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Ein Liebes- und Künstlerroman im Paris der dreißiger Jahre über die Fotografin und Reporterin Lee Miller und den berühmten Fotograf Man Ray In ihrem spektakulären Debütroman erzählt Whitney Scharer vom Leben der Fotografin Lee Miller. Sie schildert die Pariser Bohème der Dreißigerjahre, Lee Millers Liebesbeziehung mit Man Ray und ihre Arbeit als Kriegsreporterin. Vor allem aber zeigt sie eine Frau, die sich weigerte, in jemandes Schatten zu stehen, und die sich als selbstbewusste Künstlerin behauptete. »Ich würde lieber ein Bild machen, als eines zu sein« – zu dieser Erkenntnis kommt Lee Miller im Alter von zweiundzwanzig Jahren, und so gibt sie ihre Modelkarriere in New York auf, um nach Paris zu ziehen. Geld oder einen Plan hat sie nicht, dafür aber eine Kamera, mit der sie die französische Hauptstadt erkundet. Inmitten der schillernden Künstlerwelt der Dreißigerjahre verliebt sie sich in den ebenso genialen wie eifersüchtigen Man Ray, der sie als Assistentin einstellt und sie in seinem Studio unterrichtet. Ihre Freunde sind Picasso und Cocteau, mit ihnen durchtanzen sie die Nächte und machen Ausflüge ans Meer. Lee jedoch kämpft vor allem darum, in dieser Welt männlicher Genies selbst als Künstlerin ernst genommen zu werden. Berühmt wird sie erst in den Kriegsjahren und mit den Fotografien, die sie im besiegten Deutschland macht, in den befreiten Konzentrationslagern und in Hitlers Badewanne. Whitney Scharer zeichnet das Porträt einer glanzvoll abgründigen Epoche und einer Frau, die sich nie vereinnahmen ließ. Stimmen zum Buch »In flammendem Stil erzählt Whitney Scharer von einer unvergesslichen Heldin und ihrem Weg als leidenschaftliche und unabhängige Künstlerin.« Celeste Ng » ›Die Zeit des Lichts‹ erzählt die Geschichte einer Künstlerin, einer Freidenkerin, eines einzigartigen Lebens. Dieser Roman funkelt auf jeder Seite.« Paula McLain »Scharer (…) destilliert Lee Millers Geschichte zu einem klaren und dabei immer betörendem Roman.« Entertainment Weekly
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Seitenzahl: 537
Veröffentlichungsjahr: 2019
WHITNEY SCHARER
DIE ZEIT DESLICHTS
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
KLETT-COTTA
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Age of Light«im Verlag Little, Brown and Company, New York
© 2019 by Whitney Scharer
Für die deutsche Ausgabe
© 2019, 2021 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Cover-Entwurf: Stuart Wilson / Pan Macmillan Art Department; Frank&Reed, Stuttgart
Cover-Abbildungen: Frau – Mark Owen / Trevillion Images, Eiffelturm und Tuilerien: Shutterstock
Datenkonvertierung: C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen
Printausgabe: ISBN 978-3-608-98417-0
E-Book: ISBN 978-3-608-19187-5
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
TEIL EINS
PROLOG
FARLEY FARM, SUSSEX, ENGLAND 1966
KAPITEL EINS
PARIS 1929
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
LONDON 1940
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
LONDON 1943
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
NORMANDIE JULI 1944
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
SAINT-MALO AUGUST 1944
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
PARIS DEZEMBER 1944
KAPITEL SECHZEHN
TEIL ZWEI
KAPITEL SIEBZEHN
PARIS 1930
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
LEIPZIG 20. APRIL 1945
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
DACHAU 30. APRIL 1945
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
MÜNCHEN, PRINZREGENTENPLATZ 16 1. MAI 1945
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
WIEN SEPTEMBER 1945
KAPITEL DREISSIG
KAPITEL EINUNDDREISSIG
KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
SUSSEX, ENGLAND 1946
EPILOG
LONDON 1974
NACHWORT DER AUTORIN
WEITERFÜHRENDE LEKTÜRE
DANKSAGUNG
Autoreninfo
Für meine Mutter, in Liebe und Dankbarkeit
»Kunstdinge sind ja immer Ergebnisse des In-Gefahr-gewesen-Seins, des in einer Erfahrung Bis-ans-Ende-gegangen-Seins, bis wo kein Mensch mehr weiter kann.«
Rainer Maria Rilke
Ein heißer Juli. Seit es letzte Woche geregnet hat, sind die Hügel grün, wie bemooste Brüste ragen sie in den Himmel. Aus den Küchenfenstern sieht Lee Miller überall welliges Land. Eine gerade Schotterpiste. Steinmauern, die lange vor ihrer Zeit errichtet wurden, die die Landschaft aufteilen und dafür sorgen, dass die ruhig vor sich hin kauenden Schafe bleiben, wo sie hingehören. Ihr Mann Roland marschiert mit seinem Gehstock den Reitweg entlang. Er hat zwei Gäste dabei und bleibt kurz stehen, um auf einen Maulwurfshügel zu zeigen, an dem man sich den Knöchel brechen könnte, oder auf einen Kuhfladen, der einigen Besuchern vielleicht zu viel des Landlebens ist.
Lees Kräutergarten liegt direkt vor der Küche, ungefähr so weit entfernt, wie sie freiwillig geht. Roland fragt sie schon seit Jahren nicht mehr, ob sie ihn auf seinen Spaziergängen begleitet, nachdem sie ihm erklärt hat, bevor er nicht einen anständigen Gehweg mit ein paar Cafés dorthin setzt, würde sie ihre Zeit nicht damit vergeuden, irgendwelche Hänge hochzustampfen. Inzwischen glaubt sie, dass er die Zeit ohne sie genießt, so wie sie die ohne ihn. Jedes Mal, wenn sie ihn loslaufen sieht, löst sich die Hand um ihren Hals ein wenig.
Von allen Räumen in der Farley Farm fühlt Lee sich in der Küche am wohlsten. Nicht glücklich, aber wohl. Niemand geht ohne sie hier rein, und wenn doch, dann finden sie nicht, was sie gesucht haben. Gewürzgläser stapeln sich zu schwankenden Türmen, dreckige Töpfe bedecken Küchentresen und Spüle, Essig und Öl stehen offen auf den Regalen. Aber Lee weiß immer, wo alles ist, so wie früher in ihrem Studio, wo niemand außer ihr mit dem Durcheinander zurechtkam. Wenn der Fotograf Dave Scherman, mit dem sie während des Krieges zusammenarbeitete, im Hotel Scribe ihr Zimmer betrat, hatte er immer einen schnippischen Kommentar parat – »Ah, eine Installation aus alten Benzinkanistern, sehr schön, Lee« –, und wenn sie in der Küche ist, denkt sie oft an ihn und fragt sich, was er jetzt zu ihr sagen würde. Dave ist einer der wenigen Freunde aus Kriegszeiten, der sie hier draußen noch nicht besuchen gekommen ist. Sie ist froh darüber. Bei ihrem letzten Treffen lebten sie alle noch in London, und damals hörte sie Dave zu Paul Èluard sagen, sie sei fett geworden und nicht mehr so attraktiv wie früher, und dass sie das wütend mache. Was natürlich nicht stimmte. Es gibt so viel mehr, das sie wütend macht, als die fremde Frau mit den aufgeplatzten Äderchen im aufgedunsenen Gesicht, die sie jeden Morgen im Spiegel anschaut.
Lee hat vor ein paar Jahren einen Kurs im Cordon Bleu besucht, und jetzt kocht sie praktisch jedes Wochenende mehrgängige Menüs und schreibt darüber für die Vogue. Sie ist dort Korrespondentin für Haus und Heim. Davor war sie Kriegskorrespondentin und davor Modekorrespondentin und davor Cover-Model. 1927 leitete eine Art-déco-Skizze von ihrem Kopf – den Glockenhut trug sie wie einen Helm tief ins Gesicht gezogen – eine neue Moderne in der Damenmode ein. Eine bemerkenswerte Karriere, heißt es immer. Lee spricht nie über diese Zeit.
An die Vogue muss Lee denken, weil Audrey Withers, ihre Chefredakteurin, heute Abend zum Essen kommt. Audrey kommt höchstwahrscheinlich, um sie zu feuern, und die weite Reise nach Farley nimmt sie auf sich, um es persönlich zu tun. Lee hätte sich selbst schon lange gefeuert, nach der zwanzigsten verpassten Deadline oder der zehnten Geschichte über Dinnerpartys auf dem Lande. Andererseits ist Audrey loyal und die einzige Moderedakteurin, die Frauen auch mal von Wichtigerem berichtet als den neuesten Trends in der Abendgarderobe. Als Puffer sind noch weitere Gäste eingeladen: ihre Freundin Bettina und Seamus, Kurator am Institute of Contemporary Arts und Rolands rechte Hand. Lee glaubt, dass Audrey sie nicht feuern wird, wenn Rolands Freunde dabei sind. Vielleicht kann sie ein wenig vorfühlen, es noch abwenden, sich wieder hineinfinden.
Das Menü ist die Abwandlung eines früheren. Zehn Gänge. Spargel im Teigmantel mit Sauce hollandaise, Jakobsmuschelspieße mit Sauce béarnaise, ein Schälchen Vichyssoise, Penroses, Mini-Würstchen im Teigmantel, »Muddles grünes grünes Hühnchen«, Gorgonzola mit Walnüssen, Fasan in Biersauce, Ingwer-Eis und bei gedämpftem Licht flambiertes Omelette surprise. Wenn Lee nicht mehr für Audrey arbeiten kann, wird sie sie mit Butter und Sahne und Rum-Baiser umbringen.
