Die wundersame Mission des Harry Crane - Jon Cohen - E-Book

Die wundersame Mission des Harry Crane E-Book

Jon Cohen

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Beschreibung

Harry Crane braucht nicht viel zum Glücklichsein: seine über alles geliebte Frau Beth und seinen Wald. Als Beth überraschend stirbt, verliert er jeglichen Halt, nicht einmal bei den Bäumen findet er Trost. So beschließt er, in den tiefen Wäldern Pennsylvaniens für immer zu verschwinden. Dabei kommt ihm jedoch ein kleines Mädchen in die Quere. Die zehnjährige Oriana hat selbst gerade ihren Vater verloren, aber sie ist felsenfest überzeugt, dass er keineswegs tot, sondern wie im Märchen nur verwandelt ist – und es an ihr liegt, den bösen Zauber zu brechen. Da kommt ihr Harry wie gerufen ... Gemeinsam machen sich die beiden auf, um ein Märchen wahr werden zu lassen.

Zartbitter, witzig und rührend schön, über Trauer und Verlust, über die Macht von Geschichten und die heilende Kraft von Bäumen – ein Roman, der sprüht vor Fantasie, Fabulierlust und ungebrochener Lebensfreude.

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Seitenzahl: 737

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Jon Cohen

Die wundersame Mission des Harry Crane

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Kranefeld

Insel Verlag

Die wundersame Mission des Harvy Crane

Für Mary

1

****

Die Trauerfeier für Beth, Harry Cranes große Liebe und vierzehn Jahre lang seine Frau, fand im Leiper Friends Meeting House in Waverly bei Philadelphia statt. In dem großen schmucklosen Raum hatten sich ganze Scharen von Freunden, Verwandten, Nachbarn und Kollegen eingefunden. Eine Frau flüsterte leise: »Seht ihn euch nur an. Der Arme!« Wie ein Häuflein Elend saß Harry da, in der ersten Bank, sein blauer Anzug zerknittert, flankiert und gestützt von der massigen Gestalt seines großen Bruders Wolf und Beth' Vater Stan.

Stille senkte sich über die versammelten Gäste. Bei den Quäkern sitzen die Trauernden in ihrem Schweigen vereint, bis irgendjemand sich berufen fühlt, ein paar Worte zu sagen, ein Gedicht vorzutragen oder auch ein Lied. Die Stille zog sich, Minuten vergingen. Draußen schlug der kalte Märzwind einen Ast gegen ein Fenster. Ein Baby begann zu greinen. Ein alter Mann hustete. Taschentücher wurden gezückt und flatterten wie weiße Taubenflügel durch den Raum.

Sandy Maynard fasste sich als Erste ein Herz und stand auf. Mit Sandy hatte Beth alle zwei Wochen dienstags eine Runde Tennis gespielt. »Beth«, sagte sie und hielt die Rückenlehne der Bank vor sich umklammert. »Beth, ich möchte dir etwas sagen. Du warst eine wunderbare Freundin.« Tränen strömten über Sandys Wangen. »Du warst mir eine wunderbare Freundin, und ich werde dich jeden Tag für den Rest meines Lebens vermissen.« Sandys Mann drückte ihr noch ein Taschentuch in die Hand und half ihr, sich wieder zu setzen.

Harry schaute starr geradeaus.

Carl Bachman, dem das Deli Café gehört, erhob sich schwerfällig. »Also«, sagte er, wischte sich erst mal über die Stirn und räusperte sich. Carl war kein Mann der großen Worte. »Also gut, ich wollte nur sagen, dass Beth bei uns immer gern gesehen war, sie wird mir echt fehlen, eine tolle Kundin. Und Harry, ich weiß, was für ein toller Ehemann du warst. Und das alles, eine ganz schöne Tragödie. Also schlimm, versteht sich. Und ja … Es ist einfach nicht zu verstehen. Gott ist groß, aber seine Wege sind unergründlich.« Carl stutzte und schaute sich leicht panisch um, als fragte er sich plötzlich: Darf man bei den Quäkern überhaupt Gott sagen? Verdammt, wie sind hier die Regeln? Er räusperte sich. »Danke.« Dann ließ er sich zurück auf seinen Platz sacken.

Die Blicke der Trauernden richteten sich wieder auf Harry. Draußen fuhr ein Lastwagen vorbei. Das tiefe Wummern des Motors war bis in den Saal zu spüren. Harry setzte sich zurecht, blinzelte. Alle hielten gespannt den Atem an, warteten, aber vergebens.

Links hinter Harry sprang eine Frau auf, wie ein kleines Erdmännchen stand sie da, und hielt ihre Querflöte hoch. »Ich würde gern etwas für dich spielen, Beth. Eigentlich wollte ich ein Stück komponieren, nur für dich, aber ich war einfach zu traurig, um auch nur zwei Töne aneinanderzureihen. Deshalb spiele ich jetzt ein Lied von den Beatles. Bei den Beatles findet man die ganze Bandbreite der Gefühle, und genau das möchte ich ausdrücken. Das Stück heißt Hello Goodbye.« Sie hob die Flöte an die Lippen und ließ einen schrillen nervösen Pfeiflaut ertönen. »Oh je, einen Moment. Ich muss hier kurz was einstellen. Moment.« Sie hantierte mit dem Stimmzug, drehte hier und da am Instrument und setzte erneut an. Sie schloss die Augen und spielte den ersten Ton. Diesmal traf sie ihn perfekt. Die einfache Popmelodie erfasste die Trauergäste mit der emotionalen Wucht einer Cellosuite von Bach. Jemand heulte laut auf, dann brach sich das Schluchzen quer durch den Saal Bahn.

Aus der ersten Reihe, wo Harry weiter wie versteinert saß, drang kein Laut.

Ganz hinten stand jetzt jemand auf und meldete sich zu Wort, sprach mit der ruhigen, etwas behäbigen Stimme eines schon älteren Mannes. »Mein Name ist Bill Belson, und ich wohne drüben an der Guernsey Road. Ich würde gerne eine kleine Begebenheit von Beth und meinem Jack-Russell-Terrier Bud erzählen. Jeden Morgen binde ich Bud am Kirschbaum vorn in meinem Garten fest, damit er ein bisschen gucken kann, was so passiert. Und jeden Morgen, wenn Beth auf dem Weg zum Zug bei meinem Haus vorbeigefahren ist, hat sie kurz angehalten, um Bud ein bisschen zu knuddeln oder ihn am Kopf zu kraulen. ›Hallo, Bud‹, hat sie immer gesagt, wenn sie zu ihm in den Garten kam, und ›Mach's gut, kleiner Kerl‹, wenn sie gegangen ist. Daran musste ich bei dem Stück gerade denken, dieses Hello Goodbye.« Bill Belson verstummte einen Moment. »Ich habe Beth' Stimme oft gehört, durchs offene Fenster oder wenn ich draußen war und das Laub zusammengerecht habe, und das hat mir immer Freude bereitet mit den beiden. Eine schöne kleine Begebenheit, jeden Morgen.« Bills tiefer Seufzer erfüllte den Raum. »Das wird mir fehlen. Denn ist es nicht das, was unser Leben ausmacht? Sich all der kleinen Dinge bewusst sein. Und das war Beth, sie war sich der Welt, des Lebens bewusst.«

Zum ersten Mal, seit Stan und Wolf ihn hereingeführt hatten, kam Bewegung in Harry. Ganz langsam drehte er sich um, wollte sich diesen Mann, diesen Bill Belson anschauen. Aber Bill hatte sich schon wieder gesetzt.

Harrys Blick fiel stattdessen auf einen Teenager, der gerade aufstand. Jason Luder, netter Kerl, wohnte nebenan und mähte bei ihnen den Rasen, wenn sie im Urlaub waren. »Ja, also, ich … ähm«, fing Jason an, »dachte mir, das passt ganz gut zu dem, was Mr Belson erzählt hat und zu dem Stück, das wir vorhin gehört haben. In der Schule lesen wir gerade einen Roman von Vonnegut, und da gibt es diesen einen Satz, den Billy Pilgrim immer sagt, ›Mach's gut, hallo, mach's gut, hallo‹, weil die Zeit für ihn irgendwie aus den Fugen ist. Und wenn man es so betrachtet, ist Mrs Crane ja vielleicht noch da, irgendwie. Als wäre ihre Zeit auch einfach nur aus den Fugen geraten.« Jason setzte sich wieder.

Und Harry stand auf. Alle, bis in die letzte Reihe, hielten sie den Atem an. Harry würde etwas sagen! Es waren zwei Worte, aber so leise, dass niemand ihn verstand. Er schaute zu Boden, dann an die Decke, dann sagte er es noch einmal: »Warte hier.«

Zweihundert Augenpaare warfen einander fragende, verstohlene Blicke zu.

Harry ging an Wolf vorbei, Wolf hielt Harry zurück. Harry schüttelte ihn ab, geriet kurz aus dem Gleichgewicht, fing sich und marschierte den Gang hinunter, stieß die Türen auf und sprang, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinab und rannte über den Rasen, als gelte es, an ein unerreichbares Ziel zu gelangen. Wolf stampfte ihm hinterher wie eine große fauchende Lokomotive, sein Atem wie weißer Dampf in der Luft. Er holte ihn ein, packte ihn von hinten, und sie krachten auf den steinhart gefrorenen Boden.

