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Eine sensationelle Entdeckung überrollt die Menschheit! Die NASA fliegt mit einer Sonde in den Asteroidengürtel und entdeckt eine gigantische Pyramide. Wie kommt diese dorthin? Die schottischen Freunde Tom und Frank gehören zusammen mit ihren Kollegen eines auf altertümliche Sprachen spezialisierten Teams zu einer grossen Weltraum-Mission. Das Training ist hart, aber erfolgreich. Die Astronauten und Wissenschaftler verschiedener Raumfahrtnationen starten einen 60-tägigen Flug ins Ungewisse Was wird sie bei der Pyramide erwarten? Sie finden einen Weg ins Innere des Pyramidenraumschiffs und treffen auf Humanoiden. Sind es Ausserirdische? Sind sie freundlich oder feindlich gesinnt? Tom und seine Freunde erleben eine fantastische Reise durch die Galaxie. Aber was führen diese Wesen tatsächlich im Schilde? Auf dem Rückflug geschieht etwas furchtbares. Werden die Astronauten überleben? Kommt Tom wieder auf die Erde? Kann jemand die Katastrophe auf der Erde stoppen?
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Seitenzahl: 504
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Platon II
Der Neuanfang
Der Auftrag
Der Raumflug
Die Vorbereitungen
Die Mission
Flug ins Ungewisse
20 Tage
Nag Aton Mathem
Das erste Rätsel
Wo ist die Pyramide
Das zweite Rätsel
Ein Evolutionssprung
Die Fremden
Nem Elena Neferati
Die Galaxie
Die Reaktivierung
Das Unglück
Durch Raum und Zeit
Verdammtes Warten
Vergebliche Rettung
Das Unglück
Alleine
29.10.2016 – 31.10.2016
Sind sie alle bereit?“, fragte der Mission Commander die vor ihm sitzenden Mitarbeiter.
„Go, für den Satellitenkontakt“, sprach der Erste.
„Go, für den Datenstream“, sagte der Zweite.
„Go, fürs Backup“, rief der Dritte.
„Und Go fürs Bild.“
Alle schauten gespannt auf den an der Wand hängenden, übergroßen Monitor. An mindestens zwanzig Terminals hörte man das gleiche monotone Klappern der Tastaturen. Jedem der anwesenden NASA-Mitarbeiter sah man die Anspannung im Gesicht an. Über ein Jahr war nun vergangen, seit man den aus drei Teilen bestehenden Satelliten Platon II auf die Reise geschickt hatte. Im Asteroidengürtel, etwa 172 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, wurde vor fünf Jahren mit einem amerikanischen Infrarotteleskop die eigenartige Konstellation einer Gruppe kleinerer Asteroiden entdeckt. Die Größen der einzelnen Steinbrocken lagen zwischen 20 × 15 und 121 × 47 Kilometern. Einige drehten sich um ihre eigene Achse, andere lagen ohne eigene Rotation starr in ihrer Umlaufbahn um die Sonne. Da sie nur wenige hundert Kilometer voneinander entfernt waren, hatte man sowohl bei der NASA als auch bei der ESA immer angenommen, es handele sich um einen massiven Asteroiden. Jetzt, mit Hilfe des neuen Weltraumteleskops Calypso, bekam man zum ersten Mal alle Einzelheiten zu sehen. Beide Institutionen waren mehr als neugierig geworden und planten gemeinsam das Projekt ‚Platon‘.
Der erste Satellit, der bereits vor zwei Jahren gestartet worden war, verlor bereits nach drei Wochen den Kontakt mit der Erde und flog nun in den Weiten des Weltraums umher. Platon II war da weitaus zuverlässiger und verrichtete seine Arbeit bis zum heutigen Tag zur vollsten Zufriedenheit des Entwicklungsteams. Ingenieure sowie Physiker und Wissenschaftler standen in den Gängen des NASA-Kontrollzentrums in Houston, Texas, und schauten, wie alle Techniker, gespannt auf den großen Monitor.
Da hob einer der NASA-Mitarbeiter den Arm und sprach in sein Headset: „Wir haben Kontakt zur Sonde.“
Die Daten kamen in einem Livestream direkt auf den Server und wurden von einem Rechner sofort als sichtbare Bilder auf dem Monitor umgewandelt. Steigende Spannung und Nervosität waren im Verhalten der Mitarbeiter spürbar, als der Frontmonitor flackerte und endlich die ersten Bilder erschienen. Jubel brandete auf und die Hand von Dr. Brad Miller, dem Chef des Entwicklungsteams, wurde geschüttelt. David McBell, Mission Commander bei der NASA, fiel sichtlich ein Stein vom Herzen und er zog erleichtert sein Basecap ab. Zum ersten Mal in der Geschichte der NASA wurden keine Einzelbilder, sondern ein kompletter HD-Film mit einer Zeitverzögerung von weniger als zehn Minuten abgespielt. Auf dem Satelliten, der ja aus drei Einzelsatelliten bestand, waren sieben Einzelbild-Digitalkameras und drei HD-Videokameras montiert worden. Die anderen beiden Satelliten, die Huckepack mitflogen, sollten sich später von der Hauptsonde trennen.
Platon II war in diesem Augenblick dabei, den ersten Asteroiden zu passieren. Man konnte seine Struktur und die Kraterlandschaft detailgenau erkennen. Was die Ingenieure hier geleistet hatten, war enorm. Die Auflösung, welche sonst nur das Hochleistungsteleskop Herschel aus unserer Erdumlaufbahn erreichte, wurde hier um ein Vielfaches übertroffen. Filmaufnahmen aus nächster Nähe des Asteroiden wurden gezeigt, als ob man nur wenige Kilometer von ihm entfernt wäre. Gespannt schauten über einhundert Augenpaare auf das riesige Display. Vor uns beobachteten wir, wie die Kamera langsam vom Asteroiden wegschwenkte und auf drei weitere kleinere Asteroiden zeigte, auf die der Satellit zuflog. An den jeweiligen Arbeitsplätzen wurde hektisch gearbeitet. Die Daten wurden geprüft, es wurde nachgerechnet und Datensicherungen wurden durchgeführt. Parallel gab es ein Team, welches das Filmmaterial in Einzelbildern speichern sollte. Diese wurden dann zur genauen Analyse automatisch vergrößert. Man wollte auf den Bildern jedes Detail erkennen können. Eine letzte Sequenz zeigte einen Blick auf die weit entfernte Sonne, und damit endete die erste Übertragung. Erneut wurde applaudiert und gratuliert. Man sah nach langer Zeit wieder fröhliche und erleichterte Gesichter. Die enorme Anspannung hatte sich endgültig gelegt.
Einer der hauseigenen Reporter kam auf Dr. Brad Miller zu und fragte: „Dr. Miller, darf ich Ihnen einige Fragen stellen?“
„Aber natürlich“, antwortete Miller mit einem Lächeln auf seinen Lippen.
Der Wissenschaftler, der die 60 Jahre gerade überschritt, hatte sich in den letzten zehn Jahren durch sein fundiertes Wissen zu einem der gefragtesten NASA-Mitarbeiter weiterentwickelt. Nachdem das Projekt sehr erfolgreich verlaufen war, wollte er es sich nicht nehmen lassen, den Erfolg auch anderen NASA-Abteilungen zu zeigen.
„Wollen wir uns vielleicht dort an die Seite stellen? Dann brauchen wir wegen der Geräuschkulisse nicht so laut zu sprechen.“
„Gerne, Dr. Miller“, antwortete der Reporter. „Soeben konnten wir in dieser Direktübertragung die bisher beeindruckendsten Filmaufnahmen der NASA betrachten. Was erhoffen sie sich von den Analysen der zwölf Asteroiden? Immerhin sind ja in den letzten Jahrzehnten immer wieder Sonden zum Mars und zu verschiedenen Asteroiden geflogen und haben diese untersucht.“
„Ja, das ist eine berechtigte Frage. Für uns war das Projekt deswegen sehr interessant, da die Asteroiden seit ihrer Entdeckung immer in derselben Konstellation stehen und sich nicht verändern. Normalerweise lägen Asteroiden auch nicht so nahe beieinander, sondern befänden sich meist tausende Kilometer voneinander entfernt. Doch diese sonderbare Formation ist einer der Gründe, warum dieses Projekt gestartet wurde.“
„Gehe ich richtig in der Annahme, dass dieser Erfolg auch wichtig für das Image und folgend für das Budget der NASA ist?“
„Natürlich ist dieser Erfolg für uns notwendig. Wir bei der NASA arbeiten schließlich nur erfolgsorientiert. Vergleichen Sie mal die enorme Summe an Geldern, die an das Verteidigungsministerium und das Pentagon fließen, im Gegensatz zum vergleichsweisen geringen Betrag, den die NASA erhält. Für unser Land sind Kriege immer noch wichtiger als die Wissenschaft“, sprach Miller und versuchte, zu lächeln.
„Da gebe ich Ihnen natürlich recht, Dr. Miller. Diesen Anschein könnte man natürlich bekommen. Es ist das Gerücht aufgekommen, dass die vor drei Jahren in der Sahara entdeckten 12 grauen Pyramiden untereinander im gleichen Verhältnis stehen wie die Erde zu den Asteroiden.“
„Dies ist natürlich zurzeit noch reine Spekulation und wird von unseren Wissenschaftlern intensiv geprüft.“
„Eine letzte Frage noch, Dr. Miller.“
„Hat die Untersuchung der 12 Asteroiden etwas mit dem Verschwinden des Softwareentwicklers zu tun, der zehn Jahre später wieder unter mysteriösen Umständen aufgetaucht ist und nach unseren Informationen durch einen Zeitsprung aus der Epoche der Pharaonen kam?“
Dr. Miller bekam große Augen und antwortete nur knapp. „Für uns war das nur eine Geschichte, nicht mehr. Wir haben diese nicht weiterverfolgt. Unser Interesse liegt an der Erforschung unserer Zukunft und nicht in der Überprüfung seltsamer Erzählungen.“
„Danke für das freundliche und informative Interview, Dr. Miller“, sagte der Reporter und Dr. Miller lief zurück in Richtung seiner Mitarbeiter.
