Die wundersame Erkundung der Farbe Moll - Esther Grau - E-Book

Die wundersame Erkundung der Farbe Moll E-Book

Esther Grau

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Beschreibung

"Hatte sie sich verrannt? Das Fatale an Holzwegen war ja, dass sie lange nach Wald und Spaziergang aussahen – bis sie mit einem Mal im Nichts endeten." In einer schlaflosen Nacht begegnen sich in München zwei ratlose Berater. Mona steckt als Berufsberaterin in einer Sackgasse und Consultant Ben droht ein Burn-out. Seltsame Träume erleben beide. Zusammen folgen sie den Zeichen, die sie quer durch die Schweiz führen. Auf den Spuren ihrer Träume, alter Wunden und der Gemälde Ferdinand Hodlers suchen sie, was wirklich für sie zählt. Ein Roman über den Mut zum Aufbruch, den Zauber der Kunst und die Magie neuer Wege.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Esther Grau

Die wundersame Erkundung der Farbe Moll

Roman

Grau, Esther : Die wundersame Erkundung der Farbe Moll. Hamburg, acabus Verlag 2018

Originalausgabe

ePub-eBook: ISBN 978-3-86282-595-0

PDF-eBook: ISBN 978-3-86282-594-3

Print: ISBN 978-3-86282-593-6

Lektorat: Lea Oussalah, acabus Verlag

Cover: © Annelie Lamers, acabus Verlag

Covermotiv: pixabay.com

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Der acabus Verlag ist ein Imprint der Diplomica Verlag GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.

_______________________________

© acabus Verlag, Hamburg 2018

Alle Rechte vorbehalten.

http://www.acabus-verlag.de

Das Nachtgespinst hing zerrissen zwischen den Win­dungen ihrer Erinnerung. Mona massierte sich die Schläfen. Der Traum lag ihr auf der Zunge, noch nicht ganz vom Vergessen verschluckt. Ein dunkelgelockter Mann … eine offene Tür … eindringliche Augen … Er stand da und sah ihr beim Vergessen zu.

Mit Daumen und Zeigefinger kniff sich Mona in die Nasenwurzel, um den Druck dahinter zu lösen, den sie dem geizigen Sandmann verdankte. Gestern wartete sie lange, bis er endlich mit ihr ins Bett ging und seine nächtlichen Pflichten erfüllte.

Müde sah Mona aus dem Fenster ihres Büros. Ihr Blick dümpelte draußen im Regen. Die Tropfen trommelten den Grundton des Sommers in Münchner Pfützen. Drinnen immerhin wohltemperiertes Klima, im Flur der Klang geschäftiger Schritte und eiliger Vorgänge. Kollegen rauschten an immer offenen Türen vorbei.

Mona machte einen guten Job. Sie war Herrin über ein Heer von Broschüren, die sie jedem mit auf den Weg gab, der sie um Rat anging, um beruflich voranzukommen. Die Büros ergaben ein Quadrat auf drei Etagen. Alle schauten einander in die Fenster. Innen bedeckten die Trennwände kaum die Scham, ab Hüfthöhe waren sie Glas. Im Stehen übersah Mona die Büroflucht ihrer ganzen Etage.

Gerade kam ein besonders blasses Mädchen auf Mona zu. Stumm setzte sie sich ihr gegenüber und sah Mona aus großen Augen an.

»Hallo, wie kann ich helfen?«, fragte Mona. Sie vermied das Sie, denn das Mädchen wirkte jung. Vielleicht halb so alt wie sie – und halb so schmal.

