Die Wohnwagenfrau - Alberto Nessi - E-Book

Die Wohnwagenfrau E-Book

Alberto Nessi

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Beschreibung

Tosca, ein armes Tessiner Mädchen, träumt schon im Kinderheim von der Liebe und von der Musik. In Zürich, wo sie als Magd zu arbeiten beginnt, nimmt sie abends Gesangsstunden am Konservatorium. Aber die Oper ist sehr weit weg für eine junge Frau mit der falschen Herkunft, die Liebe ist schwierig für eine, die unkonventionell liebt. Tosca versucht es trotzdem. Ihr Schicksal zeigt die Geschichte einer Frau, die sich in der Schweiz der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ihren eigenen Weg freizukämpfen versucht.

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Foto Ayşe Yavaş

Alberto Nessi, geboren 1940 in Mendrisio, studierte an der Universität Freiburg Literaturwissenschaft und Philosophie. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er unterrichtete italienische Literatur in Mendrisio, schrieb für Zeitungen und verfasste Hörspiele. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schweizer Grand Prix Literatur für sein Lebenswerk. Alberto Nessi lebt in Bruzella. Im Limmat Verlag sind von ihm lieferbar: «Nächste Woche, vielleicht», «Terra matta», «Schattenblüten», «Die Wohnwagenfrau», «Mit zärtlichem Wahnsinn / Con tenera follia» und «Abendzug».

Die Übersetzerin

Maja Pflug, geboren in Bad Kissingen, Übersetzerausbildung in München, Florenz und London, übersetzt seit über dreißig Jahren italienische Literatur ins Deutsche, u. a. P. P. Pasolini, Cesare Pavese, Natalia Ginzburg. Sie lebt in München und Rom und wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis für ihr Lebenswerk. Im Limmat Verlag sind von ihr Übersetzungen von Anna Felder, Alberto Nessi, Giovanni Orelli und Anna Ruchat lieferbar.

Alberto Nessi

Die Wohnwagenfrau

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Limmat Verlag

Zürich

Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit, die Personen aber sind Figuren der Phantasie. Jede Ähnlichkeit mit Orten, Dingen oder Personen ist literarische Fiktion.

I

Man mußte froh sein, daß es Wohltäter auf der Welt gab. Und daß die schwarzgekleidete Dame, die stets im Oval über der Tür zur Eingangshalle wachte, dieses Heim für verwahrloste Jugendliche gewollt hatte.

Die Wohltäter waren überall. In den Texten für die Satzanalyse, in den Abendgebeten, auf der Marmortafel im Flur, auf den Fotos im Album. Solange sie lebten, mußte man vor der Mutter Oberin stehend das Gedicht Sankt Ludwig, Schutzpatron der Jugend, mach, daß ich werde wie du voller Tugend für sie aufsagen; wenn sie starben, geleitete man sie im Takt des Trauermarsches der Städtischen Symphoniker in die Welt des Jenseits, was auch immer eine gute Gelegenheit bot, das Haus der Dame zu verlassen und in den Ort hinunterzugehen, die Mädchen mit schwarzem Umhang über den Schultern, im Haar die weiße Schleife der Reinheit anstelle des Schnürsenkels für alle Tage. Wer flink war, nutzte diese aufwendigen Begräbnisse erster Klasse, um an den Straßenecken die Abfallkörbe zu durchwühlen, während die herausgeputzten Herrschaften und Pröpste hinter dem Sarg das De Profundis sangen. Da, jetzt ist die kleine Tosca an der Reihe: Sie fischt eine Bananenschale aus dem Abfallkorb an der Bahnhofstraße, wo sich frühmorgens auch die Tauben einfinden, um trippelnd die Krümel aufzupicken.