Unter seinem Bruder begraben, sein Gesicht auf das kalte Erdreich gepresst, gab Harry sich der süßen Verlockung völliger Auslöschung hin. Doch dann hörte er sich stöhnen — es gab kein Entkommen — und klappte das linke Auge auf. Ein kurzes Blinzeln, dann erkannte er seine Hand, wie sie sich dicht neben seinem Kopf in den Boden krallte. Er sah, wie seine Finger sich langsam lösten, wie seine Hand sich öffnete und ein Stück Papier zum Vorschein kam, ein Lottoschein, der ganz feucht und verkrumpelt war, weil er ihn seit fünf Tagen nicht mehr aus der Hand gegeben hatte.

»Warte hier«, flüsterte er und sah Beth vor sich stehen. Beth, genau so, wie sie vor fünf Tagen auf der Market Street vor ihm gestanden hatte.

Warte hier.

Sie wollten ins Kino und waren schon spät dran. Hand in Hand waren sie die Market Street in Philadelphia hinabgeeilt. Als sie an der Sixth Street auf Grün warten mussten, wandte Harry den Kopf und sah sie an. Er wurde es nie müde, seine Frau anzusehen. Die feinen Lachfältchen um ihren Mund. Die Haarsträhne über ihrem rechten Ohr, die im Licht des späten Nachmittags leuchtete. Diese Freude, einfach nur ihre Hand zu halten. Wenn Beth bei ihm war, fühlte Harry sich lebendiger als sonst. Er zog sie an sich und küsste sie. Ein richtiger, inniger Kuss.

Sie lehnte sich zurück und lächelte ihn an. »Hallo?«

»Pass bloß auf«, sagte er. »Es könnte wieder passieren.« Sein Blick fiel auf das verblichene Straßenschild. »Es wird wieder passieren, und zwar an jeder geraden Straße.«

»Ach ja? Ist das eine neue Form von Zwangsneurose? Zwanghaftes Ehefrauenküssen?«

»Zwanghaftes geradzahliges Ehefrauenküssen.«

Zahlen beschäftigten ihn, schon immer. Er nahm sie wie von selbst wahr, konnte sie nicht nicht sehen. Er sah sie auf Straßenschildern, auf dem fernen Ziffernblatt der Rathausuhr, schnitt automatisch die Liniennummern der vorbeifahrenden Busse mit.

»Du bist vielleicht ein Spinner«, meinte sie.

»Aber nur gerade so.« Er gab ihr noch einen Kuss.

Beth lachte und schob ihn von sich. »Ein bisschen mehr Zwanghaftigkeit an anderer Stelle könnte dir nicht schaden. Ich denke da an deine Sockenschublade.« Sie standen gerade vor dem Old Navy, und im Schaufenster waren Herrensocken ausgestellt.

Harry schüttelte den Kopf. »Das sieht dir ähnlich. Ich mache mir Gedanken über deine Fabelhaftigkeit, und du denkst an Socken.«

Beth hakte sich bei ihm unter. »Komm, wir sollten uns wirklich beeilen. Du magst es doch nicht, wenn der Film schon angefangen hat.«

»Also gut, dann los.«

Sie gingen einen Block, dann küsste er sie wieder.

Ihr Lachen, so hell und warm wie Sonnenschein. »Seventh Street — das ist aber keine gerade Zahl«, rief sie. »Du hast geschummelt!«

Warte hier.

Ein donnerndes Geräusch ließ sie beide herumfahren. Hinter einem Bauzaun zwei Straßen weiter rissen riesige Maschinen ein altes Lagerhaus ab. Der Lärm war ohrenbetäubend, wie ein brüllender Brontosaurus. Dieses ständige, unablässige Drängen und Dröhnen der Stadt setzte Harry zu. Als sie die Straße überquerten, kam er ins Stolpern. Beth hielt ihn fest.

Wir sind nur auf dem Weg ins Kino, dachte er, wir wollen uns einfach einen Film anschauen. Es ist voll in der Stadt, auf dem Gehweg drängen sich Menschen. Es ist kalt. Da vorn reißen sie ein Lagerhaus ab. Nichts Besonderes, alles wie immer.

Als ein weiteres Mauerstück krachend zu Boden ging, musste er den Blick abwenden — die Vergänglichkeit von allem, diese Unbeständigkeit, es war kaum zu ertragen. Stattdessen richtete er sein Augenmerk lieber auf die wunderbare Konstante in seinem Leben. Blaue Augen, braunes Haar, Honigduft, weiße Zähne, helles Lachen, starke Hand. Sie sah bezaubernd aus in ihrem neuen roten Wollmantel.

»Dieser Mantel«, sagte er.

»Zu grell?«

»Nein, ich dachte nur gerade … Er steht dir gut.«

Sie betrachtete ihn nachdenklich. »Hast du wieder eine deiner Anwandlungen, Harry? Es ist, als wärst du hier und doch ganz woanders.«

Und da fiel es ihm ins Auge. Sein Blick saugte sich förmlich daran fest, an dem grünen Neonschild der Pennsylvania Lottery, das über dem kleinen Mini-Markt auf der anderen Straßenseite blinkte. Es zwinkerte ihm zu. Zahlen.

»Ah … äh, einen Moment«, sagte er.

Beth folgte seinem Blick zu dem neongrünen Lotterieschild. »Oh nein, nicht das schon wieder.« Sie zerrte ihn weiter. »Komm jetzt, der Film fängt in fünf Minuten an.«

Harry ließ sich ein Stück von ihr mitziehen, doch er schielte immer wieder zu dem Laden zurück. Auf der Höhe des Bauzauns blieb er endgültig stehen, stemmte die Füße in den Boden wie ein störrischer Hund an der Leine.

»Warte hier kurz auf mich, ja?«, sagte er. Er musste sehr laut sprechen, um gegen das Schnaufen und Stampfen der Maschinen anzukommen. »Ich hole mir eben Schokolade. Im Kino gibt's nur Popcorn.«

Beth griff in ihre Jackentasche und brachte eine ganze Handvoll kleiner, in Goldfolie verpackter Schokoriegel zum Vorschein. Letztes Halloween hatten sie zu viele gekauft und immer noch welche übrig. Sie glitzerten in der Nachmittagssonne, funkelten ihn an.

Harry schaute darauf, drehte sich dann um und spähte durch eines der Gucklöcher im Bauzaun, zog den Kopf aber schnell wieder zurück, als die Abrissbirne sich in Bewegung setzte. Ihm graute vor dem Anblick, er konnte den Reiz der Zerstörung nicht nachvollziehen, sah es nicht gerne krachen, stürzen, fallen.

»Für Harry's Trees brauchst du keine hundert Millionen Dollar«, sagte Beth, während sie ihm den Kragen seiner Jacke hochklappte.

Vor ihr konnte man einfach nichts verbergen. Warum versuchte er es überhaupt?

»Ich hab ja auch gar nicht getippt«, sagte er.

»Gut so. Lass uns zum Kino gehen, mir wird langsam kalt.«

Harrys Wangen glühten.

»Wenn du jetzt noch da rüber willst«, seufzte Beth, »schaffen wir es nicht pünktlich.«

»Nach dem Kino ist es zu spät, die Ziehung ist um sechs.«

Sie legte zärtlich die Hände um sein Gesicht. »Vergiss den Lottoschein. Nur dieses eine Mal, bitte.«

Aber er fühlte sich so mies. Sie haben meine Kanadische Hemlocktanne gefällt, Beth, wollte er sagen, obwohl er es ihr natürlich längst erzählt hatte. Hinter der Sperrholzwand krachte wieder ein Stück solide Backsteinwand runter. Harry hörte nur das Fallen seiner geliebten Tanne. Er geriet in Stress, wie so oft, viel zu oft, verzweifelte über seinen stupiden, sinnlosen Job bei der Forstbehörde. Es war ein Elend, mitanzusehen, wie die weiten grünen Wälder seiner Kindheit, die in vollem Saft stehenden Bäume seiner Jugend, zu mikroskopisch kleinen Flecken auf der Satellitenkarte schrumpften. Es war ein Elend, jeden Tag in einem kleinen Kabuff zu sitzen, das nicht nach Wald, nach Kiefernharz, nach Erde und Laub roch, sondern nach Kunststoff, Papier und Nichtigkeit. Er hatte sein Leben der Walderhaltung verschrieben und arbeitete in einem Gebäude, das nie auch nur mit Holz in Berührung gekommen war. Moment. Walderhaltung? Harry schluckte. Keinen einzigen Baum hatte er bislang erhalten können. Und trotz wochenlanger Proteste — und Harry war wahrlich kein Mann des Protests —, hatten sie nun sogar die Hemlocktanne gefällt. Gestern war der einzige Baum, den er durch das schmale Fenster am Ende des Gangs sehen konnte, gefällt, gehäckselt und in einem schwarzen Kipplaster abtransportiert worden. Keine zwei Stunden hatte es gedauert. Man bräuchte mehr Parkplätze, hieß es. Und Harry würde weiter an seinem Schreibtisch sitzen, ein seines letzten Baumes beraubter Mitarbeiter der Forstverwaltung.

»Du brauchst keinen Lottogewinn«, sagte Beth.

Harry versuchte nicht auf das grüne Neonschild zu achten, das jetzt so hell blinkte, dass er fast geblendet war. Er schüttelte den Kopf. »Niemand kündigt heutzutage einfach seinen sicheren Job. Das wäre doch verrückt.«

Beth' Augen bekamen einen besorgten Ausdruck. »Wenn dein Job dich unglücklich macht, ist es nicht verrückt.«

»Bin ich doch gar nicht«, versicherte er ihr ausweichend. »Ich bin glücklich. Doch, wirklich.« Außer wenn er an die Arbeit dachte. Was in letzter Zeit viel zu oft geschah.

