Die Wiege der Damaszener - Frankae M.G. - E-Book

Die Wiege der Damaszener E-Book

Frankae M.G.

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Beschreibung

Der Roman "Die Wiege der Damaszener" erzählt die wundervolle aber auch dramatische Lebensgeschichte von zwei Familien verschiedener Herkunft in New York City und Leningrad des 20. Jahrhunderts, eingebettet in wahre geschichtliche Ereignisse des russischen und amerikanischen Seins jener Zeit. Zwei Familien, die in gegensätzliche Lebens- und Denkweisen geboren wurden und deshalb unterschiedlicher nicht leben und lieben können. Die durch ihren Glauben, ihre Treue und ihren Mut sich allen Hürden des Lebens entgegenzustellen zueinander finden und über Grenzen hinaus enger miteinander verbunden sind, als sie sich es je hätten vorstellen können. Aus deren wundervollen und dennoch tragischen Vereinigung ein wohlbehütetes zartes Mädchen heranreift, welches an jenen unterschiedlichen Lebens- und Denkweisen zu zerbrechen scheint. In fortlaufenden Zeitabständen zwischen 5 und 7 Jahren führt der Roman parallel abwechselnd in das russische und amerikanische Leben. Auch lässt das erste Kapitel scheinbar das Ende des Romans erahnen. Dennoch bleiben alle Möglichkeiten offen. Erst nachdem sich das Netz der gesamten Handlung am Ende des Romans zusammengezogen hat, erhält der Leser die Antwort auf seine Frage. Bewusst beginnt die eigentliche Geschichte des Romans erst mit dem zweiten Kapitel im Jahr 1930. Von da aus nimmt uns die Geschichte inmitten von tiefster Armut und absoluten Reichtum in das beeindruckende New York City, in das atemberaubende Leningrad, auf beeindruckende Reisen durch Zeit und Raum und lässt uns die unabdingbare Rückkehr jedes einzelnen Protagonisten zu seinen Wurzeln erleben.

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Frankae M.G.

Die Wiege der Damaszener

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Francesca

Katharina

Richard

Katharina

Richard

Katharina

Richard

Katharina

Richard

Katharina

Richard

Katharina

Richard

Katharina

Richard

Katharina

Richard

Katharina

Richard

Katharina

Richard

Katharina

Francesca

Richard

Katharina

Francesca

Francesca

Francesca

Impressum

Vorwort

Wir versuchen die Wege,

die wir gehen,

selbst zu bestimmen

und doch

Francesca

New York City, Sommer 1993

„Schließen sie den Vorhang!“ rief Oberärztin Claire der Notaufnahme des St. Michael Hospital in Greenwich Village Schwester Kathleen zu, die für einige Tage von Station Vier, dem Therapiezentrum für Suchtprobleme, in die Unfalleingänge versetz wurde. Der Anweisung folgend trat Kathleen an Bett Nummer Zwei und schloss den Plastikvorhang des Neuzugangs.

„Was kann ich tun?“, fragte sie die Oberärztin.

„Säubern sie das Gesicht der Kleinen, es sieht furchtbar aus!“

Wie angeordnet nahm Kathleen ein mit Desinfektionslösung getränktes Reinigungstuch und strich eine von Speichel verklebte Haarsträhne aus dem Gesicht der scheinbar jungen Frau. Gerade, als sie behutsam die Wangen säubern wollte, wich sie einen Schritt zurück.

„Oh mein Gott…“, stotterte sie, „…das ist Francesca!“

Oberärztin Claire, die angefangen hatte die Aufnahmepapiere zu studieren, blickte auf. „Sie kennen sie?“

„Sie wollte heute heiraten!“ Kathleen schien sichtlich irritiert.

„Nun, ich denke heiraten wird sie heute nicht mehr“, antwortete die Oberärztin kühl und gab Kathleen das Aufnahmeformular.

„Geben sie mir die Fakten“, forderte sie Kathleen routiniert auf. Kathleen bemühte sich um Fassung und las die notierten Daten der Aufnahmeärzte vor.

„Weibliche Weiße, zirka fünfundzwanzig Jahre alt, aufgenommen mit Atemnot, Bewusstseins- und Herzkreislaufstörung, Hautirritationen um Mund und Nase, Geruch nach Lösungsmittel, Reanimation durch Intubation bei Atmung. Die Patientin befindet sich im Tiefschlaf mit sich wiederholenden kurzzeitigen Wachzuständen.“

„Wo fand man sie?“, fragte die Oberärztin weiter und leuchtete in Francescas scheinbar leblose Augen.

„Man fand sie im Washington Square Park“, antwortete Kathleen, während die Oberärztin die Hautirritationen um Mund und Nase begutachtete.

„Sie riecht sehr stark nach Lösungsmittel. Wurde irgendetwas bei ihr gefunden?“

„Nein! Doch ich bin überzeugt das es Klebstoff war.“

Kathleen studierte noch ein zweites Mal die Aufzeichnungen.

„Klebstoff?“ Oberärztin Claire schaute auf.

„Also gut! Sie kennen das Mädchen? Dann erzählen sie! Aber bitte nur die Fakten!“ Noch immer sprach Oberärztin Claire in einem sehr kühlen Tonfall. Kathleen begann zu erklären.

„Francesca ist seit fast zwei Jahren Patientin auf Station Vier. Sie schnüffelte regelmäßig Klebstoff. Seit ihrem vierwöchigen Entzug begleiten wir sie in einer Therapie, die erfolgreich und fast zu Ende ist. Zudem hat sie sich gerade erst verlobt. Ich verstehe nicht, was passiert ist.“

„Gab es denn keinen Anhaltspunkt, dass sie eventuell rückfällig werden könnte?“, fragte Oberärztin Claire etwas nachdenklich.

„Nein! Sie war voller Vorfreude auf ihre Hochzeit.“

„Und warum hat sie geschnüffelt?“, fragte Oberärztin Claire weiter. Kathleen schaute einen Augenblick lang auf Francesca, dann begann sie zu erzählen.

„Wissen sie Claire, in all den Sitzungen mit ihr und auch in den Gesprächen mit ihrem Verlobten kristallisierte sich heraus, dass Francescas immer stärker werdendes depressives Verhalten daraus resultierte, dass sie unter den verschiedenen kulturellen Einflüssen ihrer Familie litt. Ihre Mutter und sie selbst wurden in der Sowjetunion geboren. Ihr Vater kam ums Leben, als sie noch ein Kind war. Dann verliebte sich ihre Mutter erneut in einen Freund der Familie, einen Amerikaner hier aus New York City. Für Francesca brachte das Bündnis dieser völlig unterschiedlichen Welten große Probleme mit sich. Der Umzug von Leningrad nach New York City und das sich Zurechtfinden in einem neuen System. Darüber hinaus verbrachte sie die letzten Jahre alleine, denn ihre Mutter folgte ihrem Mann für einen Job nach Frankreich. Sie blieb mit ihren Zweifeln und Ängsten hier in New York City zurück. Eines führte zum anderen und letztendlich ins Drogenmilieu. Francesca sprach oft davon, dass sie hoffte, in ihren Rauschzuständen ein Gefühl von Heimat und Liebe zu bekommen. Ich bin auch nicht sicher, ob ihre Eltern wussten, wie es um sie stand. Und dennoch, sie hatte das alles letztendlich hinter sich gelassen. Sie war clean und blickte nach vorne!“

Kathleen hielt kurz inne, dann fügte sie leise hinzu: „Sie wollte heute heiraten!“

Kathleen und Oberärztin Claire schwiegen für eine paar Sekunden, dann fuhr Oberärztin Claire fort.

