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Zehn Kinder, im Jahr 2015 geboren, beschreiten ihre möglichen Lebenswelten der kommenden 100 Jahre und werfen die großen Zukunftsfragen unserer Gesellschaft auf: Wie werden wir leben? Wie wollen wir leben? Zwanzig Zukunftsgeschichten begleiten zehn Kinder zu zwei Zeitpunkten ihres Lebens auf sehr nahbare Art und Weise in möglichen Welten ihres Lebens. Sie geben einen ersten Einblick in die laufende Forschung der Langzeitstudie «Die Zukunft deiner Kinder». Dieses international einzigartige Projekt, initiiert durch Europas größtes unabhängiges Zukunftsforschungsinstitut 2b AHEAD ThinkTank, erschließt die Dimension eines Jahrhunderts und ist auf eine kontinuierliche Fortschreibung angelegt. Die Zukunftsgeschichten basieren auf wissenschaftlichem Vorgehen.
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Prolog
2020, Leipzig: Emilia
2024, Aschau: David
2025, Köln: Mira
2033, Lüneburg: Ben
2035, Münster: Leo
2040, Berlin: Mo
2045, Berlin: Emilia
2049, Denver: Smilla
2050, Indischer Ozean: Noëlle
2054, Stuttgart-Karlsruhe: Lilo
2055, Köln, Mira
2060, Zürich: David
2063, Haikou: Mo
2065, Lhasa: Leo
2067, Stennis: Oralie
2075, Frankfurt am Main: Noëlle
2084, Stuttgart-Karlsruhe: Lilo
2101, Heindingsheim: Oralie
2106, Lake Minchumina: Ben
2115, Am Fuße der Dolomiten am Adriastrand: Smilla
Epilog
Glossar
Wissenschaftliches Vorgehen
Auszug Experten
Literaturverzeichnis
Über uns
2b AHEAD Partnerbeirat
Wir möchten Ihnen Zukunft vorstellen, die der nächsten hundert Jahre. Genauer: Die möglichen Zukünfte der nächsten hundert Jahre, in Gestalt von zehn Kindern. Die zehn Kinder haben mehreres gemeinsam: Sie alle sind im Jahr 2015 geboren. Und sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr als hundert Jahre leben. Sie werden eine großartige Zukunft haben. Sie werden lachen und weinen, lernen und lieben. Sie werden fallen und wieder aufstehen, neuen Herausforderungen gegenüberstehen und diese meistern. Sie werden eine Zukunft erleben, die sie für sich selbst und die wir für uns alle gestalten.
In zwanzig Zukunftsgeschichten begleiten wir die zehn Kinder zu zwei Zeitpunkten ihres Lebens, in mögliche Welten ihres Lebens. Damit bieten wir Ihnen einen ersten Einblick in die laufende Forschung der Langzeitstudie „Die Zukunft deiner Kinder“. Dieses international einzigartige Projekt erschließt die Dimension eines Jahrhunderts und ist auf eine kontinuierliche Fortschreibung angelegt: Der 2b AHEAD ThinkTank wird von nun an in jedem Jahr die Zukünfte unserer zehn Kinder weiter erforschen und darlegen, Positionen und Einschätzungen erweitern, überprüfen, verschärfen oder revidieren.
Die Zukunftsgeschichten basieren auf wissenschaftlichem Vorgehen. Wir nutzen die Trendcyclemethode, Delphi-Methode und Szenariotechnik, um unterschiedliche Zukunftsbilder zu entwickeln. Unterschiedlich, da die Zukunft noch nicht geschehen ist, und wir dadurch die Gestaltbarkeit und Vielfalt verdeutlichen. In intensiven Diskussionen mit Experten und Akteuren, die selbst einen prägenden Einfluss auf diese Zukünfte haben, sind sehr viele Kräfte und Faktoren deutlich geworden, die Zukunft in den kommenden hundert Jahren formen werden. Diese haben wir zu Szenarien verdichtet, zu möglichem Erleben unserer zehn Kinder im Laufe ihres Lebens.