»Ich möchte studieren«, erklärte die Blasse zögernd, »aber ich weiß nicht was.«

»Für Berufsberatung sind wir da«, sagte Mona munter, obwohl ihr schwante, dass sie einen der schweren Fälle vor sich hatte: eine ganz und gar Ahnungslose, ohne eine Idee von sich. »In welche Richtung gehen deine Interessen?«

»Sie sind vielseitig«, sagte das Mädchen vage. »Ich kann mir eine Menge vorstellen.«

»Gut, dann erst einmal einen Überblick.«

Mona spulte die eingeübte Rede ab. Sie sprach über Aus- und Fortbildung, Chancen und Perspektiven. Dabei behielt sie das Mädchen scharf im Auge, doch das blasse Gesicht blieb verschlossen. Mona schwenkte den Bauchladen der Berufe, in dem sie Leckerbissen offerierte, Sahneschnitten anpries und von großen Torten sprach. Abends würde ihr wieder übel sein. Vielleicht, weil sie etwas ahnte, was die angehende Studentin noch nicht wusste: dass sie bald in ihrem Beruf aufgehen würde – und dass das nicht nur etwas Gutes war.

Mona stockte.

Ausgerechnet die Sprechpause gewann die Aufmerksamkeit der Blassen. Ihr Oberkörper bog sich leicht nach vorn.

»Was spricht dich an?«, hakte Mona nach.

»Ich weiß nicht. Das ist so viel. Was kann man denn damit machen?«

Mona wiederholte die Möglichkeiten. »Du musst nur wissen, wer du sein willst«, schloss sie leichthin.

Der Blick der Blassen wurde leer.

»Das wusste ich nicht, dass man die schwerste Frage gleich am Anfang beantworten muss.«

Das blasse Mädchen verabschiedete sich mit laschem Händedruck und verließ Monas Büro, ohne eine der Broschüren mitzunehmen. Mona schob die Hochglanzprospekte mit den schwer bearbeiteten Bildern fröhlicher Zukünfte auf ihrem Schreibtisch zusammen. Glatte Gesichter strahlten sie mit blendend weißen Zähnen an. Den unberührten Broschüren entströmte ein druckfrischer Duft, der sich erst nach einer Weile im neutralen Geruch des Büros verlieren würde. Beim Sortieren wog der Stapel schwer in Monas Hand. Sie legte ihn beiseite. Doch fing er auch auf der hintersten Kante des Aktenschranks ihren Blick immer wieder ein. Die eigenen Worte hallten in ihr wie ein Echo nach: Du musst nur wissen, wer du sein willst.

Monas Stirn glühte und kündigte einen drückenden Kopfschmerz an. Womöglich hatte sie sich bei dieser Blassen etwas eingefangen. Sie versuchte sich Linderung mit dem Gedanken zu verschaffen, heute früher nach Hause zu gehen. Noch während sie auf die Wirksamkeit dieser Idee wartete, verlängerte sich ihr Arbeitstag auf unvorhergesehene Weise. Miriam, ihre Chefin mit den tiefen Stirnfalten, kam herein und stapelte ihr Beratungsanfragen und Protokollbögen auf den Tisch.

»Bis morgen, ja?«, sagte sie lapidar.

Mona füllte die Aufgaben aus, die sie viel länger als sonst im Büro hielten. Als sie endlich ihre Sachen am Schreibtisch zusammenraffte, verfolgte sie das Gefühl, dass etwas fehlte. Sie sah in ihrer Tasche nach, packte sie aus und wieder ein, wühlte in den Schubladen. Doch das Gefühl blieb, auch als Mona das Büro schon lange verlassen hatte. Den ganzen Abend und noch zwischen ihren Träumen nagte die Frage an ihr, was sie übersehen hatte. Nicht einmal am Morgen ließ sie sie los. Erst als Mona den nächsten Beratungstermin auf sich zukommen sah, fiel ihr endlich ein, was sie vergessen hatte: Ihr fehlte die Antwort auf die Frage, ob sie selbst geworden war, wer sie hatte sein wollen.

Nach der Arbeit schlich Mona durch die Maximilianstraße, die ihr grelle Angebote in den Weg warf. Mona ließ sie links liegen. Nur einmal sah sie aus den Augenwinkeln, dass das Fenster eines Bekleidungsgeschäftes neu dekoriert wurde. Die Mitarbeiterin zupfte und turnte unter ulkigen Verrenkungen durch die Auslage, um die Schaufensterpuppen richtig zu inszenieren. Dann aber verschwand die Frau im Laden und ließ Mona vor dem unfertigen Fenster zurück. Auf einmal war es Mona unangenehm, wie die nackten Puppen sie aus leeren Ovalen anstarrten. Ihr schwindelte. Sie tastete an der Schaufensterscheibe nach Halt. Erst nach einigen Sekunden wankte sie weiter. Auf dem Glas blieb ein schmieriger Abdruck zurück.

