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Lisa spielt auf ihrer antiken indianischen Flöte. Da erscheint plötzlich der eigentliche Besitzer dieser Flöte in ihrem Zimmer. Er befindet sich auf der Suche nach seiner Schwester, die schon vor Jahren aus der Welt der Träume verschwunden ist. Nachdem Lisa ihren anfänglichen Schreck überwindet, erwacht ihr Interesse an dem indianisch wirkenden Jungen und seiner ungewöhnlichen Geschichte. Gemeinsam begeben sich die beiden auf eine abenteuerliche Suche, auf der sie mithilfe der Flöte zwischen der Welt der Länder und der Welt der Träume wechseln...
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2021
Elisabeth Ford, geb. Reisdorff, wuchs als Kind einer äußerst musikliebenden und kinderreichen Familie auf, in der auch die Jüngsten schon ausgiebigen Diskussionen über Sinnfragen lauschten, die fast täglich geführt wurden. Daraus erwuchs ihr Interesse, genau zu beobachten, was warum wie und wirklich geschieht. In den Neunzigerjahren führte ihr Lebensweg sie nach Kalifornien, wo sie viele Jahre als Erzieherin arbeitete. Ihre vielseitigen Erfahrungen mit Kindern und deren Familien regten sie zum Geschichten erfinden und erzählen an. Immer wieder zum Schreiben ermuntert, brachte sie ihre Erfahrungen und Beobachtungen in Form von Geschichten zu Papier.
Widmung
1. Unerwarteter Besuch
2. Näheres über die Wolfsflöte
3. Aufbruch zur Suche
4. Gefahren der Wildnis
5. Besuch bei Goldenem-Falken
6. Erste Spielversuche
7. Enttäuschende Neuigkeiten
8. Von Streit und Furcht
9. Besuch bei Bärentatze
10. Auswirkungen einer Verspätung
11. Wieder in der Welt der Träume
12. Freudige Flötentöne
13. Überraschende Ereignisse
14. Besinnende Gedanken
15. Musikalische Erlebnisse
Für Lisa
Wir verlegen dieses Buch für Elisabeth, die 2013 für immer in die Welt der Träume gereist ist. Mit der Veröffentlichung dieses philosophischen Märchens möchten wir einen ihrer großen Wünsche in der Welt der Länder Wirklichkeit werden lassen.
Elisabeth wusste bereits, welcher Weg ihr unmittelbar bevorstand. Das machte es für sie umso wichtiger, ihre Erkenntnisse mit denjenigen zu teilen, denen mehr Zeit bleibt. Das gab ihr die Energie, dieses Buch nie aufzugeben. Ein Buch, das philosophische Gedanken und Lebensweisheiten wunderbar in eine jugendliche Märchenerzählung verpackt und so für alle Interessierten eine Bereicherung für den eigenen Lebensweg sein kann.
Dieses Buch ist auch den vielen Helfern und Unterstützern gewidmet, die Elisabeth bei der Entstehung des Märchens zur Seite gestanden haben. Ganz besonders ihrem Ehemann Stan, der ihr den Mut und die Ausdauer für dieses Buch gegeben hat. Und auch denjenigen, die uns nach ihrem Tod immer wieder mit Meinungen, Interpretationen und Textverständnis, Revisionen und Lektorat geholfen haben, es bis hierher zu schaffen.
Nicht zuletzt widmen wir dieses Buch auch allen Lesern, die sich mit offener Bereitschaft auf die Geschichte einlassen mögen – vielleicht verleitet sie die eine oder andere Stelle dazu, sich selbst zu hinterfragen und zu kleinen oder großen Erkenntnissen zu gelangen. Dann hätte Elisabeth es geschafft und ihr großer Wunsch würde tatsächlich Wirklichkeit werden.
