Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Wunderzelle erzählt die bewegende Geschichte von Katharina und Enno. Das junge Paar wünscht sich sehnlichst Kinder. Doch Katharina erleidet eine Fehlgeburt nach der anderen. Eine genetische Untersuchung des Fötus deutet schließlich auf eine schier unglaubliche Ursache hin: Die Kindseltern sind vermutlich verwandt miteinander. Katharina und Enno können es nicht fassen. Fieberhaft machen sie sich auf die Suche nach der Wahrheit. Zur gleichen Zeit ist Ennos Schwester Lara einem obskuren Biologen auf der Spur. Die Gynäkologin stößt auf dubiose Machenschaften und allerlei mysteriöse Ungereimtheiten im Labor eines Kinderwunschzentrums. Und auf eine Mauer des Schweigens. Was steckt dahinter? Und wer sind die Beteiligten? Sind Machtgelüste der Grund für die Manipulationen? Ist es Geldgier oder purer Geltungsdrang? Und hat das am Ende etwas mit der Verwandtschaft zwischen Enno und Katharina zu tun? Schließlich kommt alles ans Licht. Die Hintergründe sind ungeheuerlich. Verstörend und erschütternd zugleich. Darüber hinaus beleuchtet Die Wunderzelle das Schicksal von Paaren, die ihre ganze Hoffnung in die Reproduktionsmedizin setzen. Auf diese Weise verleiht der Roman all jenen eine Stimme, die sich mit ihrer Kinderlosigkeit nicht abfinden wollen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 301
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Rainer Rau
Die Wunderzelle
Schicksalsroman
AUGUST VON GOETHE LITERATURVERLAG
FRANKFURT A.M. • LONDON • NEW YORK
Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit. Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.
©2019 FRANKFURTER LITERATURVERLAG
Ein Unternehmen der
FRANKFURTER VERLAGSGRUPPE GMBH
Mainstraße 143
D-63065 Offenbach
Tel. 069-40-894-0 ▪ Fax 069-40-894-194
E-Mail [email protected]
Medien- und Buchverlage
DR. VON HÄNSEL-HOHENHAUSEN
seit 1987
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.d-nb.de.
Websites der Verlagshäuser der
Frankfurter Verlagsgruppe:
www.frankfurter-verlagsgruppe.de
www.frankfurter-literaturverlag.de
www.frankfurter-taschenbuchverlag.de
www.public-book-media.de
www.august-goethe-von-literaturverlag.de
www.fouque-literaturverlag.de
www.weimarer-schiller-presse.de
www.deutsche-hochschulschriften.de
www.deutsche-bibliothek-der-wissenschaften.de
www.haensel-hohenhausen.de
www.prinz-von-hohenzollern-emden.de
Dieses Werk und alle seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck, Speicherung, Sendung und Vervielfältigung in jeder Form, insbesondere Kopieren, Digitalisieren, Smoothing, Komprimierung, Konvertierung in andere Formate, Farbverfremdung sowie Bearbeitung und Übertragung des Werkes oder von Teilen desselben in andere Medien und Speicher sind ohne vorgehende schriftliche Zustimmung des Verlags unzulässig und werden auch strafrechtlich verfolgt.
ISBN 978-3-8372-2189-3
Vorwort
Welche Möglichkeiten gibt es? Wo sind die Grenzen? Wo lauern gar Gefahren? In diesem Spannungsfeld bewegen sich Mediziner auf der ganzen Welt. In jedem Zeitalter gab es stets ganz spezielle Herausforderungen zu meistern. Und jeder wissenschaftliche Teilbereich hat seit jeher eigene Problemstellungen und Gesetzmäßigkeiten. Doch kaum irgendwo ist das ethische Limit wohl schneller erreicht, als auf dem Gebiet der modernen Gentechnologie, beziehungsweise in der Reproduktionsmedizin. Was, wenn innerhalb des komplexen Ablaufs einer Fruchtbarkeitsbehandlung Standards nicht eingehalten werden – aufgrund mangelnder Professionalität, aus den diversesten persönlichen Gründen oder aus purer Profitgier? Welche Folgen hätte beispielsweise die artifizielle Verwechslung von Eizellen oder Embryonen? Was, wenn daraus Geschwister entstünden, von verschiedenen Müttern ausgetragen? Geschwister, von denen niemand weiß? Schon gar nicht sie selbst? Was, wenn Bruder und Schwester, die nichts von ihrem Verwandtschaftsverhältnis ahnen, miteinander ein Kind zeugen wollen?
Was passiert, wenn …? Das ist eine Frage, die mich umtreibt, seit ich vor mehr als 20 Jahren in Aalen eine Kinderwunsch-Klinik gegründet habe. Zudem ist mir während dieser Zeit bei meiner täglichen Arbeit so viel Schönes, Schmerzliches, Skurriles und auch schier Unglaubliches begegnet, dass in mir nach und nach der Wunsch reifte, über all das zu schreiben – natürlich, ohne gegen das Ärztegeheimnis zu verstoßen. Von Anfang an schwebte mir das literarische Genre der Belletristik vor. Unterhaltsam und informativ zugleich.
Dass es schließlich möglich war, Die Wunderzelle zusammen mit einer Journalistin zu verwirklichen, die sich selbst bereits mehreren Kinderwunschbehandlungen unterzogen hatte, kann ich nur als glückliche Fügung bezeichnen. Niemand anderes als eine Betroffene wäre besser in der Lage gewesen, sich in die Gefühlswelt der Protagonisten hineinzuversetzen. In all die Höhenflüge und Abstürze – eine rasante Berg- und Talfahrt zwischen Euphorie und Resignation. Und in einen Behandlungsverlauf, der per se einen immensen Kraftakt darstellt. Emotional, aber auch körperlich. Vom Finanziellen ganz zu schweigen.
Und genau diesen Menschen widme ich das vorliegende Buch: meinen Patientinnen und Patienten samt ihren Partnern. Ihnen allen gebührt mein größter Respekt. Nicht nur, weil sie, meist ohne zu zögern, dazu bereit sind, ihre gesamte Alltagsplanung den oft zeitraubenden klinischen Erfordernissen anzupassen. Sondern auch, weil sie darüber hinaus in ihrem privaten Umfeld häufig auf Unverständnis stoßen, sogar mit Anfeindungen zu kämpfen haben. Und sich dennoch nicht von ihrem Weg abbringen lassen.
