Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2009

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E-Book-Beschreibung Die Zunge Europas - Heinz Strunk

Sieben Tage im Leben des vierunddreißigjährigen Markus Erdmann, es ist die letzte Woche eines epochalen Hitzesommers. Sie beginnt, wie stets, mit dem Besuch bei den Großeltern in der «Käfersiedlung». Oma kocht Markus was Schönes. Großvater wird zusehends seniler. Aber nicht nur sonntags herrscht bei Markus Routine. Auch in der, na ja, Beziehung zu Sonja ist alles Feuer erloschen. Sein Geld verdient er als Gagschreiber. Meist für Sven, einen Comedian, der auch schon bessere Tage gesehen hat. Markus soll es richten, denn so gut Sven auf der Bühne ist, Humor hat er keinen. Dafür Erfolg bei den Frauen, aber das bedeutet ihm nicht viel. Markus auch nicht, aber der hat ja auch keinen Erfolg. Dann trifft Markus im Zug Janne. Die ist mit ihm zur Schule gegangen und spielt in einer ganz anderen Liga. Trotzdem scheint sie sich für ihn zu interessieren. Kann sie Markus aus diesem ganzen Elend erlösen? Oder kommt Rettung eher von Onkel Friedrich, dem legendären Kaffeekoster aus dem Hamburger Freihafen, den sie «Die Zunge Europas» nennen? Sieben Tage im Leben des vierunddreißigjährigen Markus Erdmann, es ist die letzte Woche eines epochalen Hitzesommers. Sie beginnt, wie stets, mit dem Besuch bei den Großeltern in der «Käfersiedlung». Oma kocht Markus was Schönes. Großvater wird zusehends seniler. Aber nicht nur sonntags herrscht bei Markus Routine. Auch in der, na ja, Beziehung zu Sonja ist alles Feuer erloschen. Sein Geld verdient er als Gagschreiber. Meist für Sven, einen Comedian, der auch schon bessere Tage gesehen hat. Markus soll es richten, denn so gut Sven auf der Bühne ist, Humor hat er keinen. Dafür Erfolg bei den Frauen, aber das bedeutet ihm nicht viel. Markus auch nicht, aber der hat ja auch keinen Erfolg. Dann trifft Markus im Zug Janne. Die ist mit ihm zur Schule gegangen und spielt in einer ganz anderen Liga. Trotzdem scheint sie sich für ihn zu interessieren. Kann sie Markus aus diesem ganzen Elend erlösen? Oder kommt Rettung eher von Onkel Friedrich, dem legendären Kaffeekoster aus dem Hamburger Freihafen, den sie «Die Zunge Europas» nennen? Wie schon in seinem ersten Buch, dem Bestseller «Fleisch ist mein Gemüse», schreibt Heinz Strunk mit drastischem Humor und echtem Mitgefühl vom großen Schmerz im kleinen Leben.

Meinungen über das E-Book Die Zunge Europas - Heinz Strunk

E-Book-Leseprobe Die Zunge Europas - Heinz Strunk

Heinz Strunk

Die Zunge Europas

Roman

Für den Fink

SONNTAG

Nichts schmeckt so gut, wie Dünnheit sich anfühlt

Wie fast jeden Sonntag bei gutem Wetter hatten die Gäste des Cafés «Pustekuchen» sämtliche Stühle nach draußen geschleppt und gluckten nun in viel zu großen Gruppen an viel zu kleinen und noch dazu wackligen Bistrotischen. Normale, große und extragroße Spezialfrühstücke gaben sich auf Tischplatten in Größe DIN A3 ein beengtes Stelldichein. Um das fragile Gleichgewicht nicht zu gefährden, galt es, Besteck, Teller und Tassen wie beim Mikado langsam und vorsichtig in eine nicht einsturzgefährdete Parkposition zu bugsieren. Mühsam, egal, denn es war Sonntag, der einzige Tag der Woche, auf den es sich zu freuen lohnt. Einige Gäste schienen regelrecht vorgehungert zu haben: Vor Appetit bebende Hände pulten gekochte Eier auf, schmierten daumendick Konfitüren auf ofenwarme Baguettebrötchen und belegten großzügig die belastbaren Vollkornbrotscheiben. Carpe diem. Eine Scheibe Käse, eine Scheibe Wurst. Dazwischen ein Stängelchen Petersilie oder ein Tomatenachtel. Und obendrauf eine Silberzwiebel. Im Hintergrund Chill-out-Musik. Die Leute aßen und aßen und aßen. Ihre Augen glänzten vor Appetit. Ab Mittag wurde das Angebot um Quiches, Croques, Suppen, Salate und ein vegetarisches Pastagericht ergänzt. Brunch as brunch can. Nachmittags Saisonkuchen, der passt immer noch rein. Wer sich einen Tisch gesichert hatte, gab ihn bis zum späten Nachmittag/​frühen Abend nicht auf, da konnte es so heiß sein, wie es wollte.

Und es war heiß. Ein stabiles Azorenhoch hielt den Kontinent seit Wochen in tropischer Umklammerung. Nach dem verregneten Mai und dem bibberkalten Juni hatten sich die Menschen Mitte Juli noch über das unerwartete Comeback des Sommers gefreut, der putschartig die Herrschaft an sich gerissen hatte. Doch nach fünf Wochen schönen Wetters begann sich die Hitze in etwas Feindliches zu verwandeln. Es war, als hätten sich unter die lieben Sonnenstrahlen Mikrowellen oder kurzstrahlige Lichtschübe gemischt, bereit, den Körper bis zur molekularen Ebene unheilvoll zu durchdringen. Schneidbrennende Drecksscheibe. Das ganze Land war wie angezündet. Nach vielen Jahren war es in der Lüneburger Heide wieder zu Waldbränden gekommen, und in einem Altersheim bei Elmshorn hatte sich ein achtundsiebzigjähriger Mann aus dem dritten Stock in den Tod gestürzt, weil es selbst nachts nie kühler als 25Grad wurde. Die Bild-Zeitung schürte die Angst vor dem drohenden Armageddon («Mördersommer – schon mehr als 1000Hitzetote», «Bald Sahara an der Elbe?», «Wann explodiert die Sonne?») mit dem gleichen Erfindungsreichtum, mit dem sie sonst die pornographischen Phantasien ihrer Leser bedient. Ungefähr eine Woche sollte es noch so bleiben. Mindestens. Vielleicht auch zwei.