Er sah, wie sie ihn anschaute. Wobei sie ihn eigentlich nicht anschaute, eher hielt sie Ausschau nach ihm. Beth auf der Suche nach Harry. Heute früh beim Rasieren war es ihm ähnlich ergangen. Das dort im Spiegel, dachte er, war er, Harry, aber irgendwie auch nicht. Schnell hatte er sich die Reste des Rasierschaums vom Gesicht gewaschen, als sei es das, was den wahren Harry verbarg. Doch als er wieder in den Spiegel blickte, sah er noch immer nicht sich selbst. Es sind deine Augen, würde Beth ihm sagen. Was dich attraktiv macht, sind deine Augen. Sie lächeln. Sie erwecken dein Gesicht zum Leben. Als sie sich zum ersten Mal geküsst hatten — wie lange war das jetzt her? —, hatte sie ihn erst auf den Mund geküsst und dann, ganz sanft, in jeden Augenwinkel.

»Deine Augen«, hatte sie geflüstert, »sie machen die ganze Sache erst rund.«

»Welche Sache?«, hatte Harry erwidert.

»Dieses ganze Harry-Ding. Mal rein objektiv betrachtet siehst du schon ziemlich gut aus: dunkles, leicht gewelltes Haar, markantes Kinn, dann diese Augenbrauen wie Vogelschwingen. Als ich dich das erste Mal sah, dachte ich: doch, nicht schlecht. Aber als deine Augen gelächelt haben, da war ich hin und weg.« Dann hatte sie ihn wieder geküsst. Und sein ganzer Körper hatte gelächelt.

Heute Morgen im Spiegel: stumpfe Augen, das Kinn keine Spur markant, die Haare platt. Ein geschlagener Mann Ende dreißig, dem davor graute, zur Arbeit zu gehen. Glückloser Harry. So musste Beth ihn jetzt sehen, als sie auf der Market Street standen.

»Ich bin nicht unglücklich«, versicherte er ihr noch einmal und versuchte, seine Augen lächeln zu lassen, brachte aber bloß ein klägliches Blinzeln zustande.

Ihr Blick wurde starr, und er sah sein eigenes Unglück in ihrem Gesicht gespiegelt.

»Es ist nur der Job, aber das halte ich aus«, beharrte er. Als er sich vorbeugte, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben, schweifte sein Blick an ihr vorbei zu dem grünen Neonschild.

Sie wandte sich zum Gehen.

»Ach, komm. Dauert nur eine Sekunde.« Er musste wieder unnatürlich laut sprechen, um sich gegen den Maschinenlärm Gehör zu verschaffen. »Das ist doch keine große Sache, Beth.«

Sie drehte sich zu ihm um. »Oh doch, Harry, das ist es. Deine Zukunft, dein Glück, alles von einem Lottogewinn abhängig zu machen, ist eine ziemlich große Sache. Wenn es bloß der Job ist, dann kündige doch einfach! Wir haben keine Kinder, die Raten fürs Haus sind überschaubar, und ich kann problemlos ein paar Stunden aufstocken.«

Beth arbeitete als Beraterin im Nonprofit-Bereich, eine Berufsoptimistin mit langem Atem.

»Du wirst nicht mehr arbeiten«, sagte Harry.

»Du wirst auch mehr arbeiten müssen«, erwiderte sie lächelnd. »Bei deiner neuen Arbeit.«

»Harry's Trees«, sagte er, mit der Andeutung eines Lächelns in den Augen. Harrys Bäume. So schlicht, so genial, so unbürokratisch. Ein toller Name, eine tolle Idee. Manchmal, in Momenten schierer Verzweiflung, lehnte er sich in seinem Bürostuhl zurück, schloss die Augen und sah schon das Logo der Website vor sich: ein großes H, beschattet von der weiten Baumkrone einer Amerikanischen Rotbuche.

»Nein«, sagte Beth. »Bei Baylor Arboretum. Die würden dich mit Handkuss nehmen. Und in ein paar Jahren, wenn wir genug gespart haben, kannst du dich selbständig machen, deinen Traum von Harry's Trees wahr machen.«

»Ach komm. Was können die mir schon zahlen? Zehn Dollar die Stunde? Acht?«

»Aber es würde dich glücklich machen, Harry. Du hättest endlich wieder Spaß bei der Arbeit. Zum ersten Mal seit …«

»Zum ersten Mal überhaupt«, rutschte es ihm heraus.

Beth sah ihn eindringlich an. »Du wirst sehen, wir schaffen es. Hab doch ein wenig Vertrauen. Zusammen schaffen wir alles.«

Zusammen, ja. Im Grunde war es ganz einfach. Echte Bäume zu pflanzen und zu pflegen, statt sie nur auf einem Bildschirm herumzuschieben. Draußen zu arbeiten, an der frischen Luft, den Geruch von Erde und Laub in der Nase. Abends eine gesunde Müdigkeit nach harter, ehrlicher Arbeit, statt diese ständige Erschöpfung von nichts. Keine Großraumbüros mehr, keine Meetings. Und Baylor Arboretum suchte tatsächlich einen Baumpfleger. Jim Massinger wollte sich demnächst zur Ruhe setzen. Harry lächelte, aber nur kurz. Dann kam er ins Grübeln. Keine Pensionsansprüche, kein Krankengeld, keine Sicherheiten. »Nein«, sagte er. »Das ist verrückt.«

»Harry, bitte …«

»Nein. Warte hier!«

Er hatte nicht schreien wollen und tat es doch. Schrie gegen den Lärm der Baustelle an, gegen Beth, die Unmögliches möglich machen wollte. Als er die Straße überquerte, schaute er sich kurz nach ihr um. Da stand sie, in dem roten Mantel, dicht an den Bauzaun gedrängt, als hätte sie vor seinen lauten Worten zurückweichen wollen.

Warte hier.

Fast wäre er umgedreht. Aber wenn er sich beeilte, würden sie den Film trotzdem noch schaffen. Es würde ihm auch nichts ausmachen, wenn sie den Anfang verpassten. Und sie hätte sich bis dahin auch wieder abgeregt, wäre nicht mehr sauer auf ihn, wegen dieser dummen Kleinigkeit. Und überhaupt — was, wenn er gewann? Erklärte nicht das dieses seltsame Gefühl, das er auf einmal hatte, diese bange Vorahnung, diese vage Gewissheit, von der alle Gewinner berichteten? Ich wusste, dass ich gewinnen würde. Diesmal war ich mir ganz sicher. Und wer, rein statistisch betrachtet, knackte denn diese Jackpots? Genau, ganz gewöhnliche Leute. Taxifahrer, Sekretärinnen, ein Sachbearbeiter der Forstverwaltung. Diesmal wäre seine Stunde gekommen, er würde den Jackpot knacken, und alles würde sich ändern, wie von Zauberhand. Er wusste es einfach.

Harry hetzte in den Mini-Markt. Und siehe da, schon jetzt war ihm das Glück hold — nur zwei Leute vor ihm, eine alte Frau im räudigen Pelz und ein Bauarbeiter.

Die Frau hatte gleich mehrere Tippscheine in der Hand und drehte sich zu dem Bauarbeiter um. »Tut mir leid, dass ich Ihnen den Gewinn vor der Nase wegschnappe.«

Der lachte nur. »Wenn Sie so viele Versuche brauchen, scheinen Sie sich Ihres Glücks aber nicht so sicher zu sein!«

»Oh doch, ich bin mir ganz sicher, junger Mann.«

Harry schluckte. Wie entspannt diese Leute wirkten, wo doch Millionen auf dem Spiel standen! Der Bauarbeiter griff nach seiner Brieftasche, und Harry griff instinktiv nach seiner. Der Bauarbeiter zückte einen Fünf-Dollar-Schein und klatschte ihn auf den Ladentisch. Harry klopfte hektisch seine Taschen ab. Wo … verdammt! Er hatte seine Brieftasche zu Hause liegen lassen.

Ein ganzer Schwung Leute kam herein und stellte sich hinter ihm an. Er versenkte seine Hände in den Manteltaschen, hörte Kleingeld klimpern und förderte vier Vierteldollar zutage. Machte exakt den Preis eines einfachen Tippfelds. Wieder ein Zeichen. Sein Herz schlug schneller.

»Wer ist der Nächste?«

Harry trat vor. »Einmal bitte. Ein Spiel.«

Der gelangweilte Typ hinter der Theke wartete einen Moment, dann sah er Harry an. »Wäre ganz hilfreich, wenn Sie ein paar Zahlen für mich hätten.«

Harry blinzelte nervös. Er spürte die Ungeduld, fühlte sich so bedrängt, als stünden nicht nur eine Handvoll Leute, sondern Heerscharen hinter ihm. Er versuchte, sich an seine Zahlen für alle Fälle, seine immerwährenden Glückszahlen zu erinnern, aber keine einzige fiel ihm ein. Eine Kombination aus Beth' Geburtstag, ihrem Hochzeitstag und seinem eigenen Geburtstag, das immerhin wusste er noch, aber welche genau? In seinem Kopf war nur Leere.

»Sollen wir einfach die Zufallszahlen nehmen?«, schlug der Verkäufer vor.

Harry hielt sich die Stirn und überlegte.

»Nur kein Stress, aber vielleicht noch vor morgen«, meinte der Verkäufer.

Harry schaute panisch aus dem Fenster und über die belebte Straße, sah Beth noch genau dort, wo er sie hatte stehen lassen. Er sah sie gegen die Kälte auf den Zehenspitzen wippen. Hinter ihr, auf der Baustelle, schwang die Abrissbirne wie ein riesiges Uhrpendel hin und her.

