oder geringere Sicherheit, den Tatsachen entsprechende Meinungen gebildet zu haben, liegt ganz, insbesondere bei unerfahrenen Kindern und gemeinschaftsfremden Erwachsenen, in der immer unzulänglichen Erfahrung und in der Widerspruchslosigkeit unserer Meinung und dem Erfolg unseres Handelns entsprechend unserer Meinung. Daß diese Kriterien häufig unzulänglich sind, weil der Kreis unseres Handelns oft eingeschränkt ist, auch weil kleinere Fehlschläge und Widersprüche oft mühelos oder mit Hilfe anderer mehr oder weniger glatt erledigt werden können, ist leicht zu ersehen und hilft mit, den einmal erfaßten Lebensplan dauernd einzuhalten. Erst größere Fehlschläge erzwingen ein schärferes Nachdenken, das aber nur bei Menschen fruchtbar ausfällt, die an der mitmenschlichen Lösung der Lebensfragen beteiligt sind, die frei sind von persönlichen Zielen einer Überlegenheit.

Wir kommen so zum Schlüsse, daß jeder eine »Meinung« von sich und den Aufgaben des Lebens in sich trägt, eine Lebenslinie und ein Bewegungsgesetz, das ihn festhält, ohne daß er es versteht, ohne daß er sich darüber Rechenschaft gibt. Dieses Bewegungsgesetz entspringt in dem engen Raum der Kindheit und entwickelt sich in wenig eingeschränkter Wahl unter freier, durch keine mathematisch formulierbare Aktion beschränkter Ausnützung von angeborenen Kräften und Eindrücken der Außenwelt. Die Richtung und die gerichtete Ausnützung von »Instinkten«, »Trieben«, Eindrücken der Außenwelt und der Erziehung ist das künstlerische Werk des Kindes, das nicht »besitzpsychologisch«, sondern »gebrauchspsychologisch« verstanden werden kann. Typen, Ähnlichkeiten, annähernde Übereinstimmungen sind oft nur Befunde, zu denen die Armut unserer Sprache Vorschub leistet, weil sie die immer vorhandenen Nuancen nicht einfach auszudrücken vermag, oder Ergebnisse einer statistischen Wahrscheinlichkeit. Ihre Feststellung darf nie zur Aufstellung einer Regel ausarten; sie kann niemals den Einzelfall dem Verständnis näher bringen, sondern nur zur Beleuchtung eines Gesichtsfeldes Verwendung finden, in dem der Einzelfall in seiner Einmaligkeit gefunden werden muß. Die Feststellung eines verschärften Minderwertigkeitsgefühls zum Beispiel sagt noch nichts aus über Art und Charakteristik des Einzelfalles, ebensowenig der Hinweis auf irgendwelche Mängel der Erziehung oder der sozialen Verhältnisse. Sie zeigen sich im Verhalten des Individuums zur Außenwelt immer in verschiedener Form, die durch die Interferenz der schöpferischen Kraft des Kindes und seiner daraus entsprungenen »Meinung« jedesmal individuell anders ist.

Einige schematische Beispiele mögen das Obige erläutern. Ein Kind, das von Geburt an an Magen-Darmschwierigkeiten leidet, also etwa an einer angeborenen Minderwertigkeit des Verdauungsapparates, aber die vollkommen zweckentsprechende Nahrung nicht erhält, was in idealer Weise kaum je zustande kommt, wird so leicht zu einem besonderen Interesse bezüglich der Nahrung und allem, was damit zusammenhängt, hingeleitet. Seine Meinung von sich und vom Leben ist dadurch stärker mit einem Interesse für Ernährung verbunden, später wohl auch wegen des bald erkannten Zusammenhangs auf Geld gerichtet, was freilich im Einzelfall immer wieder nachgeprüft werden muß.

Ein Kind, dem die Mutter seit Beginn des Lebens alle Leistungen abnimmt, ein verwöhntes Kind also, wird selten geneigt sein, auch später seine Sachen allein in Ordnung zu halten. Neben gleichlaufenden Erscheinungen berechtigt uns dies zu sagen: es lebt in der Meinung, daß alles von den anderen geleistet werden sollte. Auch hier, wie in den folgenden Fällen, kann die nötige Sicherheit des Urteils nur durch weitgehende Bestätigungen erfolgen. Ein Kind, dem man frühzeitig Gelegenheit gibt, seinen Willen den Eltern aufzuzwingen, wird die Meinung erraten lassen, daß es stets im Leben die anderen beherrschen möchte, was bei gegenteiligen Erfahrungen in der Außenwelt meist so ausfällt, daß das Kind der Außenwelt gegenüber eine »zögernde Attitüde« zeigt und sich mit allen seinen Wünschen, oft sexuelle Wünsche eingeschlossen, auf die Familie zurückzieht, ohne die nötige Korrektur im Sinne des Gemeinschaftsgefühls zu vollziehen. Ein Kind, das frühzeitig als gleichberechtigt zur Mitarbeit im weitesten Ausmaße, entsprechend seiner Leistungsfähigkeit, erzogen wurde, wird stets, soweit nicht übermenschliche Forderungen herantreten, alle Lebensfragen im Sinne seiner Meinung vom richtigen Gemeinschaftsleben zu lösen trachten.

