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Der erfolgreiche Fernsehmanager Kurt Assens führt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen ein glückliches Leben. Als ihn eine Postkarte mit einer einzigen Frage erreicht, ahnt er nicht, dass innerhalb der nächsten 13 Wochen sein Leben aus dem Ruder läuft. Eine unbekannte junge Frau konfrontiert ihn mit seinen früheren studentischen Idealen. Ein politischer Eklat gefährdet seinen Job. Zugleich tritt der Drogenkonsum seines jüngstens Sohnes zu Tage, während ihm seine Frau kurz darauf eine Affäre gesteht. Und dann ist da noch die attraktive Psychotherapeutin, die seinen Sohn behandelt... Kurt kämpft an den verschiedenen Fronten und muss sich eingestehen, dass sein Leben doch nicht so rund und glänzend verläuft, wie er immer dachte. In diesen emotional unruhigen Fahrwassern sucht er verzweifelt einen Weg. Er spürt, dass er nicht mehr so weiter leben kann, wie bisher. Es gilt eine Entscheidung zu treffen...
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Seitenzahl: 578
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Mark S. Lehmann
Die zweite Postkarte
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Impressum neobooks
"Ignoranti quem portum petat nullus suus ventus est."
Wenn man nicht weiß, welchen Hafen man ansteuert, ist kein Wind günstig.
SENECA, Epistulae morales ad Lucilium
14. Juli 2011
Im hohen Alter schaut der Mensch auf sein Leben zurück, begleitet von mehr oder weniger warmen Erinnerungen. Bei manchen Personen platzen diese Momente bedeutend früher und unerwartet ins Leben. Kurt Assens ahnte nicht, dass er zu diesen Menschen gehörte.
Zufrieden verließ Kurt Assens an diesem heißen Sommertag sein Büro im sechsten Stock des Fernsehsenders B7Q. Im vollverspiegelten Fahrstuhl strich er sich durch sein graumeliertes Haar, sah die Schweißflecken in den Achseln seines rosa-pastellfarbenen Hemds und dachte angesichts der leichten Wölbung seiner 54-jährigen Bauchdecke, dass ein wenig mehr Sport seinen 1,85 Metern gut täte, um ein ausgewogenes Verhältnis von Länge zu Umfang wieder herzustellen. Seine blauen Augen erfreuten sich an der kräftigen Sommerbräune und dieser vom Sehnerv weitergeleitete Impuls löste bei Kurt angenehme Erinnerungen an den zweiwöchigen Segelurlaub aus, den er vor Kurzem mit seiner Frau Manuela in der dänischen Südsee genossen hatte. Der Fahrstuhl spuckte ihn in den Eingangsbereich aus. Freundlich verabschiedeten die Empfangsdame und zwei Sicherheitskräfte ihn. Sein sportliches Cabrio, das in einem Stuttgarter Vorort zur Welt gekommen war, stand dankenswerterweise im Schatten. Er öffnete das Verdeck. Während die Klimaanlage seine Füße auf Hochtouren kühlte, ließ der Kopf den Tag Revue passieren.
Als Leiter des Programmbereichs "Politische Unterhaltung" hatte er mit seinen Redaktionsleitungen die Sendungen der nächsten Wochen durchgeplant. Da viele Mitglieder der Redaktionen im Urlaub waren, hielten sich die Diskussionen im Rahmen. Erholsam war, dass die beiden Platzhirsche Scharzhofer und Ellwanger beide in die Ferien verreist waren und sich nicht den üblichen Brunftkämpfen um die Macht im Bereich der politischen Talkshows hingaben. Scharzhofer neigte zum investigativen, sanft entblößenden Journalismus, während Ellwanger ein Freund der konfrontativen Diskussionsrunden war, die häufig im keifenden Streit rivalisierender Politiker endeten. Beide Formate hatten ihre Berechtigung und wurden laut Meinungsforschern von ähnlich vielen TV-Nutzern konsumiert.
Dank der Schulferien erreichte Kurt Assens seine weiße Jugendstilvilla im feinen Hamburger Stadtteil Eppendorf schneller als gewöhnlich. Er öffnete mit der Fernbedienung das Schmiedeeiserne Tor und parkte seinen Wagen in der mit Kopfstein gepflasterten Einfahrt. Als Kurt den kurzen Kiesweg zum Treppenaufgang entlang ging, strömte von den roten und weißen Rosen des Blumenbeets, das zur Linken lag, ein verführerischer Duft in den Vorgarten und bezirzte die Rezeptoren seiner Nase. Da der Briefkasten noch nicht geleert war, wusste Kurt, dass Manuela noch nicht zuhause war. Ihre beiden Söhne waren in den Ferien. Karsten, der vor wenigen Tagen volljährig geworden war, befand sich mit seinem Segelverein für zwei Wochen in einem Trainingslager am Gardasee. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Henning war mit seiner Freundin Ina und einigen Freunden für eine Woche nach Ibiza in das Ferienhaus von Inas Eltern geflogen. Kurt schloss die Tür auf und entleerte den Briefkasten. Zwischen diversen Rechnungen und Werbeprospekten schimmerte ein hellblauer Briefumschlag hervor. Kein Absender. Französische Briefmarke, abgestempelt in Paris. Kurt öffnete den Umschlag, entnahm ihm eine Postkarte mit dem Fotomotiv vom Boheme-Stadtteil Montmartre, überragt von der weißen Kapuze der Basilika Sacré-Cœur. Er drehte die Karte um, starrte auf die wenigen Worte; dann folgten ein Erblassen und ein unkontrollierter Adrenalinstoss:
„Treffen am Montag ~ 25.07. ~ 15.00 Uhr ~ Cafe zeitlos. ~ Wo sind deine Träume geblieben? “
Susanne!? Konnte das sein? Nach über 20 Jahren! Genau ihr Stil: der wiederkehrende, gewellte Bindestrich! Genau unser Treffpunkt: Cafe zeitlos! Und vor allem: genau wie damals, als sie ohne Verabschiedung aus seinem Leben verschwand und ihm nur einen Briefumschlag zusandte, in der eine Postkarte steckte. Und auch auf der damaligen Postkarte dieselbe an ihn gerichtete Frage: „Wo sind deine Träume geblieben?“
Damals zog Susanne in die Welt, ließ nichts mehr von sich hören und gewährte ihm nie die Chance, diese eine Frage zu beantworten. Warum jetzt? Warum will sie ihn sehen und was beabsichtigt sie? Kurt verspürte Schwindel und aufsteigende Hitze.
13. Juli 2011
Als Kurt Susanne begegnete, studierte er im elften Semester Germanistik, zwar mit literarischer Leidenschaft doch ohne berufliche Ambitionen und vor allem ohne Eile. Begeistert hatten ihn Hesse und Nietzsche. Der Schiller- und Lessing-Kult war ihm suspekt; Goethe zollte er Respekt. Ihn faszinierte Hesses Narziß, in dessen Ebenbild Kurt sich ein wenig gespiegelt sah. In Kleinigkeiten verlor er sich gern; genoss das Sein im Jetzt und Hier. Keimten philosophische Fragen und Gedanken in ihm auf – was nicht selten passierte – hielt er sie auf Zetteln fest, die er in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung an Möbel und Türen klebte. Ihn einen Tagträumer zu nennen, hätte ihn falsch beschrieben; genießender Alltagsbewältiger entspräche eher dem Hammer auf dem Nagelkopf.
Kurt war lange das Sorgenkind der Familie. Als Frühchen kam er zur Welt. Sein Körperwachstum schritt nur sehr langsam voran. Dazu war Kurt still und introvertiert. Im Vorzeigestadtteil Harvestehude führte sein Vater Dr. Assens eine gut laufende Kanzlei, in die Kurts sieben Jahre älterer Bruder Dieter später mit promoviertem Schritt eintrat. Seine Mutter hatte eine kaufmännische Ausbildung absolviert, allerdings nie in dem Beruf gearbeitet und beschäftigte sich leidenschaftlich mit der Aufzucht ihrer Kinder.
Sein Vater, der sehr viel Wert auf gesellschaftlichen Status legte, hatte bisher mit den schulischen Leistungen seines ältesten Sohnes Dieter und der musischen Begabung seiner Tochter Gerlinde in seinen Juristenkreisen geprallt. Ein kleinwüchsiges, stilles Kind passte gar nicht in dieses Selbst- und Weltbild. Zu anderen Kindern in der Nachbarschaft hatte Kurt wenig und wenn eher zufälligen Kontakt. Auch forcierten seine Eltern dieses nicht. So wuchs Kurt sehr umhütet und isoliert auf, sprach wenig und durchlebte eine introvertierte Kindheit. Um seine körperliche Entwicklung zu forcieren, wurden Kurt ab dem vierten Lebensjahr regelmäßig Wachstumshormone gespritzt. Zur Freude der Eltern nahm seine Körpergröße in den nächsten Jahren zu. Bei seiner Einschulung überragten alle Erstklässer ihn, jedoch wirkte Kurt nicht mehr kleinwüchsig. Dieter wurde lange Zeit von Klassenkameraden und Nachbarkinder wegen seines Zwergenbruders verhöhnt. Seine Frustration und Verärgerungen gab er zuhause an seinen Gnom von Bruder weiter. Wenn ihre Mutter dieses mitbekam, stellte sie Dieter zur Rede und bat ihn um bemitleidende Rücksichtnahme. Andererseits nahm Dr. Assens Dieter in Schutz und wies seine Frau daraufhin, dass es nicht angehen könne, dass der älteste Sohn unter den körperlichen Unzulänglichkeiten des jüngsten Familienmitglieds leiden müsse. Diese Auseinandersetzung wurde von Seiten Dr. Assens gelegentlich laut und stets resolut geführt. Sie endeten im Schweigen der Mutter. Dieter fühlte sich bestätigt und piesackte seinen Bruder weiter. Jener zog sich in sein inneres Schneckenhaus zurück. Gerlinde, die fünf Jahre älter als Kurt war, wurde wie eine Prinzessin von den Eltern hofiert. Sie hatte lange, blond-goldene Haare, eine musische Begabung und war ein Beispiel par Excellenze für mädchenhafte Tugendhaftigkeit. Gelegentlich gewährte sie ihrem jüngeren Bruders ein wenig Aufmerksamkeit.