Lassen wir uns von der Zukunft erschrecken. Der Schreck als solcher ist der kurze Moment, mit dem unsere Körper auf Unbekanntes und Unerwartetes reagieren. Wir atmen ruckartig ein, zucken zusammen, verhärten den Nacken, schütten Adrenalin aus, manch einer gibt einen Schrei von sich. Ohne dieses Reaktionsmuster hätte sich Homo Sapiens in der Evolution nicht durchsetzen können. Wer sich vor einem hungrigen Löwen in freier Wildbahn erschrecken kann, schärft und fokussiert seine Sinneswahrnehmung, läuft bedeutend schneller. Der Schreck weckt uns und sichert unser Überleben. Er versetzt uns in die Lage, Zugriff auf neue Kräfte in uns zu gewinnen und die eigene Zukunft zu gestalten.
Natürlich: Kaum ein Mensch lässt sich noch in der Savanne vom Löwen erschrecken. Wir haben gelernt, die Entwicklungen in der Savanne vorherzusagen, zu planen und solchen Situationen geschickt aus dem Weg zu gehen. Unser predictive brain erspart uns überraschende Begegnungen mit hungrigen Löwen. Für die zehn Kinder des Jahres 2015 werden freilebende Raubkatzen nicht mehr zu den entscheidenden Herausforderungen gehören. Sie werden anderen Dynamiken und Faktoren begegnen und sie kombinieren müssen. Auch wir, ihre Eltern, Lehrer und Ärzte, Politiker und Unternehmer, Forscher und Manager stehen vor dieser Aufgabe.
Unser Ziel ist es, unser Vorstellungsvermögen über die Zukunft zu erweitern, um uns an möglichen Entwicklungen und Veränderungen zu reiben. Die entwickelten Zukunftsbilder erheben in diesem Sinne keinen Anspruch auf Wahrheit. Sie öffnen uns wertvolle Denkräume, in denen wir uns über Kommendes austauschen und geistig auseinandersetzen können, zukunftsrelevante Fragen erkennen und Handlungsbedarf verstehen.
Viel zu oft, so unser Eindruck als Zukunftsforscher, wenden wir unseren Blick zurück. Gesellschaftlich verfügen wir über geübte Routinen, uns an den Mustern der Vergangenheit zu orientieren. Unser Belohnungssystem ist darauf ausgerichtet, uns zu belohnen, wenn wir Muster erkennen. Wir möchten hierzu die Zukunft ins Gespräch bringen, wollen die Gegenwart von der Zukunft her erschließen und den vermeintlich sicheren Rahmen der Wiederholung verlassen. Wir möchten dazu anregen, neue Muster zu entwickeln und einen aktiven Dialog über unsere Zukunft anstoßen.
Emilia ist fünf Jahre alt. Es ist Montag, der 2. November 2020, kurz vor 6 Uhr. Emilia liegt in ihrem Kinderbett und ist hellwach.
Was bisher geschah:
Virtual- und Augmented-Reality-Spielzeuge sind Alltag im Kinderzimmer. Unter Eltern ist Datenschutz ein präsentes Thema. Unternehmen können sich durch einen transparenten Umgang mit Daten positionieren.
