8,99 €
Eine Familie, die eine Lüge verbirgt. Und eine Liebe, die nur mit der Wahrheit leben kann.
Ambers Leben an der Küste Englands ist eintönig – bis an einem eiskalten Wintertag eine junge Frau vor Ambers kleinem Geschenkeladen auftaucht. Sie weiß nicht, wer sie ist und was mit ihr geschehen ist, doch Amber verspürt eine Verbindung zu der Namenlosen und beschließt, ihr zu helfen. 1989: Die Dokumentarfilmerin Gwyneth ist unabhängig und furchtlos, ihr Beruf hat sie an die entferntesten Ecken der Welt geführt. Doch als sie in den verschneiten Highlands fast ums Leben kommt, lässt sie sich von den McCluskys helfen. Gwyneth ist fasziniert von der Familie, vor allem von Dylan, dem rätselhaften und charismatischen Sohn. Aber die McCluskys verbergen ein Geheimnis, dass die Verbindung zwischen Gwyneth und Dylan gefährdet – und Gwyneth Leben für immer verändern wird.
Von verschneiten Bergen über mystische Unterwasserwälder und spektakuläre Küstenlandschaften auf der ganzen Welt: Entdecken Sie auch die anderen Romane von Tracy Buchanan, in denen sie uns immer wieder zu den schönsten Orten der Welt mitnimmt!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2021
Buch
Ambers Leben an der Küste Englands ist eintönig – bis an einem eiskalten Wintertag eine junge Frau vor Ambers kleinem Geschenkeladen auftaucht. Sie weiß nicht, wer sie ist und was mit ihr geschehen ist, doch Amber verspürt eine Verbindung zu der Namenlosen und beschließt, ihr zu helfen. 1989: Die Dokumentarfilmerin Gwyneth ist unabhängig und furchtlos, ihr Beruf hat sie an die entferntesten Ecken der Welt geführt. Doch als sie in den verschneiten Highlands fast ums Leben kommt, lässt sie sich von den McCluskys helfen. Gwyneth ist fasziniert von der Familie, vor allem von Dylan, dem rätselhaften und charismatischen Sohn. Aber die McCluskys verbergen ein Geheimnis, dass die Verbindung zwischen Gwyneth und Dylan gefährdet – und Gwyneths Leben für immer verändern wird.
Die Autorin
Tracy Buchanan lebt als Schriftstellerin in England. Wenn sie nicht gerade schreibt, liebt sie es, durch Wälder zu streifen, einsame Strände zu erkunden und mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrem Hund Brontë auf Städtetrips zu gehen.
Besuchen Sie uns auch auf www.instagram.com/blanvalet.verlag und www.facebook.com/blanvalet.
TRACY BUCHANAN
Die Winterfrauen
Roman
Aus dem Englischen vonHanne Hammer
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Family Secret« bei Avon, London.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Copyright © der Originalausgabe 2019 by Tracy Buchanan
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021 by Blanvalet Verlag, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Larissa Rabe
Umschlaggestaltung und -motiv: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com(George Philip; Davide Marzotto; sirtravelalot)
JB Herstellung: sam
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-26599-1V001
www.blanvalet.de
Gewidmet meinen wundervollen Tanten: Jenny, Judy, Laura, Val und Wendy
Sie tastet nach dem gebrochenen Eis um sich herum und versucht, sich aus dem eisigen Wasser zu ziehen. Doch ihre Finger sind wie gefrorenes Holz, und das Eis zerbröselt ihr unter den Fingern, sobald sie danach greift.
Verzweifelt sieht sie sich um. Sie weiß, wie das enden kann, sie hat es oft genug gehört: »Geh das Risiko gar nicht erst ein, über den See zu laufen, das ist es nicht wert.« Aber wie hätte sie sonst entkommen sollen?
Sie strampelt im Wasser, doch ihre Beine sind schon ganz schwach geworden. Bereits nach wenigen Sekunden in den eisigen Tiefen beginnt ihr Körper aufzugeben. Irgendwie schafft sie es, sich umzudrehen und das Ufer nach Hilfe abzusuchen. Und Gott sei Dank, da ist jemand!
»Hilfe!«, schreit sie. »Ich schaff es nicht hier raus!«
Er kommt auf sie zu, und Erleichterung durchflutet sie. Doch dann bleibt er stehen.
»Es ist ernst!«, schreit sie, während ihr eisiges Wasser in den Mund läuft.
Aber er starrt sie nur weiter an. Was soll das? Sie späht zu der Lodge, die hinter ihm am Ufer des Sees liegt. Goldene Lichter schimmern in den Fenstern, durch eins leuchtet ein riesiger Weihnachtsbaum. Bestimmt kann sie doch noch jemand sehen?
Gerade als sie das denkt, tauchen zwei Gesichter in einem der Fenster auf.
Sie winkt hektisch. »Hilfe!«, schreit sie, die Stimme klingt gar nicht mehr wie ihre Stimme. »Hilfe!«
Doch auch diese beiden stehen nur da und rühren sich nicht.
Können sie sie überhaupt sehen? Ja doch, sie hat viele Male selbst an diesem Fenster gestanden. Von dort hat man den besten Blick auf den See.
Warum kommen sie nicht herausgerannt, um ihr zu helfen? Und warum hilft ihr der Mann am Ufer nicht?
Vielleicht wollen sie ihr nicht helfen. Das würde sie nicht wundern nach all dem, was sie heute erfahren hat.
Nein, er würde nicht zulassen, dass ich sterbe. Das würde er nicht tun, egal was zwischen uns passiert ist.
Natürlich gibt es noch eine andere Möglichkeit: Sie könnte sich die Gestalten am Fenster nur einbilden. Halluzinieren. Heißt das, sie stirbt? Als sie das denkt, wird ihre Sicht unscharf.
Ist sie schon schneeblind?
Beide Vorstellungen sind fürchterlich. Sie versucht, ihn noch einmal zu beschwören. »Es tut mir leid, ich ... ich werde nichts sagen«, sagt sie mit brechender Stimme. »Bitte …« Sie streckt ihm eine zitternde Hand entgegen. Er runzelt leicht die Stirn und zögert. Doch dann verschränkt er die Arme.
Eine entsetzliche Furcht steigt in ihr auf und macht sie stark. Obwohl ihr die Glieder immer schwerer werden und trotz des seltsamen Schmerzes, der bis ins Innerste ihres Körpers dringt, zwingt sie sich, sich noch einmal aus dem Wasser hochzustoßen. Sie dreht sich herum. Ihr langes Haar schimmert in dem eisigen Nass, zitternde Finger tasten über das Eis nach einem dickeren Stück, auf das sie sich hochziehen könnte.
Aber da ist nichts – das Eis ist zu dünn. Also versucht sie, es mit den Händen zu zertrümmern. Wenn sie sich einen Weg durch das Eis kämpfen kann, erreicht sie vielleicht das Ufer.
Doch der Schmerz ist unerträglich, und ihre Hände fühlen sich an, als wären sie aus Stein.
Und dann bricht das Eis.
Hoffnung steigt in ihr auf. Vielleicht wird das übrige Eis auch brechen und sie kann hindurchschwimmen! Sie will sich abstoßen, doch sie kann die Beine nicht mehr bewegen.
Sie kneift die Augen zu. Bitte lass mich jetzt nicht im Stich, fleht sie ihren Körper an. Bitte, bitte.
Doch sie sieht nur Eis auf Eis getürmt, fühlt nur das eisige Wasser, das sie hinunterzieht.
Sie hätte wissen müssen, dass es so enden würde – genau an dem Ort, an dem alles begonnen hat. Als sie vor all den Jahren über den zugefrorenen See zu der Lodge hinübergeschaut hat, in deren Fenstern die Weihnachtslichter funkelten, hat sie irgendwie gewusst, dass sie für immer mit diesem Ort verbunden sein würde. Ihr war nur nicht klar gewesen, dass das durch ihren Tod geschehen würde.
Und ihr war nicht klar gewesen, dass er einfach zusehen würde.
Sie schließt die Augen und stellt sich vor, wie Stiefel herbeirennen, wie er keucht, wie seine Hände nach ihr greifen und sie herausziehen. Sie stellt sich vor, unter vereisten Wimpern hochzublicken und sein rußschwarzes Haar zu sehen, seine sorgenvollen Blicke. Und dann die Sicherheit am Ufer des Sees, in seinen Armen.
Aber er sieht weiter nur zu.
Schnee fällt um sie herum, und sie erinnert sich an ein früheres Mal, wo es so geschneit hat. Sie hört Kinderlachen, sieht rote Wangen und eisiges Lächeln. Ihre Erinnerungen holen sie ein, rufen nach ihr, ziehen sie in eine bodenlose Vergangenheit. Sie öffnet die Arme weit für sie, während ihr Kopf im eiskalten Wasser versinkt …
Der Winter in The Chine, wie die Einheimischen den Ort nennen, kann brutal sein. Eisige Winde fegen von Osten über den Ärmelkanal, fallen tosend in das Tal ein, das in die Landschaft gemeißelt ist, während die Bäume darüber steif von Eis sind. Trotzdem vereist der Strand fast nie, bis auf die zwei strengsten Winter seit Beginn der Aufzeichnungen: den Winter 1962 und den, in dem das Mädchen zum ersten Mal in das Leben von Amber Caulfield tritt.