Dr. Miller winkte Rolf Marten, einem der fähigsten Astrophysiker, zu und gab ihm durch ein kurzes Zeichen zu verstehen, dass er gleich bei ihm sein würde.
Der nächste Datenstream wurde übertragen und die Bilder landeten auf dem Monitor. Jeder schaute erneut gespannt nach vorn, um zuerst alle Details sehen zu können.
„Was gibt es, Brad?“, fragte Rolf Marten.
„Rolf, wir haben die Absicht, uns am Montagmorgen zu treffen, um die Auswertungen aus den Filmen zu besprechen. Ich denke, du möchtest auch dabei sein, oder?“, fragte Brad Miller.
„Ja, natürlich komme ich. Wann ist denn das Meeting? Ich frage nur, weil es sein kann, dass ich eventuell später komme. Ich wollte zuvor noch ein Telefonat mit meinem Freund Robert Manningfield in Edinburgh führen“, sagte Rolf.
„Okay, dann hoffe ich, dass du es zeitlich schaffst. Richte deiner Familie Grüße von mir aus“, antwortete Brad.
„Mache ich. Du, ich muss wieder rüber zu Francis. Sie wollte mir noch etwas auf ihrem Bildschirm zeigen“, sagte Rolf Marten.
„Ist kein Problem. Bis am Montag“, antwortete Brad Miller.
Dr. Marten lief rasch durch den schmalen Mittelgang zwischen den jeweiligen Arbeitsplätzen zu Francis Bumgartner, einer 25-jährigen strebsamen jungen NASA-Mitarbeiterin. Sie hatte eine steile Karriere begonnen und war bereits jetzt schon kurz vor ihrer Promotion in Astrophysik und Raumfahrttechnik.
Sie schaute über ihren Brillenrand und meinte: „Dr. Marten, mir ist da im Filmablauf etwas Seltsames aufgefallen. Sie sollten sich das einmal anschauen. Vielleicht täusche ich mich ja auch. Ich denke aber, man sollte der Sache sofort nachgehen.“
Rolf Marten, der sehr viel von Francis ’Arbeit und ihrem Blick für spezielle Details hielt, schaute sie interessiert an und sagte: „Legen Sie los, Francis. Was ist ihnen denn aufgefallen?
„Schauen sie sich diese kurze Filmsequenz mal in Slowmotion an, Rolf.“, sagte Francis.
Man sah, wie die Kamera des Satelliten langsam vom Asteroiden aus nach rechts schwenkte und dann den Weltraum und drei weitere Asteroiden aufzeichnete.
„Jetzt! Haben sie es gesehen? Dort blitzt etwas auf“, sagte sie aufgeregt und ließ die Sequenz in einer Schleife weiterlaufen.
Dr. Marten, der sich inzwischen einen Stuhl geholt hatte, schaute sich den Filmausschnitt mehrmals an.
„Das ist in der Tat sehr ungewöhnlich. Haben sie alle natürlichen Quellen ausschalten können?“, fragte er interessiert nach.
„Ja. Ich habe sogar überprüft, ob mit dem Objektiv alles in Ordnung war. Dabei kam ich auf die Idee, die Einzelbilder der Digitalkamera, die parallel in Zehn-Sekunden-Abständen geschossen werden, genauer zu prüfen. Da die Platon II bereits weitergeflogen ist und die nächsten Filmaufnahmen erst in 20 Minuten kommen, konnte ich noch keine weiteren Auswertungen machen.“
„Hat denn auch die Kamera diese Blitze auf den Bildern festhalten können?“, fragte Rolf Marten.
„Das kann ich Ihnen im Moment noch nicht sagen, da noch nicht alle Bilder vorliegen. Aber ich fand rechts auf diesem Bild einen dunklen Schatten neben diesem Asteroiden“, erzählte Francis.
„Einen Schatten?“, fragte Rolf Marten aufgeregt.
„Ja, hier ist eine viereckige Fläche“, korrigierte Francis.
„Wie? In einer eckigen Form und das im All?“ Rolf Marten runzelte kurz die Stirn und sagte dann: „Sprechen Sie bitte im Moment noch mit keinem darüber und fahren Sie mit Ihren Analysen fort. Bringen Sie bitte alle Ergebnisse am Montagmorgen zur Sitzung mit. Vielleicht verbirgt sich hier eine tiefere Bedeutung. Ihr Feingefühl hat sie selten betrogen“, sagte Dr. Marten.
Francis Baumgartner lächelte etwas verlegen und nickte zustimmend. „Mache ich, Rolf. Vielen Dank, dass sie sich die Zeit genommen haben“, sagte sie und fuhr mit ihrer Arbeit fort.
Dr. Marten ging derweil in Gedanken versunken zum Mission Director, um die weiteren Schritte zu besprechen. David McBell, der Mission Commander, und Brad Miller standen zusammen und schauten gespannt auf den Monitor, wo demnächst die bereits dritte Filmsequenz eintreffen sollte.
„Wann werden die beiden Satelliten abgekoppelt?“, fragte Rolf Marten.
Mr. McBell hatte die Antwort sofort parat. „In etwa 30 Minuten erfolgt ein kurzer Bremsvorgang. Anschließend schwenkt Platon II durch eine programminterne Korrektur in die Umlaufbahn des größten der zwölf Asteroiden ein. Die anderen beiden Satelliten werden dann nacheinander innerhalb von etwa drei Stunden abgekoppelt. Mit Glück landen beide unversehrt auf zwei unterschiedlichen Asteroiden.“
Rolf Marten grinste und sagte: „McBell, Sie sind besser als so mancher Computer. Danke für Ihre detaillierten Ausführungen. Wir müssten dann dank der Satelliten eine Rundumsicht des Gesamtkomplexes bekommen, oder?“
„Ja, das ist korrekt. Wir haben dann den ganzen Bereich im Sichtfeld. Benötigen sie noch weitere Informationen?“, hakte McBell nach.
„Nein, nein. Das reicht mir vollkommen. Ich habe in letzter Zeit so viel um die Ohren, dass ich mir nicht alle Schritte der einzelnen Missionen merken kann. Wollen sie auch noch einen Kaffee, Dr. Miller? Dann bringe ich ihnen einen mit“, sagte Dr. Marten.
„Lassen Sie mal, Rolf. Ich bleibe nur noch eine halbe Stunde und fahre dann nach Hause“, sagte Dr. Miller.
„In Ordnung. Dann werde ich mal zu den Kollegen gehen, um zu schauen, was die Datenauswertung der Bilder macht. Wir sehen uns dann am Montag früh beim Meeting.“
Die beiden trennten sich und gingen wieder ihrer Arbeit nach. Auf dem großen Monitor, der wie immer in drei Fenster aufgeteilt war, wurden die nächsten Filmsequenzen eingespielt. So wiederholte sich der Ablauf bis tief in die Nacht. Nur ein kleiner Teil der Mitarbeiter durfte nach 18 Stunden Arbeit gegen Mitternacht nach Hause. Der größte Teil der Nachtschicht überwachte den weiteren Ablauf der Mission und wertete die Bilder aus.
Nach einem heißen Wochenende in Houston trafen alle, gezeichnet und müde von den letzten Ereignissen, im Kontrollzentrum ein. Dr. Miller war wie immer der Erste und wartete nervös im großen Meetingraum auf seine Mitarbeiter. Francis Baumgartner, bepackt mit einem Stapel Papier und Bildern, betrat als Zweite den mit einem langen dunklen Holztisch und zwanzig hellen Stühlen eingerichteten Raum.
„Guten Morgen, Sir“, begrüßte sie ihren Chef.
Brad Miller schmunzelte.
„Guten Morgen, Francis. Haben sie alles dabei?“, fragte er neugierig.
„Oh ja, Brad, und ich habe erstaunliche Resultate. Ich bin die Unterlagen und alle Ergebnisse vorhin nochmals mit Mike Borma durchgegangen. Auch er hat interessante Ausführungen zu bieten.“
Sie stoppte mit ihren Ausführungen, denn weitere Teamkollegen kamen in den Raum und platzierten sich an dem Tisch. Miller schaute überrascht, als Rolf Marten den Raum betrat.
„Rolf, ich dachte, du kommst etwas später zum Meeting“, sagte er verwundert.
Rolf Marten lachte und sagte: „Ich möchte mir erst einmal die weiteren Ergebnisse von Francis anschauen beziehungsweise anhören. Danach habe ich genügend Zeit, um mit Robert Manningfield zu telefonieren.“
Dr. Miller schaute etwas verwirrt, da er den Zusammenhang nicht verstand, fragte aber auch nicht mehr nach. Der Raum füllte sich nach und nach und etwa zehn Minuten später saßen 15 Mitarbeiter des Projektteams „Platon“ gespannt vor einem übergroßen Monitor, der den NASA-Login anzeigte. Brad Miller stand auf und trat vor das Pult, welches mit einem Computer-Pad ausgestattet war.
