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Ein Mord an der weltberühmten Eliteuni und eine Gruppe Freunde, die ein schreckliches Geheimnis verbindet ...
Die deutsche Studentin Wera ist fasziniert von den Cambridge Five: einer Gruppe von fünf Studenten, die in den 1930er-Jahren für den russischen Geheimdienst spionierte. Aber auch Weras neue Freunde in Cambridge scheinen ein Doppelleben zu führen. Als ein Mord geschieht, steht ihr Doktorvater Professor Hunt unter Verdacht. Ein Vorfall aus den 1970er-Jahren holt ihn ein. Was haben die Ereignisse der 30er-Jahre und 70er-Jahre mit dem Mord zu tun? Die Zeit der Spione von Cambridge scheint noch lange nicht vorbei …
Der prämierte Kriminalroman jetzt als aktualisierte Neuausgabe!
(Vormals erschienen unter dem Pseudonym Hannah Coler.)
Tauchen Sie noch tiefer ein in die Welt der Spionage mit Professor Hunt in »Das Haus am Gordon Place« (der nächste Fall ist in Vorbereitung).
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Die deutsche Studentin Wera ist fasziniert von den Cambridge Five: einer Gruppe von fünf Studenten, die in den 1930er-Jahren für den russischen Geheimdienst spionierte. Aber auch Weras neue Freunde in Cambridge scheinen ein Doppelleben zu führen. Als ein Mord geschieht, steht ihr Doktorvater Professor Hunt unter Verdacht. Ein Vorfall aus den 1970er-Jahren holt ihn ein. Was haben die Ereignisse der 30er-Jahre und 70er-Jahre mit dem Mord zu tun? Die Zeit der Spione von Cambridge scheint noch lange nicht vorbei …
Karina Urbach ist eine deutsch-britische Historikerin und Autorin. Sie wurde in Cambridge promoviert und ist Senior Research Fellow am Institute of Historical Research der Universität London. Urbach war an zahlreichen historischen Dokumentationen der BBC und des ZDF beteiligt. Ihre wichtigsten Sachbücher sind Hitlers heimliche Helfer, Queen Victoria und Das Buch Alice. Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten. Es wurde in sieben Sprachen übersetzt und war Grundlage einer preisgekrönten ARTE-Dokumentation. Karina Urbachs vorliegender Roman über die authentische Spionagegruppe Cambridge Five, Die Zeit der Verräter, den sie unter dem Pseudonym Hannah Coler erstveröffentlichte, gewann 2018 den Crime Cologne Award. Ihr Roman Das Haus am Gordon Place wurde 2024 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie im englischen Cambridge.
Weitere Informationen unter: www.karinaurbach.org.uk
Das Haus am Gordon Place
Karina Urbach
Cambridge Five
Dieser Roman wurde 2017 mit dem Titel Cambridge 5 – Zeit der Verräter sowie unter dem Pseudonym Hannah Coler erstveröffentlicht.
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Copyright der Originalausgabe © 2017 by Limes in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
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(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Angela Kuepper
Umschlaggestaltung: © www.buerosued.de
Umschlagmotive: OwenPrice/E+/Getty Images; www.buerosued.de
StH · Herstellung: KH
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-34831-1V001
www.limes-verlag.de
Für Paul Hoser und Mike Altwicker, die viel für dieses Buch getan haben.
Die »Cambridge Five« 1934 bis 1963:
Kim Philby, Guy Burgess, Donald Maclean, Anthony Blunt, John Cairncross
Die Cambridgegruppe der 1970er-Jahre:
Hunt, Jenny, Stef, Georgina, Denys
Die Cambridgestudenten im Jahr 2014/15:
Jasper, David, Wera
7. Oktober bis 5. Dezember 2014
30. September 2014
Cambridge
Die Sitzordnung kam einer Hinrichtung gleich. Links von Hunt hatte man eine Frau jenseits der achtzig platziert, die irgendwann einmal mit jemand Wichtigem verheiratet gewesen war, an den sie sich wahrscheinlich selbst nicht mehr erinnern konnte. Ihre nörgelnde Stimme und ihr erhöhter Alkoholpegel ließen ihn an Margaret Thatcher in ihren letzten Lebensjahren denken. Wer diese Frau genau war, hatte ihm niemand erklärt, und er wollte es auch gar nicht mehr wissen. Seit der Vorspeise redete sie ununterbrochen auf ihn ein – es ging um irgendwelche Probleme mit ihrem Personal. Menschen, die für so eine Frau arbeiten mussten, konnte man nur bedauern. Hunt hatte beschlossen, nicht mehr weiter an der Konversation mit ihr zu pumpen, sie war die Mühe nicht wert. Wahrscheinlich gehörte sie zu der Kategorie reicher kinderloser Witwen, die man in die Colleges von Cambridge einlud, um eine lukrative Spende aus ihnen herauszuholen. Eine andere Erklärung für ihre Anwesenheit konnte er sich nicht vorstellen. Er würde ihr zu keiner noch so geringen Spende raten. Im letzten Jahrzehnt hatte New College mehr Geld für Abfindungen an prozessierende Exmitarbeiter ausgegeben, als bedürftige Studenten zu unterstützen. Dabei befand sich das College seit über zweihundert Jahren in akuter Geldnot und konnte sich keinen einzigen dieser Prozesse leisten. Schon der Name New College war in jeder Hinsicht irreführend. Nichts an New College war neu. Seit seiner Gründung 1790 hatte man kaum Geld für größere Renovierungen ausgegeben. Aus der Not versuchte die Collegeleitung eine Tugend zu machen. Auf ihrer Webseite pries sie das College als eine architektonische Perle an, »unberührt und im Dornröschenschlaf seit über zweihundert Jahren«. Natürlich war Dornröschen immer wieder notdürftig repariert worden, und in den 1990er-Jahren hatte man sogar neue Badezimmer eingebaut. Doch kurz darauf war dem College wieder einmal das Geld ausgegangen. Wahrscheinlich hoffte der Master jetzt auf eine Finanzspritze von »Mrs. Thatcher«. Sie war viel zu angetrunken, um das zu realisieren.
»Wissen Sie, wie viel ich für mein Hauspersonal in die Rentenkasse einbezahlen muss?«
»Ein Vermögen?«, fragte Hunt hoffnungsvoll.
