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Die Fortsetzung einer Zeitreise, die anders verlaufen ist, als geplant. In eine Welt die unserer scheinbar in nichts ähnelt und dennoch eine Heimat sein soll. Die neue Zeitlinie hat Linus nicht willkommen geheißen, sein Kampf mit sich selbst und seinem Schicksal führen zu Entscheidungen, die zuvor noch nie jemand treffen musste. Teil 2 Hiraeth, nimmt Dich mit auf eine andere Zeitlinie, auf die Reise in eine andere Welt, in einer anderen Zeit. Nichts ist schwerer als wieder vorn vorn beginnen zu müssen, mit nichts in der Hand außer ein paar Waffen und dem Funken Hoffnung im Herzen. Ruhelosigkeit, undefinierte Sehsüchte und Wünsche gehen unmerklich in Heimweh über. Doch wenn man nun wirklich eine Welt retten, ein Gleichgewicht erzeugen muss ehe man an sich selbst denken darf, ja dann kommt man um die Fragen nicht umhin: Was ist überhaupt zu Hause? Wo will ich sein? Denn ein verlorener Zeitreisender, hat kein zu Hause mehr.
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Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2024
Die Zeitlinie
Teil 2
Hiraeth
Texte: © Copyright by Carolin FrohmaderUmschlaggestaltung: © Copyright by Carolin Frohmader
Erstellt ohne KI
Verlag:Carolin FrohmaderAn der Ronne 350859 Kö[email protected]
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
To eveyone:
you are enough
and worth it
Inhalt
Impressum2
Widmung3
Hiraeth:6
Prolog7
Das erste Kapitel8
Kapitel 1: Heimat12
Kapitel 2: Ein bekümmertes Leben33
Kapitel 3: Gedanken43
Kapitel 4: Was wenn...46
Kapitel 5: Neue Chance52
Kapitel 6: Universum70
Kapitel 7: Weichen81
Kapitel 8: Der blaue Mond102
Kapitel 9: MMXIV - 2014120
Kapitel 10: Leben und Leben lassen136
Kapitel 11: Kein Weg nach Hause157
Kapitel 12: Erwartungen165
Kapitel 13: Endlich184
Kapitel 14: Zwei Türme193
Kapitel 15: Eine Gegenwart202
Kapitel 16: Die Realität210
Kapitel 17: Tage213
Kapitel 18: Wochen219
Kapitel 19: Monate223
Kapitel 20: August227
Kapitel 21: Aufbruch232
Kapitel 22: Oktober. Der 19te.241
Kapitel 23: Linus249
Kapitel 24: Epilog254
Ein walisicher Begriff für den es kein deutsches Wort als Übersetzung gibt.
Es bedeutet eine Art Heimweh zu einem Ort an den man nicht zurückkehren kann, der vielleicht niemals ein Zu Hause war, eine Sehnsucht nach der Vergangenheit, die Trauer für den Verlust der Orte in der Vergangenheit, Wehmut und Leid um Menschen und Orte die längst vergangen sind oder noch nie waren.
Pit
Als er vor mir stand hab ich kein Wort raus gebracht. Klar hab ich mich gefreut, aber eher dachte ich, dass ich mir gleich in die Hose mache. Wollte auf ihn zu gehen, ihn an mich drücken, auf den Rücken klopfen, doch er sah mehr danach aus, als wollte er mir die Wiedersehensfreude aus dem Gesicht schlagen. Seine Fäuste geballt, sein Körper gekrümmt, sein Gesicht wütend und Schmerzverzerrt. Ich ließ mein Lachen fallen.
Er sah so anders aus. Älter, kräftiger. Seine Haare waren viel länger und er trug so einen albernen Zopf, die Art über die wir uns immer die Mäuler zerrissen hatten, doch das war Jahrhunderte her.
Er war so ernst. Schaute mich an, dass mir schon fast hoch kam. So lange hatte ich gewartet. Eine Ewigkeit schiss gehabt und was tat er? Packte mich am Kragen und drückte mich gegen die nächste Wand. Ab dann hab ich erst recht kein Wort mehr raus gebracht. Ich starrte ihn nur an, wolle einfach nur wissen ob er wirklich DER Linus ist, den wir vor so langer Zeit verloren hatten. Tausend Fragen brannten mir auf Lippen und Seele.
Seine Augen zuckten und dann sah ich ihn. Seine Gesichtszüge wurden etwas weicher, doch der Ernst wich keinen Millimeter, als er die nächsten Wort heraus presste.
«Niemandem, keiner Menschenseele darfst du jemals von der Zeitmaschine, Lu oder Aenlin erzählen! Niemals! Hast Du das verstanden?»
Und was blieb mir anderes übrig als eifrig zu nicken!?
An dem ersten Tag war ich spät dran. Die Straße hoch zur Schule machte einen Knick und verlief ein Stück ziemlich steil. Der Bus hielt unten und alle mussten unten aussteigen bevor der Bus wendete und dieselbe Schleife durch die Dörfer noch einmal fuhr. Dasselbe am Nachmittag.Wenn man ihn verpasste, musste man laufen. Ziemlich lange laufen. Den ersten Bus hatte ich verpasst. Der zweite war für mich eigentlich zu spät, aber zu Fuß dem ersten nachzulaufen hätte mich noch dümmer aussehen lassen, als einfach den zweiten zu nehmen.Trotzdem tropfte mir der Schweiß von der Nasenspitze. Auch wenn es Sommer war. Erster Tag nach den Ferien und der erste Tag in einer neuen Schule und ich hatte nichts besseres zu tun als es direkt zu verkacken.
Der Altbau vor mir war alles andere als einladend, vermutlich kroch Asbest aus jeder dreckigen Ritze. Ich verdrehte die Augen und lief rein.Natürlich lachte die Klasse. Sie kannten sich untereinander kaum, vielleicht aus dem Dorf und ich hatte ihnen etwas gegeben worüber sie sich lustig machen konnten.Meine Eltern waren im Frühjahr bei einem Autounfall gestorben. Die eigentliche Fürsorge hatte meine Tante, die Schwester von meinem Vater übernommen. Zumindest offiziell, aber die meiste Zeit verbrachte ich in der Nachbarschaft. Der alte Dernbach, ein komischer Kauz mit einer ranzigen Bäckerei winkte mich ab und zu hinein und drückte mit ein Puddingteilchen in die Hand. Die waren köstlich. Allerdings war ich schon fett und er macht er damit kein bisschen besser.Ich vermied es jemanden direkt in die Augen zu sehen und setzte mich auf einen freien Platz. Eigentlich war es sogar ein ganz freier Tisch. Umso besser.Der Tag wurde zum richtigen Spießrutenlauf. Ich hab sowas angezogen. Den ganzen Müll den man in meine Tasche gestopft hatte, den Dreck der nach mir geworfen wurde und den Spott hinter meinem Rücken.