Obwohl für mich als Freiberufler der Sonntag ein Tag wie jeder andere ist, verbringe ich die Zeit zwischen halb zwölf und halb eins regelmäßig im «Pustekuchen», da es zu Hause allein doch etwas trostlos ist und ich meinem an Ritualen armen Leben auf diesem Wege außerdem zu so etwas wie Struktur verhelfe. Struktur vortäusche. Struktur, Taktung, Rituale usw. Außerdem belausche und beobachte ich gern Menschen. Na ja, das sagen viele von sich, aber ich behaupte, dass meine Beobachtungen genauer sind. Da ich erst spät komme (halb zwölf ist ja nun wohl objektiv spät), muss ich mich fast immer irgendwo dazusetzen. Als Dazusetzer ist man unbeliebt, weil die anderen ja gerade extra früh aufgestanden sind, um sich die Tageshoheit über einen eigenen Tisch zu sichern, Exklusivnutzung im Kreis der Lieben. Dazusetzer zählen nicht zum Kreis der Lieben, Dazusetzer sind eine Bedrohung, dreiste Provokateure, die die fröhliche Stimmung durch ihre bloße Anwesenheit kaputt machen und manchmal sogar noch was auf den Tisch stellen (Mikadoeffekt). Sobald sich ein potenzieller Dazusetzer nähert, nehmen die Tischrechteinhaber daher instinktiv eine Art Drohhaltung ein: Sie spannen den Körper an, verengen die Augen zu Schlitzen und ziehen den Kopf zwischen die Schultern, bis sie in etwa so aussehen wie giftige Dschungelfrösche, die aus dem Zustand völliger Bewegungslosigkeit unvermittelt einen Riesensprung machen und ihre Opfer mit einem einzigen Haps verputzen können. Ich tu natürlich immer so, als würde ich das nicht bemerken, und setze mich, extra ohne zu fragen, dazu. Nur an manchen Tagen fehlt es mir an Energie, Power, Mut, Entschlossenheit, Chuzpe; dann schaue ich die Leute traurig an und schleiche mit hängenden Schultern davon. Variante: Ich gehe entschlossen vorbei, als wollte ich eh woandershin (Haltestelle/​Kiosk/​Sonntagsspaziergang).

Lediglich an dem winzig kleinen Zweiertisch ganz rechts außen war heute noch ein Plätzchen frei. Eben, kein Platz, sondern ein Plätzchen, ein Katzentisch, mit extra kleinen Stühlen, die extra nicht zusammenpassten, Miniaturaschenbecher und winzigen Salz- und Pfefferstreuern. Im Zuckerstreuer kämpfte eine Wespe ums Überleben. Auf einem lächerlich schmalen und seltsam hohen Stuhl, der aussah wie ein Kindersitz, thronte eine Frau und wühlte sich durch die Sonntagszeitung. Mit ihrem pechschwarzen, von einer knallroten Strähne durchsetzten Bubikopf, der witzigen Brille (lila Gestell mit gelben Tupfern) und dem Hosenanzug (meine Güte, bei den Temperaturen Hosenanzug) sah sie aus wie eine Grünen-Politikerin aus den frühen Neunzigern. Auf ihrem Brustbein bildeten sich Schweißperlen, die in den Ausschnitt des T-Shirts rannen, und ihr Hals verschwand fast im hellgrünen Jackett, aus dem sie herausschaute wie ein Vogel aus einem Sack. Kiebig. Missgelaunt. Sie warf mir einen bösen Blick zu. Offensichtlich mochte sie Männer im Allgemeinen und mich im Speziellen nicht. Männer: Erst besetzen sie fremde Tische, dann fremde Länder. Alles andere ist Täuschung, Leerlauf und Übersprungshandlung. Politische Arbeit lässt keinen Raum für Humor. Sie kratzt sich unter den schweißnassen, dichtbehaarten Achseln und weiß, dass sie recht hat. Esther! Sie musste Esther heißen. Ich wusste auch, dass ich recht hatte. Und ich mochte sie auch nicht.

Ich ging zum Bestellen nach drinnen, sonst kann man am WE warten, bis man schwarz wird. Betreiber/​Servicekräfte/​Reinigungspersonal/​Inhaber des «Pustekuchen» sind eine Frau und ein Mann um die dreißig, von denen ich bis heute nicht weiß, ob sie lediglich Geschäftspartner sind oder ein Pärchen mit allem Drum und Dran. Manchmal denke ich ja, manchmal wieder nein. Zärtlichkeiten tauschen sie nie aus, aber das will ja nichts heißen.

Die Frau (Karen) ist sicher eins achtzig, eine knochige Erscheinung mit flachem Gesicht. Das Auffälligste an ihr: Links oben grau angelaufener Schneidezahn. Vielleicht hat sie Angst vor dem Zahnarzt, oder der Zahn ist ihr Markenzeichen, ein Schönheitsfleck paradox, die Leute kommen ja auf die verrücktesten Ideen. Das andere Markenzeichen ist ihr platter Po, wirklich, platt wie eine Briefmarke. Vielleicht hängen Zahn und Po auch zusammen: Als sie unter Vollnarkose den Zahn hat machen lassen wollen, war die Tinte auf der OP-Anweisung zerlaufen, und der Chirurg hat ihr versehentlich den ganzen Po abgesaugt.

Der Mann (Frank), halber Kopf kleiner, spillrige Beine, dürre Schultern, hat aufgrund seines ausdruckslosen Gesichts eine frappierende Ähnlichkeit mit Fantomas, dem genialen Superganoven aus den Louis-de-Funès-Filmen. Der Fantomas im Film trägt allerdings eine Gummimaske, bei Frank hingegen ist, soweit ich das beurteilen kann, alles Fleisch. Vielleicht ist sein Gesicht schlecht durchblutet, oder er ist als Kind in eine Gefriertruhe gefallen. Oder: karges Innenleben. Egal, man weiß es nicht, und fragen kann ich ihn ja schlecht.

Komplettiert wird die Mannschaft von einem ewig in Schwarz gekleideten, sehr jungen Mädchen, das aber meistens nur an den Wochenenden dort ist, manchmal auch Fantomas an seinem freien Tag vertritt. Sie sieht aus wie ein Gruftie, wenn es die überhaupt noch gibt, hat ein angemessen mondbleiches, von unzähligen Äderchen durchzogenes Gesicht und praktisch keine Taille: ein Fässchen. Um den Hals trägt sie Pilzketten aus Fimoknete, die im Schwarzlicht der Goapartys immer so schön leuchten. Mutmaßung: In einer Ecke ihres WG-Zimmers hat sie sich ein Atelier eingerichtet, wo sie unermüdlich Elfen, Trolle und Gnome bastelt. Ihr rechtes Handgelenk zieren Eintrittsbänder diverser Events: Shivamoon, Excalibur, Fusion. Das sieht aus wie Wolle Petry mit seinen Freundschaftsbändern.

Dass in der Gastro eigentlich immer alles zack, zack gehen muss, ist nicht zu Fantomas und seiner Crew vorgedrungen. Zeitlupenhaft schlurfen sie auf Puddingbeinen in die Küche und wieder zurück, wie Lebewesen, die ihren Stoffwechsel je nach Bedarf rauf- und runterfahren. Wenn Kaffee durchläuft, schnüffeln sie manchmal sehnsüchtig, sie dürfen das braune Teufelszeug jedoch nie selber probieren, da ihre auf halber Kraft laufenden Schwachstromkörper unter Koffeineinfluss sofort kollabieren würden. Die Gäste haben sich dran gewöhnt, dafür sind die Preise für die Gegend sehr moderat. Mein interner Spitzname fürs «Pustekuchen»: «Zombiecafé», wahlweise «Café der Untoten».

