Die zweite Grenze - Ilse Nekut - E-Book

Die zweite Grenze E-Book

Ilse Nekut

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Beschreibung

Der 23-jährige schüchterne Sven lebt mit seinem Vater in einer fiktiven Kleinstadt in Norland, zwanzig Jahre nach unserer Zeit. Die Gesellschaft, in der Sven lebt, ist fast perfekt, allen geht es gut, alle sind gesund. Wenn da nicht einige Nachteile wären. Man darf nicht reisen, man darf sich nicht berühren, es gibt keine Musik, keine Kunst. Die einzelnen Länder des Kontinents sind voneinander abgeschottet. Sven lernt ein Mädchen kennen, Jana, die bunt und frech ihr Leben lebt. Die beiden beschließen eines Tages, eine Wanderung zur Grenze ihres Landes zu machen. Und da wartet auf sie eine große Überraschung …

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Impressum 2

Zitat 3

Kapitel 1 4

Kapitel 2 91

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-366-3

ISBN e-book: 978-3-99131-367-0

Lektorat: Mag. Angelika Mählich

Umschlagfoto: Dachux21, Sergey Klopotov, Kostia Osypov | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Zitat

Eines Schattens Traum ist der Mensch

(Pindar, 500 v. Chr.)

Kapitel 1

Sven war 23, aber müde, lebensmüde. Er wollte sich nicht töten, nein, er war nur zu müde fürs Leben. Nichts freute ihn, nichts begeisterte ihn. Leben war mühsam. Nur seine Fantasie, die war intakt, und seine Träume waren farbig.

Seit er hier in diesem Notariat arbeitete, also seit drei Wochen, wusste er, dass sein ganzer Körper aus Büroklammern gemacht war. Eine an der anderen hängend. Ineinander hakend. Meterweise Büroklammern, die ihn, der auch innerlich aus diesen Büroklammern bestand, umwickelten. Leicht an Gewicht, aber umständlich zu bändigen. Er war durch und durch aus diesen Klammern erschaffen, von wem auch immer. Und er versuchte, sein Inneres mit ebendiesen langen Schlangen aus Klammern zu bedecken. Musste ja nicht jeder wissen, woraus er bestand.

Wahrscheinlich war seine Arbeit schuld daran.

Er befürchtete, dass er verrückt geworden war, und tastete nach seiner Haut, seinen Muskeln, seinen Knochen. Elle, Speiche, Kniegelenk, Bauchnabel, Achseln, sein Geschlecht, am Kopf dichtes gelocktes Haar, alles war da wie immer. Er durchsuchte die Nasenlöcher, die Ohren, einfach alles, nach Büroklammern. Aber da waren keine Klammern, kein Büro. Nur er.

Am Ende war es doch nur ein Traum, aus dem er nur langsam erwachte. Der Büroklammerntraum. Ein Traum, der ihn nicht verwunderte, bestand doch seine Arbeit im Notariat daraus, mit Büroklammern alte Schriften und Akten zusammenzuhalten. Er hatte zusammenzuklammern, was ansonsten auseinandergefallen wäre.

Es war drei Uhr nachts. Noch keine Zeit zum Aufstehen. Also weiterschlafen, weiterträumen. Welcher Traum wird ihn als Nächstes heimsuchen? Das fragte er sich nicht ohne Neugier. Er wartete in die Dunkelheit hinein.

Kein gutes Leben.

Oft wäre er gern ein anderer. Einer, der statt Büscheln aus Büroklammern Blumenbüschel betrachten durfte, etwas, das es im Büro dieses windigen Notars nicht gab. Buschwindröschen etwa. Die mochte er besonders. Er war hier in dieser Kanzlei nur vorübergehend angestellt, als Aushilfe für drei Monate. Das tröstete ihn. In Wahrheit liebte er Blumen und Blüten mehr als alte Verträge auf weißem Papier, die es zu schlichten und zu archivieren galt. Er hasste seine Arbeit. Wollte keine Akten ordnen, keine Bleistifte spitzen.