Nach einigen Wochen, zwei blauen Augen und eine Lektionen später hatte ich sowas wie aufgegeben. Ich spürte die Schikanen kaum mehr noch. Hörte nicht mehr zu. Sowas wie Mobbing gab es ja nicht, an dieser Schule schon mal gar nicht wenn man Lehrer gefragt hat. Also hab ich nicht nur meine Demütiger ignoriert, sondern auch Lehrer und den Unterricht. Irgendwie hab ich es nicht bemerkt, als sich jemand neben mich gesetzt hat. Hätte ich besser, aber irgendwie auf solche Attacken zu reagieren hat ihnen noch mehr Spaß gemacht, weshalb ich meistens einfach nichts gemacht habe.Aber es ist nichts passiert. Dann hab ich doch mal geschaut und neben mir saß ein Junge, den ich noch nie gesehen hatte. Dünn und schlaksig, eingefallenes Gesicht. Eine Brille hätte perfekt in das Gesicht gepasst. Er hat ein bisschen dumm in die Gegen geschaut. Erst als ich in offensichtlich angestarrt habe, drehte er seinen Kopf. Toll, dachte ich. Jetzt sitzen zwei Deppen an einem Tisch. Die doppelte Portion Mobbing.Er hat den Mund so komisch verzogen. Vermutlich sollte es ein Lächeln sein. Ich hab ihn ignoriert.In der ersten Pause saß ich wie immer auf einer Bank direkt neben der Rauchergruppe der Lehrer. Manchmal stand da aber auch keiner und ich war den anderen hilflos ausgeliefert. Als ich mich setzen waren zwei Lehrer gerade fertig, haben die Stummel auf den Boden geworfen und mir der Schuhsohle aus getreten. Sie sind einfach rein gegangen. Die Chance haben drei Jungs aus meiner Klasse natürlich sofort gewittert und kamen zu mir rüber. Sie haben getuschelt und gelacht und dabei auf mich gezeigt. Der ganz links hat eine Banane gegessen.Sie stellten sich provokant direkt vor mich, so dass ich ich weder links noch rechts noch geradeaus fliehen konnte. Aber wohin auch. Sie alberten vor mir rum, zupften an meinen Klamotten. Sie hatten noch gar nicht richtig angefangen, als der linke die Bananenschale auf meinen Kopf platzierte und dabei grölte und den Mund weiss aufriss. Im selben Moment kippte er unnatürlich nach vorn und seine Augen wurden ganz groß. Wenn sein Mund nicht schon weit aufgerissen gewesen wäre, dann hätte er jetzt geschrien. Ich rutschte ein paar Zentimeter zur Seite womit die Schale von der Banane auf den Bogen gefallen war, als der Junge mit dem Mund auf der Bank aufkam, was ein fürchterlich schmatzendes Geräusch gemacht hatte und dann wie tot zur Seite kippte und auf den Boden rollte. Hinter ihm stand der neue Junge. Er sagte nichts, schaute aber ein bisschen genervt.Erst schrien die beiden anderen Jungen und dann der am Boden. Blut sprudelte aus seinem Mund, es war wie ein Massaker. Ich habe beide Hände über meinen Mund gelegt. Eigentlich wollte ich nur meinen Lachen verstecken. Der neue Junge packte mich am Kragen und zerrte mich von der Bank. Als wir weg gelaufen ist kamen die beiden Raucherlehrer wieder raus. Der neue Junge winkte wild und zeigte auf die Bank.«Schwerer Ausrutscher auf der Banane», rief er und ein Lehrer nickte ihm dankend zu. So einfach war das?Wir stellen uns auf die andere Seite vom Schulhof und konnten noch gut sehen was passierte. Das Geschrei und der Lärm.«Das war... das war Wahnsinn», hab ich gestammelt.«Haben die doch verdient», sagte der Junge. «Das sind doch auch Affen», sagte er weiter und äffte einen Affen nach. Ich musste so lachen.«Mit den Zähnen wird der auch kein Eichhörnchen mehr», hat er gespottet und machte das Maul eines Eichhörnchen nach wie es kaute und die Frontzähne bleckte. «Eichhörnchen sind eh zu schlau für diese Idioten», hat er plötzlich sehr ernst gesagt. Mein Lachen verstummte.«Ich bin Linus», hat er gesagt und mir die Hand gereicht. Ich habe sie sofort gegriffen. «Linus Harris. Ich bin mit meinen Eltern in den Ferien her gezogen.» Er rollte mit den Augen.«Cooler Name», hab ich geantwortet. «Ich bin Eric Petersen, wohnte schon immer in einem der Käffer und meine Eltern sind im März gestorben.»Linus schwieg für einen Moment.«Willst du Freunde sein?», hat Linus mich gefragt und ich war plötzlich total aufgeregt. Was für eine Frage, ob ich wollte. Mein erster Freund.«Klar», hab ich ein bisschen zu laut gerufen. Diese Chance hab ich mich nicht entgehen lassen.«Ok, cool», sagte Linus.«Cool», hab ich auch gesagt. Mein bester Freund.Sie haben die Banane geglaubt und der Junge hatte sich beide oberen Frontzähne ausgeschlagen. Linus hatte diese Aura seit dem ersten Tag. Und ich fürchtete nun, dass ich nicht der einzige gewesen bin, dem sie aufgefallen war.
Pit
Die Abiklausuren waren geschafft und wir würden nie mehr zur Schule gehen, jedenfalls nicht zusammen. Linus hatte sich schon für ein Studium in Köln beworben, doch ich glaubte nicht, dass er das wirklich machen würde. Das war zu ernst, das war nicht Linus. Er war nicht ernst. Er war kein Stadtmensch. Er war kein Theoretiker sondern ein sehr praktischer Mensch.