»Man kann sich das gar nicht vorstellen!«
»Und was sagt Ihr Steuerberater?«
Sie schien ihn nicht zu hören, wahrscheinlich war sie zu eitel, um ein Hörgerät zu tragen.
»Ich schaffe Arbeitsplätze«, bellte sie. »Aber glauben Sie, der Staat hilft mir dabei?«
Sie saßen zu siebt im großen Esszimmer. Es war ein prächtiger Raum, der zum privaten Trakt des Colleges gehörte und nach dem Dichter Wordsworth benannt worden war, dessen Porträt an einer der dunkelgrünen Wände hing. Auf dem langen Esstisch aus der Regencyzeit stand gutes Collegesilber, frisch poliert, und dazwischen in kleinen Schalen weniger gelungene lilaweiße Blumendekorationen. Die ganze Inszenierung sollte wohl verdeutlichen, dass heute Abend wichtige Gäste zu Besuch waren. In dem Punkt war Hunt sich aber nicht so sicher. Keiner der Gäste sah nobelpreisverdächtig aus. Es versprach ein geistloser Abend zu werden.
Neben Thatcher zu sitzen war alles andere als ein Vergnügen, aber eine noch schlimmere Zumutung war die Frau rechts von ihm – Jenny Green, mit der ihn seit Jahrzehnten eine enge Feindschaft verband. Als sie beide jung gewesen waren, hatte ihre Sinnlichkeit ihm unendlichen Genuss verschafft. Davon konnte jetzt keine Rede mehr sein. Er hatte vor langer Zeit verdrängt, warum ihre Beziehung auseinandergegangen war, aber Jenny schien sich an jedes Detail zu erinnern. Das verbesserte die Atmosphäre des Abends kaum. Vordergründig stritten sie sich gerade über die Höhe der Studiengebühren, aber in Wirklichkeit ging es um die hohen Kosten, die ihre Beziehung verursacht hatte.
»Angemessen? Du bist also der Meinung, die hohen Studiengebühren wären angemessen, Hunt?«
»Ich habe gesagt, sie sind angemessenfür Eliteuniversitäten. Sonst können wir nicht mehr die besten Wissenschaftler einstellen und mit amerikanischen Top-Universitäten mithalten.«
»Und wie soll dann ein Arbeiterkind jemals in Cambridge studieren können? Kannst du mir das mal erklären?«
»Mit Stipendien, Jenny. Es muss mehr staatliche Stipendien geben, und gleichzeitig müssen die Kinder reicher Eltern mit hohen Studiengebühren geschröpft werden. Wir hatten Stipendien, erinnerst du dich?«
»Was hat das jetzt mit uns zu tun?«
Hunt würdigte diese Frage mit keiner weiteren Antwort. Jenny wusste sehr genau, dass es viel mit ihnen zu tun hatte. Sie waren die erste Generation in ihrer Familie gewesen, die studieren durfte. Damals in den Siebzigerjahren hatten Jenny und er eine fantastische Zeit zusammen gehabt. Er wollte nicht mehr an die Kämpfe denken, die ihre Beziehung beendet hatten, sondern sich nur noch an den Sex erinnern – besonders in den Momenten, wenn er diese Erinnerung dringend brauchte, um in Stimmung zu kommen. In letzter Zeit hatte er deshalb öfter an sie denken müssen. Er hatte dann diese Bilder vor sich gesehen – eine junge Jenny, die mit ihren nackten, runden Armen gierig nach ihm griff. Damals war es ihre Fülligkeit gewesen, die ihn angezogen hatte. Diese üppigen Oberarme – deren jetzigen Zustand er unter ihrem Zeltkleid nur erahnen konnte – waren kraftvoll fleischig gewesen. Schon allein die Trägheit ihrer Bewegungen hatte ihn erregt. Wenn sie einen ihrer nackten Arme gehoben hatte, um ein Buch vom Regal zu nehmen, war er nicht mehr zu halten gewesen. In seinen Erinnerungen trug sie immer ärmellose Sommerkleider.
Das war die bittere Ironie – eine Frau, die sexuell keine Grenzen kannte, agierte außerhalb des Betts als Grenzpolizistin. Jenny war Historikerin wie er, aber voller Theoriehörigkeit. Auch jetzt wollte sie ihm beweisen, dass sie immer im Recht gewesen war. Er fand diesen Kampf bizarr. Sie hatte seit Jahren nichts mehr von wissenschaftlichem Wert publiziert, und seine Bücher waren preisgekrönt. Seiner Meinung nach war die Sache entschieden.
Im Grunde hatte Jenny sechsmal das gleiche Buch geschrieben. Anfang und Ende unterschieden sich natürlich, aber der Mittelteil drehte sich immer um die einzige Idee, die sie je gehabt hatte. Das Resultat war ganz nach Truman Capotes Bonmot »Nicht schreiben, sondern tippen«. Er fragte sich, was in ihrem Leben derart schiefgelaufen war, dass sie mittlerweile alles und alle hasste. Als er sie kennengelernt hatte, war davon nichts zu erahnen gewesen, damals hatte ihr brennender Ehrgeiz ihn manchmal genervt, aber den hatten alle in dieser Stadt, er hielt den Motor am Laufen.
Während er vorgab, ihrem Monolog über Studiengebühren zuzuhören, versuchte er sich auf den zweiten Gang zu konzentrieren. Er hatte schon früh erkannt, dass das einzig Gute an dieser Abendeinladung das Essen sein würde. Was waren die Zutaten der Sauce? Ganz wenig Sahne. Senf? Vielleicht Thymian?
Jenny quasselte immer noch. Sie hatte nie Ahnung von gutem Essen gehabt und schien auch den Fisch nicht zu schätzen. Stattdessen streute sie jetzt jede Menge Salz darüber. Geschmack war wirklich nie ihre Stärke gewesen. Nicht nur beim Essen hatte sie das immer wieder bewiesen. Hunt erinnerte sich an einen ihrer peinlichen feministischen Blogs, in dem sie ihrer begrenzten Leserschaft mitgeteilt hatte, dass sie die Männer aufgegeben habe – wahrscheinlich, nachdem sie von ihnen aufgegeben worden war. Und wie sie jetzt wieder nach dem Salz griff, das war nicht nur ein kulinarisches Verbrechen, es war auch eine fast altjüngferliche Bewegung. Sie hatte ganz offensichtlich schon lange keinen Sex mehr gehabt; um das zu erkennen, musste man nicht ihre Blogs lesen. Es war für jedes geschulte Auge eindeutig.
