Die Wiege der Ethik - Schlunz - E-Book

Die Wiege der Ethik E-Book

Schlunz

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Beschreibung

Die Zeitrechnung nach Christus bestand schon lange nicht mehr, genauso wenig, wie Ansätze von Grundethik und Moral. Lediglich der Zwang, sich auszubreiten und mehr Planeten als den eigenen unbewohnbar zu machen, trieb die Menschheit voran. Warum sie kein kollektives Verständnis für die Zusammenhänge im Universum entwickelten? Keiner weiß es. Doch sicher fällt es dem Individuum leichter, auf die Stimmen zu hören, die ihm den einfachen Weg vorgaukeln. Den Weg über Leichen. Als einer von Wenigen, die "das vegane Erbe" wiederentdeckten, steuert Woody Pasco gegen den moralischen Verfall an und gerät dabei zwischen die Fronten... Science Fiction, geschrieben und illustriert von Schlunz.

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Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Lumpi

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Dumme Fragen

Konsequenzen

Nur eine Erkundungsfahrt

Definition

Märtyrer? Nein danke!

Ottbots

Schampus und Zigarren

Nägel mit Köpfen

Evakuieren?

Das letzte bisschen Unschuld

Revenge

Risiko?

Aufbruch

Nächtlicher Bote

Ein Bild des Wahnsinns

Tarnung ist alles

Sklaven

Angst

Du bist bei uns!

Eine große Verantwortung

Prolog

Die Menschheit hatte sich fast vollständig vernichtet, gerettet, vermehrt, erneut fast vollständig vernichtet, gerettet, vermehrt und so war es mal wieder angebracht, sich zu vernichten.

Die Zeitrechnung nach Christus bestand schon lange nicht mehr, genauso wenig, wie Ansätze von Grundethik und Moral.

Lediglich der Zwang, sich auszubreiten und mehr Planeten als den eigenen unbewohnbar zu machen, trieb sie voran. Warum sie kein kollektives Verständnis für die Zusammenhänge im Universum entwickelten? Keiner weiß es... Doch sicher fällt es dem Individuum leichter, auf die Stimmen zu hören, die ihm den einfachen Weg vorgaukeln. Den Weg über Leichen.

*

Die Sonne erschien hinter New Earth und erhellte für Sekunden die Brücke. Die Scheiben verdunkelten sich, während die Offiziere unter emsigem Schweigen Informationen in Tastaturen eingaben.

Captain Arrago saß in seinem breiten Kommandosessel auf der Brücke der Hope-2, starrte gebannt auf den Transporter, der in die Stratosphäre von New Earth eindrang und lauschte dem Funkverkehr.

„Bis jetzt keine nennenswerten Vorkommnisse!“

New Earth hatte blaue Meere und begrünte Inseln. Doch das durfte nicht sein. Dieser Planet hätte eigentlich das Bild von Verwüstung bieten müssen. Was war hier geschehen?

Der Transporter meldete sich: „Die Atmosphärescans zeigen keine Kontamination! Gar nichts! Der Sauerstoffgehalt ist höher als auf der Erde, aber ich kann keine Spuren von Zivilisation finden. Hier müssten doch eigentlich Städte oder wenigstens Ruinen sein. Ich verstehe das nicht!“

„Suchen sie weiter!“, befahl der Captain. Nach einigen Minuten der Funkstille rief er den Transporter, doch er bekam keine Antwort.

„Commander Zingath! Was ist da los? Melden sie sich gefälligst!“

Stattdessen meldete sich ein Fähnrich auf der Brücke der Hope-2 zu Wort. „Captain, der Transporter ist verschwunden! Ich habe ihn nicht mehr auf dem Monitor und ich kann ihn nirgends orten!“

„Wie bitte? Ein Transporter kann sich doch nicht in Luft auflösen!“

„Ich weiß nicht... Er ist einfach weg...“

„Machen sie alle Sonden und einen weiteren Transporter bereit! Finden sie raus, was hier vorgeht“

„Das kann ich nicht, Sir!“

„Was soll das heißen?“

„Sir, die Decks sieben, acht und neun sind nicht besetzt. Die Piloten und das Aufklärungsteam sind nicht mehr an Bord. Da sich die Transporter noch in den Rampen befinden, müssen sie das Schiff auf einem anderen Weg verlassen haben.“

„Was? Das kann nicht sein!“

„Sir, ich kann diese Angaben bestätigen!“ meldete sich ein Offizier.

Captain Arrago sprang von seinem Kommandosessel und lief zu dem Fähnrich, um die Anzeigen zu überprüfen. Ein kurzer Blick auf den Monitor und der Fähnrich war weg. Der Captain blieb stehen und schaute sich um.

Er war allein auf der Brücke.

Verwirrt lief er zu den Kontrollpaneelen und drückte die Taste für die höchste Alarmstufe. Das Licht dimmte herunter, rote Lampen blinkten auf und ein lautes, monotones Piepen erfüllte den Raum.

Der Captain suchte mithilfe des Computers die Hope-2 nach ihrer Besatzung ab. Kein Monitor zeigte Aktivitäten, alle Decks waren menschenleer. Er war der letzte Mensch auf diesem riesigen Schiff. Für einen Moment machte sich seine Blase bemerkbar.

Die Scanner und Kameras zeigten kein fremdes Raumschiff in der Umgebung und alle Geräte funktionierten einwandfrei. Sein Herz raste und ihm wurde schwindelig. Er dachte an seine Frau und seine Kinder. Er hatte Angst.