Die wesentliche emotionale Stütze fand Kurt in Oma Hertha, seine Großmutter mütterlicherseits. Sie las ihm vor, unternahm Ausflüge mit ihm und ergriff Partei für ihn gegenüber seinen Eltern.
In der Grundschule suchte Kurt zu seinen Mitschülern kaum Kontakt. Seine Frühstücksstullen begleiteten ihn verlässlich in den Pausen. In der zweiten Klasse fand er in seinem Klassenkamerad Heinz einen Seelenverwandten. Auch Heinz hielt sich von sportlichen Aktivitäten fern. Beide sammelten Tierbilder und Quartettkarten. Sie wohnten zwei Straßenzüge von einander entfernt und trafen sich gelegentlich nach der Schule. Kurts Schulleistungen erreichten nie das Niveau seiner Geschwister, dennoch beruhigten die Fortschritte ihres jüngsten Kindes die Eltern ein wenig. Dieters Wahrnehmung unterschied sich von der seiner Eltern; Arroganz prägte sein Auftreten gegenüber Kurt.
Obwohl Kurt selbstständig im Leben voranschritt, brachte seine Mutter regelmäßig ihre Sorge zum Ausdruck. Noch während seines Studiums nervte sie ihn mit ihrer ewigen Fragerei, wann er sein Examen machen wolle und wie er zukünftig eine Familie ernähren will? Verlässlichkeit zeichnete Kurts Mutter aus: Annähernd jeder zweiter Satz begann mit einem „W“ und endete mit einem Fragezeichen. Folglich besuchte Kurt seine Eltern in verträglichen, homöopathischen Dosen: Weihnachten, die Geburtstage der Eltern. Die antibiotische Dröhnung war allerdings der jährliche Besuch seiner Eltern in Kurts Studentenbüdchen an seinem eigenen Ehrentag. Neben Kriminalromanen, die er nie las und schließlich im Antiquariat gegen Jazz-Scheiben tauschte, schenkte seine Mutter ihm und dem Zustand seines Etablissements besorgte Blicke.
Seine Schwester Gerlinde hatte sich einst an der Universität in Frankfurt der Angliszistik zugewandt. Seit Jahren richtete sich ihr blauäugiger Blick auf ihre beiden Kinder und ihren Mann, der als Bankfilialleiter in Frankfurt tätig war. Ihre Familie musste sich ihre Zuwendung lediglich mit einem Klavier und einem Pferd teilen. Kurt erntete lange Zeit von beiden weiblichen Familienmitgliedern bemitleidende Blicke: Endlose Semester des Studiums und immer noch kein Abschluss, noch nicht mal der Ansatz eines Einbiegens auf die Zielgerade der Alma-Mater-Zeit. Erst mit Beginn seiner überraschenden Fernsehkarriere verwandelte sich die Sorge in eine blühende Landschaft voll Stolz. Der männliche Flügel der Sippe betrachtete Kurt lange Jahre nur als Versager. Später entwickelten die beiden Doktoren Assens neben Häme wütenden Groll wegen Kurts politischer Aktivitäten. Dass Kurt quasi als Spätstarter der Familie noch eine so erfolgreiche Karriere hinlegte und bedeutend mehr Ruhm als sein älterer Bruder und sein Vater erlangte, verstärkte deren Missbehagen. In Gegenwart der Männer vermieden Gerlinde und seine Mutter über Kurt zu sprechen, um nicht Testosteron geleitete, seismographische Erschütterungen auszulösen.
Mit der Postkarte in der Hand ging Kurt in sein Arbeitszimmer im ersten Stock. Er las die Karte erneut durch, ging zum Fenster und starrte in den Garten. Zu genau konnte er sich an die letzte Nachricht von Susanne erinnern. An Silvester 1989, zwei Wochen nachdem sich Susanne von ihm getrennt hatte, fand er den Briefumschlag mit der Postkarte im B riefkasten.Als Motiv hatte sie sich Wim Wenders Engel aus dem Film „Der Himmel über Berlin“ ausgesucht, der auf der Siegessäule sitzt und über die Stadt blickt. Auf der Rückseite stand damals nur diese eine Frage, die ihm nun auch aus der Pariser Karte ins Auge stach: „Wo sind deine Träume geblieben?“ Das war die letzte Nachricht, die er von Susanne erhalten hatte. Warum meldet sie sich jetzt und stellt nach über zwanzig Jahren erneut die Frage? Gedanken rasten wie ratternde Güterzüge durch Kurts Kopf und fanden keine Ruhe. Geistesabwesend starrte er in den Garten. Kurt schreckte hoch, als die Haustür geschlossen wurde und Manuelas Stimme ein „Hallo - Wo steckt denn der Herr Produzent?“ durch das Haus hallen ließ. Ruckartig drehte er sich um, öffnete die linke obere Schublade seines Schreibtisches und ließ die Karte darin verschwinden. Nach kurzem Zögern ging er die Treppe hinunter. Manuela stand mit einer Einkaufstüte im Flur. Kurt gab ihr einen flüchtigen Begrüßungskuss.
Manuela äugte ihn mit leicht geneigten Kopf an: „Ist was, Kurt? Du siehst irgendwie mitgenommen aus.“
„Nein, nein, alles in Ordnung. Lediglich die Hitze macht mir zu schaffen und die Redaktionssitzungen heute taten ihr Übriges.“
„Na, dann ist es am Besten, wenn wir es uns bei einem Fläschchen Wein und einem Essen im Garten gemütlich machen. Was hältst du von Blattsalat mit Scampi-Spießen?“
„Klingt verlockend.“
Während er den Tisch deckte, überlegte Kurt, warum er Manuela nicht von der postalischen Mitteilung erzählt hatte. Seine eigene emotionale Reaktion befremdete ihn. Was machte ihn so unruhig? Erst musste er eine Antwort finden, bevor er Manuela einweihen konnte.
14. Juli 2011
Schweiß gebadet wachte Kurt am Morgen auf. Den letzten Fetzen eines nächtlichen Traumes bekam sein Bewusstsein noch zu fassen.
Er stand alleine vor der Tafel in seinem alten Gymnasium und sollte eine mathematische Gleichung lösen. Ein Stück Kreide in der Hand haltend und das langsame, rhythmisch bedrohliche Fingertrommeln seines verhassten Lehrers Kramer im Rücken vernehmend, betrachtete er die Aufgabe. Seine Gedanken waren blockiert und er spürte das hämische Grinsen einiger Mitschüler in seinem Rücken. Kramers Trommeln schwoll zu einem Brausen an und das Gelächter der Mitschüler klang wie das Grummeln einer nahenden Gewitterfront. Aus dieser Kakophonie quoll Kramers mit scharfer Stimme verkündetes Urteil hervor: „Assens, Sie jämmerlicher Versager.“ Die Tafel schwankte vor Kurts Augen und bevor sie ihn erschlug, rettete er sich ins morgendliche Erwachen.
Frisch geduscht frühstückte Kurt gemeinsam mit Manuela in sommerlicher Luft auf der Terrasse. Es gelang ihm nicht, die Tageszeitung wie sonst konzentriert und zügig nach den wichtigen Themen zu durchforsten.
Auf der Fahrt zur Arbeit konnte auch keine beschwingte Jazz-Musik die bedrohliche Stimmung des Traumes vertreiben.
Die Teilnahme an der Redaktionssitzung der Sendung „Talk um 5 vor 12“ lenkte ihn ab; die Redakteure stritten darüber, wie der aktuelle Justizskandal präsentiert werden soll.
Die dunklen emotionalen Wolken hatten sich zurückgezogen, als Kurt nachmittags zum Tennisplatz fuhr, um mit seinem Freund Achim, der seit Jahren bei einen öffentlich-rechtlichen Sender im Kulturressort arbeitete, die Filzkugel über das Netz zu treiben.
Als er gegen halb Acht nach Hause kam telefonierte Manuela gerade mit Karsten. Kurt entnahm dem Kühlschrank einen Flasche Sauvignon blanc, füllte zwei Gläser und setzte sich auf die Terrasse. Manuela hatte dort bereits den Tisch mit Salat, Antipasti und Ciabatta bestückt. Kurze Zeit später trat sie zu ihm, küsste ihn auf die Stirn. Er reichte ihr das zweite Glas.
„Schöne Grüße von Karsten.“
„Danke. Wie läuft es im Trainingslager?“
„Er klang sehr zufrieden. Sie haben sonniges Wetter und es weht ein guter Wind. Momentan vertiefen sie ihre Kenntnisse im Spinnakersegeln. Fürs Wochenende ist eine Regatta mit den italienischen Gastgebern geplant.“
Als begeisterter Segler freute sich Kurt darüber, dass sein Ältester diesen Sport auch liebte. Im Gegensatz zu Kurt, der dieses Hobby erst mit Ende Dreißig für sich entdeckte und nun seine eigene Fahrten-Yacht steuerte, begann Karsten früh mit dem Jollensegeln und dieses zunehmend erfolgreich. In seiner Altersklasse war er dieses Jahr sehr zu Freude seines Vaters Hamburger Vizemeister geworden.
Karsten war ein ruhiger und ehrgeiziger junger Mann. Er hatte die blauen Augen seines Vaters und die blonden Haare seiner Mutter. Neben dem Segeln interessierte er sich für Computer. Beim Betreten seines Zimmers bekam jeder Besucher den Eindruck, er stehe in einem Server-Raum. Lediglich das Bett und der Kleiderschrank deuteten daraufhin, dass dieser Raum auch noch anderweitig genutzt wird.
Ganz anders Henning. Nicht nur äußerlich unterschied er sich mit seinen braunen Haaren und seinen ungewöhnlich grünen Augen von seinem Bruder.