Die E-Taxistation, von der aus er zu seiner Arbeitsstelle fahren konnte, war zu Fuß in fünf Minuten erreichbar. Das war günstig. Er verließ auch heute, es war Dienstag, seine kleine Wohnung und ging los. Der Staat sorgte schon seit Jahren dafür, dass jeder Bewohner von Norland zu seinem 18. Geburtstag eine 40-m2-Wohnung bekam. Um einen sehr niedrigen, geradezu lächerlichen Mietbetrag. Jeder konnte sich das leisten. Svens Vater, Martin Mahler, hatte das Appartement neben seinem Sohn zugesprochen bekommen. Das war angenehm, verstand Sven sich doch gut mit seinem Vater. Beide waren sie eher verschlossen. Vater war Bauingenieur und verdiente wenig. Zusammen mit dem Grundeinkommen, das allen gleichermaßen zustand, kam er aber über die Runden.

Sven arbeitete einmal hier, einmal dort, um sich zusätzlich zum Grundeinkommen etwas dazuzuverdienen. Er wollte einfach als Student ein wenig besser leben. Also Aushilfsarbeiten, also Notariat.

Sven machte sich auf den Weg zur Taxistation. Mit jedem Schritt kam er der ungeliebten Arbeit näher. Da er früh dran war, beschloss er, einen kleinen Umweg über seine „Zauberwiese“ zu machen, einem Ort, an dem es viele Blumen und üppiges Grün gab. Er konnte die Primeln und Leberblümchen betrachten, die sich unverfroren durch die wenigen Schneereste kämpften. Erfolgreich. Solche Wiesen hinter den Häuserzeilen gab es viele in der Stadt. Ein Sieg über den Beton der früheren Jahre.

Sven legte sich ins kalte, feuchte Gras. Er sah Krokusse in aufmüpfigen Farben, lila Blüten, die den Schneeflecken zum Trotz ans Licht brachen. Und weiße Schneeglöckchen. Sie leuchteten mit ihrem Weiß frech aus dem Gras. Auch Schneerosen mochte er. Bald würden die Veilchen mit ihrem aufdringlichen Dunkelblau nachkommen.

Heute Morgen war da eine alte Frau, die ein wenig verschämt lächelte und sich über die Primeln beugte, viele pflückte, unzählig viele. In ihren Händen wuchsen die Blüten plötzlich. Tellergroße Blüten, groß wie Diskusscheiben. Ein riesiger Strauß Primel in grellem Gelb – ein Primelstrauß, viel größer als normalerweise Primelsträuße sind – verdeckte den halben Körper der gebrechlichen Alten. Sie klammerte sich an diesen Blumenstrauß, versuchte, die Blüten und Stängel zu halten, damit sie nicht auseinanderfielen. Sollte er ihr Büroklammern schenken, um die Blumen besser beisammenhalten zu können?

Während die Frau noch immer Blüten an sich raffte, sah Sven sich die gelben und blauen Büschel genauer an, die auf der abgesperrten Wiese durch die Erde brachen. Dem Himmel entgegen. Die einzelnen Blüten drängten sich zumeist zu sechst oder zu acht zusammen. Ganz eng standen sie beisammen, als ob sie auf diese Weise stärker leuchten könnten. Ein farbiger Erguss, der aus dem Erdreich nach oben an die Luft drängte wie Samen aus einer Eichel. Gelbe, weiße, lila Pflanzenbüschel, die sich dem Licht zuwandten. Die Blütencluster wurden für Sven zu Gruppen von Menschen, die im Foyer eines Theaters auf den Beginn des angekündigten Stücks warteten. Jedes Cluster eine Gruppe. Zu sechst, zu acht.

Die gelben, die Primeln, waren Mädchen aus dem nahen Gymnasium, deren Lehrerin sie ins Theater gelockt hatte. Sie standen eng beisammen, taten routiniert und ein wenig gelangweilt. Jede Schülerin ein Blütenblatt, die Lehrerin in der Mitte kaum größer als die Mädchen. Sie wagte es nicht, ihren Schützlingen die Kaugummis aus dem Mund zu nehmen.

Die blaulila Leberblümchen wurden für Sven zu einer Gruppe von alten Leuten mit vertrockneter Haut, vorwiegend Frauen, aus dem Pensionistenheim. Sie klammerten sich an ihre Führerin, aus Angst, verloren zu gehen im Menschentrubel. Manche hatten glänzende Ketten um den Hals. Wann sonst hatten sie schon Gelegenheit, sie zu tragen? Aber das fahle Lila, das sie verströmten, zeugte von fast fertiggelebten Leben.