Als Lee während des Krieges aus Leipzig und der Normandie Bericht erstattete, war Audrey oft die Einzige, zu der sie Kontakt hatte. Lee schickte ihr die ersten Fotos aus Buchenwald, und Audrey brachte sie zusammen mit der Story, die Lee in ihre kleine Hermes Baby gehämmert hatte, getrieben von einer Mischung aus Amphetaminen, Brandy und Wut. Audrey ließ alles genau so, wie Lee es geschrieben hatte, dazu die Überschrift »Believe it« und die Fotos riesig, in ganzer Breite und all ihrer grausamen Pracht. Es war ihr egal, dass irgendwo in Sheffield eine Hausfrau die Hochglanzwerbung für Schiaparelli-Handschuhe umblätterte und auf einen verprügelten SS-Mann mit gebrochener Nase stieß, das Schweinsgesicht verschmiert mit dickem schwarzen Blut.
Es ist Mittag, und Lee fängt mit den Penroses an, einem selbst erfunden Gericht aus Champignons, gefüllt mit Gänseleberpastete und garniert mit Paprika, sodass sie aussehen wie die Rosen, die am Rande des Kräutergartens wachsen. Sie misslingen leicht, und die Zubereitung dauert Stunden. Roland ist oft wütend, weil sie das Essen für acht ankündigt und es dann erst um neun, zehn oder elf fertig ist und die Gäste alle müde und betrunken sind, wenn sie mit dem ersten Gang ankommt. Lee zuckt nur mit den Schultern. Einmal gab es gegrillten Blaubarsch als Hommage an ein Bild von Miró, und sogar Roland musste zugeben, dass sich das Warten gelohnt hatte.
Heute wird Lee jedoch pünktlich sein. Sie wird ganz ruhig und majestätisch aus der Küche treten und einen Gang nach dem anderen auftragen wie eine Tänzerin in einer perfekt ausgeführten Choreographie. Ein mehrgängiges Menü hat etwas Magisches, und an guten Tagen erinnert es Lee an das Gefühl, in der Dunkelkammer zu stehen und genau die richtigen Bewegungen zum richtigen Zeitpunkt auszuführen.
Lee ist mit den Penroses fertig und lässt sie auf dem Kühlschrank stehen. Als Nächstes macht sie die Hollandaise, mehr als sie brauchen werden, verquirlt das Eigelb mit dem Zitronensaft in einem Kupfertopf, während der Schneebesen klingelnd gegen das Metall schlägt. Draußen erklimmen Roland und die beiden Gäste im Gänsemarsch einen Hügel, tauchen dann in ein Tal ab und verschwinden aus dem Blickfeld.
Was wird Lee zu Audrey sagen? Sie hat Ideen für Artikel, die alle nicht gut sind. Sie hat eine Entschuldigung. Die fühlt sich besser an, wahrer. Es waren keine einfachen Jahre, seit sie hergezogen sind, seit sie nur noch ein paarmal im Monat nach London kommen und von allem abgeschnitten sind. Aber sie weiß, dass sie noch schreiben kann. Ihre Fotos sind immer noch gut. Wären sie zumindest, wenn sie welche machen würde, wenn sie die lähmende Traurigkeit abschütteln könnte, die sie wie einen schweren Mantel mit sich herumschleppt. Sie wird Audrey erzählen, dass sie jetzt bereit ist. Dass sie ein Zimmer ausgeräumt, ihre Schreibmaschine aufgestellt und den Tisch vor das kleine quadratische Fenster geschoben hat, mit Blick auf die Auffahrt, die von der Farm wegführt. Lee hat sogar ein Foto geschossen, das erste seit Monaten, das Fenster im Sucher, ein Blick im Blick, und es neben ihrem Schreibtisch aufgehängt. Audrey wird es gern hören, dass sie ein Foto gemacht hat. Dass sie dasaß, mit den Fingern über die verbeulte Schreibmaschine gefahren ist und die Hühner über die Einfahrt hat laufen sehen. Sollte Audrey danach fragen, wird Lee ihr ein paar prägnante Eindrücke vom Landleben liefern. Sie würde ihr alles geben, was sie von ihrem Leben will, fristgerecht und mit Fotos, falls sie es hinbekommt.
Gegen vier hat Lee so gut wie alles vorbereitet und die kleinen Schüsseln mit gehacktem Majoran, Meersalz, Anchovis, Cayennepfeffer und all den anderen Gewürzen, die sie für die Gerichte benötigt, bereitgestellt. Sie gibt noch ein Stück Eis in ihr Glas und geht ins Esszimmer. Dort ist eine lange, pockennarbige Tischplatte aufgebockt, an der vierundzwanzig Leute Platz finden. Der Kamin am Ende des Raumes erinnert an Heinrich VIII, Spanferkelbraten und Weinkrüge. Darüber hängt Picassos Porträt von Lee, es war immer ihr Lieblingsbild von sich, die Art, wie er ihr Zahnlückenlächeln eingefangen hat. Drum herum, dicht aneinandergedrängt, diverse Exemplare aus Rolands Privatsammlung, Ernst neben Miró neben Turnbull. Mit der Zeit haben sich auch ein paar unbekannte surrealistische Werke darunter gemischt: Ein ausgestopfter Vogel liegt mit dem Rücken auf einem Rahmen, auf den eine Eisenbahnschwelle mit einem riesigen Mund gemalt ist, eine hingekritzelte Frau mit wild verfilztem Haar steckt in einem der protzigsten Rahmen, die sie finden konnten. Lee setzt sich an den Tisch. Ihre Füße sind schon ein bisschen angeschwollen. Sie rüttelt an ihrem Glas, sodass die Eiswürfel im Whisky tanzen.
Als Roland von seinem Spaziergang zurückkommt, fährt gerade ein tiefliegender Morris mit röhrendem Motor die Auffahrt hoch. Roland steht in der Küchentür – er steht dort oft wie festgenagelt, als wollte er ihr Reich nicht betreten.
»Schöner Spaziergang heute«, sagt er und reibt sich mit seinen dünnen Bildhauerfingern die Nase. »Wir haben eine Schlange auf dem Weg gesehen. Mindestens anderthalb Meter lang.«
Lee nickt, ohne ihn direkt anzusehen, und rührt mit einem langen Löffel im Topf mit den Kartoffeln.
»Riecht gut hier«, sagt er und schnuppert. »Nach Knoblauch.«
»Das muss das Huhn sein.«
Er schnuppert noch mal. »Wann kommt Audrey?«
»Ich schätze, das ist sie«, sagt Lee möglichst ruhig, als wäre sie nicht nervös, seit sie die Reifen auf dem Schotter hat knirschen hören.
»Willst du sie in Empfang nehmen, oder soll ich?«
»Lieber du.« Lee weist auf das Durcheinander. »Ich muss mich hier gerade um zig Sachen kümmern.«
Roland sieht sie eine Weile an und geht dann.
Das Wasser kocht jetzt richtig, der Dampf steigt Lee ins Gesicht, als sie sich über den Topf beugt. Der Trick beim Kartoffelkochen: mit kaltem Leitungswasser anfangen, und zwar mit mehr, als man für nötig hält. Die Kartoffeln müssen sich bewegen können. Wenn sie zu dicht aufeinander sitzen, werden sie mehlig. Lee kocht sie als Ganzes und schält sie, während sie noch dampfen. Die meisten Menschen machen sich nicht genug Gedanken um Kartoffeln.
Vom Eingangsbereich dröhnt Rolands Stimme: »Audrey! Weißt du nicht, dass Freunde in Sussex durch die Hintertür kommen?«, dann erklingt Audreys glockenhelle, kultivierte Antwort. Lee füllt schnell ihr Glas auf. Die Flasche hat sie hinter den Einweckgläsern versteckt. Als die beiden noch mal zum Wagen gehen, hört sie ihre Schritte auf den Kieseln und dann das Quietschen und Zuschlagen der Fliegengittertür, als sie zurückkommen, laut wie ein Schuss. Das Geräusch fährt ihr durch Mark und Bein, und plötzlich ergreift sie Panik, sie legt sich über sie wie eine dunkle Kapuze. Es riecht verbrannt, und Lee fragt sich, ob es das Essen ist, kann sich aber nicht aufraffen, zum Ofen zu gehen und nachzusehen. Ihr Sichtfeld wird schwarz an den Rändern, wie immer in solchen Fällen, und obwohl die Augen auf sind, ist sie wieder dort, diesmal in Saint-Malo, das Hemd schweißgetränkt, zusammengekauert im Kellergewölbe, mit Krämpfen in den Oberschenkelmuskeln, während sie darauf wartet, dass das Echo der Bomben verhallt.
Sie kann die Gedanken nicht aufhalten. Sie haben sich wie Granatsplitter tief in ihr Gedächtnis gebohrt, und man weiß nie, wann etwas sie an die Oberfläche bringt. Als Lee diesmal aus der Vergangenheit zurückkehrt, hockt sie in der Küchenecke und hält die Knie umklammert. Sie kommt vorsichtig hoch und ist erleichtert, dass sie niemand so gesehen hat.