So kann sich bei einem Mädchen, dessen Vater ungerecht ist, der die Familie vernachlässigt, leicht die Meinung entwickeln, insbesondere wenn ähnliche Erfahrungen mit einem Bruder, mit Verwandten, mit Nachbarn, aus der Lektüre hinzutreten, alle Männer seien von der gleichen Art, wobei andere Erfahrungen nach kurzem Bestand der vorgefaßten Meinung kaum mehr ins Gewicht fallen. Ist etwa ein Bruder für eine höhere Entwicklung im Studium, im Beruf auserwählt, so kann dies leicht zur Meinung verleiten, die Mädchen wären unfähig oder ungerechterweise von einer höheren Entwicklung ausgeschlossen. Fühlt sich eines der Kinder in einer Familie zurückgesetzt oder vernachlässigt, so kann dies zur Folge haben, daß sich bei ihm eine Verschüchterung breitmacht, als wollte es sagen: »ich werde immer zurückstehen müssen«. Oder es wird auf Grund der Meinung, es auch leisten zu können, in ein aufgepeitschtes Streben verfallen, alle übertreffen und niemanden gelten lassen zu wollen. Eine Mutter, die ihren Sohn über die Maßen verzärtelt, kann ihm die Meinung beibringen, er müsse überall, bloß um seiner selbst willen, ohne richtig mitzuspielen, im Mittelpunkt stehen. Steht sie ihm mit ununterbrochener Kritik und mit Nörgeleien gegenüber, zieht sie vielleicht auch noch deutlich einen anderen Sohn vor, so kann sie erreichen, daß ihr Kind später allen Frauen mit Mißtrauen gegenübertritt, was zu tausenderlei Konsequenzen Anlaß geben kann. Ist ein Kind vielen Unfällen oder Krankheiten ausgesetzt, so kann es daraus die Meinung entwickeln, die Welt sei voll von Gefahren, und wird sich danach benehmen. Dasselbe in anderen Nuancen kann geschehen, wenn die Familientradition nach außen hin ängstlich, mißtrauisch ist.

Daß alle diese tausendfach verschiedenen Meinungen sich zur Wirklichkeit und ihren sozialen Forderungen in Widerspruch setzen können und setzen, liegt auf der Hand. Die irrige Meinung eines Menschen über sich und über die Aufgaben des Lebens stößt früher oder später auf den geharnischten Einspruch der Realität, die Lösungen im Sinne des Gemeinschaftsgefühls verlangt. Was bei diesem Zusammenstoß geschieht, kann mit einer Schockwirkung verglichen werden. Die Meinung des Fehlenden, sein Lebensstil halte der Forderung, dem exogenen Faktor nicht stand, wird aber dadurch nicht aufgelöst oder verändert. Das Streben nach persönlicher Überlegenheit geht seinen Weg weiter. Es bleibt dabei nichts übrig als die mehr oder weniger starke Einschränkung auf ein kleineres Territorium, die Ausschaltung der mit einer Niederlage des Lebensstils drohenden Aufgabe, der Rückzug vor dem Problem, zu dessen Lösung die richtige Vorbereitung im Bewegungsgesetz fehlt. Die Schockwirkung aber äußert sich seelisch und körperlich, entwertet den letzten Rest von Gemeinschaftsgefühl und erzeugt alle möglichen Fehlschläge im Leben, indem sie das Individuum zwingt, einen Rückzug anzutreten wie in der Neurose, oder mit noch vorhandener Aktivität, die keinesfalls Mut bedeutet, auf die Bahn des Antisozialen hinüberzugleiten. In jedem Falle ist es klar, daß die »Meinung« dem Weltbild eines Menschen zugrunde liegt und sein Denken, Fühlen, Wollen und Handeln bestimmt.