An diesem Morgen erwägt sie, zusammengerollt unter der Decke liegen zu bleiben, statt das zu tun, was sie an sechs von sieben Tagen in der Woche tut: zum Strand hinunterzugehen und ihren Souvenirladen aufzumachen.
»Nein«, sagt sie streng zu sich selbst, während sie nach einem Handtuch greift und Richtung Dusche geht. »Ich brauche die Einnahmen, und die Wände müssen auch noch gestrichen werden.« Der Winter in Winterton Chine ist nicht nur wegen des Ostwinds hart, im Winter bleiben auch die Touristen weg, die den größten Teil von Ambers Kundschaft ausmachen. Sie hofft jedoch, dass sie mit einem frischen Anstrich und ein paar weiteren Renovierungsarbeiten den Laden für den kurzen Ansturm während des alljährlichen Weihnachtsmarkts attraktiv machen kann, der in gut einer Woche beginnt.
Sie duscht, zieht eine dicke Leggins und einen langen schwarzen Pullover an und dreht ihr rotes Haar im Nacken zu einem Knoten zusammen. Als sie, noch mit dem Zuknöpfen ihres langen schwarzen Mantels beschäftigt, hinaustritt, trifft die Kälte sie wie ein Vorschlaghammer. Sie reibt an den Stümpfen ihrer linken Hand, die von der Erinnerung an einen anderen kalten Winter schmerzen, und geht Richtung Strand. Von ihrer Wohnung aus sind es nur fünf Minuten die gewundene Straße hinunter, die das Zentrum von The Chine bildet. Beim Gehen winkt sie den vertrauten Gesichtern zu, die ihr begegnen: ein paar Mütter, die ihre Kinder in die Schule bringen, Jim vom Zeitschriftenladen, ein Busfahrer, der die Leute für einen weiteren Arbeitstag zum Bahnhof bringt und im Vorüberfahren grüßend die Hand hebt.
Der Strand, ein schmaler Streifen Sand, beginnt am Ende der Straße. Oberhalb liegt ein Wald. Eine lange, gerade Promenade führt am Strand entlang, der bei Hundebesitzern sehr beliebt ist. An der Promenade stehen dreißig pastellfarbene Strandhütten, von denen drei Ambers Souvenirladen beherbergen. Sie betrachtet die kleinen Eiszapfen, die an den Dächern der Hütten hängen, und schüttelt den Kopf. Keine Chance, dass sich heute jemand an den Strand wagt. Nächste Woche wird sich das ändern, hat sie beschlossen, vor allem wenn die Leute die neuen Farben sehen, in denen sie den Laden streichen wird. Mit leicht erzwungenem Enthusiasmus geht sie auf die Hütten zu.
Der Laden liegt genau in der Mitte der Strandhütten, eine rosa Hütte, eine babyblaue und eine grüne. Na ja, sie war einmal grün, jetzt ist eine Hälfte knallrot. Amber hat sich für eine kühnere Farbwahl entschieden, um mehr Leute anzulocken. Die anderen Hütten sind in den nächsten Tagen an der Reihe, die rosafarbene wird leuchtend gelb, die babyblaue smaragdgrün werden. Ein Zaun aus weißen Holzpalisaden umschließt die Hütten und macht deutlich, dass alle drei zusammengehören. Sie hat sich noch nicht entschieden, ob sie den auch streichen soll. Über der mittleren Hütte hängt ein Schild: Geschenke Caulfield, gegründet 1955.
Ambers Großvater hat das Geschäft eröffnet und es an seine Töchter vererbt, an Ambers Mutter und Tante. Die beiden haben sich allerdings vor acht Jahren aus dem Geschäft zurückgezogen. Sie waren der Auffassung, dass Amber jetzt an der Reihe sei. Der Laden befriedigt ihren Wunsch nach einer kreativen Aufgabe. Für den Dezember hat sie ein weihnachtliches Ambiente geschaffen, mit Hirschmotiven und Schneeszenen, mit Tannenzweigen und Lichtern in Form von Eiszapfen und den Werken ortsansässiger Künstler in den Regalen. An trockenen Tagen stellt Amber weitere Werke auf der Veranda aus, auf vier Kisten, die sie in den Farben der Hütten gestrichen hat. Sie erregen die Aufmerksamkeit der Leute am Strand und in dem nahen Café und locken in den Sommermonaten viele Touristen an, die ein Andenken mit nach Hause nehmen wollen.
Aber im Winter ist es ruhig. So ruhig, dass Ambers Mutter vorgeschlagen hat, sie solle nur noch in den Sommermonaten öffnen und sich für den Winter irgendwo einen Job suchen. Doch Amber mag den friedlichen Strand, das Gefühl des beißenden Windes im Gesicht. Es erinnert sie daran, dass sie da ist, dass sie trotz allem, was ihr als Kind zugestoßen ist, überlebt hat.
Sie reibt noch einmal ihre kaputte Hand, bevor sie die Schlösser an den drei Klappläden aufschließt und sie mit der gesunden Hand aufstößt. Sie beugt sich hinunter und schaltet die Lichterketten an, die an der Decke jeder Hütte befestigt sind, dann stellt sie draußen eine Tafel auf, die Wundervolle Winter-Schnäppchen ankündigt.
Sie zieht ihren Stuhl heraus, setzt sich darauf und schließt die Augen, um einen Moment der Ruhe zu genießen, bevor sie mit dem Streichen beginnt.
»Hab ich dich erwischt, wie du bei der Arbeit schläfst!«, ertönt eine vertraute Stimme. Sie dreht sich um und sieht ihre Mutter Rita und ihre Tante Viv den Strand hinunterkommen, eingepackt in ihre Wintermäntel. Das rote Haar, das ihrem so ähnlich ist, weht im Wind. Sie haben einander untergehakt und tragen beide hohe, pelzgefütterte Stiefel, Wollmäntel, die bis zu den Waden reichen, und bunte Schals, die ellenlang erscheinen. Sie behaupten, altersmäßig sechs Jahre auseinander zu sein, doch Amber fragt sich manchmal, ob sie nicht insgeheim Zwillinge sind.
»Ihr habt mich eigentlich nicht erwischt, denn ich hab ja gar nicht versucht, meine Pause zu verheimlichen«, sagt Amber weiterhin mit geschlossenen Augen, um den beiden ihren Standpunkt klarzumachen.
»Hier, das wird dich wachmachen«, sagt ihre Mutter und reicht ihr einen Plastikbecher mit dampfendem heißem Kaffee. »Mit etwas Lebkuchengewürz, um dir die Frage zu ersparen.«
Amber lächelt, als sie den Kaffee entgegennimmt. »Danke. Wird mir heute das Vergnügen zuteil, dass ihr beide mir Gesellschaft leistet?«, fragt sie, als sie daran nippt und den leichten Lebkuchengeschmack genießt, den sie zu dieser Jahreszeit in ihrem Kaffee so liebt.
»Hör dir ihren Sarkasmus an, Rita«, sagt ihre Tante Viv und schüttelt den Kopf. »Du solltest dein Kind wirklich besser im Griff haben.« Das spitzbübische Funkeln in ihren blauen Augen verrät, dass sie es scherzhaft meint.
»Kind«, sagt Amber und schüttelt den Kopf. »In fünf Jahren werde ich vierzig.«
Rita zuckt zusammen. »Erinner mich bloß nicht daran. Besser du gibst keine Party; Len, der die Straße runter wohnt, hält mich immer noch für fünfzig.«
Viv lacht. »Für fünfzig? Mit den Falten!«
»Falten sind die neuen Grübchen, weißt du das nicht?«, meint Rita affektiert. Sie lachen.
»Aber mal ernsthaft«, sagt Amber, »wollt ihr wie letzte Woche hier herumhängen und die Kunden vergraulen?«
Die beiden älteren Frauen sehen sich entsetzt an. »Wir? Die Kunden vergraulen? Wir haben den Laden dreißig Jahre lang betrieben.«
Amber muss einfach lächeln. In Wahrheit liebt sie die Gesellschaft ihrer Mutter und ihrer Tante. Der Tag vergeht mit ihnen schneller, wenn nicht viel los ist. Und während manche Kunden die beiden exzentrischen Rothaarigen, die vor dem Laden lachen und Witze reißen, ein bisschen beängstigend finden, finden die meisten sie reizend. Oft verkaufen sie sogar selbst etwas, wenn auch zum halben Preis, ohne sich erst mit Amber abzusprechen.
»So, so«, sagt Viv und sieht sich um, »welche Kunden sollten wir denn vergraulen?«
Amber verdreht die Augen, während sie in den hinteren Teil der Hütte geht, um die rote Farbe zu holen.
»Du solltest mit dem Laden auf eBay gehen«, fährt Viv fort.
»Oder auf Etsy! Das ist das Neueste, weißt du?«, stimmt Rita ein.