Mit sechzig die Männer aufzugeben war sicher ein reichlich später Entschluss gewesen. Eine gute Party sollte man immer als Erster verlassen. Trotzdem hatte er den Eindruck, dass sie sich gegen die Tragweite dieser Entscheidung innerlich immer noch wehrte. In diesem Punkt empfand er fast Mitleid mit ihr. Frauen in Jennys Alter hatten in dieser Gesellschaft keinen guten Stand. Sie waren in der Regel übellaunige Kreaturen, und sie hatten allen Grund dazu. Von Männern wurden sie nicht einmal mehr in Notfällen wahrgenommen. Der endgültige Verlust ihrer sexuellen Attraktivität musste für diese Frauen einem Todesurteil gleichkommen, und sie schienen alle Phasen der Trauer durchzumachen: die anfängliche Ungläubigkeit, wenn Männer einfach durch sie hindurchsahen, dann die Wut, wenn ihnen keiner mehr zuhörte, als Nächstes die Resignation über die eigene Unbedeutsamkeit, bis irgendwann endlich die Akzeptanzphase einsetzte.
Jenny war definitiv noch in der Wutphase, und er konnte nicht darauf hoffen, dass sie an diesem Abend die Akzeptanzphase erreichen würde. Dabei hatte er nichts gegen Frauen ihres Alters. Sie waren in der Regel dankbar für jegliche Aufmerksamkeit und – solange sie nicht in die Esoterik abdrifteten – als Gesprächspartnerinnen immer noch unterhaltsamer als zwanzigjährige Studentinnen. Er selbst hatte nie ein Interesse an femmes fragiles gehabt. Anne, seine derzeitige Freundin, war fünfundvierzig Jahre alt, und an manchen Tagen sah man ihr das durchaus an. Nach den Sommerferien konnte sie aussehen wie eine Dreißigjährige, und erst wenn das Semester begann, verausgabte sie sich für ihre Studenten dermaßen, dass sie kurz vor Weihnachten die fünfzig überschritten hatte. Allerdings war sie noch nicht in der Menopause. Die schien die Lebensqualität von Frauen noch einmal drastisch zu verringern.
Jenny befand sich anscheinend immer noch mittendrin. Sie schwitzte jetzt stark. Ihre Haare – die am Anfang des Abends noch frisch geföhnt ausgesehen hatten – klebten mittlerweile an ihrer Stirn. Er war sich nicht sicher, ob ihre Wangen so rot angelaufen waren, weil die »hohen Studiengebühren« sie aufregten oder weil gerade eine Hitzewelle durch ihren Körper schoss. Sie sollte dringend Hormonpräparate nehmen, aber wahrscheinlich lehnte sie so etwas als kanzerogen ab. Sie war schon immer eine dieser Naturheilkundlerinnen gewesen, die noch bei einem Blinddarmdurchbruch Bachblüten schluckten.
»Und wie geht es dem Geschichtsfernsehen?« Jennys Stimme troff vor Ironie.
Er gab vor, nicht zu verstehen. »Geschichtsfernsehen?«
»Deine BBC-Dokumentationen, mit denen du uns seit Längerem beglückst.«
»Wir planen gerade eine neue Reihe.«
»So einen Scheiß hättest du früher nie gemacht, Hunt.«
Jenny war ein Geschöpf der Punkgeneration, und ihre Sprache erinnerte gelegentlich an einen Kampfsong der Sex Pistols. Sie schien sich jung zu fühlen, wenn sie Worte wie »Scheiße« oder »Fuck« einstreute, obwohl sie aus ihrem Mund uralt klangen.
Hunt lächelte. »Es wird ein Sechsteiler.«
»Für welche Altersgruppe soll das sein? Das kann doch kein Achtzehnjähriger ertragen, wenn so alte Säcke über Schlachtfelder wandern!«
Er hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, er war kein Militärhistoriker und nie über Schlachtfelder gewandelt. Seine Expertise lag in politischer Geschichte, er gehörte zu den Fossilien, die alle Moden überlebt hatten und sich mit Diktatoren und ihren Gedankengängen beschäftigten – nicht mit der Geschichte der Tränen oder der welterschütternden Frage, wie oft Beduinenfrauen im neunzehnten Jahrhundert menstruierten. Auch er war in den Siebzigerjahren sozialisiert worden, aber er hatte sich im Gegensatz zu Jenny inhaltlich und sprachlich definitiv weiterentwickelt. Jedes seiner acht Bücher war einem anderen Thema gewidmet. Er wiederholte sich nie und reiste permanent, um an spektakuläres Archivmaterial und neue Ideen heranzukommen. In den Geisteswissenschaften gab es eine klare Trennlinie – entweder war man in der Tolstoi- oder in der Tschechow-Kategorie, das bedeutete, Langstrecke oder Kurzstrecke. Er lief Langstrecke, aber Jenny war immer eine tschechowsche Kurzstreckenläuferin gewesen, und der lange Atem für ein großes Buch hatte ihr ganz offensichtlich gefehlt. Jetzt schien sie endgültig leergeschrieben.
Es war ein Fünf-Gänge-Menü und höchste Zeit, dass der Hauptgang serviert wurde. Hunt hatte auf Fasan gehofft, aber das Reh sah ebenfalls vielversprechend aus. Er warf James, dem Collegebutler, einen dankbaren Blick zu. James wusste nicht nur, was jeder berühmte Gast gerne trank, er war in der Regel auch über andere Vorlieben informiert. Das hatte ihm über die Jahre ein gutes Nebeneinkommen verschafft.
Das Reh war weich und zart. Hunt wollte sich jetzt nur noch auf diese Zartheit konzentrieren. Mit zunehmendem Alter hatte er festgestellt, welch erhöhten Stellenwert Essen in seinem Leben einnahm. Es verschaffte ihm mittlerweile einen noch stärkeren Genuss als Sex. Während er über die originelle Mischung der Beilagen nachdachte (Lauch, Maronen, Minikartoffeln und eine scharfe Sauce), unterbrach ihn seine geriatrische Nachbarin zur Linken. Sie war ganz offensichtlich der Meinung, dass er zu viel Redezeit mit Jenny vergeudet habe und sie jetzt wieder an der Reihe sei.