In Liebe, ihre Söhne
Christian, Benjamin und Raphael
Lisa nahm zufrieden ihre Flöte aus der frisch gefertigten Ledertasche. Was für ein eindrucksvolles, altes Instrument. Schon damals, als ihr Vater um diese indianische Flöte mit dem alten Mann auf dem Flohmarkt feilschte, empfand sie etwas geheimnisvoll Besonderes, ja fast Magisches, bei ihrem Anblick. Ob sie wohl tatsächlich Wünsche erfüllen konnte? So, wie ihr Vorbesitzer behauptete? Aber nein, das schien nun wirklich unmöglich. Seit Monaten hatte das antike Instrument als Ausstellungsstück ihrer Mutter gedient, unangerührt auf dem Kaminsims, obwohl es eigentlich für Lisa bestimmt war. Nicht einmal spielen durfte sie darauf! Aber Mutter war jetzt nicht zu Hause und Lisa hielt die märchenhaft wirkende Flöte in ihren Händen.
Ein blass-gelbes Lederband hielt einen fast schwarzen Wolf, der mit unglaublicher Liebe zum Detail geschnitzt war, als Schneidekante über dem Luftkanal in Position. Lisa konnte sogar die winzigen Zähne in seinem Mäulchen erkennen. Der Hauch eines glücklich versonnenen Lächelns überflog ihr Gesicht.
Tatsächlich zeugte das abgegriffene Holz um die Fingerlöcher des Instrumentes von unzähligen Flötisten, die es womöglich über Hunderte von Jahren gespielt haben mussten. Wie es wohl klingen mochte?
Eigentlich konnte ihre Mutter wirklich nicht von ihr erwarten, die Flöte nur anzuschauen! Sie hätte sie ihr ja nicht geben brauchen, auch nicht als Wiedergutmachungsgeste. Schließlich kannte auch sie Lisas unhaltbaren Drang, alles auszuprobieren.
Die beiden teilten schon einige Gemeinsamkeiten, wie die hellblonden, recht kurzen und etwas zerzausten Haare, die zierliche Statur, ja sogar die Wahl ihrer vorzugsweise praktischen und bequemen Kleidung. Jedoch die Vorliebe ihrer Mutter, antike Gegenstände zu sammeln, teilte Lisa ganz bestimmt nicht.
Wenn sie die magischen Kräfte der Flöte wirklich ausprobieren wollte, so musste das mit Sicherheit sehr bald geschehen, noch bevor ihre Mutter vom Einkaufen zurückkam! Da blieb nicht viel Zeit.
Ach, wenn die Flöte nur weit genug reichen könnte!
Entschlossen schob Lisa endlich alle Bedenken beiseite und setzte das Instrument behutsam an ihre Lippen. Sie schloss die oberen drei Löcher und ließ sachte einen leichten Hauch durch die Flöte gleiten, woraufhin sich ein warmer, etwas heiserer Ton löste.
Beeindruckt schluckte Lisa und schloss ihre Augen, um sich noch ein wenig intensiver zu konzentrieren. Dann blies sie noch einmal, diesmal etwas kraftvoller. Ein von Harmonie durchtränkter Ton, der Lisa jedoch auf unerklärliche Weise beunruhigte, erfüllte nun den Raum. Zögernd öffnete sie ihre Augen.
Fassungslos hielt sie die Luft an.
Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet!
Wie aus dem Nichts heraus stand da plötzlich ein Junge mitten in ihrem Zimmer und lächelte sie offenherzig an.
Verblüfft starrte Lisa zurück.
“Ich bin Klingt-wie-Wolfsflöte. Danke für deine Einladung; darauf habe ich schon so lange gewartet. Und wie heißt Du, wenn ich fragen darf?”, begrüßte sie der Junge, als wäre es das normalste auf der Welt, einfach so in ihrem Zimmer zu erscheinen.
Wie in aller Welt sollte der ihr wohl helfen können? Und wieso hatte er schon lange auf ihre Einladung gewartet, wo sie doch erst vor kurzem hierher nach Kalifornien gezogen waren? Und vorher hatte sie seine Hilfe bestimmt nicht nötig gehabt.
Oder ob die Flöte den Umzug vielleicht hätte verhindern können? Vielleicht war er ja so etwas ähnliches wie ein Flaschengeist aus alten Märchen.
Lisa nahm all ihren Mut zusammen und fragte mit klopfendem Herzen: ”Bist du hierher gekommen, um mir zu helfen, zurück nach Montana zu ziehen?”