Aufgeregt erwacht Emilia aus ihren Träumen. „Heute kann ich meinem Traumtagebuch viel erzählen“, denkt die Fünfjährige. Ihr Blick wandert nach links an die Wand. Der kleine leuchtende Stern namens Starle, wartet mit freundlichen schwarzen Augen an gewohnter Stelle: „Guten Morgen Emilia!“ Emilia lächelt. Ihr sternförmiges und sprechendes Traumtagebuch Starle ist auch heute der Erste, der sie im neuen Tag begrüßt. Sie schlägt die Decke beiseite, greift nach der schwarzen Weltenbaubrille, setzt sie auf und tippt Starle an. Die Brille aktiviert sich. Starle fragt: „Was hast du heute geträumt? Erzähle und zeig es mir, Emilia.“ Emilia wählt im Menü verschiedene Elemente aus. Es sind vertraute Elemente. Sie kamen schon in ihren früheren Träumen vor: Ein Küchentisch, eine Lampe, zwei Figuren und Flügel. Emilia beginnt, ihren Traum nachzubauen. „Welche Farbe haben die Wände?“ Starle fragt alle Objekte nach Aussehen und Position ab. In der Weltenbaubrille wird das Zimmer aus dem Traum auf dem unteren Ende ihrer Bettdecke sichtbar. Im Traum war Emilias Freundin Lana bei ihr. Beide waren auf den Küchentisch geklettert, mit großen, bunten Federflügeln. Sie hatten die Arme ausgebreitet und waren im Raum umhergesegelt. Fast wie echte Vögel. „Wie schnell seid ihr geflogen?“, fragt Starle. Emilia hebt die Hände in den Sichtbereich der Brille. Sie schiebt die Figuren vom Küchentisch in die Luft und lässt sie kreisen. Fast ist sie fertig und ruft stolz: „Play“. Jetzt kann sie den schönsten Teil ihres Traums bestaunen. Um genau zu sein: Den Teil, an den sie sich am besten erinnert. Auf ihrer Bettdecke tanzen in schneller Abfolge die Erlebnisse der Nacht. „Welchen Teil des Traums möchtest Du als Bild speichern?“, fragt Starle. Die Traumsequenz läuft langsam von Standbild zu Standbild. Emilia hebt die Hand an der Stelle, die ihr am besten gefällt. Es ist der Moment, in dem Lana und Emilia die Flügel weit ausbreiten und losfliegen. Jeden Morgen wählt sie einen Moment aus, den sie sich bewahren will. Ein Bild pro Traum. So kann Emilia sich im Traumtagebuch jederzeit alte Träume ansehen. Erinnerungen werden wieder lebendig. Emilia ist fast ein bisschen süchtig nach ihren Träumen.
„Fertig!“, ruft Emilia laut in Richtung Flur. Sie lässt die Weltenbaubrille auf ihrem Kissen liegen und stürmt aus dem Bett in Richtung Küche. Fast hätte sie dabei Alexa umgestoßen. Wie jeden Morgen! Der gute Hausgeist steht ihr immer im Weg. „Mistbirne“, schimpft sie das kleine, runde Ding an. „Guten Morgen, Emilia. Dieses Wort kenne ich nicht. Könntest du das bitte wiederholen?“, entgegnet ihr Alexa. „Dummes Ding. Bist du langsam“, denkt Emilia. „Mist-bir-ne“, wiederholt sie laut. „Das ist aber kein schönes …“, den Rest des Satzes hört Emilia nicht mehr. Sie nimmt bereits Anlauf auf die weit ausgebreiteten Arme: „Stell dir vor, ich bin heute geflogen! Vom Küchentisch aus.“ Ihre Mutter Mareike lacht laut auf und drückt ihre Tochter feste. Das Frühstück wartet bereits mit bunten Müslischalen und frischen Früchten. Emilia löffelt hastig ihre rosa Cornflakes. Seit die Traumwoche in der Kita ist, kann sie es kaum erwarten dorthin zu starten. „Iss in Ruhe, Emilia. So eilig haben wir es auch nicht. Wenn Du fertig bist, packst du bitte noch dein Traumtagebuch ein. Aber das hättest du ja bestimmt nicht vergessen, so aufgeregt wie du schon wieder bist?“ Mareike zwinkert ihrer Tochter zu. Emilia beendet das Cornflakesmassaker und flitzt direkt los, um ihre Sachen für den Tag einzusammeln.