Ich blieb so lange am Tresen stehen, bis sich Fantomas meiner erbarmte. Er sagte nichts, schaute mich nur an. «Wie immer. Einen großen Bohnenkaffee und eine kleine Apfelschorle. Ich sitz da drüben.» Ich zeigte irgendwohin. Er nickte und verzog sich in die Küche. Ich habe ihn, soweit ich mich erinnern kann, noch nie sprechen hören. Seltsam, wenn einem Aussehen, Gang und Mimik bzw. nicht vorhandene Mimik vertraut sind, die dazugehörige Stimme jedoch fehlt. Dabei braucht jeder gastronomische Betrieb doch eine Seele, einen Maestro, einen Mâitre, eine Identifikationsfigur, die Signale aussendet! Das Signal nämlich, dass man willkommen ist, herzlich willkommen sogar. Ein Chef, der einem zur Begrüßung auf die Schultern haut, dass es kracht, der einem vor überströmender Herzlichkeit die Hand und eventuell den Schädel zerquetscht (Ganzkörperzwinge). Dem man seine kreuzdämliche Fertigteil-Sprache ebenso durchgehen lässt wie die Unart, einem vor lauter falscher Freundschaft hin und wieder in die Wange zu zwacken oder die Ohren langzuziehen. Geschenkt, macht nix, weils vum Herze kümmt! Vielleicht weiß Fantomas das alles auch und macht es extra nicht, um sich vom Billig-Griechen gegenüber abzugrenzen. Man weiß es nicht, er sagt ja nichts.

Ich ging zu meinem Platz zurück. Sicher würden Kaffee und Schorle ewig dauern. Und ich hatte vergessen, mir was zum Lesen mitzunehmen. Langweilig. Mir schoss der Wahlspruch von Lemmy Kilmister (Motörhead) durch den Kopf: «Das Leben gleicht von außen einem leckeren Sandwich. Doch wenn man reinbeißt, stellt man fest, dass es mit Kacke bestrichen ist.» Ich kenne keinen vernünftigen Menschen, der Lemmy Kilmister nicht mag. «China produziert Waren, Indien Köpfe.» Auch nicht schlecht, musste ich kürzlich irgendwo gelesen haben. Was ich nicht alles weiß. Ich kenne z.B. etliche Schlagertexte auswendig und ganz viel anderes unnützes Zeug, das lebenswichtigen Informationen das Wasser abgräbt und dringend benötigten Speicherplatz besetzt hält. Schrottinfos, tumorartiges Wucherwissen, das freche Raumforderungen stellt. «Eine Imprägnierung schließt immer auch eine Immunisierung ein.» Woher kam das denn nochmal? Peter Sloterdijk! Solche Sätze stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit von Peter Sloterdijk. «Beschleunigung führt zu Fahrigkeit und Depersonalisierung, die Psyche kann den Wahrheitsgehalt nicht mehr überprüfen.»

Shit for da headz!

Da kann so nur Peter Sloterdijk drauf kommen. Man müsste trainieren, Smalltalk mit Peter-Sloterdijk-Shouts zu bestreiten. Aber mit wem üben? Mit Esther sicher nicht.

Es war schon Viertel vor zwölf und immer noch kein Getränk in Sicht, ewig hatte ich auch nicht Zeit. Am Nebentisch in Erwachsenengröße saßen eine junge Frau und ein junger Mann, die sich nicht besonders gut zu kennen schienen. Vielleicht ihr erstes Rendezvous. Die Frau sah sehr gut aus, ca. 15 bis 20% attraktiver als der Mann, der auch gut aussah, aber öde, BWL/​Jura/​Medizin. Schlechte Aura, löchriges Karma. Keine Ausstrahlung. Bei Pärchen versuche ich immer so exakt wie möglich zu taxieren, wer um wie viel Prozent attraktiver ist und wie der/​die Unterlegene das Defizit wohl ausgleicht. Eine Marotte von mir. Zwischen den beiden lief es nicht. Das Gespräch hangelte sich an einer endlosen Kette von Floskeln und Versatzstücken entlang, stockend, zäh. Worte schwirrten bindungslos durch den Äther und zerfielen in ihre Buchstaben, aus denen sie dann wieder neue Leerformeln bildeten. Die beiden kamen sich einfach nicht näher. Meine Güte, ihr seid doch erwachsene Menschen, sagt doch wenigstens mal einen einzigen vernünftigen Satz!

Frau: «Der Laden hier läuft echt gut.»

Mann (der originellste Einfall seit Jahren): «Seitdem du hier wohnst, was?!»

Die Torte ist so stumpf, dass sie selbst dieses kleine Witzchen und das darin versteckte Kompliment nicht kapiert.

Frau: «Ich wohn seit knapp vier Jahren hier.»

Mann: «Ach so, ja.»

Schweigen. Rühren. Alles ist gesagt. In einem zähen Strudel spamverseuchter Wiederholungen dreht sich das ganze Seelenleben. Bei den meisten Menschen würde man geheime Leidenschaften, eine verborgene Seite zu Unrecht vermuten. Das Geheimnis liegt darin, dass es kein Geheimnis gibt.

Was soll’s. Endlich brachte Fantomas meine Getränke und in einem Aufwasch auch noch Esthers Bestellung (großes Frühstück). Seine Bewegungen waren noch langsamer als sonst. Bald würde er mitten im Move einfrieren (freeze) und in tausend Stücke zerbersten, wie der Terminator 2 in «Terminator 2», wo der Terminator 2 im Stahlwerk schockgefrostet wird und Arnold Schwarzenegger (Terminator 1) ihn in tausend winzige Metallstücke schießt. Im Stahlwerk herrscht eine ungeheure Hitze. Die winzigen Metallstücke tauen auf, fließen rasend schnell in kleinen Pfützen zusammen, und die vielen kleinen Pfützen vereinen sich zu einer großen. Aus ihr erhebt sich: der Terminator 2!

Esther legte ihre Zeitung beiseite und begutachtete die Leckereien, um sich zu vergewissern, dass auch ja nichts fehlt: Croissant, Baguettebrötchen, Mehrkornbrötchen, gekochtes Ei, drei Sorten Aufschnitt, Konfitüre, Butter, Kaffee. Alles da, kein Grund zur Reklamation, schade eigentlich. Gern hätte sie sich beschwert, das sah man ihr richtig an, sie lässt sich nämlich kein X für ein U vormachen und die Butter vom Brot nehmen erst recht nicht, und ihre Rechte kennt sie auch und scheut zur Not auch nicht den Rechtsweg. Als Erstes waren Croissant und Ei dran. Croissant, Ei, Ei, Croissant, eine quasi ausschließlich aus Cholesterin bestehende Mahlzeit, die den Körper lähmt, statt ihm Energie zuzuführen. Eier sind noch minderwertiger als Fischstäbchen, nicht umsonst gelten sie in allen ernstzunehmenden Religionen als Symbol des Todes. Der Gott des Eis bringt Missernten und Plagen über die Menschen. Noch weiter unten, auf der alleruntersten Stufe der Nahrungskette, stehen übrigens Croissants.

Mit Messer und Plastiklöffel schälte sie bedächtig ein Stück Ei aus dem Eierbecher, legte es auf den Teller und biss in das Croissant. Dann schob sie blitzartig den vorbereiteten Eihappen nach. So was hatte ich auch noch nicht gesehen. Danach passierte erst mal gar nichts. Break. Strike. Regungslos wie ein Reptil, das sich, seiner Beute sicher, erst einmal verschnauft.

Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig.