„Liebe Kollegen des Projektes Platon II, Am letzten Samstag haben wir ein neues Kapitel in der Erforschung unseres Sonnensystems aufgeschlagen. Die Hauptsonde und die beiden Begleitsatelliten, welche erfolgreich abgekoppelt wurden, haben ihre jeweiligen Zielpositionen erreicht. Nun werden die Sonden ihre regulären Tätigkeiten aufnehmen und uns helfen, das Rätsel der Asteroidenkonstellation lösen zu können. Für die weiteren Ausführungen übergebe ich an Mrs. Francis Bumgartner. Sie hat das Wochenende durchgearbeitet und sich die Mühe gemacht, die Filmsequenzen und die Bilder genauer auszuwerten.“
Er ging zurück und begab sich auf seinen Platz. Francis tauschte noch einige Unterlagen mit Mike aus und trat ans Pult. Sie stellte ihre WLAN-Disk auf das Computer-Pad und schaute gespannt in die Runde.
„Liebe Kollegen! Wir haben es tatsächlich geschafft. Die Platon II hat die Asteroidengruppe erreicht und fantastische Videos und Bilder übertragen. Wir alle dürfen uns nach den sehr anstrengenden letzten Wochen wirklich über den Erfolg freuen. Ich denke, da spreche ich ihnen allen aus dem Herzen.“
Es erfolgt ein begeisterter Applaus und Francis hat Mühe, ihre Kollegen wieder zur Ruhe zu bringen.
„Gut“, fuhr sie fort, „ich weiß, dass die meisten von euch noch nicht alle Filmsequenzen sehen konnten. Ebenso haben viele von Ihnen möglicherweise nicht wahrgenommen, dass Mike und ich bei der detaillierten Analyse der Daten etwas Außergewöhnliches entdeckt haben. Wir hatten in weiser Vorahnung ein kleines Programm geschrieben, welches die empfangenen Bilder und Videofiles nach ungewöhnlichen Objekten durchsuchen sollte. Ich werde ihnen nun die jeweiligen Stellen der einzelnen Sequenzen in gekürzter Form abspielen lassen und auf die Besonderheiten hinweisen.“
Es folgte eine gewisse Unruhe unter den Teilnehmern. Viele tuschelten und Francis bat erneut um Ruhe.
„Ich starte nun die erste Sequenz der Liveübertragung vom Samstag. Achten sie bitte bei dem Bild auf den Schatten links unten, sobald die Kamera den ersten Asteroiden im Blickfeld hat.“
Sie hatte die Filmsequenzen in je 15-Sekunden-Files gespeichert und in einer Endlosschleife zusammengesetzt.
„Genau wie für ihr Fachgebiet, werte Kollegen, haben auch wir die Übertragungen genau analysiert. Wie eben erläutert, hatten wir ja ein Programm geschrieben, welches uns Ungereimtheiten auf den Bildern aufzeigen sollte. Dieses Programm hat seine Aufgabe ausgezeichnet erledigt. Ihr werdet es gleich erkennen“, erläuterte Francis.
Die Anwesenden machten große Augen und die ersten Wortmeldungen kamen.
„Bitte warten Sie. Ich beantworte ihre Fragen gerne später“, sagte Francis.
Francis begann mit der ersten Sequenz und sagte: „Schauen Sie jetzt genau hin, ich vergrößere Ihnen den Ausschnitt. Die Sterne im Hintergrund sind plötzlich nicht mehr zu sehen und werden durch irgendetwas verdeckt. Anfangs war uns dies entgangen, aber nachdem wir die Sequenz mehrfach wiederholt hatten, erkannten wir, dass es sich um keinen Film- oder Übertragungsfehler handeln konnte.“
Sie ließ den Film weiterlaufen. Kaum einen Wimpernschlag später erfolgte ein kurzes, aber helles Blitzen am Rand des Asteroiden, welches aussah wie die Reflexion eines metallischen Gegenstandes.
„Konnten sie eben das kurze Blitzen erkennen?“, fragte sie in die Runde.
Alle im Raum nickten und schauten gespannt auf die Projektion. Einige unterhielten sich aufgeregt mit ihrem Nachbarn oder machten Notizen.
„Viel interessanter wird es erst jetzt bei der zweiten Sequenz. Noch sind die zwei anderen Satelliten nicht abgetrennt und Platon II hat den ersten Asteroiden fast umkreist“, erklärte sie.
An dieser Stelle hielt Francis Baumgartner den Film erneut an.
„Sehen Sie das Objekt, welches im Sonnenlicht leuchtet? Es fällt durch die drei kleineren Asteroiden im Hintergrund nicht sonderlich auf. Wir selbst waren zuerst der Überzeugung, es wäre ein vierter Asteroid. Jedoch sahen wir in der Vergrößerung folgendes Bild“, sagte Francis.
Alle starrten nun wie paralysiert auf das Bild im Monitor. Es war kein runder Körper zu sehen, sondern die leuchtende Seite einer Pyramide. Einer der Teilnehmer meldete sich und Francis nickte ihm zu.
„Francis. Es kann sich bei diesem Bild doch nur um eine optische Täuschung oder einen Schwindel handeln. Wie kommt ein geometrischer Körper in den Weltraum? Wenn ich die Maße nur grob überschlage, dann ist dieses Ding mindestens 120 Meter hoch, oder?“, fragte einer der Teilnehmer.
„Entschuldigung, dass ich widerspreche, aber nach unseren Berechnungen wäre die Pyramide über 200 Meter hoch. Wenn Sie erlauben, mache ich mit den nächsten Sequenzen weiter. Diese sind noch verwirrender als alles, was sie sich vorstellen können“, erklärte Francis Bumgartner.
Sie drückte erneut den Startknopf des Medienplayers und sagte: „Diese Bilder sind nun von den anderen beiden Satelliten übertragen worden, nachdem sie sich gestern von Platon II getrennt hatten.“
Francis präsentierte den Teilnehmern zuerst zwei kleine und dann die vergrößerten Ausschnitte einer riesigen Pyramide. Auf einem der Bilder waren sogar die Strukturen der Außenhaut zu erkennen. In einer weiteren Filmsequenz konnte man erkennen, dass es unterhalb der Pyramide eine riesige Vertiefung gab, welche sich im Augenblick keiner erklären konnte.
„Hier können Sie in der Vergrößerung eine der Seitenflächen sehen. Ich denke, jeder erkennt sofort, was auf dieser Pyramide abgebildet ist“, erläuterte sie mit erregter Stimme.
Jetzt konnte man nicht einmal mehr das Atmen ihrer Kollegen hören, so still waren nun alle. Alle Personen richteten ihren Blick auf den Bildschirm und niemand konnte es für wahr halten. Eine überdimensionale Hieroglyphe war auf einer Seite der Pyramide abgebildet. Sie schaltete den Computer wieder aus und wandte sich den Sitzenden zu.
Rolf Marten stand auf und stellte sich neben Francis und sagte: „Ich war mir, als ich hier meinen Job begann, nie im Klaren gewesen, dass ich diesen Satz einmal sagen muss. Aber nach diesen Hinweisen auf den Bildern und Videoaufnahmen müssen wir uns damit abfinden, dass mit dieser Entdeckung die uns bekannte Entstehungsgeschichte der Menschheit neu geschrieben werden muss. Diese Filmaufnahmen werden nach Rücksprache mit Dr. Miller und dem Präsidenten als absolut top secret eingestuft. Ich möchte Sie daher genau auf Ihre unterschriebenen Verpflichtungserklärungen hinweisen. Nichts von dem Gesehenen darf im Moment nach außen dringen. Unser Präsident wird sich seinerseits mit dem UNO-Sicherheitsrat und den Regierungschefs der Weltraumnationen in Verbindung setzen. Wir müssen noch Hunderte Bilder und Videosequenzen überprüfen, um 100 % sicher zu sein, dass es sich nicht doch um eine Täuschung handelt.“
Francis nahm ihre Dokumente und die WLAN-Disk und begab sich wieder auf ihren Platz.
Brad Miller schaute ernst in die Runde und sagte: „Sollten sich unsere Ergebnisse bestätigen, dann wäre das die bahnbrechendste Entdeckung der Menschheit. Deswegen habe ich mir heute Morgen vom Präsidenten vorsorglich das Budget für eine bemannte Mission zu den Asteroiden genehmigen lassen. Wir werden, sollte sich das alles bestätigen, ein neues Projekt starten – das Projekt »Sokrates«.“
Brad wandte sich Rolf Marten zu und sagte leise: „Sag mal, Rolf, gab es da nicht vor einigen Monaten die Geschichte, wo man einen Mann in der Wüste Jordaniens fand, der von fliegenden Pyramiden erzählte?“
Rolf Marten nickte und sagte: „Ja, Brad. Ich kenne diese unglaubliche Story. Deswegen wollte ich mich auch schnellstens mit Robert Manningfield, einem guten Freund, telefonisch in Verbindung setzen.“
„Ich verstehe Rolf“, sagte Brad Miller. Er wandte sich wieder den Teilnehmern zu. „Okay, unsere Aufnahmen werden erst nach eingehender Prüfung freigegeben. Dies dürfte nicht vor Ende November der Fall sein. Wir werden alles tun, um Licht in diese verwirrende Sache zu bringen. Ich rufe Euch nochmals in Erinnerung, dass es sich hierbei um ein absolutes Top-Secret-Thema handelt. Ich schließe damit die Runde und bitte Sie eindringlich, sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren, auch wenn Ihnen nun andere Dinge im Kopf herumschwirren.“
Er bewegte sich langsam an seinen Platz und nahm seine Unterlagen an sich. Noch war weder ihm noch den anderen klar, was man eigentlich entdeckt hatte und wie sich für mich, Tom Berendt, und meine Arbeitskollegen das Leben verändern würde.
04.11.2016 – 09.11.2016
Guten Morgen, Mr. Berendt. Nun, wie fühlen wir uns denn heute?“, sprach mich der Oberarzt des Central Scotland Brain Injury Rehabilitation Center in Wishaw an.
Mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht antwortete ich: „Was für eine Frage, Doktor. Ich freue mich auf Zuhause, meine Frau und vor allem auf meine Arbeit.“
„Denken Sie, die Zeit in unserem Rehabilitation Center hat Ihnen gutgetan?“, fragte der Arzt kritisch nach.
„Also ich bin der Meinung, dass ich das Erlebte in den letzten vier Monaten gut verarbeiten konnte. Durch die Unterstützung ihres Teams bin ich wieder in der Lage, mein Leben und die Arbeit zu meistern“, antwortete ich geschickt.
Der Oberarzt lachte und sagte: „Perfekt gekontert, Mr. Berendt. Ich denke auch, dass Sie wiederhergestellt sind und Ihrer Arbeit voll nachgehen können. Werden Sie denn abgeholt?“
„Ja“, antwortete ich. „Meine Frau müsste gleich mit dem Auto eintreffen.“
„Na, dann wünsche ich Ihnen noch viel Vergnügen beim Packen Ihrer Koffer“, spaßte er. „Die Rechnung senden wir dann direkt an Ihre Krankenversicherung.“
„Ja. Senden Sie diese bitte direkt dorthin. Ich möchte mich damit nicht auch noch beschäftigen müssen“, antworte ich.
Es klopfte bereits an der Tür und Carrie trat ein.
„Darf ich? Oder gibt es noch geheime Absprachen, die Ehefrauen nicht hören dürfen?“, fragte sie.
Der Oberarzt lachte, schüttelte den Kopf und beruhigte Mrs. Berendt: „Nein, nein, machen Sie sich keine Sorgen.“ Nun sind Sie an der Reihe, etwas auf Ihren Mann zu achten.“
„Machen Sie sich keine Sorgen, Doktor. Zu Hause habe ich mir schon ein Halsband mit einer langen Leine besorgt. So kann er nicht mehr abhandenkommen“, sagte Carrie.
Der Arzt verließ lachend das Zimmer und ließ uns allein. Carrie nahm mich in den Arm und küsste mich verliebt, als hätten wir uns erst vor wenigen Wochen kennengelernt.
„Können wir, mein Zeitreisender?“, fragte Carrie.
„Ja, Carrie. Nur raus hier. Sonst werde ich noch so steril wie diese Klinik. Das hält hier ja keiner aus. Wenn ich einmal viel Geld habe, dann schenke ich der Klinik ein paar hundert Liter Farbe, um die Räume aufzupeppen“, antwortete ich.
Carrie lächelte, drängte mich sanft zur Seite und half mir dabei, einen der beiden Koffer fertigzupacken. Nach zehn Minuten waren wir bereit, die Klinik zu verlassen. Wie freute ich mich, endlich wieder in meinem Bett zu schlafen. Die schweren Rollkoffer zogen wir beim Verlassen der Klinik hinter uns her und Carrie strahlte mich immer wieder liebevoll von der Seite an.
Es war für uns beide in den letzten Monaten eine sehr harte Zeit gewesen. Das, was ich erlebt hatte und in dieser Klinik verarbeiten musste, war verrückt und unbegreiflich. Da ich psychisch und physisch am Ende meiner Kräfte war, hatte mir mein Chef, Robert Manningfield, diese Institution empfohlen. Er glaubte, eine Teilschuld auf sich nehmen zu müssen, und wollte mir mit allen Mitteln helfen, schnell wieder auf die Füße zu kommen. Die Ärzte hatten mich vollständig wiederhergestellt, aber auch Carrie und meine Freunde hatten einen großen Anteil daran, dass ich wieder der Alte wurde. Wenn ich mir heute das Erlebte in Erinnerung rufe, so fällt es mir selbst schwer, das alles zu glauben. Zum Glück konnte ich zu jener Zeit mit meinem Mobiltelefon einige bemerkenswerte Fotos aufnehmen. Durch meine Reise in die Vergangenheit und den Sprung zurück waren zehn Jahre vergangen. Endlich hatte ich genügend Zeit, meine inzwischen veraltete SD-Karte auszulesen. Ich war extrem neugierig, welche Bilder was geworden waren und welche Bilder sich tatsächlich noch darauf befanden. Zu Hause wollte ich dies so schnell wie möglich überprüfen.
Ich war bei einem Wüstenmarathon mit meinem Freund Frank durch einen Zeitsturm ins Jahr 3000 v. Chr. katapultiert worden. Das war mein erster Zeitsprung. Dabei stellte ich fest, dass die drei großen Pyramiden von Gizeh nicht von den Ägyptern gebaut worden waren.
Ich erfuhr nach einem weiteren Zeitsprung, dass es die Ägypter selbst waren, die zur Zeit Pharao Thutmosis nach Israel auszogen, und nicht die Hebräer. Auch das Teilen des Schilfmeeres geschah nicht wie im Alten Testament überliefert. Durch die gleichzeitige Explosion der Mittelmeerinsel Santorin war ein Tsunami ausgelöst worden und hatte weite Landstriche Ägyptens zerstört. Daraus entwickelte sich die Überlieferung, dass das Wasser zunächst zurückwich und dann als Flutwelle alle Verfolger vernichtete. Mit einem dritten Zeitsprung landete ich im Jahr 72 n. Chr. und kämpfte an der Seite jüdischer Freiheitskämpfer bei der Schlacht um die Festung Masada. Bei diesem Kampf verlor ich meine heimliche Liebe Elena durch einen tödlichen Pfeilschuss, der sie in den Rücken traf. Ich selbst stürzte, um mich zu verstecken, an der Felswand hinunter. Das Verrückteste an der Geschichte war, dass man mich in einer Höhle in Jordanien wieder ausgrub. Und zwar genau zehn Jahre nach meinem Verschwinden in Ägypten im Jahr 2006. Für mich waren gefühlsmäßig gerade mal zwei Monate vergangen. Archäologen hatten eine 5.000 Jahre alte Karte der gesamten Erde bei Ausgrabungen gefunden. Diese hatte ich selbst für den Pharao Menetho gezeichnet und als Beweis mit arabischer Schrift verziert. Viele meiner Freunde und Kollegen hielten mich anfangs für verrückt. Aber anhand einer Genanalyse hatte man eindeutig feststellen können, dass ich erst 34 Jahre alt war und nicht, wie es in meinem Ausweis steht, 44 Jahre. Carrie hatte damit am meisten zu kämpfen. Sie dachte, sie wäre jetzt zu alt für mich. Aber ich hatte sie davon überzeugen können, dass es mir egal wäre, wie alt sie sei. Sie war meine Frau, die ich liebte, und das allein zählte.
Meine Freunde Frank und Harry unterstützen mich bei allem, was ich tat. Gemeinsam mit meinem neuen Arbeitskollegen Bill halfen sie mir, glaubwürdig zu bleiben. Ob durch persönlichen Zuspruch, damit ich wieder an mich glaubte, oder durch Kommentare zu meiner Geschichte in den Zeitungen, die mich mit Artikeln unglaubwürdig machen wollten. Alle halfen mir, in irgendeiner Form wieder auf die Beine zu kommen. Im Hintergrund agierte mein Chef, Robert Manningfield. Ich konnte jederzeit auf seine Unterstützung vertrauen.
„Tom, kommst du?“, rief Carrie mich. Ich lief zu ihr und wuchtete die schweren Koffer in den Kofferraum des neuen Chryslers. Ich war immer noch fasziniert, wie sich die Technik in den letzten zehn Jahren entwickelt hatte. So fuhr Carrie jetzt eines der weit verbreiteten Elektroautos. Mit einem voll aufgeladenen Akku könnte man bereits eine Strecke von 1.000 Kilometern zurücklegen. Während der Fahrt wurden die Akkus durch einen kleinen Benzinmotor geladen. Mit zehn Litern Benzin konnte der Akku fünfmal aufgeladen werden. Ich machte es mir auf dem Beifahrersitz gemütlich und ließ mich von Carrie nach Hause fahren. Es waren rund 100 Kilometer bis zu unserem Häuschen in Falkland.
Dieses kleine und idyllische Städtchen lag 25 km nördlich von Edinburgh. Da Carrie auf dem Autobahnring um Edinburgh herumfahren musste, waren wir etwas mehr als eine Stunde unterwegs. Es war ein erhebendes Gefühl, als wir die Autobahn verließen, durch das kleine Städtchen fuhren und kurz darauf in die Einfahrt unseres Hauses einbogen. Carrie parkte das Auto direkt vor der Haustür. Voller Vorfreude stieg ich aus dem Auto aus und begann sofort, die Koffer aus dem Chrysler zu holen.
„Langsam, junger Mann. Nicht so stürmisch!“, sagte Carrie lachend.
Ich beeilte mich, ins Haus zu kommen, und freute mich, wieder in gewohnter Umgebung zu sein. Ich packte meinen mit schmutziger Wäsche vollgestopften Koffer aus und legte mich einen Moment aufs Bett. Ich verfolgte an der Decke den durch die Sonnenstrahlen und die Bäume entstandenen Schatten, und das Erlebte kam wieder in mir hoch. Ich spürte plötzlich wieder die Pfeilverletzung am Oberarm und vernahm das Kampfgeschehen bei Masada.
„Tooooom, kommst du?“, rief Carrie.
Carrys Ruf riss mich aus meinem Tagtraum.
„Ja, Carrie, ich komme sofort. Bin gleich bei dir“, antwortete ich.
Ich zog mir bequeme Kleidung an, verstaute die Koffer und ging hinunter.
„Worauf hast du denn Lust?“, fragte sie und lächelte mich an.
„Mmmmmhhh, so ein halbes Rind am Spieß wäre jetzt nicht schlecht“, ärgerte ich sie.