2. Psychologische Mittel und Wege zur Erforschung des Lebensstils

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Um die Meinung des einzelnen zu ermitteln, wie er sich zu den Fragen des Lebens stellt, vollends, um den Sinn zu ermitteln, den das Leben uns offenbaren will, wird man kein Mittel und keinen Weg a limine verwerfen. Die Meinung des Individuums vom Sinn des Lebens ist keine müßige Angelegenheit. Denn sie ist in letzter Linie die Richtschnur für sein Denken, Fühlen und Handeln. Der wahre Sinn des Lebens aber zeigt sich in dem Widerstand, der sich dem unrichtig handelnden Individuum entgegenstemmt. Zwischen diesen zwei Gegebenheiten spannt sich die Aufgabe der Belehrung, der Erziehung, der Heilung. Das Wissen um den Einzelmenschen ist uralt. Um nur einiges zu nennen: Geschichts- und Personen­beschrei­bungen der alten Völker, die Bibel, Homer, Plutarch, alle die Dichter der Griechen und Römer, Sagen, Märchen, Fabeln und Mythen weisen Glanzpunkte der Persönlichkeitserkenntnisse auf. Bis in die neuere Zeit waren es hauptsächlich die Dichter, denen es am besten gelang, dem Lebensstil eines Menschen auf die Spur zu kommen. Was unsere Bewunderung für ihr Werk aufs höchste steigert, ist ihre Fähigkeit, den Menschen als ein unteilbares Ganzes leben, sterben und handeln zu lassen im engsten Zusammenhang mit den Aufgaben seines Lebenskreises. Kein Zweifel, daß es auch Männer aus dem Volk gab, die in der Menschenkenntnis voraus waren und ihre Erfahrungen auf die Nachkommen übertrugen. Was sie und die Genies der Menschen­kenntnis auszeichnete, war offenbar der tiefere Blick in die Zusammenhänge der menschlichen Triebfedern, eine Fähigkeit, die nur aus ihrer Angeschlossenheit an die Gemeinschaft, aus ihrem Interesse für die Menschheit erwachsen konnte. Die größere Erfahrung, die bessere Einsicht, der tiefere Blick waren der Lohn für ihr Gemeinschaftsgefühl. Was bei ihrem Werk nicht entbehrt werden konnte, die unausrechenbaren, tausendfältigen Ausdrucksbewegungen so beschreiben zu können, daß der andere sie annähernd versteht, sie zu erfassen, ohne die Hilfe des Messens und Wagens dabei in Anspruch nehmen zu müssen, war immer die Gabe des Erratens. Nur auf diese Weise konnten sie dazu kommen zu sehen, was hinter und zwischen den Ausdrucksbewegungen steckt: das Bewegungsgesetz des einzelnen. Manche nennen diese Gabe »Intuition« und glauben, daß sie nur den höchsten Geistern vorbehalten ist. Diese Gabe ist in Wirklichkeit die allermenschlichste. Jeder übt sie unaus gesetzt im Chaos des Lebens, in der Unergründlichkeit der Zukunft.

Da jede kleinste und größte Aufgabe, die vor uns steht, immer neu, immer abgeändert ist, so wären wir stets in neue Fehler verwickelt, wenn wir sie nach einem Schema, etwa nach »bedingten Reflexen« zu lösen gezwungen wären. Die stetige Andersartigkeit stellt an den Menschen immer neue Ansprüche, sein etwa vorher geübtes Verhalten einer neuen Probe auszu­setzen. Nicht einmal beim Kartenspiel kommt man mit »bedingten Reflexen« aus. Das richtige Erraten erst hilft uns die Aufgaben zu meistern. Dieses Erraten aber zeichnet am stärksten den Menschen aus, der ein Mitspieler, ein Mitmensch ist, der Interesse hat an der glücklichen Lösung aller Menschheitsfragen. Der Blick in die Zukunft alles menschlichen Geschehens ist ihm zu eigen und lockt ihn an, ob er nun Menschheitsgeschichte oder Einzelschicksale prüft.

Psychologie blieb eine harmlose Kunst, bis sich die Philosophie ihrer annahm. In ihr und in der Anthropologie der Philosophen keimen die Wurzeln der wissenschaftlichen Menschenkenntnis. In den mannigfachen Versuchen einer Einordnung alles Geschehens in ein umfassendes Weltgesetz konnte der Einzelmensch nicht übersehen werden. Die Erkenntnis der Einheit aller Ausdrucksformen eines Individuums wurde zur unumstößlichen Wahrheit. Die Übertragung von Gesetzen alles Geschehens auf die menschliche Natur zeitigte verschiedene Standpunkte, und die unergründliche, unbekannte lenkende Kraft wurde von Kant, Schelling, Hegel, Schopenhauer, Hartmann, Nietzsche und anderen in einer unbewußten Triebkraft gesucht, die bald Sittengesetz, bald Wille, bald Wille zur Macht oder das Unbewußte genannt wurde. Neben der Übertragung allgemeiner Gesetze auf das menschliche Geschehen kam die Introspektion zur Herrschaft. Menschen sollten etwas über das seelische Geschehen und über den Vorgang dabei aussagen. Diese Methode hielt nicht lange vor. Sie kam mit Recht in Mißkredit, weil den Menschen nicht zuzutrauen war, daß sie objektive Aussagen machen könnten.