»Zufallszahlen, ja«, flüsterte Harry schließlich.

Der Verkäufer drückte eine Taste.

Mit einem Schlag fiel es Harry wieder ein. »Halt! 23. Mai 1980. Beth' Geburtstag ist der 23. Mai!«

Zu spät. Ungerührt spuckte das Gerät seinen Tippschein aus. Der Verkäufer warf einen flüchtigen Blick darauf und reichte ihn Harry. Als der den Schein in Empfang nahm, war da wieder dieses seltsame Gefühl, nur war es diesmal stärker, fast schon beängstigend.

»Oh Gott«, rief die Frau hinter ihm.

Seinen Lottoschein in der Hand, drehte Harry sich nach ihr um. Sie starrte mit aufgerissenen Augen aus dem Fenster auf die Market Street. Die anderen taten es ihr nach, wie aufgescheuchtes Vieh. Als endlich auch Harry seinen Blick dorthin wandte, sah er nur noch die letzten Sekunden, sah die Wand des Lagerhauses wie in Zeitlupe fallen, Ziegelsteine in alle Richtungen fliegen, den Kran kollabieren. Ein Stahlträger von der Länge einer Eisenbahnschiene brach aus der Mitte des Krans und schoss Richtung Straße, überschlug sich im Flug, als setzte er zu einem Purzelbaum an.

Was mochte Beth in den letzten Sekunden ihres Lebens gesehen haben?

Die junge Frau, die mit einer Hand einen Kinderwagen schob und sich mit der anderen das Telefon ans Ohr hielt? Die weißen feinen Dampfschwaden, die in der Mitte der Straße aus einem Gully aufstiegen? Harry, wie er im Mini-Markt stand und seinen Lottoschein umklammerte?

Das riesige Metallstück krachte direkt hinter Beth durch den Bauzaun.

Als Harry aus dem Laden stürzte, sah er nur Schutt und Asche, eine gespenstische weiße Staubwolke, die sich über allem erhob, und dann ein Stück von Beth' rotem Wollmantel, das über den Gehweg flatterte.

2

Harry starrte den Pappkarton auf dem Küchentisch an. Es waren zwei Wochen seit der Trauerfeier vergangen, ein kalter Nachmittag im März. Er war noch im Schlafanzug.

Tief durchatmen.

Er schnappte nach Luft wie ein Ertrinkender, umkreiste langsam den Küchentisch. Er fühlte sich schwach auf den Beinen, aß zu wenig. Und Schlaf? An Schlaf war nicht zu denken. Er schaffte es abends nicht mal ins Bett, kauerte sich am Fußende auf dem Boden zusammen wie ein Hund und durchwachte winselnd die Nacht. Er legte eine Hand auf den Karton.

Durchatmen.

Er legte auch die andere Hand auf den Karton.

Durchatmen, Harry, ermahnte er sich.

Mit einem Küchenmesser trennte er die Klebestreifen durch und klappte den Karton auf. Und da war sie, in einer durchsichtigen, strapazierfähigen Plastiktüte, Beth als Staub und Asche. »Oh«, stöhnte er nur und schloss die Augen, fiel aus Zeit und Raum. Er sah sich in einer anderen Küche stehen, in ihrer ersten gemeinsamen Wohnung, fünf Blocks vom Campus der Ohio State. Pugh Street. Sie studierten beide noch, waren frisch verheiratet, dreiundzwanzig Jahre alt und spürten das Leben und die Liebe in sich pulsieren. Beth lief nackt durch die Küche, geschmeidig wie eine Katze, und schlang die Arme um ihn, ihren heißen Atem an seinem Ohr.

In seinem losgelösten Zustand schoben sich die Bilder übereinander: Beth in der Market Street, hinter sich den kollabierenden Kran, den trudelnden Stahlträger, und die junge Beth in der winzigen Küche in der Pugh Street, wie sie zusammen lachten und kaum die Finger voneinander lassen konnten, kaum merkten, wie sie sich an den Schränken stießen, die Stühle umwarfen.

Dass sie einmal so körperliche Wesen waren. Dass sie einfach nur die Hand auszustrecken brauchten, um sich des anderen zu vergewissern. Mit einer Berührung, einem Blick, einem Lächeln. Er schüttelte den Kopf und starrte auf die Asche. Du kannst doch nicht in einer Plastiktüte sein. Ich muss dich da rausholen. Du musst da raus. Er ließ den Karton stehen und tigerte durchs Haus. Von einem Zimmer zum anderen, leere Zimmer in einem leeren Haus.

Um Mitternacht schnappte er sich den Karton, stürmte in die Garage und packte die Tüte mit der Asche in den Fahrradkorb von Beth' altem Hollandrad. Wieder kippte er aus der Zeit, sah eine junge Beth vor sich, die auf der Lenkstange hockte, nachdem sie das Rad auf dem Flohmarkt aufgestöbert hatten, ihr Lachen, als er sie beide zurück zum Campus strampelte.

Er blinzelte die Erinnerung weg und machte sich auf durch die Straßen von Waverly, fuhr in den hellen Schein der Straßenlaternen hinein und wieder hinaus, hinein und hinaus. Wie Scheinwerfer, die grell auf seine Schuld gerichtet waren. Drinnen in den Häusern zogen Männer jetzt ihre Frauen an sich, küssten sie und wünschten ihnen eine gute Nacht. Nein, keine gute Nacht, kein mach's gut oder warte hier. Sie hielten ihre Frauen sicher und fest. Sie ließen nicht einfach los und wandten sich ab. Sie hielten sie, als hinge ihr Leben daran, denn so war es richtig, man hielt einander und ließ nicht los. Beth, warum habe ich dich gehen lassen? Er strampelte, und die rostigen Räder das alten Hollandrads quietschten erbärmlich durch die Nacht.

Eine kalte Mondsichel folgte Harry auf seinem Weg durch die Stadt. »Was soll ich bloß mit dir machen?«, flüsterte er der verschweißten Tüte im Fahrradkorb zu. Die konnte doch unmöglich die sterblichen Überreste seiner Frau enthalten, oder?

Wolken schluckten den Mond. Die Nacht verfinsterte sich. Harry trat fest in die Pedale und fuhr die lange, steile Steigung am Ende der Springer Avenue hinauf. Schnell und immer schneller. Das Rad schwankte wild hin und her. »Witwer radelte sich zu Tode«, würde The Weekly Waverly titeln, irgendwo zwischen den Anzeigen für Nagelstudios, Hundesalons und Rohrreinigung. Aber sein störrisches Herz widerstand der Versuchung und schlug kräftig weiter.

Klatschnass geschwitzt und keuchend kam Harry oben an, schälte sich aus seiner Jacke und ließ sie hinter sich auf die Straße flattern. Er bog in die Guernsey Road ein, jetzt einfach nur geradeaus, doch da tat sich plötzlich ein Schlagloch vor ihm auf, und als er den Lenker herumriss, um auszuweichen, prallte er gegen eine niedrige Gartenmauer. Die Tüte mit der Asche flog aus dem Korb und durch die Luft.

Verzücktes Bellen schallte durch die Nacht. Ein Jack-Russell-Terrier kam aus dem Dunkel gesprungen, wetzte über den Rasen. Einbrecher! Schliddernd bremste er ab und verfolgte fasziniert die fliegende Tüte. Luftballon!

Harry, der in sein Fahrrad verstrickt am Boden lag, musste entsetzt mit ansehen, wie die Tüte der Schwerkraft folgte und auf dem Boden landete, wo der kleine Köter sich kläffend, japsend, hechelnd darauf stürzte.

»Nein!«, brüllte Harry. »Nicht! Nein! Oh nein.«

Der Hund verbiss sich in die Tüte, zog und zerrte, schüttelte seine Beute und jagte dann in wildem Zickzackkurs durch den Garten, ein Berserker von Hund, ein vierbeiniger Komet, der hell staubende Sternschnuppen aus Asche streute. Seitlich am Haus ging eine Tür auf und jemand rief: »Bud! Bud, was soll denn dieser Krach?«

Ein quietschfideler kleiner Bud kam zu Harry gerannt und ließ ihm die leere Tüte vor die Füße fallen, wie einen Ball, den er apportiert hatte. Dann nieste er und schüttelte sich, hüllte Harry in Asche und weißen Staub.

»Bud!« Schritte polterten über die Veranda. Bud war weg wie der Blitz.

Harry rappelte sich auf, schnappte sich die leere Tüte und sah ebenfalls zu, dass er wegkam. Fünf Straßen weiter ließ er sich gegen einen Telefonmast sinken, das Herz wummerte ihm in der Brust.

Oh Gott, was hatte er nur getan?

Wenigstens war Beth nicht von irgendeinem Hund verstreut worden. Es war der gute alte Bud persönlich, vierbeiniger Freund ihres Arbeitsweges, der die traurige Pflicht übernommen hatte.

Harry starrte ungläubig die Tüte an, von scharfen kleinen Zähnen zerfetzt und voller Hundesabber. Er drückte sie sich an die Brust und taumelte weiter durch die Nacht. Ab und an lief er gegen einen Briefkasten oder prallte an einen Laternenpfahl, ließ kleine Aschewölkchen aufstieben. Kurz vor dem Morgengrauen stand er wieder vor seinem Haus. Wie benommen stand er da, fand es so einladend wie ein Mausoleum.

Plötzlich räusperte sich das Haus. »Harry«, knurrte es. Nein, es wunderte Harry kein bisschen. Das Haus hatte allen Grund, ihn böse anzuknurren, es hatte Beth nämlich sehr gern gehabt. Sie hatte ihm Leben eingehaucht, ihm Wärme geschenkt und Licht. Man brauchte sich ja nur anzusehen, wie es jetzt dastand, finster und verlassen. Nur noch der Schatten eines Hauses.