Ich fuhr auf einem Tretroller durch die Straßen zu seinem Elternhaus. Ich war damals zwar auch schon moppelig, nicht dick aber auch nicht so ein Lauch wie Linus. Ein paar Autos parken schon vor dem Haus und verstopften die Einfahrt. Den Roller hatte ich fallen gelassen und wollte in den Garten abbiegen, als ich das Motorengeräusch hörte. Habe mich eine Weile umgesehen bis ich die Staubwolke über dem Feld gesehen habe. Linus kreischt wie ein kleines Mädchen und hat einen Arm hoch gerissen, als er mir seinem umgebauten Aufsitzmäher über die Stoppeln raste. Bei dem Manöver machte das Gefährt einen kleinen Schlenker und Linus war kurz das Gesicht verrutscht. Ich musste schon schallend lachen.
Es war sein 19. Geburtstag, wir hatten beide den Führerschein gemacht, hatten aber keine eigenen Autos. Doch Linus hätte ich es zugetraut sein eigenes zusammen zu schrauben.
Mit lautem Gepolter bretterte er auf den Kiesweg, der Motor rumpelte und das Ding hüpfte, dass ein kleiner Bolzen sich an der Seite löste. Linus Blick folgte der Flugroute und sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, eh er in schallendes Gelächter verfiel. Er würgte den Motor ab und fiel mit seinem schlaksigen Körper lachend vom Bock. Sein weißen Shirt war ölverschmiert. Sein grünes Cappy fiel im vom Kopf und seine Haare fielen im ins Gesicht. Ja er war irgendwie ein Schnösel, ein Schönling
«Kleine Panne», sagte er grinsend und zeigte drauf. Ich grinste zurück.
«Und der Bolzen?», fragte ich während Linus ihn vom Boden nahm und mit einem Augenzwinkern in seiner hinteren Hosentasche verschwinden ließ. Mit der anderen Hand hob er sein Cappy auf uns setzt es sich wieder falsch herum auf.
«Ups», sagte er nur und nahm einen Arm hoch um mich zu umarmen. Im letzten Moment bin ich auf die Seite gesprungen, er wollte mir nachsetzen, als im selben Moment die Haustür aufgerissen wurde. Linus Mutter stand schweigend da und hat nur ihre Hände in die Hüften gestemmt, aber nichts gesagt. Das sah gar nicht gut für Linus aus.
«Kleine Panne», sagte ich schnell und hab Linus stattdessen umarmt und ihm die Brust mit den Flecken getätschelt.
Wir grinsten beide.
«Zieh dich um, deine Gäste kommen», sagte sie ein bisschen gehetzt und hatte schnell wieder die Tür zu gemacht. Wir lachten.
«Ach übrigens», hatte ich angefangen und zog Linus Geschenk aus meiner Hosentasche. Das einpacken sparten wir uns immer. Ich hielt ihm die zwei Eintrittskarten unter die Nase.
«Happy Birthday», sagte ich. Sein Augen wurden groß. Hektisch wischte er sich die Hände an seiner hellen Jeans ab, sie hatte schon Löcher an den Knien und griff nach den Karten.
«Wirklich? Und du gehst mit?»
Hab mich ein bisschen angestellt, ich mochte die Band nicht so richtig, doch es war sein Geschenk und ich hab nur mit den Schultern gezuckt. Das hat ihm gereicht. Mit je einer Karte in einer Hand hüpfte er einmal um mich herum. Hielt sie hoch in die Luft und drehte sich im Kreis.
«Nicht anfassen», hab ich schnell gerufen, als er mich wieder umarmen wollte.
«Duschen und anziehen, ich habe Kuchenhunger», hab ich im gespielten Ernst gesagt. Er stand auf einmal still, salutierte schwammig und wir sind zur Tür gegangen. Ich bin zuerst rein und natürlich konnte er es nicht lassen und sprang im Flur auf meinen Rücken. Also gab ich nach und trabte mit ihm ins Wohnzimmer, während er mich anfeuerte. Seiner Mutter fielen beinahe die Augen aus dem Kopf. Manchmal tat sie mir schon ein bisschen leid. Ein paar andere Gäste die schon da waren drehten ihre Köpfe nach uns um, die meisten lachten. Nur seine strenge Oma wieder nicht. Aber das hat sie nie gemacht. Dachte Omas müssten lachen und ihr Enkel mit Süßigkeiten vollstopfen. Aber diese Oma schenkte nur nützliches. Ein Wertpapierfond zum sechzehnten, Bücher für sein Studium zum achtzehnten, eine Anmeldung an einem amerikanischem College für ein Auslandsjahr als Gutschein, zum vierzehnten glaubte ich und Lederschuhe zum neunzehnten. Wir wussten nicht was es bedeutet, Linus wusste nicht, was er damit tun sollte, ich dachte es sei übertrieben, großzügig ja, aber seltsam. Doch wir dachten nicht weiter darüber nach. Nicht an diesem Tag.
Als wir neun waren, hatte ich mir das rechte Bein gebrochen. Auf einem Stein am See war ich ausgerutscht und über einen anderen gefallen. Das Schienbein war direkt durch. Ich musste zuhause auf dem Sofa liegen und bin fast irre geworden. Linus hat einen Einkaufwagen geklaut und mich abgeholt. Er hat mich durchs Dorf geschoben und hat mich dann mit zu sich nach hause genommen. Wir haben ein ganzes Wochenende lang Eis gegessen. Er war mein bester Freund.
Mit zehn Jahre, haben wir uns noch im Wald versteckt und Fallen gebaut. Mit zwölf war das mit den Eichhörnchen passiert, als wir vierzehn waren hat Linus das erste mal den alten Benzin Rasenmäher seines Vater zerlegt, als der sich einen elektrischen gekauft hatte. Ich hatte Gras geraucht und es ein Jahr lang cool gefunden. Linus fand es ekelig, also hörte ich mit sechzehn wieder auf.
Mit fünfzehneinhalb haben wir uns im Wald betrunken. Und gekotzt und haben uns über eine Woche elendig gefühlt. Mit siebzehn war es nicht mehr so schlimm gewesen. Und mit siebzehn fuhr der Mäher das erste Mal mit Linus oder mir als Piloten. Darauf hatten wir erst mal angestoßen. Ich war stolz auf Linus, er war stolz auf seine Leistung. Seine Eltern haben das nie gewürdigt, die haben nicht gesehen, was für einen tollen Jungen sie haben. Naja, das haben meine Eltern ja auch nicht bei mir. Manchmal ist das so.
Thomas
Die frische Luft und das satte grün der Flora hatte mich bereits am allerersten Tag eingenommen. Das kannte ich nicht. Selbst Asien in den Monsunzeit war nicht so grün. Die Farben waren beinahe leuchtend. Die hellen Grüntöne und ebenso die dunkleren.