Seine Schulnoten befanden sich seit ein paar Monaten im Sinkflug. Im Gegensatz zu Karsten besaß Henning einen großen Freundeskreis und war als Stimmungskanone sehr beliebt. Seit einem Jahr war er mit seiner Schulkameradin Ina Sanchez-Olten befreundet. Sie war eine flippige, dabei aber gewissenhafte junge Frau. Sie fiel schnell mit ihrem braunen Wuschelkopf und ihrer schrill-bunten Kleidung im Stil der Flower-Power-Bewegung ins Auge. Ihre Eltern betrieben eine erfolgreiche Werbeagentur und besaßen ein Anwesen auf Ibiza, auf dem Ina und Henning mit einigen Freunden bis Sonntagabend ihren Urlaub verbrachten.
Manuelas große Sorge war, dass ihr jüngster Spross sich in der Welt der Drogen verirren würde. Vor sieben Wochen schleppten zwei seiner Freunde ihn Sonntagmorgens um halb vier nach Hause. Als er mittags aufstand, stellten Manuela und Kurt ihn zur Rede.
Auf Manuelas Frage, ob er auch andere Drogen konsumiert habe, antwortete Henning mit einem kurzen „Wie kommst du denn darauf? Es wurden auf der Party verschiedene alkoholische Getränke gemischt. Die Cocktails sind mir nicht so gut bekommen.“ Damit war der Dialog beendet.
Seit diesem Tag beobachtete Manuela ihren Sohn mit Argusaugen. Lange hatte sie mit Kurt darüber debattiert, ob sie Henning alleine mit seiner Clique nach Ibiza fahren lassen dürfen. Schließlich hatte Kurt sich mit dem Argument durchgesetzt, dass sie gemeinsam diese Reise im Frühling erlaubt hätten und Henning sich sehr darauf gefreut habe.
Nachdem Manuela ihnen beiden Salat auf die Teller geschaufelt hatte, drehte sie sinnierend ihr Weinglas in der Hand: „Im Gegensatz zu Karsten meldet sich Henning nicht. Ich mache mir Sorgen!“
„Schick ihm doch eine SMS.“
„Das finde ich unpersönlich. Ich muss seine Stimme hören, um zu wissen wie es ihm geht.“
„Dann ruf ihn an.“
„Nee, dann denkt er, ich bin die Gluckenmama.“
„Bist du das denn nicht?“, sagte Kurt mit einem kleinen Grinsen.
„Mach dich nicht noch lustig über mich? Ich erlebe ihn seit Wochen distanzierter und verschlossener.“
„Waren wir das nicht als Jugendliche gegenüber unseren Eltern auch?“
„Karsten ist nicht so.“
„Vielleicht sollten wir uns eher Sorgen um ihn machen, weil er sich so ungewöhnlich verhält. No sex, no drugs, no Rock´n Roll.“
Manuela verdrehte genervt die Augen: „Immerhin muss er nicht Sonntagmorgens von Freunden nach Hause geschleppt werden und rennt dann wie ein Tiger im Käfig im elterlichen Wohnzimmer hin und her.“
„Oder wie der Panther in dem Gedicht von Rainer Maria Rilke.“
„Hör bitte auf! Ich glaube, dass Henning uns belogen hat, als wir ihn fragten, ob er noch was anderes als Alkohol zu sich genommen habe.“
Kurt vernahm den ernsten Unterton in Manuelas Stimme.
„Ich teile dein Misstrauen. Wie schon letztens gesagt, kenne ich dieses alberne Kichern aus meiner Schulzeit. Typisches Kiff-Phänomen. Hast du alles deinen Eltern erzählt?“
Manuela schüttelte den Kopf „aber ich habe auch nicht gekifft!“
„Dafür hast du einige Liebesabenteuer deinen Eltern unterschlagen.“
„Illegaler Drogenkonsum ist nicht gleichzusetzen mit jugendlichen Liebeleien.“
„Manuela, für mich war Kiffen damals ein Kick. Es stand für Verbotenes und Cool-sein. Viele haben gekifft und keiner von uns ist in die Drogenszene abgeglitscht.“
Manuela stach entnervt ein Salatblatt auf, das sie zügig in ihrem Mund verschwinden ließ. Kurt verstand das Signal. Keine weitere Diskussion. Um Manuela zu besänftigen, schlug er vor: „Wenn wir Morgenabend auf unserem Boot in Sonderborg sind, rufe ich Henning an. Ich frage ihn dann, ob es bei der Ankunftszeit des Fliegers am Sonntagabend bleibt.“
Er hielt ihr sein Glas zur Güte hin. Sie nahm ihres und stieß als Zustimmung an.
15. Juli 2011
Am nächsten Tag verließ Kurt zeitig sein Büro. Manuela hatte eingekauft und staufrei gelangten sie nach Dänemark.
Da der Mobilfunkempfang am Liegeplatz schwach war, ging Kurt nach dem Abendbrot bis zum Ende der Mole und versuchte Henning zu erreichen. Da nur die Mailbox ansprang, wählte er die Nummer des Festnetzanschluss im Ferienhaus von Inas Eltern.
Nach dreimaligen Freizeichen wurde der Hörer abgenommen. Aus dem Telefon schrillten laute, aggressive Beats.
„Hallo, wer ist da? Ich kann nichts hören; Moment, ich gehe raus“, sagte eine weibliche, leicht lallende Stimme. Nach einer halben Minute klang das Wummern der Bässe ab. „So jetzt kann ich hören. Wer ist da?“
„Hier ist Kurt Assens. Ich wollte kurz mit Henning sprechen.“
„Ola“, dann folgte eine kurze Pause, „ich vermute, der kann gerade nicht telefonieren.“
„Wieso nicht?“
„Ich glaube, der ist etwas breit.“
„Bist du es Ina?“
„Nein ich bin Steffi. Ina ist auch etwas breit.“
Kurts journalistischer Instinkt war alamiert: „Habt ihr jeden Abend so eine Sause? Was gibt es denn bei euch? Sangria, Cocktail, shit oder was?“
„Du bist lustig. Jeden Abend Sause und alles außer Brause“, reimte das weibliche Wesen am anderen Ende der Leitung und kicherte. „Willst du kommen und mitfeiern, dann bring Stoff mit“
„Welchen soll ich denn mitbringen?“
„Wie du willst, Süßer. So, jetzt gehe ich wieder rein.“
Nach einem „Ciao!“ folgte das Besetzzeichen. Kurt drückte die Wahlwiederholung, doch der Anschluss war weiterhin besetzt. Diese Party schien jeden Ballermann-Abend in den Schatten zu stellen.
Um Manuela nicht weiter zu beunruhigen, schilderte er ihr nicht die ganze Geschichte. Er erzählte, dass er nur eine Freundin von Ina und Henning erreicht habe. Ihr Sohn und seine Freundin seien heute Abend mit anderen auf einer Party. Dass er in der Musikhölle, in der sich ihr Sohn entweder sternhagelvoll oder bekifft befand, direkt angerufen habe, verschwieg er beflissentlich.
16. Juli 2011
Bevor sie am Samstagmorgen die Leinen lösten, schickte Kurt seinem Sohn eine SMS, in der er nach der Ankunftszeit des Fluges fragte.
Während Kurt bei angenehmen drei Windstärken das Boot durch den Alsensund nordwärts steuerte, las Manuela einen Roman.
Das Steuerrad in der Hand sinnierte Kurt über seinen Traum von Donnerstag nach. Mathematik gehörte wahrlich nicht zu seinen schulischen Leidenschaften. Seit seiner Kindheit hatte er viel gelesen und folglich hatte er Deutsch als Leistungskurs neben Englisch gewählt. Für die gleiche Kombination hatte sich auch Heinz entschieden, der schon in der Grundschule sein Sitznachbar war. In der Oberstufe nahmen sie beide an der Theater-AG teil. In der Sommernachtsinszenierung glänzte Kurt als verliebter Lysander, während Heinz den Elfenkönig Oberon spielte.
Am späten Nachmittag legten sie in Dyvig an und gingen in ein Restaurant. Beim Essens ging eine SMS von Henning aufs Kurts Handy ein „Wetter super, Stimmung auch, Ankunft morgen 20.45.“ Klang ganz so als ob ihr Sohn gerade nüchtern und bei klarem Kopfe sei. Lediglich dem alten Germanistiken in Kurt stieß missbilligend auf, dass vollständige Sätze nebst Verben in Zeiten der Kurzmitteilungen vom Aussterben bedroht waren.
17. Juli 2011
Als Manuela und Kurt den Flughafen erreichten, nahm gerade auch Hennings Flieger seine Parkposition ein. Wenigstens an diesem Punkt bestand eine wenn auch unbewusste Harmonie zwischen Eltern und Sohn.
Im Ankunftsbereich warteten bereits Inas Eltern. „Ich hoffe unser Haus steht noch“ sagte Inas Mutter mit einem Lächeln.
„Haben Sie Grund zur Sorge“, fragte Kurt.
„Nein, aber Sie wissen doch selber, wie es war, als wir selber jung waren, oder?“ erwiderte Herr Olten augenzwinkernd. In diesem Moment erschien die Clique in der Schiebetür.
„Ola, Ina“, rief Frau Sanchez-Olten und umarmte ihre Tochter innig, „ihr seht alle ein bisschen übermüdet aus. Waren wohl kurze Nächte oder?“
Auch Henning sah ziemlich mitgenommen aus. Kurt wuschelte ihm kurz durchs Haar. „Na alles klar?“
„Ja“, sagte Henning und umarmte seine Eltern, „ich brauche jetzt nichts dringender als mein Bett.“
Auf der kurzen Fahrt nach Eppendorf antwortete Henning auf die investigativen Nachfragen seiner Mutter, dass sie zweimal surfen waren und am Swimmingpool viel gefaulenzt haben.
„Und abends?“
„Gelegentlich Party in der Diskothek oder am Pool.“
Kurt verkniff sich einen Kommentar. Weder wollte er Manuela weiteren Grund zur Beunruhigung geben noch seinen Sohn in die Enge treiben. Er hielt sich an einen seiner journalistischen Leitsätze: Über vieles kann man sprechen, aber nicht alles muss gesagt werden.