Sie nimmt ihren Starle von der Wand und packt ihn mitsamt der Weltenbaubrille ein, sucht nach Kabel und Ladegerät. Auf ihrer Tasche prangt ein riesiger gelben Haken. Was Emilia nicht weiß: Es ist das neue Gütesiegel für interaktive Spielzeuge. Der Haken bescheinigt ihrer Brille sensibel mit Kinderdaten umzugehen. Emilias Mutter ist davon total begeistert. Vor drei Wochen hatte es in der Kita einen Infoabend zum Thema Kinderdatenschutz gegeben. Eine Frau hatte über zwei Stunden sowohl den Kindern als auch den Eltern erklärt, wie man seine Daten in der Familie managen und sich digital selbst verteidigen kann. „Digital Self Defense“ nannte sich das. Dicht gedrängt saßen Eltern und Kinder auf den kleinen Stühlen. In der Kita gelten jetzt neue Regeln für die Kinder: „Du sollst mich nicht fotografieren.“ Dort hatte Mareike auch von dem Gütesiegel erfahren. Ihr Mann hatte sie abends ausgelacht. Altmodisch und rückwärts gerichtet sei sie. Dass sie nun Emilias liebste Spielsachen aussortiert. Er sei eben ahnungslos, hält Mareike ihm entgegen und räumt sogar den geliebten Hausgeist Alexa aus dem Kinderzimmer in den Gang.
Auf der Fahrt zur Kita hält es Emilia kaum im Kindersitz. Durch die großen Glasfenster der Eingangstür entdeckt sie ihre Freundin. „Laanaa!“, Emilia stürmt auf Lana zu und legt los: „Ich habe Starle dabei, wo ist deine Moon? So witzig, du warst heute in meinem Traum dabei. Lass uns Starle mit Moon verbinden. Ich zeig dir, wo wir waren. Wir hatten riesige Flügel und sind durch die Küche geflogen. Richtig…“
Mareike bleibt stehen und freut sich über ihre Tochter, die mit Lana schon in den Traumwelten versunken ist. Es ist schön zu sehen, wie vertraut die beiden sind. Sogar ihre Träume können sie teilen. Das Traumtagebuch ist eine eindrucksvolle Sache, findet sie. Emilia zeigt auch ihr oft und ziemlich stolz die Ausschnitte aus ihren Träumen. Das wird mit dem Alter sicher nachlassen. Mareike schmunzelt. Sie selbst erinnert sich an ihr eigenes Tagebuch mit Schloss. Nach ihrem ersten Kuss hatte sie es sorgfältig vor ihrer Mutter versteckt. Was darin genau stand, weiß sie längst nicht mehr. Emilia wird sich nicht nur besser an ihre Träume, sondern auch an ihre ganze Kindheit erinnern können. „Überfordert sich Emilia nicht auch damit? Jedes Monster, jede Angst, alles aus den Träumen bleibt.“
Gerade als sie anfängt, sich in Gedanken zu verlieren, bemerkt Mareike Emilias Kinderbegleiter Thomas neben sich. „Die Traumwoche in der Kita ist eine wirklich schöne Idee“, sagt sie und bewegt sich in Richtung der Tür. Sie schmunzelt nochmal, denn an der Tür hängt ein Plakat mit vielen kleinen Daumenabdrücken der Kitakinder. In der Mitte, in der Handschrift des Praktikanten, ein Spruch: „Die Zukunft gehört denen, die an die Wahrhaftigkeit ihrer Träume glauben. Eleanor Roosvelt.“
David ist neun Jahre alt. Es ist Montag, der 5. Mai 2024 am Nachmittag. David nimmt mit seinen Eltern an einem Beratungsgespräch über genetische Optimierung teil.
Was bisher geschah:
Medizin hat sich von Rehabilitation über Prävention hin zu Selektion und Optimierung entwickelt. Eine genetisch ungünstige Veranlagung kann frühzeitig erkannt und aktiv unterdrückt werden, günstiges Erbmaterial wird geboostet. Bildungssysteme richten sich entsprechend neu aus: Das Individuum wird auf Basis von körperlichkognitiven Potentialen mittels personalisierter Optimierung gezielt gefördert. Intelligente Assistenzsysteme haben sich im Alltag breitbandig etabliert.
