Die Wurzelsucher - Sabine Stegmeyer - E-Book

Die Wurzelsucher E-Book

Sabine Stegmeyer

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Beschreibung

Wir befinden uns im Jahr 2050. Während sich der unproduktive Teil der Gesellschaft in den Randzonen tummelt und die Gutbetuchten in gesicherten Zonen ihre Ruhe genießen, strampelt sich eine Mittelschicht ab, um nicht endgültig abzurutschen. Ein wohlwollender Staat kümmert sich mit Hilfe von Überwachungssystemen um seine Bürger, und vor allem bei den Heranwachsenden greift er so früh wie möglich ein, um sie auf den rechten Weg zu bringen. Sehr wichtig für die Gesellschaft sei - es sollen die richtigen Bürger Kinder bekommen. Doch Lena, eine junge, intelligente Frau, will selbst entscheiden. Sie will ein Freigeist sein - so wie ihre kürzlich verstorbene Großmutter. Im Nachlass der alten Dame findet sie Ungereimtheiten und geht ihnen nach. Das führt sie in die Nähe eines Mannes, der kurz zuvor im Haus nebenan aufgetaucht ist. Der Exsöldner will eine letzte Chance nutzen, um seinem todkranken Vater die Wahrheit über die leibliche Mutter heraus zu pressen.

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Seitenzahl: 392

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Sabine Stegmeyer

Die Wurzelsucher

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Sonntag

Impressum neobooks

Montag

'Mistschloss', fluchte Frederik Graber gegen die Tür. Hatte das nicht vor zehn Jahren schon geklemmt? Er sah an der roten Backsteinfassade hinauf, musterte die bröckeligen Fugen. Rechts oben neben der Tür starrte eine Überwachungskamera auf ihn herab. Das halb mit Dreckwasser gefüllte Auge war ein Anblick zum Weinen. Irgendwann in den Dreißigern hatten Versicherungen mit Rabatten gewinkt, würden sich die Vorstadtbewohner kleine Spione über die Haustüren montieren. Mit den Sensoren an Fenstern und Läden glaubten sie sich rundumüberwacht. Leider waren auch die bösen Leute technisch auf Zack und das Projekt wurde in aller Stille begraben. Seit jener Zeit verunstaltete Elektroschrott die Fassade.

Graber schüttelte den Kopf und ließ die Reisetasche fallen. Keine drei Tage würde er hier bleiben. Wozu auch. Zu Erben gab es nur ein kleines Konto und ein großes Geheimnis. Und dieses Große zu lüften blieb dem Sohn nicht mehr viel Zeit.

Graber packte den Knauf, ein Ruck und das Schloss gab nach. Mit der Spitze seines Stiefels drückte er an die Tür und sah ihr zu, wie sie widerstrebend ein Stück aufging.

„Schlimmer als im Lazarettzelt“, murmelte er und rieb sich die von zahlreichen Sonnenbränden gefleckte Nase. „Desinfektionsmittel … Pisse und … Greisensieche.“ Schildkrötengleich schob Graber den Kopf vor und spähte ins Halbdunkel des Flurs. Nichts schien sich verändert zu haben, seit er dieses Haus das letzte Mal betreten hatte. Er nahm die Tasche wieder auf und seine Finger umklammerten die Henkel so fest, dass die Gelenke hell wie gepulte Erdnüsse schimmerten.

„Ich hätte gar nicht kommen müssen“, flüsterte er, als müsse er sich selbst beruhigen. „Hätte die Nachricht einfach löschen können. Wen interessiert wie's dem Alten geht. Nach mir hat er die letzten zehn Jahre auch nicht gefragt. Und die Jahre zuvor - jeder Besuch ein Desaster.“

Dann, mit einem Ruck, straffte Graber die Schultern und fuhr mit der Hand über sein raspelkurzes Grauhaar, so als streife er Spinnweben ab. Er schob die Tür ganz auf, ließ die Reisetasche vor ihr fallen und ging zwei, drei Schritte in den Flur hinein. Licht flimmerte am Ende und die Stimme einer Sprecherin säuselte sich musikumringelt durch das Haus.

„Vater?“, fragte er ins Innere, und noch einmal „Vater?“

Die Frauenstimme verstummte. Jemand raunzte „Bob“ und ein kurzer Piepton antwortete. Frederik verharrte im Halbdunkel, lauschte dem von Motorsummen begleiteten Schlurfen. Am Ende des Gangs erschien Rudolf Grabers Gestalt, dicht gefolgt von einem mannshohen Pflegerobot. Die Hände des Alten klammerten sich an die Griffe der Stützstummel rechts und links des Körpers. Hektisch blinkte der an seinem Hals angebrachte Sensor. Er blinkte im selben Takt wie das leuchtend rote Herz rechts oben im Bildschirm des künstlichen Helfers. Jeder Schlag verwandelte schütteres Weißhaar in babyrosa Gespinst. Zuckerwatte, ging es dem Sohn durch den Sinn und er hätte beinahe gegrinst.

„Netten Helfer hast du da“, sagte Graber junior und heftete den Blick auf das Gekritzel über dem Schirm. „Sogar einen Namen hat er … Bob … klingt irgendwie nett.“
„Guten Tag, Frederik“, sagte der Alte.

Graber nickte nur und verschränkte die Arme vor der Brust. Der Stoff der Feldjacke knarzte. Viele Waschgänge hatten ihr die Elastizität genommen, Sonne hatte sie zu etwas undefinierbar Hellem ausgebleicht. Nur unter den Armen, in Taschenfalten und an Stellen, wo Abzeichen festgenäht waren, hatte sich das ursprüngliche Braungrün erhalten. Für eine Weile herrschte Schweigen. Mit jeder Sekunde quoll es mehr auf und schien die beiden Männer auseinander treiben zu wollen.

„Geht dir nicht gut, haben sie mir geschrieben“, presste der Jüngere schließlich heraus. Er musterte den Vater, wie er an den Robot-Armen ein wenig tiefer rutschte, betrachtete den Bildschirm, auf dem unten links ein blaues Antennensymbol leuchtete. Er wusste, was das bedeutete – würde der Alte fallen, schlüge sein Herz in Panik und Bob würde automatisch Meldung machen. Das Kamera-Auge würde erwachen und wenig später stünde die ganze Pflegestaffel auf der Matte, wenn er nicht rechtzeitig auf das Resetfeld drückte. „Ich wollte dich besuchen und wenn du willst … für eine Weile hier bleiben“, beendete er das Machtspielchen und tatsächlich – der Alte atmete tief durch.

„Das musst du nicht tun. Bin gut versorgt.“ Er neigte seinen Kopf Richtung Bob. Der Sohn folgte seinem Blick.

"Tolle Aussichten. Ein Robot und genervte Pfleger."

"Keine Pfleger."

"Niemand schaut mal rein?"

"Nein, wozu?"

"Das Essen?"

"Im Kühlschrank ist Fertigfutter. Muss ich nur noch in diesen kleinen Ofen schieben, der in der Küche steht."

"Brauchst eben niemand", Graber löste seine Arme und schob die Hände tief in die Hosentaschen, machte einen Schritt zurück, als wolle er sich abwenden. „Kann ich ja wieder gehen“, schob er hinterher und sah zu, wie die Falten im Gesicht seines Gegenüber zuckten.

Der Alte räusperte sich und rang sich ein 'schon gut, schon gut' ab und, als wollte er zeigen, dass noch jede Menge Kraft in ihm steckte, richtete er sich auf und reckte das Kinn vor. "Was ist mit dir? Kein Dienst mehr?"

"Werd auch nicht jünger."