Im Zeitalter einer entwickelten Technik kam die experimentelle Methode in Schwung. Mit Hilfe von Apparaten und sorgfältig ausgewählten Fragen wurden Prüfungen veranstaltet, die über Sinnesfunktionen, Intelligenz, Charakter und Persönlichkeit Aufschluß geben sollten. Dabei ging die Einsicht in den Zusammenhang der Persönlichkeit verloren oder konnte nur durch Erraten ergänzt werden. Die später in Erscheinung getretene Hereditätslehre gab wohl alle Mühe verloren und fand Genugtuung darin, nachzuweisen, daß es auf den Besitz der Fähigkeiten ankomme und nicht auf den Gebrauch. Dorthin zielte auch die Lehre vom Einfluß der endokrinen Drüsen, die sich bei Spezialfällen von Minderwertigkeitsgefühlen und deren Kompensation im Falle minderwertiger Organe aufhielt.

Eine Renaissance erlebte die Psychologie in der Psychoanalyse, die in der Sexuallibido den allmächtigen Lenker des Menschheitsschicksals wieder aufleben ließ und den Menschen die Schrecken der Hölle im Unbewußten und die Erbsünde im »Schuldgefühl« sorgfältig ausmalte. Die Vernachlässigung des Himmels wurde später in Anlehnung an das »ideale« Ziel der Vollkommenheit der Individualpsychologie in der Erschaffung des »Ideal-Ich« wieder gutgemacht. Immerhin war es ein bedeutsamer Versuch, zwischen den Zeilen des Bewußtseins zu lesen, ein Schritt vorwärts zur Wieder­entdeckung des Lebensstils, der Bewegungslinie des Individuums, des Sinns des Lebens, ohne daß dieses vorschwebende Ziel von dem in Sexualmetaphern schwelgenden Autor wahrgenommen wurde. Auch war die Psychoanalyse allzusehr in der Welt der verwöhnten Kinder befangen, so daß die seelische Struktur ihr immer als Abklatsch dieses Typus erschien und die tiefere seelische Struktur als Teil der menschlichen Evolution ihr verborgen blieb. Ihr vorübergehender Erfolg lag in der Disposition der Unmasse verwöhnter Menschen, die willig psychoanalytische Anschauungen als allgemein menschlich vorhanden annahmen und in ihrem eigenen Lebensstil dadurch gestärkt wurden. Die Technik der Psychoanalyse war darauf gerichtet, die Beziehung der Ausdrucksbewegungen und Symptome zur Sexuallibido mit geduldiger Energie darzustellen und das Tun des Menschen als abhängig von einem inhärenten sadistischen Trieb erscheinen zu lassen. Daß letztere Erscheinungen künstlich gezüchtetes Ressentiment verwöhnter Kinder seien, erschien erst in der individual­psychologischen Anschauung genügend klar. Immerhin ist auch dem evolutionären Moment annähernd und spurweise Rechnung getragen, wenn auch verfehlt und in gewohnt pessimistischer Weise durch die Idee des Todeswunsches als Ziel der Erfüllung, nicht aktive Anpassung, sondern ein Hinsterben erwartend, in Anpassung an das immerhin zweifelhafte zweite Grundgesetz der Physik.

Die Individualpsychologie steht ganz auf dem Boden der Evolution und sieht alles menschliche Streben im Lichte derselben als ein Streben nach Vollkommenheit. Körperlich und seelisch ist der Lebensdrang unverrückbar an dieses Streben geknüpft. Für unser Erkenntnisvermögen stellt sich deshalb jede seelische Ausdrucksform als Bewegung dar, die von einer Minussituation zu einer Plussituation führt. Der Weg, das Bewegungsgesetz, das sich jedes Individuum im Beginne seines Lebens selbst gibt, in verhältnismäßiger Freiheit der Ausnützung seiner angeborenen Fähigkeiten und Unfähigkeiten, ebenso seiner ersten Eindrücke aus der Umgebung, ist für jedes Individuum verschieden im Tempo, im Rhythmus und in der Richtung. Im steten Vergleich mit der unerreichbaren idealen Vollkommenheit ist das Individuum ständig von einem Minderwertigkeitsgefühl erfüllt und von diesem angetrieben. Wir dürfen feststellen, daß jedes menschliche Bewegungsgesetz, sub specie aeternitatis und vom fiktiven Standpunkt einer absoluten Richtigkeit gesehen, fehlerhaft ist.