„Bevorzugte sie eine bestimmte Sorte von Klebstoff?“

„Ich weiß es nicht!“, antwortete Kathleen fast unhörbar.

„Danke Schwester! Dann entfernen sie das Kleid und bringen sie es ins Labor, ich will schnellsten die Analyse! Ich schicke ihnen eine Pflegerin“, wies Oberärztin Claire Kathleen scheinbar doch mitfühlend an, unterschrieb das Aufnahmeformular und verschwand hinter dem Plastikvorhang.

Kathleen sah Francesca mit traurigen Blicken an, wie sie dalag, in ihrem wunderschönen Brautkleid aus champagnerfarbenem Seidenchiffon mit Hunderten von funkelnden Steinen wie Diamanten, die sie erstrahlen ließen. Das Kleid war ein Kunstwerk aus Meisterhand.

Kathleen erinnerte sich, wie stolz Francesca es ihr noch vor ein paar Tagen in der Therapiestunde zeigte.

„Schwester Kathleen? Entschuldigung! Ich soll ihnen hier helfen?“ Eine Pflegerin riss Kathleen aus ihren Gedanken.

„Oh, ja danke! Kommen sie her! Wir müssen ihr das Kleid ausziehen. Ich werde sie herumdrehen und sie öffnen das Kleid. Aber bitte vorsichtig! Wir wollen es nicht zerreisen!“

Die beiden Frauen arbeiteten so behutsam wie möglich und noch während sie Francescas Körper von einer Seite auf die andere drehten, erwachte sie kaum spürbar. Sie erlebte jede Berührung der Schwestern in vollem Bewusstsein. Sie wollte sich mitteilen, doch ihre Zunge bewegte sich nicht. Es fühlte sich an, als säße sie in einem Karussell, das sie geradewegs durch ihre Erinnerungen drehte.

„Nein! Nicht mein Kleid!“, stammelte Francesca nun leise.

„Hat sie etwas gesagt?“ Kathleen schaute die Pflegerin fragend an.

„Ich habe nichts gehört“, antwortete diese.

„Wir müssen sie warm halten! Schnell, holen sie ein paar Decken!“ flüsterte Kathleen leise.

Francesca lag in Trance und es war als höre sie von weitem die Stimme ihrer Mutter. Sie wollte zu ihr laufen, doch ihre nackten Füße bewegten sich nicht. Sie spürte die aufsteigende Kälte, die sich langsam ihres Körpers bemächtigte, es schmerzte. Auf einmal wurde es dunkel, dichter Nebel umhüllte sie. Sie hatte große Angst. Sie öffnete weit ihre Augen und versuchte zu deuten. Dann plötzlich sah sie einen goldenen Schimmer, einen Sonnenstrahl, eine Brücke, die über einen tiefen Abgrund führte und sie hörte eine sanfte Stimme, die rief:

„Francesca, komm zu uns, komm in die Sonne!“

Katharina

Leningrad, Winter 1934

„Karl, es bittet jemand um Einlass. Würdest du die Tür öffnen.“

Doktor Karl von Stein öffnete die schwere Eingangstür und der eisige Wind fegte Tausende von Schneeflocken in das Portal. Ein bärtiger Mann im dicken Mantel aus Schafsfell und einer tief ins Gesicht gezogenen Schápka erschien im Licht der Kerzen. Seine Augenbrauen und Barthaare waren vor Kälte gefroren. In seiner Hand hielt er einen versiegelten Brief.

„Sdráwstwuíte, Doktor von Stein!“, grüßte er freundlich.

„Wassily Petrovic? Wieso sind sie bei diesem Schneesturm unterwegs und noch dazu um diese Uhrzeit? Schnell treten sie ein!“

„Danke, Herr Doktor! Ein Brief aus Deutschland traf für sie ein. Ich dachte, sie würden ihn so schnell als möglich haben wollen.“

„Ein Brief aus Deutschland?“ Auch Anna von Stein kam zur Tür geeilt.

„Karl? Hörte ich richtig? Ein Brief von zu Hause ist angekommen?“

Anna von Stein war eine unscheinbare Frau, die sich über jede Nachricht aus ihrer Heimat freute, denn sie hatte oft Sehnsucht nach ihrer Familie. Schweren Herzens war sie ihrem Mann vor über drei Jahren nach Leningrad gefolgt und nur allmählich konnte sie sich an das neue Leben in einem unruhigen Land gewöhnen. Karl von Stein nahm den Brief entgegen.

„Danke, Wassily! Anna möchtest du ihn öffnen? Hier bitte! Wer schreibt uns?“

„Er ist von meiner Schwester“, lächelte Anna.

„Ich hoffe, es sind keine schlechten Nachrichten!“ Karl schaute skeptisch.

„Auf Wiedersehen, Doktor von Stein! Ich werde mich wieder auf den Weg machen.“ Wassily zog seine dicken Fausthandschuhe an und beugte seinen Kopf nach unten als Geste des Abschiedes.

„Wassily, mein Freund! Sie sollten wenigstens warten, bis sich der Schneesturm ein wenig gelegt hat. Bleiben sie und trinken sie einen Tee mit uns! Der Samowar ist noch heiß.“

„Danke! Aber, ich möchte sie nicht stören!“, lehnte Wassily höflich ab.

„Unsinn! Es ist uns eine Freude!“ Karl von Stein zeigte auf das anliegende Zimmer und Wassily nahm die Gastfreundschaft an.

„Würdest du uns den Tee zubereiten?“, bat Karl seine Frau, die den noch ungeöffneten Brief bei Seite legte und ihrem Mann in die Teestube folgte, einem großen warmen Raum, in dessen Mitte ein Eichentisch mit sechs reich verzierten und mit schwerem Brokat bezogenen Essstühlen stand. Auf dem Tisch dampfte der heiße Samowar und neben ihm blinkte eine Schale aus Silber mit bunter Emailmalerei und Filigran, gefüllt mit gebackenen figürlichen Lebkuchen, nach altem russischem Rezept. An der linken Wandseite stand ein kleiner Sekretär, an dem Karl von Stein Abend für Abend seine Studien niederschrieb. Ein Ofen, auf dessen Keramikkacheln in bunten Farben ein Sommerpalast zu sehen war, spendete dem Esszimmer wohltuende Wärme. An den Wänden hingen alte russische Gemälde, die unter dem Licht der Kerzen wie lebendig erschienen. Ein großer Wandbehang aus naturfarbener Baumwolle mit schwarzrotblauer Seidenstickerei gab dem Raum seine Gemütlichkeit. Trotz der prunkvollen Eichenmöbel, war die Villa in der vornehmsten Straße Leningrads, die Doktor von Stein und seiner Gemahlin zur Verfügung gestellt wurde, sonst nur spärlich eingerichtet und entgegen den meisten Herrenhäusern nahe dem Verfall. Die Figuren im Eingang waren beschädigt und die Bemalungen kaum noch zu sehen. Die Machtkämpfe, die Revolutionen und die politischen Veränderungen hatten auch hier ihre Spuren hinterlassen.