»Es tut mir leid«, sagte Harry. »Es tut mir alles so schrecklich leid.«

»Schon gut, Harry.«

Da sah Harry das rote Aufglühen einer Zigarette, dann den Umriss einer massigen Gestalt, die auf seiner Verandatreppe saß. Er kam vorsichtig näher. »Wolf?«

Sein Bruder musterte ihn durch den Zigarettenrauch aus schmalen Augen, dann stand er auf. Wolf hieß vollständig Gerald Wolford Crane, aber so hatte ihn niemand mehr genannt, seit seine Stimme bereits im zarten Alter von elf Jahren um zwei Oktaven gesunken war und er anfing sich zu rasieren.

»Komm ruhig näher, Harry«, sagte Wolf.

Harry machte einen halben Schritt vor.

Wolf stierte ihn an. »Wo bist du denn reingefallen? Puderzucker oder was?« Er streckte seine Pranke aus und schnippte ein bisschen Asche von Harrys Schulter. Harry klammerte sich an den Treppenpfosten, um nicht umzukippen.

Wolf betrachtete den weiß gekörnten Staub auf seinen Fingerspitzen, sah dann die leere Tüte in Harrys Hand. Er riss entsetzt die Augen auf und schlug sich die Hand an der Hose ab. »Scheiße, Harry, was hast du getan?«

Was ich getan habe, Wolf, ist Folgendes: Ich habe Beth mit der schwärzesten aller schwarzen Magie in Asche verwandelt. Harry schob die Hand in die Hosentasche. Es war nur ein Stück Papier, aber das Verliererlos wog schwer in seiner Tasche, bleischwer wie der Tod. Er schloss die Finger um den zerfledderten Schein, hielt ihn wie einen Talisman. Überall nahm er ihn mit hin, seinen kleinen Unglücksbringer. In seinem Testament würde er verfügen, ihm den Zettel auf die Zunge zu legen und seine Lippen zu verschließen, damit er den Fluch bis in alle Ewigkeit schmecken konnte.

Harry strich den Plastikbeutel glatt und faltete ihn zusammen. »Das siehst du doch«, sagte er. »Ich habe Beth' Asche verstreut.« Und wenn du es ganz genau wissen willst, Wolf, ich habe die Aufgabe an einen Hund delegiert. Im Frühjahr wird Bill Belsons Beth-gedüngter Rasen grüner sprießen als jeder Golfplatz. Der übereifrige Hund, der verhängnisvolle Lottoschein, es gab so viel zu beichten. Harry wollte gerade ansetzen, aber Wolf ließ ihn nicht.

»Verstreut?«, rief er. »Du hast das Zeug sogar in den Haaren! Verdammt, Harry, das war deine Frau und kein Konfetti!«

Harry strich sich ein weißes Ascheflöckchen vom Ärmel und sah es zu Boden schweben. Mit der Schuhspitze rieb er es in die kalte Erde und schaute seinen Bruder an, der seinen breiten Schädel schüttelte.

»Es ist schwerer, als du denkst«, sagte Harry. Wolf etwas zu beichten war unmöglich. Einen kurzen, fatalen Moment hatte er die erste Überlebensregel als Wolfs kleiner Bruder vergessen: Gib ihm nichts. Wolf weidete sich an menschlicher Schwäche.

»Du hättest nur was sagen müssen, ich wäre mitgekommen. Man kann so was nämlich auch richtig machen.«

Was wollte Wolf hier noch alles richtig machen? Er hätte in Virginia sein sollen, in seinem eigenen verlassenen Haus. Wolf ließ sich gerade von seiner dritten Frau scheiden, die Harry gar nicht erst kennengelernt hatte. Die Gebrüder Crane — entledigen sich ihrer Frauen wie Hunde ihres Winterfells, wie Jack Russells anderer Leute Asche.

»Ganz schön früh auf den Beinen, Wolf«, bemerkte Harry. »Was machst du überhaupt hier?«

Wolf schnippte seine Zigarette auf den reifüberzogenen Rasen. »Ich hab mich nur mal umgehört, Harry. Ein paar Leute abgeklappert.«

Harry ging in Habachtstellung. Wenn Wolf sich umhörte, verhieß das nichts Gutes. Wahllos fischte Harry eine Erinnerung an einen ganz beliebigen, aber durchaus typischen Wolf-Moment hervor. Das Jahr: 1992. Der Ort: Plover, Wisconsin. Das Ereignis: Harry, damals in der neunten Klasse, wie er von einem angststarren Elftklässler auf dem Gang der Plover Central High School angesprochen wurde.

»Entschuldigen Sie, Mr Crane«, sagte der Elftklässler und schaffte es kaum, einem völlig verdatterten Harry in die Augen zu schauen. »Würden Sie mir wohl die Erlaubnis geben, meinen Spind zu öffnen?« Eine Woche ging das so. »Mr Crane, darf ich jetzt zu Mittag essen?« und »Möchten Sie auch ein Eis, Mr Crane? Oder zwei?«

Natürlich steckte Wolf dahinter. Harry erfuhr nie, was der arme Kerl verbrochen hatte. Wolf einmal in der Mensa schief angeschaut, ihm beim Sport in die Quere gekommen, zu laut geatmet, zu viel Platz auf diesem Planeten beansprucht. Gründe gab es für Wolf genug. Und Harry, kleiner blasser Bruder dieses Berserkers, dieser unrühmlichen High-School-Legende, schwankte ständig zwischen Ohnmacht und Wut. »Was soll aus mir werden, wenn du mit der Schule fertig bist?«, schrie er einmal. »Die machen kurzen Prozess mit mir!«

Wolf, rauchend auf dem Schulparkplatz, was verboten war, für Wolf aber natürlich nicht galt, schnaubte verächtlich. »Du hast hier nix zu befürchten, Schisser. Die brauchen noch ein paar Jahre, bis sie sich von mir erholt haben.« Sprach's und schnippte seine Kippe an ein Lehrerauto, dass die Funken sprühten.

Woher rührte Wolfs unerbittliches, brachiales Bedürfnis, der Welt seinen Stempel aufzudrücken, wenn doch sein kleiner Bruder so sachte auftrat, dass er kaum Spuren hinterließ? Harry war acht und Wolf zehn, als ihr Vater, ein Mann in mittleren Jahren, von sanftem Wesen und auch sonst wenig auffallenden Eigenschaften, die Familie verließ. Und er ging nicht einfach nur fort, nein, er fuhr, denn Jeffrey Crane arbeitete als Autoverkäufer bei Bingham's Chevrolet in North Plover. Eines Tages kam er nicht um fünf von der Arbeit nach Hause. Es hieß, er habe sich einen Chevy Citation X-11 gekauft, Barzahlung mit drei Prozent Mitarbeiterrabatt, und sei fröhlich winkend davongefahren. Zwei Tage später traf ein Umschlag ein, adressiert an »Barbara Crane und Familie«, darin eine kurze Nachricht auf der Rückseite eines Kaufbelegs von Bingham's Chevrolet: »Ich will noch mal was anderes probieren. Ich brauche eine Veränderung. Alles Gute euch, JC.«

Bald darauf begann auch Barbara Crane zu verschwinden. Sie kam weiterhin ihren Pflichten als Mutter nach, kochte, putzte, unterschrieb Zeugnisse. Doch Seufzer um Seufzer schwand sie dahin, jeden Tag ein wenig mehr.

Und die beiden Jungs? Harry wurde immer stiller, Wolf wurde wild.

Harry suchte sich einen weiteren Moment aus dem Stapel brüderlicher Errungenschaften: Wolf, wie er den Quarterback des Footballteams foulte, dem Star der Plover High School beim entscheidenden Heimspiel die Hosen runterzog. Harry, der inmitten mehrerer Hundert Zuschauer auf den Rängen saß, verfolgte in Schockstarre, wie der gefeierte Quarterback im Schein der Flutlichter sein verschwitztes Suspensorium richtete. Wolf bekam einen Verweis und fünfzigfachen Arrest, der nie umgesetzt wurde. Auch der Rektor hatte Angst vor ihm.

Ein anderes Mal hatte Wolf einen Baseballschläger gestohlen und damit einen brennenden, benzingetränkten Tennisball auf das Übungsgelände der freiwilligen Feuerwehr geschmettert und einen der nagelneuen Einsatzwagen in Brand gesteckt. Immer haarscharf an der Grenze zur Straffälligkeit, war Wolf in seiner Jugend wie ein Actionfilm mit zu viel Action. Als er Plover schließlich verließ, war sein Publikum völlig geschafft.

Wolf griff an, Harry zauderte. So war es, das Yin und Yang ihrer brüderlichen Existenz. Nachdem ihre Mutter ihnen den Abschiedsbrief ihres Vaters vorgelesen hatte, fegte Wolf ein gerahmtes Foto von ihm vom Kaminsims und stürmte hinaus, polterte die Treppe hinauf.

»Mom«, dagegen Harry leise. »Mom?« Und als sie endlich aufschaute, fragte er: »Darf ich ein bisschen nach draußen gehen?« Oben zerlegte Wolf derweil sein Zimmer. Es rummste und krachte, das Haus bebte. »Mom«, versuchte Harry es erneut, »ich gehe nur ein bisschen in den Garten, okay?« Seine unter Schock stehende Mutter nickte bloß.