„Tom, ärgere mich nicht“, schimpfte Carrie.
„Gut, dann ganz einfach: Steak und Chips“, lachte ich und nahm sie von hinten in den Arm. Ich küsste sie in den Nacken und hatte Elena schon fast wieder vergessen.
„So komme ich aber nicht zum Kochen“, schimpfte sie.
„Dann lasse ich dich ausnahmsweise mal gehen. Ich wollte ohnehin noch Frank anrufen. Er muss mir noch sagen, wann ich am Montag im Büro erwartet werde. Er will nächste Woche wieder mit mir joggen gehen.“ Ich begab mich ins Wohnzimmer, um das Telefon zu suchen. „Carrie, wo ist denn das Telefon?“, frage ich.
„Das liegt auf der Ablage. Es ist der Ohrstöpsel, den du da siehst. Wir haben drei davon“, sagte Carrie.
Ich schüttelte den Kopf. Verrückt, was sich in der Zeit so alles getan hatte, dachte ich und steckte mir das fingergroße Headset ins Ohr.
„Carrie! Hilfe!“, rief ich. „Wie wähle ich denn jetzt Franks Nummer?“
Ich hörte, wie Carrie in der Küche lachte. „Sag einfach Frank.“
„Frank!“
„Einen Moment bitte. Die Verbindung wird aufgebaut“, hörte ich. Und dann klingelte es auch schon.
„Hey Tom, du Marathonmann. Endlich wieder zu Hause?“, neckte mich Frank.
„Ja, Frank, das bin ich. Und ich schlage mich hier mit den technischen Neuerungen herum. Jetzt musste ich schon nachfragen, wie man telefoniert“, sagte ich,
Ich fing an zu lachen und Frank tat es mir gleich.
„Okay, Frank. Ich wollte mich erkundigen, wann es am Montag losgeht. Carrie hat meinen alten Wagen verkauft. Jetzt muss ich erst einmal mit der Bahn fahren und sollte meine Zeit richtig einteilen“, erklärte ich.
„Ich denke, wenn du zwischen neun und zehn Uhr kommst, kann nichts schiefgehen. Dein Schreibtisch steht bereit und wir alle freuen uns auf dich“, sagte Frank.
Ich merkte es an Franks Stimme, wie erleichtert er war. Lange hatte er sich schwere Vorwürfe gemacht, er hätte damals während des Laufs in meiner Nähe bleiben sollen.“
„Wann laufen wir wieder?“, fragte ich nach.
„Ich schlage Dienstag nach Dienstschluss vor. Zum Einlaufen machen wir zwanzig Runden auf dem Sportplatz. Er ist am Abend beleuchtet. Außerdem soll das Wetter trocken bleiben“, erklärte Frank.
„Gute Idee, Frank. Bis morgen. Bye.“
„Bye, Tom. Und eine große Bitte! Keine Träume mehr“, bat mich Frank.
Ich musste erneut lachen und versprach: „Okay, Frank. Keine Träume mehr!
Frank hatte aufgelegt und ich legte das Mini-Headset zurück auf die Ablage. Zwei Stunden später hatten wir gemütlich gegessen und lagen eng umschlungen auf dem Sofa. Das Holz im Kamin knisterte und nichts auf dieser Welt sollte mein weiteres Leben stören, wünschte ich mir. Ich genoss mein erstes Wochenende zu Hause mit Lesen, Musik hören und dem Ordnen meiner gesamten Unterlagen. Ich hatte sämtliche Ausweise erneuern lassen müssen und einen administrativen Marathon bei den Behörden durchlaufen. Schließlich war ich von den Toten auferstanden.
Am nächsten Abend saß ich mit einer guten Tasse Kaffee auf dem Sofa, als Carrie sich wieder an mich schmiegte. Sie war den ganzen Sonntag sehr still gewesen und hatte mir die erforderliche Ruhe gegönnt.
„Tom, ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich ich bin, dass du wieder bei mir bist. Ich dachte in den letzten zehn Jahren, ich bekäme alleine nichts mehr geregelt“, beichtete sie mir.
Ihr kullerten ein paar Tränen die Wangen hinunter. Ich hatte Carrie seit dem Krankenhausaufenthalt in Masra nicht mehr weinen sehen. Es waren Tränen der Freude und des Glücks.
„Carrie. Du bist und wirst es immer sein: meine große Liebe. Ich habe dich sehr vermisst, während ich weg war. Auch wenn es für mich nur zwei Monate waren. Aber nun bin ich wieder bei dir und werde dich nie mehr verlassen“, sagte ich.
„Versprochen?“, fragte sie mich mit ihren geröteten Augen.
„Versprochen, Carrie“, antwortete ich.
Wir schlossen die Augen und küssten uns. Ich spürte wieder dieses wohlfühlende Kribbeln in mir. Wir saßen noch eine Weile so da und gingen dann müde ins Bett. Das Gefühl, wieder im eigenen Bett zu liegen, war herrlich. Kaum hatte ich mich gerade in Carries Richtung gedreht, war ich schon eingeschlafen. Dass Carrie mich nochmals küsste, spürte ich nicht mehr.
Am nächsten Morgen wurde ich vom Wecker aus dem Schlaf gerissen. Aber ich freute mich auf den alten Trott von früher: aufstehen, duschen, frühstücken, zur Arbeit fahren und arbeiten. Ich hatte, nach meinem Gefühl, fast sechs Monate nicht mehr gearbeitet. Jedoch kam es mir vor, als hätte sich nichts verändert. Gut, ich musste mit der Bahn fahren. Das war für mich als leidenschaftlichen Autofahrer ungewohnt und gewöhnungsbedürftig. Ich war überrascht und entsetzt, wie griesgrämig die Mitmenschen im Regionalzug schauen konnten. Dabei ist doch das Leben so herrlich. Und wie heißt es in einem Sprichwort? Lächle in die Welt und die Welt lächelt dir zurück. Leider funktionierte das im Zug nicht. Ich erntete nur böse Blicke. Gegen 9:15 Uhr erreichte ich die Central Station in Edinburgh und nahm für den restlichen Weg den Bus ins Büro. Das Bürogebäude war komplett saniert worden und ich hätte es fast nicht mehr erkannt. Der Zugang wurde vom Hof zur Vorderseite an die Hauptstraße verlegt. Die Firma hatte jetzt eine Empfangsdame. Hinter ihr war ein Foyer. Die Dame mit dem Namensschild „Mary Wilder“ hatte mich bereits erwartet und begrüßte mich, als ich ihr meinen Namen nannte. Sie übergab mir meine neue Berechtigungskarte und ich bestätigte ihr im Gegenzug den Empfang.
Es gab jetzt Aufzüge und sie meinte nur: „Mr. Berendt, sie wissen, in welchen Stock sie müssen?“
„Ja, Mrs. Wilder, das weiß ich“, sagte ich und grinste.
Ich hielt die Karte vor den Sensor und ging in den Aufzug. Sanft fuhr er mich in den zweiten Stock. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Die Tür öffnete sich. Mein Chef und alle Kollegen standen bereit und begrüßten mich mit einer Jubelorgie. Ich war völlig sprachlos und sehr bewegt. Für alle Anwesenden waren bereits zehn Jahre vergangen, daher wäre es durchaus möglich, dass jemand vergessen worden wäre. Aber dieses Team war einfach unbeschreiblich. Harry kam mir sofort entgegen und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter.
„Schön, dass du wieder bei uns bist. Dein Platz ist vorbereitet und wir sind natürlich alle auf deine ägyptischen Sprachkenntnisse gespannt“, sagte Harry.
„Aha, so ist das also“, sagte ich lachend. „Ihr habt mich nur wegen meiner neu erworbenen Sprachkenntnisse wieder eingestellt.“
Harry schob mich lachend an der klatschenden Meute vorbei in mein Büro. Alles war neu gestaltet worden. Es gab ergonomische Schreibtische, riesige Bildschirme und sogar Pflanzen in den Büros. Ich staunte. Beim letzten Mal sah ich nur alte Holzschreibtische, veraltete Computer und überall lagen irgendwelche alten Dinge herum. Ich erinnerte mich an die schrecklichen Scheiben, durch die man jeden beobachten konnte. Mein Chef, Robert Manningfield, trat hinzu.
„Tom Berendt, es ist wirklich schön, Sie wieder in unserem Team begrüßen zu dürfen. Gehen Sie es langsam an. Machen Sie sich mithilfe Ihrer Kollegen mit den neuen Technologien und den aktuellen Programmen vertraut. In den neuen Übersetzungsprogrammen sind viele Bestandteile Ihrer alten Software enthalten.“
„Vielen Dank, Mr. Manningfield. Ich denke, ich werde mich rasch einarbeiten können. Ich war ja nur einige Monate nicht da“, sagte ich und zwinkerte ihm zu.
Mein Chef nickte mir zu und verschwand in seinem Büro.
„Tom, das ist dein Büro. Du teilst es mit Bill Johansson, den du ja schon kennengelernt hast. Die Aufträge der letzten Jahre waren für uns sehr lukrativ. Deswegen konnten wir uns den Umbau des Gebäudes leisten und es gibt jetzt jedes Jahr sogar einen guten Bonus.“
Ich war sichtlich beeindruckt. So einen Empfang hatte ich wahrlich nicht erwartet. Bill stand lächelnd neben mir und reichte mir seine Hand.
„Mr. Berendt. Es ist mir eine Ehre, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, Sie haben sich gut erholt?“, fragte Bill.
„Das habe ich, Mr. Johansson. Ich bin erleichtert, dass ich keine Ärzte mehr aufsuchen muss. Die können mit der Zeit sehr anstrengend werden. Aber reden wir nicht mehr von Krankenhäusern, sondern lassen Sie uns mit der Arbeit beginnen“, antwortete ich.