„Mein Mann und ich freuen uns sehr, sie wieder zu sehen. Wie geht es ihrer Frau Natascha? Sie war doch Hebamme nicht wahr?“ fragte Anna von Stein, während sie die Teeschalen füllte.

„Das ist richtig! Natascha hilft noch immer bei zahlreichen Geburten, aber die Zeiten sind nach wie vor hart. Hunger und Armut sind Schuld an vielen Totgeburten.“ Wassilys Stimme klang traurig.

„Ich weiß! Bitte, trinken sie den heißen Tee! Er wird ihnen gut tun. Der Weg hierher war sicher anstrengend.“

Anna sprach mit leiser Stimme, in der Hoffnung, dem Gespräch eine andere Richtung geben zu können. Sie sah die Armut jeden Tag, sie wollte nichts darüber hören. Doch Wassily sprach weiter.

„Natascha tut was sie kann. Doch dieser strenge Winter wird wieder sehr viele Schicksale fordern. Hinzu kommen die noch immer anhaltenden politischen Säuberungen. Auch, wenn ich meinem Land treu ergeben bin, wünschte ich, ich könnte meiner Frau das Leben bieten, was wir einmal hatten. Damals, als meine Familie noch sorglos in Krasnoje Selo lebte, bevor man uns alles nahm und meine Eltern starben.“ In Wassilys Worten lag ein bitterer Unterton.

„Sie waren ein Kulak, ein Kapitalist!“, scherzte Karl von Stein mit einem Lächeln, der Annas Unbehagen bemerkte.

„Oh, Doktor von Stein! Sie sollten darüber nicht lachen! Unsere Familie hat unser Land über Generationen fruchtbar gemacht. Wir waren keine Kapitalisten, wir waren Bauern, die von ihrer Ernte lebten. Wir lebten von unserer Arbeit und auch wir wollten die Veränderungen!“ Wassily schaute nach unten und seine Fäuste ballten sich.

„Sie haben Recht, Wassily! All die Enteignungen waren und sind schrecklich und ich weiß, das Leningrad noch immer voller Wut, Armut und Tod ist. Doch versuchen sie auch die guten Seiten zu sehen. Sie leben jetzt in einer Stadt mit großer Zukunft. Einer Stadt mit Schulen, Krankenhäusern und Kindergärten und vergessen sie nicht die Museen, Gärten und Parks, die für alle Menschen geöffnet wurden. Auch wenn viele Menschen dafür Opfer brachten, ist es dennoch ein enormer Schritt in der Geschichte dieses Landes.“

„Doktor von Stein, bei meinem größten Respekt ihnen gegenüber, aber was wissen sie schon über unsere Geschichte. Solange ich denken kann, floss Blut auf den Straßen. Menschen wurden deportiert oder starben. Familien wurden auseinander gerissen oder ausgelöscht. Es gab immer nur Kampf und Trauer, verstehen sie! Und es ist noch nicht zu Ende!“ Es schien, als wäre Wassily wütend. Karl von Stein kannte diese Wut von vielen, in dieser Stadt lebenden Menschen, die eine bessere Zukunft wollten, aber sie nicht fanden.

„Sie haben Recht! Wir wissen nur sehr wenig über ihre Geschichte, dennoch ist sie auch sehr beeindruckend.“ Karl von Stein versuchte zu schlichten.

„Ich habe erst kürzlich gehört, dass Peter der Große Leningrad einst liebevoll den Namen Pieterburgh gab. Wie ich hörte, nach holländischer Gepflogenheit.“

„Ja, Doktor! Mein Bruder Sergej pflegte stets zu sagen, dass Leningrad ein Symbol für den Bruch althergebrachter Traditionen sei. Und so trägt sie jetzt einen neuen Namen, den eines großen Revolutionärs“. Wassily hielt inne und trank von seinem Tee, der unterdessen kalt geworden war. Anna, die besorgt über Wassilys Gemütszustand war, übernahm das Gespräch.

„Oh, ja! Wir hörten von dieser großen, das Land verändernden Revolution, die unter der Führung des berühmten Lenins stattfand. Nicht nur das Leningrad nach ihm benannt wurde, sondern auch, dass man für ihn eine außergewöhnliche Grabstätte in Moskau schuf.“

„Das ist richtig, Anna. Sie bauten ihm ein Denkmal!“, antwortete Wassily wieder ruhiger.

„Natascha und ich waren vor einiger Zeit dort.“

„Sie waren in Moskau?“ Anna, die froh über den gelungenen Gesprächsumschwung war, rückte näher an Wassily heran. Karl und sie hatten schon viel über die besondere Grabstätte erfahren und doch war es für sie immer noch unvorstellbar, wie man einem Menschen auf diese Art das ewige Leben schenkte.

„Sie waren in der Grabstätte? Wie sah sie aus?“ Gespannt wartete sie auf Wassilys Beschreibung.

„Der Monumentalbau ist kaum zu beschreiben. Es ist ein Mausoleum, dunkelrot und schwarz verkleidet und es steigt stufenförmig empor, gekrönt von einem tempelartigen Aufbau. Vor den Bronzetüren halten zwei Soldaten Ehrenwache. Lenin selbst ist aufgebahrt in einem gläsernen Sarg und dieser wiederum steht in einer Grabkammer aus roten, schwarzen und grauen Steinen. Vor dem Grabmal standen Tausende Menschen, um den Begründer ihres neuen Landes sehen zu können und ihm die letzte Ehre zu erweisen. Viele von ihnen weinten, sie schrieen und beteten für seine Seele, es war wirklich sehr beeindruckend!“

„Wie sah er aus?“, drängte Anna weiterzuerzählen.

„Es war, als ob er schliefe. Es war, als würde er jeden Moment erwachen und sein Werk fortführen, ein wirklich großer Mann!“ Wassily sah in seine Teeschale und im Raum wurde es still.

„Ich danke ihnen für den Tee! Er war sehr wohltuend. Jetzt muss ich mich jedoch wieder auf den Weg machen.“

Wassily zog seinen Mantel an, streifte seine Handschuhe über und verabschiedete sich in aller Höflichkeit.

Inzwischen war die Nacht hereingebrochen und der Wind peitschte an die Scheiben, auf denen Eiskristalle wundervolle Blumenmuster malten.