18. Juli 2011
Ironischerweise träumte Kurt in der Nacht, dass er kiffend mit Susanne in einem dunklen Raum saß. Sie hörten bei Kerzenschein laute Musik und kicherten. Plötzlich standen seine beiden Söhnen in der Tür. Sie trugen ihre Konfirmationsanzüge, schüttelten den Kopf und beschimpften ihren Vater. Henning nahm sein Handy aus der Tasche und drohte Kurt, dass er Manuela anrufe. „Mach es doch“, gröllte Kurt und knutschte wild mit Susanne. Schließlich erschien Manuela mit einem Gartenschlauch in der Hand. Stinkende Gülle sprühte sie auf Susanne und Kurt.
Als die Jauche auf ihn nieder regnete, sprang der Wecker an und ermöglichte Kurt die Flucht in sein morgendlich lichtdurchflutetes Schlafzimmer.
Er duschte und ging mit einem frischgebrühten Latte macchiato in den Garten.
Neben der großen Trauerweide schob der kleine Steg seinen Finger in den Flusslauf der Alster. Kurt setzte sich in den alten Holzsessel, der auf dem Steg verwurzelt war. In der morgendlichen Brise wiegten sich die Zweige der Trauerweide wie Feenhaar.
Kurt schlürfte an seinem Kaffee und grübelte über den Traum nach.
Er entschied sich zum Treffen mit Susanne zu gehen, um ein offenes Kapitel im Buch seines Lebens schließen zu können.
Schwieriger war die Frage, ob er Manuela über den Brief informieren sollte.
Ehrlicher wäre es sie zu informieren; stressfreier hingegen das Treffen mit Susanne zu verheimlichen. Wie die Äste der Trauerweide im sachten Sommerwind wogen auch Kurts Gedanken hin und her.
Unentschlossen fuhr er in den Sender. Nach der wöchentlichen Sitzung mit seinen Redaktionsleitern ging er in der Mittagpause in den benachbarten Park. Mit Abstand betrachtet, kam er zu dem Entschluss, dass es doch das Beste wäre Manuela über das Treffen mit Susanne zu informieren.
Als er in sein Büro zurückkam, begrüßte ihn seine Büroleiterin Frau Leitmaier mit ihrem deftig bayrischen Akzent. Seit Kurt zum Leiter des Programmbereichs "Politische Unterhaltung" aufgestiegen war, waltete Frau Leitmaier diskret und zuverlässig als seine rechte Hand. In der Hektik des Senderalltags strahlte sie mit ihren 48 Jahren Ruhe aus. Sie trug ein helles, ärmelloses Kleid, das in harmonischem Kontrast zu ihrem schwarzen Pagenschnitt stand. Ihre braunen Augen schauten ihn an und sie teilte Kurt mit, dass er seine Frau umgehend zuhause anrufen möge. Kurt stutzte. Dass Manuela um Rückruf bat, kam gelegentlich vor, doch noch nie hatte Frau Leitmaier ihm die Nachricht mit dem Hinweis auf Dringlichkeit ausgerichtet. Kurt griff zum Hörer. Nach zweimaligen Freizeichen meldete sich Manuela.
„Unser Sohn nimmt Drogen!“, schrie Manuela hysterisch, „ich habe seine Urlaubswäsche heute waschen wollen und in seiner Jeans drei Tabletten Ecstacy gefunden. Ich habe Henning zur Rede gestellt. Er hat es nicht geleugnet, beschimpfte mich, weil ich ihm nachspioniere und ist dann wütend aus dem Haus gerannt.“
„Ich habe gleich noch eine Sitzung, danach komme ich gleich nach Hause.“
Ob drei Ecstacy-Tabletten als Indiz für eine Drogenkarriere ausreichten, bezweifelte Kurt. Gleichwohl konnte er Manuelas Sorge nachvollziehen. Zu deutlich klingelten noch die exzessiven Technobeats aus dem Telefonat mit Ibiza in seinem Ohr.
Als er zuhause ankam, tigerte Manuela unruhig durch die Küche. Von Henning gab es keine Spur. Nicht einmal die Mailbox sprang an, als Kurt ihn auf seinem Handy anrief. Schließlich rief Kurt bei Inas Eltern an. Henning war auch nicht bei seiner Freundin.
„Ich wollte mit meinem Jungen einen Termin vereinbaren; aber immer dann, wenn man die Kinder erreichen will, ist ihr Mobiltelefon dummerweise gerade aus. Seien Sie doch so nett und sagen Henning, falls sie ihn heute noch sehen, er möge mich anrufen.“
„Ja, ja, die Jugend und ihre Handys: Für ihre Freunde immer erreichbar und wenn die Eltern mal anrufen, ist der Akku gerade leer. Eigentümliche Zufälle! Ich sage Bescheid, wenn ich ihn sehe. Ihnen einen schönen Abend.“
Als Henning um 23.30 immer noch nicht zuhause war, kam Manuela zur Überzeugung, dass sie eine Vermisstenanzeige aufgeben müssen.
Kurt schüttelte innerlich den Kopf: „Was sollen wir der Polizei sagen, dass unser Sohn heute Mittag noch hier war und nach einem Streit mit seiner Mutter Reißaus genommen hat und nun seit zehn Stunden nicht mehr gesehen wurde?“
„Henning hat so was noch nie vorher gemacht!“
„Und das soll die Beamten überzeugen? Irgendwann ist immer das erste Mal, werden die sich denken.“
„Hör auf“, schrie Manuela ihn an.
Nun platzte Kurt der Kragen: „Was sollen wir denn auf die Frage antworten, weshalb du Streit mit Henning hattest? Willst du erzählen, dass du illegale Drogen in seinen Klamotten gefunden hast? Klar sucht dann die Polizei unseren Sohn, aber nicht, weil seine Eltern ihn vermissen, sondern wegen des Verdachts auf Drogenbesitz?“
„Oh Gott“, hauchte Manuela mit weit aufgerissenen Augen und brach dann in Tränen aus.
Kurt wiegte sie im Arm und strich ihr beruhigend über das Haar. So wie er Henning einschätzte, würde dieser versuchen, sich nachts heimlich ins Haus zu schleichen. Mühsam konnte er Manuela überzeugen, dass sie sich schlafen legt, während er im Wohnzimmer auf ihren Sohn warten würde.
Kurt nahm sich das abonnierte Wochenmagazin, legte sich auf das Sofa und las den aktuellen Artikel über den Justizskandal.
Kurt erwachte von einem Knacken. Er fuhr hoch, die Zeitung glitt zu Boden und dann hörte er den vergeblichen Versuch seines Sohnes lautlos über den Holzdielenboden im Flur zu gehen. Kurt ging in den Flur und sah wie Hennings Waden den oberen Teil der Treppe in Angriff nehmen wollten. „Moment mein Sohn – wie ein Einbrecher musst du dich doch wohl nichts in elterliche Heim schleichen, oder?!“ Henning erstarrte in der Bewegung wie ein von einer Schlange überraschtes Kaninchen.
„Was hältst du davon, wenn wir beiden uns zusammensetzen?“
Wortlos kam Henning die Treppe hinunter; Kurt ging in die Küche, nahm eine Mineralwasserflasche aus dem Kühlschrank, fühlte zwei Gläser und hielt eins Henning hin. Dieser nahm dieses als vorübergehendes Friedensangebot an.
„Wo warst du denn die ganze Zeit? Deine Mutter rannte den ganzen Nachmittag wie ein Tiger im Wohnzimmer umher. Ihre Wege erkennst du an den abgewetzten Stellen im Teppich.“
Kurt schaute Henning mit einem verschlafenen, dezent verschmitzten Grinsen an, um ihn zum Reden zu bewegen.
„Ich war bei Lothar.“
„Und was sagt Lothar zum Streit zwischen dir und deiner Mutter?“
„Die soll sich nicht so haben, wegen ein paar Pillchen.“
„Dass wir uns Sorgen machen, ist wohl verständlich.“
„Mensch, Papa, ich bin kein Kind mehr.“
„Das ist wahr, aber mit Drogen ist nicht zu spaßen.“
„Was weißt du schon über Drogen?“
„Wahrscheinlich mehr als du denkst. Aber ich glaube, es bringt nichts, jetzt zu diskutieren. Ich bin müde und froh, dass du wieder da bist.“
Henning verdrehte die Augen und meinte: „Ja, ist wohl das Beste schlafen zu gehen.“
„Damit ist das Thema für heute Nacht beendet. Morgen beim Abendessen reden wir weiter miteinander, abgemacht?“
Kurt hielt Henning die Hand hin, widerwillig schlug Henning ein.
19. Juli 2011
Übermüdet schilderte Kurt Manuela beim Frühstück die nächtliche Begegnung mit ihrem Sohn, der noch schlief. Kurt schlug vor, dass Manuela den Drogenkonsum tagsüber nicht ansprechen soll, sondern wie zwischen ihm und Henning vereinbart, bis zum Abendessen warten solle. Auch wenn das Thema Manuela unter den Fingern brannte, stimmte sie zu. Da sie plante am Freitag nach Mallorca zu fliegen, um dort für neun Tage ihre Freundin Judith auf deren Finca zu besuchen, wollte sie den Tag nutzen, um noch ein paar Einkäufe und Erledigungen zu tätigen.
Kurt fuhr ins Büro. Während der Fahrt plante er den Tag. Das Gespräch mit Henning würde kein Zuckerschlecken werden. Zu gut konnte er sich vorstellen, wie Mutter und Sohn am Tag zuvor aneinander gerasselt waren. Für den Abend befürchtete er ein heftiges Gewitter. Am besten er versucht, an seine frühere Tätigkeit als Moderator anzuknüpfen und die Rolle des verständnisvollen Vermittlers zwischen beiden einzunehmen. Kurt mutmaßte, dass jede seiner früheren Sendungen ein leichter Ritt im Vergleich zu der familiären Talkrunde gewesen ist.
Als Kurt am frühen Abend nach Hause kam, vernahm er leise Techno-Beats aus der ersten Etage. Manuela stand in der Küche und bereitete eine Pizza vor. Es beruhigte Kurt, dass sie Hennings Lieblingsessen servierte. Kurt deckte den Tisch auf der Terrasse und holte Henning zum Essen.
