Die Wunder von Kenth - Cindy Jegge - E-Book

Die Wunder von Kenth E-Book

Cindy Jegge

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Beschreibung

Glaubst du an Wunder? Sadie zumindest nicht. Deshalb ist sie auch so gar nicht begeistert, als ihr Boss sie in die Pampa von British Columbia schickt, nur um über irgendwelche angeblichen Wunder zu berichten. Dass er sie damit nur beschützen möchte, weiss sie im Grunde ganz genau. Doch sie will nicht gerettet werden. Sie hat ihr Leben, so wie es ist, verdient. Mitsamt dem gewalttätigen Freund. Zu allem Überfluss trifft sie während ihrer Recherchearbeiten ihre erste grosse Liebe wieder. Zwischen ihnen steht immer noch diese eine, alles verändernde Lüge. Wird sie den Mut aufbringen und ihm endlich die Wahrheit sagen über den Abend, der zu ihrer Trennung geführt hat? Denn vielleicht wartet im zauberhaften Städtchen Kenth sogar ein Wunder auf Sadie.

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet ihr auf der Seite 299 eine Triggerwarnung, denn ich wünsche mir für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.

Eure Cindy

Für alle Frauen dieser Welt.

Vergesst nie: Ihr habt das Leben, welches ihr euch wünscht, verdient. Ihr seid stark, mutig und wunderbar!

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Danksagung

Uber dei Autorin

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Triggerwarnung

Kapitel 1

»Ist das wirklich dein Ernst, Thomas?« Sadie schnitt eine Grimasse. »Wieso bestrafst du mich so?«

»Ich bestrafe dich nicht«, antwortete ihr Chef ruhig. »Ich möchte nur, dass du endlich zur Vernunft kommst.« Er lehnte sich gelassen in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ach komm schon. Du weißt genau, dass ich selbst auf mich aufpassen kann.«

»So? Kannst du das wirklich?« Sein Blick fiel auf ihre Handgelenke und Sadie zog hastig an den Ärmeln ihrer Strickjacke.

Mist, fluchte es in ihrem Kopf. Wieso hatte sie heute Morgen diesen flauschigen Oversize-Pulli nicht gefunden? Der hätte alle ihre blauen Flecken ohne Probleme überdeckt. »Du weißt, dass ich es nicht leiden kann, wenn du dich in mein Leben einmischst.«

»Und du weißt, dass ich es nicht leiden kann, wenn meine Mitarbeiterinnen mit Kampfspuren zur Arbeit kommen.«

Sadie quittierte seine Anspielung mit einem Augenrollen. Aber tief in ihrem Inneren wusste sie genau, dass er nur allzu recht hatte.

Justin war gestern Abend wieder einmal vollkommen ausgetickt. Sie war sich nicht sicher, was sie dieses Mal falsch gemacht hatte, aber als sie ihm eine neue Dose Bier brachte, war er sofort ausgerastet. Er schlug ihr das Getränk aus der Hand und beschimpfte sie auf das Übelste. So fing es immer an. Erst machte er sie nieder, und selbst wenn sie die ganze Zeit über alles still ertrug, reizte ihn eine kleine Geste von ihr so sehr, dass sie mindestens eine Ohrfeige kassierte. Meistens blieb es jedoch nicht dabei.

»Sadie, bitte. Ich meine es nur gut mit dir. Es wäre die perfekte Gelegenheit, um ein paar Tage von ihm wegzukommen. Außerdem hättest du Zeit, dich wieder deinem Manuskript zu widmen. Hast du seit der Absage des Verlages wieder einmal geschrieben?«

Sadie senkte den Blick. »Nein«, murmelte sie und fühlte sich sofort erneut als Versagerin. Sie hatte jede freie Minute und all ihr Herzblut in diese Geschichte investiert, so dass die Absage für sie wie ein Schlag ins Gesicht gewesen war. Seitdem hatte sie ihren privaten Laptop nicht einmal mehr aufgeklappt.

»Siehst du, dort hättest du die nötige Ruhe und könntest dich vollkommen auf dein Manuskript einlassen. Natürlich nach meinem Artikel, versteht sich.« Er lachte kurz auf, doch in seinen Augen spiegelte sich der pure Ernst. »Oder ist es wegen des Geldes?«

»Du weißt genau, dass ich nicht bei dir arbeite, weil ich auf das Gehalt angewiesen bin. Ich arbeite für dich, weil du jemanden wie mich verdammt gut gebrauchen kannst.« Ein kleines Lächeln stahl sich in ihr Gesicht und Thomas’ Gesichtszüge wurden weicher.

»Ja, das stimmt, ich brauche dich. Und genauso sehr brauche ich diese Sonderausgabe an Weihnachten. Vielleicht ist diese Story das Tüpfelchen auf dem i, welches uns vor dem Ruin rettet.«

Sadies Herz verkrampfte sich bei seinen Worten. Thomas war wie ein Vater für sie. Als sie nichts mehr in ihrem Heimatort hielt, war er der Erste gewesen, den sie in Vancouver kennengelernt hatte. Er gab ihr einen Job, obwohl sie noch keine einzige Sekunde bei einer Zeitung gearbeitet hatte. Und, was viel wichtiger war, er gab ihr ein zweites Zuhause. Er und seine Frau Laura wurden zu einer Art Ersatzeltern für Sadie, auch wenn sie bereits 25 Jahre alt war, als sie sich das erste Mal begegneten. Seither war sie bei Thomas angestellt und hatte sich von einer einfachen Sekretärin zu einer hervorragenden Journalistin hochgearbeitet. Geld interessierte sie jedoch nie. Sie hätte auch umsonst für Thomas’ Zeitung geschrieben, denn sie hatte eine beträchtliche Summe geerbt. Trotzdem bezahlte er sie jeden Monat eisern, auch wenn das Blatt immer weniger Einnahmen generierte.

»Na gut, dann erzähl mir doch nochmal ganz genau, was ich in diesem Kaff soll.«

»Super«, rief Thomas und klatschte freudig in die Hände. »Und es ist kein Kaff. Kenth ist ein hübsches Städtchen in der Nähe des Alaska Highways.«

»Also doch ein Kaff.« Sie verdrehte die Augen, konnte sich aber ein Schmunzeln nicht verkneifen.