Ein Grund mehr, dieses Werk zu veröffentlichen: Mir liegt viel daran zu zeigen, welche Schicksale sich hinter den Patientenakten verbergen und möchte gerne all jenen die Augen öffnen, die nicht nachvollziehen können, dass man für die, wie sie meinen, natürlichste und einfachste Sache der Welt, medizinische Hilfe benötigt. Die in kursiver Schrift gesetzten, in den Gesamtverlauf eingeflochtenen Kapitel beleuchten die ganz individuelle Situation von Paaren, die Probleme mit dem Schwangerwerden haben und machen deutlich, was Menschen auf sich nehmen in der Hoffnung, am Ende etwas Großartiges zu erleben: das Wunder der Geburt und das tiefe Gefühl der Liebe zum eigenen Kind – die vielleicht intensivste Empfindung, zu der wir fähig sind.
Aber nicht zuletzt soll das Lesen der Wunderzelle Spaß machen. Denn in erster Linie handelt es sich dabei um eine spannende Story. Und die vielen kleinen, italienischen Momente in der Erzählung sind meiner besonderen Leidenschaft für die mediterrane Kultur geschuldet. Auch die Religion, die Kunst und die Musik haben mich seit jeher berührt und inspiriert und deshalb genügend Raum erhalten – in einem Roman, der so viele Parallelen zu meinem eigenen Leben aufweist.
Rainer Rau im Januar 2019
Anmerkung des Autors: Obwohl die Geschichten auf wahren Begebenheiten beruhen, ist alles, was in diesem Buch erscheint, reine Fiktion. Das, was mir meine Patientinnen und Patienten im Vertrauen mitteilen, ist und bleibt geheim und wird niemals, unter keinen Umständen nach außen kommuniziert.
1
Die Sonne sticht gelbe Schwerter in die vom muffigen Kaffeedunst erfüllte, warme Luft. Enno verfolgt mit müden Augen Flusen und Staubkörner, die in den schillernden Lichtbahnen über dem hölzernen Tresen der kleinen Bar hüpfen und tänzeln. Im Kreis. Auf und ab. Hin und her. Wie um ihn aufzumuntern. Ohne Erfolg. Seine Lider sind geschwollen und schwer.
Es ist früh am Morgen. Das Caffè Greco hat gerade eben erst geöffnet. Enno ist der erste Gast. Er hat schlecht geschlafen. Wie so oft in letzter Zeit. Unter größter Anstrengung gelingt es ihm, den Blick auf die mit kitschigen Engelsbildchen verzierte Tasse zu lenken, die dicht vor seinem aufgestützten Unterarm steht. In brennendem Rot ziehen sich feine Wellenlinien am oberen Rand entlang. Enno hebt die zentnerschwere rechte Hand und rührt dann in Zeitlupentempo mit dem kleinen Silberlöffel in der schwarz glänzenden Flüssigkeit. Dabei beobachtet er, wie sich eine Kette zarter Bläschen in einer schlingernden Bewegung über die Oberfläche zieht. „Wetten, dass die Crema zu dünn ist?“ Während Enno noch griesgrämig die Farbe des Kaffeeschaums betrachtet und darüber nachsinnt, ob das sandige Grau auf die mangelnde Frische der Röstung oder eher auf eine zu geringe Brühtemperatur bei der Zubereitung zurückzuführen ist, spürt er einen dumpfen Schmerz. Mit nachhaltigem Druck bohrt sich ein fremder Ellbogen in seinen Oberarm. „So ein Mist.“ Enno hat keine Lust auf ein Gespräch. Zu spät. Holpriges Italienisch drischt auf ihn ein. Sätze ohne Punkt und Komma. Über die weltpolitische Lage im Allgemeinen. Und die allzu nachlässige mediterrane Lebensart im Besonderen.
Enno beobachtet seinen Nebenmann aus den Augenwinkeln. Modell deutscher Tourist. Viel zu weite Shorts. Am Bund mit einem abgeschabten Gürtel zusammengezogen. Und weiße Socken in ausgetretenen Riemensandalen. Ennos Laune sinkt dem Tiefpunkt entgegen.
Vom Eingang her schallt ein munteres „Buon giorno“ durch den Raum. Enno dreht den Kopf. In der Tür steht ein dunkelhaariges Mädchen mit Pferdeschwanz, vielleicht fünfundzwanzig, vielleicht auch erst achtzehn. Ihre weißen Zähne strahlen. Sie winkt dem Mann, der weiter hinten an einem Regal steht und Flaschen sortiert. „Guten Morgen.“ „Nichts ist gut an diesem Morgen“, murmelt Enno verdrossen.
Selbst sein Lieblingskellner Giovanni, der Enno das morgendlich aufmunternde Getränk bisher stets in vorgewärmten Tassen serviert hat, ist heute seltsam abweisend. Und irgendwie frostig. Kalt wie der Espresso, der eigentlich ein Doppio, ein Doppelter, hätte sein sollen. Alles, aber auch wirklich alles hat sich gegen ihn verschworen, da ist sich Enno mittlerweile hundertprozentig sicher.
Wie ärgerlich. Ist er doch nach Salerno gereist, um zu vergessen und wieder auf andere Gedanken zu kommen. Vermutlich ein Fehler. „Den wunderschönsten Fleck auf Erden“, haben sie die Amalfiküste immer genannt und dabei stets ein bisschen gegrinst, weil sie die Beschreibung so gefühlsduselig fanden. Aber es ist stets ihr Sehnsuchtsort gewesen, an den sie bei allen möglichen Gelegenheiten immer wieder zurückgekehrt sind: an den Geburtstagen, an ihrem Jahrestag. Einmal sogar über Weihnachten. Ein bisschen kühl und regnerisch ist es gewesen, aber, angesichts der tosenden, weiß bespritzten Wellen, dennoch ausgesprochen malerisch und von wildromantischer Stimmung.