»Ich habe dir schon Millionen Mal gesagt, dass ich nicht online gehen werde«, sagt Amber, während sie mit der gesunden Hand vorsichtig den Deckel von der Farbe zieht. »Die Leute müssen die Sachen anfassen, sie riechen. Das gehört alles zum Kauferlebnis dazu.«
Viv greift nach einem kleinen, mit Muscheln besetzten Spiegel und schnüffelt daran. »Für mich riecht der nach verrotteten Krabben.«
»Von dem Farbgeruch mal ganz abgesehen«, fügt Rita hinzu und rümpft die Nase. »Ich weiß nicht, warum du nicht bei den Pastelltönen bleibst.«
Amber stemmt die Hand in die Hüfte und mustert ihre Tante von oben bis unten. »Na klar. Danke für die Unterstützung.«
Viv lacht und nimmt ihre Nichte in den Arm. »Komm, du weißt doch, dass wir nur Witze machen.«
»Wann macht ihr mal keine Witze?« Amber schüttelt missbilligend den Kopf. Es stört sie eigentlich nicht. Die Neckereien, die Witze und der Sarkasmus gehören zu der Freundschaft der drei Frauen. Manchmal machen die beiden sie wahnsinnig. Doch Amber weiß nicht, wo sie ohne ihre dauernde Anwesenheit heute wäre. Die beiden sind alles an Familie, was sie, die in Winterton Chine geboren und aufgewachsen ist, je gekannt hat. Ihr Vater, ein Lastwagenfahrer, ist ein paar Monate nach ihrer Geburt abgehauen.
»Er hat sich so schon immer beklagt, dass er sich mit zwei verrückten Rotschöpfen herumschlagen muss«, sagte ihre Mutter immer. »Und dann kamst du, noch ein Rotschopf, und hast dir nächtelang die Seele aus dem Leib geschrien.« Einige hätten das als Ablehnung ausgelegt. Doch nach allem, was Amber von ihrer Mutter, ihrer Tante und der Hälfte der Leute in der Stadt über ihren heftig trinkenden, gerne ausfällig werdenden Vater gehört hat, nimmt sie es als Kompliment. Jahrelang hat sie mit ihrer Mutter allein in einem kleinen Reihenhaus im Ort gewohnt, ihre Tante mit ihrem Mann ein paar Häuser weiter. Doch dann hat Viv sich scheiden lassen, und jetzt sind sie nur noch zu dritt – »die drei Rothaarigen«, wie die Einheimischen sie nennen.
»Es wird wirklich kalt«, sagt Rita und faltet eine dicke Fleecedecke auseinander, um sie über ihre und Vivs Beine zu legen, während sie draußen auf der Veranda sitzen. »In den Nachrichten haben sie gesagt, dass wir vielleicht Schnee bekommen.«
Amber zwirbelt an ihrem Pullover herum. »Hoffentlich nicht.« Sie sieht auf ihre linke Hand mit den Fingerstummeln hinunter. Kalte Tage wie dieser erinnern sie stets ganz besonders an den Verlust ihrer Finger. Sie greift nach einem Handschuh und zieht ihn an, während ihre Mutter und ihre Tante sich ansehen. Sie befürchtet, dass der Anblick ihrer fingerlosen Hand Kunden abschrecken könnte. Obwohl ihre Mutter und ihre Tante ihr immer sagen, dass sie sich das nur einbildet, sieht sie, wie die Augen mancher Kunden zu ihrer rechten Hand wandern, die flüchtigen, bestürzten Blicke. Da trägt sie lieber Handschuhe, wann immer sie kann.
Sie seufzt und greift nach dem Pinsel, während ihre Mutter und ihre Tante schweigend dasitzen.
»Oh! Es geht los, der erste Kunde des Tages«, durchbricht ihre Tante das Schweigen.
Amber folgt ihrem Blick zu einer Frau, die den Strand hinunterkommt. Eigentlich ist es eher ein schmächtiges Mädchen mit schulterlangen blonden Haaren in der Farbe von Graubirken und mit blauen Strähnen. Amber beschattet ihre Augen vor der grellen Wintersonne und betrachtet das Wollkleid und die zerrissene Strumpfhose. »Sie hat gar keinen Mantel an.«
»Und keine Schuhe«, fügt Viv überrascht hinzu. »Mein Gott, sie wird sich den Tod holen.«
Das Mädchen stolpert leicht, dann bleibt sie stehen und sieht verwirrt an sich hinunter.
»Sieht aus, als wäre sie betrunken«, sagt Rita.
»Nein, irgendwas stimmt nicht mit ihr.« Amber zieht die Decke von den Knien ihrer Mutter und ihrer Tante, tritt von der Veranda und läuft zu dem Mädchen.
Das Mädchen ist hingefallen. Amber kniet sich neben sie und legt ihr die Decke um die schmalen Schultern. Das Mädchen ist eiskalt und zittert unkontrolliert, ihre langen farblosen Wimpern glitzern vor Frost. Amber zieht sie instinktiv an sich, um dem zarten Körper etwas von ihrer Wärme abzugeben.
»Was um alles in der Welt machst du hier ohne Mantel?«, fragt sie, während Viv und Rita angelaufen kommen.
Das Mädchen sagt nichts und sieht Amber nur mit großen, verwirrten Augen an.
»Sieh sie dir an, sie friert«, bemerkt Viv, als sie bei ihr sind.
Ambers Mutter sieht mit gerunzelter Stirn zu dem Mädchen hinunter. »Bist du von hier, Liebes?«
Das Mädchen blinzelt, ihre Wimpern kleben von dem Eis aneinander. »Ich ... ich weiß nicht«, antwortet sie. Die drei sehen sich an.
»Sie kommt mir bekannt vor«, murmelt Viv. »Wie heißt du, Schätzchen?«
»Wie lange warst du da draußen?«, fragt Rita.
»Wo sind denn deine Schuhe?«, fügt Viv hinzu.
»Das sind viel zu viele Fragen!«, sagt Amber. Sie hilft dem Mädchen aufzustehen. »Komm, gehen wir ins Warme, du musst wieder auftauen.«
Alle drei helfen dem Mädchen zur Strandhütte, und Amber nutzt die Gelegenheit, ihr schönes Gesicht zu betrachten. Ihre Augen stehen unter dem fedrigen blonden Pony weit auseinander, und sie hat eine Stupsnase. Sie trägt einen Ring in der Nase, und ihre Augenbraue schmückt ein Edelstein. Beide sind schön und blau wie die Strähnen in ihrem Haar. Sie sieht aus, als könnte sie durchaus noch im Teenageralter sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Ambers Tante recht hat – vielleicht hat das Mädchen gestern Abend wirklich zu viel getrunken und ist in einer der Strandhütten gelandet? Das kommt manchmal vor. Doch wenn Amber sich das Mädchen genauer ansieht, kommt sie ihr nicht wie der Typ vor, der so etwas tut. Sie ist nicht wie Amber in diesem Alter, mit wilden Haaren und noch wilderem Gemüt.
Sie gehen in die mittlere Hütte, und Amber hilft dem Mädchen auf einen Stuhl. Sie stellt die elektrische Heizung höher, und im selben Moment keucht Rita auf. Amber folgt ihrem Blick und sieht, dass das Haar hinter dem rechten Ohr des Mädchens blutig ist.
»Ruf einen Krankenwagen«, sagt Amber schnell, zieht ihren Handschuh aus, holt eine Damenbinde aus der Tasche und drückt sie auf die Wunde. Das Mädchen zuckt zusammen und versucht, die Binde wegzuschieben.
»Nein, meine Liebe«, sagt Amber und schiebt sanft ihre Hand weg. »Du hast dich verletzt.«
Ambers Mutter wirft einen Blick auf die blutdurchtränkte Binde, dann wendet sie sich ab, die Hand vor dem Mund, während Viv ihr Handy herausholt und einen Krankenwagen ruft. Als sie der Person am anderen Ende erklärt, um was für eine Verletzung es sich bei der jungen Frau handelt, weiten sich deren Augen vor Furcht. Amber legt ihr tröstend die Hand auf den Arm, und das Mädchen sieht auf Ambers Hand hinunter, registriert die fehlenden Finger und die knotigen Stümpfe. Sie fährt mit einem kalten Finger über die Stümpfe, und Amber zieht ihre Hand schnell weg.
»Sehen wir zu, dass du etwas Warmes bekommst, während wir warten, ja?«, sagt Rita und reißt sich zusammen. »Tee? Heiße Schokolade?«
»Kaffee?«, fügt Viv hinzu, als sie aufgelegt hat.
»Ich denke, besser nicht, Viv«, sagt Amber. »Am besten geben wir ihr gar nichts zu essen oder zu trinken, bevor jemand sie sich richtig angesehen hat.«
»Wirklich? Erinnerst du dich, wie du nach dieser Party gefallen bist und dir den Kopf aufgeschlagen hast, stockbesoffen, wie du warst?«
Amber ignoriert ihre Tante, räumt ein paar Lichterketten von einem kleinen Tisch und setzt sich darauf. »Wie heißt du denn, Liebes?«
Das Mädchen schweigt eine Weile. Dann schüttelt sie den Kopf, während sich ihre Augen mit Tränen füllen. »Ich weiß es nicht. Warum weiß ich nicht, wie ich heiße?«
»Das ist okay«, sagt Amber beruhigend. »Das ist der Schock von dem Sturz. Ich kann mich erinnern, dass ich auch etwas verwirrt war, als mir das mal passiert ist.«
Ihre Tante und ihre Mutter unterdrücken ein Lächeln.