»Was machen Sie eigentlich beruflich?«
Es war einer der wenigen Sätze, die Thatcher, oder wie auch immer diese überflüssige Frau hieß, nicht mit »ich« begonnen hatte. Hunt hatte gerade eine wunderbare süße Marone im Mund und zwang sich dazu, sie langsam zu schlucken, um nicht daran zu ersticken. Er galt als einer der berühmtesten Historiker Großbritanniens. War es Arroganz oder Ignoranz, dass sie ihn nicht erkannt hatte? Vermutlich Letzteres. Er beugte sich daher betont freundlich zu Mrs. Thatcher und schenkte ihr sein berühmtes Wolfslächeln.
»Ich arbeite in Versicherungen.«
Seiner Meinung nach hatte er das Gespräch zwischen ihnen damit endgültig beendet. Sie schien ernsthaft irritiert zu sein. Wahrscheinlich überlegte sie, ob sie ausreichende Policen auf ihre Besitztümer abgeschlossen hatte oder jetzt sofort eine kostenlose Beratung von ihm verlangen sollte. Reiche Leute waren, wenn es sich nicht um die Gründergeneration handelte, extrem langweilige Gesprächspartner. Er würde ihr von einer Lebensversicherung abraten.
»Aber Sie kommen mir so bekannt vor. Ich habe Sie doch irgendwo schon mal gesehen?«
»Lloyds. Wir versichern weltweit.«
»Ich bin nicht bei Lloyds.«
»Ein Verlust für uns.«
Sie schwieg. Trotz ihres Alkoholnebels schien es ihr zu dämmern, dass hier etwas nicht stimmte. Hunt versuchte sich wieder den Beilagen zu widmen, aber diese Frau hatte es geschafft, seinen wohltemperierten Unmut zu verstärken. Warum tat er sich diesen Abend an? September war die angenehmste Zeit in Cambridge – die Touristen hatten endlich die Stadt verlassen, und die Studenten waren noch nicht auf die Colleges niedergeprasselt. Für kurze Zeit konnte man allein und unbeobachtet sein. Zumindest wenn man klug genug war, keine überflüssigen Abendessenseinladungen anzunehmen.
Er gab James ein Zeichen, und der nickte verständnisvoll. Jetzt half nur noch Alkohol. Er hatte beschlossen, mehr zu trinken als Thatcher, um die Kette von Enttäuschungen, die dieser Abend bot, nicht länger in einem nüchternen Zustand ertragen zu müssen. In der Regel gehörte er nicht zu den Menschen, die sich während eines Gesprächs nach wichtigeren Leuten umschauten. Bei Empfängen konnte er sich darauf verlassen, dass nach einer Weile alle interessanten Personen in seine Richtung gravitierten. Dass man ihn nicht erkannte, war ihm seit Jahren nicht mehr passiert. Aber da seine rechte Tischdame ihn zu gut kannte und die linke überhaupt nicht, wanderten seine Augen jetzt demonstrativ den Tisch auf und ab. Sie waren eine ungerade Zahl, vier Frauen und drei Männer.
Ihm schräg gegenüber saß Stef. Hunt hatte schon den ganzen Abend versucht, den Blickkontakt mit ihm zu vermeiden, und er musste langsam aufpassen, dass es nicht zu offensichtlich wurde. Sie hatten vor langer Zeit zusammen studiert. Stef war eines dieser Computergenies geworden, mit schweren Bandscheibenproblemen, Tag und Nacht vor einem Bildschirm sitzend. Auch jetzt redete er nur über seine Arbeit:
»Wir versuchen, aus dem Cambridge Science Park ein britisches Silicon Valley zu machen.«
Georgina, Stefs Nachbarin zur Linken, heuchelte Begeisterung: »Das ist wunderbar! Aber wie wollt ihr das schaffen?«
»Mit Steuervorteilen. Jeden Monat lässt sich ein neues Start-up-Unternehmen bei uns nieder. Es herrscht eine fantastische Aufbruchstimmung da draußen.«
»Was für Unternehmen sind das?«, fragte Georgina.
»Wir haben vor allem Bio-medical und neue Technologiefirmen.«
Stef redete nie über etwas anderes. Er hatte zwar eine Familie, aber seine Arbeit bedeutete ihm alles. Diesen Aspekt konnte Hunt zumindest nachvollziehen, das jeweils nächste Buch war auch für ihn immer wichtiger gewesen als stundenlanges, monotones Ausharren an zugigen Kinderspielplätzen. Heutzutage durfte man das ja nicht mehr laut sagen, aber die Wahrheit war doch, dass Kinder einen auslaugten. Er hatte damals nach dem Desaster mit Jenny vorübergehend jemanden geheiratet und konnte sich gut daran erinnern, dass die ersten fünf Jahre seiner Zeit als Vater ein einziger Schlafentzug gewesen waren, nur unterbrochen von endlosen Infektionskrankheiten. Seine Ehe hatte das nicht überlebt. Noch heute sah er in seinen dunkelsten Momenten den vorwurfsvollen Gesichtsausdruck seiner Exfrau vor sich, wenn er wieder einmal auf eine mehrwöchige Archivreise verschwand. Für ihn war es der einzige Ausweg gewesen, um bei Verstand zu bleiben.
Stef schien ähnlich unter dem Familienjoch gelitten zu haben, aber er hatte nie die Konsequenzen gezogen und war bei Frau und Kind geblieben. Das hieß allerdings nur, dass er physisch anwesend war. Sein mentales Leben spielte sich meilenweit entfernt von der Familie ab, in seiner Hightechfirma. Selbst der Tod seiner Frau vor einem Jahr schien daran nichts geändert zu haben. Stef war jetzt ein alleinerziehender Vater, aber an seinem Arbeitspensum hatte er ganz offensichtlich nichts geändert.
Warum solche Leute Kinder bekamen, war schwer nachvollziehbar. Geschah es aus schierem Phlegma, auf Druck der Ehefrau oder weil die Gesellschaft es von ihnen erwartete? War es die Angst vor Tod und Einsamkeit? Hunt wusste, er hätte nie Vater werden sollen. Er hatte niemanden damit glücklich gemacht. Falls seine Kinder wider Erwarten doch erfolgreiche Menschen werden würden, lag es sicher nicht an ihm.
Endlich wurde der Hauptgang abgeräumt. Er rechnete sich aus, dass das ganze Dinner inklusive Dessert und Kaffee ihm noch eine Leidenszeit von einer halben Stunde abverlangen würde.