Jede Kulturepoche formt sich dieses Ideal in der Reichweite ihrer Gedanken und ihrer Gefühle. So wie heute können wir immer nur in der Vergangenheit das vorübergehende Niveau menschlicher Fassungskraft in der Aufstellung dieses Ideals finden, und wir haben das Recht, diese Fassungskraft aufs tiefste zu bewundern, die für unabsehbare Zeiten ein tragfähiges Ideal menschlichen Zusammenlebens erfaßt hat. Das: »Du sollst nicht töten!« oder »Liebe Deinen Nächsten!« kann wohl kaum aus dem Wissen und Fühlen als oberste Instanz mehr verschwinden. Diese und andere Normen menschlichen Zusammenlebens, durchaus Ergebnisse der menschlichen Evolution, verankert in der menschlichen Natur wie das Atmen und das Aufrechtgehen, lassen sich zusammenfassen in der Idee einer idealen menschlichen Gemeinschaft, hier rein wissenschaftlich betrachtet als evolutionärer Zwang und als evolutionäres Ziel. Sie geben der Individual­psychologie die Richtschnur, das »dos pu stô« an dem allein alle anderen, der Evolution widersprechenden Ziele und Bewegungsformen als richtig oder falsch zu bewerten sind. An diesem Punkt wird die Individualpsychologie Wertpsychologie, ebenso wie die medizinische Wissenschaft, Förderin der Evolution, bei ihren Untersuchungen und Feststellungen wertende Wissenschaft ist.

Minderwertigkeitsgefühl, Streben nach Überwindung und Gemeinschafts­gefühl, diese Grundpfeiler in der individualpsychologischen Forschung, sind demnach aus der Betrachtung eines Individuums oder einer Masse nicht wegzudenken. Man kann ihre Tatsächlichkeit umgehen und umschreiben, man kann sie mißverstehen, kann versuchen Haare zu spalten, aber man kann sie nicht auslöschen. Jede richtige Betrachtung einer Persönlichkeit muß diesen Tatsachen irgendwie Rechnung tragen und feststellen, wie es mit dem Minderwertigkeitsgefühl, mit dem Streben nach Überwindung, mit dem Gemeinschaftsgefühl beschaffen ist.

Aber so wie andere Kulturen aus dem Zwang der Evolution andere Vorstellungen und unrichtige Wege abstrahierten, so jedes einzelne Individuum. Der gedankliche und der damit verbundene gefühlsmäßige Aufbau eines Lebensstils im Strom der Entwicklung ist das Werk eines Kindes. Als Maßstab seiner Kraft dient ihm die gefühlsmäßig und ungefähr erfaßte Leistungsfähigkeit in einer durchaus nicht neutralen Umgebung, die nur schlecht eine Vorschule des Lebens abgibt. Aufbauend auf einem subjektiven Eindruck, oft durch wenig maßgebende Erfolge oder Niederlagen geleitet, schafft sich das Kind Weg und Ziel und Anschaulichkeit zu einer in der Zukunft liegenden Höhe. Alle Mittel der Individualpsychologie, die zum Verständnis der Persönlichkeit führen sollen, rechnen mit der Meinung des Individuums über das Ziel der Überlegenheit, mit der Stärke seines Minderwertigkeitsgefühls und mit dem Grade seines Gemeinschaftsgefühls. Bei näherer Einsicht in das Verhältnis dieser Faktoren wird man sehen, daß sie alle die Art und den Grad des Gemeinschaftsgefühls konstituieren. Die Prüfung erfolgt ähnlich wie in der experimentellen Psychologie oder wie in der Funktionsprüfung medizinischer Fälle. Nur daß hier das Leben selbst die Prüfung anstellt, was die tiefe Verbundenheit des Individuums mit den Fragen des Lebens anzeigt. Es kann nämlich das Ganze des Individuums nicht aus dem Zusammenhang mit dem Leben – man sagt wohl besser mit der Gemeinschaft – herausgerissen werden. Wie es sich zur Gemeinschaft stellt, verrät erst seinen Lebensstil. Deshalb kann die experimentelle Prüfung, die bestenfalls nur Anteile am Leben berücksichtigt, nichts über Charakter oder gar über künftige Leistungen in der Gemeinschaft aussagen. Und auch die »Gestaltpsychologie« bedarf der Ergänzung durch die Individualpsychologie, um über die Stellungnahme des Individuums im Lebensprozeß Aussagen machen zu können.