Ich konnte den Blick nicht abwenden. Nun mach doch, kauen, Mädchen! Ein Wahnsinn schon wieder alles. Endlich setzte sich ihr Mund in Bewegung. Zerkleinern, zersetzen, vermengen, vermischen, durchwalken, begleitet von leisen Schnalz-, Schluck-, Einspeichel- und Schnoddergeräuschen. Fünfzig Mal, bestimmt fünfzig Mal kaute sie auf dem weichen Quatsch herum! Bitte, bitte, weg mit dem Zeug! Dann schluckte sie endlich runter. Etwas in mir entspannte sich. Oder sackte zusammen. Eine Brise Croissant-Ei-Dunst wehte herüber. Sie hob den Blick und schaute mich an, triumphierend, als wäre sie sich des Belästigungspotenzials ihrer Unarten bewusst. Zäh verteidigte sie ihren schrecklichen Alltag: Wenn hier irgendjemandem irgendwas nicht passt, soll er sich gefälligst woanders hinsetzen!

Für einen Moment schloss ich die Augen. Von einem anderen Tisch wehte ein Gespräch herüber. Ein Mann berichtet seiner Frau umständlich von einem Kinobesuch, die Frau langweilt sich, wird ungeduldig, traut sich jedoch nicht, ihm offen ins Wort zu fallen. Sie legt unter die Rede ihres Mannes einen Paralleltext, sucht Lücken, in die sie leise hineinspricht.

Mann: «Und die Pinguinweibchen schwimmen bzw.

Frau: …………………… die Weibchen, nicht die Männchen,

gehen, oder manchmal robben sie ja auch zwanzig Tages-

…………………………… ja, kopp heister ……………… ohne Pause

märsche, um sich dort vollzufressen und gleich wieder

was? Ganz ohne Pause ……………………………………………

zurückzuschwimmen, und die Männchen stehen da

oder eben zu robben ……………………… während die Weibchen

zu Tausenden, was sag ich, Abertausenden, ganz dicht

Nahrung organisieren ……………… Zigtausenden………………

gedrängt und passen auf die Eier auf, wie im Winterschlaf,

…………… umgekehrt eben wie bei den Menschen …………………

und Sturm und Eis halten die

…………………macht denen nix aus

So geht das weiter. Der Mann hört nicht auf. Vielleicht ist das auch seine Rache für entgangene Lebensfreude. Ich öffnete die Augen.

Esther aß zeitlupenhaft, wie es zeitlupenhafter nicht ging. Langsame Esser machen aggressiv, da können sich alle Ernährungswissenschaftler auf der ganzen Welt tausendmal darüber einig sein, dass ordentlich Kauen gesund ist, die klügere Ernährung, weil: Der Magen hat keine Zähne. Zähne vielleicht nicht, dafür aber Magensäure. Der Mensch ist von Natur aus nämlich ein Schlinger, Stichwort Mangelsituationen. Vor aus evolutionärer Sicht lächerlich kurzer Zeit hatten die Menschen nichts, aber auch gar nichts zu beißen außer vielleicht ein paar wilden Beeren oder zermanschtem Fallobst oder toten Insekten. Und wenn alle Jubeljahre und unter hohem Blutzoll (gutes Wort) ein schönes Stück Wildbret auf dem Grillspieß landete, hieß es reinhauen, aber zügig, bevor Meister Petz kam und den Braten einkassierte. Damals wäre man mit «Ratschlägen» von selbsternannten Ernährungspäpsten nicht weit gekommen: Fünf bis zehn unendlich kleine Mahlzeiten, in regelmäßigen Abständen bewusst genossen und sorgsam gekaut, um den gottverdammten Blutzuckerspiegel konstant zu halten. Und am Gürtel baumelt ein Fünf-Liter-Kanister stilles Wasser mit Saugschlauch, an dem man nuckeln soll wie ein Kleinkind. Schon mal was von Wasserödem gehört? Oder Durst? (Ein Signal des Körpers, dass er Flüssigkeit benötigt.) Egal. Esther mit ihrem abartig langsamen Gemampfe hätte unter natürlichen Bedingungen keine Chance.

Ich rühre im Kaffee. Rühr, rühr, plinker, plinker, schab, schab. Ich muss mich schon sehr langweilen, um im Kaffee herumzurühren. Ich rühre immer heftiger, wie ein Verrückter, und vor lauter irrem Gerühre fällt der Kaffeekeks von der Untertasse und landet auf dem Boden. Als ich mich nach vorn beuge, um ihn aufzuheben, leistet mein Bauch Widerstand, genauer gesagt die Ringe, aus denen er besteht. Überall liest man, dass Männer dreihundertmal oder noch häufiger am Tag an Sex denken. Das mag sein, aber ich denke bestimmt ebenso oft an meinen Bauch. Richtig dick bin ich nicht, aber auf dem Weg dorthin, achtundachtzig Kilo bei eins einundachtzig, in der offiziellen Sprachreglung heißt das leicht übergewichtig, jetzt aber aufpassen! Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser wäre, in einem Durchmarsch richtig fett zu werden, dann hat man’s hinter sich. Das eigene Haus unbewohnbar machen. Na, sicher kein Problem, derzeit scheue ich noch die Konsequenzen. Wenn ich mich nach vorn beuge, spüre ich drei kleinere Subschwarten, die in die Hauptschwarte (Big Wave) fließen. Fettringe sind Jahresringen von Bäumen vergleichbar. Erfahrene Gerichtsmediziner vermögen nach einem flüchtigen Blick exakt das Lebensalter zu bestimmen. Bei mir hat sich die vierte Subschwarte ungefähr zur Hälfte ausgebildet, also drei plus…? Das bedeutet, dass ich was mit Mitte dreißig sein muss. Stimmt ja auch ungefähr.

Ich lehne mich zurück. Die Bewegung fühlt sich an, als würde mein Gesäß über die Kante schwellen. Unangenehm, wirklich unangenehm. Es geht mir wirklich nicht besonders gut heute.

Ich habe mir geschworen, konfektionsgrößenmäßig niemals klein beizugeben, niemals. Im Moment passe ich mit Ach und Krach in 52, und so soll es bleiben. Nach unten (48) ist natürlich Luft, aber nach oben (58) kein Raum, wenn man das mal so sagen kann/​darf. Seitdem ich etwas kräftiger bin, trage ich bevorzugt Cord. Ein freundlicher Stoff, der den Körper umschmeichelt und schützt wie ein Panzer, ein Panzer aus Cord, ein Cordpanzer. Cord verhält sich zum Menschen wie Chitin zu Insekten. Chitin ist der Cord der Insekten, und Cord ist das Chitin des kleinen Mannes. Usw. Dieser «Stoff der Könige» hat noch einen anderen, gewichtigen Vorteil: Er gibt nach. Im Gegensatz zu beispielsweise Baumwollanzugstoff. Als ich mir vor kurzem beim gediegenen Herrenausstatter «Wormland» wieder mal einen Anzug (Baumwolle) gegönnt habe, war das Kauferlebnis begleitet von einem sensationell deprimierenden Zwischenfall: Nachdem ich in den dunkelbraunen Zweireiher geschlüpft war, hatte ich das Gefühl, der Anzug würde ganz ordentlich sitzen, um nicht zu sagen: wie angegossen. Der Verkäufer hingegen schien nicht recht zufrieden zu sein. Er stand hinter mir und machte sich verdächtig lange am Sakko zu schaffen. Er zog und zuzelte und nestelte, und ich hatte keine Ahnung, was genau er da eigentlich trieb, ich ahnte nur, dass es nichts Gutes zu bedeuten hatte. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und drehte mich um:

«Ähem, was machen Sie da eigentlich?»