„Das liebe ich an dir, Tom“, sagte Harry. „Du kommst sofort auf den Punkt. Ich hole dich gegen 13 Uhr zum Essen ab.“
„Ja, gerne. Freue mich, endlich mal wieder guten Junkfood zu essen“, sagte ich.
Harry drehte sich lachend um und schüttelte beim Herausgehen den Kopf. Ich setzte mich auf meinen neuen ergonomischen Stuhl und fühlte mich wie auf dem Rolls-Royce unter den Stühlen. Es war ein Gefühl, als würde ich vor dem Schreibtisch schweben, so gut saß ich darauf.
Bill Johansson lächelte und warf immer wieder einen Blick in meine Richtung.
„Soll ich Ihnen die ersten Schritte zeigen und das System erklären?“
„Ich möchte es zunächst eigenständig versuchen. So viel wird sich in den letzten Jahren nicht geändert haben, oder? Und nenn mich bitte Tom. Ich komme mir sonst so alt vor“, sagte ich.
„Alles klar, Tom. Aber täusche dich nicht. Das Betriebssystem ist nicht mehr mit dem zu deiner Zeit aktuellen System zu vergleichen. Melde dich, wenn du nicht weiterkommst.“
Vor mir befand sich keine Tastatur mehr, sondern ein riesiges Touchpad. Respektvoll schaute ich es an und suchte den Anschaltknopf.
Bill, der hinter seinem Bildschirm alles mit großer Neugier verfolgte, fragte nach einer Weile: „Kann ich dir vielleicht doch helfen?“
„Um Himmels willen, wie schaltet man heutzutage einen PC an?“, fragte ich verzweifelt.
„Lege einfach deinen Zeigefinger auf die kleine Fläche an der rechten Ecke des Touchpads.“
Der Rechner startete, doch mein Bildschirm blieb schwarz. Stattdessen sah ich auf dem Touchpad die Meldung: „Neuer Mitarbeiter? Bestätigen sie bitte mit „Ja“ oder „Nein“.
Ich tippte schüchtern auf das „Ja“ und die nächsten Meldungen erschienen. Vier Finger meiner rechten Hand wurden gescannt und die Abdrücke gespeichert. Nach Eingabe von persönlichen Daten schaltete sich auch der 30-Zoll-Monitor an. Ich sah gar keine BIOS-Meldungen mehr, sondern ein ultraschnell startendes Windows. Natürlich war die Firma Microsoft treu geblieben. Das letzte Betriebssystem vor meinem Verschwinden war ein Windows XP gewesen. Ich lehnte mich zurück und beobachtete, was für Utilities noch auf diesem PC starteten. Alle Programme hatten sich weiterentwickelt. Die Technik von Hard- und Software war einen wahren Quantensprung weiter. Natürlich hatte ich, auch wenn ich es nicht zugeben wollte, erhebliche Schwierigkeiten, mich in der neuen Ordnerstruktur zurechtzufinden. Auch das neue Mailsystem und die Übersetzungsprogramme musste ich auf der neuen Oberfläche suchen. Das Schlimmste jedoch war, dass alle meine Mails und Adressen verloren gegangen waren. Aber hatte ich da nicht zu viel erwartet? Es waren tatsächlich zehn Jahre vergangen und der Entwicklungsprozess war nicht stehengeblieben.
Der Vormittag verging wie im Flug. Ich erhielt eine Mail von Carrie. Die Mailadresse hatte sie von Frank in Erfahrung gebracht, und sie überraschte mich damit. Sie platzte förmlich vor Neugier, wie es mir am ersten Tag so erginge, und ich berichtete ihr jedes Detail. Am Mittag führten mich meine Kollegen in ein herrliches Restaurant aus. Hier servierte man mir anstelle eines fettigen Burgers die feinsten Spezialitäten. Der Gesichtsausdruck, mit dem ich das bestaunte, belustigte die anderen.
„Wo sind denn nur die Zeiten mit Hot Dogs, Burgern und Chinese Food geblieben?“, jammerte ich.
„Tja, Tom, die Zeiten haben sich geändert. Wir achten jetzt auch bei der Arbeit auf unsere Ernährung“, neckte mich Frank.
„Uns wird aber morgens nicht noch unser Alkoholspiegel gemessen, bevor wir ins Büro kommen?“, fragte ich.
„Nein Tom, keine Sorge“, antwortete Mandy. „Wir sind gegen Alkohol geimpft worden“, und alle fingen an zu lachen.
Es war ein großartiger erster Arbeitstag und ich frage mich heute oft, warum es nicht so hätte weitergehen können. Aber wie immer hat das Schicksal seinen eigenen Willen und lenkt die Geschichte nicht immer so, wie wir es gerne hätten. Entspannt und zufrieden kam ich zu Hause an. Carrie empfing mich und wollte natürlich innerhalb von zehn Minuten den ganzen Nachmittag von mir erzählt bekommen. Beim Abendessen tat ich ihr den Gefallen und berichtete über alle Details. Wie schon in der Nacht zuvor schlief ich in meinem alten Zuhause ausgezeichnet. Keine harten Stein- oder Holzböden, auf denen ich nächtigen musste. Ich hatte mich wieder rasch an den Luxus der heutigen Zeit gewöhnt.
Die obligatorische Begrüßung durch Carries Kussattacken am Morgen genoss ich in vollen Zügen. Ich bin an meinem zweiten Arbeitstag etwas früher aufgestanden, um rechtzeitig im Büro zu sein. Am Abend war das erste Training mit Frank geplant, und ich wollte pünktlich sein. Schon nach dem zweiten Tag bemerkte ich, dass sich die Arbeitsweise bei meiner vorherigen Firma vollständig verändert hatte. Damals war an den Schreibtischen ein reges Kommen und Gehen. Die Arbeit wurde persönlich verteilt und man hielt hier und da ein Schwätzchen. Bekam man früher noch aus den anderen Büros, vor allem aus jenem von Manningfield, jedes Detail mit, so war es jetzt ruhig. Man hörte auf den Gängen nicht einmal mehr das Tippen der Finger auf den Tastaturen.
Die Arbeitsverteilung erfolgte nun ausschließlich elektronisch, und man traf sich nur noch während Pausen oder Besprechungen. Wie bereits am Tag zuvor war die Unterstützung durch meine Kollegen riesengroß. Manchmal war ich extrem motiviert, dann hatte ich wieder Angst, mit der Menge an neuen Informationen nicht hinterherkommen zu können. Ich hatte manchmal das Gefühl, wie ein Anfänger zu sein, obwohl ich bereits mehrere Jahre in diesem Unternehmen tätig war. Mein Chef war heute besonders gut gelaunt, denn er kam mit einem Kuvert an, welches mich fast vom Stuhl warf. Er hatte es doch tatsächlich geschafft, bei der staatlichen Rentenkasse einen Lohnausfall für die letzten zehn Jahre geltend zu machen. Denn jetzt galt ich nicht mehr als tot, sondern nur als „vermisst gewesen“. Damit musste die Versicherung 30 % meines Bruttolohnes weiterbezahlen. Bei 70.000 britischen Pfund pro Jahr, ohne Boni und Zulagen, entschädigte mich die Versicherung jeden Monat mit 1.750 Pfund. Der Betrag wurde natürlich auf 120 Monate hochgerechnet. Ich zog langsam den Scheck aus dem Briefumschlag und las: 210.000 Pfund.
Bill schaute mit großen Augen zu mir und meinte: „Die Farbe deines neuen Wagens darf aber ich auswählen, oder?“
„Oh mein Gott“, sagte ich nur, und mein Chef strahlte über beide Wangen.
„Na, Tom. Das ist doch ein guter Anfang“, sagte Mr. Manningfield.
„Oh ja. Das ist es. Carrie wird sicherlich überrascht sein. Mit dem Geld können wir nächstes Jahr einen schönen Urlaub machen. Natürlich erst, wenn ich mein neues Auto vor der Tür stehen habe“, träumte ich.
Carrie war völlig aus dem Häuschen, als ich ihr daheim den Brief zeigte. Sie fing gleich an zu planen und war bei ihren Onlinebestellungen nicht mehr zu stoppen.
„Du wirst sicher gleich mit Frank beim Laufen besprechen, welche Autohäuser ihr euch morgen anschaut. Oder liege ich da falsch?“, ärgerte Carrie mich.
„Auf jeden Fall werden wir das tun. Schließlich hat sich die Technik der Autos in den letzten Jahren sehr verändert. Ich muss mir das erst einmal alles genau anschauen.“
Ich ging nach oben, um mich fürs Laufen umzuziehen, und stand zehn Minuten später unten im Flur. Gerade als ich dabei war, meine Schuhe zu binden, läutete es an der Tür.
„Pünktlich wie eh und je“, begrüßte ich Frank.
„Und? Bist du fit genug, um mich zu schlagen?“, fragte er mich.
Frank forderte mich wie früher heraus.
„Hey, denk daran. Du bist zehn Jahre älter geworden, ich nur zwei Monate.“
Frank lachte und meinte: „Du musst mir nachher noch einmal erzählen, wie du das angestellt hast.“
„Bis später, Carrie“, rief ich, doch sie war schon im Garten verschwunden.
Wir fuhren mit dem Fahrzeug von Frank die kurze Distanz zum Sportzentrum. Auf dem Weg zur Laufbahn erzählte ich ihm von der Rückzahlung der Versicherung. Frank machte große Augen.
„In welches Autohaus gehen wir zuerst? Du musst einige der neuen Modelle probefahren und mich mitnehmen“, bettelte Frank.