„Also bleib. Bleib ruhig, wenn's dir Spaß macht“, sagte er, und mit einigen geflüsterten 'Schon-guts' begann er sich umzuwenden, vorsichtig die Füße aufsetzend. Gleich einer halbierten Riesenbirne klebte 'Bob' am Kreuz des Alten. Kaum ein Zögern war sichtbar, als gebe es eine Hirnsonde, die der mechanischen Begleitung die Bewegungen seines Schützlings ankündigte.

Frederik Grabers Blick folgte dem Gespann und haftete kurz am Typenschild, das über einem kleinen, fettig glänzenden Touchscreen am Hinterkopf der rollenden Riesenbirne klebte: Ca-Rob 2.4 daneben der TÜV-Stempel, in dem so etwas wie eine '2050' glitzerte.

Plötzlich drängte der Lärm quietschender Reifen ins Haus, übertönte das Brummen des Robot-Motors. Graber machte auf dem Absatz kehrt, die Fäuste in Kampfstellung. Er konnte noch das schwarze Heck eines abbiegenden Roadsters sehen, doch anstatt loszupreschen, ließ er Fäuste und Schultern sinken.

„Verdammt!“, presste es aus ihm heraus „Verdammt nochmal! Wann hört der Alarmscheiß in meinem Hirn endlich auf!“ Er schloss die Augen und vor ihm waberte gleich einer Fata Morgana das Gesicht der feisten Psychologin. Das sei normal, schnarrte das Pfannkuchengesicht und Graber wich einen Schritt zurück. Ihre Wurstfingerhand hielt eine Pillendose in die Höhe und schüttelte sie, mahnte ihn, sie immer pünktlich einzunehmen, sonst schwanke der Serotonin-Spiegel und seine Stimmung könne schlagartig umschlagen und das wäre sehr, sehr unangenehm, und im Pfannkuchenrund rollten die Augen.

Graber hob die Hände und presste die Handballen gegen die Schläfen. Irgendwann würde alles gut, redete er sich ein, irgendwann würde sein Hirn nicht mehr aus jedem Reifenquietscher einen Selbstmordattentäter machen. Er tappte zur Eingangstür und griff nach der Tasche. Der Irre war vorbei, nun folgten noch zwei Fahrzeuge, beide mit schwarzen Bändern an den Stummelantennen. Im ersten konnte er den Beifahrer erkennen. Sah nach Erhan Radeke aus, jenem Mann, dem nicht nur das große Haus um die Ecke samt Grundstück gehörte, sondern auch die Hütte, in die sich der alte Graber vor mehr als zwanzig Jahren eingemietet hatte.

Er warf die Tasche in den Flur. Das letzte, was er jetzt brauchen konnte, war ein neugieriger Vermieter. Kurz bevor er die Tür ins Schloss drückte, hörte Graber noch das Schrubben von Reifen in Kies und das Quietschen eines Garagentors; dann drehte er zweimal den Schlüssel, die Außenwelt war ausgesperrt. Für heute Nacht würde er hier bleiben, dem Rest der Montagsdemonstranten aus dem Weg gehen. Dass dieses Randzonenpack überhaupt noch in die Innenstädte gelassen wurde. Sollen doch froh sein, dass sie eine Grundsicherung bekamen. Und diese engagierten Intellektuellen, die dauernd von Freiheit faselten und von bösen Konzernen. Für ein paar Monate vom Netz abhängen und zum Kampfroboterölen in die Wüste schicken, das wäre das Richtige, dann würden die auch mit dem Soldaten-sind-Mörder-Mist aufhören. Er nahm die Tasche auf und folgte dem Schimmern, das aus dem Zimmer am Ende des Flurs flimmerte.

"Jemand gestorben bei Radekes?"

"Ja. Die alte Frau Radeke."

"War ja alt genug."

"Ich war gerade den ersten Tag zu Hause. Da wecken mich die Sirenen vom Notarztwagen. Ich konnte die Leute im Garten hören und ich bin zum Fenster. Semra ist ..."

"Sie ist was?", fragte Graber. Nur schweres Atmen antwortete ihm. "Meine Fresse", brummte er "man könnte meinen, deine Mutter wäre gestorben." Er drehte Richtung Küche ab und inspizierte den Inhalt des Kühlschranks.

***

"Das hättest du mir vor zwanzig Metern sagen können", maulte Gerhard und stoppte den Wagen vor der Haustür. Die Statusanzeigen erloschen und das Display verabschiedete sich mit einem flammenden "Sounddesign Rrrracer spirit".

"Was musst du auch wie ein Irrer fahren." Lena Radeke löste ihre Hände vom Seitengriff, starrte auf die Nackenstütze und den sauber gegelten Scheitel darüber, den weichen Nacken darunter und hätte ihm am Liebsten einmal ordentlich über den Hinterkopf geklatscht. Sie sah zu, wie das Auto ihrer Eltern vorbeiglitt, der Vater ernst nach vorne starrend, Lenas Zwillingsbruder kopfschüttelnd auf dem Rücksitz. Sie hatte es ja geahnt, der Schwager und seine coolen Nummern. Immer musste er ein Schippchen drauflegen. Nicht mal an einem traurigen Tag wie diesen konnte er den Poser in der Schublade lassen. Das würde das letzte Mal sein, dass sie mit ihm am Steuer im selben Wagen saß. Wie hielt ihre Schwester Julia das bloß aus?

"Für Gerhards Verhältnisse war das sehr dezent. Hab ich Recht, mein Lieber?" Julia tätschelte seine Schulter. "Das nächste Mal würde ich mich an deiner Stelle auf das Navigationsgerät verlassen." Sie öffnete die Beifahrertür, griff rechts und links mit den Händen an den Rahmen und zog sich nach oben. "Und nicht auf dein Erinnerungsvermögen", murmelte sie und rückte ihren schwarzen Hosenanzug zurecht. Aber Gerhard hatte schon nicht mehr zugehört, war um das kurze Heck des Roadsters geeilt und klappte den Beifahrersitz nach vorne. Bröckelige Randsteine lugten über den Schweller und in den Fugen wachsendes Unkraut zitterte. Ein ernstes Gesicht ziehend hielt er Lena die Hand hin.

"Lass mich", fauchte Lena und rutschte auf dem Rücksitz Richtung Straße. Das könnte ihm so passen. Zusehen, wie sie mit ihrem engen Rock aus dem Fond des Autos auf den Bürgersteig krabbelte. Sie stieß den Fahrersitz nach vorne und wollte sich ins Freie schlängeln.

Indessen war Malte die Einfahrt heruntergekommen und hielt nun seiner Schwester eine Hand entgegen.

"Na, kleiner Zwilling, hat's Spaß gemacht?", fragte er und zog sie in die Höhe.

"Probier es aus", sagte Lena und schlug die Autotür zu, "Gerhard fährt bestimmt eine Runde mit dir".

An der Straßenseite gegenüber quietschte eine Tür, dann folgte Schlappenschlurfen, das für einen Moment schwieg. Sie konnte die Neugier des Nachbarn förmlich spüren. Da hat der Tod ganz schön Leben in die Straße gebracht, dachte sie. Mehr als drei Menschen auf einmal und schon sucht man sich ein wenig Müll zusammen, um einen Grund für den Gang vor die Hütte zu haben. Und tatsächlich, der Deckel der Mülltonne klappte, dann knackte es. Nein, sie würde sich nicht nach dem kleinen Alten umdrehen. Er schien ein paar Zweige vom Gesträuch, das neben der Tonne wuchs, abzuknicken. Das machte er immer so, wenn er befürchtete, etwas zu verpassen. Das Gestrüpp zog sich am Haus und vor der Doppelgarage entlang. Hie und da lugten noch ein paar Pflastersteine hervor. Seit vielen Jahren brachte er anstatt Fahrzeuge Kaninchen darin unter. Und gelegentlich konnte man Nachbarn sehen, die mit leeren Beuteln hinein- und mit vollen wieder heraus marschierten.