Während sie aßen, herrschte Schweigen. Beim Tiramisu fragte Kurt Henning, wie denn das Surfen auf Ibiza war.
„Nicht so gut. Es war einfach zu wenig Wind.“
„Klingt ja langweiliger, als wenn du mit uns zum Segeln gefahren wärst“, sagte Kurt mit einem schelmischen Grinsen.
„Irgendwann ist man aus dem Alter raus, in dem man mit Babysitter unterwegs ist. Man braucht seine Freiheiten.“
„Mit denen man aber auch angemessen umgehen muss“, rutschte es Manuela raus.
„Jetzt spiel hier nicht die Mutter Teresa, Mama. Und bevor das Versteckspiel hier weiter läuft: Ja, ich, Henning Assens, bekenne mich schuldig, dass ich Alkohol getrunken habe und auch mal Ecstasy probiert habe. Sollen wir jetzt noch Opa aus dem Ruhestand holen, der das notariell beglaubigt?“
„Jetzt werde nicht unverschämt, Henning! Wir sind nicht bei Gericht, sondern ich als Mutter sorge mich um dich.“
„Machst du dir auch Sorgen um Karsten, der wahrscheinlich gerade kiffend am Gardasee sitzt und kleine Italienerinnen verführt?“
Manuelas Augen glühten vor Wut. Um eine weitere Eskalation zu unterbinden, ergriff Kurt das Wort: „Henning, entspann mal. Wir wollen dich und Karsten nicht miteinander vergleichen. Jetzt geht es aber um dich. Wie gefährlich Drogen sind, wissen wir alle drei.“
Henning verdrehte entnervt die Augen.
„Wo hast du denn das Zeug her?“ hakte Kurt nach.
Weiteres Schweigen.
„Hast du jeden Abend im Urlaub Ecstacy geschmissen?“
„Nein, wir waren immer ganz artig“, sagte Henning mit gespielter Entspanntheit.
„Da hatte ich aber einen anderen Eindruck, als ich in der Finca letzte Woche angerufen habe.“
„Spionierst du mir nach?“
„Da du meine Nachrichten auf deiner Mailbox ignoriert hast, habe ich in der Finca angerufen und hatte eine nette junge Dame am Telefon, die mir mitteilte, dass du nicht telefonieren kannst, da du zu breit seiest und deine Freundin Ina auch.“
„Wie bitte?“, entfuhr es Manuela mit zusammengekniffenen Augen, „das hast du mir nicht erzählt, Kurt!“
Mit einer abwehrenden Handbewegung stoppte Kurt Manuela, um sich seinem Sohn zuzuwenden. „Nimmt Ina eigentlich auch Estacy oder wie sieht sie deinen Konsum?“
Henning sprang wutentbrannt auf. „Das ist ja wie bei der Stasi. Der eigene Vater spioniert dem Sohn hinterher. Widerlich! Solche Verhörmethoden muss ich mir nicht gefallen lassen.“
Dann stürmte Henning ins Haus, knallte die Terrassentür. Zwanzig Sekunden später wummerte der Techno-Bass durch Haus.
„Wieso hast du das verschwiegen, Kurt.“
„Ich wollte dich nicht unnötig beunruhigen.“
Nun explodierte Manuela „Das ist ja wohl die Höhe. Wie wir ja gerade erleben, gibt es berechtigte Gründe sich um unseren Jüngsten Sorgen zu machen. Aber nein, mein Mann besitzt die Dreistigkeit von unnötiger Beunruhigung zu sprechen. In Zukunft möchte ich, dass du mir alles, was du über einen unserer Söhne erfährst – und sei es auch noch so dramatisch oder in deinen Augen harmlos – nicht vor mir verheimlichst! Haben wir uns verstanden?!“ zischte Manuela mit stechend scharfer Zunge und verschwand im Haus.
Resigniert starrte Kurt auf den Alsterlauf, auf dem gerade zwei Kanuten in harmonischer Eintracht vorbeizogen, während er seinen Kopf wie die Äste der Trauerweide hängen ließ.
Später klopfte Kurt an Hennings Tür. Außer der Musik schallte nichts aus dem Raum. Er drückte die Türklinke und trat in das Zimmer ein. Henning lag auf dem Bett und starrte die Decke an. Kurt drehte die Stereoanlage leiser. Eine Zeit lang schauten sie sich wortlos an. Schließlich schob Kurt den Schreibtischstuhl neben das Bett und sagte im sanften Ton. „Ich kann nachvollziehen, dass dich unsere Kontrolle nervt. Ging mir früher bei meinen Eltern auch so. Aber ich glaube, sie haben genauso Ängste um mich gehabt, wie Mama und ich gerade um dich. Wir müssen dich und deinen Bruder loslassen und können euch nicht in einen goldenen Käfig packen. Allerdings fällt einem, dass angesichts deiner ersten Drogenexperimente nicht leicht.“
„Mensch Papa, du hast doch auch Drogen ausprobiert?“ fragte Henning mit einem vertraulichen Unterton.
„Ja, deswegen mache ich mir ja Sorgen.“
„Du hast es geschafft, nicht abzuglitschen. Dann werde ich das auch hinkriegen, Papa.“
„Ich hoffe das; aber ich sehe einen Unterschied zwischen dir und mir.“
Neugierig setzte Henning sich auf.
„Während ich damals kiffte und Weinflaschen mit Kumpels leerte, sackten meine Schulleistungen nicht ab.
„Du kannst doch nicht meine Noten als Kriterium für Drogenabhängigkeit nehmen.“
„Warum nicht?! Mir ist bewusst, dass Verbote auch nichts bringen. Nur du alleine kannst deinen Konsum steuern.“
„Papa, ich habe das im Griff.“
„Das hoffe ich. Du weißt, dass deine Mutter am Freitag nach Mallorca fliegen will. Allerdings habe ich die Befürchtung, dass sie angesichts deiner – ich nenne es mal salomonisch – Experimente die Reise abbläst.“
„Oh Gott, die benimmt sich wie ein Kindermädchen!“
„Nicht so voreilig. Sie sorgt sich sehr um dich, basta. Mein Vorschlag ist, dass wir eine Vereinbarung treffen, mit der alle drei gut leben können: Wir beide sehen uns jeden Tag mindestens einmal. Des Weiteren schläfst du jeden Tag zuhause. Ausnahme ist natürlich, wenn du bei Ina übernachtest. Des Weiteren informierst du mich persönlich über deine jeweilige Tagesplanung.“
„Das ist ja echt wie bei der Stasi“ stellte Henning fest und reichte seinem Vater halbherzig die Hand.
20. Juli 2011
Am folgenden Morgen konnte Kurt Manuela von der Vereinbarung überzeugen. Zwar spürte er noch ihren Groll, doch schien auch Manuela nicht weiter Benzin in das leicht lodernde Feuer gießen zu wollen.
Nachmittags stellte Kurt zufrieden fest, dass wenigstens sein Arbeitstag ohne große Aufregungen verlaufen war. Auf dem Rücksitz wartete seine gepackte Tennistasche schon freudig auf ihn und das Griffband seines Schlägers streckte sich ihm herausfordernd entgegen. Energisch drehte Kurt den Zündschlüssel. Die Vorstellung sich an diesem Nachmittag mal nicht im Familiennetz zu verstricken, sondern mit seinem Freund Achim Schellmeyer die Filzkugeln über das Netz zu jagen, beflügelte seinen Fahrstil.
Dem Wetter entsprechend lieferten sie sich hitzige Ballwechsel. Kurt gewann in drei Sätzen.
Nach dem Duschen tranken Achim und Kurt noch ein Bier auf der Terrasse des Clubs. Achim erzählte von seinem verregneten Familienurlaub in Österreich. Neidvoll verfolgte er Kurts Bericht über dessen sonnigen Segeltörn in Dänemark. Auf dem Parkplatz verabschiedeten sich gerade zwei Frauen mit Wangenküsschen voneinander. Die eine verschwand in einem schwedischen, die andere in einen bajuwarischen Geländewagen.
„Typische Panzer-Mamas“, analysierte Achim mit einem Fingerzeig in Richtung der Damen. Dann berichtete er, dass seine Redaktion kürzlich in einer Sendung diesen Typus Frau in einem leicht satirischen Beitrag beschrieben habe: dezent-elegante Kleidung, sportliches Auftreten, neumodischer Geländewagen, gediegene Selbstgefälligkeit, meist Pferdeschwanz in Kombination mit blonder Haartracht, häufige Rudelbildung vor Kindergärten und Schulen, bei der sich über die musischen und sportlichen Aktivitäten ihrer Kinder ausgetauscht wird.
„Unglaublich“ fuhr Achim fort, „anschließend kam eine Beschwerdeflut von Frauen, die sich diskriminiert fühlten. Muss wohl was dran sein an diesem Klischee.“
Kurt wechselte das Thema und erzählte von Henning.
„Ist das ein Ausprobieren bei Henning oder ein ernstes Drogenproblem?“ wollte Achim wissen.
„Ich hoffe ersteres. Allerdings hat er in der Schule nachgelassen und vor zwei Monaten wurde er ziemlich aufgekratzt frühmorgens von Freunden an unserer Haustür abgeliefert.“
„Was meint Manuela?“
„Sie hat Angst um Henning und beobachtet jeden seiner Schritte. Ich glaube, am liebsten würde sie ihn zuhause kasernieren. Es passt ihr nicht, dass sie übermorgen zu ihrer Freundin Judith nach Mallorca fliegt.“
„Hoffentlich fängt sich eurer Sohn wieder. Ansonsten werdet ihr ein richtiges Problem haben.“
„Das kannst du wohl sagen“, meinte Kurt und starrte in sein leeres Bierglas.
21. Juli 2011
An den nächsten Tagen hielt Henning sich an die Absprachen. Zwei Nächte verbrachte er bei Ina. Bis zu ihrer Abreise pflegte Manuela mit Kurt einen leicht unterkühlten Umgang. Dass er ihr sein Telefonat mit Ibiza anders als tatsächlich verlaufen, geschildert hatte, verärgerte sie weiterhin. Angesichts des latenten Misstrauens seiner Frau, verschwieg er den Brief von Susanne. Er wollte kein weiteres Benzin auf ihre emotionale Glut schütten.