Die weiße Blumengruppe, die auf der Wiese ganz in Svens Nähe wuchs, verwandelte sich in ein Knäuel junger Männer und Frauen aus der nahen Heilanstalt, die sich sichtlich freuten über die theaterabendliche Abwechslung. Wie Kinder freuten sie sich, rotwangig und aufgeregt. Man hatte die Männer in unbequeme Anzüge gesteckt. Die Frauen in hübsche Kleider. Das vom Regen rein gewaschene Weiß der Schneerosen spiegelte sich in ihren Augen.

Aber es gab auch verstreute, allein wachsende Blumen. Einzelne, vielleicht einsame Theaterbesucher, die ihr Smartphone nicht loslassen konnten, die aber mit einem Programmheft unter der Achsel signalisierten, dass sie bestens gerüstet waren für das Theaterstück, das da auf sie wartete.

Heute gaben sieDer Traum ein Leben. Ausnahmsweise ein altes Stück, das war in der Stadt sehr selten. AusgerechnetDer Traum ein Leben.Für die Gymnasiastinnen langweilig, für die Pensionisten auf jeden Fall interessant, für die Pfleglinge aus der Heilanstalt unverständlich, aber faszinierend. Für sie wäre jedes Theaterstück ein Wunder gewesen. In ein paar Minuten würden sie staunen mit offenen Mündern.

Ein ehrgeiziger Radfahrer knirschte auf dem Schotterweg, der um Svens Zauberwiese führte, knapp an ihm vorbei und warf einen kurzen Schatten auf Sven. Er erwachte.

Die Wiese war plötzlich wieder nur ein großes Stück Rasen, ohne Leute in festlichen Anzügen, ohne Kaugummi kauende Mädchen, ohne Theaterbesucher.

Die alte Frau mit den tellergroßen Riesenprimeln entfernte sich langsam und schwerfällig, drehte sich noch einmal um und winkte Sven. Sie verschwand, wie sie gekommen war, in einem grauen Nebeldunst.

Da war kein Theaterfoyer mehr. Kein Stück vom alten Grillparzer.

Sven war auf dem Rasen eingeschlafen. Nichts war real gewesen, auch die Primelfrau nicht. UndDer Traum ein Lebenwar ohnehin nichts Reales. Kein Theater spielte Grillparzer. Es war wieder nur ein Traum gewesen. Ein Traum, der erst endete, als Sven auf die Uhr sah.

Er ging los. Und er dachte nach beim Gehen. Und träumte beim Gehen. Das machte er immer. Auch mit offenen Augen träumte er.

Sein Leben bestand zusehends aus Träumen. Die Büroklammern, das Theaterfoyer auf der Wiese, die Alte mit den Primeln, alles nur Illusionen und Visionen eines hartnäckigen Träumers. Es sollte ihm gelingen, die Füße auf den Betonboden der Realität zu stellen, aber es war nicht seine Art, sich in der Wirklichkeit zu verankern.

Die Morgenröte, die noch vor seinem kurzen Wiesenschlaf den Horizont in Rosa getaucht hatte, war verschwunden. Er wusste, dass sie vor einer Viertelstunde noch zu sehen gewesen war und dass sie in Orange, Türkis und vor allem eben in fahlem Rosa geleuchtet hatte.

Er beschloss, nach der Arbeit Primeln zu pflücken und klammerte sich an die Tatsache, dass er nur vorübergehend in diesem finsteren Notariat aushelfen musste. Danach würde er frei sein, vielleicht Blumen züchten. Wer weiß …

Er war bei der Haltestelle angelangt. Der Fußweg war zu Ende. Ein E-Taxi war leicht zu organisieren. Er brauchte nur den Arm auszustrecken, und schon hielt eines dieser Gefährte, die für sechs Insassen ausgelegt waren. Alle zwei Minuten fuhren sie, diese autonom gelenkten Gratis-E-Taxis, schon seit Langem, und sie überzogen die kleine Stadt Walberg mit einem dichten Netz von fast geräuschlosen Fahrzeugen. Die Leute konnten überall hingelangen mit ihnen. Es machte also nichts aus, als Sven einer der Wagen vor der Nase davonfuhr. Das nächste Taxi war schon da, und er setzte sich auf einen der freien Plätze. Früher waren die Menschen mit ihren eigenen Autos zur Arbeit gefahren, hatte ihm Vater erzählt. Die Wagen waren mit Benzin betrieben worden, eine verhängnisvolle Praktik. Sie war klimaschädlich und ineffektiv gewesen. Das jetzige System der Fortbewegung war einfach eleganter, in jeder Hinsicht. Sven kannte kein anderes. Benzinbetriebene Privatautos gab es für Liebhaber zu kaufen, aber sie waren rar und außerdem fast unerschwinglich. Wozu auch so etwas anschaffen?