Das Glas. Sie nimmt es in die Hand, hält es gegen die Stirn, um die Kälte zu spüren, nimmt einen zittrigen Schluck und dann noch einen. Der Küchenwecker klingelt. Lee schreckt wieder auf, versucht, sich zusammenzureißen, holt eine Kartoffel aus dem Topf und macht den Bisstest, aber sie ist so heiß, dass Lee zurückzuckt und die Kartoffel mit einem dumpfen Klatschen auf den Fliesenboden fällt. Noch ein Schluck aus dem Glas, die Panik nimmt zu, der Raum biegt und dreht sich wie ihr Spiegelbild auf dem Kupfertopf, sie will raus aus der Küche und hoch in ihr Arbeitszimmer, von wo aus sie die Schafe sehen kann, alles hübsch und ordentlich wie vor Hunderten von Jahren, bevor sie hierhergezogen sind.
Sie ist fast an der Hintertreppe, als sie Audreys Stimme hört.
»Lee!« Audrey kommt mit ausgestreckten Armen und einem Lächeln im Gesicht durch die Küchentür. »Hier zauberst du das also alles. Deine Bilder kenne ich ja, aber es in Wirklichkeit zu sehen, ist natürlich etwas anderes.«
Audrey sieht aus wie immer: klitzeklein, tadellos, ein frisch gewaschenes Seidentuch um den Hals. Sie hat blond gefärbte Haare, immer noch zu Pin-Curls frisiert, absolut akzeptable Zähne, mit denen sie ein bisschen aussieht wie ein Dachs, und sie trägt gern Korsagen. Bei der Arbeit und auch jetzt. Mal abgesehen davon, ist Audrey die uneitelste Person, die Lee kennt, und das ist eine ziemliche Leistung für jemanden, der seit dreißig Jahren mit Mode zu tun hat. Lee stellt ihren Drink ab, trocknet sich die Hände am Handtuch, das sie in den Gürtel ihrer Schürze gesteckt hat, und breitet die Arme aus. Sie umarmen sich fest, und Lee fühlt sich, als würde jemand einen Ballon in ihrer Brust aufpusten, der die Panik verdrängt und ihr Luft zum Atmen gibt. Sie hat vergessen, wie sehr sie Audrey mag.
Sie lassen sich los, und Lee beobachtet, wie Audrey sich in der Küche umsieht. Sie mustert das Durcheinander, Lees Glas auf dem Tresen, dann – ganz kurz, sodass Lee es möglichst nicht mitbekommt – Lees Hauskleid, ihre verfilzten Haare, ihren massigen Körper. Lee sieht sich durch Audreys Augen, und das ist nicht sehr attraktiv, aber Audrey ist so taktvoll, den Blick weiter durch den Raum schweifen zu lassen.
»Sind das die berühmten Penrose-Champignons?«, fragt sie und zeigt auf den Kühlschrank. »November neunzehneinundsechzig. Hat uns einen Haufen Post eingebracht.«
»In natura«, erwidert Lee. Sie hat die Flasche hinter einer Salatschüssel versteckt, sieht aber trotzdem dauernd hin. Die Panik ist wieder da, dicht und erdrückend, und sie schließt die Augen, um sie zu verdrängen.
»Audrey«, sagt sie schließlich und zeigt auf einen Stuhl, »bitte setz dich doch. Mach’s dir bequem. Kann ich dir etwas zu trinken bringen?«
»Oh, du bist doch bestimmt viel zu sehr mit Kochen beschäftigt! Roland hat angeboten, mich ein wenig herumzuführen, aber ich wollte dir erst Hallo sagen.« Sie geht noch einmal auf Lee zu und nimmt sie kurz in den Arm, ihr Blick ist freundlich.
Lee ist erleichtert und versucht nicht, Audrey aufzuhalten. Mit zitternden Händen greift sie nach ihrem Glas und trinkt es mit einem kräftigen Schluck aus, bis ihre Augen brennen. Als die Tränen fließen, lässt sie sie laufen.
Es ist neun, und Lee ist noch nicht fertig mit dem Essen. Die Gäste sitzen im Salon. Sie hört ihre Stimmen lauter und leiser werden, Gelächter, das Klirren von Weingläsern. Roland ist mehrmals in die Küche gekommen und hat leise gezischelt, »Sie warten, sie haben Hunger, hast du eine Ahnung, wann du ungefähr fertig sein wirst?« Lee verneint. Sie sollen ruhig warten, auch Audrey, es wird sich lohnen.
Das Problem ist unter anderem, dass sie die ganze Zeit weiter getrunken hat, die Flasche hinter den Einweckgläsern ist leer, die zweite hat sie hinten in der Vorratskammer aufgestöbert. Sie ist so betrunken, dass sie es ausnahmsweise selbst spürt: Ihre Nase ist taub, und die Finger sind glitschig wie Butter. Es ist einfach zu leicht, das Glas immer wieder aufzufüllen, und sie hat keine Ahnung, wie oft sie es schon gemacht hat. Der Alkohol lässt sie vergessen, dass Audrey ihre Verbindung ist zu allem, was ihr einmal wichtig war auf der Welt: Fotografie, Schreiben, ihr altes schönes Ich. Wenn Lee den Drang überwindet, sich einfach nur im Bett einzumummeln und für immer einzuschlafen, will sie der Mensch sein, der sie früher war, lebendig und hungrig. Aber jedes Mal, wenn sie Audreys Stimme aus dem anderen Zimmer hört, ihren vornehmen Londoner Akzent, greift sie wieder nach ihrem Glas.
Um halb zehn liegt der Spargel auf einem Salatbett, mit Sauce hollandaise beträufelt. Lee nimmt die Platte und schiebt sich durch die Schwingtür ins Esszimmer. Im angrenzenden Salon wird es kurz still. Jemand – vielleicht Seamus – ruft, »Na, wunderbar! Hab ich einen Hunger«, woraufhin alle ins Esszimmer kommen. Roland zeigt ihnen, wo sie sitzen – das ist eines seiner Talente, bei einem Abendessen die richtigen Leute nebeneinanderzusetzen –, kommt dann rüber, nimmt ihr die Platte ab und stellt sie auf die Anrichte. Janie ist da, das Hausmädchen, dem Lee das Leben schwermacht, indem sie sie so gut wie nie in die Küche lässt, sie serviert den Spargel, und dann sehen alle zu Lee, die immer noch neben der Tür steht.
»Setz dich zu uns, Schatz«, sagt Roland und zeigt auf ihren Platz am Ende des Tisches zur Küche hin.
»Hab noch zu tun«, sagt sie, dreht sich um und fragt sich, ob sie wohl lallt, bevor sie beschließt, dass es ihr im Grunde egal ist.
»Setz dich doch, Lee«, sagt Audrey. »Du bist schon den ganzen Tag auf den Beinen!«
Audrey hat recht. Lee tun die Füße weh. Sie nimmt die Schürze ab, geht zu ihrem Platz, und jemand, nicht Roland, schenkt ihr Wein ein, und die Unterhaltung kommt langsam wieder in Gang, während die Leute die glänzenden Spargelstangen zum Mund führen und sich darüber auslassen, wie gut sie schmecken.
Sie essen und trinken, und eigentlich ist alles in Ordnung. Audrey unterhält sich mit Bettina über eine Frühjahrsschau, die sie gerade gesehen hat. Der neue Look bestand aus geometrischen Cut-Outs, kurzen Jacketts und Etui-Kostümen. Nach einer Weile wendet Bettina sich an Lee: »Du hattest immer so ein gutes Auge. Was hältst du von Yves Saint Laurent?«
Lee lacht. »Betts, du weißt doch, ich habe das alles aufgegeben, als ich gemerkt habe, wie bequem meine Armeeuniform war. Ich trage nur noch Hosen und Hauskleid.«
Roland sieht sie an. Audrey und er kannten sie schon, als sie noch modelte und bei einem Kleid, das sie auf der anderen Seite des Raumes entdeckte, den Designer, das Material und die Saison benennen konnte. Auch das liegt hinter ihr, zum Glück. Wenn Frauen wüssten, wie bequem Armeehosen sind, würden sie nichts anderes mehr tragen. Als Lee das letzte Mal bei der Vogue war, nahm sie sich im Aufzug ein paar junge Models vor und erzählte ihnen, wie befreiend es sei, Männerhosen zu tragen und seine Füße nicht in das Äquivalent sogenannter Fingerfallen zwängen zu müssen. Eine von ihnen erkannte sie.
»Sie sind Lee Miller, oder?«, fragte das Mädchen. Sie ragte über Lee empor – anscheinend wurden die Models jedes Jahr größer –, und irgendetwas an ihrer Frage ärgerte sie. Sie hörte darin Audreys Worte: »Seid nett zu Lee. Sie ist nicht mehr dieselbe, seit … Sie hat schlimme Dinge gesehen … Sie war in Deutschland, als sie die Lager befreit haben. Schrecklich, wirklich. Wir hätten sie nie dort hinschicken dürfen.« Als das Mädchen also Lee erkannte, kam in ihr der Teufel zum Vorschein.
»Lee Miller?«, fragte Lee und beugte sich so weit vor, dass sie die Poren im Gesicht des Models und den Belag auf ihren geraden weißen Zähnen sehen konnte. »Ich hab gehört, die ist tot.« Das Mädchen guckte schockiert, dann ging die Fahrstuhltür auf, Lee stieg aus, und die offenen Schnürsenkel schlackerten ihr um die Stiefel, während sie den Flur entlangschritt.