“Nicht, dass ich wüsste. Ich bin auf der Suche nach meiner Schwester. Sie ist zusammen mit der Flöte, die du da in der Hand hast, verschwunden. Ich muss natürlich dazusagen, dass sie, genau wie ich, aus der Welt der Träume kommt.”
Trotz des Schreckens, den er ihr versetzt hatte, gefiel Lisa dieser bemerkenswerte Junge, der woher genau stammte? Hatte er Traumwelt gesagt? War er etwa nur ein Erscheinungsbild? Nein, er sah vollkommen echt aus, allerdings eher etwas außergewöhnlich. Vermutlich war er ein paar Jahre älter als sie.
Sie mochte seine dunklen, irgendwie offen wirkenden Augen, und seine glänzend-schwarzen, langen Haare, die den ebenen Ton seiner irdenen Hautfarbe noch betonten. Ein um das Oberteil eines hellbraunen Wildlederanzugs gebundener Gürtel hielt zwei schmale, lange Taschen. Tatsächlich war die längere der beiden Taschen leer. In der anderen steckte ein Messer, was offensichtlich nicht gerade zu Lisas Beruhigung beitrug.
Während sie Klingt-wie-Wolfsflöte noch immer musterte, protestierte sie energisch: “Das ist meine Flöte! Und ich bin ganz bestimmt nicht deine Schwester!”
“Das weiß ich wohl auch”, entgegnete Klingt-wie-Wolfsflöte mit freundlicher Bestimmtheit, “allerdings verstehe ich nicht recht, warum du die Wolfsflöte so fürchterlich fest umklammerst.”
Er deutete auf ihre Hand, deren Knöchel schon ganz weiß wurden. Verlegen löste Lisa ihren Griff ein wenig, ließ das Instrument jedoch blitzschnell hinter ihrem Rücken verschwinden. “Die lass ich mir doch nicht so einfach wegnehmen, das kannst du wohl glauben! Bestimmt nicht, wo ich gerade eine Tasche für sie gemacht habe!”
“Oh ja, die habe ich auch schon entdeckt”, sagte Klingt-wie-Wolfsflöte und nickte in die Richtung des mit Bastelkram überladenen Schreibtisches. “Sonst hätte ich wohl vermutlich auch gar nicht kommen können. Mit dieser Tasche hast du der Wolfsflöte nämlich ein neues Zuhause geschaffen und ihr damit nicht nur gezeigt, wie sehr du sie magst, sondern du bist damit auch zur Mitbesitzerin der Flöte geworden. Nur das wiederum ermöglichte es ihr, mich hierher zu rufen.”
“Was soll denn das bedeuten?”
“Na, schließlich hast du ziemlich leidenschaftlich darauf gespielt; auch wenn’s nur ein Ton war. Jedenfalls hast du mir damit den Weg hierher sozusagen freigeblasen.”
“Glaube mir, ich nehme dir die Flöte ganz bestimmt nicht weg. Allerdings hoffe ich, dass du mir helfen kannst, meine Schwester zu finden. Sie sieht mir ziemlich ähnlich und ist wohl ungefähr so alt wie du, dreizehn, schätze ich.”
“Ich bin zwölf! Und deine Schwester hab ich mit Sicherheit nicht gesehen!”, fauchte Lisa ihn an.
“Ich bin überzeugt, sie muss hier irgendwo sein! Wo die Flöte ist, ist auch meine Schwester. Das ist klar. Ich konnte nämlich aus der Ferne beobachten, wie sie sich gemeinsam mit der Wolfsflöte in Luft aufgelöst hat, sozusagen als eine Einheit. Und das war vor ungefähr zwei Jahren”, erklärte Klingt-wie-Wolfsflöte, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen.
“Dann solltest du eher in Montana nach ihr suchen, wo mein Vater die Flöte gekauft hat. Beim Umzug war sie jedenfalls nicht dabei”, gab Lisa, nicht mehr ganz so schnippisch, zurück.
“Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie allein zurückgeblieben sein sollte. Deshalb möchte ich auch erst einmal hier suchen. Aber ich kenne mich in deiner Welt überhaupt nicht aus. Es ist schon ziemlich anders hier.”
“Und was ist hier so anders?”
Irgendwie schien die Angelegenheit immer interessanter zu werden.