Am Freitag flog Manuela nach Mallorca. Vorher mahnte sie Kurt, seine Argusaugen scharf auf Henning zu richten.
23. Juli 2011
Nachdem er frische Brötchen vom Bäcker geholt hatte, frühstückte Kurt auf der Terrasse. Gegen zehn Uhr erschien Henning mit strubbeligen Haaren und setzte sich lediglich mit einer Boxershort bekleidet zu ihm.
„Moin Henning, na ausgeschlafen?“
„Einigermaßen. Bei der Hitze wird man ja früh wach.“
„Du warst ja gestern vor Mitternacht zuhause.“
„Lothar und ich haben Playstation gespielt. Irgendwann war aber auch das langweilig.“
„Wie sieht denn die heutige Planung aus? Ich wollte in die City fahren und im ´east-west`nach CDs schauen. Lust mitzukommen?“
Das Elektronikmarkt ´east-west` vefügte über die größte Musikabteilung nördlich der Elbe und war die beliebteste Shoppingadresse der männlichen Familienmitglieder.
„Okay, ich brauche sowieso noch ein Geschenk für Inas Mutter. Sie hat heute Geburtstag und ich bin um 18.00 Uhr zum Barbeque eingeladen. Krass, als ob ich schon ihr Schwiegersohn sei. Hast du eine Idee, was ich schenken kann?“
„Wenn du ihren Musikgeschmack kennst, wäre eine CD in Ordnung. Als Alternative könnte ich mir auch ein Buch vorstellen.“
Während Kurt ein paar Jazz-Scheiben kaufte, gönnte Henning sich drei CDs aus der Rubrik Techno, die – so wie er es erhofft hatte – auch über Kurts Kreditkarte abgerechnet wurden. Nach telefonischer Rücksprache mit Ina kauften sie noch einen historischen Roman und einen kleinen Blumenstrauß. Letzteren fand Henning oberspießig. Da aber Ina betonte, wie sehr Blumen ihre Mutter erfreuten, ließ sich Henning überreden und ging wie ein Tanzschüler vorm Abschlussball mit dem Strauß in der Hand zum Auto. Die Peinlichkeit des Straußes zerrte an seiner jugendlich coolen Aura. Als Kurt vorschlug, dass er mit seinem Handy ein Foto von Henning mit dem Strauß machen könne und dieses dann an Manuela und Ina, senden könnt, fluchte sein Sohn. Lachend unterließ Kurt das Shooting und sie fuhren nach Hause.
24. Juli 2011
Als Kurt am nächsten Morgen seine Aufmerksamkeit gerade den Sportseiten der Sonntagszeitung widmete, erschien Ina mit leicht verschlafenem Blick auf der Terrasse und begrüßte ihn mit ihrer hellen und freundlichen Stimme.
„Hallo Ina, welch Überraschung.“
„Bei uns zuhause waren viele Gäste und einige Verwandte übernachten bei uns, daher sind Henning und ich in der Nacht hierher gekommen, in der Hoffnung etwas länger schlafen zu können. Darf ich mir ein Brötchen und Kaffee nehmen?“
„Selbstverständlich. Schläft Henning noch?“
Kopfnickend bejahte Ina. Kurt reichte ihr einen Becher Kaffee. Vorsichtig versuchte er Näheres über den Ibiza-Urlaub zu erfahren. Ina schwärmte vom Faulenzen am Strand und dem Baden im Meer. Am Rande erwähnte sie die harmlosen Poolpartys und umschiffte die weiteren Erkundungsversuche von Kurt elegant. Schließlich stand sie auf, um zu duschen. Sie agiert vorsichtig wie eine Katze und hat nichts zugegeben, aber auch nichts dementiert, dachte Kurt, während Henning durch die Terrassentür schlich und sich hinsetzte. Er nahm sich Inas Tasse und füllte Kaffee ein.
„Na gut geschlafen?“ fragte Kurt.
„Ich kann nicht klagen“, nuschelte Henning, während er in eine Brötchenhälfte biss. Kurt spürte, wie der Tisch vibrierte und sah, dass Henning mit den Beinen nervös wackelte. Bereits gestern hatte er dieses Phänomen wahrgenommen. Dezent betrachtete er die Hände seines Sohnes, als diese erneut nach der Kaffeetasse griffen. Täuschte er sich oder zitterten die Fingerspitzen?
„Hat die Feier Spaß gemacht?“
„Ging so. Halt viele alte Leute.“
„Wahrscheinlich in meinem Alter.“
Henning schaute kurz auf und grinste.
„Kamen denn deine Geschenke gut an.“
Henning verdrehte die Augen: „Fürchterlich. Ihre Mutter freute sich so über den Blumenstrauß, dass sie mich fast zwischen ihren Titten zerquetscht hätte.“
„Ich glaube, sie wäre nicht begeistert, wenn sie dich so über ihren Vorbau reden hören würde.“
„Welche Worte benutzt du denn für Muttis“ fragte Henning und formte mit seinen Händen virtuelle Brüste vor seinem Oberkörper, „Vorbau wird es ja nicht sein, oder? Vielleicht Dekolletee, Brüste, Bälle, Euter, Möpse.“
Der provozierende Ton missfiel Kurt und erzeugte eine schnelle Gegenreaktion.
„Wie titulierst du denn die Brüste deiner Freundin?“
„Titten oder Fummelbälle“, sagte Henning mit einem süffisanten Grinsen.
„Und gefällt diese Wortwahl Ina?“
„Was soll mir gefallen?“ vernahm Kurt die Stimme von Ina in seinem Rücken. Bevor er antworten konnte, übernahm Henning das Kommando.
„Mein Vater wollte nur wissen, welche Begriffe ich für deine Brüste verwende.“
Ina schaute Kurt erschrocken an und er spürte wie ihm das Blut die Röte ins Gesicht trieb. Bevor er die Situation klären konnte, meinte Ina: „Ich muss jetzt los, meiner Mutter beim Aufräumen helfen.“
„Ich komme mit“, sprach Henning und sprang auf.
Kurt blieb wie ein begossener Pudel sitzen. Nicht nur die Dreistigkeit mit der sein Sohn ihn bloßstellte, erschreckte ihn. Bedeutend schlimmer empfand Kurt seine Unfähigkeit, die Situation souverän zu meistern. Er benahm sich wie ein Kaninchen, das vor einer Blindschleiche hilflos erstarrte.
Als abends Manuela anrief, erzählte Kurt vom gemeinsamen Einkauf am Samstag mit Henning und dass Ina die Nacht bei Ihnen übernachtet hatte. Die zittrige Unruhe und die Respektlosigkeit des jüngsten Familienmitglieds unterschlug er.
25. Juli 2011
Früh wachte Kurt auf; Regen klopfte sanft gegen die Fensterscheibe des Schlafzimmers. Die Nacht hatte er sich im Bett hin und her gewälzt.
Wie ein Teenager in dessen Bauch Schmetterlinge vorm ersten Rendezvous nervös emporflogen, bewegte Kurt sich durch den Vormittag. Mechanisch erledigte er die Korrespondenz. Es fiel ihm schwer die Inhalte seiner Telefonate, kurz nach dem Auflegen zusammenzuhalten.
Aus dem sechsten Stock betrachtete er wie dunkle Wolken ihre feuchten Ladungen über den Dächer und Straßenschluchten abluden. Er entschied, das Wetter nicht als eine Vorwarnung für die Begegnung, die ihm gleich bevorstand, zu deuten.
Kurt ersehnte das Wiedersehen mit Susanne und spürte zugleich eine Unruhe. Da sie keine Adresse oder Telefonnummer im Brief angegeben hatte, konnte er weder zu- noch absagen. Susanne verließ sich darauf, dass er käme. Nun hatte er das Wiedersehen in der Hand. Wenn er nicht hinginge, würde sie dann plötzlich im Büro erscheinen, abends vom Regen durchnässt an der Haustür klingeln oder lautlos davonziehen - wie damals?
Die Furcht vor einem unangemeldeten Auftreten von Susanne in seinem familiären Umfeld und die Neugier ob ihres Beweggrundes trieb ihn am frühen Nachmittag aus seinem Büro.
Während die Scheibenwischer ihm den Blick auf den vom Regen benetzten Asphalt der Stadt ermöglichten, lenkte Kurt voller unbewusster Erwartungen sein Fahrzeug durch die Stadt.
Nachdem er mit Mühe einen Parkplatz gefunden hatte, stampfte er durch einige nassgraue Straßen des Universitätsviertels, durchstöberte in der letzten Viertelstunde vor dem Treffen die Jazzsammlung in einem Plattenladen ohne auch nur einen Titel bewusst wahrzunehmen. Um eine Minute nach Drei ging er durch die vertraute Tür des „Cafe zeitlos“ in die unvertraute Situation. Als Student hatte er lange Jahr als Tresenkraft in dem Cafe gejobbt, das immer noch von Charlotte betrieben wurde. Das Cafe lag in einer vom studentischen Volk belebten Straße auf der Ecke zu einer kleinen Nebenstraße. Dadurch drang Tageslicht von zwei Seiten in den Gastraum ein und erzeugte eine warme sonnendurchflutete Atmosphäre. Während vor zwei Jahrzehnten massive Kiefernmöbel, ein uriger Tresen mit Barhockern und ein alter Dielenboden im Cafe eine Stimmung erzeugten, die dem Gast das Gefühl vermittelte, er sei in einer großen WG-Küche zu Besuch, betonten nun ein Stabparkettboden aus Bambus, dunkel gebeizte, kubische Walnusstische und -hocker mit cremefarbenen Lederauflagen vor Bordeauxroten Wänden eine edleres Ambiente. Beide Seitenwände wurden durch eine durchgehende Bank mit hoher Rückenlehne aus Leder dominiert, davor quadratische Tische. Hinter dem Tresen, der ebenfalls in dunklem Holz gehalten war, verhinderte eine raue Ziegelwand in ihrer Derbheit, dass das Cafe zu elitär wirkte und durch eine vorgespielte Hochnäsigkeit das gemeine Hochschulvolk abschreckte. Eine Mischung aus kubistischen Leuchten, die über den Tischen hingen, und ein warmes Licht von zielgerichteten Strahlern, die großflächige Bilddrucke von Paul Klee an den Wänden elegant in Szene setzen, verströmte ein faszinierendes Wechselspiel von Behaglichkeit und kühlen Understatement. In der Widersprüchlichkeit der einzelnen Elemente hatte Charlotte ein harmonisches Ganzes geschaffen. Kurt bewunderte sie erneut für ihre Fähigkeit, dem gastronomischen und modischen Zeitgeist immer einen halben Schritt voraus zu sprinten.