»Du kommst schließlich auch aus einem Dorf, da sollte dir die ländliche Lage nicht unbekannt sein.«

»Nett umschrieben, Thomas. Aber Whistler ist nun wirklich kein Dorf. Wir hatten die Olympischen Spiele. Also, zumindest ein paar Wettkämpfe.«

Sadie hob stolz das Kinn, als sie den letzten Satz aussprach. Sie liebte ihre Heimat unglaublich, hatte es aber nicht länger ertragen können, dort alleine zu leben. Denn dieser Ort war mit schmerzlichen Erinnerungen übersät.

»Von mir aus. Darf ich dir jetzt von deinem Auftrag erzählen oder willst du ganz alleine herausfinden, was du zu tun hast?«

»Schon gut, schon gut.« Sadie hob beschwichtigend die Hände.

»Also, seit Jahren passieren vor Weihnachten immer wieder unerklärliche Dinge in Kenth. Es ist fast so, als wohnten die Mainzelmännchen oder der Nikolaus persönlich dort. Niemand aus dem Dorf hat je herausgefunden, wer oder was dahintersteckt. Deshalb sollst du das jetzt für mich aufdecken.« Er setzte sein strahlendstes Lachen auf.

»Und wieso kommst du darauf, dass ausgerechnet ich das kann, wenn es vor mir noch nie jemand geschafft hat?«

»Du bist immerhin meine beste Journalistin. Selbst die großen Konzerne erzittern, wenn ich dich zu einem Interview zu ihnen schicke. Kannst du dich noch an den Hurst Fall erinnern?«

Sadie seufzte laut. Natürlich konnte sie sich an diesen Artikel erinnern. Er war der Grund, wieso sie nicht mehr länger Kaffee kochen musste, sondern eigenen Storys nachgehen durfte. Damals hatte sie einfach auf ihr Bauchgefühl gehört und war dem Tipp eines Anrufers gefolgt. Dieser entpuppte sich als goldrichtig. Durch ihr Handeln wurde ein millionenschwerer Betrug aufgedeckt und hunderte Rentner bekamen ihr falsch investiertes Geld zurück.

»Und du willst jetzt, dass ich einen Enthüllungsbericht über den Nikolaus schreibe?«

»Ganz genau. Du fährst morgen hin. Mr. McCoy, der Bürgermeister, erwartet dich am Nachmittag.«

»Und wie lange werde ich dort ins Asyl geschickt?«

»Ich brauche deinen fixfertigen Artikel bis spätestens 07.00 Uhr am Morgen des 24. Dezembers. Ich werde ihn dann kurz gegenlesen und persönlich in die Druckerei geben, damit unsere Sonderausgabe pünktlich zum Weihnachtsmorgen an den Verkaufsstellen erhältlich ist.«

»Ich soll bis Weihnachten dortbleiben?« Sadie riss entgeistert die Augen auf. »Hast du eine Ahnung, wie ich das bitte Justin erklären soll?«

»Ich würde sagen: gar nicht. Dann kannst du den Mistkerl nämlich endlich in die Wüste schicken. Ich kann sowieso nicht verstehen, wieso du immer noch bei ihm bist nach all dem, was er dir angetan hat. Laura liegt mir schon seit Monaten in den Ohren, dass ich zu dir fahren soll und erst wieder mit dir und deinen ganzen Sachen nach Hause kommen darf.«

»Und du denkst nicht, dass drei Wochen etwas lange sind für einen einzigen Artikel?«

Thomas schwieg einen Augenblick, ehe er in einem bestimmteren Tonfall sagte: »Nein. Wir brauchen einen überragenden Artikel, dies möchte ich gar nicht leugnen. Aber vor allem möchte ich dich wenigstens für eine gewisse Zeit in Sicherheit wissen. Und Laura auch. Also, tu uns bitte diesen Gefallen. Solltest du bereits nach einer Woche den Durchbruch geschafft und alle Wunder aufgedeckt haben, dann mache die restlichen Tage Urlaub. Sieh es als vorzeitiges Weihnachtsgeschenk.«

Sadie lächelte gequält. Es tat ihr weh, dass er und Laura sich wegen ihr solche Sorgen machten. Aber sie konnte Justin nicht für immer verlassen. Dies war keine Option.

»Ich werde schauen, was ich tun kann. Schick mir alle Infos, dann fahre ich morgen ins Nimmerland.«

»Perfekt«, rief Thomas. »Du wirst es nicht bereuen.«

Kapitel 2

Als sie in die kühle Dezemberluft hinaustrat, atmete sie tief ein. Eigentlich wäre es nur ein Katzensprung zu ihrer Wohnung in Yaletown. Aber ihr stand der Sinn so gar nicht nach dem Gespräch mit Justin. Deshalb machte sie, wie an vielen Tagen zuvor, einen Abstecher zum Fraser River.

Als sie frisch nach Vancouver gezogen war, hatte sie in Burnaby ein kleines Zweizimmer-Apartment gemietet. Natürlich hätte sie sich auch etwas Moderneres leisten können. Aber sie gab nur so viel Geld von ihrem Erbe aus wie nötig. Irgendwie hatte sie immer das Gefühl, dass daran Blut kleben würde. Sie hatte es sich nicht verdient. Sie hatte es erhalten, weil die wichtigsten Personen in ihrem Leben nicht mehr da waren, und kein Geld der Welt konnte sie darüber hinwegtrösten. Trotzdem half es ihr über die Runden.

Ihr damaliges Apartment war nicht luxuriös, geschweige denn geräumig genug gewesen, aber sie hatte die alten Holzbalken und den knarrenden Dielenboden geliebt. Das ganze Ambiente hatte Charme, und was noch viel entscheidender war, es gehörte ihr. Es war ihr Reich und sie konnte dort tun und lassen, was sie wollte.

Mit dem kühlen und lieblosen Loft, inwelchem sie jetzt wohnte, wurde sie hingegen nicht warm. Dafür vermisste sie ihre alte Bleibe viel zu sehr.