Die Technik der Individualpsychologie zur Erforschung des Lebensstils muß demnach in erster Linie eine Kenntnis der Lebensprobleme und ihrer Forderungen an das Individuum voraussetzen. Es wird sich zeigen, daß ihre Lösung einen gewissen Grad von Gemeinschaftsgefühl voraussetzt, eine Angeschlossenheit an das Ganze des Lebens, eine Fähigkeit zur Mitarbeit und zur Mitmenschlichkeit. Mangelt diese Fähigkeit, so wird man in tausendfachen Varianten ein verstärktes Minderwertigkeitsgefühl und dessen Folgen, im großen und ganzen als »zögernde Attitüde« und als Ausweichung beobachten können. Die dabei auftretenden körperlichen oder seelischen Erscheinungen in ihrem Zusammenhang habe ich als »Minderwertigkeitskomplex« bezeichnet. Das nie ruhende Streben nach Überlegenheit trachtet diesen Komplex durch einen Überlegenheitskomplex zu verdecken, der immer außerhalb des Gemeinschaftsgefühls auf den Schein einer persönlichen Überlegenheit hinzielt. Ist man im klaren über alle im Falle des Versagens auftretenden Erscheinungen, so hat man nach den Ursachen der mangelnden Vorbereitung in der frühen Kindheit zu forschen. Auf diese Weise gelingt es, ein getreues Bild vom einheitlichen Lebensstil eines Individuums zu erlangen, gleichzeitig im Falle eines Fehlschlags den Grad der Abweichung zu erfassen, der sich immer als ein Mangel an Anschlußfähigkeit herausstellt. Die Aufgabe, die dem Erzieher, dem Lehrer, dem Arzt, dem Seelsorger zufällt, ist dabei gegeben: Das Gemeinschaftsgefühl und dadurch den Mut zu heben durch die Überzeugung von den wirklichen Ursachen des Fehlschlags, durch Aufdeckung der unrichtigen Meinung, des verfehlten Sinnes, den das Individuum dem Leben unterschoben hat, um ihn dem Sinne näherzubringen, den das Leben dem Menschen aufgegeben hat.

Diese Aufgabe ist nur zu lösen, wenn eine eingehende Kenntnis der Lebensprobleme vorhanden ist und wenn der zu geringe Einschlag des Gemeinschaftsgefühls im Minderwertigkeits- und Überlegenheitskomplex sowie in allen Typen der menschlichen Fehlschläge verstanden ist. Desgleichen bedarf es einer großen Erfahrung bezüglich jener Umstände und Situationen, die mit Wahrscheinlichkeit in der Kindheit die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls verhindern. Die bis jetzt in meiner Erfahrung am besten bewährten Zugänge zur Erforschung der Persönlichkeit sind gegeben in einem umfassenden Verständnis der ersten Kindheitserinnerungen, der Position des Kindes in der Geschwisterreihe, irgendwelcher Kinderfehler, in Tag- und Nachtträumen und in der Art des exogenen, krankmachenden Faktors. Alle Ergebnisse einer solchen Untersuchung, die auch die Stellung zum Arzt einschließen, sind mit größter Vorsicht zu bewerten und ihr Bewegungsablauf ist stets auf den Gleichklang mit anderen Feststellungen zu prüfen.

3. Die Aufgaben des Lebens

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Hier ist der Punkt, an dem sich die Individualpsychologie mit der Soziologie berührt. Es ist unmöglich, ein richtiges Urteil über ein Individuum zu gewinnen, wenn man nicht die Struktur seiner Lebensprobleme kennt und die Aufgabe, die ihm durch sie gesetzt ist. Erst aus der Art, wie sich das Individuum zu ihnen stellt, was in ihm dabei vorgeht, wird uns sein Wesen klar. Wir haben festzustellen, ob es mitgeht, oder ob es zögert, halt macht, sie zu umschleichen trachtet, Vorwände sucht und schafft, ob es die Aufgabe teilweise löst, über sie hinauswächst, oder sie ungelöst läßt, um auf gemeinschaftsschädlichem Wege den Schein einer persönlichen Überlegenheit zu gewinnen.

Seit jeher habe ich daran festgehalten, alle Lebensfragen den drei großen Problemen unterzuordnen: dem Problem des Gemeinschaftslebens, der Arbeit und der Liebe. Wie leicht ersichtlich, sind es keine zufälligen Fragen, sondern sie stehen unausgesetzt vor uns, drängend und fordernd, ohne irgend ein Entkommen zu gestatten. Denn all unser Verhalten zu diesen drei Fragen ist die Antwort, die wir Kraft unseres Lebensstils geben. Da sie untereinander eng verbunden sind, und zwar dadurch, daß alle drei Probleme zu ihrer richtigen Lösung ein gehöriges Maß von Gemeinschaftsgefühl verlangen, ist es begreiflich, daß sich der Lebensstil jedes Menschen mehr oder weniger deutlich in der Stellung zu allen drei Fragen spiegelt. Weniger deutlich in der, die ihm gegenwärtig ferner liegt oder günstigere Umstände bietet, deutlicher, sofern das Individuum strenger auf seine Eignung geprüft wird. Probleme wie Kunst und Religion, die die durchschnittliche Lösung der Probleme überragen, haben Anteil an allen drei Fragen. Diese ergeben sich aus der untrennbaren Bindung des Menschen an die Notwendigkeit der Vergesellschaftung, der Sorge für den Unterhalt und der Sorge für Nachkommenschaft. Es sind Fragen unseres Erdendaseins, die sich vor uns auftun. Der Mensch als Produkt dieser Erde in seiner kosmischen Beziehung konnte sich nur entwickeln und bestehen in Bindung an die Gemeinschaft, bei körperlicher und seelischer Vorsorge für sie, bei Arbeitsteilung und Fleiß und bei zureichender Vermehrung. In seiner Evolution wurde er körperlich und seelisch dazu ausgestattet durch das Streben nach besserer körperlicher Eignung und besserer seelischer Entwicklung. Alle Erfahrungen, Traditionen, Gebote und Gesetze waren schlecht oder recht Versuche, dauernd oder hinfällig, in dem Streben der Menschheit nach Überlegenheit über die Schwierigkeiten des Lebens. In unserer gegenwärtigen Kultur sehen wir die bisher erreichte, freilich unzulängliche Stufe dieses Strebens. Aus einer Minussituation zu einer Plussituation zu gelangen, zeichnet die Bewegung des einzelnen wie der Masse aus und gibt uns das Recht, von einem dauernden Minderwertigkeitsgefühl beim einzelnen wie bei der Masse zu sprechen. Im Strom der Evolution gibt es keinen Ruhezustand. Das Ziel der Vollkommenheit zieht uns hinan[1q].