»Meine Mum und meine Tante waren zu sehr damit beschäftigt zu lachen, um überhaupt zu merken, dass ich mich verletzt hatte«, fügt Amber hinzu und sieht sie finster an. »Erinnerst du dich an irgendetwas? Zum Beispiel, wie du hierhergekommen bist?«
Das Mädchen sieht zum Meer hin und zuckt leicht zusammen. Dann schüttelt sie schnell den Kopf.
»Vorsichtig!«, sagt Amber, als die Binde sich durch die Bewegung leicht verschiebt und ihr das Blut auf die Finger tropft.
»Entschuldigung«, sagt das Mädchen, jetzt ruhiger. »Ich ... ich erinnere mich an nichts, wirklich nicht.« Panik zuckt in ihren Augen auf. »Warum erinnere ich mich an nichts, warum kann ich nicht …«
»Mach dir keine Gedanken, meine Liebe«, sagt Ambers Mutter und legt dem Mädchen einen Arm um die Schulter. »Es wird langsam zurückkommen.«
Das durchdringende Geräusch von Sirenen nähert sich.
»Sie haben gesagt, dass sie sich beeilen«, sagt Viv. Sie marschiert nach draußen und winkt dem Krankenwagen, der die Hauptstraße hinuntergefahren kommt. Ein Paar geht mit seinem Hund spazieren und guckt. In dieser Gegend hört man nicht oft Sirenen. Bis auf ein paar Raubüberfälle in der letzten Zeit passieren nicht viele Verbrechen in der Stadt.
Ein paar Minuten später erscheinen zwei Sanitäter im Eingang der Hütte, ein Mann und eine Frau.
»Wie es aussieht, bist du schon wieder aufgewärmt«, sagt die Frau, entfernt sanft die Binde von der Wunde des Mädchens und untersucht sie. »Ja, das muss genäht werden.« Die Sanitäterin sieht Amber an. »Das erklärt auch die Verwirrung. Das kommt bei Kopfverletzungen häufiger vor. Sie kennen sie nicht?«
Amber schüttelt zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Tante den Kopf.
»Das arme Ding erinnert sich an nichts«, fügt Rita hinzu.
Der Sanitäter zieht eine große Rettungsdecke aus seiner Tasche und legt sie dem Mädchen um die Schultern. »Wieso bist du ohne Schuhe und Mantel am Strand entlangspaziert?«, fragt er dabei.
»Ich weiß es nicht«, flüstert das Mädchen. »Ich weiß es wirklich nicht.«
Die Sanitäterin zieht sich ein Paar Latexhandschuhe an und bläst sich in die Hände. »Ich will nur kurz deinen Bauch abtasten, okay? Und deine Temperatur messen. Wahrscheinlich ist es ohnehin am besten, wenn wir dir das nasse Kleid ausziehen.«
Das Mädchen guckt erschrocken.
»Hier, haltet die Decke hoch«, sagt Amber zu ihrer Mutter und ihrer Tante und zeigt auf eine Decke, die zum Verkauf ausliegt. Sie tun, was sie sagt, und halten die Decke als Sichtschutz hoch. Amber hilft dem Mädchen schnell, das Kleid auszuziehen, dann wickelt sie die erste Decke fest um sie und die Rettungsdecke obendrüber.
»Danke«, sagt das Mädchen und sieht aus dem Dunkel zu ihr hoch.
Ambers Herz krampft sich zusammen. »Keine Ursache.«
Die Sanitäterin legt ihre Finger auf den Bauch des Mädchens, dann auf ihren Hals und sieht dabei auf die Uhr. »Du hast möglicherweise auch eine leichte Unterkühlung. Zusammen mit der Kopfverletzung ist es das Beste, wir bringen dich rasch ins Krankenhaus.«
Wieder sieht das Mädchen erschrocken aus.
»Alles wird gut«, sagt Amber und greift nach ihrer Hand.
»Kommst du mit?«, fragt das Mädchen leise.
»Natürlich«, sagt Amber, als die Sanitäter dem Mädchen aufhelfen.
»Mach dir keine Gedanken, wir kümmern uns um die Hütte«, ruft ihre Mutter Amber hinterher, als sie gehen.
»Gott steh mir bei«, murmelt Amber vor sich hin. »Ich will nicht, dass mein ganzer Bestand bei eBay gelistet und die rote Farbe weg ist, wenn ich zurückkomme«, ruft sie über die Schulter.
Das Mädchen lächelt vor sich hin, während die Sanitäter lachen.
Als Amber mit dem Mädchen die Hütte verlässt, merkt sie, wie die kleine kalte Hand des Mädchens in ihre kriecht. Es überrascht Amber, dass ihr Tränen in die Augen steigen.
Steh deinen Mann, Rotschopf.
Das Krankenhaus ist anders, als Amber es in Erinnerung hat. Sie hat in den letzten Jahren ihr Bestes getan, es zu meiden, und selbst einen gebrochenen Zeh zu Hause versorgt. Sie sieht sich um und hofft, keinen der Gründe zu sehen, aus denen sie es meidet.
»Wir kriegen dich schon wieder hin«, sagt die Sanitäterin, als sie das Mädchen auf einer Liege in eine Kabine schiebt. Ein Arzt kommt herbei, und Amber ist erleichtert, dass es eine Ärztin und nicht die Person ist, der sie aus dem Weg gehen will.
»Machen Sie sich keine Sorgen, wir kümmern uns um Ihre Tochter«, sagt die lächelnde Ärztin zu Amber, während sie sich Handschuhe anzieht.
Amber merkt, wie sie rot wird. »Sie ist nicht meine Tochter. Ich habe sie nur am Strand gefunden.«
Die Ärztin nickt. »Entschuldigung, mein Fehler.«
Amber schaut auf das Mädchen hinunter, und einen Moment stellt sie sich vor, dass sie ihre Tochter wäre, dass sie immer noch da wäre, noch leben würde. Sie stellt sich sogar den Anruf vor.
»Wir haben deine Katy am Strand aufgegriffen, wie sie dort herumgeirrt ist, Amber«, würde einer der Hundebesitzer bei einem frühmorgendlichen Anruf sagen. »Tut mir leid, meine Liebe, wir denken, sie hat möglicherweise ein bisschen zu tief ins Glas geschaut.«
Sie würde wütend auf ihre Tochter sein, sie aber auch verstehen. War sie als Teenager nicht auch am frühen Morgen betrunken am Strand entlanggelaufen? Sie würde ihr Hausarrest geben, vielleicht eine Woche lang. Sie nach Hause bringen und ins Bett packen, ihr eine Weile ihre Ruhe lassen. Dann würden sie sich unterhalten müssen. Amber würde die Geschichten aufbauschen, wie sie selbst betrunken gewesen ist, ihr von ihrer alten Freundin Louise erzählen, die so betrunken war, dass sie beim nächtlichen Schwimmen beinahe ertrunken wäre, und von einem anderen Mädchen, das mit vierzehn schwanger geworden war. Ihre Tochter würde die Augen verdrehen. »Mein Gott, Mum, es war nur ein einziges Mal.« Und dann würden sie lachen und Pizza bestellen und vielleicht einen Film gucken.
»Ist alles in Ordnung?«, hört Amber eine leise Stimme. »Du weinst.«
Sie sieht zu dem Mädchen hinunter, dem Mädchen, das nicht ihre Tochter ist. Schnell wischt Amber sich die Tränen ab. »Mir geht es gut«, sagt sie ein wenig schärfer als beabsichtigt. Sie tritt ein paar Schritte zurück. »Du passt auf dich auf, okay? Du bist jetzt in guten Händen.«
»Du gehst?«, fragt das Mädchen und setzt sich mühsam auf. »Bitte bleib.«
Amber schüttelt den Kopf und ballt ihre gesunde Hand zur Faust, um sich stark zu machen. »Ich kann nicht. Ich habe den Laden, weißt du? Den ich außerdem vor dem Weihnachtsmarkt-Ansturm noch streichen muss«, fügt sie hinzu, während sie die Ärztin ansieht und mit den Schultern zuckt. »Du brauchst mich nicht, guck mal, die ganzen Leute hier sind alle für dich da!« Ihre Stimme bricht, als sie das sagt. Dann verlässt sie die Kabine und versucht, nicht an den verlorenen Blick des Mädchens zu denken.
Als sie die Station gerade verlassen will, ruft eine vertraute Stimme: »Amber?«
»Großartig«, murmelt Amber vor sich hin. Sie atmet tief durch, dann dreht sie sich um und sieht den Mann an, von dem sie gehofft hat, sie würde ihm nicht begegnen: ihren Exmann Jasper. Er sieht derangiert aus wie immer, der weiße Arztkittel und die dunkle Hose, die seine schlanke Gestalt umhüllen, sind zerknittert. Sein blondes Haar steht in alle Richtungen ab, und er hat Ringe unter den Augen.