Er blickte zu seiner Gastgeberin hinüber. Es war ihm völlig klar, dass Georgina für diese sadistische Sitzordnung verantwortlich war. Sie hatte damit wieder einmal ihren schlechten Sinn für Humor bewiesen.
Sie hatten alle zusammen studiert – Hunt, Jenny, Stef, Georgina und Denys. Mit etwas Mühe hätte Georgina eine eigene Karriere starten können, aber der Weg über ihren mäßig begabten Mann Denys war ihr bequemer erschienen. Jetzt war Denys Master dieses Colleges, und Georgina gab endlose Essensmarathons mit Semi-Berühmtheiten des öffentlichen Lebens, um zu beweisen, dass sich ihre Lebensplanung gelohnt hatte.
Georginas plötzliche Wandlung von der emanzipierten Studentin zur dienenden Ehefrau hatte Hunt mit wachsendem Unglauben verfolgt. Der Vorgang erinnerte ihn in seiner Radikalität an Leute, die mit zunehmendem Alter von Atheisten zu Evangelikalen wurden. Diese extremen Wechsel schienen nichts mit der jeweiligen Glaubensrichtung zu tun zu haben, sondern allein mit der engstirnigen Persönlichkeitsstruktur der Gläubigen. Die linke Jenny und die stockkonservative Georgina waren zwar politisch Welten voneinander entfernt, aber in ihrer Radikalität vereint. Beide waren Hundertprozentige, sie taten alles in ihrem Leben in der festen Überzeugung, im Recht zu sein. Selbstzweifel schienen ihnen fremd. Beide waren als junge Mädchen begeisterte Pfadfinderinnen gewesen. In Hitler-Deutschland oder der entschwundenen DDR wären sie wahrscheinlich glühende BDM- oder FDJ-Führerinnen geworden. Georgina war der richtige Typ dafür: eine wagnerianische Walküre, groß gewachsen, blond und breit, mit stahlblauen Augen. Auch diesen Tisch regierte sie mit einer penetranten Scharführerinnenfröhlichkeit. Ihre Dinnerpartys waren dafür bekannt, dass sie mit militärischer Präzision geplant wurden, wobei die Sitzordnungen auf einer ausgefeilten Schlachtordnung des achtzehnten Jahrhunderts zu beruhen schienen. Es gab einen linken und einen rechten Flügel, um die Mitte zu schützen. Die Mitte war ihr Mann Denys, der aufgrund seiner sozialen Inkompetenz von gutmütigen Bekannten flankiert werden musste. Doch eine derart ausgefeilte Tisch-Choreografie konnte nur bei größeren Gesellschaften reibungslos funktionieren. Heute Abend waren sie eine kleine Runde mit ungerader Zahl, und wer ausgefallen war, wurde natürlich nicht erwähnt. Aber wer auch immer es war, Hunt beneidete diese Person.
Dem Handbuch der perfekten Gastgeberin folgend, ignorierte Georgina das Ungleichgewicht. Sie richtete rotationsmäßig an jeden ihrer Gäste das Wort, um ihnen die proportionalen fünf Minuten Aufmerksamkeit zu schenken.
Hunt überlegte sich, ob er – wenn die Reihe an ihn kam – etwas aus seinem fiktiven Leben als Versicherungsbroker von sich geben sollte. Natürlich wusste er, was Georgina von ihm erwartete, eine nette kleine Anekdote von seinen Dreharbeiten mit der BBC. Es galt als schick, die Medien zu verachten, aber gleichzeitig würden alle Anwesenden hier ihr linkes Bein dafür geben, eine eigene Dokumentationsreihe zu haben. Georgina schaute ihn jetzt tatsächlich erwartungsvoll an.
»Hunt, erzähl uns von deinem neuen Projekt!«
»Es wird eine große Sensation werden, Georgina. Die Hitlertagebücher sind nichts dagegen.«
»Du wirst uns also alle überraschen?«
»Ich werde mich bemühen, euch auch in Zukunft nicht zu langweilen.«
»Versprochen, Hunt?«
»Versprochen.«
Er konnte sehen, wie enttäuscht sie war. Georgina hatte einfach keine Fantasie. Sie hatte nicht einmal ansatzweise eine Vorstellung davon, was in anderen Menschen vorging. Er kannte ihre Küchenpsychologie zur Genüge – sie und Jenny hatten ihn schon vor Jahren eingetütet und in eine ihrer Schubladen verfrachtet. Er war zwar ein berühmter Historiker, galt aber ihrer Meinung nach als Versager im privaten Bereich.
Sicher, seine private Bilanz war auf den ersten Blick ernüchternd. Aber wenn er ehrlich war, hatte ihn eine dauerhafte Beziehung nie wirklich interessiert. Schon der Gedanke, ein Leben lang mit derselben Frau schlafen zu müssen, war für ihn unvorstellbar. Er hatte es natürlich versucht, aber er hatte sich turnusmäßig auch immer wieder vorgenommen, mehr Sport zu treiben, und diese Vorsätze waren auf Dauer nicht durchzuhalten. Disziplin konnte er nur bei seiner Arbeit entwickeln, die Energie, auch noch sein Privatleben zu regulieren, hatte er wirklich nicht.
Georgina gehörte zu den Menschen, die glaubten, dass Leute wie er immer einen hohen Preis für ihren Erfolg bezahlen mussten – eine Theorie, die allen Erfolglosen dieser Welt eine enorme Befriedigung verschaffte. Sie schien sich mit wahrer Wollust an den privaten Katastrophen ihrer mehr oder weniger prominenten Gäste zu erfreuen. Die hatten – wie jeder Durchschnittsmensch auch – große persönliche Niederlagen erlebt: kaputte Ehen, entfremdete Kinder und das ein oder andere Alkoholproblem. Für Georgina schien damit jedoch eindeutig bewiesen, dass man im Leben nicht versuchen sollte, Außergewöhnliches zu wagen. Sie selbst hatte sich strikt an diese Regel gehalten. Man konnte weder ihr noch ihrem Mann Denys vorwerfen, jemals etwas in dieser Art versucht zu haben.
Hunt blickte zu Denys hinüber, der gerade dem gesellschaftlichen Totalausfall Thatcher kondolierte.
»Ich verstehe Ihre Besorgnis sehr gut.«
Denys’ Mitgefühl schien aufrichtig.