Sind aber diese drei Fragen mit ihrer gemeinschaftlichen Basis des sozialen Interesses unausweichlich, dann ist es klar, daß sie nur von Menschen gelöst werden können, die ein zulängliches Maß von Gemeinschaftsgefühl ihr eigen nennen. Es ist leicht zu sagen, daß bis auf den heutigen Tag wohl die Eignung jedes einzelnen zur Erlangung dieses Maßes vorhanden ist, daß aber die Evolution der Menschheit noch nicht genug vorgeschritten ist, um Gemeinschaftsgefühl dem Menschen so weit einzuverleiben, daß es sich automatisch auswirkt, gleich Atmen oder gleich dem aufrechten Gang. Es ist für mich keine Frage, daß in einer — vielleicht sehr späten — Zeit diese Stufe erreicht sein wird, falls die Menschheit nicht an dieser Entwicklung scheitert, wofür heute ein leichter Verdacht vorhanden ist.

Auf die Lösung dieser drei Hauptfragen zielen alle anderen Fragen hin, ob es sich um die Fragen der Freundschaft, der Kameradschaft, des Interesses für Stadt und Land, für Volk und für die Menschheit handelt, um gute Manieren, um Annahme einer kulturellen Funktion der Organe, um Vorbereitung für die Mitarbeit, im Spiel, in der Schule und in der Lehre, um Achtung und Schätzung des anderen Geschlechts, um die körperliche und geistige Vorbereitung zu allen diesen Fragen sowie um die Wahl eines geschlechtlichen Partners. Diese Vorbereitung geschieht richtig oder unrichtig vom ersten Tag der Geburt des Kindes an durch die Mutter, die in der evolutionären Entwicklung der Mutterliebe der von Natur aus geeignetste Partner im mitmenschlichen Erlebnis des Kindes ist. Von der Mutter, die als erster Mitmensch an der Pforte der Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls steht, gehen die ersten Impulse für das Kind aus, sich als ein Teil des Ganzen ins Leben einzufinden, den richtigen Kontakt zur Mitwelt zu suchen.

Von zwei Seiten können Schwierigkeiten entstehen. Von Seiten der Mutter, wenn sie unbeholfen, schwerfällig, unbelehrt dem Kinde den Kontakt erschwert, oder wenn sie sorglos ihre Aufgabe allzu leicht nimmt. Oder, was am häufigsten zutrifft, wenn sie das Kind von jeder Mithilfe und jeder Mitarbeit entbindet, es mit Liebkosungen und Zärtlichkeiten überhäuft, für das Kind ständig handelt, denkt und spricht, ihm jede Entwicklungsmöglichkeit unterbindet und es an eine imaginäre Welt gewöhnt, die nicht die unsere ist, in der alles von anderen für das verwöhnte Kind getan wird. Eine verhältnismäßig kurze Zeitstrecke genügt, um das Kind zu verleiten, sich immer im Mittelpunkt des Geschehens zu sehen und alle anderen Situationen und Menschen als feindlich zu empfinden. Dabei darf die Vielfältigkeit der Ergebnisse nicht unterschätzt werden, die aus dem freien Ermessen und der, Mitwirkung der freien schöpferischen Kraft des Kindes erfließen. Das Kind gebraucht die Einflüsse von außen, um sie in seinem Sinne zu verarbeiten. Im Falle der Verwöhnung durch die Mutter lehnt das Kind die Ausbreitung seines Gemeinschaftsgefühls auf andere Personen ab, trachtet sich dem Vater, den Geschwistern und anderen Personen zu entziehen, die ihm nicht ein gleiches Maß von Wärme entgegenbringen. Im Training dieses Lebensstils, in der Meinung vom Leben, als ob alles leicht, nur durch die Mithilfe von außen, gleich im Beginn zu erreichen sei, wird so das Kind später für die Lösung der Lebensfragen mehr oder weniger ungeeignet und erlebt, wenn diese herantreten, unvorbereitet im Gemeinschaftsgefühl, das sie verlangen, eine Schockwirkung, die in leichten Fällen vorübergehend, in schweren dauernd zur Verhinderung einer Lösung beiträgt. Einem verwöhnten Kind ist jeder Anlaß recht, die Mutter mit sich zu beschäftigen. Es erreicht dieses sein Ziel der Überlegenheit am leichtesten, wenn es der Aufnahme einer Kultivierung seiner Funktionen Widerstand leistet, sei es im Trotz — eine Stimmungslage, die trotz der individualpsychologischen Aufklärung neuerdings von Charlotte Bühler als ein natürliches Entwicklungsstadium betrachtet wird —, sei es in mangelhaftem Interesse, das immer auch als ein Mangel an sozialem Interesse zu verstehen ist. Andere krampfhafte Versuche, die Erklärung von Kinderfehlern, wie Stuhlverhaltung oder Bettnässen, von der Sexuallibido oder von sadistischen Trieben abzuleiten und zu glauben, daß damit primitivere oder gar tiefere Schichten des Seelenlebens aufgedeckt sind, verkehren die Folge zur Ursache, da sie die Grundstimmung solcher Kinder, ihr übertriebenes Zärtlichkeitsbedürfnis, verkannt haben, fehlen auch darin, daß sie die evolutionäre Organfunktion so ansehen, als ob sie stets von neuem erworben werden müßte. Die Entwicklung dieser Funktionen ist ebenso menschliches Naturgebot und menschlicher Naturerwerb wie der aufrechte Gang und das Sprechen. In der imaginären Welt der verwöhnten Kinder können sie freilich, ebenso wie das Inzestverbot, als Zeichen des Verwöhntseinwollens umgangen werden, zum Zwecke der Ausnützung anderer Personen oder zum Zwecke der Rache und Anklage, falls die Verwöhnung nicht erfolgt.