Und hier, zum Abendessen, sitzt Lee wieder in Stiefeln, und das T-Shirt, das vorher unter der Schürze nicht zu sehen war, steckt nachlässig in ihrer Hose. Audrey, Bettina und Roland gucken betreten, das Gespräch über Mode ist zum Erliegen gekommen.
Um das Schweigen zu brechen, geht Lee die Vichyssoise holen und serviert sie in Tonschälchen, die Roland und sie vor Jahren in Bath erstanden haben. Janie hilft beim Servieren, und Lee zeigt ihr, was zu tun ist, damit sie später die nächsten Gänge aufdecken kann, die inzwischen alle bereitstehen. Jeder Abstecher in die Küche ist aber auch Gelegenheit für einen Schluck Whisky, Lee will Janie also nicht zu sehr einspannen.
Schließlich, nach den Jakobsmuscheln, dem Huhn und dem Fasan – alles genau so perfekt, wie Lee es sich erhofft hatte, wenn auch nicht so pünktlich –, kommen sie auf Rolands Arbeit zu sprechen, den neuesten Tratsch über das ICA und die Probleme mit der letzten Ausstellung. Seamus’ dozierende Stimme erhebt sich über die der anderen. Warum hören dicke Männer sich immer so gerne selbst reden? Lee und Audrey sind die Einzigen am Tisch, die nichts mit dem Museum zu tun haben, also dreht sich Audrey irgendwann auf ihrem Stuhl zu ihr hin und sagt: »Lee?«
Lee ist bereit – sie hat dafür gesorgt, dass sie bereit ist. »Ich habe so viele Ideen, Audrey. Wirklich. Ich schreibe wieder. Schluss mit dem Firlefanz.«
Audrey lehnt sich zurück. Sie wirkt überrascht. »Das ist großartig!«
»Ich musste an das Fischessen denken, das ich mal gemacht habe – weißt du noch, wovon ich dir erzählt habe? Der Blaubarsch? Wie wäre es mit einem Text über Kunst und Kochen? Oder etwas über Leute, die draußen sammeln gehen. Sie bringen mir Sachen, von denen du wahrscheinlich nicht mal weißt, dass man sie essen kann – Straußenfarn, verschiedene Pilzsorten –, da könnte ich eine richtige Geschichte drüber bringen, mit Fotos und allem.«
Inzwischen merkt Lee, dass sie lallt, die Worte fallen aus ihr heraus wie Puzzleteile aus einer Schachtel. Audrey hebt das Glas, ihr Ehering schimmert im Kerzenlicht. In ihren Augen sieht Lee Mitleid und Betretenheit, so, wie sie es erwartet hat, ihr Blick gleitet weg, als wollte sie sie lieber nicht ansehen.
»Lee«, sagt Audrey, »ich möchte dich etwas fragen.«
Lee macht Anstalten aufzustehen. »Ich sollte … ich muss den nächsten Gang holen.«
Audrey legt ihre Hand auf Lees. »Das kann warten. Roland und ich hatten vorhin, als er mir das Haus gezeigt hat, ein längeres Gespräch über etwas, das mir schon seit Monaten durch den Kopf geht. Ich möchte, beziehungsweise Roland und ich möchten, dass du eine Geschichte über deine Zeit mit Man Ray schreibst. Ein Feature. Dreitausendfünfhundert Wörter. Dazu ein paar seiner Fotos von damals. Wir glauben, dass es dir guttäte, dich auf ein größeres Projekt zu konzentrieren. Wir würden es in der Februarausgabe bringen. Du könntest ihn interviewen, wenn du willst, oder du schreibst es einfach aus deiner Sicht, so, wie du dich daran erinnerst. Unsere Leserinnen würden es lieben. Die weibliche Note. Durch deine Kochgeschichten haben sie dich über die Jahre lieben gelernt.«
Lee sieht zu Roland, der ihrem Blick gezielt ausweicht. Er hat die Schultern bis an die Ohrläppchen hochgezogen und denselben schuldbewussten Hundeblick, wie wenn Lee ihn anbrüllt.
Durch deine Kochgeschichten haben sie dich lieben gelernt. Der ganze belanglose Kram, den Lee in den letzten Jahren abgeliefert hat, das Porträt von ihr im Kräutergarten, in einer verdammten Vichy-Karo-Schürze. Und sie lieben sie wirklich! Sie hat Briefe bekommen. Liebe Mrs. Penrose, ich bin eine Hausfrau aus Shropfordshire und habe gestern Abend ihren Trifle ausprobiert. Es war ein Riesenerfolg! Meine Gäste schwärmen immer noch.
Während Lee heute in der Küche Bockshornklee abgewogen hat, haben Roland und Audrey offenbar einen Plan ausgeheckt, wie sie sie zurück ins Leben holen, damit sie wieder zu sich selbst findet und sich mit etwas Sinnvollem beschäftigt.
»Ich will das nicht«, antwortet Lee schließlich, etwas zickig, wie sie selbst feststellt.
»Warum nicht?« Audrey sieht sie mitfühlend an.
Als Lee nach ihrem Glas greift, verhärtet sich Audreys Blick. Ohne ihre Antwort abzuwarten, fügt sie hinzu: »Es wird dir guttun, Lee. Eine Story, die Substanz hat. Und die nur du erzählen kannst.«
»Ich will es nicht, Audrey.«
»Lee … ich weiß nicht, wie ich es sagen soll … aber entweder das, oder wir müssen über deinen Vertrag sprechen.«
Sie wusste, dass die Worte kommen würden, aber es tut deswegen nicht weniger weh, sie zu hören.
»Ich schreibe wieder, wirklich, Audrey.«
»Dann schreib das. Das ist es, was wir brauchen. Wir brauchen keine … Um genau zu sein, planen wir, den Bereich Haus und Heim einzustellen.«
In dem Moment kommt Janie und flüstert Lee ins Ohr: »Soll ich das Dessert servieren, Ma’am?«
»Nein, nein … ich mach das schon, Janie«, sagt Lee.
Kaum schwingt die Tür hinter ihr zu, schnappt sich Lee das erste saubere Trinkgefäß, das sie sieht, eine Teetasse mit Rosenmuster von ihrer Mutter, und marschiert schnurstracks auf die Einweckgläser zu. Die Tasse klappert auf der Untertasse, als sie sie vollschenkt, also stellt sie die Untertasse ab und hält die Tasse in beiden Händen, während sie den Whisky hinunterstürzt und ihr die stechenden Dämpfe in die Nase steigen.
Ein Artikel über ihre Zeit mit Man Ray. Dazu die entsprechenden Fotos. Lee könnte die Geschichte erzählen, wie sie sie schon tausendmal erzählt hat: »Ich habe Man Ray in einer Bar kennengelernt, als er auf dem Weg nach Biarritz war. Ich habe ihn gefragt, ob ich seine Schülerin sein könne, und er erwiderte, er nehme keine Schüler. Also sagte ich, ich würde mit ihm fahren, und bevor der Zug in Biarritz ankam, waren wir ein Liebespaar.« Wenn man es so erzählt, klingt es romantisch wie ein Märchen, und wenn man etwas oft genug erzählt, wird es irgendwann wahr, so, wie ein Foto einen glauben machen kann, es sei eine Erinnerung. Warum sollte es auch nicht wahr sein? Lee war damals hübsch genug, um zu kriegen, was sie wollte und wann sie es wollte, und es gibt tatsächlich Fotos von ihr in Biarritz mit Man, auf denen sie den Kopf in den Nacken legt, um ihr Gesicht in die Sonne zu halten, die Haut cremefarben wie die Innenseite einer Muschel. Lee könnte anhand der Fotos eine ganze Geschichte zusammenstellen, und zwar in jeder Version, die sie will. Aber damals, in jenem ersten Sommer in Paris, wusste sie noch nichts von der Macht der Bilder, wie ein Ausschnitt die Wirklichkeit erschafft, wie ein Foto die Erinnerung definiert und die Erinnerung die Wahrheit.
Oder Lee könnte die wahre Geschichte erzählen: die, in der sie einen Mann liebte und er sie und sie einander am Ende alles wegnahmen – wer weiß schon, wen es mehr traf? Diese Geschichte hat sie tief in sich weggeschlossen, es war die Geschichte, an die sie dachte, als sie all die alten Abzüge und Negative auf dem Dachboden verstaut hat, und derentwegen jetzt die Teetasse in ihren Händen zittert.
Lee nimmt einen letzten Schluck und stellt die leere Tasse auf den Berg in der Spüle. Sie ruft Janie, zusammen tragen sie das Omelette surprise in die Mitte des Tisches, und Lee gießt mit theatralischer Geste den Rum darüber, nimmt ein langes Streichholz und zündet ihn an, die Flammen lodern sofort auf, heiß und blau, fast bis an den Kronleuchter. Alle schnappen nach Luft und klatschen laut, und für einen Moment vergisst Lee, wie traurig Audrey sie gemacht hat, sie steht nur da und erfreut sich am Anblick des brennenden Alkohols.
Nachdem die Torte geschnitten ist und alle ein Stück bekommen haben, setzt Lee sich wieder neben Audrey.
»Bis wann würdest du es brauchen?«, fragt Lee und beobachtet, wie die Überraschung in Audreys Gesicht der Freude weicht.
»Eine erste Fassung gern bis Oktober.«
Lee nickt. »Ich mach’s«, sagt sie. »Aber nicht seine Fotos. Meine.«
Audrey rollt den Stiel ihres Weinglases zwischen den Fingern hin und her. »Das kann ich nicht versprechen. Es ist eine Geschichte über Man Ray.«
Aber das stimmt nicht, denkt Lee. Und das war schon immer das Problem.