“Das kannst du ganz einfach selbst herausfinden. Du brauchst nur mit mir in die Welt der Träume zu kommen”, lud Klingt-wie-Wolfsflöte Lisa ein.
“Wie stellst du dir denn das vor? Meine Mutter lässt mich doch nicht einfach mit dir gehen!”
Lisa hielt noch immer an ihrer Abwehrhaltung fest, obwohl sie schon gerne vor Ort erfahren würde, wo Klingt-wie-Wolfsflöte herkam.
“Die wird’s doch gar nicht merken”, erklärte der in ruhigem Ton. “Dein Körper bleibt ja hier. Es ist lediglich, als würde eine Doppelgängerin von dir mitkommen.”
“Du bist also dein eigener Doppelgänger?”, fragte Lisa nun verdutzt.
“Nein, nein”, versicherte Klingt-wie-Wolfsflöte. “Ich bin, wie man so sagt, mit Haut und Haaren hierher gereist. Darin unterscheidet sich deine Welt nunmal deutlich von der meinen. Wenn ich jedoch auf der Wolfsflöte blase, reist nur deine Doppelgängerin mit; vielleicht könnte man es auch einfach deinen Schatten nennen, obwohl es schon erheblich mehr ist als das.”
So etwas war Lisa noch nie zu Ohren gekommen. Träumen? Klar. Das passiert ja automatisch, wenn du schläfst. Aber in die Welt der Träume reisen? Wie sollte das denn wohl vor sich gehen? Hoffentlich beabsichtigte Klingt-wie-Wolfsflöte nicht zu bleiben bis sie schlafen ging. Verwirrt abwartend folgte sie seiner weiteren Erklärung.
“Jedenfalls wache ich tatsächlich auf, wenn ich hier ankomme. Das ist schon etwas ganz anderes als träumen. Außerdem muss ich dem Ruf der Wolfsflöte folgen, weil ich ganz eng mit ihr verbunden bin. Ich habe sie nämlich schon als Baby bekommen.
Es ist eine magische Flöte, die seit Urzeiten von Generation zu Generation weitergegeben wird. Goldener-Falke reichte sie damals an mich weiter, weil ihn mein Schreien so sehr an ihren Klang erinnerte. Deshalb auch mein Name. Aber du hast mir noch immer nicht gesagt, wie du heißt.”
Lisas Interesse wuchs. Wenn doch auch ihr Name mit etwas so Wichtigem verbunden wäre!
“Ach, mein Name ist Lisa, einfach Lisa, nichts Besonderes”, merkte sie fast traurig an.
“Dein Name ist genauso besonders wie meiner”, beteuerte Klingt-wie-Wolfsflöte überzeugt. “Nur der Grund, aus dem dich deine Eltern Lisa genannt haben, ist nicht so klar ersichtlich. Andere Welten – andere Sitten. Vielleicht magst du ja auch irgendwann einmal ein wenig über die Bedeutung nachforschen. Jedenfalls wird dein wunderschön klingender Name dich dein ganzes Leben lang begleiten, wobei sich meiner jederzeit verändern kann.”
Wieder schaute Lisa ihn fragend an.
“Sieh, es ist wie mit dem Namen meiner Schwester. Sie hieß früher Kleiner-Schatten, weil sie mir überall hin folgte, wie ein Schatten.”
Lisas Reserviertheit wich langsam, aber sicher einer immer stärker werdenden Sympathie für Klingt-wie-Wolfsflöte. Auch das Messer in seinem Gürtel störte sie kaum noch.
“Ist das die Schwester, nach der du suchst?”
“Ja, es ist meine einzige Schwester. Jetzt heißt sie Verschollener-Klang. Und den Namen kennt sie nicht einmal, obwohl ich überzeugt bin, sie wisse schon, wen ich meine, wenn ich sie so ansprechen würde.”
“Aber du behältst doch deinen Namen, zumindest solange du so eng mit der Flöte verbunden bist!”
“Nicht unbedingt. Es kommt ganz drauf an. Auch mir kann, wegen einer außergewöhnlichen Verhaltensweise oder einem außergewöhnlichen Geschehen, jederzeit ein neuer Name zugeteilt werden, ganz unabhängig von der Flöte.”