»Hallo«, sagt sie und zwingt sich zu einem Lächeln.
Er hält kurz inne, sucht nach Worten. Schmerz flackert in seinen Augen auf, und Amber muss die Schuldgefühle unterdrücken, die sie empfindet. »Du siehst gut aus«, bringt er heraus.
»Und du siehst erschöpft aus.«
Er lacht und reibt sich das leicht stoppelige Kinn. »Das passiert schon mal nach Vierzehn-Stunden-Schichten. Was führt dich hierher?«
»Ich habe ein Mädchen am Strand gefunden. Mit einer Kopfverletzung.«
Er bekommt dieses ernste Doktorgesicht, das ihr einmal so vertraut gewesen ist. »Verstehe. Ist sie im Suff hingefallen?«
»Vielleicht«, sagt Amber und wirft einen Blick zu der Kabine hin, in der das Mädchen liegt. »Aber irgendetwas sagt mir, dass es nicht so ist. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich sie hier schon mal gesehen hätte. Sie erinnert sich an nichts.«
»Das passiert bei Kopfverletzungen … und bei einem Kater.« Er sieht zu dem kleinen Laden am Eingang des Krankenhauses hin. »Wolltest du ihr etwas holen?«
Amber schüttelt den Kopf. »Nein, ich will gerade gehen. Ich überlasse sie den Experten.«
»Aber wenn sie niemanden kennt …«, beginnt er unsicher, dann verstummt er.
»Ich kann den Laden nicht einfach sich selbst überlassen, Jasper. Ich habe nur noch eine Woche, um ihn für den Weihnachtsmarkt zu rüsten.« Ambers Stimme klingt schroffer als beabsichtigt. »Es geht ihr gut hier. Vermutlich treffen ihre Eltern jeden Moment ein.«
Jasper sieht sie weiter an, und allein sein Blick sagt ihr, was er denkt. Sie kennt ihn gut, sie kann jede Macke und jeden Gesichtsausdruck deuten, und sie ist sich sicher, dass es ihm genauso geht. Sie sind schließlich sieben Jahre zusammen gewesen.
Obwohl sich das vor zehn Jahren geändert hat. Es hat sich so vieles geändert.
Er seufzt. »Okay, dann sehe ich mal nach ihr. Ich mache gerade eine Fortbildung in Neurologie, ich denke sogar darüber nach, noch einen Facharzt zu machen.«
»Du hörst in der Notaufnahme auf?«
»Mal sehen. Kann ich dich informieren, wenn ihre Eltern eintreffen? Falls sie eintreffen«, fügt er hinzu. »Immer noch dieselbe Nummer?« Seine Stimme klingt jetzt geschäftsmäßig.
Amber nickt. »Du kennst mich, ich werde sie nie ändern.«
Er lächelt leicht. »Ja, das stimmt.« Wieder dieser gequälte Blick. Er studiert Ambers Gesicht. »Geht’s dir gut?«
»Ja, alles klar.«
»Und Rita und Viv?«
»Der übliche Wahnsinn.«
Er lacht. »Ja. Ich vermisse es, sie in der Stadt zu sehen.«
Vor fünf Jahren ist er aus Winterton Chine weg ins nächste Dorf gezogen. Als er Amber eine SMS geschickt hat, um es ihr zu sagen, hat sie eine Mischung aus Erleichterung und Bedauern empfunden. Keine peinlichen Begegnungen in der Stadt mehr. Aber auch keine Chance, ihn zu sehen, ohne dem Krankenhaus einen Besuch abzustatten, was keiner gerne tut.
»Okay, ich geh dann mal besser«, sagt Amber. »Ich will Mum und Viv nicht zu lange mit dem Laden allein lassen.« Sie hebt die Hand, winkt lahm und geht, wobei sie sich seiner Blicke bewusst ist, die ihr folgen.
Als Amber zurück bei den Strandhütten ist, tanzen ihre Mutter und ihre Tante gerade auf dem vereisten Strand einen Foxtrott, während ein Hundebesitzer amüsiert zuguckt. Als Amber sich nähert, hören sie auf.
»Du bist schon zurück?«, fragt ihre Mutter, leicht außer Atem.
»Warum nicht?«, antwortet Amber, geht in den Laden und wirft ihren schwarzen Mantel in die Ecke. »Habt ihr irgendwas verkauft?«
»Eine Decke!« Viv lächelt stolz.
»Was ist mit dem Mädchen? Sie wird sich einsam fühlen«, sagt Rita und ignoriert die Frage ihrer Tochter.
»Nein, wird sie nicht«, antwortet Amber und wirft einen Blick auf den Durchschlag der Quittung, die ihre Tante für die Decke gekritzelt hat. »Du hast sie zehn Pfund billiger verkauft?«, ruft sie ungläubig und schwenkt die Quittung.
»Fünfzig Pfund sind Wucher!«, antwortet Viv. »Bei Etsy bekommst du sie für dreißig.«
»Das ist der normale Preis, Viv«, sagt Amber und verschränkt die Arme vor der Brust. »Mein Gott, ich versuche, mich hier über Wasser zu halten.«
»Schluss mit der verdammten Decke!«, ruft Rita den beiden zu. »Was ist mit dem Mädchen? Sie wird sich im Krankenhaus einsam fühlen.«
Amber schüttelt die restlichen Decken auf, dann greift sie nach dem Pinsel und geht nach draußen. Die beiden Frauen folgen ihr. »Sie ist im Krankenhaus, umgeben von Ärzten und Krankenschwestern.«
»Du hättest bei ihr bleiben sollen«, sagt Rita, und Viv nickt zustimmend.
Amber dreht sich zu ihnen um. »Warum? Ich kenne sie nicht einmal.«
»Der Mann, der dir damals geholfen hat, hat dich auch nicht gekannt«, antwortet ihre Mutter. »Und er schickt uns noch heute jedes Jahr eine Weihnachtskarte und erkundigt sich nach dir, nach dreißig Jahren!«
Amber drückt die Farbdose unbeholfen mit der kaputten Hand gegen die Hüfte, sodass sie den Deckel mit der gesunden Hand öffnen kann. Dann stellt sie die Dose ab und taucht den Pinsel hinein.
»Ich brauche eure Hilfe heute nicht mehr«, sagt sie, ohne die beiden Frauen anzusehen. »Wenn ihr wollt, könnt ihr ja auf Tee und Kuchen ins Earl’s gehen«, fügt sie abschätzig hinzu. Das Earl’s ist die Teestube in der Stadt. »Die fragen sich bestimmt schon, wo ihr seid. Wer soll denn sonst den Dorfklatsch weitergeben?«
Sie sieht ihre verletzten Mienen und beißt sich auf die Zunge. Sie ist zu weit gegangen.
»Ist das deine Art, uns zu sagen, dass wir verschwinden sollen?«, fragt Viv.
»Ich muss mich auf das Streichen konzentrieren. Ich bin schon spät dran«, sagt Amber versöhnlicher und schwingt den Pinsel über das Holz. »Ich muss mich konzentrieren, und das ist unmöglich, wenn ihr beiden in der Nähe seid«, fügt sie hinzu und dreht sich um, um sie in dem Versuch, die Spannung zu lockern, kurz anzulächeln.
Ihre Mutter mustert prüfend ihr Gesicht, dann nickt sie still vor sich hin. »Natürlich, Liebes.« Sie gibt Amber einen schnellen Kuss auf die Wange. »Solange es dir gutgeht«, sagt sie und sieht ihrer Tochter in die Augen, während Viv die Stirn runzelt.
Mein Gott, sie kennen sie so gut.
»Gut. Mir geht es sogar sehr gut«, lügt Amber, während sie die rote Farbe aggressiv auf der Holzwand verteilt.
»Dann sehen wir uns später, Schätzchen«, sagt Viv und streicht ihr übers Gesicht. Dann gehen die beiden Schwestern Arm in Arm den Weg entlang, der vom Strand wegführt.
Als sie außer Sichtweite sind, hört Amber auf zu streichen, lässt sich auf ihren Stuhl fallen und sieht auf den weiten, leeren Strand hinaus. Die Kieselsteine sind mit Eis bedeckt, das Meer liegt ruhig unter einem grauen Himmel. Es soll noch mehr Schnee geben, hat ihre Mutter gesagt. Er ist noch nicht da, doch Amber hat plötzlich das Gefühl zu ersticken, begraben zu werden unter den Erinnerungen und dem Frost, der an ihren Fingern beißt.
Sie stellt sich vor, wie ihre Mutter und ihre Tante sich unterhalten:
»Wenn die kleine Katy noch leben würde, wäre sie jetzt ein Teenager wie das Mädchen vom Strand«, sagt ihre Mutter.
»Ja, das habe ich auch gedacht«, antwortet ihre Tante.