Schwankend verließ er die Brücke, rannte durch den Gang zu den Fahrstühlen, ohne zu wissen, wo er hin wollte und so stand er einige Sekunden lang ratlos vor den verschlossenen Türen. Er aktivierte alle Fahrstühle gleichzeitig und als sich die erste Tür öffnete, blendete ihn ein helles Licht.

Raum und Zeit verschmolzen…

*

Zeitgleich, auf der Erde, betrat ein dunkel gekleideter Junge eine Bar in New Haven und ging direkt an den Tresen. „Ein Bier!“

Der Wirt beugte sich grinsend vor. „Ich denke, du solltest jetzt besser zu Hause sein.“

„Ich bin alt genug!“

„So? Dann zeig doch mal deinen Ausweis!“

Der kleine Besucher schaute sich in der Bar um. Sie war gut besucht. Das Publikum bestand ausschließlich aus Klonen und es waren sogar ein paar identische anwesend. Es gab viel zu tun.

„Hier ist mein Ausweis!“

Er holte eine Dreier Signum aus seinem Rucksack und erschoss den Wirt. Dann drehte er sich zu den erstaunten Gästen um. Keiner kam lebend bis zur Eingangstür. Flaschen zersprangen, betrunkene Männer, Frauen und zwei Jugendliche fielen leblos übereinander. Ihr Blut verteilte sich langsam auf dem schmierigen Boden der Bar.

Der Junge zählte die Toten. Vierundzwanzig. Neun mehr als beim letzten Mal. Er stieg über Leichen und ging zum Hinterausgang. Als er wieder vorne auf der Straße erschien, hatte sich eine wild durcheinander redende Menschenmenge vor der Bar versammelt. Der Junge ging mit einem besorgten Blick heran und fragte, was los sei.

Ein Polizist schob ihn ein Stück zur Seite. „Geh nach Hause, Junge! Das hier ist nichts für dich!“

Kapitel 1.

Dumme Fragen

Familie Pasco saß am Mittagstisch und speiste. Längst ausgestorbene Alpenvögel zwitscherten und das Wand- und Bodenhologramm zeigte eine täuschend echte Gebirgslandschaft.

„Ihr seid echt langweilig!“, sagte Mr. Pasco. „Ich schalte jetzt mal auf Dritter Weltkrieg um. Das knallt wenigstens!“

Ein Atompilz nach dem anderen erschien am Horizont und schreiende Frauen und Kinder rannten durch den Tisch. Dann kam die Druckwelle und, obwohl es nur eine Simulation war, begann der Tisch zu vibrieren. Mrs. Pasco hielt ihr Glas fest und verzog angewidert das Gesicht, während ihr Mann laut jubelte.

„Faszinierend! Diese Kraft! Genial!“

Der kleine Woody kannte die Szenerie, sie interessierte ihn nicht. Während virtueller, radioaktiver Ascheregen nieder rieselte, schaute er nur in die Augen des Flugotters. Es lag etwas Vertrautes in ihnen. Etwas, das er auch bei seinem Wasaboon mochte. Doch es fehlte ihnen der Glanz.

„Hör auf zu glotzen und iss dein Fleisch!“ Sein Vater sah ihn kurz streng an und dann wandte er sich wieder seinem Essen zu. Mrs. Pasco schaltete das Raumhologramm zurück auf Gebirgslandschaft.

„Dad, warum töten Menschen Tiere?“

„Menschen töten keine Tiere! Das machen Roboter!“

„Und warum schneidet Mom nicht den Kopf vom Flugotter ab? Die Mom von Andy schneidet ihn...“

„Weil das ein altes Rezept deiner Großmutter ist und die hat Flugotter immer so zubereitet!“

Woody schaute auf seinen Teller. „Dad, wenn Menschen andere Menschen wie Vieh behandeln, ist das dann okay?“

„Natürlich nicht! Blöde Frage!“

„Und wenn Menschen Vieh behandeln, wie man Vieh behandelt, dann ist das okay?“

„Ja sicher! Darum ist es ja schließlich Vieh! Schatz, dein Sohn ist mal wieder besonders geistreich! Von mir hat er das nicht!“

„Lass ihn doch fragen! Er ist in der Entwicklung! Möchte noch jemand Heuschreckenpastete?“

Marie hatte sich mal wieder besondere Mühe gegeben, die Heuschreckenpastete glänzte in frischem hellgelb und dem Flugotter hatte sie ein Sonntagslächeln modelliert.

„Nein danke!“, sagte Woody und nahm sich nur ein paar Klotten.

Seine Mutter schaute ihn besorgt an. „Wenn du immer nur Klotten isst, wirst du noch krank!“

„Das ist ja kein Wunder, wenn Marie nur Klotten zum Fleisch kocht. Die Mutter von Andy kauft auch Pusamifrüchte, Goldwurz und...“

Noch bevor Woody ausreden konnte, knallte sein Dad die Gabel auf den Tisch und stand auf. Er war knallrot und schien gleich zu platzen. „Andy, Andy, immer nur Andy! Zieh doch zu deinem tollen Freund, aber verderbe mir nicht immer das Essen! Deine Mutter hat sich solche Mühe gegeben, Marie zu programmieren!“

Bei dem Stichwort entwich Mrs. Pasco ein Schluchzen. Auch sie hatte den Appetit verloren und bevor sie ebenfalls den Raum verließ, warf sie Woody noch vor, mal wieder nicht an Dads Magengeschwür gedacht zu haben. „Da ist doch jede Aufregung schädlich!“

Woody verstand nicht, warum sie sich so aufregten. Schließlich hatte nicht Mom, sondern Marie, der Haushaltsroboter das Essen zubereitet. Man musste nur die Nummer des Rezeptes und die Zeit des Servierens eingeben. Marie war immer online. Sie bestellte die Zutaten, nahm sie in Empfang, bereitete sie zu und servierte sie. Alles, was Mrs. Pasco tun musste, war zu verhindern, dass Marie den Kopf des Flugotters entfernte.