Sie lenkte ihren Wagen beinahe blind auf den kleinen Parkplatz beim Fraser Foreshore Park und fühlte sich sogleich wie zu Hause. Die Sonne stand schon tief, als sie den schmalen Weg am Fluss entlang schlenderte und bemerkte, wie die Anspannung für einen kurzen Augenblick von ihr abfiel. Als sie noch hier wohnte, kam sie fast jeden Abend hierher. Sie hatte nirgends zuvor so schöne Sonnenuntergänge erlebt. Auch an diesem Abend färbte sich der Himmel bereits knallgelb. Es würde nicht mehr lange dauern, bis danach die Farben zu Orange und Rot übergingen und es so aussah, als würde der ganze Horizont brennen.

Beim hölzernen Steg machte Sadie Halt und ließ ihren Blick über das Farbspektakel gleiten. Die Baumstämme unter ihr, welche sich an einem großen Teil der Uferpromenade entlang schlängelten, trieben seelenruhig im dunklen Wasser. Im Park war nicht viel los um diese Jahreszeit und sie genoss die Ruhe.

Du fährst also morgen nach Kenth, dachte sie für sich und biss sich unweigerlich auf die Unterlippe. Sie hatte nicht grundsätzlich etwas gegen ihre ungeplante Reise. Es war schon ewig her, dass sie verreist war. Genau genommen unternahm sie seit dem Flugzeugabsturz ihrer Eltern nur noch Ausflüge, welche mit dem Auto zu bewältigen waren. Nicht einmal Justin konnte sie überreden, mit auf seine Geschäftsreisen zu kommen. Er musste regelmäßig nach Toronto, Calgary oder New York. Die Diskussionen um ihre Flugangst endeten jedes Mal in einem riesigen Streit. Doch bei diesem Thema blieb sie standhaft. Sie setzte keinen Fuß mehr in eine Maschine.

Aber wie sollte sie Justin erklären, dass ausgerechnet sie jetzt für drei Wochen wegfahren würde?

Sadie nahm einen letzten, tiefen Atemzug und schloss für kurze Zeit die Augen. Es war doch mal alles gut gewesen. Was war falsch gelaufen?

Sofort sah sie das strahlende Gesicht von Justin vor ihrem geistigen Auge, als sie ihn damals in der Bar in Gastown zum ersten Mal getroffen hatte. Sie wusste noch ganz genau, wie geehrt sie sich gefühlt hatte, dass ein so gutaussehender und muskulöser Kerl wie er ausgerechnet an ihr Interesse gehabt hatte. Den ganzen Abend über wich er nicht von ihrer Seite, brachte sie mit Anekdoten aus seinem Leben zum Lachen und begleitete sie schließlich bis vor ihre Haustür in Burnaby. Er machte nicht einmal einen einzigen Versuch, sich selbst in ihre Wohnung einzuladen. Er war der perfekte Gentleman.

Gleich am nächsten Morgen fragte er nach, wie es ihr ging. Sadie konnte ihr Glück kaum fassen. Normalerweise musste man einen Kerl regelrecht dazu nötigen, sich gleich am darauffolgenden Tag zu melden. Doch Justin war anders. Das war er definitiv. Nur leider nicht so, wie sie es sich gewünscht hatte.

Im ersten Jahr lief alles hervorragend. Sie verbrachten viel Zeit miteinander, er machte ihr immer wieder kleine Geschenke und las ihr praktisch jeden Wunsch von den Augen ab. Er war höflich und zuvorkommend zu ihren Freunden, und alle schienen ihn zu mögen. Deshalb dachte sie nicht zweimal nach, als er sie bat, bei ihm einzuziehen. Ein wenig traurig, doch auch voller Vorfreude, kündigte sie den Mietvertrag ihres Apartments und brachte ihr ganzes Hab und Gut in seine Wohnung.

Doch bereits nach einem Monat fielen ihr die ersten Veränderungen auf. Er bat sie des Öfteren, etwas Anderes anzuziehen, hatte ein Auge auf ihre Verabredungen und wollte immer wissen, wo sie gerade war. Er bestimmte, wann sie ihre Freundinnen traf und legte immer größeren Wert darauf, dass sie abends die Wohnung nicht mehr verließ und auch nach der Arbeit direkt nach Hause kam. Sadie fand lange immer eine Ausrede für sein Verhalten. Er würde halt die Zeit mit ihr genießen, jetzt wo sie zusammenwohnten, erklärte sie Thomas jedes Mal, wenn er sie auf die Veränderungen ansprach. Doch eines Tages gingen ihr die Rechtfertigungen für Justins Benehmen aus.

Sie konnte sich noch genau an diesen einen Tag erinnern. Es war ein warmer Juniabend, und sie wollte sich mit Justin in ihrem Lieblingsrestaurant treffen. Sadie beendete extra früher ihren Arbeitstag, damit sie sich zu Hause noch duschen und umziehen konnte. Justin hatte es in den vergangenen Wochen nicht leicht auf der Arbeit gehabt und sie wollte ihm eine Freude machen. Deshalb dachte sie sich auch nichts weiter dabei, als sie ihr neues schwarzes Etuikleid von Donna Karen und ihre heißgeliebten roten Pumps anzog. Sie wusste genau, wie sehr Justin auf Highheels abfuhr. Denn nicht nur einmal hatte er sie darum gebeten, diese Schuhe auch im Bett anzuziehen.

Mit einem breiten Grinsen betrat sie das Restaurant. Justin saß in der hinteren Ecke am Fenster und starrte auf sein Mobiltelefon. Mit enormer Vorfreude auf seine Reaktion setzte sie ihren Weg zum Tisch fort. Doch als er den Blick hob und sich in seinen Augen merklich etwas verdüsterte, erstarb ihr Lächeln sofort.

»Da bist du ja endlich«, begrüßte er sie in einem schroffen Ton, während sein Blick sie von oben bis unten musterte.

»Tut mir leid«, sagte sie schnell und gab ihm einen Kuss. »Ich musste noch kurz nach Hause.« Sie setzte sich ihm gegenüber und begutachtete die bereits bestellten Getränke.

»Um dann wie eine Nutte vor die Tür zu treten?«

Sadie wäre beinahe das Wasserglas aus der Hand geglitten, aus welchem sie gerade im Begriff war zu trinken. Einen solch beleidigenden Satz hatte sie aus seinem Mund noch nie gehört.