“Pst…!”, warnte Lisa ihn plötzlich aufgeregt. “Meine Mutter! Ich kriege Riesenärger, wenn sie dich hier findet.”
Mittlerweile bewunderte sie Klingt-wie-Wolfsflötes offene Art und seine ungewöhnliche Geschichte. Gerne wollte sie mehr davon hören.
“Schnell, versteck dich im Wandschrank!”, flüsterte sie ihm mit einem nervösen Blick zu.
Aber da war es schon zu spät. Wahrscheinlich konnte Klingt-wie-Wolfsflöte ihr Herz klopfen sehen, so sehr schlug es ihr, als ihre Mutter den Kopf durch den Türrahmen streckte.
“Lisa, bitte komm mir beim Ausladen helfen”, sagte die jedoch nur kurz und verschwand wieder.
Lisa blickte Klingt-wie-Wolfsflöte verwirrt an.
“Sie kann mich weder hören noch sehen”, kommentierte der gelassen. “Geh ruhig helfen. Ich warte hier.”
War dies alles doch nur ein Traum? Vielleicht musste Lisa lediglich das Zimmer für einen Moment verlassen und würde, wenn sie wieder kam, alles unverändert, genau wie zuvor antreffen. Aber wollte sie das eigentlich wirklich?
“Also gut!”, sagte sie dann entschlossen. Sie würde schon sehen. Trotz allem nahm sie vorsichtshalber die Flöte lieber einmal mit. Eilig half sie ihrer Mutter beim Wegräumen der Lebensmittel, denn sie konnte kaum abwarten zu erfahren, ob Klingt-wie-Wolfsflöte wohl tatsächlich noch da war.
Etwas später, wieder zurück in ihrem Zimmer, hieß Klingt-wie-Wolfsflöte Lisa regelrecht willkommen. Vielleicht, weil sie die Flöte bei sich hatte? Wie dem auch sei, sie freute sich auch, ihn wieder hier vorzufinden – und dem Messer in seinem Gürtel schenkte sie nun überhaupt keine Beachtung mehr.
“Also, wie war das nun mit dem Hin- und Herreisen zwischen unseren beiden Welten?”, fragte sie unvermittelt.
“Ach, das ist ganz einfach”, antwortete Klingt-wie-Wolfsflöte ebenso direkt. “Wenn du schläfst, spiele ich einen Ton auf der Wolfsflöte, ganz ähnlich, wie du es eben getan hast. Der Klang des Tones wird uns dann zusammen in die Welt der Träume tragen. Und wenn wir später hierher zurück wollen, musst du sie einfach wieder spielen. Allerdings geht das wiederum nur, wenn ich schlafe, genau wie vorhin. Das ganze funktioniert selbstverständlich auch nur, weil wir durch deine Einladung mit ihr unweigerlich miteinander verbunden sind.”
“Du willst mir doch wohl nicht etwa erzählen, dass du nicht mehr ohne mich hier wegkommst?”, warf Lisa überrascht ein.
“Doch! Und das mit dem Herübertragen funktioniert, wie gesagt, ausschließlich, wenn einer von uns beiden schläft.”
Lisa ließ sich rücklings auf ihr Bett fallen: “Oh je!”
“Ich muss ehrlich sagen, ich bin da eher besorgt um meine Schwester, wobei ich natürlich hoffe, du magst mir helfen sie zu finden. Alles andere wird sich früher oder später schon geben”, gestand Klingt-wie-Wolfsflöte.
“Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig!”
“Könnte man so sagen. Es sei denn, du ziehst es vor, mir lediglich bei der Suche zuzuschauen. Nur, das dauert dann mit Sicherheit wesentlich länger. Allerdings wirkst du eher flexibel auf mich und als ob du eine kleine Abwechslung ganz gut gebrauchen könntest. Die Wolfsflöte weiß schon erstaunlich genau, wen sie sich aussucht.”
Irgendwie fühlte sich Lisa, trotz ihrer Verwirrung, ziemlich geehrt und musste schmunzeln. Auch wenn dies alles etwas unwirklich erschien, freute sie sich doch schon auf ein abenteuerliches Erlebnis.
“Und wie meinst du, kann ich dir helfen?” fragte sie nach.