Der Abend, an dem Lee das erste Mal Man Ray trifft, beginnt in einem halb leeren Bistro ein paar Straßen von Lees Hotel entfernt, sie sitzt dort allein, isst ein Steak mit Kartoffelgratin und trinkt schweren Rotwein. Sie ist zweiundzwanzig und wunderschön. Das Steak schmeckt noch besser als erwartet, es schwimmt in einer braunen Mehlschwitze, die zwischen die Schichten aus Kartoffelscheiben und geschmolzenem Gruyère sickert.
Lee ist seit drei Monaten in Paris und schon oft an dem Bistro vorbeigelaufen, hat sich aber – angesichts ihrer finanziellen Lage – zuvor nie hineingetraut. Allein zu Abend zu essen, ist nichts Neues für sie: Lee ist fast die ganze Zeit allein, ein harter Kontrast zu ihrem umtriebigen Leben in New York, wo sie für die Vogue gemodelt hat und praktisch jeden Abend in irgendeinem Jazzclub saß, jedes Mal mit einem anderen Mann am Arm. Damals ging Lee wie selbstverständlich davon aus, dass alle, mit denen sie zu tun hatte, hingerissen von ihr waren: ihr Vater, Condé Nast, Edward Steichen, all die mächtigen Männer, die sie über die Jahre betört hatte. Die Männer. Sie hat sie vielleicht fasziniert, aber sie haben ihr auch etwas genommen – durchlöchert haben sie sie mit ihren Blicken, ihr unter den Kamerahauben Befehle zugebellt, sie auf ihre Körperteile reduziert: den Hals für die Perlen, die schmale Hüfte für den Gürtel, die Hand, um ihnen Küsse zuzuwerfen. Ihre Blicke machten sie zu etwas, das sie nie sein wollte. Lee vermisst vielleicht die Partys, aber nicht das Modeln, und tatsächlich würde sie lieber hungern, als wieder in ihrem alten Beruf zu arbeiten.
Hier in Paris, wo sie noch einmal von vorn anfangen will, wo sie Kunst machen will, statt dazu gemacht zu werden, kümmert sich niemand groß um ihre Schönheit. Wenn sie durch Montparnasse läuft, ihr neues Zuhause, dreht sich niemand nach ihr um. Stattdessen scheint sie nur ein hübsches Detail zu sein in einer Stadt, in der so gut wie alles kunstvoll angeordnet ist. Eine Stadt, die nach dem Prinzip form over function errichtet wurde, wo reihenweise juwelenfarbene Petit Fours im Schaufenster einer Patisserie aufblitzen, zu perfekt, um sie zu essen. Wo ein Putzmacher Hüte ausstellt, die so ausgeklügelt sind, dass sich kein Mensch vorstellen kann, wie man sie tragen soll. Selbst die Pariserinnen in den Straßencafés sehen aus wie Skulpturen, in ihrer mühelosen Eleganz, wenn sie sich auf ihren Stühlen zurücklehnen, als wäre es ihre Raison d’être, dort dekorativ zu sitzen. Sie sagt sich, dass sie froh ist, nicht aufzufallen, sich in ihre Umgebung einzufügen, aber insgeheim denkt Lee nach drei Monaten hier immer noch, dass sie bisher niemanden gesehen hat, der schöner ist als sie.
Als Lee mit dem Steak fertig ist und den letzten Rest Soße mit dem Brot aufgetunkt hat, streckt sie sich und setzt sich in ihrem Stuhl zurück. Es ist noch früh. Im Restaurant ist es ruhig, die einzigen anderen Gäste sind ältere Pariser, die zu leise reden, um sie zu belauschen. Leere Weingläser stehen ordentlich aufgereiht neben Lees Teller, und am hinteren Ende liegt ihre Kamera, die sie überallhin mitnimmt, trotz ihres Gewichts und ihrer Größe. Kurz, bevor sie an Bord des Dampfers nach Le Havre ging, hat ihr Vater sie ihr in die Hand gedrückt, eine alte Graflex, die er nicht mehr benutzte, und obwohl Lee sie nicht wollte, bestand er darauf. Sie kann immer noch nicht richtig damit umgehen – gelernt hat sie Aktzeichnen, und nach Paris gekommen ist sie, um Malerin zu werden. Sie sah sich irgendwo im Freien meditativ auf einer Leinwand herumtupfen und nicht in einer stickigen Dunkelkammer mit Chemikalien hantieren. Allerdings hat sie sowohl von ihm als auch bei der Vogue ein bisschen etwas über das Fotografieren gelernt, außerdem hat die Kamera auch etwas Tröstliches: Sie ist eine Verbindung zur Vergangenheit, und Lee sieht mit ihr aus wie eine echte Künstlerin.
Der Kellner bleibt kurz stehen, nimmt den leeren Teller und fragt, ob sie noch ein Glas Wein möchte. Lee zögert, denkt an die schwindenden Francs in ihrer kleinen Handtasche und sagt dann Ja. Auch wenn ihre Ersparnisse zur Neige gehen, braucht sie einen Grund, um noch etwas zu bleiben, von Menschen umgeben zu sein, selbst wenn sie nicht zu ihnen gehört, nicht ins Hotel zurückzumüssen, wo die Fenster zulackiert sind und die eingeschlossene Luft unangenehm nach Schmorbraten riecht. Sie verbringt immer mehr Zeit dort, zeichnet in ihr Skizzenbuch, schreibt Briefe oder hält lange Mittagsschlaf und fühlt sich anschließend unausgeglichen – Hauptsache, die Zeit vergeht und sie vergisst, wie einsam sie ist. Lee war nie gut darin, sie selbst zu sein: Sich selbst überlassen, versinkt sie schnell in Schwermut und Untätigkeit. Mit den Wochen hat die Einsamkeit zugenommen: Sie hat jetzt Konturen, eine fast physische Gestalt, ein saugendes, schwammiges Etwas, das in der Ecke sitzt und auf sie wartet.
Der Kellner hat ihren Teller abgeräumt, macht aber keine Anstalten weiterzugehen. Er ist jung, trägt einen dünnen Oberlippenbart, der aussieht wie mit Bleistift gezeichnet, und Lee merkt, dass sie sein Interesse geweckt hat.
»Sind Sie Fotografin?«, fragt er endlich, das Wort klingt auf Französisch fast genauso wie auf Englisch, photographe, aber er nuschelt, und da Lee die Sprache noch nicht richtig spricht, dauert es einen Moment, bis sie seine Frage versteht. Als sie nicht antwortet, nickt er in Richtung Kamera.
»Oh, nein, nicht wirklich«, sagt Lee. Er wirkt enttäuscht, und sie wünschte fast, sie hätte Ja gesagt. Seit sie hier ist, hat sie ein paar Fotos geschossen, aber im Grunde sind es Bilder, die jeder Tourist hätte machen können: Baguettes in einem Fahrradkorb, ein Liebespaar, das sich auf dem Pont des Arts küsst. Die ersten Versuche waren nicht sehr erfolgreich. Als sie in dem kleinen Fotoladen um die Ecke die Abzüge abholte, waren alle schwarz, offenbar waren die Platten mit Licht in Berührung gekommen, bevor sie entwickelt wurden. Beim zweiten Mal gab sie sich mehr Mühe, setzte die Platten ganz behutsam in die Kamera ein, mit einem leichten Schweißfilm auf der Oberlippe – und bekam trübe, graue Massen zurück, so verschwommen, dass es vielleicht Wolken oder Pflastersteine hätten sein können, aber ganz bestimmt nicht die Nahaufnahmen von Skulpturen in einem Park, die sie geschossen hatte. Der dritte Schwung war dann allerdings scharf, und beim Anblick der kleinen Schwarz-Weiß-Bilder, die nicht nur aus ihrem Kopf heraus entstanden waren, sondern aus einer einmaligen Kombination von Licht und Zeit, empfand Lee eine Begeisterung, die sie beim Malen nie empfunden hatte. Sie hatte auf den Auslöser gedrückt, und wo vorher nichts war, war plötzlich Kunst.
Lee will, dass der Kellner ihr weitere Fragen stellt – sie will unbedingt mit jemandem reden, sich mit jemandem anfreunden –, aber in dem Moment läutet die Glocke über der Tür, eine Gruppe älterer Männer kommt herein, und der Kellner geht zu ihnen, um ihnen einen Tisch zuzuweisen.
Lee trinkt ihren Wein so langsam wie möglich. Während der Raum sich füllt, stellt sie fest, dass der Laden im Grunde ziemlich langweilig ist. Die Gäste sind alle viel älter als sie. Die Männer haben bürstenartige graue Schnurrbärte, und die Frauen sind zwar elegant gekleidet, aber bis obenhin zugeknöpft und tragen bequeme Schuhe. Doch dann betritt ein Trio das Lokal: zwei Männer und eine Frau. Erst hält Lee sie wegen ihrer seltsamen Aufmachung für Schauspieler. Die Männer tragen Kniebundhosen und Schärpen um die Hüfte, dazu weiße Hemden ohne Jacke. Sie wirken wie Künstlerparodien, setzen sich aber vollkommen entspannt hin und bestellen, ohne dass der Kellner sie groß beachtet. Die Frau ist ebenfalls merkwürdig gekleidet, in einer Art Scheherazade-Look, wie er vor ein paar Jahren angesagt war. Sie trägt einen Pagenkopf, ihre Haare glänzen wie poliertes Nussbaumholz auf dem kleinen Kopf, und der Lippenstift ist so dunkelrot, dass man ihn kaum von der Haarfarbe unterscheiden kann.