Er schaute mich traurig an und sagte mit belegter Stimme:

«Tja, Kofferraumdeckel geht nicht zu.»

Kofferraumdeckel. Was für ein deprimierendes Wort. Deprimierende Worte, deprimierende Welt: Jojo-Diät, Kofferraumdeckel, Weight Watchers, Atkins, Fettwaage, Schleifkorbtrage, Fatburner, Alarmstufe Rahmstufe, FDH, Vierfachkinn, Sauklumpen, Dickenturnen, Röllchenalarm, high & mighty undundundoderoderoder.

In Wahrheit ist es nämlich so: Nichts schmeckt so gut, wie Dünnheit sich anfühlt.

Allerdings interessiere ich mich schon von Berufs wegen auch für die komischen Aspekte der Adipositas, und es ist mir eine liebe Gewohnheit geworden, Zeitschriften und Zeitungen nach einschlägigen Meldungen zu durchforsten. Jedem durchschnittlich informierten Mitteleuropäer dürfte ja mittlerweile bekannt sein, dass man in einer Viertelstunde Dauerlauf/​11 kmh/​Ebene 188Kalorien (100Gr. Romadour, 20% Fett i. Tr.) verbraucht, dass Radfahren jedoch nur 98Kalorien bringt (2Pfirsiche) und 15Minuten Standardtanz gerade mal mit lächerlichen 50Kalorien (100Gramm Zuckermelone) zu Buche schlagen. Standardwissen.

Weniger bekannt sein dürfte, dass nach Würmern graben 272Kalorien verbrennt, den Hund waschen 238, Graffiti überstreichen 342 und auf Krücken gehen 340Kalorien. Und: Durch das ständig steigende Körpergewicht der US-Autofahrer erhöht sich der Benzinverbrauch in den USA seit 1960 um knapp 3,8Milliarden Liter pro Jahr. Sachinformationen.

Weiter geht’s: Fettschwarten am Rücken sehr dicker Menschen nennt man «Tannenbäume», die herunterhängende, schlaffe Haut des Bauches «Rollläden», und Fettansammlungen am Hals verursachen das sog. Treppenkinn. «Treppenkinn» und «Kartoffelknie» kann man in extremer Großaufnahme übrigens nicht voneinander unterscheiden. Das aus dem Hosenbund quellende Fett heißt ab sofort nicht mehr «Hüftgold». (das Wort ist verbraucht, ausgelutscht, öde), sondern «Elchschaufeln». (Anweisung von ganz oben – also von mir.) Dann gibt es noch Salz und Pfefferstreuer, Winkfleisch und gelblich unter der Haut schimmernden Flimmerspeck. Das schönste Wort, von dem ich leider nicht weiß, was genau es bedeutet: «Zigeuner des Körpers». Magisch. Zigeuner des Körpers, was mag wohl dahinterstecken? Egal. Stand der Dinge: Kofferraumdeckel geht nicht zu. Mein größter und in Wahrheit einziger Wunsch: mit nacktem Oberkörper Holz hacken, ohne dass es scheiße aussieht. Glück kann so einfach sein.

Ich trank einen Schluck Kaffee und pulte an meinem Hinterkopf herum. Vor kurzem habe ich dort eine kahle Stelle ausgemacht, die sich unaufhaltsam ausdehnt (Steigerung: speckig, jetzt noch Haarausfall/​stimmt aber leider). Kommt mir jedenfalls so vor. Dieser Tonsur genannte, kreisrunde Haarausfall ist im Vergleich mit einer sich allmählich lichtenden Stirn die eindeutig schlechtere Variante der Kahlköpfigkeit. Der Volksmund nennt es verächtlich Fleischmütze. Außerdem haben sich meine Leberflecke vermehrt. Der große an der Wade, treuer Begleiter seit der Kinderzeit, franst an den Rändern aus, angeblich kein gutes Zeichen. Der Leberfleck, Fleck des kleinen Mannes. Um meine buschigen Augenbrauen hingegen muss ich mir keine Sorgen machen, die fallen nie aus, es sieht eher so aus, als würden sie bald in der Mitte zusammenwachsen. Augenbrauenhaare, Brusthaare, Bauchhaare, Pohaare, Haare, Haare, Haare. An Depritagen habe ich schon die Anschaffung eines Ladyshavers erwogen, den ich aus Tarnungsgründen im Fach mit den abgelaufenen Medikamenten aufbewahren könnte. Ich bin davon überzeugt, dass viele Männer heimlich einen Ladyshaver besitzen, ein namenloses Heer von Blindrasierern, die vor der metrosexuellen Diktatur in die Knie gegangen sind, und jedes noch so kleine Härchen mit einer Batterie von Rasierapparaten, Bunsenbrennern, Epiliergeräten und Feuerzangen sofort an der Wurzel wegbrennen oder ausgraben. Ob es in anderen Kulturkreisen so etwas wie Nacken-, Rücken- oder Pofriseure gibt?

Ab und an frage ich mich, was die Stammgäste des «Pustekuchen» von mir denken, falls sie sich überhaupt jemals Gedanken über mich machen. Beruf. Hobbys. Vorlieben. Eigenarten. Abgründe. Warum ich z.B. sonntags immer exakt um die gleiche Zeit für genau eine Stunde komme, immer allein, und nie etwas esse. Mich fragt natürlich keiner, und wenn, würde ich die Antwort für mich behalten: Das «Pustekuchen» ist eine Durchgangsstation auf dem Weg zu meinen Großeltern, bei denen ich fast jeden Sonntag zu Mittag esse. Es würde unendlich viel Zeit und Mühe kosten, zu erklären, weshalb ein vierunddreißigjähriger Mann sich Woche für Woche von seiner fast achtzigjährigen Großmutter bekochen lässt. Deshalb lasse ich es lieber gleich.

Esther war fertig und ging zum Bezahlen nach drinnen. Endlich war ich allein. Ich schaute auf die Uhr, zwanzig nach zwölf, spätestens in zehn Minuten musste ich los. Ich nahm den Salzstreuer in die linke Hand und den Pfefferstreuer in die rechte. Ich starrte auf die Tischplatte und überlegte, aus wie viel Holzstreben sie wohl zusammengesetzt war. Oder sagte man Bohlen? Oder ganz anders? Zonken? Ronken? Honken? Egal. Ich schätzte die Zahl der Wiedieauchheißen auf sechzehn. Da schätzen und glauben aber nicht wissen ist, beschloss ich, es zu prüfen. Wenn ich im Bereich plus minus drei blieb, würde ich mir etwas Schönes gönnen, wenn nicht, dann nicht. Ich zählte mit den Augen. Eins, zwei, drei, vier. Bei sieben kam ich raus. Auf meine Augen war auch kein Verlass mehr. Also nochmal von vorn, diesmal nahm ich den Mittelfinger zu Hilfe. Eselsbrücke. Die Eselsbrücke ist die Brücke des kleinen Mannes. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Die Zwischenräume betrugen im Durchschnitt ungefähr zwei Zentimeter, je nachdem, einige Zonken schienen weniger, andere deutlicher auseinanderzustehen. Ich vergewisserte mich, indem ich den Finger in die Ritzen steckte. Tatsächlich. Einige enger, andere weiter. Sieben, acht, ich murmelte leise mit.