„Ich wusste, dass du nicht widerstehen kannst. Das machen wir auf jeden Fall in den nächsten Tagen“, versprach ich.
Wir begannen, unsere Runden zu drehen, und es war fast wieder wie in alten Zeiten. Frank war merklich langsamer geworden und schnaufte immer noch, als wir zurück zum Wagen gingen.
„Oh Mann, Tom. Du läufst echt gut“, sagte Frank.
„In der Reha-Klinik konnte ich zum Glück immer ein wenig joggen gehen“, erzählte ich.
Am Auto angekommen tranken wir etwas, trockneten uns ab und fuhren wieder zurück.
Carrie empfing uns mit einem feinen Abendessen: „Frank, hättest du Lust, heute Abend …“ Und schon flog Frank regelrecht an den Esstisch.
Es wurde ein unterhaltsamer Abend, obwohl Carrie es schade fand, dass Frank Andrea, seine Freundin, nicht mitgebracht hatte.
„Sie ist leider schon zu einer Dessous-Party eingeladen“, erklärte Frank.
„Mensch, Tom, das wäre doch mal was“, meinte Carrie.
„Wie? Du willst eine Dessous-Party machen?“, fragte ich sie überrascht.
„Selbstverständlich … Du kaufst dir ein Auto und ich lade zur passenden Party ein.“
„Cool. Dann laden wir noch Harry und Bill ein. Das wird ein Spaß, wenn sich die Frauen in ihren heißen Dessous auf meinem neuen Wagen räkeln“, lästerte ich.
„Moment, meine Herren. Wer sagt denn, dass ihr überhaupt dabei seid? Diese Party findet natürlich unter Ausschluss aller Männer statt“, sagte Carrie.
„Schaaaade“, kam es aus unserem Munde.
Es war ein fröhlicher Abend und Frank plante mit mir die nächsten Lauftage. Beim Verabschieden drückte mir Frank mein altes Handy in die Hand.
„Hier. Ich habe es für dich verwahrt. Du kannst im Büro morgen die Speicherkarte mit unserem alten Lesegerät auslesen. Vielleicht sind die Bilder noch lesbar“, sagte Frank.
Ich hatte zwar an mein Handy gedacht, nachdem man mich gefunden hatte, wusste aber nicht mehr, wo ich es hingelegt hatte. Zu sehr war ich mit der Therapie beschäftigt und mit dem Verarbeiten dessen, was ich in der Vergangenheit alles erlebt hatte. Er zwinkerte mir zu und ging zu seinem Wagen. Ein kurzes Winken und weg war er. Ich kehrte in die Küche zurück und unterstützte Carrie beim Saubermachen.
„Sag mal, Existiert eigentlich mein altes Notebook noch?“, fragte ich sie, als wir uns ins Wohnzimmer zurückgezogen hatten.
Sie antwortete ernst: „Aber natürlich, Tom.“ Ich brachte es nicht übers Herz, irgendetwas von dir wegzuwerfen. Es liegt seit Jahren in deinem Schreibtisch.“
Ich küsste sie auf die Stirn und sagte: „Dann warte kurz. Ich hole ihn und hoffe, dass das, was ich jetzt vorhabe, klappt. Dann zeige ich dir etwas, was noch kein heute lebender Mensch je zu sehen bekam.“
Ich lief nach oben und holte das alte Notebook samt Ladekabel herunter. Der Akku war schon lange hin und Carrie hatte ihn sicherheitshalber entfernt. Ich schaltete den Rechner ein. Man vernahm ein kurzes Rauschen des Lüfters und das alte Betriebssystem startete auf Anhieb.
„Wow“, sagte Carrie, „der läuft tatsächlich noch.“
„Also, ich bin genauso überrascht wie du. Aber die Qualität des Notebooks hat sich bezahlt gemacht.“ Nach 60 Sekunden war der Computer hochgefahren. Ich kramte mein altes Handy aus der Hosentasche und Carrie bekam große Augen.
„Tom, dein altes Handy. Woher hast du das denn?“, fragte sie ganz aufgeregt.
„Frank hatte es mir vorhin überraschend in die Hand gedrückt. Jetzt will ich unbedingt sehen, ob auf der alten Speicherkarte etwas drauf ist.“
Mein Herz begann wie verrückt zu schlagen, als ich die Karte aus dem Gerät nahm. Carrie war auch aufgeregt und krallte sich mit ihren Fingern in meinen Oberarm.
„Oh mein Gott, Tom. Hoffentlich ist nichts zerstört worden“, fieberte sie.
Ich schob die Karte langsam in das integrierte Lesegerät und wartete darauf, dass das Notebook diese auch erkannte.
„Unable to read the Card“ erschien auf dem Monitor und ich ließ niedergeschlagen den Kopf fallen. Ich nahm die Karte noch mal heraus und pustete das Lesegerät aus. Danach schob ich die Karte erneut in den Schlitz und wartete. Die drei bis vier Sekunden fühlten sich an wie Stunden.
„Sie ist doch noch lesbar“, rief ich, als ich endlich die Karte im Explorer als Laufwerk angezeigt sah. Ich schob den Cursor mit der Maus auf das Symbol und mein Herz klopfte bis zum Hals. Ich drückte die Maustaste.
Das Notebook las tatsächlich die Karte aus.
„53 elements found“, meldete mir der Explorer. Ich klickte auf das erste mit JPEG gekennzeichnete Bild, um die Vorschau zu aktivieren.
„Ohhh, Tom, ich bin völlig aufgeregt“, fieberte Carrie.
„Ja“, jubelte ich, als das erste Bild erschien.
Die ersten 30 Bilder waren Aufnahmen von unserem Lauftraining am Loch Lomond und dem Wüstenlauf in Luxor.
„Mensch Tom, wie jung Frank da noch aussieht. Und was für ein nobles Hotel ihr hattet“, sagte Carrie.
„Nun ja“, sagte ich etwas verlegen. „Das Hotel ‚Winter-Palace ‘war wirklich nicht schlecht gewesen. Eigentlich wollte ich dich damit überraschen und einen Urlaub verbringen.“
Ich klickte weiter und das erste Bild aus der Vergangenheit erschien. Wir sahen die Ägypter, die mich damals in der Wüste fanden. Ich hatte das Foto noch aus sicherer Entfernung geschossen, deshalb waren sie nur klein zu sehen. Man erkannte nur wenige Details. Die nächsten drei Bilder hatte ich damals auf dem Schiff, auf der Fahrt nach Memphis, gemacht.
„Mensch, Tom. Das ist ja fantastisch. Wer ist dieser junge Mann auf diesem Bild?“, fragte Carrie.
Mir traten ein paar Tränen in die Augen und ich sagte: „Das war Achtef. Er brachte mir in einem Schnellkurs von einer Woche die Grundlagen der altägyptischen Sprache bei.“
Alles erschien wieder in meinem Kopf. Ich sah die Bilder und es kam mir vor, als wäre es erst gestern gewesen. Carrie drückte mich und gab mir einen Kuss.
Ich klickte weiter und dann kam das Bild, auf das ich mit Spannung gewartet hatte. Man sah die Umrisse der drei Pyramidenspitzen und den Lichtstrahl, der in den Weltraum leuchtete.
„Tom, was ist denn das?“, fragte sie ganz aufgeregt.
„Das, Carrie, sind die Pyramiden von Gizeh, die es zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch gar nicht hätte geben dürfen.“
„Diese Fotos musst du unbedingt Harry und Frank zeigen. Jetzt wird es keine Zweifel an deiner Geschichte mehr geben. Das ist Beweis genug“, sagte Carrie.
„Glaube mir. Da kommt noch einiges“, antwortete ich ihr und drückte auf die Maustaste.
Am Bildschirm erschien das Foto, das ich auf dem Weg zum Aufzug in Memphis gemacht hatte. Obwohl ich das Foto mehrmals drehen musste, konnten wir deutlich erkennen, dass die Ägypter Glühbirnen und Kenntnisse über die Elektrizität hatten.
„Das ist nicht wahr, Tom, oder?“, fragte Carrie.
„Doch, Carrie. Genauso habe ich es gesehen“, antwortete ich.
Es folgten weitere Bilder aus Memphis, aus dem Zimmer bei Menetho. Auch von der Karte „Dem Auge der Welt“ existierte ein Foto. Auch ein Porträt von Menetho, als er sich mit Minnefrys unterhielt, war dabei.
Dann kamen die Fotos vom Gizeh-Plateau und Carrie wurde total bleich.
„Tom, das ist ja der Hammer. Wenn ich das nicht hier sehen würde, würde es mir schwerfallen, dir zu glauben“, sagte Carrie.
„Da gebe ich dir recht. Ich dachte oft, ich sei in einem Traum“, sagte ich.
Es folgte ein völlig schwarzes Bild und ich erinnerte mich, dass ich es in der Pyramide geschossen hatte, in der ich nach dem zweiten Zeitsprung in der Zeit Moses aufwachte. Ebenso die nächsten Fotos mit Moses, dem Tsunami und den schrecklichen Aufnahmen des Exodus waren in einer bemerkenswerten Qualität. Carrie fing an zu weinen, als sie auf den Aufnahmen sah, wie Hunderte Menschen durch die Welle umkamen.
„Carrie, beruhige dich. Das waren die letzten Bilder. Leider war mein Akku danach leer und ich konnte vom schlimmsten Teil meiner Reise keine Bilder mehr machen“, erklärte ich.
Ich sicherte die Aufnahmen mehrfach in verschiedenen Verzeichnissen und brannte sie auf eine DVD. „Hoffentlich kann der Firmen-PC meine DVD noch lesen?“
„Ich denke nicht, Tom. Auch wenn man heute auf einer DVD-V rund zehn Petabyte speichert, benutzt man sie meist nur noch zur Sicherung von großen Dateien. Heute gibt es WLAN-Sticks, auf denen du 1 bis 300 Terabyte speichern kannst. Das aber können dir deine Kollegen besser erklären“, sagte Carrie.