Lee versucht, sie unauffällig zu belauschen. Sie sprechen Englisch mit scharfem Nordstaaten-Akzent, und obwohl sie normalerweise nichts lieber will, als Poughkeepsie hinter sich zu lassen, fühlt sich der vertraute Klang ihrer Heimatstadt an diesem Abend so herrlich an wie ein warmes Bad. Sie reden über einen Mann namens Djagilew, einen Ballettimpresario, der Diabetes hat und allein in einem Hotel in der Nähe wohnt. Die Frau scheint Angst vor ihm zu haben, aber Lee versteht nicht, warum, auf jeden Fall ist sie keine Tänzerin – selbst im Sitzen sieht man, dass sie stämmig ist, ihre Knöchel sehen aus wie Saucisson, die sie in ihre Riemchen-Schuhe gestopft hat.
»Wenn du zuhören willst, setz dich doch zu uns«, sagt einer der Männer mit Blick an die Decke.
Lee nippt an ihrem Wein.
»He, Loreley«, sagt er, dreht sich in seinem Stuhl herum und schnippt mit den Fingern in Lees Richtung. »Wenn du zuhören willst, solltest du dich am besten zu uns setzen.«
Als Lee merkt, dass er sie meint, ist sie so überrascht, dass sie die Einladung fast ablehnt, wobei es genau das ist, wonach sie sich sehnt – die Gelegenheit, Teil einer Welt zu werden, die ihr unerreichbar scheint. Im ersten Moment hat sie Angst. Aber der Kellner hat zugehört und kommt, um ihr Getränk rüberzutragen, die Entscheidung ist also gefallen, und sie geht zu ihnen an den Tisch.
Als sie sitzt, beugt sich der Mann, der sie eingeladen hat, zu ihr. »Ich bin Jimmy«, stellt er sich vor, »und das ist Antonio, und das meine Schwester Poppy.«
Bei dem Wort Schwester bleibt er kurz hängen. Lee ist klar, dass er ihr damit zu verstehen geben will, dass Poppy nicht seine Schwester ist, hat aber keine Ahnung, warum er es trotzdem sagt.
Poppy dreht den glänzenden Kopf herum und sieht zu Lee. »Wir sprachen gerade über Djagilew, aber es langweilt mich. Ich will über Skandale reden. Kennst du einen?« Poppy spitzt den Mund, daneben erscheint eine Linie wie ein zartes Fragezeichen.
Lee blickt sich um, auf einmal ist ihr ganz heiß von dem ganzen Wein und dem Essen. Was kann sie sagen, das die anderen interessant finden würden? Ihr Kopf ist leer wie ein weißes Blatt Papier, sie sieht nur die Dinge um sich herum: die Deckenlampe, die an der Kette hin- und herschwingt, der verschrammte Holzboden, die Kerze auf dem Tisch mit dem kleinen Wasserfall aus Wachs.
»Du bist ein Skandal«, sagt Jimmy zu Poppy und legt seine Hand auf ihr Knie. Sie ignoriert ihn und schaut Lee in die Augen, ihre Frage steht so lange im Raum, bis sie endlich wegguckt und es vorbei ist. Sie wendet sich wieder Jimmy zu, der erneut das Gespräch übernimmt, und so löst sich die Spannung, und Lee wird in die Gruppe aufgenommen.
»Wir waren beim Ballets Russes«, erklärt Jimmy.
»Wir mussten gehen«, sagt Poppy. Lee fragt sich, ob sie wegen ihres Aufzugs rausgeworfen wurden.
Jimmy kippelt auf seinem Stuhl. »Poppy ist sehr sensibel. Sie erträgt es nicht, andere leiden zu sehen. Der Direktor hat einen gewissen Ruf – sagen wir, er verliert schnell die Beherrschung …«
Poppy schneidet ihm das Wort ab. »Die Tänzerin hatte verquollene Augen. Sie hat geweint, das konnte man sehen. Und Gontscharowas Bühnenbild passte überhaupt nicht.«
»Mir hat es gefallen. Na ja, immerhin hab ich ihr auch geholfen, es zu malen.« Das waren Antonios erste Worte. Er nimmt seine Zigarette nicht aus dem Mund.
»Oh, du malst!«, sagt Lee.
»Nein.« Antonio nimmt einen tiefen Zug, drückt die Zigarette dann im Aschenbecher aus und zündet sich eine neue an, alles in einer geschlossenen, anmutigen Bewegung.
»Antonio macht automatische Zeichnungen«, sagt Jimmy, und Lee nickt, als wüsste sie, wovon die Rede ist. Da Antonio nicht reagiert, fährt Jimmy fort: »Die Sachen sind unglaublich. Er gerät wirklich in Trance. Völlig losgelöst von Zeit und Raum. Abgedrehtes Zeug.«
»Das Gegenteil von dir«, sagt Poppy und sieht wieder zu Lee, und Lee erschrickt kurz, bis sie merkt, dass Poppy auf ihre Kamera zeigt, die sie auf den Tisch gelegt hat und die zu ihrem Erstaunen genau das tut, was sie sich erhofft hat: Sie weist auf ihre neue Identität hin. Lee greift nach ihr und fährt mit den Fingern über das Gehäuse, das sich in dem warmen Raum immer noch kalt anfühlt.
»Ich hab für die Vogue illustriert«, erwidert Lee, die unbedingt etwas Interessantes sagen will. »Und da ich jetzt nach Paris gezogen bin, soll ich für sie die Mode im Louvre zeichnen.«
Das stimmt, oder stimmte: Wochenlang saß Lee auf ihrem kleinen Klapphocker im Ostflügel des Louvre und zeichnete die Exponate aus der Renaissance ab. Eine Spitzenmanschette mit gepunktetem Rosenmuster, einen Gürtel mit riesiger silberner Schnalle. Die Skizzen schickte sie an die Zeitschrift, zu Händen von Condé Nast, der ihr letztendlich erklärte, sie könnten sie doch nicht gebrauchen. Wir haben inzwischen einen Mann in Rom, der die Sachen fotografiert, schrieb er. Das geht viel schneller, und man kann jedes Detail erkennen. Seitdem war Lee nicht mehr im Museum, und sie hat auch keinen neuen Job.
»Die Mode im Louvre«, wiederholt Jimmy affektiert. »Wie bourgeois.«
Lee errötet, aber bevor sie etwas erwidern kann, sagt Antonio: »Gutes Licht. Ich arbeite ab und zu dort.«
Lee denkt an die Fensterreihen oben im Museum und die langen Schatten, die die Statuen über den Boden warfen. »Ja«, sagt sie, und als sie Antonios Blick begegnet, sieht sie ein Lächeln, warm und aufrichtig. Jimmy wedelt mit dem Finger in der Luft, um neue Getränke zu ordern, und Poppy rutscht auf ihrem Stuhl zu Lee herum und fängt dann an, ihr eine lange, verschachtelte Geschichte über ihre Kindheit in Ohio zu erzählen, und mit einem Mal fühlt sich Lee, als stünde sie mit einem Meißel vor den Mauern von Paris und hätte den ersten Riss hineingeschlagen.
Später. Mehr Wein. Poppys Hand schlängelt sich über Jimmys Schenkel, die weißen Spitzen ihrer manikürten Halbmonde setzen sich gegen die Hose ab. Das warme Gefühl in Lees Bauch steigt hoch bis in den Hals, als wäre sie eine Karaffe, die jemand langsam mit heißem Tee füllt. Als die Wärme das Kinn erreicht, lehnt sie sich auf ihrem Stuhl zurück, die Beine hat sie undamenhaft von sich gestreckt, und sie lacht so ungehemmt über Jimmys Bemerkungen, dass sie ganz vergisst, die Hand vor ihre schiefen Zähne zu halten. Als Poppy gähnt, sich in dem inzwischen wieder halb leeren Restaurant umsieht und sagt: »Lasst uns irgendwo anders hin«, ist Lee dabei, egal, wo sie sie hinschleppen.
»Zu Drosso«, beschließt Jimmy, erhebt sich und wirft ein Bündel Scheine auf den Tisch – wie viel genau, kann Lee nicht sagen, es scheint aber eine Menge zu sein, mehr als genug, um für ihre Rechnung aufzukommen. Dann sind sie auch schon draußen, und es regnet, also quetschen sie sich auf den Rücksitz eines Taxis, so dicht, dass Lee die Stoppeln auf Poppys nacktem Bein an ihrem eigenen spürt. Antonio sitzt eingezwängt an ihrer anderen Seite und starrt aus dem Fenster.
»Vorsicht, dein Glas«, sagt Jimmy zu Poppy, die ihren Wein mitgenommen hat und bei jedem Halt einen kleinen Schluck trinkt.