»Zehn Jahre. Kannst du dir vorstellen, dass es zehn Jahre her ist, dass wir das kleine Mädchen verloren haben?«
Amber stützt den Kopf in die Hände und schließt die Augen. Sie gestattet sich die Erinnerung, wie warm sich Katy in ihren Armen angefühlt hat. Wie das Lachen klang, in das ihr kleiner Körper in einem Moment des Glücks ausbrechen konnte. Wenn es so kalt ist wie heute, sehnt sie sich nach diesen erstickend heißen Sommernächten in dem Monat, in dem Katy zur Welt gekommen ist. Amber hatte Katy im Kinderzimmer gestillt und durch die riesigen Fenster aufs Meer hinausgeblickt. Jasper war hin und wieder vorbeigekommen, wenn er auf die Toilette ging, und hatte sie liebevoll angelächelt.
Plötzlich kracht eine heftige Welle ans Ufer und spritzt über den vereisten Strand. Der Sommer in Ambers Gedanken wird durch das Geräusch heftigen Regens ersetzt, wie er an jenem furchtbaren Abend gegen die Fensterscheiben geschlagen hat. Sie spürt wieder die sengend heiße Haut ihrer Tochter, sitzt neben ihrem schmalen Bett und beobachtet, wie ihr Atem immer schwerer geht.
»Es ist nur ein kleiner Virus«, hatte Jasper gesagt, als er hereingekommen war und Amber den Arm um die Schultern gelegt hatte. »Im Moment haben wir in der Notaufnahme viele solcher Fälle, und bisher haben sich alle innerhalb von ein oder zwei Tagen erholt. Sie muss erst mal das Schlimmste überstehen. Schlaf ein bisschen. Ich bleibe bei ihr.«
»Nein«, hatte Amber gesagt und den Kopf geschüttelt. »Ich kann nicht schlafen. Mit ihrem Atem scheint etwas nicht zu stimmen. Hör mal!«
»Weil ihre Nase verstopft ist! Wir können uns nicht jedes Mal, wenn sie krank ist, so aufführen, Schatz. Das wird noch oft vorkommen, vor allem, wenn sie erst mal in die Schule geht.«
Aber es sollte kein weiteres Mal geben und auch keine Schule. Eine Stunde später hatte Katy einen Ausschlag bekommen, und Jasper war nicht mehr so entspannt gewesen, sondern entsetzt mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm durch den Regen gerannt, um sie ins Krankenhaus zu bringen. Da hatte Amber es gewusst. Sie hatte gewusst, wie ernst es war, wie sie das von Anfang an gewusst hätte, wenn sie da gewesen wäre, als Katy vom Kindergarten krank nach Hause geschickt worden war. Doch sie war bei einem teuren Arzt gewesen, den Jasper ihr empfohlen hatte, um über eine Fingerprothese zu sprechen. Er hatte ihr Gejammer sattgehabt, wie lange sie brauche, um Dinge aufzuarbeiten, die sie im Laden verkaufen wollte. Doch wenn sie nicht diesen verdammten Termin gehabt hätte, wenn sie von Anfang an gesehen hätte, wie schlecht es Katy ging, hätte ihr Mutterinstinkt vielleicht dafür gesorgt, dass sie früher ins Krankenhaus gekommen wäre.
Am nächsten Morgen war die kleine Katy, ihr Ein und Alles, tot – und mit ihr war auch Ambers und Jaspers Ehe gestorben.
Amber ballt ihre gesunde Hand zur Faust, als sie merkt, wie ihr die Tränen über die Wangen laufen. Katy würde helle Haare haben wie das Mädchen vom Strand, vielleicht mit einem Rotstich wie Amber, ihre Mutter und ihre Tante. »Erdbeerblond« hatte ihre Mutter das Haar genannt, als sie Katy zum ersten Mal gesehen hatte. »Meine kleine Erdbeere«, hatte sie geflüstert und ihre neugeborene Enkelin auf die weiche Wange geküsst. Für Rita war es besonders schlimm gewesen. Amber hatte es an ihrer Stimme gehört, als sie sie mitten in der Nacht vom Krankenhaus aus angerufen hatte. Nur wenige Wochen vor ihrem fünften Geburtstag, im gleichen Alter wie Katy, hatte Amber durch eine Erfrierung ihre Finger verloren. Die Erinnerungen mussten auf Rita eingestürmt sein. Amber hatte sich gewünscht, sie wäre an jenem Tag gestorben, dann hätte sie den Schmerz nicht ertragen müssen, so viele Jahre später ihr Ein und Alles zu verlieren. Es war egoistisch gewesen, aber wahr. Es war unerträglich gewesen.
Das war es immer noch.
Amber sieht den Strand hinunter. Sie hasst es, allein zu sein, wenn diese Gedanken kommen.
»Komm schon«, flüstert sie und zwingt sich hinauszugehen. »Die Hütte streicht sich nicht von allein.«
In den nächsten Stunden versucht sie, sich auf das Streichen zu konzentrieren, doch sie muss auch feststellen, dass kein Kunde kommt. Bis auf die Decke hat sie diese Woche nicht ein Stück verkauft, und selbst die geht auf das Konto ihrer Mutter und ihrer Tante. Was macht sie nur falsch? Sie hat sich auf die Verkaufsschlager konzentriert, vor allem auf die Objekte, die sie restauriert hat: die kleinen Stühle, die sie in Wohltätigkeitsläden kauft und aus denen sie Tische macht. Die antiken gerahmten Spiegel, die sie säubert und auf Vordermann bringt. Das alles ist trendy: Used Look in Pastell. Warum sind die Verkaufszahlen dann in diesem Winter derart gesunken?
In ihrem tiefsten Inneren kennt sie den Grund: Sie kann einfach nicht schnell genug arbeiten. Mit zwei gesunden Händen wäre es vielleicht anders. Sie grübelt viel über das Was-Wäre-Wenn. Eine sichere Methode, um sich abzulenken. Schon in jungen Jahren hat sie ein Talent gehabt, Dinge aufzuarbeiten. Sie hat ihre Finger nur wenige Monate, nachdem sie in die Schule gekommen war, verloren. Ihre Mutter hat immer wieder davon gesprochen, dass ihre Lehrer gestaunt hatten, wie begabt Amber vor ihrem Unfall gewesen war; schon mit vier hat sie die Gabe besessen, aus Pappkartons und Plastikflaschen etwas Schönes zu basteln. Sie hat einmal gehört, wie Viv zu einer Freundin sagte: »Amber hätte Großes vollbringen können, hätte sie nicht ihre Finger verloren.«
Frustriert blickt Amber auf die Stümpfe an ihrer Hand. Ein dummer Moment, in dem sie in den Schnee hinausgelaufen war, obwohl man es ihr verboten hatte, hatte den Lauf ihres Lebens verändert.
Daran kann sie jetzt nichts mehr ändern.
Vielleicht sollte sie wirklich darüber nachdenken, die Öffnungszeiten einzuschränken und sich einen Job in der Stadt zu suchen. Sie holt tief Luft. Will sie das wirklich? Ihre Hypothek ist nicht hoch, die Wohnung, in der sie wohnt, ist klein. Sie hat kaum Ausgaben. Es ist nicht nötig. Und davon abgesehen, was zum Teufel kann sie mit ihrer nutzlosen Hand schon tun? Es kommt ihr so vor, als brauchte sie dreimal so lange, um die alltäglichen Dinge zu erledigen – einschließlich des Streichens.
»Verflixt!«, ruft sie frustriert und wirft den Pinsel auf den Boden. Rote Farbe spritzt auf die Kieselsteine. Mit dem kleinen Kessel, den sie in der Hütte hat, macht sie sich eine heiße Schokolade und tritt auf den Sand hinaus. Sie bläst auf den Kakao, damit er abkühlt, und versucht, gleichzeitig ihre Sorgen wegzublasen.
Sie schaut in Richtung Krankenhaus und stellt sich ihre kleine Katy dort vor, allein, verängstigt und verwirrt. Amber und Jasper sind bis zum Schluss bei ihr gewesen, haben ihre Hand gehalten, ihr Tröstliches zugeflüstert und versucht, die vielen Drähte, die aus ihrem kleinen Körper ragten, zu ignorieren. Zumindest das Eine hatte Amber: Das Wissen, dass ihre Tochter das nicht alleine hatte durchstehen müssen.
Doch dieses arme Mädchen lag im Krankenhaus, ohne zu wissen, wer sie war und woher sie kam.
»Verdammt. Ich muss einfach zu ihr.«
Schnell bringt sie die Farbe hinein, schließt die Hütte ab und eilt in Richtung Stadt.
Als Amber die Straße entlang in Richtung Stadt marschiert, ist der Himmel so düster, dass die Ladenbesitzer die Weihnachtslichter angemacht haben. Sie funkeln rot, blau und grün in den Fenstern, und Weihnachtsmusik tönt aus den Läden. Leute gehen vorbei, viele lächeln Amber zum Gruß an.
Bald wird der Marktplatz voller Weihnachtsstände sein. Einige werden Erzeugnisse verkaufen, die Amber ihnen besorgt und gegen das Versprechen ausgehändigt hat, ihr Kunden an den Strand hinunterzuschicken.
Das Krankenhaus kommt in Sicht. Amber geht hinein.