„Sieh nur, Karl, Eisblumen! Ich bewundere die Kunst der Natur jedes Jahr aufs Neue. Sind die Formen nicht wunderschön?“

„Ja, mein Liebling, sie sind wunderschön. Aber sie sind es nur, weil unser Heim warm ist.“ Karl von Stein war nachdenklich.

„Ja! Wir können uns sehr glücklich schätzen, dass es uns an nichts fehlt. All die Armut ist erschreckend. Dieses Land ist noch weit entfernt von einem sorglosen und guten Leben!“

„Denkst du oft an Deutschland zurück?“, fragte Karl seine Frau.

„Karl! Ich weiß, wie wichtig dir deine Arbeit hier in Leningrad ist. Dennoch gibt es Zeiten, in denen ich mir wünsche, zurückzukehren. Obgleich ich es dann auch wieder nicht will.“ Anna hielt kurz inne, denn sie erinnerte sich an den Brief aus Deutschland. Sie lief in die Teestube, öffnete hastig das Siegel und las laut vor.

Meine liebe Anna, lieber Karl! München, 30.August 1934

Nach langer Zeit des Schweigens, möchte ich Euch Nachrichten aus der Heimat senden. Wie geht es Euch? Uns allen geht es den Umständen entsprechend gut. Mutter hat sich gerade von einer leichten Erkältung erholt. Vater arbeitet Tag und Nacht in der Bank. Auch für uns wird es jetzt schwerer. Vater musste seinen Kunden alle kurzfristigen Kredite kündigen, schuld ist noch immer die Wirtschaftskrise, sagt er. Leider weiß ich nicht viel von diesen Dingen. Es gibt keine Arbeit und die Angst vor Zwangsversteigerungen und Zwangsräumungen überschattet die Familien. Überfälle und politische Morde machen uns große Angst. Fabriken und Betriebe werden geschlossen und Vater sagt, die Steuern werden erhöht. Wir leben in einer sehr schwierigen Zeit.

Vater will Karl das große Zille Album mit Zeichnungen aus dem Arbeiterviertel Berlins und Grüßen aus der Heimat schicken und ich sende dir Anna die Vogue, eine kleine Ablenkung von deinem Alltag.

Liebe Anna, lieber Karl! Leider muss ich Euch auch eine sehr traurige Mitteilung machen. Unser geliebter Bruder ist tot. Vor zwei Monaten bekam er leichte Fieberanfälle. Er aß nicht mehr, war matt und hatte oft Kopfschmerzen. Wir alle dachten, es sei nur eine Magenverstimmung, doch es ging ihm Tag für Tag schlechter. Seine Fieberanfälle wurden immer schwerer. Der Doktor kam und er stellte Diphtherie fest, eine sehr heimtückische Krankheit, sagte er. Der Doktor versuchte jede Medizin, doch er konnte ihm nicht mehr helfen, es war zu spät und so starb er am 23.August. Wir alle trauern sehr um ihn. Es ist für uns alle unfassbar, doch sein Wunsch war es, das wir unseren Mut nicht verlieren. Er wird immer in unseren Herzen weiterleben. Verzweifle bitte nicht, Anna! Gott nahm Peter zu sich und ich bin sicher, er hatte seine Gründe.

Bis bald Eure Magdalena.

Richard

New York City, Frühling 1935

Ein wunderschöner Tag war angebrochen. Die Vögel zwitscherten und durch die zarten langen Gardinen wehte der kühle Morgenwind. Die erwachende Sonne ließ das im edlen Weiß, Gold und Perlmutt gehaltene Schlafzimmer von Elisabeth Price wie einen orientalischen Traum erscheinen. Elisabeth liebte die Nichtfarben, weil sie Reinheit und Klarheit bedeuteten und das Sonnenlicht am hellsten wiedergaben. Und sie liebte Perlmutt, die für sie größte Faszination der Natur, die in allen Möbeln ihres Zimmers erstrahlte, kostbar und rein.

Elisabeth Price war bekannt für diese Vorliebe und ihre daraus resultierende Sammlung von geschmackvollem Perlenschmuck, mit der sie begann, als sie vor vielen Jahren in der Femina ein Foto von Misses George Franklin, einer Dame der New Yorker Gesellschaft sah, deren Kleid scheinbar aus unzähligen weißen Perlentropfen bestand. Eine Frau, die sehr elegant durch den Glanz und die Pracht erschien. Eine Eleganz, die auch Elisabeth ausstrahlte und die die Damen der feinen Gesellschaft ihr insgeheim neideten, denn Elisabeth folgte nicht den Reglements der oberen Schicht oder den Reglements der Mode, sie folgte ihrem eigenen Stil.

Es schlug acht Uhr, als Elisabeth erwachte. Sie roch den wundervollen Morgen, stieg aus ihrer elfenbeinfarbenen Seidenbettwäsche, streifte sich den Morgenrock von Bloomingdale über, öffnete weit ihre Balkontüren und lief hinaus in den Garten, wo ihre purpurroten Rosen erblühten, die sie umhegte und pflegte und von denen sie jeden Tag liebevoll nur eine Einzige abschnitt. Als sie zurückkehrte, klopfte es an ihrer Schlafzimmertür, die sich kurz daraufhin öffnete.

„Guten Morgen, Darling!“ George Price betrat das Schlafzimmer seiner Frau.

„George! Ich habe dein Klopfen gar nicht gehört“, begrüßte Elisabeth ihren Mann freudig und knöpfte etwas errötet ihren Morgenmantel zu.

„Entschuldige! Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen.“ Ein Schmunzeln überzog Georges Gesicht.

„Du bringst mich nicht in Verlegenheit! Komm herein und gib mir einen Kuss!“ Elisabeth sah ihren Mann mit einem verführerischen Lächeln an, der sie sogleich in den Arm nahm. Elisabeth stellte sich auf die Zehenspitzen und schüttelte ihren, in Wasserwellen gelegten rabenschwarzen Pagenschnitt sanft nach hinten.

„Darling, es ist bereits acht Uhr und Maria lässt fragen, ob du einen besonderen Wunsch hast, was das Frühstück betrifft.“ George löste sanft die Umarmung.

„Sie ist wirklich eine Seele von einem Mensch. Ich wüsste gar nicht, was ich ohne sie tun würde.“

Elisabeth ging weg, steckte die Rose in eine kostbare Vase, setzte sich vor ihren ovalen goldenen Spiegel und begann ihr Gesicht zu pudern.

„Nun, hegst du einen besonderen Wunsch?“, fragte George noch einmal.

„Ich möchte Spanisch frühstücken!“, scherzte Elisabeth.

„Du bist wieder einmal unerbittlich! Ich werde Maria sagen, dass du dich nicht entscheiden konntest und warte im Salon auf dich.“

„Danke! Sage ihr bitte auch, dass ich auf der Terrasse frühstücken möchte!“

Elisabeth ging ins Badezimmer, während George ihr nachsah. Er liebte sie einfach über alles.