"Das war das letzte Mal", murmelte Lena noch einmal und wandte sich zu der hinter ihnen parkenden, schwarzen Limousine, aus der die beiden Tanten ausstiegen.

"Jetzt übertreib doch nicht", winkte Julia ab und marschierte zum Haus der Eltern, gefolgt von ihrem achselzuckenden Ehemann.

"Ich fahre ja nicht so gern in die Randbezirke", sagte Tante Anna. Sie ergriff Lenas Arm und sah sich um, ein wenig geduckt, dann hinüber zum Nachbarn, der gerade die abgebrochenen Zweiglein ins Gebüsch warf. Er schien genug gesehen zu haben. Sah schicke Leute, noble Fahrzeuge, schwarze Bändchen, da konnte er beruhigt wieder in seinem Gehäuse verschwinden.

"Ist schon ein paar Jahre her, dass du hier warst."

"Drei Jahre?"

"Eher vier", sagte Lena und führte die Tante um einen Hundehaufen herum.

"Es wird immer schlimmer hier."

Lena sah das Zucken im Mundwinkel der Tante und wusste, dass deren statusgeübtem Blick nichts entgehen würde. Weder das sich zwischen die Pflastersteine fressende Unkraut, noch das aus verschatteten Ecken kriechende Moos. Bestimmt erinnerte sie sich an die Siedlung, wie sie vor fünfzig Jahren war, kindgerechte Reihenhausromantik, jedes Haus mit Garage an seiner Seite, gepflegte Vorgärten. Bis Schluss war mit Bullerbü, Familien von Pleitewellen hinausgespült wurden und andere mit Zwangsversteigerungen hineingeschwemmt. Die Radeke-Großeltern hatten Glück gehabt. Das Haus war abbezahlt, bevor eine der größten Bankenpleiten darüber hinweg schwappen konnte.

Sie strichen an einem alten Lebensbaum vorbei und die Tante zögerte. Als würde hinter jeder Hecke ein Wegelagerer lauern, dachte Lena, sie sollte ihren Nachrichtenstream besser filtern. Sie seufzte und legte ihre Hand auf die der alten Dame. Unter normalen Umständen wäre ihr eine spitze Bemerkung herausgerutscht. Aber dies waren keine normalen Umstände. Noch vor einer Stunde waren sie vor dem ausgehobenen Grab gestanden, hatten zugesehen, wie sie die in weißes Tuch geschlagenen Überreste der Großmutter hinabließen. Der Vater hatte sogar einen Imam aufgetrieben, der die Gebete sprach. Wo er den wohl aufgetrieben hatte? Welches der Semra-Kinder war jemals in einer Moschee gewesen? Semra selbst hatte die Überzeugung vertreten, kein einigermaßen kluger Mensch brauche die Religion. Aber als wäre sie sich nicht ganz sicher gewesen, wollte sie doch nach muslimischem Ritus beerdigt werden. Und das musste schnell gehen - nur einen Tag Zeit für Planung von Leichenschmaus und Redner, eigentlich. Und so waren Semras drei Kinder mit Anhang zwei Tage später, unvorbereitet und ein wenig ratlos vor der Grube gestanden, so als müssten sie einem verpassten Zug hinterherschauen.

Nur Malte schien alles andere als ratlos. Lena sah sich nach dem Bruder um, wie er mit der älteren Tante am Arm folgte.

Sie hatten sich im Frühjahr das letzte Mal gesehen. Jeder war irgendwie mit irgendetwas beschäftigt gewesen.

Semras Leiche wurde gerade in die Grube gesenkt, als Malte herbeigeeilt war. Lena hatte ihm zugenickt, aber er achtete nicht auf sie. Er hielt die Hände vor sich, Handflächen nach oben, als empfange er Gaben und schien etwas zu murmeln. Lena hatte die Bewegungen seiner Lippen beobachtet und konnte es kaum glauben - er murmelte dieselben Worte, die der Imam sprach. Malte wusste genau, was er da rezitierte. Keine Spur von jener Unsicherheit, die Menschen befiel, wenn sie ein halb vertrautes Lied mitsangen oder Gebet mitsprachen. Kein Kirchengemeindeecho, das immer einen Augenblick später einsetzte.

Der von Semras Kindern engagierte Trauerredner war aus Anstand noch mitgekommen und im Hintergrund stehengeblieben. Er hatte anscheinend genauso wenig verstanden wie der Rest der Familie und war ehrlich bemüht gewesen, das aufkommende Gähnen zu unterdrücken.

Wäre netter gewesen, wenn eine ihrer Garten-Freundinnen über Wachsen und Vergehen philosophiert hätte, dachte Lena, während sie der Tante im Vorraum aus dem Mantel half und ihn auf einen Bügel hängte. Anna blieb vor dem Spiegel stehen. Ein prüfender Blick. Das akkurat schulterlang geschnittene Grauhaar glattstreichend beugte sie sich vor. Lena sah ihr zu, wie sie über die unteren Lider ihrer vom Weinen geröteten Augen strich.

Der älteren Tante genügte der Kontrollblick über den Scheitel der Schwester hinweg. Bei Marianne gab es selten etwas zu korrigieren. Die dunkel gefärbten Haare waren zu einem Knoten gebunden, aus dem sich keine Strähne zu lösen traute. Auch das dunkelblaue Kostüm und das schwarze, um die Schultern gelegte Tuch saßen, als hätte sie sich gerade eben frisch eingekleidet. Sie hatte es auch nicht nötig ein ID-Band um das Handgelenk zu tragen, als dass jemand wie sie die ID-Karte vergessen würde.

"Schön dich zu sehen", sagte Lena zu ihrem Bruder, als die beiden Tanten im Wohnzimmer verschwunden waren.

"Ich freue mich auch", sagte Malte und breitete ein wenig die Arme aus. "Auch wenn mir ein anderer Anlass lieber gewesen wäre."

Lena wollte ihn, so wie sie es immer getan hatte, kräftig drücken; aber Malte hielt nur ihre Schultern und hauchte eine Art Kuss in die Nähe ihrer Wange. Das war auch schon mal herzlicher, dachte Lena. Eigentlich hätte sie jetzt etwas mehr Emotionen gebraucht.

"Du bist dünn geworden", sagte Lena, seine Arme festhaltend.

"Ich hab viel zu tun."

"Und du konntest den ganzen Text auswendig." Sie musterte sein hageres Gesicht. Früher bildete die helle Augenfarbe einen netten Kontrast zu seinen dunklen Haaren, sehr beliebt bei den Mädchen. Jetzt blickten sie ernst, ja beinahe zornig auf die einen Kopf kleinere Schwester herunter.

"Wenigstens einer sollte bei der Beerdigung einer Muslima die richtigen Worte kennen."

"Du weißt, was unsere Großmutter über Religion dachte."

"Immerhin wollte sie nach dem rechten Ritus beerdigt werden. Für ihre Familie ist das ein Trost. Wenn auch ein schwacher."

"Diese tolle Familie war nicht einmal anwesend."

"Sie haben den Neffen geschickt."

"Der Beter ist ihr Neffe?"

Er nickte und wandte sich ab, um zu den anderen zu gehen.

"Und du? Malte?"

"Und was."

"Bei uns war Religion noch nie ein Thema. Wie kommt es ...?"

"Ich gehe denselben Weg, den unserer Vorfahren auch gegangen sind."

"Eine Hälfte unserer Vorfahren."

"Für mich eine wichtige."