Ich war verzaubert vom ersten Augenblick an, nachdem ich mich von dem Zeitliniensprung erholt hatte. Es hat nicht so lange gedauert wie ich angenommen hatte. Das essen und die Pflege der Clanmitglieder hat meinen Körper schnell heilen lassen. Sie stellten ein paar Fragen, weil sie zuerst dachten ich sei der Verstoßener eines anderen Clans, doch ich war ja irgendwie freiwillig da gelandet wo sie mich gefunden hatten, hinter dem umgestürzten Baum.
Die Hierarchie des Clan war zwar fremd, dennoch einleuchtend. Leicht fand ich mich ein und fand schnell etwas um mich nützlich zu machen und meinen Teil zum leben in einer solchen Struktur beizutragen. Mein Wissen über Heilkräuter und durch das Medizinstudium hatte ich einen erheblichen Vorteil eine geeignete Tätigkeit zu finden und es nutzte nicht nur mir. Natürlich traute mir niemand zu Anfang. Ich war doch ein bisschen der Verstoßene, der Fremde. Der Einsame. Ich bekam ein Einzelzelt, etwas abseits der meisten anderen zugewiesen, doch das war für mich in Ordnung. Es war sogar eine gute Idee. Ich hielt ein wenig Abstand, als Quarantäne sozusagen. Es war möglich Infekte mitzubringen die dem Clan und der ganzen Zeitlinie nicht gut tun würde. Kurzum wollte ich eine Art Seuche vermeiden. Linuns hatte sich damals etwas in der Vergangenheit eingefangen und wir wussten nicht was es gewesen war. Für weitere Analysen wären wir aufgeflogen, also sorgte ich dafür, dass seine Ergebnisse vernichtet wurden.
Es war schon eine ganze Weile vergangen und bisher hatte ich nur Kleinigkeiten behandelt, wie ein paar Kratzer, eine Magenverstimmung und ein ausgerissener Zehennagel.
Scheinbar hatte ich keinen gesundheitlichen Einfluss genommen, was mich sehr beruhigte.
Immer wieder hatte ich die Oberen gedrängt mich nach Linus suchen zu lassen und auch wenn sie es gestatteten, war ich mich nicht sicher ob ich wegen Linus nach ihm suchte oder nur wegen mir. Suchte ich für meine Gewissen oder um ihn wirklich zu finden? Ich wollte ihn finden und konnte es kaum erwarten die Schönheit der neuen Heimat zu zeigen. Dabei verdrängt ich den Gedanken, dass wir vielleicht wieder zurück mussten so weit, dass er mir gar nicht mehr jeden Tag in den Sinn kam.
Der soziale Durchbruch gelang mir als an einem Nachmittag es plötzlich einen kleinen Tumult gab. Ich hörte ihn bevor ich sie sah. Eine Leute hatten sich versammelt und ein Mädchen lag auf dem Boden krümmte sich und ihr Arm stand unnatürlich vom Körper ab. Es war offensichtlich, dass sie sich die Schulter ausgekugelt hatte. Ein weiteres Mädchen saß neben ihr, versuchte sie zu beruhigen, doch sie schrie vor Schmerzen und das durfte sie auch. Ich bahnte mir meinen Weg zu der Patientin und musste schon fast betteln ihr helfen zu dürfen.
Mir viel guten Zureden und erklären ließ man mich gewähren. Mit einem Stock zwischen den Zähnen und meinem Fuß in ihrer Achselhöhle musste ich nur einmal beherzt ziehen und die Schulter rutschte in ihre natürliche Position zurück. Den Arm fixierte ich und entließ das Mädchen der Obhut ihrer Familie. Sofort zog ich los und sammelte die richtigen Pflanzen gegen Schmerzen und Prellungen.
Als ich das Zelt der Familie aufsuchte saß das andere Mädchen davor und rührte in einem Topf auf der Feuerstelle. Ein wenig erschrocken sah sie zur mir hoch. Entschuldigend hob ich die Hände und die Kräuter darin. Eine Paste hatte ich schon hergestellt, doch sie mussten noch einen Sud kochen. Ich durfte ihr zeigen wie es geht und versenkte eine Pflanze nach der anderen in dem Krug. Sie bedankte sich. Es war ihre Schwester. Sie war beim Sammeln von Pilzen ausgerutscht. Sie war hübsch wie sie da saß und rührte und sich sorgenvoll immer wieder nach ihrer Schwester umdrehte. Während wir dasaßen und ich ihr die Wirkung des Suds erklärte und was die einzelnen Pflanzen bewirkten und wie man sie am besten zubereitete verlor ich etwas wichtiges. Nach dem Verlust von Linus und all den Dingen die ich dazu gewonnen hatte, beschloss mein Herz für immer hier bleiben zu wollen. Ich verliebte mich. Schwer. In das Mädchen. Malin. Auf dieser Zeitlinie. Eine ungeahnt, schwerwiegende Entscheidung.
Wann immer ich nicht nach Linus suchte, verbrachte ich Zeit mit Malin. Der Clan war zuerst nicht überzeugt von mir und meinen Absichten. Es war leicht zu erkennen, dass die Zeit nicht so weit fortgeschritten war, was Dating betraf. Die Zeitlinie befand sich dazu beinahe noch im Mittelalter zumindest was den Anfang betraf. Der Clan beschützte seine Mitglieder und das schien mir wiederum sinnvoll. Wenn ein Paar sich gefunden hatte, wurde ein Bündnis geschlossen. Eine Art Hochzeit aber nicht ganz dasselbe. Es gab kein Gesetz was ein Paar verband. Das Bündnis wurde zwar über den Clan hinaus grundsätzlich anerkennt, aber es gab eben kein Gesetzt dafür, kein Stück Papier mit unseren Namen, keinen Stempel.
Linus verpasste mein Bündnis mit Malin. Es gab nicht mal eine Feier, weil es nicht zelebriert wurde. Ein Bündnis war etwas nützliches. Nachkommen wurden gesichert, vor allem dass auch kein Inzest innerhalb des Clans stattfinden konnte. Ich vermisste ein wenig die Möglichkeit ihr einen Ring an den Finger zu stecken, denn es gab ebenfalls kein allgemeingültiges Zeichen eines Bündnisses. Keine Ringe als solches, wenig Schmuck. Ich hatte bei dem jungen Schmied einiges an Überzeugungsarbeit leisten müssen, dass er mir ein Armband anfertigte, eines mit schmaler Öffnung um es an der schmalen Seite des Handgelenkes überstreifen zu können. Mit mühevoller Kleinstarbeit gelange es ihm die Initialen M + T einzugravieren. Es sah ein bisschen schief aus, doch das machte mir nichts aus. Als ich das Armband Malin am Abend nach unserem Bündnis schenkte, war ich doch froh, etwas zu haben, was ich ihr schenken konnte. Ein Zeichen von mir für sie. Für uns.