Mona kehrte in ihre Lieblingsbuchhandlung ein wie andere in die Stammkneipe. Sie stöberte durch die Titel und Anfänge neuer Geschichten. Heute sprach sie keine an. Suchend sah sie sich um, denn es fühlte sich falsch an, den Laden zum ersten Mal mit leeren Händen zu verlassen. Da blieb ihr Blick an dem Postkartenständer hängen. Langsam drehte ihn Mona, bis ihr eine Kunstpostkarte auffiel, auf der ein Mädchen mit langen roten Haaren in einer Mohnblumenwiese kniete. Mona mochte die Karte und zog sie aus dem Ständer. Da sah sie, dass das Bild noch nicht zu Ende war. Im unteren Viertel lag ein nackter, milchweißer Mann schlafend auf dem Rücken. An der Kasse drehte Mona die Karte um und las den Titel: Der Traum von Ferdinand Hodler.

Ein wenig neben sich verließ Mona die Buchhandlung. Draußen griff der Wind tief in ihren Mantel und zerrte daran wie ein ungeduldiges Kind. Sie ging schneller.

Zuhause riss sie die Balkontür auf. Das dunkle Rauschen der Tannen davor lockte Mona auf die Balkonplattform. Sie hing in der Luft wie mit Wächtern umstellt. Tannen wenigstens hatten keine Gesichter, dachte Mona, nur Köpfe, die ihr im Wind zunickten wie früher im bayrischen Dorf, wo sie aufgewachsen war. Dort sah sie in die Tannenkronen, als der Krebs die Mutter fraß und der Vater im Auto aus der Kurve flog. Die Tannen breiteten den Mantel ihres Schweigens über Mona aus, hüllten sie in den tröstenden Duft ihrer Nadeln und standen ihr bei, als sie die Zeit bis zum Abitur auf der Ausziehcouch der Tante absaß. Kaum groß geworden, wurde Mona das Dorf zu klein. Sie ging nach München und verlor den Nadelduft solange aus der Nase, bis sie diese Wohnung fand. Sie mietete sie sofort.

Mona drehte sich um und sah durch die Balkontür von außen in das erleuchtete Wohnzimmer. Da stand der vertraute graue Sessel vor den hohen Bücherregalen mit all den Geschichten, die sie liebte. Buchrücken wuchsen an allen Wänden empor, sie liefen quer über die Türrahmen und schwangen sich sogar bis zu den sichtbaren Dachbalken hinauf, die Mona mit Brettern verbreitert und so zu weiteren Geschichtenträgern gestaltet hatte. Die Bücher sahen einladend aus und doch änderte die Glastür alles. Sie kamen Mona auf einmal fremd vor. Nichts rief in ihr »daheim« und »zu Haus«, als sie so in ihre Wohnung sah. Nur ein Gefühl unerklärlichen Verlustes breitete sich in ihr aus.

Die Unruhe hielt Mona lange wach. Noch tief in dieser Nacht lag sie schlaflos. Schließlich stand sie wieder auf und wanderte durch die nächtliche Wohnung. Sie machte kein Licht, um nicht gänzlich aus dem Dunstkreis des Schlafes zu treten. Blind setzte sie Tee in der Küche auf und sah auf die Straße. Gegenüber ragte die dunkle Fassade des hohen Nachbarhauses auf, das ihr immer ein wenig Unbehagen bereitete, vielleicht, weil es ihr zu nahe stand.

Der ganze Straßenzug lag in unerleuchtetem Schlaf. Nur ein Fenster schimmerte im matten Blau eines Bildschirms.

Als Mona dort den Mann das erste Mal sah, war er ein vager Schatten. Seine Konturen verschwammen, waren nur eben als Mann erkennbar. Mona verbarg sich hinter dem Vorhang, um ihn ungesehen zu betrachten.