Seine Arbeitszeit würde heute um zwei Stunden kürzer sein. Dienstags musste er zum GeZ17, immer dienstags. Seit Jahren. Dienstags, donnerstags, samstags. Die Tage konnte man sich selbst aussuchen.

Also nur zwei Stunden heute anstatt vier, ein kleiner Lichtblick für Sven. Und trotzdem musste er diese zwei Stunden im Notariat abarbeiten.

Das Studium, das er gewählt hatte, mochte er nicht. Medizinisches Management, das war ihm zuwider. Aber auf Vaters Anraten hin hatte er vor drei Jahren damit begonnen. Die Materie lag ihm nicht, sie war zu trocken für ihn.

Vater verdiente als Bauingenieur nur mittelmäßig, Da blieb für die Unterstützung seines Sohnes nicht viel vom Arbeitslohn übrig. Menschen in technischen Berufen wie Bauingenieure waren seit demBruchschlecht bezahlt, aber Pflegerinnen, Ärzte, Leute aus den medizinischen Breichen waren die am besten bezahlten. Auch die medizinischen Manager. Darum Vaters Wunsch, was Svens Studienrichtung betraf. Systemrelevante Berufe, nannte man das. Die Bezahlung war durchwegs sehr gut. Man hatte seit demBruchdazugelernt.

Sven arbeitete also im Notariat. Für den Chef. Akten schlichten für den Chef. Leben für den Chef? Die Welt außerhalb von Svens Arbeitsstätte war längst digitalisiert. Die Stadtverwaltung hatte aber vor, ein Museum einzurichten:Rechtssprechung damals. Alte, verstaubte Akten aus allen Notariatsarchiven der Stadt mussten gereinigt und geordnet werden. Verkaufsdokumente, Anklageschriften, Patientenverfügungen, alles musste wiederbelebt werden für das Museum. Und Sven reinigte und ordnete mit Überdruss.

Manchmal wünschte er, sein mürrischer, egoistischer Chef würde ersticken in all diesen muffigen Schriften. Eines Tages würde er, Sven Mahler, seinen Vorgesetzten in vergilbte Akten einwickeln, bis nichts mehr von seinem Körper zu sehen war. Er, Sven, würde den Leib des unangenehm riechenden Chefs mit einem breiten, starken Kreppband zusammenschnüren, sodass er am Ende aussehen würde wie diese Gefangenen in manchen alten Kriminalfilmen, die man an einen Sessel gefesselt hatte. Er, Sven, wird seinen Chef so lange drangsalieren, bis der sich nicht mehr bewegen wird können. In eine im Gegenlicht fast zauberhafte, schwebende Altstaubwolke gehüllt, wird der Notar langsam und unter Qualen ersticken in all den zerknitterten, papierenen Seiten. Und es wird kein Traum sein. Kein Erwachen wird den unfreundlichen Mann wieder aus dem Totenreich holen.

Natürlich war das nur ein Traum. Wieder einmal ein Traum mit offenen Augen. Aber irgendwann würde es geschehen, dessen war er, Sven, sich sicher. Fast sicher.

Jetzt saß er also auf einem der sechs Plätze des E-Taxis und steuerte seinem Arbeitsplatz zu.

Widerwillig betrat er das Notariat.

Nach zwei Stunden Aktenabstauben trat Sven erleichtert ins Freie. Seine Vision vom Tod eines Tyrannen hatte er nicht vergessen, aber er wusste, dass dieser Erstickungsmord wohl niemals stattfinden würde. Niemals. Er war enttäuscht von sich. Wieder einmal enttäuscht von seiner Weichheit, seiner Feigheit.

Im Taxi Richtung GeZ setzte er sich auf den freien Platz bei der Tür, die sich pfauchend hinter ihm schloss. Es klang wie die Tür in einem Raumschiff in einem der älteren Science-Fiction-Filme.

Er hatte den Platz neben der Tür gewählt, denn er wollte immer in der Nähe des Ausgangs sitzen. Man konnte nie wissen.