Woodys Vater saß im Sessel und schaltete durch die Fernsehsender, seine Mutter stand mit Marie in der Küche und schluchzte. Woody starrte in die toten Augen des Flugotters und kaute auf einer Klotte. Der Präsident der atlantischen Inseln redete im Fernsehen über die neue Weltordnung und die eurasische Bedrohung. Ein ganz normaler Nachmittag.

Klotten sind Früchte. Wenn Menschen Klotten wie Klotten behandeln, ist das okay! Aber, wenn Menschen Vieh wie Vieh behandeln...

Den Gedanken durfte er eigentlich gar nicht zu ende denken, sein Dad war stolz auf seinen Job und schließlich lebten ja auch Woody und seine Mom davon.

Woodys Dad arbeitete in der Flugotterfabrik. Er war dafür zuständig, den Flugottern die Flügel zu stutzen. Nicht, um zu verhindern, dass sie fort fliegen, sondern damit sie in ihre Käfige passen. Ein Job, der nicht von Robotern durchgeführt werden konnte. Dass die Otter das Stutzen der Flügel spüren, sei nicht erwiesen und wenn Woody alt genug sei, und sein Dad im Vorstand der Flugotterfabrik, werde er ihn auch mal mit zur Arbeit nehmen, hatte er ihm gesagt

„Warum soll ich warten, bis ich alt genug bin? Wofür alt genug?“ Immerhin durfte er mal einen Flugotter streicheln, aber als er ihn mit nach Hause nehmen wollte, hat man ihn ausgelacht. Ein paar Tage später hat man ihm dann Pupsi, seinen treuen Wasaboon geschenkt. Der bekam oft die verstümmelten Flügel der Flugotter zum Kauen.

„Ob es Menschen gibt, die Wasaboons essen? Und wie haben die Menschen wohl damals gelebt, als es noch Schweine und Rinder gab?“

Woody hatte viele Fragen. Andy durfte ins Internet und Woody nahm sich vor, dort in den nächsten Tagen nach Antworten zu suchen.

*

In einem dunklen, dreckigen Hinterhof, im Ghetto von New Haven, saß ein kleiner, flauschiger Wasaboon zwischen Müllcontainern und Bauschutt in der Falle. Sein Schwanz war angesengt und jetzt würden sie ihm den Rest geben. Einfach so, weil sie es konnten. Die Jungs hoben lachend ihre Spraydosen und hielten Feuerzeuge davor. Der Wasaboon zitterte und sein Jammern ließ die Jungs noch lauter lachen. Dann krachte es.

Es krachte noch mal und zwei der Jungs lagen reglos am Boden. Der Dritte schaute ungläubig auf den groß gewachsenen Manuel, der mit einem Stahlrohr in der Hand vor ihm stand. Spraydose und Feuerzeug fielen zu Boden und dann rannte der Junge um sein Leben.

*

Die Schule war vorüber und Woody ging mit zu Andy. Der hatte immer die neuesten Spielsachen und echt coole Eltern. Er wollte Woody sein neues Porzosaurusmodell zeigen, das echte Feuerbälle schleudern konnte, doch Woody setzte sich erst mal an Andys Computer. Er öffnete eine Suchmaschine und gab Flugotter ein. Er erfuhr, dass Flugotter einst von den Menschen eingeführt wurden, die von New Earth zurückkehrten.

New Earth war der Evakuierungsplanet der Menschheit, nach dem großen Knall. Man hielt über viele Jahre ein Evakuierungsschiff im Orbit der Erde, mit einer konstanten Zahl an Menschen mit verschiedensten ethnischen und beruflichen Eigenschaften.

Die Hope enthielt unter Anderem einen Arche Noah-Trakt, der wie ein Zoo möglichst viele nichtmenschliche Spezies beherbergte. Allerdings befanden sich diese Tiere in permanenter Stasis. Es waren auch nicht mehr wirklich viele, denn nachdem der vierte Schweinegrippevirus mutierte und auf alle warmblütigen Arten überging, versuchte man alles, was nicht Reptil oder Insekt war, auszurotten. Solange man keinen Impfstoff gefunden hatte, der sich in kürzester Zeit anpassen konnte, schien das die einzige Option zu sein. Die Evolution hatte diesen Viren zu einer Art Kreativität verholfen, sofern sie nicht aus dem Labor der Verschworenen kamen.

Parallel zum Impfstoff kam der große Knall und die Mannschaft der Hope startete im Orbit. Nach dem großen Knall gab es dann bis auf Ratten, mutierte Tiefseefische und einige Insekten keine Tiere mehr auf der Erde.

Die Reise zu „New Earth“, dem Jahre zuvor erkundeten Evakuierungsplaneten der Menschheit, hatte ihre Tücken. Die Stasiskammern für die Menschen funktionierten nicht. Die gesamte Besatzung der Hope war wach und hungrig. So wurde aus dem Arche Noah-Trakt die Vorratskammer. Zuerst aßen sie das Nutzvieh, dann Gazellen und Dickhäuter... Als das Schiff New Earth erreichte, waren sie schon seit Wochen beim Kannibalismus angelangt.