Bei neun blieb der Finger stecken. Ich zog ein paarmal, ohne Erfolg. Ruckel, ruckel, zieh, zieh. Ruckeln und ziehen brachte nichts. Also drehen, in Schraubenziehermanier. Brachte auch nichts, der Finger saß fest. Druckwellen liefen durch meinen Körper. Im Magen ein panisches Kitzeln. Ruhig, ruhig, jetzt bloß keine Attacke. Durch das Ruckeln und Ziehen und Drehen war der Scheißfinger im Nu angeschwollen. Das gesamte Universum war in einem einzigen Raumpunkt mit dem Volumen null zusammengedrängt, wie etwa in einer Kugel mit dem Radius null, dachte ich, und war irgendwie froh darüber, dass mir in dieser verfriemelten Situation etwas so Kompliziertes einfiel. Diophantische Gleichungen, Lie-Gruppen, Zufallsmatrizen. Wenn der Finger da reingekommen war, musste er auch wieder rauskommen, das war ja quasi ein Naturgesetz. Das Einzige, was ich tun konnte, war, den Finger ruhig zu halten und zu hoffen, dass er von alleine wieder abschwoll. Ich sah mich unauffällig um, aber die Gäste waren mit anderen Dingen beschäftigt. Ob ich der Einzige war, dem dieses Malheur jemals passiert war, oder kam das ständig vor? «Nicht die Finger zwischen die Ronken stecken. Lebensgefahr.»

Ich hing jetzt bestimmt schon fünf Minuten fest und deckte die schlimme Hand mit der Zeitung ab, die Esther liegengelassen hatte. Heilung durch Nichtbeachtung. Hölfe, Hölfe, dachte ich, ich muss zu Oma und Opa zum Mittagessen, wenn ich zu spät komme, gibt’s Ausmecker. Genau das dachte ich, wörtlich. Mein Leben war doch schon so schwer genug. Der Finger tat weh, vielleicht war er durch die Ruckelei gebrochen? Oder verstaucht? Oder geprellt oder ausgerenkt? Oder eine oder mehrere Sehnen waren gerissen oder wenigstens angerissen? Da musste der Nottischler ran. Ob es so etwas wie einen Nottischler gab? Es gab schließlich auch einen Notarzt, einen Schlossnotdienst und eine Notapotheke. Zur allergrößten Not kann man die Feuerwehr rufen, die kommt immer. Schwitzschwitzruckelruckeloinkeroinker. Langsam wurde ich ernstlich panisch, ich ruckelte und drehte und zog und versuchte, mit der freien Hand die Bohlen auseinanderzudrücken. Nichts. Ich starrte auf den Finger und die Leute und die Zuckerdose, in der die Wespe noch immer ihren einsamen Kampf führte. Auf meiner Armbanduhr sah ich, dass es schon spät war, und mich beschlich so ein Gefühl, als ginge es nun nicht mehr um meinen Finger, sondern um etwas Grundsätzliches, es ging in Wahrheit um Leben und Tod. Es ging darum, dass von nun an ALLES diesem Augenblick gleichen würde.

Mit einem Mal war der Finger frei. Ich befühlte ihn. Er tat weh und blutete etwas, aber gebrochen schien er nicht zu sein. Die Hand war krebsrot wie eine Metzgerhand. Wie hatte ich das jetzt gemacht? Ach, egal.

Ich blieb so lange sitzen, bis meine Nerven sich halbwegs wieder beruhigt hatten. Währenddessen sah ich meine arme Großmutter mit geschwollenen Beinen vor dem mehrfach unbeschichteten Kochtopf stehen, sie hatte ihre liebe Not damit, die ausgelaugten Salzkartoffeln im Wasserbad warm zu halten. Die Geschichte mit dem eingeklemmten Finger würde sie mir nie abnehmen, denn sie war (aus guten Gründen) überzeugt davon, dass Lügner ihre Lügen immer mit hanebüchenen Geschichten tarnen. Wer nichts zu verbergen hat, dem genügen ein, zwei Sätze der Erklärung. Langsam hörte die Hand auf, schmerzhaft zu pochen, ich klemmte einen Zehn-Euro-Schein zwischen Untertasse und Becher und verdrückte mich.

Auf dem Bahnsteig war es noch heißer als im Café. Als Kind hatte es mir nie heiß genug sein können. Jeden Morgen nach dem Aufstehen war ich ans Fenster gestürzt, hatte die Vorhänge aufgerissen und in die Sonne geblinzelt. Ja, du liebe Sonne, strahl du nur, so hell du kannst! Auf dem Weg zur Badeanstalt hatte ich ganz tief eingeatmet, um den Sommer in mich aufzunehmen und jedes Lungenbläschen mit heißem Sommerwind, dem einzigartigen Geruch von Kuh, Chlor, Speiseeis, flimmernder Hitze, Pollen, Sonnencreme, Bauernstube, nackter Haut, Insekten, Filterzigaretten und frisch abgeernteten Feldern vollzusaugen. Die Wärme, die Luft, die Gerüche, die Aussicht auf sechs Wochen Ferien und tausend andere Sachen waren in meinem Kopf explodiert und hatten ein unbeschreibliches Glücksgefühl ausgelöst. Der Sonnenschein hoch oben verdichtete sich und rieselte in Schauern zu mir herab, die Sonne brannte sich in meinem Gesicht fest, ich konnte spüren, wie meine Haare ausblichen, ich leckte mir über die salzigen Lippen und freute mich wie ein Tier, das leben darf. Es waren Momente voller Herrlichkeit, ein kostbares Gefühl, am Leben zu sein und sich von ihm verzehren zu lassen, wie es durch mich hindurchbrauste und mich dabei zerstörte. Ja, wirklich, damals verfügte ich über ein Enzym, das Hitze in Glück aufspaltete.

Und nun stand ich schwitzend auf dem sich langsam füllenden Bahnsteig und machte den Mund auf und zu wie ein halbtoter Karpfen. Die Luft war heiß und unangenehm und erfüllte mich mit einer dumpfen Traurigkeit. Vielleicht führt der Kontakt mit der Sonne ab einem bestimmten Alter automatisch zum Tod. Daran muss man sich gewöhnen, wie man sich wahrscheinlich noch an ganz andere Dinge gewöhnen muss. Ich schaute auf die Anzeigetafel und ärgerte mich über die Drecksbahn. Sechs Minuten noch, sechs verschissene Minuten, wozu zahl ich eigentlich Abgaben? Ich erwog ernsthaft, dem Bund der Steuerzahler beizutreten. Mein Gesicht war vor Wut und Hitze rot wie eine Rübe, die Arme hingen wie Topflappen an mir herunter, und aus irgendwelchen Gründen musste ich an Kaffeesahne denken, die dick und gelblich in eine Tasse rinnt.

Das hatte mit früher wirklich nichts mehr zu tun.

Die Anlage, in der meine Großeltern seit bald fünfzig Jahren leben, wird von ihren Bewohnern liebevoll «Käfersiedlung» genannt, da sämtliche Straßen, Wege und Stiege nach netten und nützlichen Käfern benannt sind: Sandkäferstieg, Marienkäferweg, Maikäferring, Dingskäferstraße, Dingskäferkehre. Der Borkenkäfer ist kein nützlicher Käfer, sondern ein Schädling, deshalb ist auch keine Straße nach ihm benannt. (Den Maikäfer gibt’s eigentlich nur noch aus Schokolade.) Die Großeltern sind jung eingezogen und hier alt geworden. Alle sind jung eingezogen und hier alt geworden, alle, alle, alle. Die Siedlung mit dem putzigen Namen ist hoffnungslos vergreist, ein Spiegel der demographischen Entwicklung. Manchmal kommt sie mir vor wie eine von irren Kindern mit starrem Blick (in diesem Fall irren Alten mit starrem Blick) bevölkerte Kleinstadt, die wie in amerikanischen Horror-B-Movies von finsteren Mächten aus den Tiefen des Weltalls entsandt wurden, um als Vorposten die Invasion des Planeten Erde vorzubereiten.