»Heute Morgen ist ein Mädchen eingeliefert worden«, sagt sie, als sie an die Empfangstheke kommt, »das man am Strand gefunden hat.«
Eine mürrisch aussehende Frau mit einem weihnachtlichen Hütchen mustert Amber von oben bis unten. »Ja. Und wie kann ich Ihnen helfen?«
»Ich habe sie gefunden. Ich würde sie gerne sehen, wenn das möglich ist?«
Die Frau sieht Amber mit zusammengekniffenen Augen an. »Und woher soll ich das wissen?«
Amber verdreht verzweifelt die Augen. »Ist das Ihr Ernst?« Sie wirft einen Blick in Richtung Notaufnahme. »Hat Dr. Fiore Dienst?«
Die Augen der Frau flackern verwirrt. »Ja.«
»Können Sie ihm bitte sagen, dass Amber hier ist? Er kann für mich bürgen.«
Die Frau greift nach dem Telefon, während sie Amber mit zusammengekniffenen Augen misstrauisch mustert. Während sie Jasper anpiepst, lehnt sich Amber gegen die Theke und betrachtet die humpelnden Patienten und die missmutig aussehenden Kinder. Der Winter bringt eisbedingte Stürze und reichlich Viren mit sich. Zu dieser Jahreszeit hat Jasper immer am meisten zu tun gehabt. Sie erinnert sich gut an die Nächte, in denen sie sich allein vors Feuer gekuschelt hat, und an die Freude, wenn er nach Hause kam, an die heißen Bäder, die sie geteilt haben, während sie ihm den Tag abgeschrubbt hat.
Einen Moment später taucht er auf, er kommt den Gang hinunter, die Krawatte mit Stechpalmen und Efeu darauf ins Hemd gesteckt. »Ist alles okay, Amber?«, fragt er.
»Diese Frau lässt mich nicht zu dem Mädchen«, erklärt Amber.
Jasper lächelt die Frau an der Rezeption an. »Das ist in Ordnung, Kathleen. Amber hat sie gefunden. Ich bringe sie auf die Station.«
»Tut mir leid, Dr. Fiore«, sagt die Frau und wird rot.
Jasper schüttelt den Kopf. »Das ist schon in Ordnung, Sie haben nur Ihre Arbeit gemacht.«
Die Frau strahlt.
»Wie es aussieht, kannst du immer noch gut mit Frauen«, sagt Amber, als Jasper sie zu den Aufzügen führt.
Jasper wirft ihr einen Blick zu. Sie haben immer darüber gewitzelt, wie das Personal für ihn geschwärmt hat. Dass Jasper es gar nicht zu bemerken schien, hatte das Ganze nur noch lustiger gemacht. Doch für Amber war es offensichtlich gewesen, vor allem, wenn sie zu einem Treffen der Belegschaft mitgekommen war und gesehen hatte, wie die jungen Mädchen und einige der jungen Männer rot geworden waren, wenn Jasper mit ihnen sprach. Sie hatte das Gefühl gehabt, sie könnte nicht mithalten – nicht mit ihrer deformierten Hand. Das war immer ihr Problem gewesen. Sie ging zwar schon davon aus, dass sie mit ihren Kurven und ihren rosigen, sommersprossigen Wangen attraktiv war; sie wusste es von der Art, wie die Männer sie anmachten. Aber sie war sich ihrer Hand immer sehr bewusst. Sie machte sie unsicher. Jasper sagte, dass sie sich das nur einbilde, doch er sah die Dinge nicht mit ihren Augen, den sich schnell verändernden Gesichtsausdruck von Leuten, die sie neu kennenlernte, das plötzliche So-tun, als hätten sie es nicht bemerkt. Als sie ihm das gesagt hatte, hatte er erwidert, dass sie es natürlich bemerkt hätten, doch es mache sie nicht weniger attraktiv.
»Ich habe vorhin nach ihr gesehen«, sagt Jasper jetzt, als sie den Aufzug betreten. Amber ist sich plötzlich seiner Nähe bewusst. Der schwache Geruch des Duschgels, das er immer benutzt hat, lässt Erinnerungen aufsteigen: Seine Lippen in ihrem Nacken, das Gefühl, als er ihr den Ehering angesteckt und sie dabei angelächelt hat, der Anblick, wie er ihre neugeborene Tochter in den Armen gehalten und jeden Teil ihres kleinen Gesichts ganz genau betrachtet hat.
Als Jasper sie ansieht, weiß sie, dass er das Gleiche denkt. All diese Erinnerungen, die guten und die schlechten.
»Geht’s ihr gut?«, fragt Amber steif. »Dem Mädchen?«
Er nickt. »Sie haben ein CT gemacht. Sie hat sich den Temporallappen verletzt«, fügt er hinzu und zeigt auf die Stelle hinter seinem Ohr. »Das erklärt auch den Gedächtnisverlust.«
»Ist er von Dauer?«
Er schüttelt den Kopf. »Hoffentlich nicht. Obwohl man das bei diesen Verletzungen nur sehr schwer vorhersagen kann. Sie war sehr verzweifelt, als ich bei ihr war. Es muss ihr Angst machen, allein in einer Stadt zu sein, die sie nicht kennt, und im Krankenhaus zu liegen.« Er wirft Amber einen Blick zu.
»Oh, sieh mich nicht so an, Jasper«, sagt sie. »Für dich mit deinem festen Arztgehalt ist es kein Problem, hin und wieder einen Tag freizumachen. Du wirst weiter bezahlt. Ich dagegen verliere jede Stunde, die ich nicht im Laden bin, Geld, gar nicht zu reden von der kostbaren Zeit, um mit dem Streichen fertig zu werden.«
Er schaut sie weiter an, und sie blickt trotzig zurück. Er scheint etwas sagen zu wollen, doch dann schüttelt er den Kopf und reibt sich die Stirn. »Ich bin zu müde, um mit dir zu streiten, Amber.«
»Mir war nicht klar, dass wir streiten.«
Er lächelt. »Das war immer mein Satz.«
Amber kann nicht anders als auch zu lächeln. Jasper war immer so gelassen, dass er nicht einmal wahrgenommen hat, wenn Amber sauer auf ihn war. »Dir ist schon klar, dass wir uns gerade streiten, ja?«, hat sie immer zu ihm gesagt.
Die Türen gehen mit einem Pling auf, und sie treten hinaus. Jasper bringt sie zur Kinderstation, und sie zögert. Die Erinnerung an diese Station bringt sie an ihre Grenzen. Für Jasper muss es noch schlimmer sein, denkt sie. Er kann dem Ort, an dem er seine Tochter zum letzten Mal gesehen hat, nicht entkommen.
»Wir sind uns nicht sicher, wie alt sie ist«, erklärt er mitfühlend. »Deshalb haben wir es für das Beste gehalten, sie auf die Kinderstation zu legen, nur für den Fall, dass sie unter sechzehn ist.«
»Ich glaube, sie ist älter als sechzehn«, sagt Amber und schiebt ihre Angst zur Seite, die Kinderstation nach all diesen Jahren wieder zu betreten.
»Wie ich gesagt habe, wir sind uns nicht sicher. Und auf der Kinderstation ist es auf jeden Fall netter.«
Sie gehen auf die Station, Jasper lässt sie mit seiner Karte hinein. Eine Krankenschwester blickt auf, als sie sich nähern.
»Hallo, Jasper, da bist du ja wieder. Du kannst dich wohl nicht von dieser Station fernhalten, was?«, meint sie flirtend. Dann sieht sie Amber. Die Krankenschwester nimmt Haltung an. »Kann ich helfen, Doktor?«
Amber sieht von der Krankenschwester zu Jasper und wieder zurück. Hat sie sich das nur eingebildet oder war da etwas zwischen den beiden? Sie spürt, wie sich die Eifersucht wie eine Schlange in ihrem Magen zusammenrollt. Das ist wirklich albern. Es ist schließlich zehn Jahre her. Jasper muss seitdem diverse Beziehungen gehabt haben.
Jasper hustet, er sieht leicht verwirrt aus. »Wir wollten nach dem Mädchen sehen, das man am Strand gefunden hat. Amber hat sie gefunden«, fügt er schnell hinzu und versucht, die Spannung aufzulösen. »Sie möchte sie gerne besuchen.«
Die Krankenschwester nickt. »Gut, okay, dann kommt mit.«
Zum Glück sieht die Station anders aus als vor zehn Jahren. Neue Bilder an den Wänden. Neue Betten. Neue Vorhänge vor den Kabinen. Amber sagt sich, dass es nicht dieselbe Station ist, auf der sie ihre sterbende Tochter im Arm gehalten hat. Es hilft auch, dass alles weihnachtlich geschmückt ist und das Personal nach Weihnachten aussieht: Leggins mit Lebkuchenmuster, Lametta ins Haar geflochten.
Die Krankenschwester führt sie zu einer Kabine am Ende der Station. Ein blauer Vorhang mit Fischen schirmt sie vor den Blicken ab. Sie zieht den Vorhang zur Seite und lächelt hinein. »Du hast Besuch, Liebes.«
Amber tritt zusammen mit Jasper ein. Sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie nichts mitgebracht hat, Weintrauben oder eine Zeitschrift. Das Mädchen sitzt im Bett und lächelt schwach. Sie sieht erschöpft aus, noch blasser als vorhin. Um den Kopf hat sie einen dicken Verband, und ihre dünnen Arme gucken aus einem hellgrünen Kittel.