»Tut mir leid«, stammelte sie verwirrt. »Ich dachte, es würde dir gefallen.«

Alles, was sie von Justin zur Antwort bekam, war ein genervtes Augenrollen, ehe er sich wieder seinem Handy widmete.

Auch der restliche Abend lief überhaupt nicht nach Sadies Plan. Als dann auch noch der Kellner einen Extrablick auf sie warf, während er die Rechnung abkassierte, brachte es Justins Fass offenbar zum Überlaufen. Er stand ruckartig auf und verkündete ihr, dass sie nun gehen würden. Perplex erhob sie sich von ihrem Stuhl und eilte ihm, so schnell es ihre Pumps zuließen, hinterher.

»Was glaubst du eigentlich, wer du bist?«, schrie er sie an, als die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloss gefallen war.

»Schatz, ich … ich verstehe nicht genau, was du meinst.«

»Deine ganze Aufmache?Willst du wirklich, dass jeder in dem beschissenen Vancouver denkt, dass ich mit einer Nutte zusammen bin?«

»Nein … Natürlich nicht …«

»Also, dann ist es bestimmt nicht zu viel verlangt, dass du dich anständig kleidest, wenn du mit mir ausgehst, oder?«

Sadie traute ihren Ohren nicht. Es war nicht das erste Mal, dass sie ein Etuikleid und Pumps anhatte. So etwas Ähnliches hatte sie sogar getragen, als sie sich kennengelernt hatten. Wieso zum Teufel war das jetzt nicht mehr gut genug?

»Und jetzt sagst du nichts mehr?«, blaffte er sie an und trat einen großen Schritt auf sie zu.

Sadie schluckte einmal leer und antwortete dann mit möglichst ruhiger Stimme: »Es tut mir leid, wenn ich dich mit meinem Outfit verärgert habe. Das wollte ich nicht. Ich dachte eigentlich, dass es dir gefallen würde.«

»So? Und wieso dachtest du das?«

»Na, weil es dich im Bett auch anturnt.« Gerade als sie diesen Satz ausgesprochen hatte, wusste sie, dass sie einen riesigen Fehler begangen hatte. Sie sah es sofort in seinem Blick. Er hatte sich verändert. Seine Augen waren hart und düster. Etwas, dass sie bei ihm noch nie gesehen hatte.

Sadie setzte sofort zu einer Entschuldigung an, als seine flache Hand sie mit voller Wucht mitten ins Gesicht traf. Erschrocken schrie sie auf und taumelte ein paar Schritte zurück. Für einen Moment blieben beide reglos stehen. Sie konnte nicht fassen, was er da gerade getan hatte. Und ihm schien es ähnlich zu gehen, denn sein Gesicht war plötzlich schmerzverzerrt.

Mit großen Schritten kam er auf sie zugeeilt und legte schützend den Arm um sie. »Babe, es … Es tut mir so wahnsinnig leid … Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich …« Seine Stimme brach und er sank wimmernd vor ihr auf die Knie. Justin umfasste mit aller Kraft ihre Hüften. Er beteuerte ihr immer wieder, wie leid es ihm täte und dass es bestimmt nie wieder vorkommen würde, während seine Tränen ihr Kleid tränkten. Dies war das erste Mal, dass er sie »Babe« nannte, aber nicht das letzte Mal, dass er sie schlug.

Kapitel 3

Als sie vom Fraser River nach Hause kam und vorsichtig die Eingangstür aufschloss, hörte sie bereits das laute Geplärre des Fernsehers. Vielleicht war heute ein guter Tag und er würde sie ohne Widerworte nach Kenth gehen lassen. Schließlich hatte er ihr in den heutigen zehn Messages fest versprochen, dass er nie wieder die Hand gegen sie erheben würde.

Sie knipste im Esszimmer das Licht an und ein riesiger Strauß weißer Rosen stand auf dem Tisch. Wie immer, dachte sie sich, als sie unbeeindruckt an den Blumen vorbei ins Wohnzimmer ging. Justin saß mit einer Dose Bier auf der Couch und verfolgte die Sportnachrichten, ohne auch nur ein einziges Mal in ihre Richtung zu blicken.

»Hey Schatz, wie war dein Tag?«, fragte sie so unbekümmert wie möglich und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Hey Babe«, war alles, was er sagte, wobei er weiterhin auf den Fernseher starrte.

»Können wir kurz reden?«

»Du siehst doch, dass ich gerade beschäftigt bin.«

Sadie biss sich auf die Lippen und schloss für einen kurzen Moment die Augen. »Ich weiß, aber es ist wichtig.«

Genervt drehte er den Kopf zu ihr und sah sie das erste Mal an diesem Tag an. »Was gibt es denn so Dringendes?«

Für einen kurzen Augenblick wollte sie kneifen, wollte Thomas anrufen und die ganze Sache abblasen. Aber sie wusste genau, dass sie ihm das nicht antun konnte. Deshalb atmete sie tief ein und nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Thomas hat mir einen neuen Auftrag gegeben. «

»Ja und? Das ist doch dein Job, oder? Seine Anweisungen zu befolgen?«, fiel er ihr ins Wort und starrte noch ein Stück genervter zu ihr hoch.

»Genau. Aber dieses Mal wird es ein wenig länger dauern. Ich muss für die Recherche die Stadt verlassen.«

»Für wie lange?«

»Nun ja, ich würde an Heiligabend zurückfahren. Dann wäre ich rechtzeitig hier, ummit deiner Familie zu essen.«

»Heiligabend? Sadie, spinnst du?« Er richtete sich kerzengerade auf und Sadies Körper verkrampfte sich eine Spur mehr. »Wir haben gerade mal Anfang Dezember und du möchtest bis Weihnachten fortgehen? Bist du verrückt geworden?«

»Ich weiß, es ist lange und es tut mir leid. Aber Thomas braucht mich. Die Zeitung steht kurz vor dem Bankrott. Ich muss ihm einfach helfen, sie zu retten.«

»Und das willst ausgerechnet du sein?«, blaffte er sie an.

»Ich bin gut in meinem Job. Das wüsstest du auch, wenn du mal irgendetwas von mir gelesen hättest.« Scheiße, das war zu viel, schrie ihr Verstand, und das bedrohliche Funkeln in Justins Augen unterstrich ihre Befürchtungen.