Seine linke Hand hing herab, die Rechte hielt mit dem Handy die Verbindung zur Welt. Einmal sah er auf und Mona stellte sich vor, wie seine Augen über ihre Fassade wischten. Was ihn wohl wachhielt?

Mona schlüpfte hinter dem Vorhang hervor und zündete eine Kerze an. Sie stellte sie ins Fenster. Vielleicht bedurfte der andere Nachtwache jenseits der Straße eines Scheins in der Dunkelheit.

Später kam der Sandmann hastig und Mona träumte, sie ginge nach Hause. Langsam stieg sie die Stufen durchs Treppenhaus hinauf. Der Duft frisch gewischter Böden hing in der Luft. An der Wohnungstür der Nachbarin, vor der eine sehr saubere Schmutzfangmatte lag, saß eine junge Frau auf den Stufen, den Rücken gebeugt.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Mona.

Die junge Frau sah auf und Mona erschrak. Es war die Blasse. »Das hoffe ich.«

»Was machen Sie denn hier?«

»Ich kenne mich nicht mehr aus«, sagte das blasse Mädchen. Ihr Gesicht war Mona mit einem Mal unangenehm nah. Die Augen der Blassen stellten eine unausgesprochene Frage, auf die Mona nichts zu erwidern wusste. Am liebsten wäre sie umgedreht und geflohen.

»Gehen Sie nur rauf«, sagte da die Blasse. »Ich will Sie nicht aufhalten.«

Mit kurzem Kopfnicken stieg Mona die Treppe bis zu ihrer Wohnung empor. Doch oben angekommen, fand sie ihre Tür seltsam verfremdet. Sie sah wie die Hintertür eines Fabrikgebäudes aus und trug ein schiefes Schild mit einem verschnörkelten Schriftzug: Institut für Mustererkennung.

Mona drückte die Klinke. Die Tür war verschlossen, doch Monas Schlüssel passte. Sie schlüpfte hinein.

Innen fand sie sich in einer spärlich erleuchteten Fabrikhalle wieder. Das flirrende Licht schwirrte im Raum und erzeugte eine warme Atmosphäre, als strahlten die wenigen Gegenstände darin von innen. Den Maschinen und Geräten, die Mona undeutlich sah, konnte sie keine Funktion zuordnen. Klar nahm sie nur den Duft eines Pflegemittels mit Mandelaroma wahr, der in der Luft schwebte. Am anderen Ende der Halle saß ein Mann an einem Schreibtisch, über dem ein Bildschirm an der Wand hing. Mona ging hin.

Er hob den Kopf und sah sie ohne Überraschung an, als habe er sie erwartet.

Da erkannte Mona seine dunklen Locken wieder. »Verzeihung, wer sind Sie? Arbeiten Sie hier?«

»Ja, in der Tat. Ich bin der Leiter.«

Der Leiter trug einen weißen Kittel und die schwarzen, sanft gewellten Haare bis zum Kragen. Seine reine Haut strahlte wie in Marmor gemeißelt. Unter dunklen Brauen traf Mona Bernsteinglanz aus wachen Augen.

»Darf ich fragen, was Sie hier tun? Was bedeutet ›Mustererkennung‹?«

»Ich kümmere mich um Muster aller Art«, antwortete der Leiter.

»Ach, sind Sie Künstler?«

»Nein, ich erstelle keine Muster. Ich interpretiere sie.«

»Ach so, Sie knacken Codes.«

»Code knacken ist ziemlich nah dran. Aber da ich ahne, wie Sie es meinen, stimmt es doch wieder nicht.«

Der Leiter verwirrte Mona nicht nur mit Worten, sondern auch durch sein Gesicht, in dem hohe Wangenknochen sehr weiblich unter dem markanten Bart hervorstachen.

»Und wer beauftragt Sie?«

»Leute wie Sie, in der Regel.«

»Was könnte ich von Ihnen wollen?«, fragte Mona.