"Katholisch hätte es ja auch getan; so wie bei Mutters Familie."

"Ist nicht meine Welt. Deine etwa?"

Meine auch nicht, ging es Lena durch den Sinn.

"Malte! Lena! Kommt ihr auch? Oder soll ich euch etwas vom Buffet in den Flur bringen?", rief die Mutter aus dem Wohnzimmer, und Lena war froh, dass sie ihm in diesem Moment nicht antworten musste.

"Wir kommen schon, Ruth", antwortete Malte und legte seiner Schwester die Hände an die Schultern. "Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um über Religion zu diskutieren." Er machte auf dem Absatz kehrt und ging ins Wohnzimmer, wo sich Gerhard gerade mit einem vollen Teller vom Buffet löste.

"Toll, was du an diesem einen Tag organisieren konntest, liebe Ruth!", rief er und setzte sich an den Esstisch.

"Nur ein paar Kleinigkeiten", antwortete sie und winkte ihre Kinder herbei. "Schön dass du es doch noch geschafft hast." Mutter und Sohn umarmten sich. "Du siehst gut aus." Sie legte eine Hand an seine Wange und nickte zufrieden. Dann widmete sie sich wieder dem Buffet und schob die Häppchen mit einem großen Löffel zurecht.

"Hast du gehört?", flüsterte Malte seiner Schwester ins Ohr "Mutter sagt, ich würde gut aussehen."

"Bei Mutter sieht alles gut aus, was nah an der Magersucht ist", antwortete Lena.

"Du bist unmöglich."

"Ach ja?"

Malte schüttelte den Kopf und ging auf seinen Vater zu. Der konzentrierte sich gerade darauf, eine Flasche Weißwein zu entkorken. Lena folgte ihm, spürte die heimlichen Blicke der Verwandten und ahnte, dass sie nicht ihrer Person galten. Sie alle hatten Malte beobachtet, wie er andächtig mitgebetet hatte. Vater und Sohn umarmten sich, hielten sich für einen Moment fest.

"Ich bin froh, dass du hier bist", sagte der Ältere, trat einen Schritt zurück und griff nach einem Weinglas.

"Nur Wasser bitte", sagte Malte.

Als hätte jemand ein Kommando gegeben, war es für einen Moment still. Eine kleine Störung in der Verbindung, ein Stocken im Videoclip. Dann raschelte Kleidung, jemand räusperte sich und sie setzten ihre Gespräche fort.

Erhan Radeke schien sich nicht darum zu kümmern. Er nahm die Wasserkaraffe und füllte eines der Saftgläser, reichte es dem Sohn.

"Ich hätte gern ein Glas Wein", sagte Lena und sah zu, wie der Vater einschenkte, betrachtete seine hängenden Schultern, den müden Ausdruck im Gesicht.

"Danke", sagte sie und hätte gern noch etwas hinzugefügt, aber er schob so konzentriert die Gläser auf seinem Getränketisch zurecht, dass sie sich abwandte. Geht ihm wahrscheinlich ähnlich wie mir, dachte Lena, er ist müde und traurig und würde sich am liebsten zurückziehen. Schon seltsam, sie nippte an ihrem Wein, da hältst du die Eltern dein Leben lang für unsterblich, und plötzlich, als hätte das Universum einen Sprung gemacht, bricht die Erkenntnis in dir auf, dass sie mehr Jahre hinter als vor sich haben. Ich sollte öfter hier vorbeischauen.

Sie schlenderte zum Esstisch und stellte ihr Glas an einem Platz ab, der möglichst weit entfernt von Gerhard war.

Das Buffet bot etwas für jeden Geschmack. Außer einer selbst gekochten Suppe, gab es appetitlich angerichtete Häppchen, verschiedene Brotsorten mit Dips und eine Käseplatte vom Lieferservice. Lena probierte von jedem und versuchte es dem Vater gleichzutun, indem sie sich auf ihre Speisen konzentrierte und nicht auf das durcheinander plätschernde Familiengemurmel achtete. Ab und zu warf sie einen Blick auf die Wand, an der ein großer Folienschirm haftete. Im Moment ruhte er in einer Art Dekor-Modus, zeigte eine Dünenlandschaft, in der die Grashalme ganz leicht im Wind zitterten. Am Rand konnte sie die Nachrichtenleiste erkennen. Ab und zu ruckten die Titel nach unten. Sie sah zu, ohne die Inhalte aufzunehmen, bis ein Absender auftauchte, der offensichtlich von einer Immobilienfirma kam. Darunter leuchtete grün und in kleiner Schrift der Anfang der Nachricht. Lena blinzelte ein wenig, ihre Hand mit dem Brotstückchen senkte sich. Sie würden sich bedanken ... für das Interesse an Wohneinheiten im S1- und S2 ... Mehr wurde nicht angezeigt. Kalt und unbeirrbar wie eine Schnecke schob sich Kräuterquark auf ihren Zeigefinger. Sie leckte die Masse ab und schob das Brotstückchen hinterher und überlegte, was das bedeuten könnte. Sie würden doch nicht von hier wegziehen wollen, das Anwesen womöglich verkaufen; oder doch?

Ihr Blick richtete sich zur Fensterfront, zum Garten mit seinen Obstbäumen am Ende des Grundstücks; dort, wo sich die Strahlen der Nachmittagssonne zwischen die Blätter zwängten und helle Flecken auf einen herbstlichen Gemüsegarten malten. Allerdings musste Lena zugeben, dass diese Großmutter die einzige Person war, die sich tatsächlich für den Garten interessiert hatte.

Semra war Ernährungswissenschaftlerin gewesen; allerdings eine, die ihre Nase lieber in Grünzeug als in Lehrprogramme oder Bücher steckte. Also gab sie praktische Kurse anstatt sich in Forschungslabors zu verkriechen. Sie gründete eines der bekanntesten Internetportale, über das jeder Hobbygärtner nicht nur Informationen einholen, sondern auch mit Gartengerät, Saatgut, Pflänzchen und seiner Arbeitskraft Teil einer Tauschbörse werden konnte. Genossenschaften sprossen wie Unkraut in den Regionen. Abgelegene Grundstücke wurden gekauft, gepachtet. Die Mitglieder trafen sich je nach Jahreszeit auf Märkten, tauschten und verkauften in steuerfreien Mengen. Alles vor den Nasen hilfloser Steuerbehörden und Agrarkonzerne, denen die Agrar-Anarchos ein Dorn im Auge waren.

Lena strich über das Tischtuch, fühlte die Delle darunter, die sie als Kind mit Bleistift vollgekritzelt hatte, während Semra von früher erzählte. Sie hatte nicht genug davon bekommen können und sich jedes Mal gefreut, wenn die Eltern am Samstagabend ausgingen und Lena vorher mit Rucksack und Stofftier bei der Lieblingsoma absetzten.

Geschichten über die kleine Semra, die nach ein paar Monaten auf der Grundschule schon besser deutsch sprechen konnte als der Vater. Wie sie der Mutter übersetzen musste, weil diese nie mehr als "guten Tag", "danke" und "bitte" über die Lippen brachte. Wie die Lehrerin zu ihnen nach Hause gekommen war, um den Vater zu überreden, dass Klein-Semra unbedingt auf das Gymnasium gehöre.

"Weißt du", hatte Semra gesagt, "deinem Urgroßvater waren Traditionen sehr wichtig; aber in diesem Punkt nicht. Ich habe es in seinen Augen gesehen, dass er unglaublich stolz auf sein schlaues Mädchen war." Dabei zwinkerte sie mit den Augen, leuchtende Augen, so schwarz wie der Kaffee, den sie immer neben sich auf dem Tisch stehen hatte.