Sobald man die Hauptstraße verlässt und in den Marienkäferweg biegt, erlischt schlagartig alles Leben. Mucksmäuschenstill reiht sich Einfamilienhaus an Einfamilienhaus an Einfamilienhaus. Kein Kindergeschrei, keine Rasenmähergeräusche, noch nicht einmal Vogelgezwitscher. Vielleicht fallen Vögel tot vom Himmel, wenn sie die Greisenenklave überfliegen wollen. Vielleicht bilde ich mir das alles aber auch nur ein. Sicher ist jedenfalls: In der gesamten Siedlung gibt es keinen Menschen unter siebzig. Und Fantomas habe ich in Verdacht, dass er sich bereits die Option auf eine Doppelhaushälfte gesichert hat.

An der Ecke Marienkäferweg/​Sandkäferstieg kamen mir zwei junge Mädchen entgegen. Ururenkelinnen auf Stippvisite oder so etwas. Partnerlook: Sandalen, Jeansminirock, bauchfreie, eng anliegende Unterhemden. Braungebrannt, dezent geschminkt. Die Kleinere hatte ein sehr zartes, von einer Art Retropagenschnitt umschlossenes Gesicht und schmale grüne Augen. Sie sah ein wenig indisch aus. Ihre Freundin war mit dem etwas herben Gesicht, den hohen Wangenknochen und den blonden Haaren, die sie zu zwei Zöpfen geflochten hatte, der nordische Typ.

Wunderschöne, anmutige Wesen, die niemals schwitzen, Schmetterlinge, leicht und flüchtig. In ihren unergründlich hellen Augen liegt ein phosphoreszierendes Glimmen, ihre trugbildschönen Körper sind von winzigen, daunenartigen Härchen bedeckt, die blassroten Münder gleichen aufgeplatzten Kirschen. Erhöhte Geschöpfe, von denen ein irisierendes Leuchten ausgeht, das der Welt neue Farbe verleiht. Schwermut, Krankheit, Alter und Armut können ihnen nichts anhaben, denn sie haben recht: Das Leben geht immer weiter, aber sie werden niemals sterben!

Was dachte ich mir da eigentlich zusammen? So ein Quatsch. Als sie an mir vorübergingen, holte ich tief Luft. Wenn ich mir nur die Lungen mit ihrem Duft vollpumpen könnte, auf Vorrat! Wenn sie doch anhielten und mich küssten. Ich musste mich zusammenreißen, um sie nicht anzuglotzen, doch das wäre gar nicht nötig gewesen, sie plapperten fröhlich und registrierten mich überhaupt nicht. Wahrscheinlich ist es so, wie oft gesagt wird: dass die Jugend die Zeit des Glücks ist, die einzige im Leben.

Verlassen ist der Holderstrauch,

An dem ich einst geküsst.

Es blieb ein Duft, der wie ein Hauch

Aus fernen Tagen ist.

Noch immer hör ich jenes Lied,

Das einst die Nachtigall uns sang.

Wenn auch mein Herz wie einst noch blüht,

Mir wird so abschiedsbang.

Wenn ich mich auch zu trösten weiß

Mit Lachen und Humor,

Aus meinem Aug stiehlt sich ganz leis

Ein kleines Tränchen vor.

Auf der Heide blühn die letzten Rosen,

Braune Blätter fallen müd vom Baum

Und der Herbstwind küsst die Herbstzeitlosen,

Mit dem Sommer flieht manch Jugendtraum.

Möchte einmal noch ein Mädel kosen,

Möcht’ vom Frühling träumen und vom Glück.

Auf der Heide blühn die letzten Rosen,

Ach, die Jugendzeit kehrt nie zurück.

Holde Jugend, holde Jugend,

Kämst du einmal noch zu mir zurück!

Heino: Auf der Heide blühn die letzten Rosen. So kann man’s auch sagen. Heino ist übrigens der Größte, da können die Spießer stänkern, wie sie wollen. Alte deutsche Fahrtenlieder mit Gitarrenrhythmus und im modernen Arrangement. Derartiges gab es vorher nicht und wird’s so schnell auch nicht wieder geben.

Ich musste leider wieder ausatmen. Die Begegnung hatte maximal fünfzehn Sekunden gedauert. Nun komm mal wieder runter. Werd mal wieder normal. Lächerlich. Verwirrte Gedanken, lächerliche Klagen. Ich war aber auch empfindlich heute. Wahrscheinlich lag’s an der Fingergeschichte. Ich dachte ein paarmal «geiler Arsch, geile Titten, elende Fickmäuse» vor mich hin, dann ging es mir ein bisschen besser. Aus welchen Löchern kommen im Sommer eigentlich die geilen Weiber gekrochen, die sich während der dunklen Jahreszeit nie blicken lassen? Die könnten sich mit vormariniertem Discounter-Grillfleisch einschmieren und würden immer noch top aussehen. Und geile Ärsche haben die. Sagenhaft, was die Weiber heutzutage für geile Ärsche haben. Früher hatten nur Sabine Freudenthal und Petra Barsties welche. Wenn überhaupt. Vielleicht liegt das an der Ernährung oder dass sie statt ewig Rückenschwimmen und Weitsprung schon mit zwölf Problemzonensport betreiben. Egal. Ich drehte mich um und sah sie um die nächste Ecke verschwinden.

Ich finde nicht statt. Eine Schimäre, ein Schattenriss, ein Dunkelmensch, ein mit dünnem Strich Skizzierter. Die Mädchen hätten auch fünf oder zehn oder fünfzehn oder zwanzig Jahre älter sein können, es spielte keine Rolle. Genauso wenig, wie es eine Rolle spielt, ob ich nun sieben Kilo mehr oder neun Kilo weniger wiege, eine Fleischmütze habe oder keine, behaart bin oder blank, käseweiß oder tiefbraun, Jeans oder Smoking, Abba oder Zappa, Dings oder Dings: Es ist vollkommen egal. Würstchen im Schlafrock, Pflaume im Speckmantel, die Lage ist hoffnungslos, ich löse bei anderen Menschen einfach keine sexuellen Wünsche aus. Sinnlichkeit und Leidenschaft bedeuten für Männer wie mich eine Bedrohung. Wir können nicht mithalten, wir sind nicht dafür gemacht und haben davon nichts außer Leid, Sehnsucht und einem sinnlosen Losstürmen des Blutes. So einfach ist das. Nichts Spektakuläres, nichts Besonderes, Millionen Männern geht es so. Die meisten kapieren nur nicht, sie wollen ums Verrecken nicht kapieren, dass sie es abschalten müssen, und zwar grundsätzlich abschalten: Früher hätte man dazu Askese gesagt oder Kasteiung oder Selbstzucht. Egal, ich nenne es «Desexualisierung». Vielleicht gibt es den Begriff schon in irgendeinem Zusammenhang, sozusagen offiziell/​wissenschaftlich, interessiert mich nicht, ab jetzt ist es mein Wort. Copyright: M.Erdmann. Im Grunde genommen gibt es nur eine Regel: Enthaltsamkeit. Enthaltsamkeit in den Blicken, Enthaltsamkeit in den Gedanken, Enthaltsamkeit in allem. Im Idealfall unterstützt durch Sport, gesunde Ernährung, wenig Alkohol und kalt Duschen, aber das ist vielleicht doch etwas zu viel verlangt. Auf jeden Fall: Ich hab’s ganz gut in den Griff bekommen, bin quasi bummelig pi mal Daumen auf halber Strecke angekommen. Nur das mit der Sehnsucht, das ist nicht so leicht, denn die Sehnsucht ist viel hartnäckiger als das Verlangen. Aber das würde ich auch noch hinbekommen.