„Doch das ist jetzt vorbei.“ Enno ignoriert den erstaunten Augenaufschlag seines Sitznachbarn, springt mit einem entschlossenen Satz vom Barhocker, wirft einen Geldschein auf die Theke und verlässt mit schnellen Schritten den Raum. Er setzt einen Fuß nach draußen. Die gleißende Helligkeit spiegelt sich in den marmornen Platten der Piazza. Enno bleibt mit einem Ruck stehen und kneift krampfartig die Augen zusammen. Es dauert eine Weile, bis er wieder klar sehen kann. Dann biegt er um die Ecke und geht die dunkle, enge Gasse hinunter. Auf dem Weg zum Bootssteg dröhnen ihm die verletzenden Worte Gerards in den Ohren. Immer noch. Er kann sie nicht vergessen: „Du bist zu unzuverlässig, du bist zu chaotisch, nie bist du für mich da.“
Dabei war der Anfang so vielversprechend gewesen: Auf der Geburtstagsfeier einer gemeinsamen Freundin hatten sie sich ineinander verliebt. Er, der kreative Maler, und Gerard, der stets korrekte Banker mit einem ausgesprochenen Hang zur Pedanterie. Drei Jahre lang ein Paar wie Blitz und Donner. Zu Beginn waren es gerade die Unterschiede gewesen, die sie am jeweils anderen faszinierend fanden. Doch irgendwann war Gerard offensichtlich nur noch genervt von einem Partner, der in Gedanken immer ein wenig abwesend wirkte, weil dieser unablässig an seine geliebten, vom Expressionismus inspirierten Bilderzyklen dachte, an denen er fast Tag und Nacht arbeitete.
„Vorbei, vorbei“, skandiert Enno im Takt seiner Schritte. Jetzt kann ihm nur noch ein Besuch in Axel Munthes Refugium helfen. Seit er denken kann, ist der 1949 verstorbene Mediziner und Künstler sein großes Vorbild – ein Meister der Selbstinszenierung und des Savoir-vivre zugleich. Auf Capri hat er sich Anfang des 20. Jahrhunderts ein Haus gebaut, „San Michele“. Eine Villa mit einem atemberaubenden Ausblick über die Insel und den Golf von Neapel: „Offen für Licht und Sonne und die Stimme des Meeres.“ So hat es Munthe in seiner Biografie einmal selbst beschrieben. In letzter Minute erreicht Enno das Boot. Er setzt sich auf die in düsterem Petrol lackierten Planken und blickt zurück auf das sich entfernende Ufer. Die pittoresken, pastelligen Häuser, die an den schroffen Felsen zu kleben scheinen wie Schwalbennester, schrillen heute im grellen Licht der Morgensonne in schreiendem Pink, phosphoreszierendem Grün und beißendem Gelb. „Als hätten sie angesichts ihres hohen Alters zu viel Make-up aufgetragen.“
Enno wendet den Blick ab und starrt auf die Reling, aus deren schmutzig weißem, von dunklen Sprüngen durchzogenen Anstrich über die gesamte Fläche dicht an dicht dicke, schwarze Rostbeulen sprießen. Eine Gruppe von etwa zehn Kindern macht sich einen Spaß daraus, über Ennos ausgestreckte Beine zu springen. Immer wieder. Sie hören nicht auf, herumzualbern. Ihr lautes Lachen verbindet sich mit dem Schreien der Möwen zu einer unerträglichen Kakofonie. Enno ist froh, als die kleine Fähre am Landesteg anlegt. Er springt pfeilschnell auf und quetscht sich zwischen den anderen Passagieren hindurch, um als einer der ersten von Bord zu kommen .
Er flüchtet in das schmale Sträßchen, das nach Anacapri, zur Villa „San Michele“ hinaufführt. Die Morgenluft ist eisig. Enno würdigt die schmucken Häuser und mediterranen Vorgärten keines Blickes. Bloß weg von der lärmenden Touristenmeute, weg von den hupenden Taxis und den nach Abgasen stinkenden Bussen, weg von den Geschäften mit dem überteuerten Schnickschnack, weg von den überfüllten Barken, die zur Blauen Grotte fahren, und weg von den Einheimischen mit den Dollarzeichen in den Augen.
Oben ersteht Enno eine Eintrittskarte. Ein kleines, blaues Rechteck aus Pappe, das er der freundlich lächelnden Verkäuferin mit der kupferfarbenen Klammer im zurückgebundenen Haar aus den Händen reißt, um so schnell wie möglich in das wohltuende Halbdunkel des alten Hauses eintauchen zu können. Doch erst als Enno das von fast unwirklichem Dämmerlicht erfüllte Atrium erreicht und vor dem großen, einladenden Esstisch steht, wird sein Atem ruhiger, gleichmäßiger.
Zärtlich fahren seine Finger über die samtig raue Eichenholzoberfläche. Erinnerungen steigen in ihm hoch. An Apfelkuchen mit dicken Streuseln samt Schlagsahneklecks. An aromatisch duftende Choucroute aus dem Schmortopf. Und an fröhlich laute Familienfeste. Er denkt an die Großmutter, an ihre liebevollen Gesten und daran, dass die Grand-Mère immer ein aufmunterndes Wort für ihn parat gehabt hat, selbst wenn das Zeugnis einmal nicht so gut ausgefallen war, wie sein strenger Vater es erwartete. Da kommen ihm fast die Tränen.
„Mensch, reiß dich mal zusammen.“ Enno spricht laut mit sich selbst. Erst jetzt bemerkt er, dass er nicht alleine ist. Am Fenster stehen zwei Frauen, die sich leise unterhalten. Auf Deutsch, wie er zu erkennen glaubt.
Da wird ihm klar, woher seine Assoziationen kommen. Der sanfte Singsang des Dialekts erinnert ihn an das kleine Dorf im Elsass. An das urige Häuschen der Großeltern, in dem in den Ferien die ganze Verwandtschaft zusammenkam und wo stets der Geruch nach krossem Speck und das belebende Aroma von sonnenverwöhntem Obst in der Luft lagen.
Vorsichtig tritt Enno näher und mustert die beiden. Die eine trägt knielange Shorts und ein rot geringeltes Top, einen sportiven dunklen Hoody lässig über die Schultern geworfen, dazu Chucks in edlem Silbergrau. Die blonden Haare sind hinten locker zum Zopf gebunden. Enno schätzt sie auf Mitte zwanzig, ungefähr wie er selbst. Die andere, um einiges älter, ist eher stilvoll als trendig gekleidet. Der Ähnlichkeit nach zu urteilen, ihre Mutter.