Dies trieb mein Wurzeln noch tiefer in diese Zeitlinie.
Malin wusste nichts von Zeitreisen und das sollte auch so bleiben. Für sie war ich ein Mann aus einem anderen Clan, der weit gereist war um sein Glück zu finden und irgendwie gefiel mir dieser einfache Gedanke.
Pit
Er hatte sich verändert nachdem er das Studium angefangen hatte. Er war zwar noch Linus, doch er hat plötzlich unter großem Druck gestanden. Ja, manche würden jetzt sagen, so ist das wenn man erwachsen wird und der Ernst des Lebens beginnt und so, bla bla. Witzig.
Aber ich meinte eher so, als würde er aufhören zu leben. Er zog sich zurück. Das war schon bitter. Und das war schon bevor das mit der Zeitmaschine passiert ist. Da muss mehr gewesen sein, als er mich wissen gelassen hat. Er tat mir leid, denn ich glaubte nicht daran, dass Menschen sich wirklich ändern. Die tun nur so, oder passen sich an, verstecken Schwächen und dunkle Seiten, aber darunter ist doch jeder wie er ist. Auch Linus.
Thomas
Die Mond stand hoch am nahezu klaren Nachthimmel als ich aus meinem Zelt stieg. Mit der einen Hand hielt ich eine Lampe in der das Feuer schon flackerte und bald aus gehen würde, in der anderen ein paar gerollte Karten die ich mir immer und immer wieder angesehen hatte, doch ich war mir nicht sicher welche Richtung wir das nächste Mal einschlagen sollten. Wir waren nur noch einen Tagesmarsch von der Heimat entfernt. Weitere kleine Zelten standen um meines herum und jedes war noch verlassen. Die Gruppe saß am Feuer. Laute Stimmen schwelgten zu mir rüber. Lachen und ein paar Pfiffe.
In meinem Kopf rumorte es. Kopfschmerzen bahnten sich an und Gedanken drehten unermüdliche ihre Kreise.
Langsam sog ich Luft in meine Lungen, atmete die sauberen Sauerstoff. Den Geruch von Abgasen und der Industrie hatte ich bereits vergessen.
«Thomas!», rief jemand hinter mir. Die Stimme gehörte zu dem Jungen, der uns von Anfang an begleitete, das dritte Mitglied unserer Gruppe: Luca. Ich drehte mich um, als er noch auf mich zugelaufen kam.
«Ziehen wir morgen weiter?», fragte Luca etwas außer Atem. Die letzte Etappe hatte ihm zugesetzt. Uns allen. Es war ein weiter Weg gewesen. Ohne Transportmittel sind Strecken beschwerlicher. Es gab Wildpferde, doch niemand zähmte sie. Sie waren scheu und ließen sich nur aus der Ferne bewundern, wenn überhaupt. Doch ihre spuren fanden wir überall.
«Ja, sobald wir nach Sonnenaufgang gepackt haben», antwortete ich ihm. Ich konnte sofort an seinem betretenen Gesicht erkennen, dass etwas nicht stimmte. Ich seufzte.
«Wo ist er?», fragte ich schlicht. Luca Gesichtsausdruck wechselte ins hilflose und ich kannte die Antwort bereits. Die Karten drückte ich Luca in die Arme und schwenkte meine Lampe in Richtung der Anhöhe, an dessen Fuß wir unsere Zelte aufgeschlagen hatten. Auch wenn es nur eine Anhöhe ist, war der Aufstieg keine Kleinigkeit und dauerte eine Weile. Auf dem Weg nach oben hatte ich genug Zeit zu fluchen und mich aufzuregen, obwohl ich natürlich wusste warum ich dort hoch kletterte, anstatt die nächste Route zu planen. So wie jedes Mal.
Das Leben hatte sich seit dem Scheiterhaufen verändert. Ich wollte dankbar sein, doch es wurde einem nicht leicht gemacht.
Ich habe noch lange die Zügel von Penny in meinen Händen gespürt.
Sie hatten Brandmale hinterlassen. Striemen wie Peitschenhiebe. Blutig und brennend.
Das war meine letzte Verbindung gewesen und sie wurde mir buchstäblich aus den Händen gerissen.
Eigentlich hatte ich das längst vergessen wollen, doch jeder Schritt diesen Hügel hinauf erinnerte mich daran.
Nach dem Scheiterhaufen war allein aufgewacht. Die Sonne stand hoch und hatte meinen Körper stark ausgetrocknet. Bis auf meine Hände hatte ich keine großen Wunden davon getragen. Nach allen habe ich gerufen, nach Linus, Aenlin und auch nach dem Pferd, doch niemand hatte geantwortet. Niemand war bei mir.
Mühsam rollte ich mich auf die Seite und versuchte mehrfach aufzustehen. Erst als die Sonne sich gen Nachmittag senkte, fand ich die Kraft mich aufzurichten. Es mussten Stunden vergangen sein. Mein Kopf brummte und ich fühlte eine kleine Beule an meinem Hinterkopf. Dort war ich doch unsanft aufgekommen. Aber woher? Wohin? Fragte ich mich und sah mich um.
Unter meinen Füßen war Wiese, Gras und ein bisschen sandig, wie eine kleine Düne. Hinter mir langen große Sandflächen und wenig Vegetation. In die andere Richtung jedoch konnte ich sattes grün erkennen und darin meine Chance zu überleben, denn dort würde es auch Wasser geben.
Es war eine leichte Entscheidung los zu laufen. Wie weiter ich lief, desto fester wurde der Untergrund, der sandig heiße Dünenboden wurde allmählich zu einem Waldboden, weich mit Ästen, Laub und Tannennadeln. Ein gesunder Mischwald lag bald vor mir. Jedoch konnte ich nichts berühren denn meine Handflächen waren nicht in der Lage zu greifen, ich hätte mich auch nicht verteidigen können.
Mein Kopf war noch nicht so weit überhaupt zu hinterfragen, was passiert war. Wo ich war. Oder wann.
Für meine Wunden hatte ich nichts, also ließ ich meine Hände nur leblos an mir herunter hängen. Blauäugig lief ich weiter. Ich sah Rehe. Kaninchen, die ungewöhnlich groß schienen. Schwarze Eichhörnchen und ich fragte mich, ob es die wirklich gab.