Krrrrk… Krrk… krkk. Die Klingel der Großeltern, nach vierzig Jahren Dauerbetrieb müde geworden, bekommt immer öfter Aussetzer. Manchmal kann man zehn Sekunden drücken, und nichts passiert, dann plötzlich reißt einen das rohe Industrialsample aus den Tagträumereien. Krrrk… Krrrrrrrrk.

Meine Güte, wie lange dauert das denn! Ich starrte auf das stumpfe, mit Grünspan oder irgendetwas anderem (bei mir ist immer alles Grünspan) angelaufene Schild. Wenn ich es nur intensiv genug fixierte, würde es abfallen. War nur so ein Gefühl. Vielleicht hatte ich telepathische Fähigkeiten und wusste es nicht. Riesentalent als Wünschelrutengänger, hätte Erdstrahl- oder Wunderheiler werden sollen. Astrotyp. Hätte, sollte, würde, könnte, jetzt war es zu spät. Die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen. E.R.D.M.A.N.N.Da komm ich her, da geh ich hin. E.R.D.M.A.N.N., der, der in der Erde lebt, was für ein mittelmäßiger Name, da ist die Begrenzung und Perspektivlosigkeit schon mit eingebaut. Man hört einfach nichts, keinen Sound, kein Echo. E.R.D.M.A.N.N.Gehe nicht über Los. Ziehe keine 4000Mark ein. Gehe ins Gefängnis. Begib dich direkt dorthin. Besser: Abschminken und in den Holzpyjama schlüpfen (österreichisch für Sarg). Tolles Wort, Holzpyjama.

Oma öffnete mit dem nur für mich reservierten Gesichtsausdruck: Enttäuschung und Trauer. Ich sollte mich schuldig fühlen. Als Grundgefühl. Entweder fürs Zuspätkommen oder für die anderen Sachen, die ich schon verbrochen hatte und noch verbrechen würde, und wenn das alles nicht langte, gab’s ja noch die Erbsünde. Ob jung, ob alt, Frauen beherrschen das in der Regel aus dem Effeff.

«Ach, Markus, wir dachten schon, du kommst gar nicht mehr. Du hättest doch wenigstens mal anrufen können.»

«Erst mal schönen Sonntag. Wenn ich dir sage, was mir gerade passiert ist, das glaubst du nicht.»

«Nun setz dich mal gleich hin. Für die Kartoffeln kann ich nicht mehr garantieren. Wir haben uns schon Sorgen gemacht.»

Wir war gut, denn Opa zog sich langsam, aber sicher ins dunkelsamtene Bett der Demenz zurück und konnte sich schon seit geraumer Zeit keine Sorgen mehr machen. Keine richtigen jedenfalls. Demenz? Alzheimer? Verkalkung? Die Ärzte wussten es auch nicht. Vor zwanzig Jahren wäre es automatisch Verkalkung gewesen, heute ist es immer automatisch Alzheimer. Im Grunde genommen auch völlig egal, denn die Diagnose ändert nichts (wie bei Rückenschmerzen. Kurzhörspiel: Doktor: «Ganz schief und krumm, Ihr Rücken.» Ich: «Und nun?» Doktor: «Tja.»). Großvaters Verfall war unaufhaltsam, und der Tag rückte näher, an dem er Windeln würde tragen müssen, spätestens dann käme Oma um einen ambulanten Pflegedienst nicht mehr herum, und sobald selbst das nicht mehr reichen würde, gäbe es nur noch das Heim. Oma wusste es, Opa spürte es.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem es losging: Opa war zeit seines Lebens ein formidabler Schachspieler gewesen, nie hatte ich eine Chance gegen ihn gehabt. Noch nicht mal aus Mitleid oder weil ich sein Enkel war, ließ er mich mal eine Partie gewinnen. Wie immer saßen wir uns also schweigend gegenüber, und plötzlich machte er einen unbegreiflichen Anfängerfehler. Dann noch einen und noch einen, und noch einen, und dann setzte ich ihn matt. Die Revanche verlor er kläglich. Verzweifelt hatte er mich danach angeschaut: «Markus, was ist bloß los mit mir? Ich kann gar nicht mehr richtig denken!» Ich wurde verlegen und habe irgendwas wie «Wird schon wieder» gesagt, «Tagesform» oder «Vielleicht hast du was Schlechtes gegessen». Dabei wusste ich, dass es was Ernstes war. Im ersten Jahr hatte er seinen Verfall noch bewusst und schmerzhaft miterlebt, er war ganz verzweifelt und versuchte sich zu wehren, wusste aber nicht, wie. In der nächsten Phase wurde er rührselig, danach schrumpfte er schließlich zu dem Häuflein Elend, das er heute ist.

Wenn er so ganz normal in seinem Sessel sitzt, merkt man nichts. Selbst mit über achtzig zieht er sich jeden Morgen einen Anzug an, eines der Dinge, die er noch selbständig tun kann. So etwas wie Freizeitkleidung hat es bei ihm nie gegeben, Opa im Jogginganzug, undenkbar! Im Bett trägt man einen Schlafanzug, am Strand eine Badehose, sonst Anzug. Opa verbringt fast den ganzen Tag im Sessel. Manchmal setzt sich Oma zu ihm, und sie unterhalten sich, das heißt, Oma erzählt, was sie Leckeres eingekauft hat oder dass es Herrn Sowieso schon wieder schlechter geht. Opas großes Thema ist der Krieg, wie viele alte Männer wird er von seiner militärischen Vergangenheit eingeholt. Sonst guckt er gern Tiersendungen.1

Das Wichtigste für Opa ist aber Essen, noch vor Tieren und sogar noch vor Krieg. Sein Sättigungsgefühl scheint sich zeitgleich mit dem Kurzzeitgedächtnis verabschiedet zu haben, er kann wirklich schaufeln wie ein Scheunendrescher. Gutes Wort, Scheunendrescher. Erstaunlich, was in den kleinen, schrumpeligen Körper alles reingeht. Mit entrücktem Gesichtsausdruck schiebt er sich die Sachen rein, bis nichts mehr da ist oder Oma abräumt. Wenn Oma oder ich beim Essen trödeln, dauert es nicht lange, und seine Gabel beginnt zu wandern. In meinen Träumen sehe ich ihn auf dem Kamm einer pyroklastischen Welle, einer Welle aus kochendem Speisebrei, dem Paradies entgegenirrlichtern, ein Surfer mystique.