Die Fahrgäste waren wie immer mit den digitalen Flimmergeschichten beschäftigt, die man ihnen per Klick anbot. Man brauchte nur auf einen kleinen Knopf neben dem Sitz zu drücken, und schon fielen die ultraleichten Picture-Phones, die PPs, von oben auf die Leute herab wie früher die Sauerstoffmasken im Flugzeug. Wenn auch weniger lebenswichtig.

Sven verweigerte manchmal das Flimmerangebot. Aber er wusste, was es da alles zu sehen gab. Da gab es diverse Ausschnitte aus Filmen, wobei aber nur Komödien zur Verfügung standen. Schließlich wollte man die Menschen bei Laune halten. Je nach Interessenlage konnte man wählen zwischen Trailern vonDer Clown im Irrgarten, Die lustigen Vieroder Science-Fiction-Movies. Auch Dokus konnte man sich anschauen. Über Wölfe in Norland, über die Nachteile der Atomkraft, über das Leben von Kabarettisten. Der letzte Schrei jedoch waren kurze Werbefilmchen, die zeitlich zwischen zwei Stationen der Taxis passten. Diese Werbungen erzählten kleine, in sich abgeschlossene Geschichten, das genügte den meisten Menschen. Längere Geschichten waren ihnen zu mühsam. Sven sah sich diese kurzen Movies auch ganz gerne an.

Auch Finanznachrichten, Wetterberichte, Werbungen, kurz gefasstes Aktuelles, das es aus dem Land zu berichten gab, konnte man mithilfe dieser PPs betrachten. Nachrichten aus anderen Ländern gab es nicht. Wozu auch? Die Menschen durften ohnehin nicht reisen und hatten das Interesse an fremden Ländern längst verloren.

Alles in allem waren diese PPs eine bahnbrechende Erfindung, ein Sieg der IT-Technik über die Wirklichkeit.

Richtige Bücher kannte Sven nicht. Nur digitale Übersetzungen, die man „Books“ nannte. „Effektiv ist das allemal“, dachte Sven. Man musste kein schweres Buch mehr mit sich herumschleppen, und die Auswahl an Heiterem, Lustigem, Herzerfrischendem war groß.

Sven erinnerte sich vage an eine alte Dame, die ihm, dem kleinen Buben, vor vielen Jahren aus richtigen Büchern vorgelesen hatte. Aber was war ein richtiges Buch? Vielleicht waren auch die Werbefilmchen mit ihren harmlosen Botschaften „richtige Bücher“? Musste es denn Papier und Druckerschwärze sein? Die alte Dame, die ihm vorgelesen hatte – war es seine inzwischen verstorbene Großmutter gewesen? Kaum dachte er an diese vertrauten Stunden zu zweit, war die Erinnerung auch schon wieder verflogen. Vielleicht war es ja auch nur ein Traum. Ein Traum aus vergangenen Zeiten.

Jetzt, in diesem Moment der Gegenwart, saß Sven in einem E-Taxi in der Stadt Walberg, der Hauptstadt des Kreises Sonnwald, im Westen Norlands, ohne dass jemand ihm vorlas, und beobachtete die Menschen um sich herum. Die Fahrgäste nahmen das Angebot an Flimmerstorys, die ihnen per Knopfdruck geliefert wurden, gerne an. Auch Sven tat das meistens. Es war bequem und entspannend, manchmal langweilig. Mitunter war er skeptisch.

„Woche für Woche, jahraus, jahrein hängen wir alle an diesen Bildschirmen und starren gebannt auf virtuelle Geschichten aus einer virtuellen Welt“, grübelte Sven. „Wir haben das Rettungsseil zur Wirklichkeit gekappt.“

In Svens gegenwärtiger Welt gab es keine Bücher aus Papier. Das Drucken dieser Artefakte war eine veraltete Technik. Seit etwa zwanzig Jahren war alles digitalisiert worden, was nach demBruchveröffentlicht worden war. Für die Zeit davor gab es kaum brauchbare Unterlagen. Die älteren Leute, auch Svens Vater, sprachen zwar manchmal von einer Zeit, in der es Bücher gab, aber die Jungen hörten ihnen nicht zu. Was ging sie die Vergangenheit mit ihren Umständlichkeiten an? Außerdem war für die älteren Bürger von der Regierung die Empfehlung ausgesprochen worden, nur wenig oder besser gar nichts von der Zeit vor demBruchzu erzählen. Es würde nur Unruhe schüren.