Es fühlte sich an wie in einem Fiebertraum, eine Mischung aus Traumwelt in der Kulisse eines Albtraums. Doch wo hörte die Traumwelt auf und wo begann der Alptraum. Was ich zur der Zeit noch nicht wusste, dass es keine Abgrenzung gab.
Das Grün sah so viel grüner aus. Kräftiger, reiner. Unwillkürlich musste ich lachen. Auf der anderen Seite ist es wirklich grüner, so wie man sagt. Und nicht bloß das Gras.
Mein Durst brachte mich beinahe um den Verstand und mein Körper fühlte sich heiß an, als ich mich in weiches Moos fallen ließ. Beinahe klamm fühlte es sich an. Beinahe genug um daran zu lecken und zu versuchen ihm die Feuchtigkeit zu stehlen, doch meine Augen schlossen sich, ohne dass ich es wollte. Von ganz alleine sank ich weiter in meine Traumwelt. Sah mich selbst von oben auf dem Boden liegen, alle vier von mir gestreckt, die Handflächen unbewusst nach unten ins Moos gedreht, friedlich schlafend, doch der Schein trog.
Erneut sah ich mich von oben, doch diesmal ich stand an Linus' Bett im Krankenhaus am Fußende und beobachtete ihn, wie er zusammengekauert gegen eine Infektion kämpfte. Der weiße Fußboden stach schmerzend in meinen Augen. Ich war so wütend wie ich da stand, weil er mir etwas verschwieg. Hatte ich nun die Rechnung dafür bekommen? Auch wenn ich nie vor hatte ihn zu verraten. Zu neugierig und gierig war ich gewesen auf das was er hatte.
Jederzeit hätte ich es dem Oberarzt sagen können, jederzeit der Kollegin im Labor der ich ein Date versprach, wenn sie sein Blut unter falschem Namen testete. Das hatte ich nicht für mich getan. Unbedingt musste ich sein Geheimnis lüfte, ich war wie besessen.
Er war stärker gewesen als ich dachte. Sein hünenhafter Körper hatte alles gegeben um zu überleben. Er wehrte sich immer wieder, auch gegen mich.
Er mochte mich nicht und das wusste ich. Pit hatte recht ihn vor mir zu warnen, doch ich hatte nicht aufgegeben. Irgendetwas war an ihm, was mich an meinen Motivationen im Leben zweifeln ließ und wer möchte dann nicht den Grund dafür erfahren?
Mein Moosbett wurde plötzlich ungemütlich, ich versank darin und ein kalter Schauer durchzog mich. Als ich die Augen aufschlug war es leicht zu erkennen. Es schüttete. Der Regen prasselte auf die Blätter und Äste über mir. Feine Rinnsale fielen deshalb auf mich hinab und das Moos war zu einem Wasserbett geworden. Ich öffnete den Mund und fing eines der Rinnsale ein und konnte endlich meinen Durst ein wenig stillen.
Mit pochendem Schmerz fielen mir auch meine Hände wieder ein. Das Moos und der Regen hatten den Schmutz entfernt und blankes Fleisch glänzte mir entgegen, doch eine Entzündung konnte ich nicht erkennen.
Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Die Wüstenhitze war vorbei und der Regen hatte meinen Körper abgekühlt und die nasse Kleidung klebte an mir. Zwar war ich noch immer schwach und zittrig, doch mein Kopf klärte sich allmählich.
Mir war schon im ersten Moment klar gewesen, dass ich nicht mehr in der Stadt war. Doch ich verstand nicht welche physikalische Kraft mich so weit außerhalb der Stadtmauern hätte bewegen können und gleichzeitig so sanft, dass ich es überlebt hatte.
Die Erkenntnis traf mich erst viel später.
Mit zwei Büscheln Moos in meinen Fäusten machte ich mich erneut auf den Weg. Früher oder später musste ich ein Haus oder Menschen treffen. In Wäldern fand man immer Spaziergänger mit Hunden. Doch so sehr ich auch lauschte, ich hörte nichts menschliches. Allerlei Tiere wie sie zwitscherten, quietschten, quakten, zirpten, summten, doch kein einziges Bellen. Es knackste überall und raschelte. Ich wusste, dass es im Rheinland keine Bären gab, aber Wildschweine konnten auch gefährlich sein.
Damit hatte ich entschieden nicht weiter in den Wald hinein zu gehen, sondern am dünner bewachsenen Rand zu bleiben bis ich auf einen Weg stoßen würde.Ich habe lange gesucht.
Als mein Kopf auch zu pochen begann, beschloss ich eine kurze Pause zu machen und sucht ich mir ein trockenes Plätzchen neben einem umgestürzten Baum. Ein Blitz war in ihn eingeschlagen, vor langer Zeit. Ich kauerte mich daneben, verschränkte umständlich meine Arme um meine Hände zu schützen und schloss die Augen. Der Schlaf überrannte mich förmlich.
Aus „gutem Hause“ kommen, bedeutet gar nichts. Der Vater nie da, die Mutter überfordert und ständig wechselnde Nannys. Erschlagen von Möglichkeiten und erdrückt von hohen Erwartungen gab ich irgendwann ein Stück weite nach nach und schrieb mich für das Medizinstudium ein. Ich hätte Wirtschaft und Sprachen und irgendwas interkontinentales studieren sollen. Meine Eltern wollte es unbedingt, da es in der Wirtschaft viel ertragreichere Berufe und mächtige Positionen gab. Die Medizin sollte ein Kompromiss sein, doch nur für mich, meine Eltern waren nie zufrieden gewesen.
Klischee. Doch das hatte ich hinter mir gelassen. Dank vier Jahren Therapie wusste ich wie ich ruhig bleibe, Situationen annehme und nicht über-überdenke. Ich dachte, dass es den meisten Menschen gut tun würde zur Therapie zu gehen. Neid keimte keiner mehr auf, dass Linus ein Elternhaus hatte, welches ihm behütete. Denn es hatte ihn dennoch in diese Situation geführt. Er hat mir leid.