“Erstmal könntest du mir erzählen, wie du an die Flöte gekommen bist”, schlug Klingt-wie-Wolfsflöte ermunternd vor.
Doch plötzlich öffnete sich wieder die Tür.
“Mit wem redest du da?”, erkundigte sich Lisas Mutter.
“Oh, ich war gerade dabei aufzuräumen”, erklärte Lisa und stand augenblicklich auf, um sich am Schreibtisch geschäftig zu machen. Geschwind suchte sie nach einer passenden Ausrede: “Und da hab ich einfach mit der Flöte gesprochen. Sie hat mich so fragend angeguckt.”
“Sie hat dich so fragend angeguckt?”, wiederholte ihre Mutter mit einem fast sarkastischen Unterton. “Mir wäre lieber, du hättest richtige Freunde. Es wird wohl höchste Zeit, dass die Schule wieder anfängt und du ein paar neue Kinder kennenlernst. Auf jeden Fall sollten wir wohl am Wochenende mal mit Ben darüber reden.”
“Vati hat die Wolfsflöte schließlich für mich gekauft”, entschlüpfte es Lisa trotzig. Ihre Mutter mochte es gar nicht, wenn sie ihr Widerworte gab.
“Oh! Sogar einen Namen hast du ihr gegeben”, staunte ihre Mutter jedoch nur. “Na, der passt wenigstens. Übrigens essen wir in zehn Minuten.”
Das war nochmal gut gegangen. Lisa hatte momentan wirklich keine Lust auf eine Auseinandersetzung, und ihre Mutter ging dieser wohl auch aus dem Weg, denn sie schloss die Türe hinter sich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
“Gute Idee, mit der fragenden Flöte”, kommentierte Klingt-wie-Wolfsflöte anerkennend.
“Meiner Mutter hat’s aber nicht besonders gefallen.”
“Das macht doch nichts. Hauptsache, du bist da raus!”
“Da hast du auch wieder Recht.”
“Ich fand’s jedenfalls prima, wie du dich für die Wolfsflöte eingesetzt hast”, freute sich Klingt-wie-Wolfsflöte. “Sieht so aus, als hätten wir dich für uns gewonnen.”
“Ich mag sie halt; das ist alles,” beschwichtigte ihn Lisa.
“Und? Wo hast du sie nun her gekriegt? Sagtest du nicht, dein Vater hat sie dir geschenkt?”
“Ja, genau! Aber da war doch noch etwas! Und hatte das nicht vielleicht sogar mit Verschollenem-Klang zu tun?”
“Mir fällt da gerade ein”, sann Lisa gedankenvoll nach, “ich habe vermutlich doch schon von deiner Schwester gehört.”
Klingt-wie-Wolfsflöte riss erstaunt die Augen auf!
“Ja!”, bestätigte Lisa nun ihre eigene Vermutung. “Wir haben die Flöte nämlich von einem älteren Herrn gekauft, der uns erzählte, wie er sie von einem Mädchen bekommen hatte. Und wenn ich mich recht erinnere, sagte er, das Mädchen sah tatsächlich aus wie eine Indianerin. Aber, wie gesagt, das war noch in Montana.”
“Das wird dann wohl Verschollener-Klang gewesen sein. Wir werden nämlich oft mit Indianern verwechselt, besonders wenn wir nach unserem Aussehen beurteilt werden, wobei allerdings auch schon zu bemerken ist, dass wir viele alte indianische Weisheiten teilen und auch danach leben”, freute sich Klingt-wie-Wolfsflöte.
“Lisa, das Essen ist fertig”, klang es da allerdings aus der Küche.
“Ich erzähl dir alles, wenn ich wiederkomme. Soll ich dir auch etwas zu essen bringen?”
“Nein danke.”
“Und? Meinst du, ich kann die Flöte hier lassen? Oder wirst du mit ihr durchbrennen?”, scherzte Lisa übermütig.
“Was soll das denn nun?”
Klingt-wie-Wolfsflöte schien ein wenig irritiert: “Ich hoffe, du meinst das nicht ernst!”