Kurt ging davon aus, dass Susanne an ihrem alten Stammplatz rechts vom Tresen neben der Espressomaschine sitzen würde. Doch dort saß eine junge Frau. An einem weiteren Tisch turtelte ein studentisches Pärchen, drei Studentinnen schlürften lachend an ihren Latte Macchiato, während ihre Studienunterlagen vor ihnen ausgebreitet lagen. Einige Geschäftleute mit Aktenkoffer und vereinzelt mit Laptop saßen an den Tischen. An der linken Raumseite fand Kurt nahe am Fenster einen freien Tisch. Es setzte sich auf die lange Bank, so dass er das Cafegeschehen beobachten konnte. Charlotte war nicht im Laden. Zuletzt hatte Kurt vor einem Jahr das Cafe besucht und mit ihr nett geplaudert.
Kurt bestellte einen Cappuccino, beobachtete die Besucher, das Straßengeschehen sowie die ein- und ausgehenden Gäste und klopfte mit den Finger ein nervöses Staccato auf die Tischplatte. An der gegenüberliegenden Wand saßen zwei Frauen, die ungefähr in Kurts Alter waren und sich intensiv unterhielten. Zwei Tische von diesen beiden entfernt, saß eine elegant gekleidete Dame im gleichen Alter und rührte lang anhaltend in einem großen Becher. Sie hatte dunkle Haare, die wohl gefärbt waren, und hatte sich in einem Buch vertieft. Kurt betrachtete sie näher. Bis zu diesem Moment hatte er sich keine Gedanken gemacht, wie Susannes Äußeres sich nach über zwanzig Jahren verändert haben könnte. Doch je länger Kurt die drei Damen beobachte, um so sicher wurde er, dass keine von ihnen Susanne sein könnte.
Ist Susanne wohlmöglich etwas dazwischen gekommen oder wollte sie ihn provozieren oder sitzt nun woanders und beobachtet ihn? Die Zeit des ungewissen Wartens erhöhte seine Unruhe und vermehrte die widersprüchlichen Erklärungsversuche, die durch seine cerebralen Windungen irrten.
Die junge Frau am Tresen stand abrupt auf und kam direkt auf ihn zu. Intuitiv hielt Kurt den Atem an.
„Kurt Assens“ waren die beiden Worte, die ein bestimmendes Fragezeichen begleiteten. Kurt erstarrte und nickte kurz. Sie nahm selbstsicher einen Hocker.
„Sie gestatten?“ sagte sie scheinbar gelassen, doch Kurt nahm ein verstecktes Zittern in ihrer Stimme wahr. Selbst brachte er nur ein durch die Halsmuskulatur verursachtes Auf und Ab seines Kopfes zustande. Eine attraktive junge Frau saß ihm gegenüber; um die 1,75 groß, schlank, blonde, glatte Schulterlange Haare, und braune Augen. Sie trug eine blaue Jeans, die auf ihren schmalen Hüften saß. Über einem weißen T-Shirt mit Blumen in unterschiedlichen Rottönen, das Kurt an die Flower-Power-Bewegung erinnerte, trug sie eine dunkelrote Strickjacke. Ihre bunte Umhängetasche ließ sie lässig mit ihrer lindgrünen Regenjacke, auf den Boden gleiten. Ihr Mund mit hübschen Schmolllippen öffnete sich und eine leicht-rauhe Stimme warf ihm eine Frage entgegen.
„Sie wirken enttäuscht. Sicher erwarten Sie Susanne?“
„Wer sind Sie?
„Mein Name ist Helena; meine Mutter heißt Susanne Meyer.“
Kurt wurde heiß und eine Frage quoll hektisch aus ihm heraus: „Wann sind Sie geboren?“
„Ich wurde am 23.August 1991 in Griechenland geboren. Meine Mutter verließ Hamburg wie Sie wissen zwischen Weihnachten und Silvester 1989, reiste nach Indien, Thailand und Australien. 1990 ließ sie sich in Griechenland in einem kleinen Fischerdorf auf dem Peloponnes nieder und lernte Jorgos kennen.“
Kurts Anspannung ließ nach und seine Neugier stieg an. Einen kurzen Moment hatte er befürchtet, dass Helena seine Tochter sein könnte, doch Helenas Antwort schloss dieses aus. „Warum suchen Sie mich auf und nicht Susanne selbst?“
Helenas antwortete darauf verhaltend, für Kurts Empfinden ausweichend: „Ich wollte den Mann kennen lernen, der meine Mutter inspiriert hat, ihren vorgezeichneten Weg zu verlassen und sich auf eine ungewisse Welterkundung einzulassen.“
Auch wenn er es spannend fand ihrer Tochter zu begegnen, hätte Kurt lieber Susanne selbst getroffen. „Wo lebt Susanne und wie geht es ihr?“
„Seit meiner Geburt lebt meine Mutter in einem kleinen Dorf auf dem Peloponnes, gemeinsam mit Jorges und mir. Sie betreibt ein kleines Cafe am Hafen und genießt das einfache Leben. Gefällt Ihnen Ihr Leben?“
Die Direktheit der Frage überrumpelte Kurt, er zuckte kurz innerlich und atmete tief ein. „Mit welcher Absicht kommen Sie hier her?“
„Das sagte ich bereits. Mein Interesse ist es Sie näher kennen zu lernen.“
Ihre Penetranz und ihr dominant forsches Auftreten irritierte Kurt, daher betrat er einen Nebenschauplatz: „Sie können mir viel erzählen; warum sollte ich glauben, dass sie wirklich Susanne Tochter sind?“
„Weil sie unter dem rechten Schulterblatt einen kleinen Leberfleck haben, früher in Tageszeitungen die Schlagzeilen für ihre Kabarettprogramme durchstöberten und meiner Mutter am liebsten Milchkaffee in Schalen servierten. Und falls Sie immer noch Zweifel haben, nannten Sie nicht Susanne in intimen Momenten „meine revolutionäre Bankräuberin?!“
Kurt errötete; es gab wohl keine Intimität, die Susanne ihrer Tochter verheimlicht hatte. Um das Thema nicht weiter zu vertiefen, fragte Kurt, ob Susanne wisse, dass Helena ihn besuche?
„Ich habe ihr gesagt, dass ich Deutschland und auch Hamburg besuchen wolle und falls es sich ergäbe, würde ich schauen, wer Sie sind und wie Sie leben.“
„Warum ist Susanne nicht mit Ihnen gereist?“
„Sie ist glücklich dort wo sie lebt. Warum soll sie einen unnötigen Blick in die Vergangenheit werfen?“
„Was hat Ihnen Susanne von mir erzählt und über uns?“
„Nicht viel und doch nicht wenig - wie Sie meinen geschilderten Detailkenntnissen entnehmen können. Über Susannes Erlebnisse mit dem anderen Geschlecht bin ich bestens informiert, genauso wie auch sie über meine.“
Ihr forsches Auftreten mit einer Brise Frechheit lösten keine Sympathiewelle in Kurt aus.
„Erzählen Sie mir von Ihnen, wo leben Sie und wie sieht ihr Alltag aus?“
„Ich studiere Anglizistik und Germanistik. Da Shakespeares Dramen mich am meisten beeindrucken, absolviere ich momentan ein Auslandssemester in London. Sie erinnern mich an die griechische Mythologie. Beeindruckend mit welchem Schaffensdrang jemand um 1600 so analytisch das menschliche Dilemma mit seiner Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit theatralisch inszenierte. Daneben fasziniert mich mit Goethe und Schiller. Bevor ich nach Hamburg kam, besuchte ich Weimar. Beeindruckend wie epochale Literatur an einem so kleinen Ort ihren Ursprung fand.“
Trotz ihres altklugen Dozierens konnte Kurt ihren Enthusiasmus für die deutschen Klassiker zu gut nachvollziehen. „Ihre Begeisterung teile ich. Während meines siebenjährigen Germanistik-Studiums unternahmen wir 1986 eine Studienfahrt nach Weimar. Wie Sie sagen ´so klein` und doch gingen von hier so viele Strömungen und Gedanken aus: die Literatur von Wieland, Herder, Goethe und Schiller. Die Weimarer Republik 1919 und der Bauhausstil. Wir reisten mit unserem Professor für fünf Tage im Herbst dorthin. Trafen uns mit wohl ausgesuchten, belesenen und politisch aus Sicht der DDR-Regierung gut geschulten Germanistik Studenten aus Jena. Langweilig, weil keine offene Diskussion möglich war. An Goethes und Schillers Schreibtischen zu stehen, den Orten wo ihre genialen Gedanken einst wehten und schließlich auf Papier fest verankert wurden, das war für mich mystisch.“
Im Geiste sann er diesen Momenten nach. Helena beobachtete ihn schweigend. Ein kurzes Zucken durchzog Kurt, als sein Bewusstsein ins Cafe zurück rutschte. „´tschuldigung, ich schweife ab.“
Helena hob minimal ihre Schultern an und ließ sie genauso laisse faire sinken.