Als ich aufwachte zitterte ich am ganzen Körper. Ich wollte ruhig bleiben, doch meine Umgebung machte zusehend einen unheimlicheren Eindruck auf mich und ich fühlte mich nicht mehr so ruhig und gefasst. Meine Festung bröckelte. Mir fiel das Date mit dem Labormädchen ein. Ich war ein Arsch gewesen und hatte es abgesagt, aber es war der Vorabend gewesen, von dem Tag an dem ich mit Linus das letzte Mal in die Vergangenheit gereist und alles schief gelaufen war. Ob ich mich noch in der Vergangenheit befand wusste ich nicht. Es war anstrengend die ganze Zeit zu durchdenken was passiert war und was schief gelaufen sein könnte und wo ich war und wo Linus und Aenlin waren oder das Pferd. Warum war ich alleine? Waren die anderen es auch, wurden wir alle auseinandergerissen? Unmerklich schüttelte ich den Kopf und kniff die Augen zusammen. Mit ein paar gezielten Atemübungen schaffte ich es mich wieder ein wenig zu beruhigen. Ich öffnete die Augen und rollte mich auf den Rücken und erschrak. Über mir hingen Tannenzapfen. Aber sie waren riesig, beinahe so groß wie mein Kopf oder Kokosnüsse. Kurz hatte ich wirklich geglaubt ich sei geschrumpft und in einer Art Riesenwelt gelandet. Ein bisschen war es vielleicht so, aber ich war nicht geschrumpft auch wenn meine Erlebnisse und die Macht der Zeitmaschine einen dagegen eher klein erscheinen lassen.
Erneut knackte es im Unterholz doch diesmal hörte ich dazu noch Stimmen. Langsam richtete ich mich auf ohne meine Hände benutzt zu können. Meine Kleidung war zwar fast wieder trocken, doch von Erde und Moos überzogen. Wenn ich vorher gedacht hatte, dass meine Umgebung gruselig war, passte ich plötzlich ziemlich gut hinein.
Vorsichtig spähte ich über den Baumstamm. Tatsächlich sah ich eine Gruppe junger Männer, etwa in meinem Alter auf mich zukommen. Mein Herz hüpfte. Beim näherkommen sahen sie plötzlich älter aus. Auch jüngere sahen älter aus, weil alle mehr oder weniger Bart trugen. Die die keinen trugen hatten schlichtweg kaum Bartwuchs. Ihre Klamotten ähnelten erschreckender weise eher der Vergangenheit als der Gegenwart. Leinen und Leder statt Jeans und Polyester.
Es war mir auch egal, ich brauchte Hilfe. Mit Mühe stemmte mich hoch und dann sahen sie mich.
***
Beinahe hatte ich die Spitze der Anhöhe erreicht. Mich überkam der Drang mich anschleichen zu müssen. Oder zumindest besonders leise zu sein, denn ich wusste nicht was mich erwarten würde.
«Du hättest Dir den Weg sparen können», murmelte er. Ich blieb stehen doch er hatte sich nicht einmal umgedreht während er sein Schwert verstaute. Ich seufzte innerlich.
Linus
Der Einzigartigkeit dieser Wildnis war es kaum anzusehen, wie tödlich sie sein konnte, wenn der Mensch nicht das gefährlichste Lebewesen ist. Unser kleines Camp lag nicht weit von mir entfernt und doch weit genug, dass ich vergessen konnte, dass ich nicht allein war. Die Einsamkeit fiel mir nicht schwer, trotz der langen Gefangenschaft. Ich las einige Steinchen auf, die zu meinen Füßen lagen, hielt sie in meinen schwieligen Händen. Hornhaut vom Tragen der Waffen, doch daran wollte ich nicht denken, also ließ ich die Steine zurück auf den Boden rieseln und sah erneut zu den Bergen in weiter Ferne. Ich begann unruhig zu werden, beinahe ungeduldig. Seit Wochen hatte ich darauf gewartet und nun war es an der Zeit.
Mir war, als würden alle Hintergrundgeräusche leiser werden, als warteten sie mit mir. Die Tiere, Insekten und Reptilien die in Zonen auf dieser Zeitlinie lebten. Wenn das Klima sich änderte, änderte sich nicht nur die Vegetation sondern auch die Lebewesen. Es wurde stiller. Es war etwas besonderes, etwas mächtiges und alle wussten es.
Als es endlich so weit war wurde ich endgültig schwach, einen kurzen Moment, in dem ich an all das dachte, was ich zurück gelassen hatte, was ich einst besaß, was ich liebte und was verloren war. Und dann zeigte er sich endlich. Der Mond, hell und rund leuchtete, strahlend weiss wie eh und je, als hinter den Bergen von Moher, endlich der zweite Mond aufging. Viel größer, blass blau, näher an der Erde. Wie gebannt von seinem Anblick starrte ich in den Nachthimmel, voller Bewunderung und Ehrfurcht. Er erinnerte mich immer wieder an das blaue Armband welches ich einst trug, doch die Erinnerung daran war längst verblasst.
Aber die friedliche Nacht wollte mir keine Ruhe schenken. Konnte mich nicht vergessen lassen, dass seit meiner Flucht achtzehn Monate vergangen waren, die wir immer wieder durchs Land streiften auf der Suche nach neuen Clans um sie zu warnen, um uns zu verbünden, gegen die Gefahr die allmählich drohte.
Seltsamerweise hatten beide Erdtrabanten keine eigenen Namen. Ich dachte daran wie sehr die große blaue Kugel Aenlin gefallen hätte. Aenlin. Selbst wenn ich mit meinem Körper und meinem Verstand auf dieser Zeitlinie angekommen war, hatte mein Herz niemals, keine einzige Sekunde das Mädchen vergessen, welches es über alles liebte. Und noch immer hoffte ich bei jedem Clan, auf den wir stießen, dass ich sie dort finden würde. Welch törichte Hoffnung.
Mein Blick schweifte zurück zum Horizont, wohinter sich die Bergen von Moher befanden, über die ich einst geflohen war. Wochenlang hatte die Flucht gedauert. Moher ist karg. Steinwüste ging in Sandwüste über, dann folgte eine spärliche Vegetation bis am Fuße der Dünen der Wald Tanis begann. Ihr Jagdgebiet.
Meine Gedanken zerstreuten sich und mein Herz verwaiste ein Stückchen mehr.
Es war nur ein kurzes Rascheln hinter mir, weshalb ich mein Kurzschwert zog und bereits auf den Füßen war eh ich überhaupt etwas erkennen konnte.
Und dann sah ich Thomas ehe er mich sehen konnte, also drehte ich mich wieder weg. Seine finstere Miene war mir jedoch nicht entgangen.
«Du hättest Dir den Weg sparen können», brummte ich, ließ das Schwert sinken und steckte es zurück in die Scheide. «Ich war fast fertig hier».