Lena stand auf, um Teller und Besteck in die Küche zu bringen, dachte an die Stunden, die sie mit der alten Dame im Garten verbracht hatte, an neongelbe Gummistiefel im Winter und nackte, erdige Füße im Sommer und lächelte unwillkürlich ...

"Na? Was geht dir denn im Kopf herum?" unterbrach die Stimme des Vaters ihre Gedanken.

"Omasema."

"Omasema", sagte der Vater und musste lachen. "Wie sie diesen Namen gehasst hat." Er nahm ihr Teller und Besteck aus der Hand und räumte alles in die Spülmaschine.

Wer würde sich jetzt um den Garten kümmern?, fragte sich Lena. Mutter Ruth bestimmt nicht. Der Vater vielleicht? Und was hat es mit dieser Nachricht auf sich? Aber sie schluckte die Frage hinunter. Nicht heute. Wer weiß, was für eine Lawine sie dann lostreten würde.

"Stunden konnte ich bei ihr im Garten oder neben ihr am Schreibtisch verbringen", sagte sie stattdessen.

"Du konntest gerade mal rechnen, da hat sie dich Tabellen ausfüllen lassen."

"Ich hab später sogar Texte für ihre Infoseiten verfasst."

"Ach, wusste ich gar nicht." Der Vater nickte anerkennend "Jetzt ist mir auch klar, warum du Klassenbeste in Bio und Chemie wurdest."

"Und die Sache mit diesen Patenten auf Saatgut. Erinnerst du dich?"

"Ja", murmelte der Vater und schaute in die Ferne. "Da war was los. Hätte nie gedacht, dass wir mal Polizei im Haus haben würden."

"Was hatte ich für eine Angst! Ich dachte, jetzt flippt sie aus, gleich springt sie dem Polizisten ins Gesicht. Habe sie schon im Knast gesehen." Lena blickte in die Ferne, als könne sie von dort einen Film aus der Vergangenheit abrufen. Sie erinnerte sich noch gut, wie Semra vor dem großen Uniformierten getobt hatte, eine Fäuste schwingende Furie. Aus dem grauschwarzen Zopf gelöste Strähnen hingen ihr wirr ins Gesicht. So malte man Hexen im Mittelalter. Sie war schon immer eine von den Kleineren gewesen; aber mit ihren weit über siebzig Jahren hatte sie noch ein paar Zentimeter eingebüßt und reichte dem Mann gerade mal bis zur Brust. Er war stumm und breitbeinig vor ihr gestanden, während im Hintergrund Pakete und Laptops aus dem Haus getragen wurden.

"Ich hätte öfter kommen sollen", flüsterte Lena. "Irgendwie bin ich nie auf den Gedanken gekommen, sie könnte sterben."

"Bis auf die Falten, und dass sie immer winziger wurde, sah sie auch nicht danach aus. Trotz ihrer neunzig Jahre", sagte der Vater und streichelte ihre Schulter. "Du hast viel Ähnlichkeit mit ihr."

Aber nur äußerlich, dachte Lena. Sie strich sich mit der Hand über den Kopf, ergriff den Zopf und zog ihn sich über die Schulter. Dunkel und schwer lag er über ihrer Brust. Kurzhaarschnitt sei vorteilhafter bei untersetzter Statur, hatte Julia vor ein paar Wochen gesagt. Lena streckte den Rücken, als Ruth im Flur erschien. Drahtig und hochgewachsen verharrte die Mutter für einen Moment in der Tür. Ok - eindeutig untersetzt, seufzte es in Lena; aber das war heute nicht wichtig.

"Na ihr zwei?", sagte Ruth und betrat die Küche. Sie blieb neben Erhan stehen und strich ihm sanft über den Rücken. "Wir könnten doch mal Kaffee anbieten."

"Alles vorbereitet", sagte Erhan und zeigte auf den Kaffeeautomat, neben dem bereits Tassen und ein Körbchen mit Löffel standen.

"Sehr schön." Ruth lächelte und stellte noch Milch, Süßstoff und Zucker daneben.

Das war einer der Momente, in denen Lena spürte, dass dieses auf den ersten Blick ungleiche Paar, sich einigermaßen ergänzte. Ein dunkler, zur Rundlichkeit neigender Mann in den Sechzigern und seine gleichaltrige Frau, immer straff und beherrscht.

Wahrscheinlich hatte er geahnt, dass er jemand an seiner Seite brauchte, der ihm die Füße auf dem Boden halten würde. Sonst hätte er sich als Musiker versucht und wäre kreuz und quer durch Europa gereist, um seine Ursprungsmusik an die Leute zu bringen. Musik – made by Erhan Radeke und seinen Spielleuten. Mittelalter, gnadenlos gemixt aus den Klängen ganz Europas, für ein paar Tage der Renner bei alten Videoportalen, danach weggespült vom nächsten Clip-Tsunami.

"Ich kümmere mich schon um die Gäste", sagte Ruth und marschierte aus der Küche.

"Wie wäre es mit einem Gang auf die Terrasse?", fragte Erhan.

"Oh ja gern. Wahrscheinlich haben wir dann Gerhard an der Backe."

"Ist nicht schlimm", sagte der Vater und tippte auf das Display des Automaten. Er griff in eine Schublade und schob sich Zigarettenpäckchen und Feuerzeug in die Hosentasche. Anschließend marschierten sie mit ihren Tassen aus der Küche, durch Flur und Wohnzimmer und Lena sah im Vorbeigehen nur noch Dünenlandschaft und Gräser an der Wand. Die Nachrichtenleiste war abgeschaltet worden.

Wenige Minuten später saßen sie mit Gerhard auf der Terrasse. Hier würde die Nachmittagssonne noch für eine knappe Stunde ihre Strahlen hinschicken, und es war so windstill in dieser Ecke, dass sich die drei Rauchfähnchen nahezu senkrecht in die Höhe schnörkelten.

"Dass diese Unsitte noch immer nicht ausgerottet ist", brummte Malte, als er aus dem Haus kam.

"Im Gegensatz zu früher, ist das nun etwas Besonderes", sagte Gerhard.

"Ungesund ist es trotzdem."

"Ach Malte", murmelte der Vater und richtete den Blick in den Garten.

Malte folgte Erhans Blickrichtung. "Es ist hier im Garten passiert?"

"Ja. Dort hinten beim Gemüse ist sie einfach ... umgefallen" Er schluckte. Wischte sich über die Augen und zog dann so fest an seiner Zigarette, dass sie das Knistern hören konnten. Malte räusperte sich, steckte die Hände tief in die Hosentaschen und zog die Schultern hoch.

"Hast du es ... gesehen?", flüsterte es zwischen den Schultern hervor.

"Nein." Erhan nahm sich noch eine Zigarette und zündete sie an. Malte sagte nichts, und wenn er so etwas wie Missbilligung fühlen sollte, hatte er sein Gesicht gut im Griff. "An dem Morgen sehe ich Mutter, wie sie in den Garten geht. Dick eingepackt in das alte Fleecezeug. Die Sonne scheint so schön, und ich denke mir, jetzt frühstückst du gemütlich und schaust, ob du ihr nachher helfen kannst. Ich trinke also meinen Kaffee, lese in den Nachrichten, trinke noch einen zweiten und gehe dann raus. Und da sehe ich sie. Wie sie da liegt. Die Hände vor ihrer Brust ineinander verkrallt. Genau auf dem Weg zwischen Möhren und Mangold. Wollte wohl nicht mal beim Sterben ihren kostbaren Pflanzen schaden. Ich berühr sie an den Händen, ihre erdigen, krummen Finger. Kalt, wie aus der Erde gerupfte Wurzeln." Er zog an seiner Zigarette, streckte die Hand aus, als liege sie vor ihm. "Ich fühle an ihrem Hals ... nichts. Kein Leben. Nicht ein bisschen. Irgendwann kommt der Arzt, stellt seine Tasche ab. Mitten in die Petersilie." Er lachte auf. "Stellt euch vor. Meine Mutter liegt da tot und ich denke an die Petersilie. Denk mir, wie kann der blöde Arzt nur seine bescheuerte Tasche in der Petersilie abstellen."