Der Kaffee seiner Mutter ist schon lange kalt geworden. Krümel liegen ausschließlich um Davids Teller herum. Zum Glück ist die Tischdecke heute rot-weiß kariert. Rot-weiße Karos bieten Davids Krümelstraßen eine gute Tarnung, nicht jedoch seiner persönlichen künstlichen Intelligenz Kassandra. Diese leuchtet grell im Display. Genau deswegen musste sie direkt zu Beginn des Gesprächs vom Tisch. „Also ich weiß ja wirklich nicht, Andreas. Glaubst du nicht, dass ihm das langfristig mehr schadet? Da verliert man doch seine gemeinsamen Wurzeln, auch innerhalb der Familie. Und ich finde, es fühlt sich falsch an, der Natur ins Handwerk zu pfuschen. David ist ein wundervoller Junge, er entwickelt sich prächtig und steht bereits jetzt - auch ohne solchen Quatsch - auf eigenen Beinen. Wie toll er Cello spielt, wie viele Freunde er hat. Er ist in der Schule unter den Besten.“
Manchmal findet er seine Mutter wirklich peinlich. David verdreht die Augen und formt aus den Krümelstraßen kleine Kreise. Seit einigen Minuten läuft das Virtual Reality-Meeting. „Meine Mutter ist so von gestern“, findet David. Ganz anders als Herr Pauli, der Berater vom Egokosmos-Scan. Kassandra blinkt in Davids Hosentasche leise vor sich hin. Jedes Mal, wenn es wichtig wird, soll er Kassandra verschwinden lassen. Seine Mutter hat echt keine Ahnung. Die Krümelkreise formieren sich zu Kratern. David beißt sich auf die Lippe. Er muss diesen Test unbedingt machen dürfen. Kassandra hat ihm die möglichen Folgen wirklich mehr als schmackhaft gemacht. Er könnte zu den absoluten Gewinnern in seiner Klasse gehören. Und das Tollste daran: Dafür müsste er sich nicht mal richtig anstrengen.
David vertraut Kassandra. Sie hatte ihm schon mal mit einer einfachen Austrickstechnik zum Erfolg verholfen. Am Cello. Er hat nicht mal die Hälfte der Zeit geübt und konnte das Stück schon auswendig. Seine schöne Cellolehrerin war richtig beeindruckt. Sie hatte keine Ahnung, wie er das so plötzlich hinbekam. „Talent!“, war ihre Antwort. Und: „...ein großer Entwicklungsschritt.“ Sie lobt David seitdem immer in den Himmel. David will mehr aus der Trickkiste der modernen Welt. Wenn er groß ist und selbst mal Kinder hat, wird er sich einzig und allein auf Kassandra verlassen. Die kann das alles so viel besser einschätzen als seine Eltern. Sie argumentiert nämlich mit „Hard Facts“ und nicht mit der kleinen Schwester der Angst, der Sorge. Kassandra kennt keine Sorgen, nur Lösungen. David weiß genau, hört er auf Kassandra und darf er den Test machen, kann er ganz vorne mit dabei sein. Wären da nicht die Eltern. Sie machen ihn mit ihren ständigen Einwänden noch zum Schlusslicht der Zivilisation.