Doch der Planet war fruchtbar und es gab viele verschiedene Spezies. Flugotter und andere Tiere wurden domestiziert, Pflanzen erkundet und das Klonprogramm wurde gestartet. Durch das Gen-Archiv im Klonprogramm hatte sich die Menschheit nach kurzen drei Generationen wieder in den Milliardenbereich gezüchtet und New Earth wurde von den ethnischen Gruppen aufgeteilt. Eingeführte Pflanzen, Monokulturen und Emissionen führten zu ersten Naturkatastrophen. Alles lief auf Hochtouren. Dann kam die DNA-Elite an die Macht. Das auf New Earth entwickelte genetische „Supermaterial“ sorgte für überlegene, hyperintelligente Supermänner und Superfrauen, die die weniger elitären Klone und normal Geborenen bald unterjochten.

Schließlich wurden die Superklone durch einen Putsch entmachtet und ihre Produktion wurde eingestellt, doch Streit um Rechte, Ressourcen und den wahren Glauben brachten nach weiteren vier Generationen den ersten und letzten Krieg auf New Earth. Wieder wurde die Hope zur letzten Hoffnung der Menschheit, und so brach eine kleine Gruppe von normal geborenen und geklonten Menschen zur alten Erde auf, mit Flugottern, anderen Spezies und dem Klonprogramm.

Sie fanden einen Planeten vor, dessen Oberfläche ein einziger Ozean war. Kein Eis, kein Schnee und ein Großteil der Landmasse war schlicht pulverisiert. Die alte Geografie bestand nicht mehr. Städte, die sich einst im Inland befanden, waren nun Hafenstädte. Es gab eigentlich nur noch viele große und kleine Inseln. Dennoch vereinnahmten ethnische Gruppen die Reste dessen, was einst die Kontinente ihrer Ahnen waren. Sie fanden in den alten Städten lückenhafte Informationen über die Geschichte und die Kulturen der Menschheit und sie suchten darin ihre Identität. Nach drei Generationen traten wieder erste Spannungen auf. Dennoch arbeitete man erst mal zusammen und startete ein neues Projekt zur Reinigung und Neubesiedelung von New Earth. Irgendwann entwickelte dann eine alte Frau in ihrem Privatlabor die Dekontaminierung durch Antimaterie und die Wiederbesiedelung von New Earth konnte, früher als erwartet, beginnen. Die Hope-2 brach auf und erreichte ihr Ziel. Dann brach der Kontakt ab. Alle weiteren Schiffe, die zu New Earth aufbrachen, kamen nie wieder zurück. Man gab die Versuche auf und New Earth geriet in Vergessenheit.

Das war alles lang her und die Texte brachten Woody keine Antworten auf seine Fragen. Er gab in die Suchmaschine das Wort „Flugotterfabrik“ ein. Es waren viele Seiten der Flugotterindustrie dabei. Man sah glatte Hallen von außen, verschwommene Bilder von Käfigen und Männer in weißen Kitteln, die freundlich in die Kamera grinsten. Sie hatten rosa Wangen und waren dick. Auch hier fand Woody keine Informationen. Nur Sätze wie: „Unser Flugotterfleisch wird ständig geprüft und es hält allen Qualitätskontrollen stand.“ Qualitätskontrollen... Leitet sich das vom Wort Qual ab? Prüft jemand, dass die Flugotter keine Qualen erleiden? Jetzt fiel Woody ein, wie er an Informationen kommen würde. Er gab in die Suchmaschine Otterflügel stutzen ein.

Was sich ihm jetzt offenbarte, ließ ihn in Andys Bürostuhl zurück sacken... Er sah Bilder, auf denen jeweils ein Mann einen jungen Flugotter festhielt, während ein anderer mit einer großen Zange wie die, die man für Äste im Garten benutzt, die Flügel abschnitt. Die Männer wirkten routiniert und das Tier schien zu schreien. Im Hintergrund sah man enge Käfige, in denen mehrere Flugotter saßen. Flugotter brauchten doch viel Platz.

Sie brauchen Luft zum Fliegen und Wasser zum Tauchen!

Und womit fütterte man sie? Mit Klotten und Ottermehl.

Das konnte nicht richtig sein. Flugotter brauchten Pusamifrüchte. Sie hatten sich auf diese eiweißhaltige Frucht spezialisiert. Woody fand eine Seite, die sich für die Rechte der Flugotter einsetzte. Rechte? Davon hatte ihm sein Dad nie etwas erzählt. Er öffnete die Seite und fand noch schlimmere Bilder als auf den anderen Seiten. Roboter betäubten die Tiere, schnitten sie auf und ließen sie ausbluten. Woody las Den Satz: „Man muss davon ausgehen, dass bei jedem dritten Tier die Betäubung nicht anschlägt.“

Andy stand hinter ihm. „Was guckst du denn da?“ Er rannte schreiend aus dem Zimmer. „Mami! Woody hat böse Horrorseiten im Internet geöffnet!“

Andys Mom kam erschrocken herein, doch als sie einen Blick auf den Holo-Monitor geworfen hatte, beruhigte sie ihren Sohn.