“Tschuldigung! Ja, es sollte eigentlich ein Scherz sein, war wohl ein schlechter. Mach’s dir gemütlich. Da drüben sind Bücher, in denen du ein wenig rumschmökern kannst. Bis gleich dann!” Damit ging Lisa zur Tür.
Klingt-wie-Wolfsflöte bedankte sich und ließ sich auf dem Schreibtischstuhl nieder. Dort fand Lisa ihn unverändert vor, als sie wieder das Zimmer betrat. Versonnen sah er aus dem Fenster heraus.
“Hat dir keines meiner Bücher gefallen?”, fragte Lisa.
“Mir steht der Sinn nicht nach lesen. Ich bin viel zu aufgeregt”, gestand Klingt-wie-Wolfsflöte, “vielleicht ein anderes Mal.”
Lisa machte es sich auf der Kante ihres Bettes bequem und dachte noch einmal kurz nach, bevor sie endlich mit ihrer Geschichte begann:
“Also: Ende des vergangenen Frühlings besuchte ich mit meinen Eltern einen Flohmarkt. Das war noch zu Hause in Montana. Und als wir so daher spazierten, sah ich einen wunderschönen, großen Hund. Normaler Weise hab ich ja Angst vor großen Hunden, aber dieser hier zog mich unerklärlicherweise irgendwie an. Er wirkte wie eine Mischung aus einem Schäferhund und einem Husky. Seitdem hätte ich übrigens auch gerne so einen.
Na egal. Jedenfalls wollte ich ihn etwas genauer aus der Nähe ansehen. Natürlich folgte mir meine Mutter auf der Stelle. Sie fürchtet nämlich immer, mir könne was passieren und wollte wohl sichergehen, dass ich genug Abstand hielt. Logischerweise zog mein Vater auch mit. So standen wir dann also alle drei bei dem Hund und seinem Besitzer. Mein Vater ließ ein paar freundliche Bemerkungen über den Hund los, und schon kam sein Besitzer ins Reden und erzählte uns, wie er ihn bekommen hatte.”
“Und was hat das mit meiner Schwester zu tun?”, warf Klingt-wie-Wolfsflöte verwundert ein.
“Warte ab, du wirst schon sehen”, führte Lisa unbeirrt fort. “Der Mann erzählte uns zuerst, wie einsam er gewesen war. Dann eines Tages saß er auf seiner Veranda vor dem Haus – ich glaube es war im Herbst des vorletzten Jahres – und träumte in seinem Schaukelstuhl so vor sich hin, wie schön es doch wäre, einen Freund zu haben. Und genau da kam wohl dieses indianisch aussehende Mädchen den Weg herauf.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie der Mann mir zuzwinkerte und sagte, dass ich ihn an dieses Mädchen erinnerte, was ich bis heute nicht ganz verstehe.”
Klingt-wie-Wolfsflöte schmunzelte.
Lisa stutzte, fuhr dann aber trotzdem entschlossen fort: “Wie dem auch sei, das Mädchen hielt, wie du dir sicher denken kannst, die Flöte in der Hand und wollte sie dem Mann geben. Der war sich aber nicht sicher, ob er sie überhaupt annehmen konnte. Doch das Mädchen bestand ganz einfach darauf. Sie behauptete, es sei eine magische Flöte, die ihm bei der Erfüllung seiner Wünsche behilflich sein könne.
Auch erinnere ich mich noch genau daran, wie der Mann uns an dieser Stelle seiner Geschichte die Wolfsflöte auf seinem Verkaufstisch zeigte. Sie gefiel mir sofort ausgesprochen gut und ich glaube, meinem Vater auch. Der Mann zeigte uns, wie fein sie geschnitzt ist, da er ja auch jede Menge seiner eigenen Schnitzarbeiten zum Verkauf anbot. Als er erwähnte, es handele sich um eine antike Flöte, wurde selbstverständlich auch meine Mutter aufmerksam. Sie sammelt nämlich antike Raritäten, musst du wissen.”
Lisa sah Klingt-wie-Wolfsflötes ungeduldig fragenden Blick und griff schnell wieder das eigentliche Thema auf: “Aber zurück zur Veranda: Der Mann sah sich also die Flöte erst einmal genau an und als er wieder aufblickte, war das Mädchen plötzlich einfach verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.”