Harry öffnete die Haustür und schaute hinauf in einen Himmel aus tiefem, lichtgetupftem Grün. In ihrem Garten stand eine prächtige Amerikanische Buche, der größte Baum in der ganzen Straße. Die Krone wölbte sich wie eine Kuppel über den Garten, eine Kuppel so groß und imposant wie die der St. Paul's Cathedral in London, von der Harry in einem Buch ein Bild gesehen hatte.

Ein Jahr zuvor hatte Harry entdeckt, dass sein Vater seine Initialen in die Baumrinde geritzt hatte — ein JC, dessen Buchstaben so winzig waren, dass es nur jemandem auffallen konnte, der viel Zeit mit dem Baum verbrachte. Jetzt war sein Vater fort, aber etwas hatte er dagelassen, etwas, von dem nur Harry wusste. Als er zum Baum ging, mied er es, auch nur in die Richtung der eingeritzten Buchstaben zu schauen, die sich in anderthalb Metern Höhe fanden, knapp unter dem ersten Astkragen. Wenn Wolf jemals Wind von den Initialen seines Vaters bekäme, würde er so lange auf die Rinde einhacken, bis nichts mehr davon übrig war.

Harry ging einmal um den Baum herum, blieb so stehen, dass die Buche zwischen ihm und dem Haus war. Der Baum schirmte ihn ab von dem Lärmen, Krachen und Toben, das ein wild gewordener Wolf in seinem Zimmer veranstaltete. Harry lehnte sich an den Stamm, drückte seinen Rücken, seine Hände dagegen, und schloss die Augen, spürte mit allen Sinnen, bis es nur noch Harry Crane und seinen Baum gab. Der Stamm stand fest im Boden verankert. Vielleicht reichten seine Wurzeln bis zur Mitte der Erde. Dieser Baum würde nie einfach von hier verschwinden. Er wäre die ganze Nacht hier und auch noch am Morgen, wenn Harry aufwachte. Er würde hier stehen unter blauem Himmel und bei Regen und zu jedem seiner Geburtstage. Dieser Baum war echt und unverrückbar, auf die Buche war Verlass.

Hoch oben in ihren Ästen ließ Harry seiner stillen Trauer ihren Lauf. Musste er weinen, ließ er es weder Wolf noch seine Mutter sehen. Wie er dort saß und weit über die Wipfel der benachbarten Kiefern, Ahorne und Hickorybäume schaute, stellte er sich vor, er würde einen stillen, abgeschiedenen Ort namens Harry's Trees bewohnen. In einer wogenden See aus Grün, sicher und geborgen unter Freunden, die so wunderliche Namen hatten wie Feuerkirsche, Ferkelnuss oder Schuppenrinden-Hickory.

Später dann, als Teenager und eigentlich zu alt, um noch auf Bäume zu klettern, saß er immer noch still im Geäst und merkte, wie die einfachen Namen aus Kindertagen einem tieferen Verständnis wichen. Die Amerikanische Rotbuche war Fagus grandifolia, die Kiefer im Garten der Lanfords eine Pinus strobus. Die Platane neben der Garage der Smiths, von der die Borke jährlich in dünnen Platten abblätterte, war eine Platanus occidentalis. Bis er auf die Highschool kam, wusste er alles über Bäume als Organismen, seine Gedanken kreisten um Pfahlwurzeln und Keimwurzeln, Stämme und Kronen.

»Hey, du kleines Arschloch da drüben im Baum!«, rief Wolf aus dem Fenster, wenn Harry ans Telefon kommen sollte oder es Zeit fürs Abendessen war. Das war, noch ehe ihre Mutter kein Abendessen mehr machte, ehe Wolf die Schule abbrach und sich in North Plover ein Appartement nahm.

Bis Harry ans College ging, war der Ast direkt über den eingeritzten Initialen bei einem Sturm abgebrochen. Ein Baum heilt seine Wunden durch vermehrte Schutzholzbildung. So war das JC gänzlich unter einer solchen Überwallung verschwunden. Und doch würde es immer da sein.

Harry und Wolf blieben ihren in der Kindheit angelegten Persönlichkeiten auch als Erwachsene treu. Harry, der sich nach Sicherheit und Beständigkeit sehnte, heiratete jung und wurde Sachbearbeiter bei der Forstbehörde, ein Arbeitsplatz, an dem die Uhren langsamer gingen, die Zeit sich Schicht um Schicht ablagerte wie die Jahresringe eines Baums. Das Einzige, was den Frieden mit der Zeit störte, war die Erkenntnis, dass er sich in einen Wald ganz ohne Bäume verirrt hatte. Aber Beth' Ausweg hatte er nicht annehmen wollen, nicht annehmen können, stattdessen hatte er lieber auf seinen eigenen, weniger riskant scheinenden Fluchtplan gesetzt. Was konnte ein wöchentlicher Lottoschein für einen Dollar schon Schlimmes anrichten?

Wolf suchte sich Jobs, bei denen man seine Ellbogen gebrauchen musste. Wer glaubt, die Schlägertypen aus der Schulzeit würden alle eines frühen Todes sterben oder im Knast landen, irrt. Die meisten werden Verkäufer. Rastlos und getrieben, offensiv, aggressiv, immer darauf aus, andere zu überzeugen, zu überlisten, zu dominieren. Wölfe im Schafspelz. In den zwanzig Jahren seit der Highschool hatte Wolf Haushaltsgeräte, Immobilien und Versicherungen verkauft, stets frei von Skrupeln und mit vollem Erfolg. Wolf jagte dem Geld hinterher, bekam es oft zu fassen und verlor es ebenso oft wieder. Jagen, Fressen, Weiterjagen. Ein ewiger Kreislauf aus Chancen, Risiken und unersättlicher Gier.

Jetzt standen die beiden Brüder sich im Morgengrauen ihrer mittleren Jahre gegenüber, Harry als Witwer und Wolf — als was genau? Harry hob die Nase in die Luft, begann kaum merklich Witterung aufzunehmen, eine alte Gewohnheit, um rechtzeitig vor dem Alphabruder in Deckung gehen zu können. Wolf steckte sich noch eine Zigarette an. Harry wedelte den Rauch fort. »Ich gehe jetzt rein«, sagte er und schlängelte sich an Wolf vorbei, um die Haustür aufzuschließen. Harry hoffte, dass er Wolf bereits hinunter zur Straße gehen sähe, wenn er die Tür wieder zumachte.

Doch Wolf folgte direkt nach ihm ins Haus und sah sich im Wohnzimmer um. »Was ist mit der Türkin, die für dich geputzt hat?«, fragte er. »Hat man die ausgewiesen, oder was?«

Harry erwiderte nichts. Warum war Wolf hier, was wollte er? Trost spenden wohl kaum.

Harry legte die Tüte, in der Beth' Asche gewesen war, sorgfältig in die Schreibtischschublade. Warum, wusste er selber nicht. Um sie sich eines Nachts, mit einer Flasche Wodka und reichlich Schlaftabletten intus, über den Kopf zu ziehen? Leise schloss er die Schublade und drehte sich nach seinem Bruder um, der sich noch immer kopfschüttelnd und mit leicht gespitzten Lippen umschaute.

»Arbeitest du schon wieder?«, wollte er wissen.

»Morgen. Ab morgen …«, Harry schluckte bei den nächsten Worten, »… geht alles wieder seinen gewohnten Gang.«

Wolf baute sich vor Harry auf und nahm ihn ins Visier. Harry kannte diesen Blick, er spürte die Gefahr. »Wir müssen reden«, sagte Wolf.

Harry wich ihm aus, das tat er immer. »Ich bin müde. Kann das nicht warten?«

»Nein, weil wir nämlich heute um zehn einen Termin in der Stadt haben.«

Harry hielt sich an der Lehne eines Küchenstuhls fest. Wolf streckte die Hand nach seiner Schulter aus, doch Harry zuckte zurück. Wolfs Visage verzog sich zu einem Grinsen, und große, starke Zähne blitzten hervor. »Okay«, meinte er, »besonders nah sind wir uns ja nicht, nie gewesen, aber wir sind immerhin Brüder, Harry. Ich habe immer auf dich aufgepasst, dich beschützt.«

»So kann man es auch sehen.«

Wolf schüttelte mitleidig den Kopf. »Du kapierst nicht, wie es im Leben läuft, Harry. Hast du noch nie. Du hast nie gelernt, dich zu wehren. Dafür hast du mich. Deshalb bin ich dein großer Bruder. Damit jemand auf dich aufpasst, weil du nämlich nicht selbst auf dich aufpassen kannst.«

»Bislang bin ich ganz gut zurechtgekommen.«

Wolf schnaubte. »Ach ja? Tut mir leid, wenn ich das so offen sagen muss, aber die haben dir dein Leben gestohlen.«

Harry schnappte nach Luft, machte einen Schritt zurück.

Wolf schlug einen etwas sanfteren Ton an, fraß Kreide. »So ist es doch, oder? Wenn du nachdenkst, ist genau das passiert. Sei ehrlich, genau so ist es.«

Genau so war es. Harry hätte es nicht besser sagen können. Das Leben war ihm gestohlen worden. Seines, Beth', ihr gemeinsames Leben. Das Leben.

»Schrecklich, wie Beth gestorben ist«, rang Wolf sich ab. »Das können wir nicht auf sich beruhen lassen. Wir müssen etwas unternehmen.«

Harry sank das Herz in die Hose. Wenn Wolf einen Lauf hatte, war er nicht aufzuhalten. Er wollte sich mal wieder in Harrys Leben einmischen, alles unendlich verkomplizieren. Die Wolfsche Brachialgewalt würde sich mit dem Grauen von Beth' Tod vereinen. Heute, um zehn Uhr.