Von Weitem ist Musik zu hören – getragen, wohlklingend. Zu den Flötentönen gesellen sich Klavierakkorde. Jetzt wenden sich die beiden Unbekannten dem Gartenausgang zu. Enno folgt ihnen, wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen.
Draußen empfängt ihn saftiges Grün in allen Schattierungen von Schilf bis Smaragd. Ein alter Olivenbaum breitet armdick mächtige Äste aus. Die Melodie ist jetzt deutlich zu erkennen. Sie scheint aus der kleinen Kapelle zu kommen. Johann Sebastian Bach. G-Moll. Eine der Lieblingssonaten von Sophie, seiner hochmusikalischen Mutter. Zarte, flüssige Läufe, technisch virtuos und lyrisch zugleich. Balsam für Ennos verwundete Seele. Dann steigert sich das behutsame Adagio zum rasanten Allegro.
Die junge Frau steht mittlerweile direkt vor ihm. Sie dreht sich um und blickt ihn an. Mit fragend erhobenen Augenbrauen. Enno wendet sich sofort ab, wie ein Kind, das bei einer verbotenen Tat erwischt worden ist. Doch der Bruchteil einer Sekunde hat ausgereicht, um ihre makellose Haut zu bewundern sowie den leichten Duft einzuatmen, der ihrem schlanken, athletischen Körper entströmte. Ein Geruch nach blühenden Gräsern und nach etwas Herb-Würzigem wie warmer Sommerregen.
Ein ferner Glockenschlag reißt Enno unsanft aus seinen Träumereien. Er muss das nächste Boot zum Festland erreichen. Er hat in einer Trattoria einen Tisch bestellt. Und er will sich nie mehr vorwerfen lassen, unzuverlässig zu sein. Dennoch kann er sich kaum losreißen. Vom Garten und vor allem von der jungen Frau. „Wer ist sie?“, ist alles, was Enno auf dem Rückweg denken kann. Und schließlich: „Ich muss sie wiedersehen.“
Zurück auf dem Festland, steigt Enno den Berg hinauf, wo er eine kleine Ferienwohnung gemietet hat. Die Gassen und Plätze sind um diese Zeit am späten Mittag gut besucht. Die Kellner ziehen mit hocherhobenen, angewinkelten Armen vorbei. Auf den flach ausgestreckten Händen thronen wagenradgroße Pizzafladen, die über den Sitzenden zu schweben scheinen wie bunte Sonnenhüte.
Er setzt sich in der kleinen Trattoria ganz nach hinten, gleich an die große Fensterfront. So weit hinten würde er nicht so schnell bedient werden und kann die Geschehnisse des Tages im Geiste Revue passieren lassen. Er versucht, sich an die Musik zu erinnern, an die Hochbeete und Springbrunnen des Gartens, an die kleinen, dunklen Räume mit den Kupfertöpfen, Pfannen und Kuchenformen aus einer anderen Zeit. Aber seine Gedanken schweifen ab, drehen sich im Kreis und kehren wieder und wieder zum Ausgangspunkt zurück: „Ich werde sie nie wiedersehen.“
Der Himmel verdunkelt sich, blauschwarze Wolken hängen dicht über den geduckten Steinhäusern. Ein paar dicke Tropfen klatschen aufs Pflaster und trommeln auf die ausgefahrenen Markisen. Jetzt kommt der junge, adrette Kellner und bringt ihm die Pasta. Lange Nudelfäden schlingen sich um feuerrote Tomatenstücke, um fleischige Oliven und kissenweiche Kapern. Es schmeckt nach Sonne, Meer und nach purer Lebenslust. Das Gewitter verzieht sich so schnell, wie es gekommen ist, und Enno bestellt erst einen und dann noch einen zweiten Espresso. Schließlich beschließt er, noch einmal ans Meer zu gehen. Er steigt die Gasse wieder hinunter, in der jetzt ein modriger Dunst hängt, der tief aus dem Erdinneren zu quellen scheint. Er überquert den Küstenweg und krempelt die Hosenbeine hoch. Dann zieht er die Schuhe aus, knotet sie an den Bändeln aneinander und trägt sie in der rechten Hand wie eine Tasche. Die Wellen legen sich wie feine Seidengespinste über den verheißungsvoll glitzernden Sand und knabbern begehrlich an seinen Zehenspitzen. Der Strand ist um diese Zeit am frühen Nachmittag fast menschenleer. Enno stapft mit großen Schritten durch den glitschigen Schlick, bis er an eine schwer zugängliche, von Fels und Grasnarben übersäte Stelle kommt. Dort setzt er sich in den mageren Schatten eines dürren Baumes, legt den Kopf zurück und schläft sofort ein.
Als Enno erwacht, steht die Sonne tief und glutrot über den Wellen. Er geht zurück, die Augen verquollen, die Zunge wie von Schmirgelpapier überzogen. Er bahnt sich einen Weg durch Bocciaspieler und am Meer entlangtrabende Läufer und steigt zwischen den düsteren Mauern mit den geschlossenen Fensterläden wieder hinauf. Die Steinquader atmen unter dem bröckelnden Putz inzwischen die Schwüle des Tages aus.