„Schauen Sie, Frau Schäfer!“, setzt Herr Pauli an, „Der Test hilft uns, gemeinsam eine sinnvolle Entscheidung für Davids Weiterentwicklung zu treffen. Früher gab es einen Eignungstest, um sich für eine bestimmte Schulform zu qualifizieren. Heute ist das anders. Die Fähigkeiten der Schüler werden an die Ansprüche der Schule angepasst. Man erzeugt Talente und Fähigkeiten, die die Schule erfordert.“ Davids Mutter macht mürrisch einige Notizen. „Wir konzentrieren uns auf zwei Säulen: Gesundheit und Kognition. Beide Säulen sind gleich wichtig, um den Heranwachsenden angemessen zu fördern. Bei Säule 1, Gesundheit, entwickeln wir eine passgenaue Strategie, die Davids Vitalität kontinuierlich optimiert. Zu allererst führen wir einen Genscreen durch. Die Ergebnisse ermöglichen es uns, den perfekten Nutrition-Fitness-BalanceCycle zu erarbeiten. Der Cycle richtet sich an genetischer Veranlagung und Alltagsanforderungen aus. Kombiniert mit Physiodaten, täglich aufs Neue, täglich genial. Das Ergebnis ist ein durchweg gesunder und ausgeglichener David, der gut lernen kann und hochmotiviert ist. Noch wichtiger, der Genscreen erkennt erblich bedingte Veranlagungen für schwere Krankheiten: Krebsrisiko, neurodegenerative Erkrankungen und Ähnliches. Sobald die Veranlagungen bekannt sind, kann diesen proaktiv und kontinuierlich vorgebeugt werden. Dies fließt selbstverständlich mit in den Nutrition-Fitness-Balance-Cycle ein. Es wäre verantwortungslos, diese Möglichkeit nicht zu nutzen.“
Hanna ist entsetzt. Sie kaut auf dem Stift herum, um Herrn Pauli nicht ins Wort zu fallen. Dann ist es auch schneller vorbei. Es soll vorbei sein dieses Gespräch. „Bei Säule 2, Kognition, ist das Folgendermaßen: Wir testen das gesamte kognitive Spektrum. So erkennen wir, welche Fähigkeiten bereits besonders ausgebildet sind. Bei einem Alter von 10 Jahren sind interessante Grundbausteine schon angelegt. Etwas gut zu können, das reicht heute nicht mehr aus. Talent ist gefragt. Wir bei Egokosmos-Scan wissen: Jeder hat Talent. Es gilt dieses nur zu erkennen. Heute übersieht man eine Anlage für besondere Fähigkeiten nicht mehr. Man kann sie verstärken und sogar erzeugen. Nehmen wir mal das Beispiel Sprache. Ist ein Kind zweisprachig aufgewachsen, ist das Gehirnareal für Sprache – im Vergleich zu dem anderer Kinder, die einsprachig aufgewachsen sind – bedeutend ausgeprägter. Setzt man frühzeitig mit der Stimulation der Sprachverarbeitungsareale an, kann der maximale Boost erreicht werden: Das Kind kann fast im Vorbeigehen an einer Fremdsprache zum... David spielt Cello?“
Hanna beißt auf den Stift und richtet ihren Blick fordernd bis drohend auf ihren Mann aus. David übersieht sie dabei absichtlich. Wenn er jetzt auch noch seine Kassandra rauszieht, dann gibt es echt Ärger. Sie hätten sich besser ohne den Sohnemann mit Herrn Pauli verabreden sollen. Herr Pauli stellt sie vor David und ihrem Mann als altmodisch bloß. Bezeichnet er sie indirekt sogar als fahrlässig? Unmöglich, nein, sogar frech. Herr Pauli hat sicher keine eigenen Kinder.
„Wenn sie den Test ablehnen, wird sich das wirklich ungünstig auf Davids Leben auswirken.“ Herr Pauli wird noch intensiver: „Es wirkt sich nicht nur auf sein Leben negativ aus, sondern auch auf ihres, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Sehen Sie sich auf den Straßen um! Wie viele Rentner sind als Flaschensammler unterwegs? Das ist nur die Vorhut. Denken sie zwanzig Jahre nach vorne. Ihre Rente wird nicht mehr aus staatlichen Geldern gestemmt werden. Der Nachwuchs fehlt und unsere Gesellschaft überaltert. Es wird bereits diskutiert, ob man anstelle von Kindergeld an Eltern, Elterngeld an Kinder zahlen muss. Sehen Sie doch hin! Wer Kinder hat, mutet diesen eine moralische Bürde zu. Sie müssen sich jetzt schon damit auseinandersetzen, wie sie den Altersunterhalt ihrer Eltern bestreiten sollen. Kein Wunder, dass sich Kinder mit 18 oft harsch von der Familie abwenden. Wollen Sie für David, dass er sein Gehalt für ihre Rente ausgeben muss? Für ihn selbst bleibt dann nicht mehr viel übrig. Insbesondere, wenn er nicht mit den Fähigkeiten anderer mithalten kann….Reichen Sie doch David und sich selbst die Hand!“