Auf dem Vorplatz vor dem Haus stand hoch aufragend ein sonderbarer Baum, wie ihn die Heimzöglinge noch nie gesehen hatten, und manchmal träumten sie davon hinaufzuklettern, um fortzufliegen. Er hieß Araukarie und streckte seine Zweige in die Höhe wie der blaue Löwe, der sich dort in der Eingangshalle mit heraushängender Zunge und aufgestelltem Schwanz auf dem Wappen der vornehmen Stifter brüstet, seine Tatzen: Es ist das Wappen der von Mentlen aus dem Kanton Uri, Leute von hohem Rang – bei den Begräbnissen zwanzig Priester, um sie mit Rauchfässern zu beweihräuchern, und hundert Musikanten in Gala, um ihnen die Himmelspforten zu öffnen. Im Sekretär ihres Salons bewahrten diese Fomenta – so wurden sie im Dorf genannt – die Pistolen von General Suwarow und die Manuskripte eines Vorfahren auf, eines Dichters, der eine Ode an Ugo Foscolo gesandt hatte, ohne Antwort zu bekommen. Er hatte ihn sogar Unsterblicher Schwan genannt, aber nichts: Ugo, am Kaledonischen Gestade, hatte anderes zu tun.

Die letzte der von Mentlen verfügte zwar über eine Kutsche, um die Mauern der Kleinstadt hinter sich zu lassen und ein Landgut zu genießen, wo Fasane gezüchtet wurden, sie konnte der Köchin Anweisungen geben und sich mit einem etwas verschrobenen Cousin unterhalten, der eine weiße Nelke im Knopfloch trug, hatte aber dennoch ein trauriges, von Todesfällen überschattetes Leben gehabt: Der erste Sohn starb als Student in Deutschland, Virginia kurz nach ihrer Verheiratung, Rocchino als Kavallerieoffizier mit sechsunddreißig Jahren, der Jüngste brachte sich um aus Liebe zu einer Frau. Und gerade zum Gedenken an diesen letzten Sohn hatte sie das Heim über der Stadt, in der Nähe der Schneemadonna, gegründet. Davor bewohnten die kleinen Kahlköpfchen, die niemanden hatten, und die Rotzgören mit karierter Kittelschürze ein Haus im Zentrum, das Abessinien getauft worden war.

Von diesem neuen Wohnsitz auf dem Hügel schweifte der Blick über die Ebene, die den Kanton Tessin zweiteilt: und am Ende blitzte, unerreichbar, ein Seestreifen auf, unter Bergen, die sanft wie Tierrücken gewölbte Flanken darbieten, wohin sich manchmal die Gedanken der jungen Nonnen flüchteten.

Gleich hinter der Brücke über den Dragonato und dem steinernen Tor – in den Augen der Abessinier, die es zum ersten Mal durchschreiten, ein riesiges Vorhängeschloß – steht die Kirche, durch einen Steg mit dem Institut verbunden: Tosca ging gern in die Kirche, und sie wäre auch zweimal am Tag zur Kommunion gegangen, so gut schmeckt die Hostie. Morgens, in der Messe, betrachtete sie das Fresko in der Apsis, auf dem geschrieben stand: Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich. Aber was ist denn das Himmelreich? Ein Ort, wo man sich an der Hand hält wie die Kinder, die Behinderten, die Liebespaare?

Im Institut begann Tosca die Ungerechtigkeit der Welt kennenzulernen. Sie schliefen in einem Schlafsaal mit drei Bettenreihen, doch als die niedrigen, bequemen Betten kamen, wurden sie zuerst den Töchtern einer Dame aus Lugano zugeteilt. Auch die Badewanne war nur für sie; die übrigen standen in einer Reihe unter den Duschen, und die Nonne ging von einer zur anderen, um ihnen den Rücken abzuseifen. Bevor es die Duschen gab, badete man in einem langen weißen Hemd, um die Schamteile zu verbergen.

Mit der Zeit lernte sie dann die Tricks: Im Unterricht brav sein, um den schnabelförmig gekrümmten Fingern zu entgehen, die Schwester Brigida – die Türklopferin – von oben herabsausen läßt, während sie zwischen den Bänken umhergeht; die Augenblicke der Zerstreutheit bei den Aufseherinnen nutzen: Wenn Schwester Gaudenzia, groß und breit wie ein Schrank, dem Küchentisch den Rücken kehrt, schnappt man sich die Kartoffelschalen und stopft sich die Taschen voll. An den Zucker in der großen blauen Dose, die in einer Ecke steht, kommt man ganz leicht heran: Man öffnet unten die Schublade und füllt sich das Tütchen.