Lisa schnippte mit den Fingern.
“Ich bin sicher, es war die Wolfsflöte, die meine Schwester dorthin geführt hat. Auf ihre ganz eigene, geheimnisvolle Art lässt sie dich nämlich immer wissen, was zu tun ist, fast als würde sie deine Gedanken leiten”, kommentierte Klingt-wie-Wolfsflöte nachdenklich. “Aber in Wirklichkeit hilft sie dir nur, dich den ohnehin bestehenden Möglichkeiten gegenüber zu öffnen. Ich frage mich nur, wo Verschollener-Klang abgeblieben ist?”
“Genau das hat der Mann auch gesagt”, berichtete Lisa. “Er erzählte uns, wie er erst, noch ein wenig auf der Flöte spielend, auf der Veranda wartete. Dann gab er auf, ging ins Haus und legte sie vorläufig mal auf dem Kaminsims ab. Von dem Mädchen jedoch hat er nie wieder etwas gehört oder gesehen.
Auf alle Fälle genoss er es von da an, ab und zu die Flöte aufzunehmen und vor sich hin zu spielen. Und eines Tages begrüßte er dann auch den Frühling in seinem Garten mit der Flöte, als plötzlich ein junger Wolf vom Wald her marschiert kam, direkt auf ihn zu. Erst war der Mann wohl schon skeptisch, weil ja die besorgte und vielleicht auch verärgerte Mutter des jungen Wolfes jeden Moment aus dem Wald hätte kommen können. Trotzdem holte er gleich ein Schälchen Milch, und der Kleine trank, als sei er fast verhungert gewesen.
Als dann noch immer keine Mutter weit und breit zu sehen war, nahm der Mann das Tier einfach bei sich auf und die beiden freuten sich so sehr aneinander, dass er sogar die Flöte darüber vollkommen vergaß. Erst ein ganzes Jahr später fiel ihm auf, dass sein Wunsch nach einem Freund, mit dem jungen Wolf, tatsächlich in Erfüllung gegangen war.”
“Und? Hat er euch auch gesagt, warum er die Flöte verkaufen wollte?” fragte Klingt-wie-Wolfsflöte nach.
“Na klar. Das fragten wir ihn nämlich auch. Und da versicherte er uns, er brauche die Flöte nicht mehr. Er habe gefunden, wonach er so lange gesucht habe und spiele sie eh nicht mehr. Und irgendwie, so sagte er, habe er das Gefühl, die Flöte sei für mich.”
“Da hat er wohl recht. Die Wolfsflöte ist wohl ganz offensichtlich bei dir in den richtigen Händen gelandet”, bestätigte Klingt-wie-Wolfsflöte überzeugt.
“Hm, aber zuerst habe ich sie ja gar nicht bekommen.”
“Oh! Entschuldige, lass dich nicht unterbrechen,” sagte Klingt-wie-Wolfsflöte.
“Wo war ich doch gleich?”, überlegte Lisa kurz. “Ach so, ja: Meiner Mutter war die Flöte zu teuer, aber mein Vater fing dann einfach zu handeln an. Da bot der Mann sie uns für den halben Preis an, angeblich, weil ich die Flöte bekommen sollte. Mein Vater zahlte die 75 Dollar, obwohl meine Mutter meinte, das sei noch immer zu teuer.
Zu Hause hat sie die Wolfsflöte dann auch auf das Kaminsims gelegt, weil es ja kein Spielzeug ist, sondern ein antikes und teures Sammlerstück. Und seither darf sie niemand spielen, wegen möglicher Krankheitserreger.”
“Und warum hast du sie dann jetzt? Und sogar gespielt?”
“Meine Mutter weiß nichts von meinem Spiel. Sie war doch einkaufen. Und gegeben hat sie sie mir jetzt, weil ich hier so einsam bin. In Montana hatte ich nämlich eine Menge Freunde. Aber dann sind wir hierher gezogen, wegen der Arbeit meines Vaters. Und hier ist alles wie ausgestorben, jedenfalls ist mir hier noch kein einziges Kind über den Weg gelaufen.”
“Was macht dein Vater denn?”
“Er ist Architekt im Brückenbau, beauftragt hier