„Um Himmels willen, Carrie! Was für hohe Zahlen.“
Carrie lachte nur und ich kopierte alle JPEG-Dateien auf einen USB-Stick. Das Notebook fuhr ich wieder herunter und steckte den Stick in die Jackentasche. Wir besorgten uns noch etwas zu trinken und genossen den Rest des Abends. Carrie stellte noch geschätzte tausend Fragen – ihr Wissensdurst war unersättlich.
Am nächsten Morgen, es war Mittwoch, begann mein dritter Arbeitstag. Draußen schüttete es in Strömen und ich schimpfte, dass ich kein Auto hatte und zum Bahnhof laufen musste. hin.
„Morgen gehe ich ein Auto kaufen“, maulte ich vor mich
Carrie gab mir einen Klaps auf meinen Hintern.
„Warte doch bis nächste Woche. Dann wird Ihr Geld von der Versicherung ausgezahlt. Dann kannst du die besten Rabatte bei Barzahlung aushandeln“, sagte sie.
„Du hast ja recht, Carrie. Ich bin einfach zu ungeduldig. Ich finde es mühsam, mich in die vollen Züge zu pressen“, jammerte ich.
Carrie nickte verständnisvoll. Sie kannte mich zu gut und wusste um mein Faible für schöne und schnelle Autos. Nervös schaute ich immer wieder auf die Uhr, um ja nicht den Zug zu verpassen. Das gute Frühstück konnte ich, so aufgeregt wie ich im Moment war, natürlich nicht genießen. Bewaffnet mit einem Regenschirm spurtete ich genervt zum Bahnhof. Carrie hatte mich zum Abschied zärtlich geküsst und mir einen angenehmen Tag gewünscht. Sie wusste genau, wie sie meinen Ärger vertreiben konnte. Gegen 9 Uhr betrat ich das Büro und wie selbstverständlich schaltete ich den Computer ein. Fasziniert schaute ich mir den Bootvorgang an, sofern man das heute noch so nennt. Es dauerte keine zehn Sekunden, da war das System hochgefahren und alle Programme waren online.
„Morgen, Tom“, begrüßte mich mein Arbeitskollege Bill fröhlich und betrat unser Büro.
„Sei gegrüßt, ehrenwerter Bill“, antwortete ich auf Altägyptisch, was ihn völlig begeisterte.
„Du hast eine Mail von Manningfield bekommen. Er hat uns zu einem wichtigen Meeting eingeladen. Ich hatte meine Mail gestern Abend noch gelesen.“
„Oh, danke, Bill. Dann werde ich sie sofort lesen“, sagte ich und fuhr mit der Hand über das Touchpad.
Um 10 Uhr sollten wir uns im Raum 231 einfinden.
Schon damals war mir aufgefallen, dass unser Chef immer dann eine Mail schrieb, wenn sich etwas wirklich Wichtiges ereignet hatte. Das hatte sich auch nach zehn Jahren nicht geändert. Ich überflog seine Mail und schrieb sofort Frank und Harry eine Nachricht, sie sollten in mein Büro kommen. Keine zwei Minuten später standen die beiden bei Bill und mir im Büro mit großen Fragezeichen in den Augen.
„Was gibt es denn, Tom?“, fragte mich Frank und spielte ungeduldig mit seinem Stift in der Hand herum.
„Guten Morgen, lieber Frank“, antwortete ich fordernd. „Haben wir wohl geruht?“
„Ha, ha, ha. Ist ja schon gut, Tom. Was verschafft uns denn die Ehre?“, fragte Frank.
„Ich habe dich und Harry hierher bestellt, weil mir an der Mail von Manningfield etwas aufgefallen ist. Euch nicht?“, sagte Bill
Frank kratzte sich am Kinn, grinste frech und sagte: „Gibt es etwa neue Verschwörungstheorien?“
„Frank, bitte! Unser Chef schickt sehr selten Mails, oder? Wenn er sich aber die Mühe macht, dann muss es sich um etwas wirklich Wichtiges handeln. Und diese Mail schickt er nur an uns vier, also genau an die Kollegen, welche bei der Entdeckung der Höhle in Jordanien beteiligt waren. Ist doch seltsam. Oder täusche ich mich?“, sagte ich.
„Mmhhh, da ist was dran. Ich bin ja schließlich auch schon ein paar Jahre in diesem Laden und kenne die Gewohnheiten von Manningfield. Daher muss ich dir zustimmen“, sagte Bill.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Frank gelangweilt.
„Ich bin überzeugt, wir sollten ihn darauf ansprechen, warum er gerade mit uns zusammensitzen möchte. Deswegen wollte ich mich vorher mit euch treffen“, sagte Harry.
Im Büro herrschte plötzlich Stille, und keiner der Anwesenden wusste, wie er darauf reagieren sollte. Frank durchbrach nach einer Weile die Stille und sagte: „Wir warten einfach mal ab, was er zu sagen hat. Vielleicht hat er ja auch nur einen Tipp für ein neues Restaurant. Oder er hat einen neuen Auftrag, nur für uns.“
Harry fing an zu lachen und meinte: „Ganz ruhig, Frank. Ich schlage vor, wir gehen wieder in unsere Büros und du nimmst deine Medikamente.“
„Ha, ha, ha. OK, Jungs, wir sehen uns später“, sagte Frank.
Die beiden verließen das Zimmer und Bill schaute mich grinsend an.
„War das früher schon so bei euch? So waren die zwei nicht, als du weg warst?“, fragte er.
„Das kann ich mir vorstellen, Bill. Aber glaube mir, es geht ab und zu auch normal bei uns zu“, sagte ich.
Bill fuhr sich durch die Haare und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit. Ab und zu kam ein Lächeln über seine Lippen.
Der Vormittag verflog im Nu und ich kam immer besser mit dem System zurecht. Meine Fotos hatte ich bereits in ein geschütztes Verzeichnis auf dem Server hochgeladen. In einem günstigen und vor allem ruhigen Augenblick wollte ich meinem Kollegen mein Geheimnis zeigen. Doch es sollte ganz anders kommen.
Der Rest meines dritten Arbeitstages verlief völlig normal. Bill half mir so gut er konnte, ohne dabei seine Tätigkeiten zu vernachlässigen. Abends im Zug nickte ich mehrfach ein und verpasste beinahe meine Haltestelle. Ich schaffte es gerade noch, hinauszuspringen, bevor sich die Türen wieder schlossen. Den Rest der Strecke lief ich zu Fuß und erreichte mit strammen Schritten zwanzig Minuten später meine Hauseinfahrt. Noch stand diese leer, aber ich konnte mir mein neues Auto vor dem Haus schon bildlich vorstellen. Spätestens nächste Woche wollte ich mit Frank einen ‚Marathon ‘durch alle Autohäuser machen.
Die Haustür öffnete sich und Carrie, die mich bereits erwartet hatte, sagte verschmitzt: „Na, träumt der Herr schon von seinem neuen Sportwagen?“
„Ja, Schatz, spotte nur. Aber du weißt doch. Wenn ein Mann anfängt zu träumen, dann nur von einem schnellen Auto“, log ich.
Ich gab ihr rasch einen Kuss auf ihre Lippen, noch bevor sie weitersprechen konnte, und wir gingen ins Haus hinein. Nach einem weiteren erholsamen Abend dachte ich beim Schlafengehen nach, was Manningfield wirklich von uns wollte. Spinn ich mir hier irgendeine verrückte Geschichte zusammen, dass etwas Überraschendes passieren würde? Mit Carrie im Arm schlief ich ein und nichts konnte mich in dieser Nacht wecken.
10.11.2016 – 18.11.2016
Am nächsten Morgen schüttete es wie aus Kübeln, als ich hinunter in die Küche kam.
„Oh nein. Jetzt muss ich wieder im Regen zum Bahnhof laufen“, nörgelte ich und nahm mir eine zweite Tasse Kaffee.
Carrie lachte nur und versprach, mich heute zum Bahnhof zu fahren, damit meine schön gestylten Haare nicht nass würden, wie sie es neckisch ausdrückte. Ich genoss diese paar Minuten im warmen Auto. Der nasskalte November hatte uns voll im Griff. Ich hasste diesen Monat, mit seinem schrecklichen Grau. Eine Stunde später betrat ich das Büro und schaltete meinen Computer an. Am vierten Arbeitstag lagen bereits die ersten Projektaufgaben in meinem elektronischen Briefkasten und warteten darauf, erledigt zu werden. Mir war nur eine kurze Eingewöhnungsphase gewährt worden. Der 10-Uhr-Termin mit unserem Chef rückte näher und eine innere Unruhe breitete sich in mir aus. War es ein siebter Sinn oder so? Ich fühlte, dass irgendetwas Unerwartetes passieren würde. Ein animierter Brief flog auf den Bildschirm: eine neue Nachricht.
Bill blickte an seinem Bildschirm vorbei zu mir und meinte: „Tom, das Meeting mit Manningfield wird auf 13 Uhr verschoben.“
„Danke, Bill. Hast du gesehen, er hat die Mail erneut verschlüsselt gesendet?“
„Stimmt, das sehe ich erst jetzt. Warten wir es einfach ab.“
So vergrub ich mich in meiner Arbeit und ließ keine Abschweifungen mehr zu.
Gegen 12 Uhr aßen wir, erneut in dem kleinen Restaurant, in der für mich ungewohnt lockeren Atmosphäre. Mir war klar, dass ich mich an das gute Essen schneller gewöhnen würde, als mir lieb war.