»Es sind die Nebenkosten!«, lamentierte Thatcher. »Sie sind mittlerweile exorbitant.«
»Und wenn Sie Ihr Haus in Marbella verkaufen würden?«
»In dieser Krise? Vor vier Jahren wurde es noch auf vier Millionen geschätzt. Jetzt kann ich dankbar sein, wenn ich die Hälfte dafür bekomme.«
Einen Moment lang empfand Hunt fast Mitleid mit Denys. Als Master musste er sein Leben damit verbringen, potenziellen Geldgebern wie Thatcher zuzuhören. Aber Denys war selbst eine so blasse Figur, dass er das wahrscheinlich gar nicht als erniedrigend registrierte. Der Mann hatte nie für eine gute Anekdote, geschweige denn einen Skandal gesorgt. Man verband mit ihm nichts außer Langweile.
Jeder in Cambridge liebte und fürchtete Skandale. Sex mit Studentinnen war seltener geworden. Die Hoch-Zeit dafür hatte in den Siebzigerjahren gelegen. Heute hatten die meisten für so etwas weder Zeit noch Energie. Darüber hinaus war das Risiko einfach zu groß. Wer hatte schon ernsthaft Lust, sich bis ans Lebensende erpressbar zu machen?
Es waren jetzt andere Intrigen, die zählten. Gerüchte über getürkte Buchbesprechungen, mit denen man Rivalen aus dem Weg räumen wollte, waren an der Tagesordnung und für alle Nichtbeteiligten von hohem Unterhaltungswert.
Karriereselbstmord konnte natürlich auch durch verdächtige Äußerungen über Hautfarben, Muslime oder Frauen begangen werden. Sätze, von Dozenten unachtsam in einer Vorlesung dahingemurmelt, wurden von Studenten genüsslich auf ihr Handy geladen und im Internet verbreitet. Manchmal boten allerdings auch die Studenten die Skandale. Sie fielen bekifft aus Fenstern, beschuldigten einander der Vergewaltigung oder schrieben Plagiate.
Endlich der Nachtisch. Panna cotta, nicht unbedingt eine originelle Wahl, aber sicher gut. Wenn er Glück hatte, war das Essen damit bald beendet. Diese Aussicht versetzte Hunt in eine sehr viel bessere Laune, und er überlegte sich ernsthaft, ob er Georgina nicht doch noch mit einer unterhaltsamen Geschichte retten sollte.
Um Platz für die Dessertweine zu schaffen, rückte der Butler jetzt die vier massiven Kerzenständer zur Seite. Für einen Moment wirkte es wie die Öffnung eines Vorhangs. Hunts Blick war plötzlich frei auf eine junge Frau, die er bisher nur mit halbem Auge wahrgenommen hatte. Sie saß zur Rechten von Stef, und da er nicht zu ihm hinübersehen wollte, hatte er sie nicht beachtet. Sie war zur Hälfte von einem Kerzenständer verdeckt gewesen und hatte zwischen Stef und dem Master fast so einen schlechten Platz wie er.
Sie war hübsch, aber in keiner Weise sein Typ. Mittellange braune Haare, ein freundlich rundes Gesicht mit intelligenten Augen. Er schätzte sie auf Anfang zwanzig. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor, aber er konnte sie nicht einordnen.
Sie saß da wie jemand, der das Gefühl hatte, etwas leisten zu müssen. Aber es schien ihr nicht klar zu sein, was genau von ihr erwartet wurde. Ihre Unschuld rührte ihn für einen Moment. Es war sicher keine sexuelle Unschuld, dafür war sie zu alt, es war die Unschuld einer jungen Frau, die keine Ahnung hatte, in was für einer Schlangengrube sie gelandet war. Sie hatte ganz offensichtlich noch keine Härte entwickelt, sie war wohl zu tief am Boden der Karriereleiter – man hatte sie entweder bisher übersehen oder aus einer Laune heraus geschont. Aber war sie eine Kollegin? Sie sah sehr jung aus. Er hatte schon viele Überflieger gekannt; Emma Rothschild zum Beispiel hatte mit sechzehn Jahren als Oxfordstudentin angefangen und war dann bald Fellow eines Colleges geworden. Heute gab es in den Naturwissenschaften die chinesischen Überflieger, die mit vierzehn Jahren zu studieren begannen und dann mit achtzehn eine Collegeposition bekamen, aber solche Geschichten waren immer noch die Ausnahme. Sie konnte keine Kollegin sein, davon hätte er bestimmt gehört.
Aber warum war sie dann hier? Ihr Rang in dieser Hierarchie schien minimal zu sein. Gehörte sie vielleicht zu den Charityfällen?
Frauen wie Georgina luden gelegentlich Wohltätigkeitsfälle zu Dinnerpartys ein, um soziales Engagement zu heucheln. Georgina war zwar alles andere als eine mütterliche Frau, aber sie wusste, was an Gefühlsdemonstrationen von ihr erwartet wurde. Ideale Gäste wären für sie höchstwahrscheinlich ein reuiger Junkie oder ein junger Krebspatient (der in einem frühen und daher noch attraktiveren Stadium war). Doch die Unschuldige sah weder bekifft noch krebskrank aus.
Er merkte, dass nicht nur seine, sondern jetzt auch Georginas Augen auf dem Mädchen ruhten. Es war einer von Georginas nervösen Blicken. Er schien zu signalisieren, dass es sich hier um eine gesellschaftliche Ausfallerscheinung handelte und damit die akute Gefahr bestand, dass das Mädchen dieses Tischs nicht würdig war.
Es war ihm jetzt endlich eingefallen, woher er die Unschuldige kannte. Die Situation entbehrte nicht einer gewissen Komik. Der perfekten Netzwerkerin Georgina war ein fataler Fehler unterlaufen. Diese junge Frau war keine aufstrebende Dozentin, mit deren Einladung Georgina ihren verschütteten Feminismus demonstrieren konnte – sie war einfach nur eine Studentin. Noch dazu eine Deutsche, ihr Name war Wera irgendwas. Er hatte ihr Antragsformular mit Foto vor ein paar Monaten auf seinem Schreibtisch gehabt. Ihr Projekt war nicht uninteressant gewesen. Sie arbeitete an einer Doktorarbeit über sowjetische Spione und hatte sich aus irgendeinem bizarren Grund auf Kim Philby spezialisiert. Das hatte ihn interessiert, und er hatte zugesagt, sie ab diesem Semester zu betreuen.