„Ach Süßer, das sind nur Bilder aus der Flugotterhaltung! Du magst doch Flugotter, oder?“

Andy war verwirrt. Er schaute kurz auf den Monitor. Das hatte nichts mit seinen Fried Otties zu tun. Das war einfach nur eklig. Egal! Er kümmerte sich wieder um seinen Porzosaurus. Woody schaute nur fragend auf den Monitor. Die Texte auf der Seite der Tierrechtler waren für ihn nicht verständlich. Was war Ethik? Was war ein zentrales Nervensystem? Und warum behaupteten diese Menschen im Internet, dass man sich auch ohne Flugotter und andere Tiere ernähren konnte? Dad sagte immer, dass das nicht geht, dass man dann krank wird. So wie vom Onanieren. Hatte sein Dad ihn belogen? Er würde ihn das wohl kaum fragen können.

Andys Mom schaute auf den verwirrten Woody und setzte sich zu ihm. „Du findest nicht gut, was Menschen mit Flugottern machen. Aber Menschen haben schon immer Fleisch von Tieren gegessen, schon in der Urzeit. Die Menschen in Astramien und Pekang essen sogar Wasaboons! Und das finde ich wirklich abscheulich!“

„Warum?“

„Ach Woody! Du hast doch selber einen Wasaboon. Der ist doch viel hübscher als diese Flugotter. Wenn man ihnen nicht die Flügel abschneiden würde, könnte ich sie gar nicht essen, so hässlich finde ich sie. Früher hat man wohl sogar Hunde gegessen. Die gehörten zu den Dinosauriern oder so. Grässliche Tiere!“

„Also dürfen nur schöne Tiere ein schönes Leben haben? Und die hässlichen Tiere...“

„Ganz so ist es ja nicht. Ich finde zum Beispiel Tapitos sehr schön und ich esse sie auch sehr gern. Eine Delikatesse! Leider sehr teuer. Tapitos stammen übrigens nicht von New Earth, sondern von hier, von der Erde. Früher waren sie noch sehr zahlreich vorhanden. Man nannte sie damals Ratten oder so. Und Paulhühner finde ich auch wunderschön. Da fällt mir ein, dass ich eins im Ofen habe!“

Andys Mutter sprang auf und rannte in die Küche. Sie kochte selber und ihr Roboter war nur zum Putzen da.

„Wenn du willst, kannst du mitessen, Woody!“ rief sie aus der Küche. “Es gibt Paulhuhn mit Blaublatt und Goldwurz...“

„Danke! Für mich bitte nur Goldwurz!“ Woody mochte kein Blaublatt. Das war immer so holzig.

*

In den darauf folgenden Monaten passierte etwas mit Woody. Er hing nicht mehr so oft mit Andy rum, redete kaum noch mit seinen Eltern und er machte sich immer mehr Gedanken. Gedanken, für die ihn die anderen auslachten. Warum hatte nur er diese Gedanken? Was war los, mit den anderen? Warum aßen sie Otterburger, während sie Wasaboons kraulten? Warum mussten jeden Tag Millionen Paulhühner sterben?

Woody fasste einen Entschluss: Er würde nie wieder Flugotter, Paulhühner, Palmechsen und deren Eier essen. Er wollte versuchen, ohne das Leid von Tieren zu leben. Wenn diese Menschen im Internet behaupteten, dass das möglich sei, war es einen Versuch wert. Er hatte keine Angst, krank zu werden. Inzwischen traute er eher den Tierrechtlern als seinem Vater. Der würde ausrasten, wenn er erfährt, dass Woody keine Flugotter mehr essen will. Und seine Mutter wüsste dann gar nicht mehr, was Marie kochen sollte. Flugotter konnte sie am Besten. Und hellgelbe Heuschreckenpastete. Die würde Woody auch nicht mehr essen. Er wusste, dass es Zuhause ein Donnerwetter geben würde, aber er blieb bei seinem Plan.

*

Seit drei Stunden saß Manuel am Fenster und starrte in die Dunkelheit der Nacht. Die weißen Schaumkronen am Strand unter ihm wurden größer. Es kam ein Sturm auf. Er hasste es, auf seine Eltern zu warten. Warum durfte er sie nicht begleiten? Er war doch inzwischen alt genug.

Sie waren längst überfällig und er schlug wütend gegen die Scheibe. Dann sah er endlich das Licht eines Racers am Horizont. Er rannte in den Hof der Insel und als sich die Türen des Racers öffneten, war dieser schon von Mitarbeitern der „Sache“ umringt.

Manuels Eltern würdigten ihren Sohn keines Blickes. Hektisch demontierten sie die Stasis-Transportboxen vom Racer, um sie mit den Mitarbeitern ins Haus zu bringen. Als Manuel ihnen nach einigen Minuten in die Praxis folgte, schoben sie ihn hinaus und baten ihn, vor der Tür zu warten. Er versuchte, an ihnen vorbei einen Blick in den Raum zu erhaschen und was er sah, ließ seine Knie weich werden. Seine Mutter redete beruhigend auf ihn ein, doch er ignorierte sie und lief in sein Zimmer. Er drehte laute Musik auf und dann weinte er, wie noch nie. Der Wasaboon mit dem angesengten Schwanz kuschelte sich an ihn, doch er konnte ihn nicht trösten.

Kapitel 2.

Konsequenzen

Nachdem Woody seinen Plan offenbart hatte, war das Donnerwetter, wie erwartet, riesengroß.

Dads Magengeschwür brach wieder durch und er kam erst mal für drei Tage ins Krankenhaus. Mom gab Woody die Schuld daran und sie weinte nur noch. Wenigstens ersparte sie Woody das Otterfleisch und die anderen Tiere, die Marie zubereitete. Es gab halt immer nur das, was man für das Fleisch als Beilage servierte. Zerkochte Pusamifrüchte und Klotten. Nach einigen Wochen fühlte Woody, dass ihm etwas fehlte, dass ihm schneller die Energie ausging. Sein Vater registrierte es.