Im kühlen Zimmer seiner Ferienwohnung lässt sich Enno in den mit einer plüschigen Decke in bräunlichem Goldton überzogenen Sessel fallen und greift nach der Nektarine, die achtlos auf dem Holztisch liegt. Vor zwei Tagen hat er die Frucht an einer windschiefen Holzbude unten am Wasser gekauft. Seine Zähne bohren sich durch die dellige Haut. Enno nimmt die verlockende Süße der Frucht wahr, noch ganz hinten, dort wo er das Gaumensegel vermutet. Er spürt die leichte Säure am ganzen Körper, bis in die Spitzen seiner aufgerichteten Härchen. Während er langsam und bedächtig kaut, jedem Bissen nachfühlend, läuft ihm der zähe, sirupartige Saft aus den Mundwinkeln, sammelt sich im Kinngrübchen und tropft als kerzengerade Perlenschnur zwischen seinen gespreizten Beinen auf die blutroten Terrakottafliesen, wo die klebrige Flüssigkeit zu schlangenförmigen Ornamenten zerfließt. „Eine Nektarine, dass eine Nektarine so köstlich schmeckt.“ Das ist ihm früher nie aufgefallen. Er nagt das letzte Stückchen Frucht vom Stein, klemmt den noppigen Kern zwischen Daumen und Mittelfinger und wirft ihn draußen, weit ausholend, mit ausgestrecktem Arm über die Balkonbrüstung. Mitten ins wirre Gestrüpp eines Bougainvillea-Strauches, der sich am benachbarten Haus emporrankt, als habe er vor, die Spitzen seiner pinkfarbenen Blüten ins Azurblau des Himmels zu rammen. Völlig erschöpft sinkt Enno drinnen aufs Bett. Sein Herz rast wie nach einem Marathonlauf. Er starrt an die Zimmerdecke und umrundet mit den Augen wieder und wieder den gezackten Umriss eines gelblichen Wasserflecks. Das alte Dach konnte sich der Wassermassen des Unwetters vor wenigen Wochen nicht erwehren. Die Vermieterin hat ihm gleich bei seiner Ankunft davon erzählt.
Enno steht auf, zieht sich aus und wirft Hemd und Hose lieblos über die Stuhllehne. Er legt sich erneut hin. Er zählt zu jeder vollen Stunde die Glockenschläge der Turmuhr. Die kleine Kirche steht ein paar Gassen weiter oben. Er wälzt sich hin und her. Die Straßenlaterne vor dem Haus wirft ein diffuses Licht. Beim Klang der Glocke, der die sechste Stunde anzeigt, fällt er in einen schweren, traumlosen Schlaf.
Als Enno erwacht, steht die Sonne bereits hoch am Himmel. Er springt auf, sein Laken ist völlig zerwühlt. Er zieht sich schnell an und rennt, ein paarmal fast stolpernd, im Laufschritt über die holprige Straße, als müsste er die durch den Schlaf verlorene Zeit wieder einholen. Im Vorbeihasten sieht er den Kellner in der Tür zur Kaffeebar stehen. „Einen Espresso“, ruft Giovanni ihm zu. „Oder einen Doppio?“ Der deutsche Tourist von gestern steht daneben. Beide rudern mit den Armen, als wollten sie Enno aufhalten. Doch Enno winkt ab. Keine Zeit.
Unten springt er mit großen Sätzen in den über und über mit knalligen Plakaten beklebten Überlandbus, der gerade anfahren will. Enno lässt sich in den erstbesten leeren Sitz plumpsen. Direkt neben eine gut gebaute, dunkelhaarige Frau mittleren Alters. Die verspielten Blumen ihres schreiend bunten Kleides scheinen auf dem wippenden Busen einen wilden Tanz aufzuführen. Ein munterer Redeschwall geht auf Enno nieder wie ein im Hochsommer unerwarteter Platzregen. Seine Sitznachbarin spricht im hiesigen Dialekt. Enno versteht nur die Hälfte. Es scheint der lebhaften Unbekannten nichts auszumachen, dass Enno nicht antwortet. Immer wieder strahlt sie ihn aufmunternd an wie eine Mutter, die ihr Kind bei den Hausaufgaben beobachtet. Das Zwinkern ihrer Augen signalisiert: „Wird schon, wird schon.“ Da entspannt Enno sich ein wenig, und er merkt, wie Kraft und Energie in seine ermatteten Glieder zurückkehren. Gerade noch rechtzeitig, hat er doch vor, einen dieser faszinierenden Höhenwege entlangzuwandern, die nach Amalfi hinunterführen.
Als der Bus in Ravello ankommt, steht Enno auf, hebt die Hand zum Gruß, steigt aus und tritt auf einen öden, wie verlassen daliegenden, Platz. Die Stille dröhnt in seinen Ohren. Am Kiosk kauft er sich eine Flasche Wasser, die er vor sich herträgt wie einen Schutzschild gegen die unbarmherzige Mittagshitze. Der Weg führt in spitzen Serpentinen nach unten, sodass er schnell an Höhe verliert.
Die sirrende Luft ist erfüllt von der Schärfe des wilden Rosmarins und vom prickelnden Staub des trockenen Grases. Der bitter-herbe Geruch nach überreifen Zitronen vernebelt die Sinne. Hoch oben kreisen die Bussarde. Ihr aufgeregtes Schreien geht durch Mark und Bein. Enno muss sich konzentrieren. Aus dem steinigen Belag schlängeln sich dicke Wurzelstücke. Das erfordert seine ganze Aufmerksamkeit. Dennoch gelingt es ihm immer wieder, die spektakuläre Aussicht zu genießen. Auf die kleinen, einsam in der Landschaft liegenden, wie zufällig hingestreuten Gehöfte und auf die weit ins Meer hinausragenden Landzungen.
Schließlich durchquert Enno ein am Hang klebendes Dörfchen. Treppen, wohin man schaut. Flankiert von Terrakottatöpfen, aus denen blütenreiche Kletterpflanzen in Pink, Weiß und Rosa wuchern. Unendlich viele Stufen verbinden die Gassen miteinander. Selbst die zahlreichen Etagen der meist weiß getünchten Häuser sind nur über steile Staffeln erreichbar. „Wie mühselig, wie anstrengend.“ Enno hat Mitleid mit den Bewohnern. Er kann ihnen im Moment besonders gut nachfühlen, weil seine Füße nach der anstrengenden Wegstrecke vor Schmerz fast taub anmuten. Links und rechts bilden sich an den Strümpfen über den Fersenstücken seiner nagelneuen Wanderschuhe schwärzlich braune Flecken. Die durch die Reibung entstandenen Blasen sind längst aufgeplatzt. Er hat kein Pflaster dabei und beißt die Zähne zusammen. Zu aufgewühlt, um eine kurze Rast einzulegen und neue Kraft zu tanken, geht er stoisch weiter. Mit Knien wie aus Wackelpudding vom stetigen Bergab. Das Zirpen der Grillen schwillt zu einem unsäglichen Schrillen an. Nach einer Stunde erreicht Enno endlich die „Basilica di Sant’Eustachio“. Die kläglichen Überreste der einst so majestätischen Mauern klammern sich trotzig an den Fels, der sich stolz über die wilden Täler streckt. Das erhabene Fluidum des heiligen Ortes dringt durch die weit geöffneten Poren bis in Ennos tiefstes Inneres. Er schaut nach oben und betrachtet ergriffen die gut erhaltene Apsis. Sein Blick schweift über die hoch aufragende Wand des Seitenschiffs. Durch eine der Fensteröffnungen blitzt ein Stück Stoff. Rote Ringelstreifen. Ennos Herzschlag setzt für einen kurzen Moment aus.