Er erhob sich langsam von der Couch und baute sich direkt vor ihr auf. Mit einer Körpergröße von fast 1.90m überragte er sie um Längen.

»Was denkst du eigentlich, was ich den ganzen Tag mache? Ich schufte mir die Finger wund, damit ich dir all diesen Luxus hier ermöglichen kann.« Er breitete die Arme aus und deutete auf das große Wohnzimmer und die Designermöbel, welche Sadie aufs Tiefste verabscheute. Er war derjenige, der diesen ganzen Kram brauchte, nicht sie. Aber sie wagte nicht, auch nur einen Ton von sich zu geben.

»Denkst du im Ernst, dass ich dann noch die Zeit finde, um mir deine kleinen Artikel durchzulesen?« Er presste mittlerweile jedes Wort durch seine zusammengebissenen Zähne und kam noch einen Schritt näher.

Instinktiv hob sie abwehrend die Hände und sagte leise: »Es tut mir wirklich leid. Ich habe alles versucht, um es Thomas auszureden.«

»Dann hast du es eben nicht gut genug versucht. Vielleicht möchtest du ja auch fahren. He, Sadie, möchtest du von mir weg?«

Er packte blitzschnell ihre Handgelenke und warf sie mit einem kräftigen Ruck an die Wand hinter ihr. Sadie prallte mit dem Kopf gegen den Verputz. Für einen kurzen Augenblick war ihre Sicht verschwommen und sie kämpfte mit zusammengekniffenen Lidern gegen die aufkommende Übelkeit an.

»Nein, bitte, Justin. Du weißt, dass ich dich nie verlassen würde«, presste sie mühsam hervor.

»So, weiß ich das?« Er drückte sie mit seinem ganzen Gewicht gegen die Wand.

»Ja, es ist die Wahrheit«, wimmerte sie leise, doch sie wagte es nicht, ihn anzusehen. Sie hatte zu große Angst, er könnte ihr ansehen, dass sie log. »Ich liebe dich.«

Er verlagerte sein Gewicht ein wenig nach hinten und Sadie hegte bereits die Hoffnung, dieses Mal das Richtige gesagt zu haben. Sie öffnete vorsichtig die Augen und sah im letzten Moment, wie Justin ausholte.

»Nein, bitte …« Noch ehe sie den Satz beenden konnte, landete seine flache Hand mit voller Wucht auf ihrer Wange und sie verlor für einen Moment die Orientierung. Ein stechender Schmerz breitete sich sofort in ihrem Kopf aus. Langsam ließ sie sich an der Wand hinuntergleiten und blieb reglos sitzen. Tränen traten in ihre Augen, doch sie wischte sie sofort mit dem Handrücken weg. Justin hasste es, wenn sie weinte. Dies reizte ihn nur noch mehr.

»Was für eine verfluchte Scheiße, Sadie. Glaubst du eigentlich, dass ich mich von euch verarschen lasse?« Er packte das Sideboard neben ihr und schmiss es um. Das Glas der gerahmten Bilder und die Kristallvase ihrer Mutter klirrten laut, als sie in tausend Stücke zerbrachen. »Wer auf dieser gottverdammten Welt braucht für einen beschissenen Artikel drei ganze Wochen?«

Sadie erhob sich wortlos und holte einen Besen aus der Kammer im Flur.

»Du fährst nicht. Ende der Diskussion. Und wenn dein Thomas das nicht akzeptieren will, dann werde ich mit ihm ein Wörtchen reden.« Er trat auf den Flur hinaus und schnappte sich seine Jacke. »Wenn ich wiederkomme, möchte ich, dass hier alles sauber ist. Verstanden? «

Sadie nickte, doch Justin hatte bereits die Tür hinter sich zugeschlagen. Sie ließ sich auf den Boden sinken und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ein lauter Schluchzer entfuhr ihrer Kehle und sie ließ ihren Kopf in die Hände sinken.

Es war jedes Mal das Gleiche. Er schlug sie, zerstörte Möbel, schmiss Teller oder Gläser gegen die Wand und haute danach ab, ummit seinen Kumpels zu feiern. Nach Stunden kam er sturzbesoffen zurück, entschuldigte sich, bettelte, dass sie ihn nicht verließ und wollte dann Sex. Oft war er zwar so betrunken, dass er sofort auf dem Bett wegdöste, aber dieses Glück hatte sie nicht immer und sie ertrug den Gedanken nicht, noch ein einziges Mal in diesem Zustand mit ihm zu schlafen. Sie wollte seine schmierigen Küsse nicht mehr auf ihrem Körper spüren und den Gestank nach Alkohol riechen, während er auf ihr stöhnte und grunzte.

Sie öffnete die Augen und das lachende Gesicht ihrer Mutter blickte ihr auf einem Foto unter den Scherben entgegen. »Was soll ich nur tun, Mom?«, fragte sie in die Stille hinein. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass ihre Mutter ihr schon längst den Marsch geblasen hätte, wenn sie ihr von Justins Aussetzern erzählt hätte. In ihrer Familie war Gewalt tabu. Kein einziges Mal hatte ihre Mutter oder auch ihr Vater die Hand gegen sie erhoben. Nicht einmal dann, wenn sie es wirklich verdient gehabt hätte. Denn in ihren Teenagerjahren hatte sie die Geduld ihrer Eltern mehr als nur einmal auf die Probe gestellt.

Sadie kam durch die Hand von jemand anderem das erste Mal mit Gewalt in Kontakt und dies zerstörte ihr ganzes Leben. Sie verlor alles und auch, wenn es bereits über 17 Jahre her war, sehnte sich ihr Herz im Stillen immer noch nach dem, was sie damals gehabt hatte. Vielleicht war sie deswegen mit Justin zusammen, weil sie sich insgeheim nicht traute, erneut zu lieben.

Ein Piepsen riss sie aus ihren Gedanken und zwang sie zurück ins Hier und Jetzt. Mühsam erhob sie sich vom Boden und torkelte zu ihrer Handtasche im Flur. Mit zitternden Fingern öffnete sie die neue Nachricht von Thomas.