George war ein angesehener Architekt mit Aufträgen der oberen Zehntausend New York Citys, den wenigen Wohlhabenden, die den Börsenkrach überstanden hatten. Und er war sehr stolz, eine so schöne und kluge Frau an seiner Seite zu wissen.

Im Portal angekommen informierte er Maria, das spanische Hausmädchen, über den Wunsch seiner Frau, setzte sich in den Salon mit Blick auf die Terrasse und beobachtete, wie Maria den Tisch mit sehr viel Sorgfalt und Liebe deckte.

Maria war in der Tat eine Seele von einem Mensch, denn sie freute sich über jede Arbeit, die ihr aufgetragen wurde. Und als George Maria so sah, da kamen sie wieder, die Erinnerungen an sein Elternhaus. Ein reiches Elternhaus, in dem man ihm Ignoranz gegenüber der unteren Schicht, den Immigranten und Hungernden gelehrt hatte. Er konnte und wollte das Elend in den Strassen nicht sehen, er wollte nichts hören von den Familien in den Elendsquartieren, dessen Kindern die Würmer aus der Nase krochen. Er wollte nichts hören, von all den Hungernden und Sterbenden und er wollte nichts wissen von den Menschen, die nur gebrochen seine Sprache sprachen.

George lebte unbeschwert in der Welt der Reichen bis zu jenem Abend, als Maria unerwartet in seiner Haustür stand, mit einem Zettel in der Hand. Bis zu jenem Abend, der alles veränderte:

Es war bereits dunkel und der vom Hudson River in die Stadt ziehende Nebel trübte die Sicht, als George die Hausglocke hörte.

„George! Es hat geläutet! Würdest du bitte die Tür öffnen!“, rief Elisabeth aus dem Salon.

George öffnete die Haustür und sah den Umriss einer Frau. Sie war sehr klein und auffällig dick. Sie trug ein buntes Kopftuch und einen viel zu großen alten Mantel. Im Licht der Eingangsbeleuchtung konnte George erkennen, dass die Frau eine etwas dunklere Hautfarbe hatte. Erschrocken trat er einen Schritt zurück.

„Wir geben nichts! Betteln verboten! Verstehen sie!“

George wollte die Tür schließen, doch dann bemerkte er, dass ihm die unbekannte Frau ein Stück Papier entgegenhielt.

„Was wollen sie?“ Unsicher nahm er den Zettel an und las.

„Ich verstehe nicht, warten sie hier!“ George schloss die Tür und rief nach Elisabeth.

„Darling! Draußen steht eine Frau! Sie gab mir einen Zettel mit deiner Handschrift und der Adresse unseres Hauses. Bestimmt hat sie ihn irgendwo gefunden und glaubt, wir geben ihr etwas dafür.“

„Was für ein Zettel? Darf ich ihn sehen?“ Elisabeth kam aus der Küche und begutachtete ihre Handschrift.

„Natürlich! Ich erinnere mich! Das kleinen Mädchen...“

„Welches kleine Mädchen?“, fragte George sichtlich irritiert.

„Ich vergaß, es dir zu erzählen. Ich war neulich bei Macys und da war ein kleines Mädchen. Sie saß vor dem Eingang auf den kalten Steinen und sie hielt ihre Hände auf, für ein bisschen Geld. Sie tat mir sehr leid und ich kaufte ihr etwas zu Essen.“

George sah seine Frau verständnislos an und schüttelte mit dem Kopf.

„Oh, George! Wenn ich die Not von hundert Menschen schon nicht stillen kann, dann fange ich wenigstens bei einem an“, antwortete Elisabeth.

„Du bist nicht Mutter Teresa!“, mahnte George.

„Ich weiß! Ich sollte das nicht tun. Doch sie schlang das Essen förmlich herunter. Dann lief sie aus Dankbarkeit ein Stück meines Weges mit und ich fragte sie, wo sie denn wohne und ob sie keine Eltern habe. Und sie erzählte mir, dass es nur ihre kranke Großmutter und ihre Mama gäbe, die nun nicht mehr in diesem vornehmen Haus arbeiten würde und dass sie oft großen Hunger habe. Ich fragte das Mädchen, was ihre Mutter arbeitete und sie erzählte mir, das sie einst als Hausmädchen diente. Weißt du George, ich dachte an die vielen Kinder, die in den Straßen leben und daran, dass wir doch ein Hausmädchen suchen und so schrieb ich unsere Adresse auf dieses Stück Papier.“

„Elisabeth, du bist unverbesserlich! Nun gut, dann werde ich sie hereinbitten. Ich hoffe, du hast keinen Fehler gemacht!“

Gefolgt von Elisabeth, öffnete George noch einmal die Tür und bat die fremde Frau in die Empfangshalle, die sich offensichtlich sehr darüber freute.

„Das ist meine Frau, Elisabeth. Von ihr erhielten sie diesen Zettel.“

„Guten Tag, Señora Price!“, sagte die Frau schüchtern.

„Guten Tag! Setzten sie sich! Wie ist ihr Name?“, fragte Elisabeth sehr höflich.

„Entschuldigen sie vielmals, Señora Price! Ich vergaß mich vorzustellen. Mein Name ist Maria Eleonora Martinez de Sanchez“, antwortete die Frau mit gebrochenem Akzent.

„Maria Eleonora Martinez Sanchez! Es freut mich sehr, dass sie gekommen sind! Darf ich ihnen einen Tee anbieten?“

„Danke, sehr gerne! Bitte, nennen sie mich Maria!“

Elisabeth ging in die Küche, während George die Fremde bei jeder ihrer Bewegungen beobachtete. Die Situation war ihm unangenehm und er war erleichtert, als Elisabeth endlich den Tee servierte.

„Sie haben eine sehr nette Tochter. Wie geht es ihr?“, fragte sie mit warmer Stimme und goss Maria eine Tasse ein.

„Danke! Es geht ihr gut. Ich habe ihr gesagt, sie soll die Menschen nicht belästigen. Es tut mir sehr leid, dass sie es trotzdem tat.“ Maria sprach mit vollendeter Höflichkeit und kühler zurückhaltender Würde, was George sichtlich freundlicher stimmte.

„Es muss ihnen nicht Leid tun. Aber ich verstehe ihre Ansicht. Wo genau kommen sie her?“, fragte Elisabeth weiter.

„Meine Familie und ich stammen ursprünglich aus Spanien.“ Nur sehr zögernd kamen die Worte über Marias Lippen.

„Spanien? Das ist doch ein Land in Europa!“ Erstaunt sahen sich Elisabeth und George an.

„Ja, Señora Price! Es liegt in Europa am Meer.“

„Mein Gott, das ist unvorstellbar weit! Wie kamen sie nach New York City?“ Maria zögerte, doch Elisabeth bat sie, die Geschichte ihrer Familie zu erzählen. Maria nahm ihr Kopftuch herunter, sie nahm es in beide Hände und fing langsam an zu sprechen.