Sie starrten eine Weile schweigend vor sich hin. Sogar Gerhard blieb ruhig. Nur Lena wippte mit den Füßen an einer gerissenen Fliese und lauschte dem Knirschen, dachte an den Garten, das Haus und wieder fiel ihr diese Nachricht ein. Was hätte Semra gesagt, wenn sie gewusst hätte, dass Haus und Garten an wildfremde Leute verkauft würden. Womöglich hatten sie schon darüber gesprochen? Vielleicht waren das der letzte Mangold, die letzten Möhren, die sie in ihren Beeten ernten wollte, saß womöglich seit langer Zeit auf gepackten Koffern. So frisch sieht es hier nicht mehr aus. Es knirscht und knirscht, Zerfall, schleichend, im Verborgenen arbeitend. Irgendwann würde Erosion einsetzen und die Zerstörung wäre nicht mehr aufzuhalten. Die nächste Fliese wackelt schon, die daneben auch und bei den Nachbarn sieht es nicht besser aus.

Brummen schob sich in ihre Gedanken, schwoll an, entflocht sich zu vielstimmigem Knattern. Fast gleichzeitig legten sie die Köpfe in den Nacken; dann waren sie zu sehen - sechs, sieben dicke Transporthubschrauber. Dröhnen fräste durch die verschlafene Siedlung. Für einen Moment verdunkelten die grauen Leiber den Himmel. Macht zur Schau stellend schwebten sie in einem weiten 'V' über die Gärten hinweg Richtung Stadt, so tief, dass jeder die Öffnungen an den Metallbäuchen gut sehen konnte.

Lena blickte auf ihr Handgelenk, wo sich ein mattschwarzes breites Band anschmiegte. Man spürte es kaum, könnte es rund um die Uhr tragen, müsste es nicht ab und zu aufgeladen werden. Ein roter Punkt pulsierte und sie wusste, jeder wusste, dass mit den Bildaufnahmen fast zeitgleich die Daten von Fahrzeugen, ID-Bändern und Chips abgeglichen wurden. Manches Mal zögerten einzelne Begleitdrohnen wie Hunde, die eine Fährte verloren hatten und schnüffelnd suchten, bis die Duftspur wieder aufgenommen war. Bei diesem Anblick zweifelte selbst der bravste Bürger an seiner eigenen Unbescholtenheit.

Diesmal schien die Meute vor allem in Eile gewesen zu sein; keine Zeit für Katz- und Mausspiel.

Der rote Punkt erlosch und Lena spürte, wie die Anspannung in der Magengegend nachließ, ein schwarzer Klumpen, der allmählich zerfloss und nur noch einen schalen Nachgeschmack hinterließ. Der Umriss eines grünen Briefsymbols war noch zu sehen. Giftgrün hatte sie extra für den netten Herrn vom Amt für Studien- und Lebensgestaltung ausgesucht. Das war die dritte Nachricht von Hanno Herbst. Jetzt würde sie sich langsam bei ihm melden müssen.

"Scheint wieder Ärger zu geben", sagte sie und strich das Symbol weg.

"Ich hab von illegalen Demonstrationen munkeln hören und davon, dass wieder welche ihr Unwesen in den gesicherten Zonen treiben", murmelte Erhan.

"Mir würde das auch keinen Spaß machen, immer nur die erlaubte Route rauf und runter zu demonstrieren. Schließlich kann man in den Reichenzonen die Leute besser erschrecken, muss nur die ein oder andere Lücke entdecken“, sagte Gerhard.

„Das Schreckgespenst wird immer wieder aufgebauscht“, winkte Malte ab. „Dann kann die Tante vom Sicherheitsministerium noch tiefer in den Etat-Topf hineingreifen.“

„Schon spannend, wie sich Leute hineinschmuggeln können", sagte Erhan.

Wenn du wüsstest, wie einfach das ist, dachte Lena. Letzte Woche erst hatte sie einen netten Abend bei Carla verbracht. Die wohnte in einem Bungalow im Garten ihrer Eltern, und sie boykottierte mit Freuden deren Regel, dass alles, was nicht mindestens in einer S1-Zone registriert war, schon gar nichts in ihrer S2-Siedlung zu suchen hatte. Solche Freunde hatte eine gute Tochter nicht zu haben. Man stelle sich vor, irgendein Untermensch geht in ihrem Anwesen aus und ein, und das würde sich auch noch herumsprechen.

Ganz dicht wie ein Riesenrucksack hatte Lena hinter ihrer Freundin auf dem Gepäckträger des Fahrrads gesessen, konnte sehen, wie das Band an Carlas Handgelenk kurz aufschimmerte, als sie das Tor passierten. Ihr eigenes ruhte in einem abgeschirmten Beutel in ihrer Tasche. War die Grenze überwunden, krähte kein Hahn mehr nach irgendeinem Identifikationsmodul.
In der supersicheren S3-Zone wäre das nicht so einfach gewesen. Dort war jeder ID-Chip, jedes Band erfasst und die Bewohner hatten Vereinbarungen unterschrieben, nach denen sie sich verpflichteten, diese Dinger im Band oder sonstwie immer bei sich zu führen. Und wehe es schlich einer ohne Berechtigung herum. Gleich einem Wabenmuster war das Gelände unterteilt, und die Sensoren konnten anhand der Bewegungsmuster unterscheiden, ob es sich um Maus oder Mensch handelte.

Und nun überlegte Carlas Vater, in die S3 zu ziehen. Man wäre ja seines Lebens nicht mehr sicher.

Das Klacken eines Schlosses zupfte an der Stille und Lena blickte über den Garten hinweg zu einer schmalen Parzelle, die zum Familiengrund gehörte. Nach Großvaters Tod vor mehr als zwanzig Jahren hatte Semra gesagt, der Garten sei ihr zu groß und vermietete das Stück samt kleinem Haus an Rudolf Graber. Außer einem Sohn, der alle paar Jahre zu Besuch kam, schien er keine Angehörigen zu haben.

Lena betrachtete das in der Nachmittagssonne leuchtende Rot der Backsteinwände, den niedrigen, mit Holzscheiten vollgestapelten Verschlag und seinem Teerpappedach, neben dem sich nun eine Tür öffnete.

Sie hatte schon einen Gruß für den Alten auf der Zunge; doch sie würgte ihn rasch wieder hinunter, als sie statt seiner den Sohn erkannte, und sie nickte nur höflich.

Der erstarrte für einen Moment, als er die kleine Gruppe bemerkte.

"Hallo", sagten die Männer neben Lena fast unisono und der junge Graber nickte und winkte ihnen zu. Aus dem Grau der Teerpappe löste sich eine Katze und sprang vom Verschlag herunter. Den fremden Mann nicht aus den Augen lassend umschlich sie ihn in einem großen Bogen und huschte an ihm vorbei ins Haus. Er nickte noch einmal und folgte der Grauen, zog hinter sich die Tür ins Schloss.

"Wer war das denn?", fragte Gerhard.

"Der Sohn unseres Nachbarn", antwortete Erhan.

"Ihr habt aber höfliche Nachbarn. Eine Art Beileidsbekundung wäre nicht schlecht gewesen."