19.21 Uhr:

Liebes, hier noch die Adresse deiner Unterkunft:

Mountain View Cottages, Moira Turner, 31 Peak Road,

Kenth, BC V0K 3V0

Mr. McCoy erwartet dich um 14.00 Uhr in seinem Büro an

der 23 Main Street.

Ich wünsche dir viel Spaß. Laura grüßt dich lieb.

Thomas

Erneut traten ihr die Tränen in die Augen. Sie konnte Thomas nicht enttäuschen. Das brachte sie nicht übers Herz. Entschlossen steckte sie ihr Handy in die Hosentasche und rannte in ihr Schlafzimmer. Sie nahm die größten Koffer, die sie finden konnte, vom Schrank herunter und schmiss sie aufs Bett. Fast panisch suchte sie ihre Kleider zusammen, holte ihr Make-Up und die Pflegeprodukte aus dem Bad und stellte die Laptoptasche neben ihr Bett. Sie angelte vorsichtig die Fotos aus den Scherben im Wohnzimmer und packte alles in ihr Notizbuch.

30 Minuten später zerrte sie die überdimensionalen Koffer in den Fahrstuhl ihres Apartmentkomplexes und drückte den Knopf für die Tiefgarage.

Sadie schloss die Augen, als sich der Aufzug in Bewegung setzte und betete, dass Justin möglichst betrunken nach Hause kommen würde. Dann erkannte er vielleicht erst morgen früh, dass sie nicht mehr da war.

Als sie auf den Highway Richtung Norden einbog und die Starttaste ihres Navis drückte, berechnete dieses ihre Ankunftszeit in Kenth für 01.00 Uhr morgens. Dies war definitiv zu früh. Sie war auf die Kooperation der Einwohner angewiesen, wenn sie etwas über diese ominösen Wunder herausfinden wollte. Da wollte sie es nicht schon am ersten Tag versauen, indem sie ihre Vermieterin mitten in der Nacht aus dem Bett klingelte. Kurz entschlossen hielt sie bei einem Hotel etwas außerhalb von Vancouver an und mietete sich für diese Nacht ein Zimmer.

Als sie mit einem Salat vom Zimmerservice auf dem Bett saß, tippte sie eine kurze Nachricht an Thomas:

22.03 Uhr:

Danke für die Infos. Ich verbringe die Nacht in einem Hotel

und fahre morgen früh nach Kenth. Justin war nicht begeistert

von meinen Reiseplänen. Er wird dir vielleicht

Ärger machen.

Pass bitte auf dich auf.

Sadie

Sie stocherte weiter lustlos in ihrem Salat herum, als ihr Blick auf ihre Handgelenke fiel. Die blauen Flecken vom gestrigen Streit waren nun in ihrer vollen Pracht zu sehen. Mittlerweile hatte sie ihre Gedanken wieder einigermaßen sortiert, und die traurige Wahrheit schlich sich erneut in ihren Kopf. »Sadie, mach dir nichts vor. Du weißt ganz genau, dass du spätestens am 24. zu ihm und deinem alten Leben zurückkehren wirst. Du hast es nicht anders verdient.«

Kapitel 4

Nachdem sie dem Highway 99 fast bis ganz zum Ende gefolgt war, verließ sie ihn irgendwann nach Pemberton und folgte einer schmaleren Straße Richtung Norden. Der Schnee türmte sich auf beiden Seiten des Weges, und kurz befürchtete sie, irgendwann mit ihrem Auto stecken zu bleiben. Doch die Straße war erstaunlicherweise gut befahrbar, und so kam sie auch den Pass ohne Probleme hinauf. Trotzdem beschlich sie ein mulmiges Gefühl. Seit sie den Highway verlassen hatte, war sie noch an keinem einzigen Haus vorbeigekommen.

»In was für eine Pampa schickst du mich da, Thomas? «, fragte sie sich laut. Als sie ihn bereits verfluchen wollte, weil er ihr scheinbar die falsche Adresse gegeben hatte, sah sie das unscheinbare Ortsschild.

»Herzlich willkommen in Kenth«, war in verschnörkelter Schrift zu lesen und markierte offiziell den Arsch der Welt. Doch erst nachdem sie weitere zehn Minuten der Straße ins Nirgendwo gefolgt war, entdeckte sie die ersten Häuser im Tal. Sie fuhr langsamer und passierte den kleinen Dorfkern mit ein paar Geschäften und einem Dorfplatz mit Pavillon. Doch ehe sie sich versah, war sie auch schon wieder aus Kenth hinausgefahren.

»Scheiße nochmal. Wo waren denn diese Cottages?«, fluchte sie und tippte wild auf ihrem Navi herum. Da sie sich jedoch gemäß diesem weit ab von irgendeiner eingezeichneten Straße befand, schaltete sie es genervt aus. Als sie in die nächste schmale Seitenstraße einbog, um den Wagen zu wenden und noch einmal durch das Zentrum zu fahren, bemerkte sie ein verschneites Holzschild mit der Aufschrift ›Mountain View Cottages‹.

Na also, du bist doch kein so hoffnungsloser Fall, dachte sie zufrieden und folgte der gewundenen Straße bis zu einer Lichtung im Wald. Darauf befanden sich ein großes Haupthaus und fünf kleine Ferienhäuser. Sadie parkte vor dem Haupteingang und blieb noch einen Moment im Auto sitzen. Nach kurzer Überlegung kramte sie ihr Handy aus der Handtasche und schaltete das Display ein.

Zehn verpasste Anrufe und noch mehr Messages. Allesamt von Justin. Sie schluckte leer und für kurze Zeit bereute sie, dass sie einfach so abgehauen war. Was war, wenn er sie hier finden würde? Sie war sich nicht sicher, ob sie diesen Wutausbruch überleben würde. Nach einem tiefen Atemzug öffnete sie den Chatverlauf.

09.35 Uhr:

Sadie, wo verflucht steckst du?

09.54 Uhr:

Wieso ignorierst du meine Anrufe?

10.21 Uhr:

Was soll dieser Scheiß? Komm sofort nach Hause!

10.46 Uhr:

Du verfluchte Schlampe, ich habe gesagt, DU SOLLSTNACH HAUSE KOMMEN‼‼‼!

11.02 Uhr:

Wenn ich dich finde, dann kannst du was erleben.