»Dass wir Ihre Muster finden. Wir sind wie eine Detektei. Wir bringen Sie auf die richtige Spur.«

»Detektei für Lebensmuster?«, fragte Mona. »Wie kommt man auf die Idee?«

»Das fragen Sie mich?« Der Leiter lachte leise, bis feine Falten seine Augen umgaben. »Sehen Sie, alle leben ihre Muster nach eigenen Regeln, nur manchmal passiert ihnen ein Malheur. Sie vergessen die Regeln und verstehen die Welt nicht mehr.«

»Und was machen Sie dann?«

»Wir helfen ihnen, sich zu erinnern. Solange sie nicht wissen, was sie tun, kommen sie nämlich immer so schlecht an den Schalter.«

»Welchen Schalter?«

»Den, um die Richtung zu ändern.«

Der nächste Morgen verging vor Monas Fenster wie verstaubtes Gold. Ein fast nackter Baum erhob sich im Scherenschnitt gegen die Himmelsdiesigkeit. Staub tanzte vor Monas Augen. Allmählich verblasste das Morgengold und verschwand hinter dem Haus gegenüber. Dort sah Mona wieder den schlaflosen Nachbarn. Er saß mit freier Brust an seinem Küchentisch, die Ellenbogen aufgestützt, und stürzte seinen Blick in eine Tasse. Sein entblößter Körper beugte sich angespannt nach vorn, gezogen vom zu schweren Kopf in seinen Händen. Nie hatte Mona ihn bei Tag gesehen. Bisher hielt sie seine Wohnung für leer, obwohl voll möbliert. Jetzt war da ein neuer Mann zwischen alten Möbeln, der nichts anderes kannte als das All seiner Tasse.

Arbeit juckte unter der Schädeldecke. Mona beeilte sich zu duschen, wusch sich den Kopf und die Haare unter Druck. Tropfend stand sie dann vor dem Kleiderschrank. Ihre Hand hastete durch die Stoffe, hetzte über die Bügel. Alle Farben, alle Formen kamen Mona falsch vor. Nichts passte. Die Zeit drängte, es blieben nur Minuten bis zum nächsten Zug. So fuhr Mona in ein möglichst vages Oberteil: eine helle Bluse zu einer dunkelbraunen Strickjacke.

Sie eilte nach draußen und atmete im Laufen die regenfrische Luft ein. Im Vorgarten roch es erdig nach den vollgesogenen Beeten. Mona zog ihre Jacke enger um den Körper. Nicht für sich, aber für den Tag hatte sie sich richtig angezogen.

Mona hastete zur Bahn und reihte sich in die morgenmüden Gesichter. Die Köpfe pendelten im Gleichtakt der Tram, alle Blicke gesenkt. Um diese Zeit fiel kein überflüssiges Wort, alle versuchten im Gedränge, einen Rest nächtlicher Ruhe zu bewahren. Mit schläfrigen Fingern tippten sie die Welt an. Alles, was sie berührten, tanzte auf den nimmermüden Bildschirmen in ihren Händen.

Die Stationen flogen vorbei wie wiederkehrende Träume. Unter schweren Lidern sah Mona durch die Schmutzschlieren der Scheibe hindurch. Auto an Auto an Auto. Ein Wagen der Wachgesellschaft schloss mit der Bahn auf.

Die Tram spuckte Mona nah an der Arbeitsstelle aus. Sie lief die paar Schritte mit drückenden Hacken und stemmte die schwere Eingangstür auf, die hinter ihr ins Schloss donnerte. Es hallte im ganzen Gebäude, ohne es im Mindesten zu erschüttern.

Die Stufen zum Büro schienen Mona mit jedem Schritt steiler. Im Vorbeigehen grüßte sie ein paar Kollegen, aber es blieb keine Zeit, auf die Politik offener Türen einzugehen.

Am Schreibtisch prügelte Mona Berichte in die Tastatur, als verliehe dies ihren Worten mehr Nachdruck. Aber was nützte Nachdruck auf schnöden Formularen? Wortgeschosse gingen in sorgfältigen Manövern hin und her, bis sie trafen, worauf sie angelegt waren.