"Warum war der alte Graber nicht bei der Beerdigung?", fragte Lena und drückte ihre Zigarette aus. "Semra und er haben sich doch so gut verstanden."

"Er ist wohl die Tage ins Krankenhaus gekommen. Semra wollte ihn noch besuchen." Erhan starrte auf das Haus. "Ich wusste gar nicht, dass der Sohn zu Besuch ist. Vielleicht weiß der nichts von ihrem Tod."

"Dann sollte einer Bescheid sagen."

"Ja ... bei Gelegenheit", murmelte der Vater.

"Die waren süß, die zwei Alten", sagte Lena "Wie sie zusammen auf der Bank gesessen sind."

"Ja", da musste sogar der Vater lächeln. "Selbstgebrannten haben sie probiert."

"Ist noch etwas davon da?", fragte Gerhard. Die Zwillinge und der Vater starrten ihn an. "Entschuldigung ... ich wollte nicht ..." Er räusperte sich und nickte. "Ich schau mal, was Julia macht." Sekunden später verschwand er im Haus.

"Er gibt sich ja schon Mühe", sagte Malte, als sich die Tür hinter Gerhard geschlossen hatte.

"Ein wenig", sagte Lena, dann nickte sie Richtung Wohnzimmer, wo Anna und Julia gerade lebhaft auf Ruth einredeten. Tante Marianne stand mit verschränkten Armen daneben und nickte ab und zu. "Tante Anna scheint die Beerdigung doch gut zu verkraften."

"Ihre Beziehung zu unsere Mutter war nicht sehr innig."

"Nicht so wie beim Vater, nicht wahr?"

"Nein, nicht so wie beim Vater, ihrem großen Vorbild. Dem Maß alles Dinge. Wahrscheinlich ist sie deshalb nicht verheiratet."

"An den Übervater kommt keiner ran, was?"

"Nein", sagte Erhan "und wie verbissen die beiden um seine Gunst gekämpft hatten ..."

Lena kannte diese alten Familiengeschichten, ihr war das Gezänk der alten Damen schon immer etwas seltsam erschienen. Bis ihr der Vater in einer Plauderstunde erzählt hatte, wie jede ihren persönlichen Aufstieg durchzog. Während Anna sich die Teilhabe an der Kanzlei Christian Radeke mit einem summa-cum-laude-Studium erarbeitet hatte, zog Marianne ihren Chef in den Hafen der Ehe. Und alle hatten sie genug Geld, um sich in eine S2-Zone einzukaufen.

Lena sah ihrem Vater zu, wie er seine Zigarette so gründlich im Aschenbecher ausdrückte, dass der Filter zerfaserte. Sie tat nun ebenfalls ihren letzten Zug.

Wie war das nochmal mit Tilmann vor ein paar Tagen? Er hätte eine Wohnung in Aussicht? Breit grinsend steht er vor mir, sieht aus, als habe er ein seltenes Tier gejagt und wolle es mir nun präsentieren. Eine feine, kleine Kunstpause legt er ein und rückt dann damit heraus. In einem S1-Bezirk wäre sie, da könnte ich doch endlich mit ihm zusammen ...

"Ich geh wieder rein", unterbrach der Vater ihre Gedanken und ging zur Terrassentür. Malte folgte ihm auf dem Fuß. Lena hätte gern noch ein paar Worte mit dem Bruder gewechselt, ohne dass die halbe Verwandtschaft zuhörte. Aber genau das schien er vermeiden zu wollen; also spazierte sie den beiden Männern hinterher. Kaum hatten sie die Tür geöffnet, verstummte das Gespräch, als drückte jemand die 'mute'- Taste mitten in einem Film.

"Gut dass ihr kommt", begann Julia. "Wir sprechen gerade davon, dass wir am Samstag Vaters Geburtstag feiern wollen. Das wird gleichzeitig eine kleine Einweihungsfeier für unsere Wohnung."

"Da könnt ihr sehen, wie nett es in einer S2-Zone ist", sagte Gerhard. "Vielleicht gefällt es dir ja auch."

"Ich weiß nicht." Lena schüttelte den Kopf.

"Kinderzentrum ist in der Nähe, es gibt einen schönen Park mit Laufpfaden."

"Ich würde mir wie ein Hamster im Käfig vorkommen, der sich ab und zu in seinem Laufrad abarbeitet."

"Schau es dir einfach an", sagte Gerhard und legte ihr eine Hand auf die Schulter. "Tilmann fand die Siedlung auch schön."

"Tilmann?" Lena machte einen Schritt zurück, bis die Hand von ihrer Schulter abglitt.

"Ja, ich habe ihn letzten Freitag in der Stadt getroffen. Er war tatsächlich stolz auf die Aussicht, eine S1-Wohnung zu bekommen. Kaum zu glauben, was? Also hab ich ihn auf einen Kaffee eingeladen."

"Davon hat er mir nichts gesagt." Lena spürte, wie Groll in ihr aufstieg.

"Hat sich so ergeben", mischte sich Julia ein. "Er hatte nicht viel Zeit. Aber er will unbedingt mit dir darüber ..."

"Was du nicht sagst", fuhr Lena dazwischen, und mit einem 'Ich brauche noch einen Kaffee' wandte sie sich ab. Sie hörte noch Gerhards Beschwichtigung, von wegen, Tilmann habe doch nur mal schauen wollen; aber das interessierte sie nicht mehr. In der Küche blieb sie vor dem Kaffee-Automat stehen und betrachtete das gerundete Chrom über dem Auslass, wie sich ihre Nase zu einem Troll-Riechorgan spiegelte, drumherum wirres Schwarzhaar.

Wie war das nochmal am Samstag? Als wir uns per Video-Chat gestritten haben? Piept mich am frühen Morgen an, will mir einen schönen Tag wünschen, bevor er zu dieser Konferenz fährt. Muss ein reizender Anblick gewesen sein.

Müde hatte sie sich auf dem Schreibtischstuhl gelümmelt, nur mit einem alten Riesenshirt und dieser verblassten Boxershorts bekleidet, die mit den Palmen drauf. Und weil sie kalte Füße hatte, streifte sie sich zwei von den drei Socken über, die so herumlagen. Sie hatte Tilmann beobachtet, wie er im dunkelblauen Anzug und weißen Hemd hin- und her eilte und seine kleine Reisetasche packte. Richtig akkurat machte er das, und irgendwie nervte es Lena. So wie sie einiges an ihm nervte in letzter Zeit. Zum Beispiel sein nachsichtiges Grinsen, als sie die Füße hochlegte, ein dunkelgrauer Wollsockenfuß auf dem Schreibtisch, den anderen hellgrauen auf die halb herausgezogene, zweite Schublade von unten. Sein 'fall nicht', als sie anfing mit dem Stuhl zu kippeln. Ein schlechter Anfang war das. Vor allem am frühen Morgen, wenn sie noch keinen Kaffee im Magen hatte. Und in diesem Moment fragt er Lena, was sie von S2-Sicherheit halte. Dabei wusste er genau, was sie davon hielt.

Das seien Krebsgeschwüre, die sich in Städte hineinfräßen, hatte Lena gezischt und ihn gefragt, ob er sich schon mal Luftaufnahmen angesehen habe? Zeit zum Antworten hatte er nicht bekommen, stattdessen redete sie sich in Rage. Erst seien es kleine Siedlungen am Rand, sie würden anschwellen, sich in die Citys fressen, zusammenwachsen, und irgendwann seien normale Leute ausgesperrt. Und dabei machte sie eine Bewegung mit ihren Händen, als wolle sie eine matschige Melone auspressen. Schlimm genug, dass sie dort S1-Standards eingeführt hätten. Wehe man habe nicht seinen ID-Chip bei Fuß; dann sei nix mit Shoppen oder Ausgehen.