Die Leute mochten die längst bewährten digitalen Books. Viele der Inhalte dieser Books konnte man wohl der Fachliteratur zuordnen. Manche Menschen, die zu ihrer Arbeitsstätte einen langen Fahrweg hatten, machten im Lauf der Monate in E-Taxis, Bussen oder Schwebebahnen sogar eine fundierte Berufsausbildung.

Richtige Literatur – Romane, Erzählungen – fand sich manchmal auch auf den PPs, aber nur von zeitgenössischen Schriftstellern und nur leichte Kost. Die Sujets der alten Texte waren oft zu dramatisch, zu ernst. Das mochten die Menschen nicht. Auch außerhalb der Busse und Bahnen, in den Bookshops, suchte man vergeblich nach der digitalen Ausgabe eines Goethe oder eines Molière, eines Rilke oder eines Heinrich Heine. Namen, die Sven von seinem Vater gehört hatte. Es war fast unmöglich, einen Text der alten Meister zu ergattern.

„Die Vergangenheit ist uns entwischt“, stellte Sven fest.

„Wir haben die Zeit verloren. Wir haben uns verloren. Aber es geht uns gut. Das sagen alle.“

Sven war beim GeZ angelangt. Wie jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag ging er hier seit seiner Kinderzeit zu seinem Betreuer, der ihn behandelte. Es dauerte nicht lange. Die Betreuer waren routiniert und verrichteten ihre Arbeit schon seit zwanzig Jahren. Verlässlich und genau.

Nach fünf Minuten war er wieder draußen und beschloss, mit der Schwebebahn heimzufahren. Er benützte die Schwebebahn immer dann, wenn er nachdenken wollte. Also oft. Die Linie 2 dieser Bahn war erst vor einer Woche fertiggestellt worden, es fehlten noch die Anschlüsse für die herabfallenden PPs. Das bedeutete, dass nur wenige Leute mit dieser Bahn fuhren, und dass absolute Ruhe herrschte. Unterhaltung war nicht üblich, also hatte Sven die Möglichkeit nachzudenken. Er fuhr mitunter sogar zwei oder drei Runden mit der Linie 2, es kostete ja nichts.

Die erste Station der Schwebebahn nach dem GeZ war der sogenannte „Trödelmarkt“. Man konnte da altes Zeug, Krimskrams aus der Zeit vor demBruchbillig erwerben. Alte Flaschen, antike Schmuckstücke, Hüte, Perlenketten gab es da. Sven konnte das Treiben am Markt von der höher schwebenden Bahn aus gut beobachten. Er brauchte nur seinen Blick nach unten zu richten. Manchmal waren viele Leute beim Einkaufen oder auch nur beim Schlendern zu sehen. Heute nicht. Der Markt hatte bald nach seiner Eröffnung seinen Reiz verloren. Man machte sich nichts aus alten Sachen, und digitale Geräte gab es hier nicht zu kaufen.

Sven sah einen kleinen Buben, der bei einem der Stände verharrte, als ob er aus Stein gemeißelt wäre. „Worauf blickt er?“, wunderte sich Sven. Er erkannte es in ein paar Sekunden. Der Bub schaute gebannt auf einen großen Teddybären aus Plüsch. So etwas hatte er bestimmt noch nie gesehen. Noch nie. Diejenigen Kinder, die Sven kannte, und das waren nur zwei, spielten üblicherweise mit Notebooks, mit kleinen E-Autos oder mit automatisch angetriebenen kleinen Motorrädern. Einen Teddybären kannten die Kinder nicht. Nein, den nicht.

Svens Vater hatte erfahren, dass die Marktbetreiber in letzter Zeit einen Trick anwendeten, um Käufer anzulocken. Sie stellten menschliche Attrappen auf, völlig naturgetreu, um damit den Eindruck großer Betriebsamkeit und Beliebtheit zu erwecken. „Wo Leute sind, gehen Leute hin“, dachten sie, aber die Rechnung ging nicht auf. Die Menschen wollten kein Gedränge, in dem sie sich womöglich berühren könnten. Berührungen waren seit zwanzig Jahren, seit demBruch, unüblich und auch nicht zu empfehlen. Als Sven mit der Schwebebahn über den Markt fuhr, konnte er diese Attrappen sehen, von denen sein Vater gehört hatte. Es war lächerlich und traurig zugleich. In den beliebten Shows, die auch er sich daheim oft und gerne ansah, wendete man ebenfalls solche menschenähnlichen Attrappen an. Der Eindruck eines vollen Zuschauerraums erfreute und beruhigte die Zuseher an den Bildschirmen. Wer sieht schon gerne eine Show ohne Publikum? Man hätte den Eindruck, die Menschheit sei im Aussterben begriffen, oder? Also Attrappen. Quiz und Shows machten den Großteil des Programms aus, und wenn die Leute sich nach der Arbeit daheim zu den wandgroßen Bildschirmen setzten, wollten sie einfach unterhalten werden. Das war verständlich.