Es folgten noch dutzend weitere Nachrichten und alle mit etwa demselben Wortlaut. Sadies Magen zog sich sofort zusammen und ihr wurde übel. Ihre Brust fühlte sich an, als würde ein tonnenschwerer Riese darauf sitzen und ihr das letzte bisschen Luft aus den Lungen quetschen. Ich muss hier raus, schoss es ihr durch den Kopf, sie öffnete blind die Autotür und kletterte hastig aus ihrem Wagen. Sie brauchte dringend frische Luft und wollte so schnell wie möglich von den Erinnerungen an Justin weg. Jedoch kam sie nur etwa drei Schritte weit, bevor sie seitlich auf etwas Hartes prallte.

»Scheiße«, fluchte sie laut und blinzelte erschrocken. Vor ihr stand eine Dame in den Fünfzigern mit weit aufgerissenen Augen, die Hände abwehrend in die Höhe gestreckt.

»Ups, sorry«, sagte Sadie peinlich berührt und rieb sich die Schulter.

»Na, Sie haben es aber eilig, Kindchen«, entgegnete die unbekannte Frau und zog fragend die Augenbrauen hoch. Sadie fürchtete, dass sie es sich jetzt schon mit ihrer potentiellen Gastgeberin verdorben hatte. Denn weit und breit war nur noch ein weiteres Auto zu sehen. Da standen die Chancen sehr gut, dass dies ihre Vermieterin war. Doch ihre Bedenken schwanden, als sich plötzlich ein breites Grinsen auf deren Gesicht abzeichnete.

»Sie sind doch nicht etwa auf der Flucht, oder? Denn ich beherberge normalerweise keine flüchtigen Straftäter. Wobei es sicher auch mal seinen Reiz hätte.« Sie tippte sich mit dem Zeigefinger langsam ans Kinn, als ob sie gerade abwägen würde, welchen Lebenslauf sie sich von der Fremden wünschte.

»Ich bin keine Straftäterin, versprochen.«

»Schade«, erwiderte die Dame und wirkte tatsächlich ein wenig enttäuscht. »Wissen Sie, ein bisschen Action könnte diesem kleinen Städtchen wirklich nicht schaden. «

»Ja, das kann ich mir vorstellen«, murmelte Sadie, ehe sie aufklärte, wer sie war. »Hi. Mein Name ist Sadie Rivers. Ich komme von der Vancouver Sun. Ich glaube, Sie erwarten mich.«

Ihr Gegenüber schwieg einen Moment, doch dann schien sie sich von der Enttäuschung, dass ihr neuer Gast keine Massenmörderin war, erholt zu haben und fuchtelte wild mit den Händen vor ihrem Gesicht herum. »Natürlich, natürlich. Ms. Rivers, ich habe schon auf Sie gewartet. Ich bin Moira Turner, die Inhaberin dieses wunderschönen Fleckchens Erde.« Sie breitete einladend ihre Arme aus. »Und bitte nennen Sie mich Moira. Wir sind hier nicht so formell.«

»Sadie«, antwortete sie erleichtert und reichte Moira die Hand.

»Ich zeige dir am besten gleich, wo du dich einrichten kannst. Mr. Montgomery hat mir berichtet, dass du bis Heiligabend bei uns bleiben wirst?«

»Ja, voraussichtlich.«

»Ach, wie schön. Ich bin überzeugt, dass es dir hier gefallen wird.«

Sadie war sich da allerdings noch nicht ganz so sicher, deshalb lächelte sie nur und folgte Moira zu einem der Ferienhäuschen. Sie blieben vor Cottage Nummer vier stehen und ihre Vermieterin öffnete fröhlich die Tür.

Die Einrichtung war sehr rustikal. Es war alles aus Holz und an den Wänden hingen die typischen Jagdtrophäen. Es gab ein Wohnzimmer mit einem Esstisch und einer kleinen Küche und auf der anderen Seite des Eingangs ein geräumiges Schlafzimmer. Was Sadie aber sofort ins Auge sprang, war die riesige Terrasse. Schnell durchquerte sie den Raum und trat erneut in die kühle Winterluft hinaus.

»Wow«, entfuhr es ihr, und sie stützte sich ungläubig am Geländer ab.

»Ist es nicht schön hier?«, fragte Moira fröhlich, als sie ebenfalls die Brüstung erreichte.

»Ich … Ich glaube, ich habe noch nie etwas so Schönes gesehen.« Sadie ließ langsam ihren Blick über das Tal schweifen. Ein tiefblauer See lag zu ihren Füßen und schlängelte sich majestätisch durch die breite Schlucht. Er war umringt von schneebedeckten Bergen und Wäldern. »Es ist einfach eine Wahnsinnsaussicht hier.«

»Das kannst du laut sagen. Kenth mag vielleicht ein verschlafenes Nest sein, aber diesen Ausblick findest du nirgends sonst auf der Welt. Ein Glück für mich, denn genau deshalb verirrt sich der eine oder andere Tourist hierher.«

»Das glaube ich dir sofort.«

Moira grinste zufrieden. »Es gibt gleich Mittagessen, wenn du magst. Du hast drei Mahlzeiten inklusive. Solltest du aber mal länger unterwegs sein, sag mir einfach Bescheid, und ich stelle für dich einen Teller auf die Seite. Du findest aber auch alles, was du brauchst, in der Küche, falls du lieber selbst kochst.«

»Nein, nein, das ist schon o.k., ich koche nicht so gerne.« Nicht mehr, seit sie jedes Mal Angst haben musste, dass ihr Justin den Teller an den Kopf warf, wenn er nicht zufrieden mit ihren Gerichten war.

»Kein Problem. Dafür hast du ja mich.« Moira legte ihr liebevoll eine Hand auf die Schulter. »Ich liebe es zu kochen. Aber das muss ich auch, denn Bernhard und ich haben fünf Kinder. Da wirst du beinahe einen Monatslohn los, wenn du mit allen ins Restaurant gehst.« Sie kicherte in den höchsten Tönen, aber Sadie wurde sofort warm ums Herz. Diese Frau erinnerte sie sehr stark an eine weibliche Ausgabe von Thomas. Warmherzig, liebevoll und stets mit einem offenen Ohr für alle.