„Unsere Reise begann vor vielen Jahren in Sant Joan, einem kleinen Dorf am Rio Flumen, wo ich geboren wurde. Meine Familie lebte schon seit Generationen in Sant Joan. Sie besaß dort ein kleines Landgut mit Weizenfeldern. Wir alle lebten gemeinsam dort, meine Eltern, meine Großeltern, meine beiden Onkel und meine Schwester. Nur mein Bruder Juan war nicht bei uns, er verbrachte seine Zeit in Barcelona, einer Stadt am Meer. Für ihn war Sant Joan eine Einöde. Er wollte unbedingt in die große Stadt und so verließ er die Familie schon sehr früh. In Barcelona schloss er sich einer Gruppe an, die sich politisch engagierte. Ich glaube, sie hieß Generation von achtzehnhundert…, ich weiß es nicht mehr genau. Manchmal kam er unverhofft mit Freunden nach Hause und es gab jedes Mal heftige Diskussionen mit Papa und dann verließ er uns wieder. Ich habe nie verstanden, worüber sie stritten. Eines Tages kam er wieder nach Hause, doch diese Mal war es anders. Papa brachte Juan ohne ein Wort in die Berge. Kurz darauf kamen Soldaten, die ihn suchten. Es hieß, dass alle jungen katalanischen Männer in die Armee müssen. Juan wollte nicht. Er und seine Freunde kämpften hoffnungslos dagegen und am Ende blieb ihnen nur die Flucht. In jenen Tagen, so berichtete uns Juan später, gab es große Unruhen und viele Menschen verloren ihr Leben. Die Soldaten kamen immer und immer wieder und suchten nach ihm, sie hätten ihn getötet. Die Lage wurde wohl immer schwieriger, denn meine ganze Familie hatte schreckliche Angst, ich konnte es spüren. Dann, eines Nachts, weckte uns mein Papa. Meine Mutter hatte Speisevorräte und für jeden ein Bündel gepackt. Großmama und Großpapa weinten, sie umarmten uns lange und fest und dann gaben sie uns Geld und wir gingen in die Berge, ohne sie. Dort trafen wir Juan wieder und eine Gruppe von Schmugglern. Wir ritten bei Nacht und versteckten uns bei Tag und während der endlosen Auf und Abstiege, erzählte uns mein Bruder von einem Land, namens Amerika, in dem man frei sein würde. Indem es gute Kleidung und Essen im Überfluss geben sollte, vor allem keinen Hass und keine Angst. Er sagte, dass wir auf dem Weg dorthin seien und da erst begriff ich, was geschehen war. Wir ließen alles zurück, Großmama und Großpapa, meinen geliebten Hund Bebbo, mein zu Hause. Damals ahnte ich noch nicht, welches Schicksal uns alle erwarten würde.“

Maria hielt für einen kurzen Moment inne, dann fuhr sie fort.

„Die Hilfe der Schmuggler endete nach unzähligen Nächten an einer Eisenbahnstation. Von da aus setzten wir unsere Reise in einem Viehwagon fort. Nach endloser Fahrt, kamen wir in einem großen Hafen an, wo man uns bereits erwartete. Es war unglaublich. Wir bekamen Papiere und Papa gab den Männern fast unser gesamtes Geld dafür. Tausende von Menschen warteten auf die Überfahrt nach Amerika. Nach zwei Tagen bereitete man uns endlich vor. Wir wurden entlaust, gebadet und bekamen Proviant. Anschließend gingen wir an Bord eines großen Schiffes. Ich hatte noch nie zuvor ein so großes Schiff gesehen oder gar so verschiedene Menschen. Die Männer des Schiffes verfrachteten uns in das zweite untere Zwischendeck, es war grauenhaft. Alle waren dicht gedrängt, es war nass und kalt. Überall roch es nach Übergebenem, nach Urin und Kot und die Ratten liefen im gesamten Zwischendeck herum. Frauen, die schwanger waren, hatten Angst ihr Baby zu gebären. Viele Menschen wurden krank und in eine Ecke gelegt, damit sich keiner ansteckte. Einige von ihnen starben. Schließlich, nach fast zwei Wochen kamen wir im Hafen von New York City an. Das erste, was wir sahen, war die große Statue der Freiheit. Ein Mann las uns die Inschrift vor: „Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure zusammengepferchten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen.“ Wir waren überglücklich, endlich frei zu sein. Alle umarmten sich, tanzten und sangen. Doch leider hatten wir uns getäuscht. Der Weg in die Freiheit war noch sehr weit. Im Hafen trieb man uns auf kleine Boote, die uns geradewegs nach Ellis Island brachten. Sie wissen ja, die Insel der Tränen im Upper Bay, Tränen der Freude und Tränen des Leids. Auf der Insel bekam jeder eine Nummer. Keiner von uns verstand die Sprache und das machte es uns sehr schwer zu begreifen, was dann mit uns geschah. Ärzte teilten uns in Gruppen auf. Mein Bruder und mein Vater wurden von uns getrennt. Sie untersuchten meine Schwester, meine Mutter und mich von Kopf bis Fuß. Sie untersuchten alles, was es mit einfachen Mitteln zu untersuchen gab. Viele Frauen, besonders diejenigen, die verschleiert waren, fühlten sich peinlich berührt. Sie prüften Gesichtszustand, Haare und Hände, die Atemtätigkeit und das Herz. Aber was sollten sie schon nach Wochen der Flucht erwarten. Einige Frauen wurden mit Kreide markiert, es waren verschiedene Buchstaben. Ich glaube sie bezeichneten die jeweilige Krankheit. Später hörten wir sie weinen. Ich habe keine von ihnen die Insel verlassen sehen. Nach all den Untersuchungen begleitete man uns dann zu einer Tür mit der Aufschrift Push to New York City. Hinter dieser Tür war sie dann endlich, die Freiheit. Wir hatten es geschafft, zumindest glaubte ich das in diesem Augenblick. Später suchten wir Juan, es war ein furchtbares Durcheinander. Kinder schrieen, Frauen weinten oder tanzten vor Freude. Manche Männer schlugen wütend um sich oder fielen sich voller Freude in die Arme. Nach etwa zwei Stunden fanden wir meinen Bruder. Er saß in einer Ecke und weinte. Papa war nicht mehr bei ihm. Juan sagte uns, dass man ihm ein Kreidezeichen gab und wegbrachte. Wir sahen Papa nicht wieder. Mama brach zusammen und so sehr wir uns auch um sie bemühten, sie wollte nicht mehr. Juan versuchte herauszufinden, was mit Papa geschehen war, doch keiner verstand ihn. Eine spanische Missionsschwester wurde auf uns aufmerksam und nahm sich unser an. Wir waren sehr froh, einen Menschen, der unsere Sprache sprach, getroffen zu haben. Sie machte uns Hoffnung und führte uns durch die Straßen von New York City, vorbei an den Straßenbahnen, Autos und Märkten mit Unmengen von Lebensmitteln. Es war überwältigend, aber gleichzeitig auch fremd und erschreckend groß. Die Missionsschwester führte uns geradewegs in das spanische Viertel nach East Harlem, wo wir auch blieben. Mein Bruder Juan hatte großes Glück, er fand bald Arbeit im Hafen. Meine Schwester Elena, sie war sehr gewitzt und sehr klug, bekam einen Monat später Arbeit in einer Hemdenfabrik, die wenig später nieder brannte. Unzählbar viele Frauen, kaum älter als dreiundzwanzig und einige sogar erst dreizehn Jahre alt, schufteten in dieser Fabrik. Eines Tages brach im neunten Stock ein Feuer aus. Und da die Fabrikbesitzer Monate vor diesem Tag alle Türen zu den Feuerleitern fest verschlossen hatten, damit die Arbeiterinnen keine Pause an der frischen Luft machen konnten, verbrannten alle Mädchen und Frauen, die an diesem Tag in der großen Halle arbeiteten. Meine Schwester Elena war unter ihnen.“