»Du bist wieder da«, sagt sie, als Amber an ihr Bett tritt.
Amber beißt sich auf die Lippe. Sie hätte gar nicht erst gehen sollen. »Natürlich. Ich musste nur sichergehen, dass der Laden richtig abgeschlossen ist, das ist alles. Wie geht es dir?«
Das Mädchen kratzt sich an seinem Verband. »Ich bin verwirrt.«
»Ich nehme an, Dr. Rashad hat dir etwas zu deiner Verletzung gesagt?«, fragt Jasper und sieht auf das Klemmbrett am Ende des Betts.
Das Mädchen nickt. Amber setzt sich neben das Bett, Jasper setzt sich auf die andere Seite. Dabei erinnert sie sich kurz an die Nacht vor zehn Jahren, in der jeder von ihnen auf genau dieser Station auf einer Seite von Katys Bett gesessen hat, jeder eine kleine Hand in seiner.
Ihre Blicke begegnen sich, und sie sieht, dass er das Gleiche denkt.
Dann schaut er wieder das Mädchen an. »Und, sind irgendwelche Erinnerungen zurückgekommen?«
Das Mädchen nickt. »Kleinigkeiten. Die Erinnerung an einen Mann mit einem Bart, einem schwarzen Bart. An Vorhänge mit Rotkehlchen darauf.« Sie knüllt frustriert ihre Decke zusammen. »Aber das ist es auch schon. Das ist alles, woran ich mich erinnere.«
»Das ist mehr als heute Morgen«, sagt Amber sanft. »Das ist gut.«
»Aber nicht gut genug«, erwidert das Mädchen und dreht sich weg, um aus dem Fenster aufs Meer hinauszusehen.
»Das wird schon noch«, meint Jasper. »War die Polizei schon da?«
»Sie kommen morgen – sie wollen mir noch etwas Zeit geben, mich zu erinnern«, antwortet das Mädchen. Sie greift sich wieder an ihren Verband. »Meinen Sie, die glauben, dass mich jemand absichtlich verletzt hat? Kommt die Polizei deshalb?«
Amber neigt den Kopf. »Wieso glaubst du das?«
»Es besteht kein Grund, das anzunehmen«, sagt Jasper leise. »In deiner Wunde hat man laut dem Bericht Schmutz gefunden, es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass du einfach nur gefallen bist.«
»Der Schmutz könnte auch hineingekommen sein, wenn jemand mich verletzt hätte und ich dann gefallen wäre«, sagt das Mädchen.
Amber beugt sich vor. »Erinnerst du dich an etwas?«
Die Augen des Mädchens flackern, dann sieht sie weg und zuckt die Schultern. »Ich weiß es nicht«, murmelt sie.
Jaspers Pager piept. Er sieht ihn an und seufzt. »Ich muss los«, sagt er und steht auf. »Aber bei Amber bist du in guten Händen. Halt mich auf dem Laufenden, ja?«, wendet er sich an Amber.
Sie nickt, und als er geht, wendet sie sich wieder dem Mädchen zu. »Brauchst du irgendetwas? Etwas zu trinken?«, fragt sie und greift nach der leeren Plastiktasse auf dem Nachttisch, wobei ihr ein kleines schwarzes Notizbuch aus Leder auffällt.
Das Mädchen folgt ihrem Blick. »Das haben sie in meiner Tasche gefunden. Es hilft aber nicht gerade weiter. Da stehen nur eine Menge Notizen zu irgendwelchen Tieren drin.«
»Darf ich mal sehen?«, fragt Amber.
Das Mädchen zuckt die Schultern. »Sicher.«
Amber greift nach dem Notizbuch und löst den Lederriemen, der die Seiten zusammenhält. Sie blättert darin herum. Die Seiten sind voller Kritzeleien in einer unordentlichen Schrift und kleinen Bleistiftskizzen von Tieren, von Pinguinen bis zu Eisbären und Robben, alle mit kleinen Notizen darunter. Auf manchen Seiten steht oben ein Datum. Das Mädchen dürfte da noch nicht auf der Welt gewesen sein, demnach kann es nicht ihr Notizbuch sein.
Amber blättert zurück zu der ersten Seite und liest.
Alpenschneehühner sind Meister darin, sich an ihre Umgebung anzupassen. Ihre Federn werden im Winter weiß und dienen im Schnee als Tarnung …
Alpenschneehühner sind Meister darin, sich an ihre Umgebung anzupassen. Ihre Federn werden im Winter weiß und dienen im Schnee als Tarnung.
Ich landete Heiligabend zufällig an dem zugefrorenen Loch, als ich mich auf dem Rückweg von sechs Monaten Filmarbeiten auf den Orkney-Inseln verfahren hatte. Ich hatte mir ein Auto gemietet, nachdem ich im eiskalten Scrabster am nördlichsten Ende von Schottland von der Fähre gegangen war. Der Rest der Filmcrew flog zurück nach London, doch ich hatte mich entschieden, mit dem Auto zu fahren. »Kein Problem«, hatte meine Produzentin Julia erklärt und mir eine abgenutzte Landkarte überreicht.
»Kein Problem«, fauchte ich jetzt, als ich wieder mal auf einer Straße zurücksetzte, die im Nichts endete. »Na klar.«
Eigentlich hätte es mich nicht überraschen sollen. Schließlich hatte Julia es einmal sogar geschafft, sich bei einer Dokumentation über Kaiserpinguine mit einem ganzen Team auf der Antarktischen Halbinsel zu verirren. Und jetzt hatte ich mich genauso verirrt wie sie damals, nur dass ich alleine war, während ich mitten in den Highlands ziellos irgendeine verschlammte Landstraße entlangfuhr und Julia verfluchte.
Dann erspähte ich am eisigen Horizont den Schimmer eines Sees, umstanden von mit Reif überzogenen Tannen, und einen Berg im Hintergrund. Ich fuhr langsamer und schaute genauer hin. Am See stand eine Lodge, warme Lichter funkelten in den Fenstern. Ich warf einen Blick auf die Karte, die ich wütend zusammengeknüllt auf den Beifahrersitz geworfen hatte. Vielleicht hatte Julia doch recht gehabt und das war die Stelle, wo das Hotel hätte sein sollen? Ich bog in eine Auffahrt, die zum See führte, und folgte dem Weg einige Minuten. Als ich näher kam, fluchte ich. Ein Tor mit einem Schild Privatbesitz ging über die gesamte Breite des Wegs.
»Also doch kein Hotel«, seufzte ich. Ich hielt trotzdem an und stieg aus, um mir die Beine zu vertreten und die Möglichkeiten zu überdenken, die ich hatte. Ich könnte im Auto schlafen, was ich weiß Gott oft genug getan hatte, doch dazu war es viel zu kalt. Ich könnte auch die Nacht durchfahren. Zumindest wäre dann der Motor an und ich hätte es warm – doch es war nicht gesagt, dass auf den Motor Verlass war, so oft wie ich den Schlüssel hatte drehen müssen, bevor er angesprungen war.
In Wahrheit war es nicht sehr verlockend, in der verschneiten Landschaft liegen zu bleiben, so schön sie auch war.
Als ich das dachte, fiel mein Blick auf etwas Weißes, Flaumiges, das über dem See steil in den grauen Himmel aufstieg. Die weichen weißen Flügel verschmolzen fast mit der winterlichen Wolkendecke.
Ein Alpenschneehuhn!
Schnell zog ich meine weiße Mütze und meine wollgefütterten Handschuhe an, ging zum Kofferraum und holte meine Kamera. Noch während ich sie mir über die Schulter warf, rannte ich Richtung See, bevor es zu spät und der wunderschöne Vogel verschwunden war. Die Sonne ging langsam unter, und schon bald könnte der Himmel sich rot und rosa verfärben und im vereisten See spiegeln.
Zum Filmen absolut perfekt.
Die Aufregung ließ mein Herz schneller schlagen. Ich schwang mich vorsichtig über das Tor, damit meine schwere Kamera nicht hinfiel. Bis zu dem Loch waren es gut zehn Minuten; ich zog den Reißverschluss meines weißen Daunenmantels hoch, der ideal war, um mit der verschneiten Landschaft zu verschmelzen, wie der Vogel, den ich jagte, und lief die Straße hinunter. Dabei suchte ich weiter den Himmel nach Alpenschneehühnern ab, denn das eine, das ich gesehen hatte, war längst verschwunden.
Verdammt.
Aber ich wusste, dass da noch mehr sein würden. Sie kamen nur selten aus den Bergen herunter, es musste ihnen richtig kalt sein, dass sie am Waldrand ein bisschen Wärme gesucht hatten. Ich hatte noch nie eins der Tiere aus der Nähe gesehen, doch es faszinierte mich seit Langem, wie ihr Federkleid sich im Winter an die verschneite Umgebung anpasste und ganz weiß wurde.