Verwöhnte Kinder lehnen auch in tausend Varianten jede Änderung ihrer zufriedenstellenden Situation ab. Erfolgt sie dennoch, so kann man stets die widerstrebenden Reaktionen und Aktionen beobachten, die in mehr aktiver oder in mehr passiver Art zur Durchführung gelangen. Angriff oder Rückzug, die Ausgestaltung hängt größtenteils vom Grad der Aktivität, doch auch von der Lösung fordernden äußeren Situation (vom exogenen Faktor) ab. Erfolgserfahrungen in ähnlichen Fällen geben später die Schablone ab und werden von manchen in unzulänglicher Erfassung als Regression abgefertigt. Manche Autoren gehen noch weiter in ihren Vermutungen und versuchen den gegenwärtig als festen und dauernden evolutionären Erwerb zu betrachtenden seelischen Komplex auf Rückbleibsel aus Urzeiten zurückzuführen und kommen dabei zu phantastischen Funden von Übereinstimmung. Meist sind sie dadurch irregeführt, daß menschliche Ausdrucksformen, insbesondere wenn man die Armut unserer Sprache nicht in Rechnung setzt, zu allen Zeiten eine Ähnlichkeit aufweisen. Es ist nur eine andere Ähnlichkeit getroffen, wenn versucht wird, alle menschlichen Bewegungsformen auf die Sexualität zu beziehen.

Ich habe begreiflich gemacht, daß verwöhnte Kinder sich außerhalb des Kreises der Verwöhnung stets bedroht, wie in Feindesland fühlen. Alle ihre verschiedenen Charakterzüge müssen mit ihrer Meinung vom Leben übereinstimmen, vor allem ihre oft nahezu unfaßbare Selbstliebe und Selbstbespiegelung. Daß alle diese Charakterzüge Kunstprodukte, daß sie erworben und nicht angeboren sind, geht daraus eindeutig hervor. Es ist nicht schwer einzusehen, daß alle Charakterzüge, entgegen der Auffassung der sogenannten Charakterologen, soziale Bezogenheiten bedeuten und aus dem vom Kinde gefertigten Lebensstil entspringen. So löst sich auch die alte Streitfrage auf, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei. Der evolutionär wachsende, unaufhaltsame Fortschritt des Gemeinschaftsgefühls berechtigt zur Annahme, daß der Bestand der Menschheit mit dem »Gutsein« untrennbar verknüpft ist. Was scheinbar dagegen spricht, ist als Fehlschlag in der Evolution zu betrachten und läßt sich auf Irrtümer zurückführen, wie es ja auch unbrauchbares körperliches Material in den Tierspezies auf dem großen Versuchsfeld der Natur immer gegeben hat. Die Charakterlehre wird sich aber bald entschließen müssen zuzugeben, daß Charaktere wie »mutig, tugendhaft, faul, feindselig, standhaft usw.« sich immer nach unserer, sich stets verändernden Außenwelt richten und ohne diese Außenwelt einfach nicht existieren.