Er lässt sich ob des eintretenden Schwindels auf einen Mauervorsprung fallen und nimmt den letzten Schluck aus seiner Wasserflasche. Er verschluckt sich, hustet, spuckt. Flüssigkeit rinnt ihm aus der Nase. „Geht es wieder?“, fragt sanft eine besorgt klingende Frauenstimme. „Aber ja“, antwortet Enno keuchend, „aber ja, es geht wieder.“ Jetzt kommt auch die Mutter auf ihn zu. Sie trägt das blaue Kleid von gestern. „Kommen Sie mit uns“, sagt sie. „Katharina und ich kennen einen interessanten Schleichweg nach unten.“
2
Enno wohnt in einem kleinen Dorf im Badischen, nahe der französischen Grenze. In mühevoller Arbeit hat er mithilfe von Freunden ein historisches Gasthaus zum Wohnhaus umgebaut. Aus der ehemaligen Scheune ist das Atelier entstanden. Kaum ein Fremder hat es je betreten. Enno befürchtet, dass negative Schwingungen die kreative Aura zerstören könnten, die über dem gesamten Gelände liegt.
Allein Bruno, sein Terriermischling, darf die Räume betreten. „Tiere sind raus, wenn es um schlechte Energien geht.“ Davon ist Enno überzeugt. „Bei Tieren gibt es weder Gut noch Böse. Anders als bei Menschen.“ Doch bei Katharina hatte Enno von Anfang an ein gutes Gefühl. Bei ihr spürt er nicht einmal den Hauch eines Zweifels. Deshalb hat er sie zu sich eingeladen, als sie sich nach dem Abstieg von der Ruine in Amalfi voneinander verabschiedeten. Und Katharina war sofort einverstanden, ihn zwei Wochen später zu besuchen. Am späten Nachmittag ist sie angekommen. Jetzt sitzen sie eng beieinander wie Vertraute, während sie ihren Espresso trinken. Und sprechen leise, als teilten sie ein Geheimnis. Enno kann es kaum erwarten, Katharina seine Werke zu zeigen.
Früher am Tag, einige Stunden vor Katharinas Ankunft, hat sich Enno nicht, wie gewohnt, sofort ins Atelier begeben, sondern das Fahrrad aus der Remise geholt, seinen Terriermischling an die lange Leine genommen und ist auf den regionalen Wochenmarkt geradelt, um einzukaufen. Er musste nicht lange überlegen, was er abends für sie kochen sollte. Etwas Italienisches. Das war klar. Mit lokalen Zutaten sowieso.
Die Luft war kalt und spritzig wie eine belebende Dusche. Während Enno die kleinen Straßen Richtung Ortsmitte entlangfuhr, dachte er voller Sehnsucht an Katharinas schmiegsamen Körper, an das kleine Grübchen an ihrem Schlüsselbein und an die wohlgeformten, schlanken Arme. Ein seltsamer Hunger überfiel ihn.
Da hörte er schon von weitem Giorgio rufen. Enno kennt ihn seit Langem. Inmitten der einheimischen Händler bietet Giorgio als einziger mediterrane Spezialitäten an. Mit ihm kann Enno herrlich über die Kochkunst des Südens parlieren und dabei seine Italienischkenntnisse auffrischen. „Un piatto misto?“ „Sì, per favore.“ Über die Theke seines fahrbaren Marktstandes reichte Giorgio ihm einen ovalen, weißen Teller mit eingelegten Zwiebeln, kleinen säuerlichen Fischen, Pilzen mit Knoblauch und Paprika in Olivenöl. Alles kunstvoll arrangiert. Dazu knusprige Brotscheiben aus dem Steinofen. Enno ging es auf der Stelle besser.
Frisch gestärkt kaufte er bei Giorgio dann knackiges Gemüse und herrlich duftenden Käse. Und natürlich viel großblättriges Basilikum. Dazu eine Flasche vom sizilianischen Olivenöl, das Giorgios Familie in Caltabellotta im Agrigent, einer Provinz an der Westküste des Stiefels, aus eigenen Früchten selbst herstellt.
Jetzt, ein paar Stunden später, führt Enno Katharina in sein Allerheiligstes. Die bodentiefen Fenster lassen das vergorene Bouquet des voll aufgeblühten Phlox und die süße Säure von spätem Jasmin ein. Ennos Bilder sind farbenfroh und ausdrucksstark. Das erkennt Katharina auf den ersten Blick. Mönche in wallenden Gewändern, von geradezu sichtbarer Stille umgeben, wie die Essenz aus Meditation und Gebet. Daneben kastige Höfe in südlichen Landschaften. Die Fensterläden zum Schutz gegen die drückende Hitze geschlossen. Umgeben von gelben Feldern, auf denen einzelne Mohnblumen blühen. Knallrot wie zum Ausgleich.
Enno erzählt von Acrylfarben, Spachteltechnik und einem speziellen Schnittverfahren, das den Werken noch mehr Tiefe, eine zusätzliche Dimension verleiht. Seine Augen funkeln. Seine Finger packen Katharina wie zur Bekräftigung seiner Worte am Unterarm. Ein fast schmerzhaftes Gefühl durchfährt ihren Körper wie ein Stromstoß.