»Hör zu«, sagte Wolf. »Du bist ein stiller, anständiger Kerl. Ein Denker, kein Macher. Du zählst Bäume, das ist so weit okay. Aber, und jetzt hör gut zu, jetzt ist nicht der Moment, um Bäume zu zählen. Kapiert? Jetzt ist der Moment gekommen, um zur Axt zu greifen und den ganzen Scheißwald kahlzuschlagen.«

Die Heftigkeit von Wolfs Worten konnte einen umwerfen, wie ein Schlag vor den Kopf.

Verkaufsprofi, der er war, zog er sofort ein leiseres Register, sanft modulierte Worte, die ihm wellenweich über die Lippen glitten. »Was ich damit sagen will, Harry, ist Folgendes: In deinem kleinen, bescheidenen Leben ist es dir dennoch gelungen, einen Erfolg zu landen. Und dieser Erfolg war Harry und Beth. Das war ganz groß, ganz unglaublich.«

Harry sackte auf den Küchenstuhl. Wolf hatte recht, er durchschaute die Lage mit erbarmungsloser Klarheit. Harry hatte Beth gelandet, sein einziger Erfolg. Und ohne sie, ohne dieses Harry und Beth, dieses große Unglaubliche, das ihm dennoch gelungen war, war er nur Harry, ein Nichts.

Wolf kreiste um seinen Stuhl. »Harry und Beth. Beth und Harry. Und weißt du was? Du wirst es mir nicht glauben, aber ich war neidisch auf dich. Denn ich wollte das auch, Harry. Ich wollte, was du hattest. Ich wollte dieses ganz Große, Unglaubliche, diese Erfolgsstory, die ihr beiden wart. Ihr hattet euch, wart immer für einander da. Hat man nicht oft, so was.«

Wolf und seine drei gescheiterten Ehen, glückloser Erbe der väterlichen Suche nach »etwas anderem«. Wolfs Verbrechen? Scheidung in Serie.

Und Harry? Konnte ausnahmsweise mithalten, hatte seine Ehe wortwörtlich in Schutt und Asche gelegt. Das musste Wolf ihm erst mal nachmachen. Er tastete nach dem Lottoschein, wollte gerade zu seiner Beichte ansetzen, aber Wolf walzte über ihn hinweg.

»Keine Kinder, gut, hat eben nicht jeder das Zeug dazu, hätte ich dir auch nicht zugetraut, aber trotzdem — du und Beth, ihr wart eine Familie.«

Genau genommen hatte es nicht an Harry gelegen, sondern an Beth' Hormonspiegel. Aber als sich herausstellte, dass sie keine Kinder bekommen konnten, war Harry heimlich ein Stein vom Herzen gefallen. Der lange Schatten seines Vaters: Harry hatte Angst vor Kindern. Angst davor, sie im Stich zu lassen, ihnen nicht gerecht zu werden. Indem er Beth geheiratet hatte, war er weit genug über seinen Schatten gesprungen. Sie war seine Familie, sein Zuhause, sein alles. Bis er alles zunichtegemacht hatte.

Wolf stand jetzt hinter ihm, beugte sich über Harrys Schulter, seine Stimme an seinem Ohr. »Sie haben dir dein Leben gestohlen. Haben Harry Crane um sein Leben, um sein Ein und Alles, betrogen. Sie haben ein Leben ausgelöscht.«

Harry sah den Abrisskran in der Mitte entzweibrechen, den Stahlträger durch die Luft wirbeln. Er sprang auf. »Ich bin wirklich hundemüde …«

Wolfs Hand schnellte vor und legte sich mit eisernem Griff um Harrys Handgelenk. »Wir kriegen sie, Harry. Und sie werden dafür bezahlen.«

Wolf ließ Harry den Vortritt. Harrys Blick blieb an den Namen hängen, die in großen, goldenen Lettern an einem dunklen Holzpaneel prangten. Davor saß eine hübsche Empfangsdame, die er jedoch nur flüchtig wahrnahm. McWilliams, Torrey & Conwell — jeder Buchstabe strahlte mit einer Macht, als sei er von zorniger Götterhand aus einem Arsenal zackiger, feuriger Blitze geschmiedet worden.

Der Anwalt hieß Jeremy Toland. Er saß Harry gegenüber, so nah, dass ihre Knie sich fast berührten, und triefte vor Empathie. Wolf hielt sich im Hintergrund, in den Schatten gestellt von Tolands Charisma.

»Erzählen Sie mir etwas von Beth, Harry«, sagte Toland mit so tiefer, volltönender Stimme, als spreche nicht er zu Harry, sondern der ganze Raum in seiner Allmacht.

Toland beugte sich vor, Harry lehnte sich zurück.

»Sie sind überwältigt, nicht wahr?«, sagte Toland. »Eine Flut von Bildern und Erinnerungen stürmt auf Sie ein. Sollen wir uns ein paar herauspicken? Beth' Haar bei Sonnenschein.«

Hellbraun mit goldenem Schimmer, dachte Harry und meinte den Geruch ihres Honig-Mandel-Shampoos zu riechen.

»Ihr Lachen.«

Immerzu, dachte Harry. Ein helles Lachen, wie eine Feldlerche. Wenn sie lachte, ging ihm das Herz auf. Ihr Lachen nahm einen mit, trug einen wie warme Wellen davon.

»Wie gern sie draußen war, in der Natur.«

Sie hatte die Natur geliebt, sehr. Bäume, Gras. Das Zirpen der Grillen im Sommer, Sonnenschein. Wind, Wolken, Regen. Löwen, Pinguine. Berge, Täler, Wüsten. Harrys Gedanken rasten, überschlugen sich. Sonnenaufgang Sonnenuntergang Mondaufgang Nacht Tag …

»Ihr zwanzigster Hochzeitstag.«

Harry wäre fast vom Stuhl gekippt.

Tolands Augen leuchteten. »Genau, Harry. So ist es. Sie waren nur vierzehn kurze Jahre verheiratet! Beth wurde Ihnen genommen, und das auf eine Weise, die sich nicht in Worte fassen lässt. Keine Sorge, Harry, wir werden es zu gegebener Zeit sehr wohl in Worte fassen, auch wenn ich nach allem, was ich im Vorfeld über Verletzungen der Arbeitsschutzrichtlinien seitens der Carlisle Demolition Company gehört habe, nach derzeitigem Stand der Dinge nicht davon ausgehe, dass wir überhaupt vor Gericht ziehen müssen.«

Was?, dachte Harry und schaute zu Wolf, der zufrieden nickte. »Damit will er sagen, dass wir uns außergerichtlich einigen. Ganz klarer Fall.«

»Kein Fall ist jemals ganz klar«, erwiderte Toland mit beschwichtigender Geste. »Aber darauf dürfte es hinauslaufen, ja. Res ipsa loquitur. Eine juristische Wendung, wie man Sie besser als auf Ihren Fall gar nicht anwenden könnte, Harry. Res ipsa loquitur — die Sache spricht für sich. Oder anders ausgedrückt: Dieser Unfall konnte nur geschehen, weil jemand fahrlässig gehandelt hat. Grob fahrlässig. Denn, Harry, ein anderthalb Meter langer Stahlträger bricht nicht einfach aus der Mitte eines Krans, durchschlägt einen Bauzaun und tötet einen wunderbaren Menschen wie Beth. Es sei denn, bei der technischen Inspektion des Krans wurde geschlampt. Oder die Inspektionsvorschriften wurden gar nicht erst eingehalten.«

Harry saß ganz still und rührte sich nicht.

Toland ließ seinen Blick auf ihm ruhen. »Worauf ich hinauswill, Harry, ist Folgendes: Wir bei McWilliams, Torrey & Conwell tun etwas Schreckliches. Wir benennen den Preis für einen geliebten Menschen. Ein Menschenleben lässt sich nicht aufwiegen, Harry, jede Sekunde mit Beth, die Ihnen geraubt wurde, ist unbezahlbar. Aber wir sagen, dass auch das Unbezahlbare einen Preis hat. Einen Preis, den wir bestimmen. Die Carlisle Demolition Company und die Stadt Philadelphia können sich warm anziehen, denn wir werden sie zahlen lassen.«

»Ganz genau«, flüsterte Wolf hinter Harry. »Richtig so.«

»Leider können nicht einmal wir Auge für Auge, Zahn um Zahn fordern, wofür ich in einer idealen Welt plädieren würde«, setzte Toland nach.

Seine Stimme hallte in Harrys Kopf wider. Er klammerte sich an die Armlehnen, schluckte.

»Sie sind blass, Harry.« Toland drückte einen Knopf auf seinem Schreibtisch, und eine Assistentin kam mit einem Glas Wasser und einer Papierserviette ins Büro geglitten. Sie reichte Harry beides und schwebte lautlos wieder hinaus. Die Serviette war mit dem Schriftzug von McWilliams, Torrey & Conwell geprägt, darunter stand eine gebührenfreie Rufnummer.