Lena hatte sein Gesicht gesehen und für einen Moment tat er ihr leid. Ein paar Sekunden schwiegen sie. Schließlich hatte er den Reißverschluss seiner Tasche zugezogen und gesagt, normale Leute bekämen normalerweise eine Berechtigung, alle anderen wolle er ohnehin nicht in seiner Nähe haben. Und er hatte eine Kunstpause eingelegt.

'Genauso wenig wie du. Du magst auch keine Randzonen-Asis als Nachbarn', hatte er ihr dann an den Kopf geworfen. Und tief in ihrem Inneren wusste sie, dass er damit gar nicht so falsch lag.

Lena stellte eine Tasse unter den Auslass. Zischend strömte die braune Flüssigkeit heraus. Als eine Art Friedensangebot hatte sie ihm versprochen, sich die Präsentation genauer anzusehen, die er ihr vor zwei Tagen geschickt hatte: S1-Zone Augustinertal, ein nettes Viertel, dieser Ausläufer der Innenstadt. Es gab auch einen Verweis auf die Siegfriedshöhe, eine S2-Siedlung, in die sich Julia und Gerhard eingekauft hatten.

Es war eine beeindruckende Vorstellung gewesen. Als würde dem Betrachter das Paradies versprochen. Bürger erzählten, wie sie früher wach in ihren Betten gelegen waren, bei jedem Geräusch zusammenzuckten. Wie sie in ständiger Angst um ihre Kinder gelebt hatten und wie entspannt nun alles wäre. Lena betrachtete das Elternpaar, Premium-Modelle aus der Fotoserie einer Nobelsamenbank, wie sie auf der Couch saßen, einen Tierfilm betrachteten, während in der Ecke oben rechts eine kleine Umgebungskarte gezeigt wurde.

Was meinst du, fragte sie, sollen wir nachschauen?

Aber natürlich, antwortete der und wedelte mit einer Hand. Die Avatare der Kinder erschienen. Noch ein Wedeln und eine Karte ploppte auf, die nicht nur anzeigte, wo sich die Brut befand. Nein, das Grüppchen wurde herangezoomt, die Freunde drumherum, das Kind, die Hand des Kindes, das Band an seinem Handgelenk, schimmernd. Mutter und Vater entrückt auf der Couch. Sanfte Musik, 'das könnte Ihr Leben sein, Ayla-Lena Radeke', säuselte es und die Köpfe der beiden veränderten sich, morphten zu ihrem eigenen Gesicht und Tilmanns.

Teufelnocheins, hatte sie gemurmelt und den Schirm abgeschaltet.

Lena schüttete ein, zwei Löffel Zucker in den Kaffee, lehnte sich an die Arbeitsplatte und rührte und rührte. Ganz weiß war die Küche. Chromblitzend die Geräte. Ihr Blick fiel schließlich auf das Display neben der Tür. Das Übliche – bunte Grafiken, die den täglichen Bedarf an Energie, Vitaminen und Spurenelementen aufzeigten, dazu die bisherigen körperlichen Aktivitäten. Die Bilanz der Mutter war exzellent; oder anders ausgedrückt - sie dürfte sich ruhig noch einen Nachschlag am Buffet gönnen. Tannengrün leuchtete die Gewichtsanzeige und oben rechts prangte der ihr zustehende Krankenversicherungs-Rabatt.

Wie wohl Vaters Zustand aussah, überlegte Lena. Sie müsste nur ein, zwei Felder berühren.

Lena lauschte in den Flur, ein Blick um die Ecke. Beide Tanten standen schon mit dem Vater in Richtung Tür. Lena tippte auf den Schirm, und die Werte ihres Vaters schoben sich in den Vordergrund. Dort leuchtete es ebenfalls bunt, allerdings nur die Soll-Werte. Scheint, als habe der alte Herr keine Lust auf Senso-Fit. Seine apfelsinenfarben leuchtende Gewichtskurve endete vor einigen Monaten.

"Wir sehen uns ja am Samstag", kam Mariannes Stimme vom Flur "Ich will Josef nicht allzu lange allein lassen".

Lena schob Mutters Daten wieder in den Vordergrund und schlenderte zur Tür.

"Aufbruchstimmung?", fragte sie.

"Wir wollen nicht so spät nach Hause kommen", sagte Tante Anna und ließ sich von Malte in den Mantel helfen. Er nahm seinen Rucksack auf.

"Du gehst auch schon?", fragte Lena.

"Sie nehmen mich mit in die Stadt. Von dort aus kann ich mit der Bahn zu meinem Standort fahren."

"Julia und Gerhard fahren später – die würden dich bestimmt mitnehmen.“

"Ich bin doch nicht lebensmüde."

Nachdem sich alle verabschiedet hatten, begleitete Lena den Bruder noch nach draußen.

"Und wie ist dein Pflichtdienst?"

"Anstrengend. Wir sind noch zwei Tage mit Materialbeschaffung zugange und nächsten Montag geht es ab nach Südspanien."

"Hast du keine Angst?"

"Nein, warum sollte ich?"

"Also wenn ich mir die Nachrichten so anschaue – vergeht kein Tag in diesem Flüchtlingslager, an dem nicht irgendwas hochgeht oder brennt."

"Glaub doch nicht alles, was dort gezeigt wird."

"Wem soll ich denn sonst glauben?"

"Glaub es einfach mir."

"Schickst du mir mal eine Nachricht?"

"Ich werde versuchen, daran zu denken."

"Aber du kommst doch noch am Samstag."

"Nein. Es geht nicht."

"Und warum nicht?"

"Ich müsste erst zum Sicherheits-Check. S2-Standards."

"Du musst das doch nicht an die große Glocke hängen. Geht doch niemand etwas an, welchen Gott du anbetest."

"Hab mich für den Roten Halbmond gemeldet."

"Ja und?"

"Dann sind die neugieriger."

"Ich verstehe nicht ..."

"Zwei Onkel sind Imame in Moscheen. Eine davon steht unter Beobachtung. Ich kann mich da nicht einfach über das Netz mit meiner ID für den S2-Besuch anmelden. Da müsste Julia eine Einladung hinschicken."

"Und das geht dir gegen den Strich."

"Aber sowas von. Außerdem gibt es Samstag noch genug zu tun."

Lena nickte. Ein Grund mehr sich gar nicht erst in einer S2 einzunisten, dachte sie, zufrieden darüber, dass Malte sie zum Abschied dieses Mal fest an sich drückte. Er winkte ihr zu, als das Fahrzeug mit einem Sirren losfuhr, und Lena sah dem Wagen nach, bis er um die Ecke verschwunden war, kehrte um und ging zum Haus zurück.

Im Flur angekommen, konnte sie sehen, wie Julia angeregt mit ihrer Mutter sprach, während sie gemeinsam im Wohnzimmer Gläser und Geschirr wegräumten. Lena warf einen Blick in die Küche, wo Erhan und Gerhard beschäftigt waren. Das hieß, während der Ältere den Kaffeeautomaten reinigte, stand der Jüngere mit einem Lappen in der Hand daneben und redete und redete.

Lena kannte das Gesicht, mit dem der Vater vor sich hin polierte, den stieren Blick, der nichts anderes bedeutete, als dass er sich einfach auf die Couch setzen, nichts hören und nichts sagen wollte. Und sie konnte ihn gut verstehen.

Julia eilte mit einer Mülltüte an Lena vorbei, selbst sie bemerkte Erhans Müdigkeit.

"Ich denke, wir sollten auch bald fahren", sagte sie. Sie packten noch einen Teil der übergebliebenen Lebensmittel vom Buffet ein und machten sich auf den Weg.