Katharina nimmt Ennos männlichen Geruch wahr – ein bisschen wie Lakritz mit Schokolade. Sie betrachtet den gepflegt zurechtgestutzten Sechstagebart. Gerne würde sie über die stark behaarten Arme streichen. Sie traut sich nicht. Wie um sie abzulenken, kommt Ennos Terriermischling schwanzwedelnd auf sie zu. Bruno liebt alle Fremden, die sich dem Haus nähern. Haben sie doch meistens ein Leckerli dabei. Katharina krault den gutmütigen Hund hinter den Ohren, was er mit genüsslichen Schmatzlauten goutiert. „Als Wachhund leider völlig ungeeignet.“ Enno lacht und berichtet weiter von seiner speziellen Maltechnik.
Da bemerkt er, dass Katharina nicht ganz bei der Sache ist. Den Blick irgendwie in die Ferne gerichtet, die Pupillen dunkel und weit. Enno befürchtet, sie zu langweilen, und beendet seine Ausführungen auf der Stelle. Er packt ihren Oberarm und zieht sie mit sich in die Küche, aus der ihnen eine delikate Duftmischung entgegenkommt. Nach pikanten Kräutern und herzhaftem Knoblauch. „Er hat für mich gekocht.“ Männer, die kochen können, findet Katharina ausgesprochen anziehend. Die Zubereitung der Speisen erfordert jede Menge Geschick. Ein gutes Gespür für die richtigen Zutaten und ein Händchen fürs richtige Maß. „Das alles spricht für einen Menschen mit viel Einfühlungsvermögen.“
Neugierig lupft Katharina den Deckel der großen Terrine, die auf dem Herd steht. Violett glänzende Auberginenwürfel liegen neben alarmroten Tomatenspalten, sahnig weiße Mozzarellastücke paaren sich mit buttergelben Parmesanspänen, und alles zusammen verbindet sich mit smaragdgrünen Zucchinischeiben und weinroten Oliven zu einer prachtvoll farbigen Melange.
Sie setzen sich an den mit einem bunten Wiesenblumenstrauß geschmückten großen Esstisch, an dem leicht Platz wäre für acht Personen. Für eine große Familie. Sie essen schweigend wie zwei Seelenverwandte, die bereits alles voneinander wissen. „Das Dessert wartet noch in der Küche“, sagt Enno schließlich mit verführerischem Unterton. „Wenn das genauso auf der Zunge zergeht wie das Bisherige, kann ich nicht widerstehen.“ Katharinas Stimme klingt rau. „Versprochen“, sagt Enno und steht auf. Er tritt hinter Katharinas Stuhl und dreht sie an den Schultern sanft in seine Richtung.
3
Sie spürt es, bevor sie es weiß. Es ist ein ganz besonderes Gefühl. Ein erregendes Kribbeln, das diesmal nichts mit Enno zu tun hat, mit dem sie jetzt bereits seit drei Monaten zusammen ist. Ruhelos läuft Katharina im Haus hin und her. Treppauf, treppab. Im Flur fährt sie mit der flachen Hand über die glatte Oberfläche der an der Vorderseite gerundeten Kommode, in der die Schuhe aufbewahrt werden. Umrundet mit dem rechten Zeigefinger den Rand der achteckigen Glasschale, in der sie abends ihre Ohrringe ablegt. Dann geht sie ans Fenster und ordnet nachdenklich den Faltenwurf des langen Vorhangschals aus weißem Baumwollstoff. Katharina ist aufgekratzt und müde zugleich. Der flaue Magen treibt sie in die Küche, wo sie sich eine Scheibe Walnussbrot abschneidet. Sie streicht Butter darauf, danach eine dicke Schicht vom bernsteinfarbenen Honig aus Lavendel und Wildblüten, der ganz frisch aus dem Bienenstock des netten Nachbarn kommt. Dazu angelt sie sich eine der pickeligen Essiggurken aus dem rustikalen Steingutfass, die Enno jedes Jahr im Herbst mit Piment, Senfkörnern, Wacholderbeeren und frischen Lorbeerblättern in Weißweinessig ansetzt. Katharina saugt genüsslich an dem sauren Kolben, während sie noch am süßen Brot kaut. Sie verdreht die Augen. „Es schmeckt köstlich.“ Sie hat noch nie bemerkt, wie gut das zusammenpasst. Während sich Katharina noch über ihre merkwürdigen Gelüste wundert, wird ihr inneres Ahnen, langsam, ganz langsam, zur Gewissheit.
Katharina geht in den Garten, als erwarte sie dort Rat und Hilfe. Im dichten Gestrüpp der Beerensträucher flattern Meisen, Spatzen und Amseln. Ihre eifrig piepsenden Stimmen schwirren durch die behaglich warme Luft des Spätsommers. Es duftet nach feuchter Erde, gemähtem Gras und süßlich nach Fallobst. Katharina betrachtet das Sammelsurium von Nistkästen. Die kleinen Behausungen, die dicht an dicht an der Hauswand hängen, sind längst verwaist und warten darauf, dass im nächsten Frühjahr in ihrem Innern neues Leben erwacht. Die Farben der dünnen Sperrholzwände scheinen heute besonders kraftvoll zu sein. Rot. Grün. Blau. Gelb. Dann verfolgt Katharina mit den Augen die geradlinige, steinerne Umrandung der Gemüsebeete. Der Anblick der geometrischen Linien bringt sie wieder ein wenig ins Gleichgewicht.