»Vielen Dank, Moira. Ich packe noch schnell ein paar Sachen aus und komme dann … in den Speisesaal?«

»Papperlapapp, du isst natürlich mit mir und Bernhard. Komm einfach im Hauptgebäude in den ersten Stock. Dort befindet sich unsere Wohnung. Es gibt Lachsfilet mit Reis. Ich hoffe, du hast Hunger mitgebracht. « Moira strahlte sie übers ganze Gesicht an.

»Das klingt toll. Ich komme sehr gerne.«

»Perfekt. Bis gleich.« Mit diesen Worten huschte Moira wieder ins Cottage und ließ Sadie allein in der kalten Winterluft. Für einen kurzen Augenblick blieb sie reglos an der Brüstung stehen und atmete tief ein und aus.

So lässt es sich auf jeden Fall aushalten bis zum 24., dachte sie sich und schmunzelte vorsichtig.

Bevor sie zu Moira ging, zerrte sie ihre riesigen Koffer aus dem Auto, schulterte die Laptoptasche und platzierte alles mitten im Wohnzimmer.

»So geht das nicht«, murmelte sie, nachdem sie das Zimmer kurz inspiziert hatte, und begann, die Möbel zu verrücken.

Zehn Minuten später begutachtete sie zufrieden ihr Werk. Die Couch stand jetzt näher am Kamin. Dafür hatte nun der Esstisch genau vor dem großen Fenster Platz, mit ausgezeichneter Sicht auf die Terrasse und das Tal. Sie würde zwar damit bestimmt nicht in einen ›Schöner Wohnen‹ Katalog kommen, dafür war es aber der perfekte Ort zum Schreiben. Mit dieser Aussicht musste die Inspiration für ein neues Buch einfach wieder zu ihr zurückkehren. Vielleicht schrieb sie ja dieses Mal etwas Brauchbares. Beim Gedanken an ihre Verlagsabsage verzog sie das Gesicht. Sie hatte dieses fette »Nein« immer noch nicht überwunden. Ihr Ego hatte stark darunter gelitten, dies hatte sie sich mittlerweile eingestanden. Aber dass sich sogar ihre ganze Motivation zum Schreiben in Luft aufgelöst haben sollte, wollte sie nicht wahrhaben. »Irgendwann wirst du dein eigenes Buch in den Händen halten und wenn es das Letzte ist, was du tust«, sagte sie sich fest entschlossen, ehe sie erneut in die kalte Winterluft hinaustrat und zu Moiras Wohnung hinübereilte.

»Es ist wirklich köstlich gewesen, danke Moira«, sagte Sadie, nachdem sie den zweiten Teller mit Lachs und Reis verputzt hatte.

»Das freut mich, Liebes. Es ist schön, wenn man mal wieder Komplimente für seine Arbeit bekommt.« Ihr Blick fiel sofort auf ihren Mann und der Tonfall veränderte sich merklich. Aber dieser blätterte weiter seelenruhig in seiner Zeitung, als wäre er auf beiden Ohren taub.

Als Moira die Augen verdrehte, konnte Sadie ein Kichern nicht mehr unterdrücken. Sofort hob Bernhard den Kopf. »Was ist denn los? Habt ihr etwa von mir gesprochen? « Er sah fragend von Moira zu Sadie und beide Frauen prusteten los.

»Natürlich, Schatz. Ich habe Sadie gerade erzählt, was für ein liebevoller Ehemann du bist.«

Ein breites Grinsen erschien sofort auf seinem Gesicht, ehe er sich wieder seiner Zeitung widmete.

Die Zwei waren echt süß, dachte sich Sadie, und ihr Herz verkrampfte sich augenblicklich.

Auch Justin hatte seine liebevollen Momente. Doch nach dieser einen Ohrfeige wegen ihrer zu hohen Pumps und dem zu aufreizenden Donna Karen Kleid dauerte es nicht lange bis zu ihrem ersten Besuch in der Notaufnahme. Sie hatte ein gebrochenes Jochbein, mehrere Prellungen, Blutergüsse und zwei angeknackste Rippen. Glücklicherweise konnte sie die Ärzte davon überzeugen, dass sie die Treppe hinuntergefallen war. Doch auch wenn sie keine plausible Erklärung für ihre Verletzungen gehabt hätte, hätte bestimmt niemand ihren liebevollen und äußerst zuvorkommenden Freund verdächtigt. Schließlich war er Tag und Nacht an ihrem Krankenbett und ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass sie ihn sonst verpfeifen würde.

Als sie wieder zu Hause waren, versprach er ihr hoch und heilig, dass so etwas nicht noch einmal vorkommen würde. Er hielt sein Versprechen einen knappen Monat. Danach musste Sadie ihre Blutergüsse am Hals mit Theaterschminke abdecken, damit niemand auf der Arbeit Verdacht schöpfte. Justin konnte alle täuschen und um den Finger wickeln. Nur Thomas erkannte sein wahres Gesicht. Glücklicherweise wurde sie mit der Zeit und vielen YouTube-Tutorials zu einer richtigen Make-Up-Artistin und konnte somit die meisten Verletzungen gut kaschieren. Sonst hätte Thomas ihn wahrscheinlich längst angezeigt.

»Möchtest du noch ein Dessert?«, fragte Moira und riss Sadie somit augenblicklich aus ihren Gedanken. »Es gibt Apfelkuchen.« Sie blickte sie hoffnungsvoll an und Sadie wusste sofort, dass sie nicht ablehnen durfte.

»Das lasse ich mir nicht entgehen«, antwortete sie und lächelte angestrengt, um die dunklen Gedanken aus ihrem Kopf zu vertreiben.

»Wunderbar. Ich bin gleich zurück.« Moira verschwand schnell in der Küche und Bernhard atmete tief ein, als er umblätterte. »Diese Frau könnte wahrscheinlich die Hungersnot in Afrika mit ihren üppigen Mahlzeiten beenden. Sie kocht immer noch für eine halbe Armee.« Er blickte kurz auf und lächelte Sadie an. Es war nur ein kleiner Augenblick, aber in diesem Moment erkannte sie die tiefe Zuneigung, die er für seine Frau hegte.

»Und du bist dir sicher, dass ich dich nicht fahren soll?« Moira stand im Hauseingang und sah Sadie nach. »Nicht