Schnell schob Kurt hinterher: „Wie gefiel Ihnen Weimar?“
„Sehr sauber und zu touristisch. Goethes Wohnhaus erschien mir wie eine Disney-Attraktion. Keine Chance in diesem Massenandrang auch nur die Spur seines Geistes wahrzunehmen. So beeindruckend das Bauhaus ist, mir war alles zu steril, museal.“
Das Gespräch verstummte, schweigend schauten beide auf die Straße. Mit Blick nach außen fragte Helena:
„Was machen Sie beruflich?“
„Ich leite den Programmbereich für Talkshow und politische Magazine bei einem privaten Fernsehsender.“
„Was für Talkshow sind dieses?“
„Kennen Sie ´Talk um 5 vor 12` oder `Ich sehe das anders!?`“
„Nein, ich muss passen, ich schaue sehr wenig Fernsehen und deutsches schon gar nicht.“
„Es sind zum einen Sendungen zu politischen Themen und zum anderen zu menschlichen Problematiken wie z. B. Schulden, Umgang mit Arbeitslosigkeit aber auch zwischenmenschlichen Themen.“
„Was versteckt sich hinter letzteren Themen?“
„Vieles: Bewältigung von Krisen, Schicksalsschlägen, Krankheit, Trennung, Untreue, Sexualität, Partnerschaft.“
„Klingt nach Boulevard-Journalismus: Wir baden uns voyeuristisch im Schicksal von anderen.“
Ihre Arroganz missfiel Kurt; wortlos rührte er in seinem Latte Macchiato. Helena schien seine mentale Verschnupfung zu bemerken. Mit etwas weicherer Stimme fragte sie ihn, ob ihm die Arbeit Spaß mache.
„Ja, ich habe zwar viel Stress, lerne dafür interessante Menschen kennen und kann Dinge gestalten. Jede Woche entscheide ich mit, welche Themen im TV-Programm behandelt werden.“
„Sie scheinen eine hohe Position mit umfangreichen Einwirkungsmöglichkeiten inne zu haben. Wird Ihnen die Größe dieses Machtraumes nicht auch unheimlich?“
„Keineswegs. Ich genieße diesen Gestaltungsspielraum. Die Themenvorschläge sammeln wir in der Redaktionssitzung. Meist bilden sich zwei oder drei Ideen heraus. Wenn wir uns nicht einigen können, gehört es zu meinen Kompetenzen die Entscheidung zu fällen. Es fasziniert mich, Einfluss bei der öffentlichen Meinungsbildung zu besitzen.“
„Sie haben also die Macht Menschen zu manipulieren“, stichelte Helena mit angeschärftem Ton.
„So dürfen Sie das nicht interpretieren. Schauen Sie, ich würde es folgendermaßen beschreiben: Wir stellen einen Stuhlkreis mit einem Moderator zur Verfügung. Stellen eine Frage in den Raum; und Menschen, die meinen zu diesem Thema etwas sagen zu haben, ermöglichen wir dieses dann. Unsere Zutat ist dann nur noch, dass wir ein paar Kameras auf diese Runde richten und den Fernsehnutzern bieten wir an, sich dieses anschauen. Es ist ihre Wahl, ob sie ihren Fernseher einschalten und welche Tastenkombination sie auf ihrer Fernbedienung drücken. Wenn sie unseren Sender auswählen, freut uns das. Von daher beschreibt Manipulation nicht unser Angebot.“
Nach einer kurzen Stille schoss Helena eine Batterie von Fragen nach Lebenssituation, Familie und Freizeitgestaltung ab.
Beruhigt nahm Kurt zur Kenntnis, dass sie die gewetzten Messer abgelegt hatte. Im Schnelldurchlauf erzählte er von seiner Familie und seinen beiden Hobbys.
„Wie haben Sie ihre Frau kennengelernt?“
„Als ich beim Fernsehen im dritten Programm tätig war, lernte ich sie als eine der Assistentin im Redaktionsbüro kennen. Ich schätzte ihre verlässliche und loyale Arbeit.“
„Scheinbar nicht nur die“, rutschte es Helena heraus.
„Diplomatie gehört offensichtlich nicht zu Ihren Stärken.“
Helena schoss das Blut in die Wangen.
„Entschuldigung. Wahrscheinlich liegt es an meiner Nervosität. Es ist nicht gewöhnlich, dass man einen fremden Mann trifft, der vor über zwanzig Jahren eine Zeitlang der wichtigste Mensch im Leben der eigenen Mutter war. Hätte Susanne Sie nicht getroffen, wäre sie wohl weiter als Bankkauffrau tätig gewesen, hätte ihren damaligen Freund geheiratet, wahrscheinlich zwei bis drei Kinder bekommen und würde jetzt in einer Einfamilienhaussiedlung leben und ihren Garten pflegen. Mir ist es ein Bedürfnis, Sie kennen zu lernen und auch zu erfahren, wie Sie den Sinneswandel meiner Mutter wahrgenommen haben.“
Gibt es Dissonanzen zwischen Susanne und ihrer Tochter? In Kurt keimte der Eindruck, dass Helena Einblick in ein Kapitel von Susannes Lebensweg erhaschen wollte, der ihr bisher vorenthalten wurde. Auch wenn Helena anfangs betont hatte wie eng Mutter und Tochter sich standen, fragte Kurt sich, ob dieses in allen Dingen so war. Welche Antworten suchte Helena?
„Um auf ihre Frage zurückzukommen: In unserer Branche gibt es keine nine-to-five-jobs; politisch unruhige Zeiten und Projekte fordern, dass man abends und auch mal am Wochenende arbeiten muss. Berufsbedingt arbeiteten Manuela und ich in solchen Ausnahmezeiten häufiger zusammen. Ihre Souveränität und die Ruhe, die sie selbst, wenn es hektisch wurde, ausstrahlte, faszinierten mich. Für mich war sie in unruhigen Fahrwassern ein Fels in der Brandung. Nicht verwunderlich, dass das Segeln unser gemeinsames Hobby wurde. In stürmischen Zeiten die Ruhe bewahren und sich auf einander verlassen können, das zeichnet unsere Beziehung aus.“
„Arbeiten Sie beide immer noch zusammen?“
„Nein, zusammenarbeiten und zusammenleben geht meiner Meinung auf Dauer nicht gut!“
Interessantes Lebenskonzept und verkehrte Welt dachte Helena: Der Typ, der mit seinem liberalen unverbindlichen Lebensstil meine Mutter aus dem konservativ bürgerlichem Modell befreit hatte, lebte diese nun – und dazu noch überzeugt – selbst.
So macht jeder sich was vor.
„Meine Mutter hat mir erzählt, dass ihr Vater ein erfolgreicher Rechtsanwalt ist. Wie sind sie aufgewachsen?“
„Inzwischen ist mein Vater längst im Ruhestand. Meine Eltern leben beide in einer Seniorenresidenz. Mein Bruder ist in unser Elternhaus eingezogen und betreibt die Kanzlei weiter.“
Kurt gab ihr einen Überblick über seine Kindheit und Schulzeit. Er erzählte von seiner Liebe zum Theater und zur Musik, von seinem Freund Heinz, mit dem er zusammen Rainer Maria Fassbinder verehrte und von den Jugendclubs, in denen über die Sinnhaftigkeit des Seins philosophiert wurde.
„Klingt spannend. Was für Musik haben sie gehört?“
Kurt lachte kurz auf. „Oh je. Für intellektuelle Weltmenschen, für die wir uns hielten, gehörte es sich, The Who, The Doors, Pink Floyd und andere Vertreter des Psychedelic Rock sich rein zu ziehen und nicht nur das inhalierten wir“ sagte Kurt mit einem süffisanten Grinsen auf den Lippen.
„Aha, da sitzt also ein Kiffer vor mir.“
„Na ja, ein ehemaliger. Wollte man dazugehören, kiffte man.“
„Wie reagierten ihre Eltern auf den kiffenden Sohn?“
Kurt lachte, „Sie haben es nicht mitbekommen oder falls doch haben sie es ignoriert. Seit meiner Kindheit war unser Familienalltag davon geprägt, dass mein Bruder Dieter mich drangsalierte. Im Chor mit unserem Vater kritisierte er meine fehlende Zielgerichtetheit und linke Verträumtheit. Als ich kurz vor dem Abitur den Kriegsdienst verweigerte, wurde ich von beiden als Vaterlandsverräter und RAF-Unterstützer beschimpft. Zum endgültigen Eklat kam es, als am Nikolausabend 1976 es an der Tür klingelte. Nur statt des alten Herrn im roten Mantel und mit Sack standen dort vier Herren in grünen Jacken; sie ließen meinen beleibten Vater links liegen. Zwei stürmten die Treppe hinauf und die beiden anderen ins Wohnzimmer, wo die gesamte Familie in trauter Eintracht beim Abendbrot saß.
Zwei Minuten später eskortierte mein Vaters starrer Blick mit drehender Kopfbewegung den Auszug der Gladiatoren, die seinen Sohn wegen des Verdachts Mitglied einer terroristischen Gruppierung zu sein mit Polizeigriff in einem Peterwagen quetschten.“
„Wieso wurden sie verhaftet?“, fragte Helena gespannt.
„Die RAF hatte ihre Hochzeit und schnell wurde man als Sympathisant verdächtigt. Gelegentlich ging ich auf Demonstrationen. Es gehörte zu den selbstverständlichen Spielregeln des linken Lebens, auf der Straße zu rebellieren.
Auf einer dieser Demos ging ich zufällig neben zwei Männern, die in den Untergrund abgetaucht waren. Schließlich konnte ich die Ermittler überzeugen, dass von mir keine terroristische Gefahr ausging.“
„Was haben ihre Eltern gesagt, als sie zurückkamen?“
„Zunächst begegnete ich eisigem Schweigen, als ob Ignoranz mich bestrafen sollte. Am ersten Weihnachtstag implodierte die kollektive Grabesstille. Aufgrund des Besuches unserer Großmutter und der eigenen festlichen Erwartungen unternahm unsere Mutter den Versuch, die frostige Familienstimmung vorsichtig aufzutauen. Diplomatisch umschrieb sie meine Verhaftung als aufregende Adventszeit und äußerte die Hoffnung, dass alle eine friedvolle, besinnliche Zeit miteinander verbringen würden. Dieser Wunsch überforderte unseren Vater. Wie könne er besinnliche Tage verbringen, wenn der jüngste Sohn so von Sinnen sei, dass sein Telefon – wohlgemerkt der Anschluss eines Rechtsanwalts – vom Verfassungsschutz abgehört werde.