„Das kommt davon! Als nächstes wirst du schwul!“

Was war schwul? Eine Krankheit, die man durch zerkochte Pusmifrüchte bekam? Woody brauchte Antworten und so ging er wieder zu Andy, um sich im Internet zu informieren.

Als Andys Mom die Tür öffnete, bekam sie einen Schreck. „Woody, wie siehst du denn aus?“

Woody sah wirklich krank aus. Er erzählte Andys Mom von den letzten Wochen und sie ging sofort an den Computer.

„Du brauchst alternative Ernährung. Ich werde mal schauen. Hier gibt es viele Rezepte mit Ottermilch...“

„Ich will keine Ottermilch mehr! Den Otterweibchen nimmt man ihre Babys weg, damit sie die Milch geben!“

„Hmm.... Und Paulhuhneier?“ Woody schüttelte angewidert den Kopf. Die Bilder der Paulhühner, die er bei den Tierrechtlern im Internet gesehen hatte, reichten für diesen Entschluss. Die Käfige waren sehr eng und Millionen männlicher Küken wurden jeden Tag in der Eierproduktion lebendig vermust. Man warf sie mit Schaufeln in einen breiten Schredder, dehydrierte das Kükenmus und fütterte die Legehennen mit ihren eigenen Kindern. Keine Eier. Nicht mal Heuschreckenpastete.

„Dann brauchst du eine ausgewogene vegane Ernährung. Ich such mal nach Listen mit den richtigen Pflanzen und nach Rezepten... Hier zum Beispiel. Pusamitofu. Das hab ich auch schon im Supermarkt gesehen. Und dann brauchst du für Calzium ab und zu mal eine Passalone, Vitamine, Fette und Mineralstoffe, findest du in... Am besten, ich druck dir das mal aus, du zeigst es deiner Mutter, die kauft dann für dich ein und kocht dir die Rezepte, die dir gefallen...“

Woody war mehr als froh. Andys Mom schien der einzige Mensch zu sein, der ihn ernst nahm und ihn nicht auslachte. Warum bloß aß sie Paulhuhn? Als er mit dem Papierstapel unterm Arm loslief, fiel ihm noch etwas ein. Er drehte sich um und fragte: „Werde ich jetzt schwul?“

„Haha! Wer hat dir denn den Quatsch eingeredet? Sicher die anderen Jungs in der Schule... Aber deine Eltern erklären dir das schon.“

Wenn du wüsstest...

Die Jahre vergingen und Woody wurde nicht schwul. Mit seinem braunen Wuschelhaar und seinen schlichten Klamotten fiel er weniger aus der Reihe als durch seinen Veganismus. Einige Mädchen auf dem College fanden das süß, die Jungs weniger. Gleichgesinnte waren schwer zu finden.

Woody suchte nach Menschen, die seine Grundethik teilten und die waren dünn gesät. So wurde er zwar wegen seiner Ansichten und seiner Ernährung zu einer Art Außenseiter, aber er verdiente sich nebenbei Respekt und Geld bei College-Rennen. Eine verlassene Spur, außerhalb der Stadt, diente als Rennstrecke für Airbikes und Racer. Die Rennen waren für Woody ethisch vertretbar, solange sich sein Racer auf alten, verlassenen Flugspuren emissionsfrei fortbewegte. Woody war hier der ungekrönte König. Er reagierte immer etwas schneller als seine Kontrahenten und sein Ruf eilte ihm voraus. Die College-Rennen waren gut frequentiert und eines Nachts wollte einer der Zuschauer, die nicht aufs College gingen, gegen Woody antreten. Ein Mann mit langen, dunklen Haaren, dunkler Kleidung und einem entschlossenen Blick. Woody erkannte ihn sofort. Es war Manuel Cunós, Anführer der „Sache“.

Die „Sache“ war eine Gruppe von Tierrechtlern, die in Otterfarmen und andere Betriebe einbrachen, um Tiere zu befreien. Sie propagierten den Veganismus und Woody hatte durch ihre Publikationen viel gelernt.

Manuels Urgroßvater hatte in den alten Städten, die nicht unter Wasser lagen, Schriften gefunden, die als das vegane Erbe in die Geschichte eingingen. Schriften, die von Tieren und Pflanzen berichteten, die es schon lange nicht mehr gab. Doch das Prinzip der Ethik, von dem die Schriften berichteten, war auf alle Tiere übertragbar. Auf menschliche Tiere, auf nichtmenschliche Tiere und auf Außerirdische. Die Fleischliga hatte ein Problem mit dieser Art des Denkens und zwang Manuels Urgroßvater in den Untergrund. Nur, wenn er am Leben blieb, konnte er das Prinzip in die Köpfe und Herzen der Öffentlichkeit bringen. Leider verunglückte er tödlich, während einer Tierbefreiungsaktion, doch seine Familie führte die Arbeit fort und es gab immer mehr Mitstreiter. Vor einigen Jahren verunglückten dann auch Manuels Eltern und er übernahm die Leitung der „Sache“.

Inzwischen musste die Fleischliga den Weg der Aufklärung dulden, doch sie hatte starke Verbündete in Werbung und Propaganda. Sie suggerierten den Menschen, dass sie ohne Otterburger & Co. nicht alt würden. Und obwohl das Volk, sowahr es zu einem Großteil aus überintelligenten Klonen bestand, die Entscheidungen der Machthaber und die Meinungen der Industrie oft genug infrage stellte, fraß es diese Lüge nur zu gern.