Harry stürzte das Wasser hinunter und fuhr sich mit der Serviette über die Stirn. »Wolf, kannst du das nicht übernehmen?«

Toland schüttelte den Kopf. »Nein, das kann er nicht. Ihr Bruder hat den entscheidenden ersten Schritt getan, Sie zu den besten Anwälten Philadelphias zu führen. Aber, Harry, wir brauchen Sie, sowohl juristisch als auch moralisch. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Prozess auch eine spirituelle Dimension hat. Ihr Schmerz wird nur nachlassen, wenn Sie ihn auf andere übertragen. Die Angeklagten müssen Ihren Schmerz spüren. Das ist Zen, Harry.« Toland stand auf, legte seine Hände schwer auf Harrys Schultern und sah ihm in die Augen. »Mit Ihrem Schmerz, Harry, kriegen wir diese Kerle weich.«

Sie blieben noch eine Stunde in Tolands Büro, aber die Stimmen waren für Harry nur noch ein fernes Rauschen in einem fernen Raum. Alles verschwamm in einem Nebel, die Besprechung mit dem Anwalt, die Fahrt nach Hause. Als Wolf endlich in seinem Wagen davonbrauste, schoss Harry jäh vom Sofa hoch, stürzte ins Bad und erbrach sich, er kotzte sich die Seele aus dem Leib, bis er meinte, selbst im Strudel der Klospülung zu verschwinden.

Und so begann Harry Cranes endloses Jahr.

3

Wie Amanda Jeffers' endloses Jahr begann? Völlig anders und doch ähnlich. Unmöglich, würde sie selbst sagen.

Amanda stand an der Küchenspüle, ließ Wasser in ihren Kaffeebecher laufen und sann über Leben und Tod nach, über Gedeihen und Vergehen, während sie aus dem Fenster auf die von der Morgensonne beschienenen Bäume am Ende des Gartens schaute. Amanda war Krankenschwester und somit in praktischer Philosophie begabt. Wie schön die Wälder sind, dachte sie, aber sie bergen so viele Gefahren. Jetzt gerade, in diesem Augenblick, könnte sich jemand dort draußen eine Ich-hab's-ehrlich-nicht-kommen-sehen-Verletzung zuziehen. (Dafür bekäme sie umso mehr davon zu sehen!) Ein Unfall mit der Motorsäge, Knochenbrüche nach einem Sturz. Oder irgendein junger Kerl, der auf einer der Schotterpisten durch den Wald bretterte, ein Blick aufs Handy und zack, gegen einen Zuckerahorn gekracht und mit der Stirn aufs Lenkrad geknallt. Oh ja, in diesen weiten Wäldern, auf den schmalen, gewundenen Straßen, auf den Weiden und in den Ställen würde die Arbeit so bald nicht abreißen.

An fünf Tagen die Woche arbeitete Amanda in der Notaufnahme des Susquehanna Hospitals in den Endless Mountains, einem wenig spektakulären Ausläufer der Appalachen im äußersten Nordosten Pennsylvanias. Sie hatte hier ihr ganzes Leben zugebracht, sie kannte sich aus. Die Tücken ländlichen Lebens, die Gefahren der Natur — das war der Lauf der Welt.

Hinter sich hörte sie einen Küchenstuhl leise knarrend nachgeben. Dann das trockene Rascheln der Frühstücksflocken, die in ein Schälchen geschüttet wurden. Es hörte gar nicht mehr auf, als wolle er gleich die halbe Packung leermachen. Sie lächelte. Amanda war nüchtern und pragmatisch, sie gab sich keinen Illusionen hin und kannte die Gesetze von Leben und Tod. Aber ihr Glaube daran, dass sie für Dean Jeffers nicht galten, nicht gelten konnten, war absolut. Ihr Mann könnte die Regeln der Sterblichkeit mit dem kleinen Finger aushebeln.

Dean war ein Zweimeter-Mann, der stramme hundert Kilo auf die Waage brachte. Er hackte einen Klafter Brennholz an einem Nachmittag klein und konnte seinen Pick-up-Truck eigenhändig aus dem Dreck ziehen, wenn er steckenblieb. Als er einen Abschnitt der alten Steinmauer ausgebessert hatte, die ihr Grundstück nach hinten zum Wald begrenzte, hatte er Feldsteine so groß wie Bärenjungen geschleppt.

Amandas Blick glitt vom Waldsaum zu der Mauer, die jetzt wieder so stark und unverwüstlich stand wie Dean. Auf den Feldsteinen lag eine weiße Haube frischen Märzschnees. Hinter sich hörte sie ihren Mann erneut Frühstücksflocken in ein Schälchen schütten. Kürzer diesmal, ein kleineres Schälchen. Oriana, ihre neunjährige Tochter, setzte sich zu ihm an den Küchentisch.

»Was gibt's denn da zu sehen, Schatz?«, wollte Dean wissen. »Scheint spannend zu sein.«

Amanda wollte sich gerade umdrehen, als eine Erinnerung sie innehalten ließ, eine Erinnerung, die den Schnee auf der fernen Mauer zum Schmelzen hätte bringen können. Dean im vorigen Sommer, eine seiner roten Kappen auf dem Kopf, aber mit freiem Oberkörper in der sengenden Julihitze. Schultern so breit und weit wie der Himmel über den Endless Mountains.

»Kommt mal her, ihr zwei, und schaut euch dieses Prachtstück von Mauer an!«, hatte er ihnen zugerufen und sich, strahlend in seinem Triumph, den Schweiß von der Stirn gewischt. Amanda und Oriana waren draußen auf der Veranda gewesen und hatten das Moos abgebürstet, das jedes Jahr dick auf dem Geländer und den Stufen wuchs, weil das Haus im Schatten dreier großer Ahornbäume stand. Dean hätte sie längst gefällt, aber sie gaben am Ende jeden Winters guten Sirup. »Draußen im Wald gibt es genügend Zuckerahorn«, hatte er gemeint, aber Amanda hing an den Bäumen. Es reichte, wenn er ständig etwas abholzen, umbauen, abräumen und wieder aufrichten musste, das war sein ewiger Kreislauf des Gedeihens und Vergehens. Die drei Ahornbäume blieben.

»Jetzt kommt schon, schaut es euch an!«, rief er erneut, seine Stimme selbst auf diese Entfernung so laut und kräftig, dass sie zwischen Schuppen und Haus widerhallte.

Amanda war kein komplizierter Mensch, sie wusste die einfachen Freuden des Lebens zu schätzen. Als sie hinter Dean auf die Mauer kletterte und das ausgebesserte Stück ablief, hatte sie nur Augen für seinen nackten Rücken, das Spiel der Muskeln bei jeder Bewegung. Es erregte sie. Sie streckte die Hände aus und legte sie auf seine Schultern, spürte seine erhitzte Haut, was sie noch mehr erregte. Im Bett mochte sie es, ihn schwer auf sich zu spüren, sich dieser Kraft, dieser Hitze, diesem langsamen, steten Drängen des Lebens zu ergeben.

Dean war Leben in Reinform.

Amanda spülte ihre Tasse ein letztes Mal aus und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg — unmöglich, dass sie solche Gedanken ausgerechnet jetzt haben musste, wo Oriana neben Dean am Küchentisch saß. Sie schaute auf die Uhr.

»Ich muss los, ihr beiden. Wir sehen uns später«, sagte sie, schnappte sich ihre Jacke und beugte sich kurz zu Oriana, um sie auf die Wange zu küssen. Dean bekam keinen Kuss. Das und noch viel mehr würde sie sich für heute Abend aufsparen.

Vier Stunden später erhielt Amanda den Anruf.

Franny von der Aufnahme piepte sie an. Amanda steckte kurz den Kopf aus Zimmer 4 und sagte, sie würde zurückrufen, sie könne gerade nicht. Dann sah sie, wie Franny mit gespenstisch blasser Miene das Telefon auf Armeslänge von sich streckte, als gehe Gefahr von ihm aus.

»Amanda, es ist für dich«, sagte Franny. »Es ist für dich.«

Amanda wusste sofort, dass, wer immer am anderen Ende der Leitung sein mochte, ihr sagen würde, Oriana oder Dean sei etwas zugestoßen. Die Krankenschwester in ihr hoffte, dass es Dean wäre, denn sein Körper war stark und robust und könnte eine Verletzung wegstecken. Und auf einmal war sie sich ganz sicher, dass es Dean war, denn er hantierte bei der Arbeit mit Maschinen, die Gott weiß was anrichten konnten. Im Geiste hörte sie das Kreischen der Sägen im Sägewerk, die schweren Schläge der Presslufthammer im Steinbruch. Er würde sich die Hand verletzt haben, die Frage war nur, wie und wie schlimm. Ihre Gedanken überschlugen sich, und einen Moment lang wusste sie nicht, bei welchem seiner drei Jobs er heute eigentlich war. War heute seine Schicht im Sägewerk, war er bei Empett's im Steinbruch oder mit dem Trecker draußen, um zu mähen?

Sie nahm Franny das Telefon ab. Doch, heute war er mit dem Mäher unterwegs. Amanda schluckte und verlegte sich bei ihren Schreckensszenarien von der Hand aufs Bein. Was mochte passiert sein? Sie wusste, wie steil und steinig die Weiden hier mitunter sein konnten. Bestimmt war er mit dem Traktor umgekippt und hatte sich das Bein gebrochen.

Nein, Moment! Amanda merkte, wie durcheinander sie vor Angst eigentlich war, denn natürlich konnte Dean heute nicht beim Mähen sein, wo hatte sie bloß ihren Kopf? Die Wiesen lagen unter einer dicken Schicht Märzschnee. Er musste heute bei den Räumarbeiten eingesprungen sein, um die Straßen freizumachen.

»Hallo, hier Amanda«, meldete sie sich. Von draußen war fern die Sirene eines Krankenwagens zu hören.

Am anderen Ende war erst mal ein Husten zu hören, dann eine leise, bange Stimme. »Amanda, hier ist Ronnie.« Langes Schweigen, ehe Ronnie einen neuen Anlauf machte. »Oh Mann, was soll ich bloß … ich weiß nicht. Amanda, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll.«