«Darum geht es nicht», antwortete er knapp. «Du machst das jedes Mal wenn der zweite Mond aufgeht. Das ist ok.»
Mir war bewusst mit welch finsterem Gesichtsausdruck ich ihn ebenfalls bedachte, doch er zuckte nur mit den Schultern als er in mein Sichtfeld trat. Doch anstatt etwas zu sagen, hockte er sich auf die Felsen.
«Ich weiss nicht wie lange wir das noch machen», fing er schließlich an. «Durch die Gegend ziehen, Clans suchen, sie warnen und zum Kampf zu rüsten und darauf zu hoffen, dass die menschliche Rassen nicht völlig ausgerottet wird.»
«Klar», entgegnete ich schroff und schaute kurz zu Thomas rüber. Obwohl ich nicht wirklich nett war, war er mein engster Verbündeter, seit achtzehn Monaten. Seitdem sein Clan mich gefunden hatte.
«Scheiße, was würde ich jetzt für eine Kippe geben», stöhnte er. «Nur ein Zug.» Ich musste unweigerlich grinsen. Thomas bemerkte das und sein Ausdruck wurde weicher.
«Du bist wie mein Bruder Linus, den einen den ich nie hatte und ich würde immer noch alles für Dich tun -»
«Ich weiss», schnitt ich ihm das Wort ab.
«Und deshalb weiss ich auch warum Du das hier machst.» Er stand auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich sah zu ihm hoch und die Sorge wuchs in ihm. «Aber Du musst vorsichtig sein. Die wagen sich immer weiter ins Land. Nicht mehr lange und wir werden Ihnen auch hier begegnen.»
Ich schwieg, doch ich fühlte mich ziemlich sicher mit dem Schwert zu meiner linken und einer Axt zu meiner rechten Seite. Wie weitere Arme betrachtete ich sie und tatsächlich fühlten sie sich ein bisschen wie ein Teil meines Körpers an. Ich schüttelte unmerklich den Kopf, ich wusste noch wie albern das schien.
«Ich meine nicht nur die Waffen.» Thomas machte eine kurze Pause und holte tief Luft. «Ich weiss, dass Du noch immer nach ihr suchst. Wir alle wissen es», sagte er und machte eine kleine Armbewegung hinter sich.
Mein Kopf schwang wieder nach oben und ich blickte ihn wütend an. Die Wut kam so schnell, so kochend. Ich stand langsam auf um über ihm zu stehen, meinen Körper angespannt.
«Es gab keinen Leichnam. Ich bin zurück gegangen zu der Stelle in der Wüste und über Moher. Sie war nicht dort», presste ich zwischen den Zähnen hervor.
Thomas nickte.
«Weder sie noch das Pferd. Glaub mir, ich kann mich noch sehr gut an das Pferd erinnern und die zwei Wochen die Du fort warst weil Du zurück gehen musstest. Wenn sie noch lebt, wenn sie ein Clan gefunden und aufgenommen hat, dann werden wir früher oder später auf diesen stoßen. Aber bis dahin-», doch ich ließ ihn nicht ausreden.
«Bis dahin tun wir wieder was wir müssen um unser Überleben zu sichern. Du rennst offene Türen ein Thomas. Wir sind so weit gekommen und wir leben noch, ich gebe nicht mehr auf. Ja, ich suche nach ihr! Ich suche nach ihr und ich werde nicht damit aufhören bis ich sie finde oder mir jemand sagen kann wo sie begraben liegt. Denn sie ist meine Hoffnung, der Grund weshalb ich mich nicht selbst aufgegeben habe.» Er nickte.
«Es war nichts mehr übrig. Ich wäre beinahe verreckt in dieser Höhle.» Mit jedem Wort wurde meine Stimme lauter. «Und vorher wäre ich fast wahnsinnig geworden», fuhr ich ihn an. Es war das erste Mal, dass ich überhaupt darüber sprach. «Zur Hölle mit der Welt», brüllte ich in die Nacht hinaus. «Zur Hölle mit dieser Zeitlinie»
Thomas sah mich schweigend an, denn er würde es nicht verstehen.
Thomas
Mir wurde flau. Das erste Mal gab Linus etwas von dem Preis was er in den ersten Wochen erlebt hatte.
Als mich der Clan Rondur fand, war erst ein Tag nach dem Zeitliniensprung vergangen. Ich hatte verdammtes Glück, dass sie meinen Arsch retteten bevor die Iat und Rha mich fanden. Mir ist völlig schleierhaft wie Linus zweiunddreißig Tage in deren Gefangenschaft überleben konnte. Immer wieder suchten wir die Umgebung ab, doch wir fanden weder ihn noch Aenlin. Beide waren wie vom Erdboden verschluckt. Das Mädchen hatte ich schneller abgeschrieben, was Linus aber niemals erfahren durfte. Doch nach ihm suchten wir wochenlang, auch noch als ich selbst die Hoffnung auf ihn allmählich verloren hatte. Doch wenn es einer überlegt hätte, dann Linus. Ich wollte all die Vorschusslorbeeren in ihn investieren. Glaubte daran. So bettelte ich jedes Mal erneut die Ältesten an.
«Er ist hier irgendwo, da bin ich sicher», versuchte ich die Älteren zu beschwören und rang meine verbundenen Hände. «Wir sind zusammen um die Welt gereist», schwindelte ich das nächste Mal, als die Verände schon dünner waren. «Er ist mein bester Freund», erklärte ich ein weiteres Mal, als ich nur noch lederne Schoner trug um die neue Haut zu schützen.
Mit drei Freiwilligen durfte ich die Suche antreten und wiederholen.Drei war wenig, aber besser als nichts.
Mit einem flüchtigen Blick auf meine rechte Handinnenfläche. Die vernarbten Stellen glänzten in dem Mondlicht und holen mich in jene Nach zurück.
«Es ist nicht so übel hier. Ich meine, wenn wir einen Krieg verhindern können», versuchte ich mein Glück.
«Es geht doch gar nicht um den Krieg, ob er kommt oder nicht. Ich wünschte Du warst nicht hier. Niemand wäre das», sagte Linus und wandte sich ab. Ich war mir nicht sicher ob ich richtig verstanden hatte. Ich stand auf und breitete die Arme aus.
«Darum geht es?», fragte ich ungläubig. «Du machst Dir noch immer Vorwürfe?» rief ich lauter als beabsichtigt.
«Es ist mein Schuld!», zischte er mir entgegen, als er sich zu mir umdrehte. «Das alles hier! Ohne mich wärst Du nicht hier.»