Doch warum wollte Manuel gegen ihn ein Rennen fahren? Woody würde es herausfinden.

*

Die Wagen standen an der Startlinie. Eine Mitschülerin, mit grellgrünem Haar, gab das Startsignal, indem sie ihren grünen Rock hob. Woody aktivierte den Supraleiter.

Der Racer beschleunigte und Woody wurde in den Sitz gepresst. Ohne die Neutralisation der Fliehkraft durch den Supraleiter hätte es Woody zerquetscht. Manuel konnte erst mithalten, doch in den Schikanen, die aus Schrott und alten Eisenträgern bestanden, hatte er keine Chance gegen Woody. Nach drei Meilen hatten sie den Wendepunkt hinter sich und Woody zündete den Wasserstoff-Boost. Er verschwand schnell aus Manuels Sichtweite.

Im Ziel angekommen, bekam er von Manuel fünfhundert Credits und eine Visitenkarte.

Manuel sah Woody in die Augen. „Dein Ruf eilt dir voraus! Ein guter Fahrer, der auf das Leid von Tieren verzichten kann. Den musste ich kennen lernen. Ich würde mich freuen, wenn du dich mal meldest. Wir könnten deine Hilfe gebrauchen...“

*

Als Woody nach Hause kam, hätte er am liebsten mit jemandem über sein Erlebnis gesprochen, doch keiner seiner Kumpels oder Familienangehörigen interessierte sich für Tierrechte.

Ihm fiel auf, dass Marie kein Gesicht hatte. Mom hatte es ihr runter gerissen, was bedeutete, dass sich Dad mal wieder mit ihr vergnügt hatte. Schaltkreise, Augäpfel und Kiefermechanik standen in Kontrast zu ihrem wohlgeformten Körper.

„Möchten sie ein paar Fried Otties, Meister Woody?“

„Verpiss dich!“

Er nahm das Telefon und wählte Andys Nummer. „Andy? Kann ich rum kommen? Mir fällt hier die Decke auf den Kopf!“

*

Woody saß mit Andy auf dem Rand des Dachs und sie schauten in die Häuserschlucht. Schräg gegenüber leuchteten riesige Werbetafeln, eine für Orgasmuspillen und eine für das Hacker und Rauch Sturmgewehr. Woody fragte sich, was passiert, wenn man beides gleichzeitig benutzt.

Cruiser mit Pendlern flogen dicht unter ihnen auf der obersten Flugspur vorbei und wenn einer nach oben schaute, zeigte ihm Andy einen Stinkefinger.

Woody sprach Andy nicht auf seine Begegnung mit Manuel an. Er wollte einfach nur Bier trinken und den Sonnenuntergang genießen.

„Ich möchte den Pennern da unten auf die Köpfe pissen!“

„Und ich kann dich dann wieder vom Polizeirevier abholen...“

„Woody, du bist langweilig geworden. Immer hast du irgendein Problem, wenn man einfach nur Spaß haben will! Das fängt doch schon beim Essen an...“

„Tja...“

„Warum tust du dir das an?“

„Warum tu ich mir was an?“

„Du grenzt dich aus und du bewirkst dabei gar nichts. Keins der Tiere dankt es dir, wenn du dich seinetwegen ins gesellschaftliche Abseits stellst.“

„Du hast recht! Ich sollte mich erst dann mit meiner Grundethik befassen, wenn sie schon durch andere Leute gesellschaftsfähig gemacht wurde. Bis dahin verpasse ich keine deiner archaischen Grillpartys und quäle meinen Körper mit Cholesterin und Stresshormonen. Wie praktisch...“

„Komm mir nicht mit deinem Zynismus! Die Frauen stehen auf dich und du lässt eine nach der anderen abblitzen, weil sie die falschen Sachen frisst, oder nicht so denkt, wie du. Das tut echt weh, Mann!“

„Ja... Das tut echt weh. Aber wie du weißt, arbeite ich ja dran, dass es mehr vegane Frauen gibt.“

„Vergiss es Alter! Du kannst Menschen nicht verändern und den Tieren hilfst du auch nicht!“

„Du meinst, ich sollte das Verhalten anderer Menschen tolerieren und schweigen, wenn ich vegan lebe?"

„Genau so!"

„Erinnerst du dich an die Geschichte der Menschheit vor dem großen Knall? Weißt du von der Sklaverei, dem Kolonialismus und dem Nationalsozialismus?“

„Ja! Und?“

„Das waren alles Missstände, die gegen eine Grundethik verstießen. Und doch wurden diese Verstöße für ganze Volksgruppen über viele Jahre oder Generationen zur Normalität. Bis ihnen dann Menschen zeigten, dass dieses Verhalten nicht normal sein konnte. Sklaverei verstößt genauso gegen die Grundethik wie die Inanspruchnahme von nichtmenschlichen, fühlenden Wesen mit zentralem Nervensystem, wenn Alternativen gegeben sind. Wenn man das gerafft hat und sich entgegen seines Verständnisses verhält, handelt man widersprüchlich. Und wer schweigt, macht sich mitschuldig! Außerdem gehen mir Otterburgerküsse auf die Libido. Kotz!“

„Ich denke trotzdem, dass wir das Recht haben, Tiere in Anspruch zu nehmen.“

„Warum?“

„Weil wir es können! Wir haben zum Beispiel keine Flügel und trotzdem können wir fliegen...“

„Wir können klonen und Atomkriege führen und Planeten unbewohnbar machen. Dann lass uns mal reinhauen! Und wenn man Menschen nicht essen soll, warum sind sie dann aus Fleisch?"