Marias Hände verkrampften sich, der Schmerz über den Verlust ihrer Schwester war ihr noch immer ins Gesicht geschrieben. Elisabeth und George waren wie gelähmt, sie wussten nicht, was sie sagen sollten. Maria entspannte ihre Hände und sprach weiter.

„Mein Bruder, Juan, verließ uns noch in derselben Nacht. Ich denke, er gab sich die Schuld an allem, was passierte. Wir sahen auch ihn bis heute nicht wieder und ich bete dafür, dass es ihm gut geht. Seit dieser Zeit spricht Mama nur noch sehr wenig, ich glaube sie hofft, dass Papa eines Tages kommen wird, um sie zu holen. Sie lebt in ihren Träumen in Spanien. Oft hat sie ein seltsames Lächeln im Gesicht und ich möchte ihr diese Hoffnung einfach nicht nehmen, auch wenn ich weiß, dass es unmöglich ist. Nachdem Elena tot war und Juan uns verlassen hatte, musste ich für das tägliche Brot sorgen. Erneut half mir die spanische Missionsschwester. Sie bot mir Arbeit als Küchenhilfe bei Henrie und Ordilla Miller in Greenwich Village an. Dort arbeitete ich etwa drei Jahre lang, bis eines der Zimmermädchen kündigte und ich in die obere Etage wechselte. Ich überlebte sie alle, eine nach der anderen ging fort. Sie heirateten oder arbeiteten in anderen Häusern weiter. Schließlich war ich diejenige, die am längsten im Hause war und man übertrug mir die Leitung der neuen Zimmermädchen. Während der Zeit im Hause Miller, verliebte ich mich in den zweiten Diener und wir heirateten schon bald. Ein Jahr später brachte ich meine Tochter Elena zur Welt, das kleine Mädchen, das sie trafen. Ich nannte sie nach meiner Schwester. Ich arbeitete bis zum Börsenkrach, doch danach waren auch die Millers bankrott und ich verlor meine Arbeit. Mein Ehemann ging auf eines dieser großen Reiseschiffe und kam nicht zurück. Seitdem suche ich neue Arbeit. Ich wusste nicht, ob ich ihrem Zettel glauben schenken konnte oder ob es nur eine Laune des Schicksals war.“

Maria hielt den Atem an. Fragend schaute sie von Elisabeth zu George, die immer noch nicht glauben konnten, was sie da hörten.

„Maria, das alles ist so schrecklich! Ich kann es gar nicht glauben! Es tut uns sehr Leid für ihre Familie und wahrscheinlich können wir niemals nachempfinden, was sie durchlebten. Doch jetzt sind sie hier und ich freue mich, dass sie gekommen sind. Ich möchte, dass sie für uns arbeiten. Wir können sie in unserem Haus sehr gut gebrauchen!“

Elisabeth nahm Georges Hand und wartete auf seine Zustimmung.

„Also gut! Sie können morgen früh acht Uhr mit der Arbeit beginnen.“

Elisabeth sah ihren Mann an und dankte ihm mit einem Lächeln.

„Señora Price! Señor Price! Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin überglücklich und ich verspreche ihnen, dass sie es nicht bereuen werden!“

Maria nahm ihr Kopftuch und wischte sich damit ihre Tränen ab.

Katharina

Leningrad, Frühsommer 1936

Die Sonne versank am Horizont, die Straßen leerten sich. Anna von Stein schaute ungeduldig auf die Wanduhr, es war bereits sieben Uhr. Ihr Mann war noch immer nicht zurückgekehrt. Karl von Stein arbeitete in der Akademie der Wissenschaften, die ihn sehr forderte. Zu oft kam er erst in den frühen Morgenstunden nach Hause und ging kurze Zeit später wieder fort, für einen neuen Tag. Anna war sehr einsam, doch sie hätte Karl niemals gebeten auf sie Rücksicht zu nehmen. Sie wusste, wie wichtig seine Aufgabe für Leningrad war.

Heute jedoch wollte er seine Studien früher beenden, für einen besonderen Tag. Denn Anna und Karl von Stein waren zum Fest der Künste in der kleinen Eremitage im Winterpalais eingeladen, wo berühmte Maler, Künstler und Architekten geehrt werden sollten.

Anna war sehr aufgeregt, denn seit langem waren sie und Karl nicht mehr aus gewesen. Seit Wochen dachte sie darüber nach, welche Gardarobe sie heute tragen würde. Anna wusste nicht viel über die neueste Mode, die die Frauen der neuen Stadtherren trugen. Das Einzige, woran sie sich orientieren konnte, war die alte Zeitschrift ihrer Schwester, die einst das kurze Schwarze diktierte. Doch dann endlich fand sie das perfekte Kleidungsstück, das fast vergessene, gut eingepackte Abendkleid ihrer Schwester. Anna liebte den feinen Stoff und einst beneidete sie Magdalena darum, weil sie einfach wunderschön darin aussah. Magdalena wusste um den liebevollen Neid und schenkte ihr das Kleid am Tag der Abreise nach Leningrad. Anna war sehr angetan, auch wenn sie in all der Zeit nie die Gelegenheit fand es herauszunehmen. Stets kleidete sie sich hochgeschlossen und ganz nach den Gepflogenheiten der einfachen Leute. Doch heute wollte sie raus aus dieser Kluft, sie wollte das Gefühl der Eleganz der alten Zeiten haben, nur dieses eine Mal.

„Karl? Bist du es?“ Anna, die gerade ihre Lippen schminkte, hörte das leise Öffnen der Eingangstür.

„Ja, Anna! Ich bin es!“ Karl legte seine Akten auf den Sekretär und goss sich heißen Tee ein.

Anna war sehr gespannt auf die Reaktion ihres Mannes. Sie wollte ihn überraschen und hoffte, dass sie Karl gefallen würde, der mit seinem Wirken in Leningrad sehr konservativ geworden war.

„Wo bist du?“, fragte er und schlürfte laut seinen Tee.

„Ich bin hier! Aber bitte, komm nicht zu mir!“ Aufgeregt und unsicher warf sie einen letzten Blick in den Spiegel, dann ging sie zur Teestube.

„Hallo, Karl!“ Anna blieb im Türrahmen stehen und posierte in einer sehr weiblichen Haltung.