Poppy dreht sich zu Lee, als steckten sie mitten in einem Gespräch, was vielleicht auch der Fall ist – Lee kann sich nicht erinnern. »Vor ein paar Wochen sind wir zu Caresse und Harry nach Ermenonville rausgefahren. Sie haben eine Mühle dort, wir haben uns auf dem Feld dahinter getroffen. Ich bin in Harrys Wagen eingestiegen und Caresse bei Jimmy. Lavendelfarbene Ledersitze, alles Maßarbeit. Am Anfang hat sich das wirklich verrückt angefühlt. Ein Wort, und du führst ein wunderbares neues Leben. Harry hat mir seine Gardenie geschenkt …«
Jimmy langt nach hinten und packt sie im Gesicht, er drückt ihre Wangen zusammen, sodass ihr Mund sich zu einer unattraktiven Fratze verzieht. Dann lässt er sie los, und sie nimmt einen Schluck aus ihrem Glas, als wäre nichts geschehen. Den Rest der Fahrt über schweigt sie. Antonio beachtet sie nicht, und als Lee in seine Richtung sieht, säubert er sich mit einem Taschenmesser die Fingernägel. Normalerweise würde sie das anekeln. Er hat große Hände, lange schmale Finger. Künstlerhände, denkt Lee. Die Klinge reflektiert das Licht der Straßenlampen, Lee mustert ihn eine Weile und sieht dann hinaus in die regennasse Stadt, die hinter ihrem eigenen Spiegelbild durch die beschlagenen Taxifenster nur undeutlich zu erkennen ist.
Drosso entpuppt sich als eine Wohnung im zweiten Stock eines unscheinbaren Hauses in Montmartre. Von außen ahnt man nichts von der opulenten Welt, die sich im Inneren eröffnet, ein Zimmer führt ins nächste wie funkelnde Juwelen, die Einrichtung besteht aus mit Seide bezogenen Sofas, Perserteppichen und massenweise bestickten Satinkissen. Drosso empfängt sie mit offenen Armen, im skurrilsten Gewand, das Lee je gesehen hat, ein langer burgunderroter Mantel mit seidenen Schmetterlingsflügeln an den Armen, die er flatternd hinter sich herzieht. Er küsst jeden von ihnen fast peinlich lange auf beide Wangen.
»Magnifique«, flüstert er, hält Lee am ausgestreckten Arm und wirbelt sie herum, sodass der Flügel wie ein Vorhang über ihren Kopf streicht. Als sie sich einmal um sich selbst gedreht hat, lächelt Drosso, legt einen Arm um sie und den anderen um Poppy und führt sie ins Ankleidezimmer, dann schließt er von außen die Tür. Ein Dutzend knallbunter Seidenroben hängen an Haken von den Wänden. Poppy zieht sich augenblicklich aus und legt ihre Sachen auf einen Haufen in der Ecke. Lee beobachtet sie, anfangs möglichst so, dass sie es nicht sieht, aber letztendlich ist es egal: Poppy streift sich so ungeniert den Strumpfhaltergürtel und die Strümpfe ab, als wäre sie allein.
Als sie Lee bemerkt, sagt sie: »Bei Drosso ziehen sich alle um«, als würde das irgendetwas erklären. Nach kurzer Überlegung folgt Lee ihrem Beispiel. Sie nestelt an den Knöpfen ihres Kleides, faltet es besonders sorgfältig zusammen, bevor sie es auf den Fußboden legt, und nachdem sie Poppy ihren BH hat abstreifen sehen, tut sie es auch und kommt sich dabei vor wie früher im Umkleideraum eines Fotostudios. Lee sucht sich einen himmelblauen Kimono aus und zieht den Gürtel über der Hüfte fest zusammen, die kalte Seide fühlt sich fast nass auf der Haut an. Sie will die Kamera nicht liegen lassen – was, wenn sie gestohlen wird? –, also nimmt sie sie mit und versucht zu ignorieren, wie absurd sie sich in ihrem Kimono damit vorkommt.
Als sie aus dem Umkleidezimmer kommen, hört Lee gedämpfte Stimmen und leise Musik. Drosso erwartet sie. Er führt sie nach hinten in eine Bibliothek mit vergoldeten Regalen und zieht dort an einem Hebel zwischen den Büchern. Das Regal schwenkt auf, und dahinter kommt ein weiterer großer Raum zum Vorschein, die Wände sind auberginefarben gestrichen, mehrere Dutzend Menschen, größtenteils in Roben, liegen auf Sofas und verteilen sich auf dem Boden. Mitten im Raum steht ein Messingtisch mit einer Wasserpfeife und ein paar Opiumpfeifen. Ein dunkelhäutiger Mann sitzt im Schneidersitz daneben, er trägt eine Brokatmilitärjacke und einen kleinen Hut. Als sie eintreten, springt er auf und verneigt sich tief. In einer Ecke liegt ein umschlungenes Paar und teilt sich eine Wasserpfeife, deren Schlauch sich ihnen vom Tisch entgegenschlängelt. Der Mann hat die Hand im Haar der Frau, die bewegungslos und mit geschlossenen Augen daliegt. Lee sieht, wie ihr Kopf langsam nach vorn kippt, woraufhin seine Hand sich in den Haaren zusammenkrallt, um sie festzuhalten. Die Frau öffnet die Augen und lächelt ihn verschlafen an.
Es ist, als wären sie aus Paris hinaus und hinein in ein Beduinenlager getreten, der Raum ist wie ein Zelt, dessen abgehängte Wände die Geräusche dämpfen und über die große verzerrte Schatten huschen, wenn jemand sich darin bewegt. Hinter einem marokkanischen Wandschirm küsst sich ein Paar. Ein Mann liegt mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, so regungslos, dass Lee sich fragt, ob man sich ernsthaft Sorgen um ihn machen sollte.
Lee weiß nicht, was sie von alldem halten soll, von der Wohnung, den Menschen und dem dichten Rauch, der überall im Raum hängt und um ihre Knöchel schleicht wie eine lautlose graue Katze. Alles hier verwirrt sie: der Geruch nach Zimt und noch etwas Schärferem, wie ungewaschene Körper, der dazu führt, dass sie verstohlen an ihren eigenen feuchten Achseln riecht, um sicherzugehen, dass er nicht von ihr selbst ausgeht; der Mann, der neben der Wasserpfeife kauert und sie beobachtet, seit sie den Raum betreten hat, und ihr jedes Mal, wenn ihre Blicke sich treffen, einen der Schläuche hinhält; der Musiker mit seinem tief brummenden Cello, das dem Ganzen etwas Nihilistisches verleiht.
Niemand beachtet sie, aber Lee macht sich die ganze Zeit Gedanken: wie sie den Kimono zugebunden hat und dass sie mit einer sperrigen Kamera herumläuft wie ein glotzende Touristin auf Urlaubsreise in Indien.
Sie ist betrunken, aber nicht betrunken genug, um Opium rauchen zu wollen. Damit vertrieb sich ihre Mutter gern die Zeit – genau genommen mit Morphium, die kleinen blauen Fläschchen standen aufgereiht auf der Fensterbank ihrer Garderobe und leuchteten wie Saphire in der Sonne. Lee sieht in jeder der vor sich hin dämmernden Frauen ihre Mutter. »Geh weg, Li-Li. Ich bin müde.« Es gab Zeiten, da schloss ihre Mutter sich tagelang in ihrem Zimmer ein, ohne sich um Lee zu kümmern, bis sie irgendwann hochmütig, mit verquollenem Gesicht und vom Make-up verschmierten Augen wieder auftauchte.
Lee war nur einmal high, als sie mit ihrer Freundin Tanja zusammen Opiumtinktur probierte. Und manchmal, wenn sie krank ist, hat sie wieder den Geschmack von Nelken, bitteren Kräutern und Alkohol hinten im Rachen, ihre Zunge fühlt sich taub an, und sie wird von einem komischen Schwindel gepackt. Sie fand es schrecklich und hatte Panik bekommen, als wäre ihr Leben ein Ballon und sie hätte die Schnur losgelassen.
Jetzt steckt sie hier fest. Auf einmal vermisst sie Tanja, sie wünschte, es wäre jemand da, den sie kennt. Das Bücherregal ist wieder zu. Poppy ist bei Jimmy, Lee sieht die beiden hinten in der Ecke, wie sie sich in den Armen liegen. Drosso kniet neben einem jungen Mann und hilft ihm, sich eine Nadel in den Arm zu stechen. Nur Antonio ist noch da, ihre Blicke begegnen sich, und er zeigt auf einen Barwagen, den sie bisher nicht bemerkt hat. Sie nickt dankbar und lässt sich einen Drink von ihm einschenken. Eigentlich sollte sie wohl nichts mehr trinken – sie kann sich nicht erinnern, wie viel Wein sie vorhin im Bistro hatte –, aber abgesehen davon, dass sie nervös ist, spielt das jetzt auch keine Rolle mehr.
Antonio bringt ihr einen Brandy, ein Männergetränk, die Flüssigkeit rinnt ihr brennend durch die Kehle, danach geht es ihr gleich besser.
»Warst du schon mal hier?«, fragt er leise. Im Restaurant war er so still, dass sie überrascht ist, ihn eine Frage stellen zu hören.
Lee schüttelt den Kopf. »Ich bin erst seit ein paar Monaten in Paris.«
»Das ist nicht alles.« Antonio zeigt um sich herum. »Drosso ist Kunstsammler. Er hat viel Geld.«
»Was sammelt er?«
»Alles, glaube ich, aber vor allem moderne Sachen. Er finanziert Littérature. Deswegen sind wir alle so oft hier und nuckeln an der Brust unseres potentiellen Mäzens.« Er nickt in Richtung einer Gruppe von Männern, die sich um eine Wasserpfeife versammelt haben.
»Wer, alle?« Lee nimmt noch einen Schluck Brandy, der ihr wie ein heißes Messer durch das Brustbein fährt.
»Éluard, Tzara, Duchamp. Die ganzen Surrealisten. Die das Unbewusste hervorholen wollen.« Antonio macht mit den Händen Gänsefüßchen und grinst verschwörerisch.