»Pizza?«, fragte Jo aus dem Nachbarbüro, als sei das eine Überraschung. Dabei steckte er täglich um die gleiche Zeit den Kopf in Monas Büro, um zu fragen.

Mona lehnte ab und packte ihr mitgebrachtes Mittagessen aus. Es kam ihr absurd vor, sich für ein paar Kröten langsam abzuarbeiten, nur um das Geld in Fast Food zu stecken. Abwechselnd biss sie in belegte Brote und ein Stück Gurke.

Die Kolleginnen Lena und Nina kamen zu Mona he­rüber. Sie sprachen über Wetter, Wochenende und wechselnde Liebhaber.

»Entscheidungen fallen mir immer so schwer«, sagte Lena schließlich.

»Memento mori«, schlug Mona vor.

»Ich denke lieber nie an den Tod«, sagte Nina, goss Kaffee nach und bekam noch ein Kind. Das Leben war Spielplatz und Burgenbau und Hausaufgabe. Später Streit und Zank und Ach. Bis das Haus wieder leer und die Zeit frei wäre, um zu reisen, wohin sie noch wollte. Entspannt ginge sie dem Ruhestand entgegen und hüpfte hinein, bis das Herz den finalen Satz täte. Ein gutes Leben, oder nicht? Mona sah es klar vor sich.

Zwischen den nächsten Absätzen hielt sich Mona an ihrer Kaffeetasse fest. Zum ersten Mal betrachtete sie sich und ihre Kollegen wie etwas Ungewohntes. Die Hetze verband sie alle zu etwas Geschäftigem, in dem niemand allein sein musste. Das heizte dem Betriebsklima ein und machte warm im Magen wie ein schwerer Gang. Telefone kreischten nach Aufmerksamkeit, Kollegen eilten durch Flure und Papiere. Mona dachte an den Roman in ihrer Tasche. Aus einem Buch konnte man keine Figur entfernen. Aber hier? Die Ablage von Lena konnte auch Nina machen – und umgekehrt. Wäre Mona ihnen in einem Buch begegnet, hätte sie wenigstens sicher sein dürfen, dass das etwas bedeutete.

Im Flur erschienen schüchtern die ersten Teilnehmer für das Bewerbungstraining. Mona ging ins Konferenzzimmer. Heute war es an ihr, den Raum vorzubereiten. Sie stellte das Flipchart auf, machte Tee und Kaffee, arrangierte Kekse, legte Stifte, Blöcke und Karten parat. Mona holte sogar Servietten mit Smileys aus der Küche, die von einer Feier übrig geblieben sein mochten, um sie als Aufmunterung auf den Plätzen zu verteilen. Blühte nicht vor dem Haus der Flieder? Mona ging hinunter und schnitt einige Dolden ab, suchte die letzte noch lebende Vase und platzierte die Blumen auf dem Konferenztisch.

»Das bist so du«, lachte Lena, die mit der Teilnehmerliste hereinkam.

»Wieso?«, fragte Mona.

»Na, dieses ganze Arrangement – die Blumen, die Deko: Das ist genau dein Stil.«

Lena war schon lange aus dem Zimmer verschwunden, als Mona immer noch mit einer seltsamen Verstimmung dastand. Was, wenn sie keinen Flieder geschnitten, keine Servietten geholt und die Kekse ausgelassen hätte? Wäre sie dann nicht sie selbst gewesen?

Die Frage ging im Training unter und verschwand zwischen den Akten, die ihr Lena danach in die Hand drückte. Mona wusste: Lena hasste alles, was Excel verlangte.

»Ich kann mir keine Fehler mehr leisten, sonst bin ich bei Miriam geliefert. Du kannst das doch so viel besser als ich«, verpackte Lena ihre Bitte.

Mona zog die Schleife vom Kompliment ab, darunter lag ein Haufen Arbeit. Geschenkt. Mona schaufelte sich hindurch. Gegenüber gingen die Lichter im Büropuppenhaus nacheinander aus. Als letzte verließ Mona das Quadrat.