„Woody, dieses Gespräch führt zu nichts!“

Weil wir es können! Woody stellte sich vor, wie er seinen Freund über die Dachkante warf, einfach weil er es konnte. Der Gedanke beschämte ihn und doch schien es keinen Ausweg für seine innere Zerrissenheit zu geben. Nicht in dieser perversen Gesellschaft, mit ihren widersprüchlichen Werten und Normen.

*

Am nächsten Tag erschien Woody bei der angegebenen Adresse. Ein altes Fabrikgelände am Rande der Stadt. Die meisten Etagen der großen Gebäude, die noch aus der Zeit vor dem großen Knall stammten, standen leer, doch in einigen hatten sich Freaks und Künstler eingerichtet. Die Außenwände waren mit kunstvollen Bildern geschmückt, Musik erschallte aus den Fenstern und Fahrradfahrer kamen ihm entgegen. Er fuhr langsam an Lagerhallen vorbei und erkannte das Logo der „Sache“. Ein stilisierter Flugotter mit geballten Fäusten.

Woody parkte vor der Halle. Die Tür neben der Laderampe ging auf und es erschien eine junge Frau. Ihr dunkles Haar war schlicht zusammengebunden und auch in ihrer einfachen Kleidung unterschied sie sich von den Leuten, mit denen Woody privat und auf dem College seine Zeit verbrachte. Doch sie passte gut zu Manuel.

„Hallo! Du musst Woody sein!“ Sie bat ihn hinein.

„Ich bin Lisa. Manuel hat mich gebeten, dich in Empfang zu nehmen. Er war sehr zuversichtlich, dass du kommst.“

Woody schaute sich staunend in der Halle um. An den Wänden hingen Plakate mit Bildern aus Flugotterfarmen. Furchtbare Bilder von verängstigten Tieren in engen Käfigen. Bilder von aufgestapelten Tierkadavern. Als Kontrast standen unter den Bildern Werbeslogans der Flugotterindustrie. Es gab auch schöne Plakate an den Wänden. Flugotter, Paulhühner und andere Tiere, die offenbar befreit wurden und sich unter besseren Lebensbedingungen von ihrem alten Leben erholt hatten. An Tischen, an der Wand, saßen Mitarbeiter der „Sache“, von denen einige telefonierten und andere im Internet Aufklärungsarbeit leisteten.

Lisa stellte sie Woody vor. Dann bat sie ihn, ihr zu folgen und sie gingen über eine Metalltreppe in das obere Büro.

Die Wände hätten neue Farbe vertragen können und dort, wo der Putz abbröckelte, hingen neben weiteren Plakaten etliche Listen und Landkarten mit Markierungen.

Manuel saß an seinem Schreibtisch am PC. Auf seiner Schulter saß ein junger Flugotter. Seine Flügel waren angelegt und sein Kopf war unter Manuels langem Haar versteckt.

„Schön, dass du da bist! Setz dich bitte! Es ist wirklich gut, dass du gekommen bist, wir haben einen echten Engpass. Nils, unser bester Fahrer, hat sich zu seiner Freundin auf den Mond verpisst. Wir haben seit zwei Wochen nichts mehr von ihm gehört und es stehen seit Langem wichtige Tierbefreiungsaktionen auf dem Plan. Wir wollen morgen Nacht aktiv werden. Wie sieht es aus? Bist du dabei? Um punkt elf geht es los. Racer und Sprit gehen auf uns!“

Woody bekam einen Adrenalinschub. „Sie brauchen mich!“

In seinem Kopf überschlugen sich Bilder und Berichte von Tierbefreiungsaktionen und Lisa lächelte flehend.

Ohne zu zögern, sagte er zu.

*

Woody war pünktlich auf dem Fabrikgelände. Der Racer stand bereit. Auf dem Heck befanden sich vier Stasis-Transportboxen. Darin konnte man acht Flugotter transportieren, ohne dass sie etwas davon mitkriegen würden. Woody ging nach oben in Manuels Büro und fand dort Lisa, Manuel und einen ihm bisher unbekannten Mitarbeiter vor.

Ein düster dreinschauender Typ mit wildem Haar und einem Vollbart, der zur Hälfte eine lange Narbe verdeckte, die sich durch seine linke Gesichtshälfte zog.

Manuel begrüßte Woody. „Darf ich vorstellen? Nico, das ist Woody, Woody, das ist Nico!“

Nico zuckte nicht mal mit der Augenbraue. Er saß auf Manuels Schreibtisch und putzte seine Waffe. Eine wuchtige Hacker & Rauch. Als Woody die Waffe sah, spürte er ein unangenehmes Kribbeln im Bauch.

Manuel registrierte Woodys skeptische Blicke. „Keine Angst! Die Waffe ist nur zur Abschreckung, falls uns jemand erwischt. Wir mussten sie noch nie benutzen.“

„Ist sie geladen?“

„Ich hoffe nicht! Wir wollen doch vermeiden, dass irgendeinem Tierquäler Leid zugefügt wird!“

Manuel lachte kurz über seine Antwort, dann wurde er wieder ernst.

„Okay, dann lasst uns mal den Plan durchgehen!“

Er drückte auf eine Taste seiner PC-Tastatur und es erschien das Hologramm einer Flugotterfarm.