Der Hunger, das elende Biest, streckte seine Schnauze auch zwischen den Mäandern, dem Immergrün, den Winden und Kleeblättern der Hefte hervor. Eleonora, eine schon gut abgerichtete Schülerin aus der achten, schrieb ins Tagebuch:

Wir kehren gerade das Klassenzimmer. Da kommt Tosca herein und sagt: Ich habe Hunger! Wir schauen uns verwundert an. Als wir dann sehen, daß Tosca sich dem Schrank nähert, erraten wir ihre Absicht, nämlich sich einen Teil ihrer Süßigkeiten zu nehmen. Unsere Warnungen konnten nichts bei ihr ausrichten; sie hatte schon die Hand in den Schrank gesteckt, als die Lehrerin hereintrat und zu ihr sagte: Den Schrank darf man nicht ohne meine Erlaubnis öffnen; wenn du Obst hast, das schlecht wird, so bitte darum, dann gebe ich es dir um zehn und um vier. Man muß es ihr aber nachsehen, weil sie neu ist und die Gepflogenheiten des Hauses und der Schule noch nicht so gut kennt.

Die Töchter der Dame aus Lugano putzten sich die Zähne mit der Zahnbürste anstatt, wie alle anderen, mit einem Salbeiblatt; ihre schöne Tube Colgate sollten sie jedoch besser verstecken, denn die Zahnpasta duftet und schmeckt so gut wie eine Puddingcreme.

Lasset die Kindlein zu mir kommen. Galt das auch für Mädchen? Tosca lernte, auf der Welt zu sein. Sie sah sich um. Die Stirn der Schwestern vom Heiligen Kreuz war von einer gestärkten Binde bedeckt, alles übrige war schwarz. Das Gesicht weiß; nur Schwester Clarenzia glühte, wenn sie in der Küche der Flasche zusprach, und Schwester Maria Laudes wurde rot wie ein Mädchen, wenn sie lachte. Alle trugen ein Kruzifix auf der Brust. Hatten sie einen Busen unter der Tracht? Hatten sie Haare? Hatten sie die Liebe erfahren, bevor sie Nonnen wurden?

Eines Abends beobachtete Tosca heimlich die Nonne, die sich in ihrer Kammer die Flügel vom Kopf nahm: Ein weißes Häubchen kam zum Vorschein, das aussah wie ein Puppenmützchen. Aber plötzlich hob die Nonne das Gesicht und entdeckte die Kleine, die sie anstarrte. Da zerrte sie sie in das Schulzimmer, um Buße zu tun: Die Arme über dem Pult verschränkt und mit gesenktem Kopf mußte sie über die begangene Sünde nachdenken.

Die Schülerinnen zerfielen in zwei Gruppen: die Internen und die Externen. Die Externen brachten der Lehrerin Alpenveilchen mit und hatten die Taschen voller Lakritze. Man stellte sich besser gut mit ihnen.

Toscas Freundin gehörte jedoch zu den Internen: Enrica mit dem Flammenhaar, Tochter eines Bildhauers aus Arzo, der sich in Vermont eine Staublunge zugezogen hatte und jetzt, in die Heimat zurückgekehrt, im Sanatorium lebte. Die Freundinnen waren unzertrennlich, obwohl die Oberin gesagt hatte, man dürfe im Institut keine Freundschaften schließen. Und außerdem: Tosca, was ist das überhaupt für ein Name? Es gibt keine heilige Tosca. Und im Kalender steht er auch nicht, als Name. Er erinnert an etwas Morsches, an Gift, an Sünde.

Aber den beiden Freundinnen gefiel dieser Name. Und sie flüsterten miteinander, tauschten Sachen aus, gingen Arm in Arm spazieren. Bevor Enrica die Ansichtskarte von den Zwergen mit langen Bärten, den als Schneeflocken verkleideten Mädchen und denen mit dem Stern auf der Brust nach Hause schickte, hatte sie sie Tosca zu lesen gegeben. Auf der Karte stand: Liebe Mama, ich schicke dir dieses Bild von mir, wir spielen im Theater die kleinen Zwerge. Mir geht es gut und dir? Ich verspreche, daß ich lieb und brav sein will. Komm mich irgendwann einmal besuchen, wenn du kannst. Vielen Dank für das Päckchen. Es küßt dich deine Enrica. Und dann gab es zwischen ihnen noch das Geheimnis der gestohlenen Eier. Enrica sagte abends manchmal nach dem Abendessen: «Ich gehe mausen», schlüpfte durch die Glastür des Refektoriums, wich den Dornen der Araukarie aus, zwinkerte dem Terrakotta-Jungen auf dem Brunnen zu, durchquerte den Schulgarten und war im Hühnerstall. Doch an jenem Abend schloß eine, die sie die Quasselpetze nannten, neidisch auf die Tochter des Bildhauers, die die schönsten Schnörkel der ganzen Klasse in ihr Heft malte, die Türe mit dem Schlüssel ab: um sie draußen im Dunkeln auszusperren, um sie hereinzulegen. Und so zerbrach Enrica bei dem Versuch, wieder ins Haus zu kommen, eine Scheibe und verletzte sich am Handgelenk, und die Aufseherin stürzte sich auf sie: Diesmal habe ich dich erwischt! Die Kleine hatte die Eier versteckt und wollte nicht beichten. «Eine Hexe bist du. Die Hexe von Arzo!» rief die Schwester flügelschlagend und zeigte vor allen anderen mit dem Finger auf sie.