Sie lehnt sich über die niedrige Mauer, pflückt eine der fülligen Hülsenfrüchte und presst den scharfkantigen Rand der Schale zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Erbsen drücken sich durch das hauchfeine Fruchtblatt. Katharina schaut auf die alten Obstbäume, voll mit reifen Äpfeln die einen. Berstend vor saftigen Mirabellen die anderen. Da fasst sie einen Beschluss. „Ich muss es wissen.“ Ihr Herz schlägt bis zum Hals. „Jetzt gleich.“
Sie zieht eine leichte Jacke über und fährt mit ihrem kleinen Peugeot ein paar Straßen weiter, zur Praxis ihrer Gynäkologin. Gut gelaunt reicht sie ihre Versicherungskarte über den Empfangstisch. Die Sprechstundenhilfe nimmt das rechteckige Plastikstück mit einem ernsten, konzentrierten Gesichtsausdruck entgegen. Am liebsten würde Katharina sie ein wenig aufmuntern. „Jetzt lachen Sie doch mit mir, die Welt ist bunt, schön und verrückt.“
Katharina setzt sich ins Wartezimmer und betrachtet fasziniert die kugeligen Bäuche, die sich hier ein Stelldichein geben. „Bald werde ich zu ihnen gehören, zur weltweiten Schwesternschaft der Schwangeren.“ Die Tür geht auf. Die Gynäkologin, eine dunkelhaarige Frau Anfang vierzig, begrüßt Katharina mit routiniert freundlichem Lächeln. „Jetzt schauen sie doch etwas fröhlicher“, denkt Katharina erneut. „Immerhin ist ein Wunder geschehen.“
Schwungvoll, fast übermütig schleudert sie Jeans und Slip auf den hinter einem Paravent bereitgestellten Hocker und geht dann auf den großen, sperrigen Untersuchungsstuhl zu. „Wie ein Folterinstrument“, schießt es Katharina in den Kopf. Sie atmet tief ein, nimmt Platz und versucht zu entspannen, während die Ärztin das Ultraschallgerät näher heranzieht und die Sonde einführt. Im Geiste sieht sich Katharina inmitten einer Wiese voller Pusteblumen sitzen, umringt von einer fröhlichen Kinderschar. Lächelnd betrachtet sie ihr Gegenüber. Das Gesicht der Gynäkologin wirkt bleich und farblos. Ganz plötzlich.
Katharina schaut genauer hin. Die geschlängelten Linien tiefer Falten ziehen sich über die gesamte Stirn. Sorgenfalten. Eindeutig. Es ist kalt im Raum. Bitterkalt. Katharinas nackte Füße fühlen sich an wie Eisklumpen. „Ich sehe die Fruchthöhle.“ Die Gynäkologin äußert sich akzentuiert und besonnen, als wäre es wichtig, über jedes Wort genau nachzudenken, bevor es ausgesprochen wird. „Ja, ohne Zweifel, und auch der Embryo ist ganz deutlich zu sehen. Er ist relativ groß. Mindestens achte Woche. Aber ich kann keinerlei Herzschlag feststellen.“ Und, nach einer kleinen Pause: „Ich denke, es ist aussichtslos.“ Dr. Elmendorff schaut nach unten, als müssten ihre Worte an eben der Stelle ankommen, in genau dieser Fuge zwischen den Fliesen, dort, wo die Wandleiste beginnt.
„Es ist nicht weiter schlimm. Das kommt öfter vor. Wir müssen einen Termin ausmachen.“ Die Sätze kommen leicht daher, ein wenig galoppierend, wie befreit. Die Ärztin betont das Wort „Termin“, als wäre das Übrige nur Beiwerk. Überflüssig. „Termin?“, fragt Katharina. In ihrer Stimme schwingt noch die leise Hoffnung mit, dass alles gut wird. Dass das Wort Termin die Zauberformel ist, die das Schicksal in allerletzter Sekunde doch noch gnädig stimmen könnte. Aber Dr. Elmendorff hat sich schon abgewandt. Der Fall ist für sie erledigt. „Was für einen Termin? Nein.“ Katharina bemüht sich, laut zu sprechen. Aber sie bringt nur ein Krächzen zustande. Die Ärztin reagiert nicht mehr. Sie hackt mit flinken Fingern auf die Tastatur des Computers ein. Die Sprechstundenhilfe, die Katharina vorhin empfangen hat, steht völlig unvermittelt da, wie aus dem Boden gewachsen. Sie hat sie nicht hereinkommen sehen. Katharina schüttelt die mitfühlend an ihrem Arm entlangstreichende Hand ab. „Nein, ich lasse mir mein Kind nicht wegnehmen.“ Katharina steht auf, wie mechanisch, zieht sich an und geht hinaus, quer durchs Wartezimmer. Vorbei an den Frauen, die ihre Rundungen jetzt wie zum Schutz mit beiden Armen bedecken und dabei mit betretenem Gesichtsausdruck zur Seite schauen. Drohend baut sich die Empfangstheke vor Katharina auf wie das Tor zur Hölle. „Der Fußboden ist schwarz, die Lampen sind schwarz. Kein Wunder, dass mein Kind tot ist.“ Katharina kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Aus weiter Ferne durchdringt das Wort Ausschabung das Kreischen und Klingeln in ihren Ohren. Wie in Trance nimmt Katharina den Terminzettel entgegen, den ihr die Helferin jetzt reicht. Die junge Frau im weißen Mantel schaut genauso drein wie vorhin, als habe sich nichts verändert. Dabei hat sich inzwischen die Erde aufgetan und alle Gefühle verschluckt. „Das muss sie doch bemerkt haben.“
Mit zitternden Knien geht Katharina nach draußen und marschiert, schnurstracks an ihrem vor der Tür geparkten Auto vorbei, die paar Straßen zurück. Unterwegs nimmt sie schemenhaft die Umrisse vorbeisausender Fahrräder wahr. Und mit langer Zunge hechelnde Vierbeiner an der Leine gesichtsloser Passanten. Sie weiß nicht mehr, wie sie nach Hause gelangt. Ihre Beine funktionieren wie von selbst. Als Katharina die Tür öffnet, kommt ihr Enno entgegen. Er sieht sofort, dass etwas Schlimmes passiert ist. „Unser Kind ist tot“, ist alles, was Katharina sagen kann.
Enno hat nicht gewusst, dass Katharina schwanger ist. Gut, sie hat in letzter Zeit gegessen wie ein Scheunendrescher. Und insgeheim hat er sich über ihre Gesichtshaut amüsiert, die eine fast unverschämt gesunde Farbe angenommen hatte. So viele Fragen drängen sich ihm auf. Doch er schweigt, weil er weiß, dass jetzt jedes Wort zu viel wäre. Er massiert Katharinas Nacken, bis sie sich ein wenig beruhigt.
An diesem Abend gehen sie früh zu Bett. Katharina schläft tief und fest, umfangen von Ennos Armen, die sie vor dem freien Fall bewahren, sicher wie Gleitschirmgurte. Doch der Albtraum ist ein geduldiger, schlitzohriger Höllenknecht. Er lauert seinen Opfern auf, bis sie nicht mehr mit ihm rechnen und den grausigen Eindrücken unvorbereitet und schutzlos ausgeliefert sind.