Sven dachte nach in seiner Schwebebahn. Er fand keine Meinung zu all dem.

Eine Asiatin stieg in den Waggon ein. Mit einer Siamkatze in einem bläulich glitzernden Katzenkorb. Die Frau setzte sich mit ihrem Tier Sven gegenüber, was ungewöhnlich war. Die meisten Reisenden setzten sich auf leere Plätze ohne Gegenüber. Die Siamkatze starrte ihn, Sven, unverwandt an. Desgleichen die Katzenhalterin. Es fühlte sich an, wie wenn Asiatin und Siamkatze, die sich ungemein ähnlich sahen, etwas von ihm wollten. Sie erwarteten etwas, aber was? Gleichzeitig war der Blick der beiden strafend. Es sah aus, als würden sie Sven aufs Strengste rügen.

Im nächsten Moment tauschten die Katze und die Frau einfach ihre Gesichter aus. Die Asiatin musterte Sven aus dem Korb heraus, und die Katze saß fordernd auf dem Sitz gegenüber. Dieser Gesichtswechsel dauerte aber nur einen Moment lang, vielleicht drei Sekunden.

„Wieder einmal eine Traumillusion, diesmal im Wachzustand“, glaubte Sven und sah zum Fenster hinaus. Er konzentrierte sich und merkte deutlich, dass er wach war und dass das, was sich da vor seinen Augen gerade abgespielt hatte, durchaus real war. Oder doch nicht? Sven wusste es nicht.

Bei der nächsten Station stiegen die beiden aus. Katze und Asiatin waren weg.

Sven aber fuhr weiter, es kostete ja nichts. Und er dachte nach. Über die Digitalität, über Bildschirme, über seinen Chef, über das GeZ, über die bücherfreie Welt, und auch darüber, dass er seine Mutter verloren hatte.

Nach zwei Stunden war er daheim und schaltete den Fernseher ein. Wieder eine Quizsendung, bei der es kein Publikum gab. Attrappen saßen auf den Rängen. Künstlich wurde Applaus eingespielt. Die Menschen waren verschwunden. Oder vielleicht zu Attrappen geworden?

Sven schlief auf dem Sofa vor dem Fernseher ein. Das passierte ihm oft.

Am nächsten Tag war er zum Frühstück bei seinem Vater eingeladen. Sie plauderten über Belangloses. Vage meinte Sven zu erkennen, dass Vater ihm etwas sagen wollte. Martin Mahler schaute seinen Sohn kaum an, redete schneller als sonst, sprach von der ewig gleichen Routine bei seiner Arbeit, auch über die Isolation, wenn er im Homeoffice arbeiten musste, und das war meistens der Fall. Der Bildschirm war alles, was ihm geblieben war.

„Bist du zufrieden mit deinem Studium, Sven?“

Sven war überrascht. Das hatte Vater ihn noch nie gefragt. Bis zu diesem Moment hatte er wohl nie daran gezweifelt, dass das Medizinische Management für seinen etwas verschlossenen Sohn das Richtige wäre.

„Ja, ja, Vater, es passt schon. Nicht immer ist alles einfach, aber im Großen und Ganzen … na ja …“, stotterte er mit rotem Kopf.

„Du kannst auch etwas anderes studieren. Es gibt BWL, Solarenergieplanung, Windradtechnik, IT-Technik mit all ihren Nebenzweigen …“

„Nein, nein, Vater. Ich mach’ schon“, unterbrach Sven ihn.

Aber Vater war nicht zu bremsen.

„Elektrotechnik oder Raumfahrtphysik wäre doch vielleicht auch etwas für dich, Sven. Es gibt innovative Projekte auf dem Gebiet des Wasserschutzes oder in der Werbebranche. Vielleicht interessiert dich so etwas? Du musst auch gar nicht studieren. Mit dem Grundeinkommen geht es sicher auch anders.“

„Nein, Papa, es läuft alles gut.“