Karl drehte sich herum und sah seine Frau in hauchdünner schwarzer Naturseide gekleidet. Der weich fallende Stoff ließ die Rundungen ihrer Brüste erkennen. Schmale, mit Perlen bestickte Träger dekolletierten das Kleid ungewohnt tief. Ein ebenso bestickter Hüftgürtel gab der Trägerin den letzten Akzent. Anna hatte ihr Haar locker aus dem Nacken hoch geschwungen und ihre Lippen orangefarben hervorgehoben. Sie war mehr als bereit für diesen Abend.

„Mein Gott! Wie du aussiehst!“ Irritiert durch den reizvollen Anblick seiner Frau, ließ Karl seine Teeschale fallen. Er hatte längst vergessen, wie wunderschön seine junge Frau war und in all den Jahren sah er nicht, wie aus dem damals impulsiven und interessierten Mädchen eine sehr zurückhaltende, einsame Frau geworden war. Sie war für ihn fast selbstverständlich geworden. Und er schämte sich mit einem Mal, dass er sich zu wenig Zeit für sie nahm. Dass er nicht einmal mehr wusste, welche Träume sie hatte und er erinnerte sich an die wundervollen Tage und Nächte, die sie gemeinsam in Deutschland verbrachten. Jene Tage, in denen er sich unsterblich in sie verliebte und ihren Vater um ihre Hand bat, um sein ganzes Leben mit ihr verbringen zu dürfen.

„Karl, was ist? Gefalle ich dir nicht? Soll ich etwas anderes anziehen? Vielleicht eines meiner Kleider von Natascha?“ Anna war verwirrt und traurig über die Reaktion ihres Mannes und hob, ohne ein weiteres Wort, die Teescherben auf.

„Entschuldige! Es tut mir leid! So war es nicht gemeint! Du siehst einfach wunderschön aus, ich hatte nur vergessen wie wunderschön!“ Liebevoll nahm Karl Annas Hand.

„Es gefällt dir wirklich? Du weißt gar nicht, wie glücklich du mich damit machst.“

„Ich weiß! Und ich verspreche dir, dass dieser Abend ein ganz besonderer Abend für dich werden wird.“ Karl von Stein gab seiner Frau einen langen Kuss und ging hinaus, um sich ebenfalls für das bevorstehende Fest umzuziehen.

Anna verrichtete die letzten Arbeiten im Haus. Nach etwa einer Stunde brachen sie auf, um Wassily und Natascha Petrovic in ihrem Haus abzuholen, die ebenso wie Anna und Karl von Stein geladene Gäste auf dem heutigen Fest waren.

Lange fuhren sie durch die Straßen von Leningrad, in Richtung Wassilys und Nataschas Heim. Anna lehnte sich in Freude auf den bevorstehenden Abend zufrieden im Wagen zurück.

„Ich habe noch nie eines dieser alten russischen Blockhäuser gesehen. Ich freue mich darauf! Wassily erwähnte, dass ihr Haus zwar sehr klein und einfach ist, das die Holzarbeiten aber überaus dekorativ seien.“ Anna sah ihren Mann einen kurzen Moment lang an, dann fuhr sie fort.

„Wieso lud man Wassily und seine Frau eigentlich zu diesem Fest ein? Ich dachte, es würden nur besondere Gäste geladen. Natürlich will ich damit nicht sagen, dass Wassily und Natascha nicht etwas Besonderes sind, nur...“

Anna sprach nicht weiter, verschämt drehte sie ihr Gesicht zum Wagenfenster. Ihre Frage war ihr plötzlich sehr unangenehm. Um keinen Preis wollte sie Wassily und Natascha beleidigen.

„Ich habe dich nicht falsch verstanden. Du musst dich für deine Frage auch nicht schämen. Sie ist mehr als berechtigt.“ Beruhigend streichelte Karl über Annas Hand.

„Man lud Wassily als Vertretung für seinen Bruder Sergej ein der, bevor er nach New York City emigrierte, ein sehr bekannter Architekt in Leningrad war. Er wurde von vielen Stadtherren wegen seiner umfassenden Kenntnisse sehr geschätzt. Sergej baute vor einigen Jahren ein kleines Modellgebäude, wie ich hörte ein kleines Kunstwerk. Deshalb soll er heute Abend in der Eremitage eine Danksagung erhalten und Wassily wird diese Danksagung in Vertretung seines Bruders entgegennehmen.“

„Ich wusste gar nicht, dass sein Bruder so berühmt ist. Wieso ging er nach New York City, wenn ihm hier alle Wege offen stehen?“ Nachdenklich wandte sich Anna wieder ihrem Mann zu.

„Nun, ich weiß noch immer nicht viel darüber. Du weißt, das Wassily immer nur mit Wut und Trauer über die Geschichte seiner Familie spricht. Ich denke, ihnen hat die damalige Landenteignung sehr zugesetzt. Wie ich auch denke, müssen schreckliche Dinge passiert sein. Sergej glaubte wohl nicht mehr an sein Land und seine Führung und deshalb ging er fort.“

„Aber wieso gerade New York City?“

„Wassily erwähnte einmal, das sich sein Bruder Sergej schon seit langem für New York City interessierte. Er soll von der geographischen Lage sehr beeindruckt gewesen sein. Er verglich New York City, so erklärte Wassily mir, mit Leningrad und er war wohl sehr fasziniert von den Parallelen. Mehr kann ich dir leider nicht sagen, obgleich ich über diese Parallelen sehr gerne mehr erfahren würde.“

„Mein wundervoller intelligenter Ehemann. Wieso bist du nur so klug und so wissbegierig.“ Anna lächelte.

„Ich glaube wir sind angekommen. Die Wohnhäuser entsprechen sehr Wassilys Beschreibung. Sieh nur, da sind die beiden! Sie haben uns bereits erwartet.“

Wassily und Natascha Petrovic begrüßten Anna und Karl von Stein schon von weitem. Freundlich baten sie ihre Gäste ins Haus, das aus einfachen horizontal übereinander angeordneten Holzteilen und dekorativen umrahmten Fenstern gebaut war. Wassily hatte nicht übertrieben, es sah kunstvoll aus.

Im Eingang bemerkten Anna und Karl sofort Nataschas Einfluss auf die Inneneinrichtung. Ihre Familie stammte aus Usbekistan, in deren Volkskunst das Ausschmücken der Jurten und der Kleidung der Viehzüchternomaden im Vordergrund stand. Und für wahr, Natascha hatte diese überaus farbenfrohe Kunst in diesem Haus weiterleben lassen. An den Wänden hingen geschnitzte und gemalte Alabasterarbeiten. Keramikteller und Keramikschalen mit bunter Unterglasmalerei standen überall auf den Holzvorsprüngen. Gravierte Metallkrüge und Figuren aus Holz gaben dem Haus eine sehr gemütliche Atmosphäre.

„Ich freue mich, sie zu sehen! Seien sie herzlich willkommen in unserem Heim!“, sprach Natascha höflich.