Die Hexe hatte die schönsten Hefte, weil sie vom Vater die Kunst des Ornaments ererbt hatte. Feuerrote Rosen rankten sich auf den karierten Seiten, die an Zellenfenster erinnerten, und umschlangen die in gotischen Buchstaben mit Tusche gemalten Überschriften. Blaßblaue Glockenblumen umrahmten dagegen die von der Tafel abgeschriebenen Verse:

Wenn die Toten heut abend wiederkehren für kurze Zeit den weißen Friedhof verlassen wenn sie wie im Gebet uns beehren im Rauchfang des schwarzen Kamins … Dann still, o Kinder, daß sie nicht fliehn.

Die vornehmeren Toten wohnten in einem herrschaftlichen Viertel zu Füßen der Burg von Unterwalden, bei der Schneemadonna: einer Kirche, die ihnen gehörte und die sie ab und zu, wegen der großen Sehnsucht nach dem Grün der Wälder, verließen, um ein wenig durch die Umgebung zu streifen. Sie warfen einen Blick auf die Burg über ihren Köpfen, dann kehrten sie brav in die weißen, mit Giebeln versehenen Grabmäler zurück, und auf den Spaziergängen zeigte die Nonne sie der Schulklasse und erklärte, daß jener Dame mit Schleier, der Gründerin, drei Kinder an Schwindsucht gestorben waren und ein Sohn an der «Liebeskrankheit» und daß man sich immer an sie erinnern und vor dem Einschlafen ein Requiem für ihre Seele beten müsse.

Der Tod pflegte also intensiven Umgang mit jenem Haus auf den Hügeln. Der Herbst, der Unglücksbringer, lehrte, wie man leidet und stirbt. Jesus, Joseph und Maria leisteten Beistand im letzten Todeskampf. Und wenn eine Nonne an der Reihe war, die Augen zu schließen, betete man den ganzen Tag für sie, starrte voll Schrecken durch das Guckloch im Sarg auf das geheimnisvolle Violett ihres wächsernen Gesichts.

Die Zeit anzuhalten ist unmöglich. Sie läßt uns keinen Augenblick, um uns zu fragen, was wir sind, wohin wir letztlich gehen. Die Lebensalter verstreichen, stürzen heillos die Steilhänge der Jahre hinab, und dann fällt das letzte Blatt. Aber Tosca wollte leben und befreite sich aus der Belagerung der Toten durch Gesang.

«Du bist zwar klein und schmächtig, aber du hast eine Stimme, mit der kannst du an die Scala gehen», sagte Enrica zu ihr. Enrica sang auch gern, in der Pause oder in der Kirche während des Gottesdienstes, aber ihre Stimme klang ein wenig schrill; Toscas Stimme dagegen schwang sich bei den vom Harmonium begleiteten Marienliedern leicht in die muschelförmige Apsis hinauf, wand sich um das Fresko mit den Kindlein und reichte bis zu den Kirchenfenstern.

«Ja, ja, unter der Treppe werde ich singen …», lachte sie.

Wenn sie allein war, lauschte sie. Nachts schlug eine Schlafsaalnachbarin mit dem Kopf gegen die Gitterstäbe des Bettes. Vielleicht bestrafte sie sich, büßte für die Sünde, auf die Welt gekommen zu sein. Diese Schläge gegen das Eisen hallten in Toscas Kopf.