Er versuchte mitzuhören, was sie mit Stef redete. Die Konversation schien langsam Fahrt aufzunehmen.
»Sie arbeiten an Drohnen?«, fragte die Unschuldige.
»Ja, meine Firma entwickelt derartige Dinge.«
»Und die Drohnen werden dann in Kriegen benutzt?«
Hunt musste lächeln. Wenn er Glück hatte, würde die Unschuldige sich gleich über die Waffenindustrie aufregen, die derartige Projekte finanzierte. Stef schien Ähnliches zu befürchten:
»Je besser die Programme sind, umso gezielter können die Drohnen eingesetzt werden.«
»Damit nicht noch mehr Zivilisten Opfer werden?«
Hunt stellte mit Genugtuung fest, dass Stef jetzt sichtlich irritiert aussah. Es fehlte nur noch, dass sich Jenny einmischte und eine Rede über Waffenlobbys halten würde. Er hob sein Glas und prostete Georgina zu. Der Abend schien sich zum Ende hin doch noch gut zu entwickeln.
13. Februar 1970
Cambridge
»Wir müssen zusammenbleiben, Hunt.«
»Wie willst du das schaffen in dem Gewühl? Sollen wir Händchen halten? Sei nicht so spießig, Jenny.«
Jenny und Hunt waren die Jüngsten in der Gruppe, noch nicht achtzehn Jahre alt, aber schon seit vier Monaten in Cambridge. Die Stadt hatte sie wie eine Lawine getroffen. Alles war bunter, aufregender, schneller. Sie saßen mit Studenten in Vorlesungen, deren Herkunftsländer sie bisher nur aus Romanen kannten – Lateinamerika, der Nahe Osten, Indien. Ein paar von ihnen waren die Kinder von einflussreichen Politikern, andere hatten sich mit Stipendien aus ärmlichen Verhältnissen hochgearbeitet. Woher sie auch kamen, jeder von ihnen schien ein aufregendes Leben vor sich zu haben, und man wollte in ihrer Nähe sein.
Jenny und Hunt hatten sich gleich zu Semesteranfang in der Collegebar kennengelernt. Jenny wusste sofort, dass sie Hunt wollte. Sie erkannte seinen Hunger. Von Anfang an war er nur »Hunt« für sie, der Name passte zu ihm. Sie wusste, dass sie ihm sexuell etwas bieten konnte, aber sie war sich nicht sicher, ob es auf Dauer reichen würde.
An diesem 13. Februar 1970 war Jenny erkältet und hatte eigentlich nicht auf die Anti-Griechenland-Demonstration gehen wollen. Aber dann hatte sie sich doch Sorgen gemacht, dass Hunt etwas zustoßen könnte. Er hatte zwei Stunden lang in ihrem Zimmer gesessen und auf irgendeinen »stockreaktionären, stockimpotenten« Dozenten geschimpft, der es gewagt hatte, seinen Aufsatz zu kritisieren. Jeden einzelnen Satz hatte dieser »Kretin« zerlegt. Jenny wollte auf keinen Fall, dass Hunt seine Wut auf die Straße trug. Wenn sie ihn auf die Demonstration begleitete, würde es sicher keine Schwierigkeiten geben.
Das Cambridger Reisebüro hatte eine große Werbeaktion für Griechenlandreisen gestartet und die Honoratioren der Stadt zu mehreren glamourösen griechischen Abendessen eingeladen. Griechenlandurlaube waren in letzter Zeit immer preiswerter geworden, und auch Jenny wäre gerne einmal dorthin gefahren. Hunt hatte sie jedoch darüber aufgeklärt, wie abwegig diese Idee war, noch dämlicher als ein Urlaub im »faschistischen Francoland Spanien«. In Griechenland herrsche eine noch brutalere Militärdiktatur als in Madrid. Man würde zwar besonders viel Geld in den Tourismus investieren, habe aber gleichzeitig die Zensur eingeführt und foltere politische Gefangene. Nur nach außen hin gebe sich die griechische Junta gastfreundlich. Ziel der Studentendemonstration würde es deshalb sein, die Werbung für Griechenlandurlaube zu behindern.
Am Abend des 13. Februar sollte eines der griechischen Galadinners im Garden House Hotel stattfinden. Das Hotel galt als elegant, hier stiegen in der Regel die Eltern der reichen Studenten ab. Im Sommer konnte man einen Tisch draußen, ganz nahe am Fluss reservieren und bei einem Essen im Kerzenschein zuschauen, wie die gondelartigen Boote, die Cambridge Punts, am Hotelgarten vorbeiglitten.
Derartige Freilichtromantik war im Februar nicht möglich, und das Galadinner würde im Speisesaal des Hotels stattfinden. Dies gestaltete den Zugang für die Demonstranten schwieriger. Im Sommer hätte man die Festgemeinschaft von Booten aus mit Megafonen beschallen können, was sehr viel spektakulärer gewirkt hätte. Jetzt konnten sich die Demonstranten nur in den zwei engen Zugangsstraßen zum Hotel positionieren. Die ankommenden Gäste wurden von hier aus mit Sprechchören empfangen, und man spielte mit voller Lautstärke die Lieder eines griechischen Dissidenten.
Cambridge hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine ernsthaften Studentenproteste erlebt. Es hatte kein »1968« wie in Paris oder Berlin gegeben, die Stadt war ruhig geblieben. Trotzdem reagierte die Universitätsleitung ausgesprochen effizient auf die neue Situation. Seit Jahrhunderten hatte man es vermeiden können, die Polizei einzuschalten, und stattdessen immer eigene Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Garanten für diese Sicherheit waren die Proktoren und ihre sogenannten »Bulldoggen«.
Proktoren sorgten für die öffentliche Ruhe innerhalb der Universität und entschieden über Disziplinierungsmaßnahmen. Ihre Untergebenen, die »Bulldoggen«, erledigten die handfeste Arbeit. Hunt hatte schon zweimal mit den Bulldoggen Bekanntschaft gemacht. Beim ersten Mal hatten sie ihn erwischt, als er nach der Sperrstunde über eine Collegemauer geklettert war, beim zweiten Mal war es ein Kneipenstreit gewesen. Die Bulldoggen hatten sich alles andere als freundlich verhalten. Sie waren Männer um die fünfzig, die schon einiges gesehen hatten. Die meisten von ihnen kamen aus der Arbeiterschicht, hatten im Zweiten Weltkrieg in der Marine oder der Armee gedient und galten nicht als zimperlich. Für die verwöhnten Jüngelchen, die vor dem Garden House Hotel herumschrien, hatten sie nichts als Verachtung übrig.