Sie kennt die Namen, hat sie auf New Yorker Partys gehört und in Literaturzeitschriften gelesen. Sie jetzt aus Antonios Mund zu hören, ist, als würde ein Schlüssel in ein Schloss gleiten. »Kennst du sie?«
»Klar.«
Das brummende Cello verstummt. Lee mustert Antonio und stellt fest, wie gut er aussieht. Seine Lippen sind voll und trocken, fast wie Papier. Er hat wunderschöne graue Augen, umringt von schwarzen Wimpern.
»Kannst du sie mir vorstellen?«, fragt sie, leicht schwankend zu ihm hin gebeugt. »Ich kenne sie … ich meine, ich will sie kennenlernen.«
Lee weiß nicht, wie sie sich ausdrücken soll, ihre Worte sind so wackelig wie ihre Beine, also legt sie ihre Hand auf Antonios Arm, der sich hart und warm unter dem Umhang anfühlt. Jetzt, da die Musik verstummt ist, hört sie alles: das Blubbern der Wasserpfeife, das Klicken und Zischen der Feuerzeuge über den Pfeifen, das Klirren der Eiswürfel in ihrem Brandyglas. Sie nimmt noch einen Schluck und dann noch einen.
»Jetzt ist wahrscheinlich nicht der richtige Zeitpunkt«, sagt Antonio freundlich, und obwohl sie ihn in die andere Richtung ziehen will, quer durch den Raum, wo ihm zufolge Duchamp sitzt, geleitet er sie sanft auf eine leere Couch am hinteren Ende und versucht, ihr den Brandy abzunehmen. Sie lässt es nicht zu. Sie braucht das kalte Glas und die warme Schärfe des Alkohols.
»Holst du mir noch einen?«, fragt Lee. Er betrachtet sie eine Weile, zuckt dann mit den Schultern und erfüllt ihr den Wunsch, tauscht das leere gegen ein volles Glas, und sie hebt es an den Mund, um einen kräftigen Schluck zu nehmen.
»Ich bin gleich wieder da«, sagt Antonio, jedenfalls meint Lee, das gehört zu haben. Immerhin lässt er sie dort sitzen, die Couch ist tief und dick gepolstert und mit einem glatten Stoff bezogen, auf dem man gar nicht anders kann, als herunterzurutschen, also leert sie den neuen Brandy und macht es sich bequem.
Bevor Lee nichts mehr denkt, denkt sie: Dieser Brandy ist nicht nur Brandy. Die Stimme in ihrem Kopf ist wütend, dann wird sie ohnmächtig.
Vielleicht waren es Minuten, vielleicht Stunden. Lee wacht auf, sie sitzt noch auf der Couch und hat die Wange in ein dicht besticktes Kissen gedrückt. Sie reibt sich die Augen und öffnet sie. Drosso steht über sie gebeugt, die Schmetterlingsflügel hängen an den Seiten herab, und sein breites, glänzendes Gesicht ist nur Zentimeter von ihrem entfernt.
»Alles in Ordnung, es geht mir gut«, nuschelt Lee und wedelt mit der Hand nach ihm, als wollte sie eine Fliege verscheuchen. Sie hebt den Kopf und sieht sich nach Poppy und Antonio um, kann sie aber nirgends entdecken.
»Ich muss Ihnen ein Geheimnis anvertrauen«, erklärt Drosso auf Französisch. Lee ist zu durcheinander, um ihn zu verstehen, er wiederholt sich also ein paarmal, bis ein anderer Mann dazukommt und es ihr übersetzt: »Er sagt, er muss Ihnen etwas gestehen.«
Der Mann ist kleiner als Drosso, er hat dickes lockiges Haar, das über den Schläfen absteht.
Drosso redet in schnellem Französisch auf ihn ein. Er hält eine Sektschale in der Hand und zeigt auf Lee. Er spricht so schnell, dass sie ihm selbst bei klarstem Verstand nicht folgen könnte. Der kleinere Mann lacht und sieht sie an.
»Er sagt …« Er hält inne, offenbar ist er nicht sicher, ob er es aussprechen soll. »Er sagt, dass er noch nie so schöne Brüste gesehen hat. Er sagt, Ihre Brüste seien eine perfekte Version des Glases in seiner Hand. Er will sie zeichnen und dann nachbilden lassen, damit er Champagner daraus trinken kann. Er will Champagner aus Ihrer Brust trinken, während er Ihre Brust berührt.«
Während des Vortrags nickt Drosso die ganze Zeit wild. Lee richtet sich auf. Sieht an sich herunter. Ihr Gürtel ist lose. Der Kimono klafft schamlos vom Brustbein bis zur Hüfte. Selbst in ihrem benebelten Zustand wird ihr klar, dass Drosso einen guten Einblick gehabt haben muss. Sie zieht sich den Kimono über die Brust, zerknüllt die blaue Seide in der Faust, steht dann auf und presst das absurde Gewand noch einmal fester zusammen.
Der kleine Mann lächelt ihr zu, und auch wenn er freundlich und fast entschuldigend guckt, will Lee nur noch weit weg von ihm sein.
»Bitte sagen Sie Ihrem Freund«, fängt sie mit möglichst herrisch näselndem amerikanischen Akzent an, »dass er meine Brüste niemals berühren wird, selbst wenn ich von einem brennenden Gebäude stürzen würde und meine Brust das Einzige wäre, das er festhalten könnte, um mich vor dem Tod zu bewahren.«
Er bricht in Gelächter aus, während Lee in Richtung Bücherregal losmarschiert, bis ihr einfällt, dass sie keine Ahnung hat, wie man das Ding öffnet. Mit der einen Hand hält sie sich den Kimono zu und tastet mit der anderen zwischen den Büchern verzweifelt nach einem Hebel oder Knopf oder irgendetwas, das man drücken könnte. Vergeblich.
»Warte«, sagt der Mann. »Warte.«
Lee sieht sich hektisch um. »Wie komme ich hier raus?«, fragt sie eine Frau, die mit geschlossenen Augen neben ihr auf dem Boden liegt. Die Frau reagiert nicht.
Der Mann ist ihr gefolgt. Er drückt einen kleinen goldenen Hebel am Regal, das daraufhin problemlos aufschwingt. Als sie hinaustreten will, berührt er sie sanft am Handgelenk.
»Er ist schwul«, sagt er und zeigt in Drossos Richtung. »Er würde weder dich noch irgendeine andere Frau anrühren. Verstehst du, was ich sage? Das war alles nur Quatsch. Theater.«
Lee schüttelt den Kopf.
»Wer bist du?«, fragt er.
Sie schüttelt wieder den Kopf. Sie will ihm weder ihren Namen noch sonst etwas über sich verraten.
»Schon okay«, sagt er. »Tut mir leid, wenn er dir Angst gemacht hat.«
»Ich habe keine Angst. Ich will einfach nur gehen.«
»Ja, gut, kann ich verstehen. Solltest du irgendwas brauchen, komm zu mir. Ich bin Man Ray.«
Diese Blasiertheit – dass er nicht sagt »Ich heiße Man Ray«, sondern »Ich bin Man Ray«, als wäre es unvorstellbar, dass sie ihn nicht kennt – verblüfft sie. Gut, sie kennt ihn tatsächlich: Seine Fotos waren neben ihren Modelstrecken in der Vogue zu sehen. Er ist in der Modewelt so bekannt wie Edward Steichen oder Cecil Beaton – als sie noch in New York war, fiel sein Name oft auf Partys.
Man Ray greift in seine Jackentasche – erst jetzt bemerkt sie, dass er keine Robe trägt – und gibt ihr ein Kärtchen mit seiner Adresse. Lee will nur noch weg, sie will irgendwo allein sein, wo sie so tun kann, als wäre nichts von alldem passiert, also bedankt sie sich, nimmt die Karte und geht, so schnell sie kann, ohne dass es aussieht, als würde sie rennen.
Erst, nachdem sie es in den Umkleideraum geschafft, ihre Sachen gefunden und sich mit zittrigen Fingern umgezogen hat, mit dem Taxi zum Montparnasse zurückgefahren ist und in ihrem kalten Bett liegt, die Decke übers Kinn gezogen und fest darin eingewickelt wie im Krankenhaus, wird ihr die Ironie der Situation bewusst. Nach all den Monaten, in denen sie gehofft hat, andere Künstler kennenzulernen, begegnet sie in einer Opiumhöhle Man Ray und hat nichts Besseres zu tun, als davonzulaufen. Jetzt, allein, zuckt sie innerlich zusammen bei dem Gedanken, bis ihr noch etwas anderes, sehr viel Beunruhigenderes einfällt: In der Eile hat sie ihre Kamera auf der Couch liegen gelassen.
Erst, als die Kamera weg ist, wird Lee klar, wie sehr sie ihr ans Herz gewachsen ist. Zumal sie tatsächlich weg ist. Am nächsten Tag läuft sie die sechs Kilometer zurück nach Montmartre, findet die Tür mit dem eleganten Glockenzug, ballt die Fäuste, dass ihr die Fingernägel in die Handflächen schneiden, und macht sich auf Drossos Mondgesicht und seine feuchten Lippen gefasst. Stattdessen empfängt sie ein Angestellter, geleitet sie hoch und dann durch die labyrinthartig angeordneten Zimmer. Lee kennt das Geheimnis des Bücherregals und öffnet es selbst, aber der Raum dahinter ist leer, ein beißender Laugengeruch liegt in der Luft.