Sie konnte auch die Sprache des Regens entschlüsseln: Dieses Trommeln auf den Dachziegeln über meinem Kopf zeigt die Tage an, die noch vergehen müssen, bis meine Mama mich besuchen kommt, das leise Getrommel dort kommt vom Blech des Hühnerstalls, wo die Hennen zwei Eier für mich und Enrica gelegt haben, die Tropfen im Brunnen fallen auf das unbewegte Antlitz der im Sarg liegenden Nonne, es sind die Schläge mit dem Lineal auf die Finger, tack, tack, tack … Das hier dagegen ist das Klopfen von Enricas Herz: Ich gebe ihr die Hand, schiebe sie in ihr Armband, und gemeinsam gehen wir auf den weißen Wolken über dem Institut spazieren.

Ihre Mama kam sie einmal im Monat besuchen.

«Ciao. Mir geht es gut. Und wie geht es dir?» sagte die Kleine in der Eingangshalle ihr Sprüchlein auf, während die diensthabende Nonne mit ihrem stirnlosen Lächeln, das einer Grimasse glich, in einer Ecke aufpaßte. Wehe, wenn man Dialekt sprach: das war ein Attentat auf die sprachliche Würde für jene Nonnen, die den kleinen Mädchen Jahre zuvor, als Italien das Imperium neugründen wollte, beigebracht hatten, im Chor Ich sage dir auf Wiedersehen, ich geh nach Abessinien zu singen oder die Hymne auf die Generaloberin des Ordens der Menzinger Schwestern vom Heiligen Kreuz anzustimmen, die schon in der ersten Strophe jauchzte:

Lachender ist der Tag erwacht, nur Freude und Liebe sei in aller Munde, und deinem Herzen willkommen erklinge deiner Kinder anmut'ger Gesang.

Nur Freude und Liebe sei in aller Munde! An einem Sonntagnachmittag zog die Mama ein freudiges Geschenk aus der Tasche. Als sie es auswickelte, kam eine handfeste Salami zum Vorschein. Es war, als wäre sie vom Himmel gefallen; und am Ende des Gesprächs machten Tosca und ein paar andere ihr gleich dort im Flur mit großen Bissen den Garaus; denn das Schwein oder das Huhn oder das Kaninchen sahen sie nur auf den Schüsseln, die für die Nonnen bestimmt waren, vor ihrer Nase vorbeihuschen.

Manchmal dachte sie an ihren Papa: Warum kam er sie nie besuchen? Warum hatte er trübe Augen? Und warum fing er an herumzuschreien, wenn er beschwipst mit seiner Gitarre von den Dorffesten heimkehrte?

Nicht, daß die anderen mehr Glück gehabt hätten als sie. Eine ihrer Kameradinnen rannte fort in den Wald, wenn ihr Vater kam, oder versteckte sich auf dem Steg; und von dort oben belauerte sie jenen Mann, der seine Frau verlassen und den Lastwagen ins Tal hatte rollen lassen, um das Geld von der Versicherung zu kassieren. Zur Strafe, weil sie das erste Gebot nicht achtete, verbot die Oberin der Sünderin, das Vaterunser zu beten, und überwachte sie beim Rosenkranz.

An manchen Abenden war es schwierig, in dem gußeisernen Bett einzuschlafen, und Tosca versuchte, mit der brennenden Lampe unter der Decke zu lesen; doch es war zu leicht für die Nonne, sie zu entdecken. Dann träumte sie vom Weglaufen. Weglaufen von den glänzenden Fußböden, die die Deutschschweizer Mädchen gewachst und gebohnert hatten, weg von dem Geruch nach Weihrauch und Milchkaffee, weg von dem Raben, der Taube und dem Rotkehlchen, das heißt Schwester Brigida, Schwester Clarenzia und Schwester Maria Laudes. Ein Stück Käse einstecken und weglaufen in die Berge, in die Burg von Unterwalden, ins Haus eines Bauern, und dann käme ein Junge, der älter war als sie, um sie zu befreien, und sie würden heiraten. Ihre Hochzeitsreise würden sie nach Camogli machen, wo das Meer ist, das hatte sie selbst auf einer der Ansichtskarten gesehen, die ihre Mama in der Schublade der Anrichte aufbewahrte.