Bulldoggen und Proktoren waren am Abend des 13. Februar im Einsatz, um sich die Namen der demonstrierenden Studenten aufzuschreiben. Doch wegen der früh einsetzenden Dunkelheit wurde es für sie immer schwieriger, die Leute zu identifizieren.
»Hast Du Hunt gesehen? Ich hab ihn verloren.«
Jenny war erleichtert, Stef zu sehen. Ihre Temperatur musste angestiegen sein. Ihr war schwindelig.
»Du siehst furchtbar aus, Jenny.«
»Ich glaube, ich habe die Grippe.«
Stef fasste ihre Stirn an. »Du musst nach Hause gehen. Sofort.«
»Ich kann nicht ohne Hunt gehen. Er darf nicht wieder in Schwierigkeiten geraten.«
»Ich suche ihn«, versprach Stef.
»Da! Da drüben, siehst du ihn?«
Hunt stieg gerade in den Hotelgarten ein. Er kannte das Gelände gut, seine Eltern hatten ihn hierher zum Semesteranfang ausgeführt, um seine Aufnahme in Cambridge zu feiern. Sie hatten damals im Hotelgarten gesessen, und er hatte sich die ganze Zeit Sorgen gemacht, dass einer seiner Kommilitonen ihn in dieser spießigen Situation entdecken könnte. Es war ein schöner Herbstabend gewesen, und Trauben von Studenten waren auf ihren Booten den Fluss hinuntergeglitten. Dank dieses Dinners mit seinen Eltern wusste er, dass auf der Hinterseite des Hotels der große Speisesaal mit den Glastüren lag, die zum Fluss hinausführten.
Es war relativ einfach gewesen, über den Zaun zu klettern und durch den Garten zum Speisesaal zu laufen, man musste nur aufpassen, nicht auf den Inseln aus Eis auszurutschen, die sich überall auf dem Rasen gebildet hatten.
Durch die Fenster des Speisesaals konnte er jetzt die Griechenland-Gäste in ihrer Abendgarderobe sehen. Sie hatten die volle Montur angelegt, Frauen mit kleinen Pelzstolas und Perlenketten, begleitet von ihren fülligen Ehemännern in eng sitzenden Smokings. In der Mitte des Saales waren Buffettische mit Fleischmassen aufgebaut, in denen kleine griechische Fläggchen steckten. Hunt konnte sogar die Musiker hören, sie spielten irgendein Folkloregedudel.
Er schlug so hart gegen die Scheiben, sie hätten eigentlich zerbrechen müssen. Die Leute drinnen drehten sich um und starrten ihn einen Moment lang an. Sie hatten ja keine Ahnung, wie lächerlich sie in ihrer Pompösität aussahen, dumme Fische mit offenen Mündern. Er trommelte weiter gegen die Scheiben, aber sie hatten bereits entschieden, sich demonstrativ von ihm abzuwenden. Wie Schafe blickten sie jetzt unisono in die entgegengesetzte Richtung. Trotzdem konnte er ihre Angst spüren. Es war ein überraschend gutes Gefühl.
Die anderen Demonstranten versuchten in der Zwischenzeit, durch den Vordereingang in das Hotel einzudringen. Jenny ließ sich einfach von ihnen mittragen, es war wie eine angenehme Welle, die sie immer weiter nach vorne spülte. Irgendwann, sie spürte ihre Beine kaum mehr, kam die Woge im Speisesaal zum Stehen. Jenny sah die erschrockenen Gesichter der Gäste und die griechischen Fähnchen. Einige Frauen fingen an zu schreien, als die ersten Tische umgeworfen wurden. Jenny bückte sich instinktiv, um einer älteren Dame die Pelzstola aufzuheben. Sie wusste nicht, ob es am Fieber lag oder ob sie selbst in solchen Momenten die wohlerzogene Tochter ihrer Mutter war. Als sie sich aufrichtete, wurde ihr schwindelig, aber sie glaubte eine Gestalt im Dufflecoat zu sehen, die die Treppen zu den Hotelzimmern hinauflief. Der blaue Dufflecoat erinnerte sie an jemanden, aber das konnte am Fieber liegen.
Die Proktoren hatten sich zu diesem Zeitpunkt für einen ungewöhnlichen Schritt entschieden: Sie verständigten die Polizei. Das Garden House Hotel befand sich nicht auf dem Universitätsgelände und unterstand damit nicht mehr ihrer Jurisdiktion. Auch wenn die Mehrheit der Demonstranten Studenten waren, schien es mittlerweile eindeutig, dass diese Situation gefährlicher war als eine kleine Kneipenschlägerei. Die Studentenrevolution hatte ganz offensichtlich Cambridge erreicht.
Die Polizei war auf die Situation gut vorbereitet. Man entschied sich für eine bewährte Methode – die Menge mit Feuerwehrschläuchen auseinanderzutreiben. Natürlich wurden dadurch auch die Gäste nass, aber das war eben nicht zu ändern. Irgendjemand hatte die Glastüren zum Garten aufgeschoben, und Studenten und Gäste flohen jetzt gemeinsam Richtung Fluss. Jenny folgte einfach wieder der Woge. Sie fühlte sich zu schwach, um einen eigenen Fluchtweg zu finden, und die Kühle des Gartens war auf jeden Fall besser als der Speisesaal. Irgendwann kam sie mit der Menge am Fluss zum Stehen. Sie wandte sich um und blickte auf das Hotel. Der Speisesaal war ein hell erleuchtetes Chaos, aber auf dem Dach nahe der Feuertreppe stand eine dunkle Figur, die winkte. Diese Bewegung würde Jenny überall erkennen, selbst in einer Mondfinsternis. Hunt winkte mit einem Stein in der Hand. Neben ihm stand Stef.
Der erste Stein traf einen Proktor, der zweite einen Studenten, der neben ihm stand. Beide wurden mit schweren Kopfverletzungen auf die Intensivstation gebracht. Die Verhaftungen begannen am selben Abend....Ende der Leseprobe
