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Eine zerbrochene Familie, ein dunkles Geheimnis – Billes Kampf gegen die emotionale Kälte ihrer Mutter prägt ihr Leben. Als ihre Mutter plötzlich stirbt, entdeckt sie die erschütternde Wahrheit hinter dieser Distanz: ein familiäres Trauma, das über Generationen wirkt. In präziser Sprache zeichnet Monika von Bothmer das Portrait einer jungen Frau, die zwischen Wut und Sehnsucht nach Liebe schwankt. Durch ihre Beziehung zu Mika und die Verbindung zu ihrem Großvater beginnt sie, die Schatten ihrer Vergangenheit zu verstehen. Ein bewegender Roman über die Möglichkeit, den Kreislauf familiärer Verletzungen zu durchbrechen und sich selbst zu finden – ohne den Schmerz zu leugnen, der uns geformt hat.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Das Cover zeigt ein abstraktes Acrylgemälde.
1. Auflage Oktober 2025
© 2025 OCM GmbH, Dortmund
ISBN 978-3-949902-25-3
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung, auch auszugsweise, bedarf der Genehmigung des Verlags.
Der Verlag hält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Umschlagbild: Bild o.T., © Sabine Leven/Monika von Bothmer
Gestaltung, Satz und Herstellung: OCM GmbH, Dortmund
Druck: OSDW AZYMUT Sp. z o. o., Polen
Verlag: OCM GmbH, Sölder Str. 152, 44289 Dortmund, GermanyTel.: +49 231 4966687www.ocm-verlag.de
Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]
Monika von Bothmer
Die zweite Stufe
Roman
Impressum
Prolog
Epilog
Über die Autorin
Cover
Impressum
Inhaltsübersicht
Textanfang
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Meine Mutter liebte mich nicht.
Im Gegensatz zu ihr bin ich groß, mit Extremitäten, die schlaksig und ungelenk im Weg sind, mit zu großem Mund, zu breitem Becken und Haaren in unspektakulärem Dunkelblond. Nicht hässlich, aber unproportioniert. Alles sieht aus, als sei die Bestellung schlampig und falsch ausgeführt worden. Die Gene meiner Mutter haben sich bei der Verteilung nicht durchgesetzt.
Ich bleibe das einzige Kind meiner Eltern, als hätten sie nicht noch einmal eine solche Enttäuschung für meine Mutter heraufbeschwören wollen.
Nach dem Tod meiner Großmutter bleibt es an mir hängen, ihr Zimmer im Altenheim aufzulösen, die letzten Reste ihres Lebens auf den Wertstoffhof zu fahren. Außer mir gibt es niemanden, der das tun könnte. Ich bin die Erbin der abgetragenen Kleider, des durchgesessenen, nach Urin riechenden Sessels, der Landschaftsbilder und des Regals mit wenigen Büchern und den Fotoalben.
Schwarz-weiß Fotos in Grautönen.
Meine Mutter im Laufstall im geblümten Kleidchen. Das Gesicht verschattet im sonnigen Draußen.
Meine Mutter auf dem Arm meines Großvaters. Beide lachen sich an.
Meine Mutter im Kindergarten; Kinder, die sich an Händen halten; Kreisspiele.
Im Badeanzug am hellen Strand, blinzelnd gegen die Sonne, vor Meer und Himmel in wolkenloser Grauabstufung.
Mit Schultüte, zierlicher als die anderen, helle Locken, die sich weich um das feingezeichnete Gesicht schmiegen.
Als Kind unter dem Weihnachtsbaum. Strahlend. Oh, du fröhliche …
War ihre Welt da noch in Ordnung? frage ich mich. Und ihre Kinderseele noch heil?
Meine Welt war von Anfang an nicht in Ordnung. Mein Leben war lange nicht mein Leben; es war viele Jahre das verzerrte Spiegelbild ihrer zerbrochenen Seele.
Erinnerungen tauchen auf: Szenen, Bilder.
Ich schaue sie an, betrachte sie genau.
Die Grundschule ist kein Vergnügen. Nicht, dass mir das Lernen schwergefallen wäre. Im Gegenteil. Immer gehöre ich zu den Besten, zu denen, die ohne Anstrengung verstehen und die auch dann noch Fragen haben. Fragen, auf die selbst meine Lehrerin manchmal die Antwort nicht weiß.
Am Schuljahresende streicht mir mein Vater über das Haar. „Mein schlaues Köpfchen“, sagt er.
Aber es ist nicht er, den ich beeindrucken will, es ist sie.
Doch das gelingt mir nicht. Ich bin nicht schön genug; ich bin nicht klug genug.
In der Schule schauen mich die anderen Mädchen seltsam an. Ich trage keine Kleider wie sie oder bunte Spangen im Haar. Ewig nur in Hosen, mit raspelkurzem Stoppelhaar gehöre ich nicht dazu. Dabei möchte ich nichts lieber als das.
Ich bettle ums lange Haar, um bunte Kleider und kitschige Spangen, vergieße Tränen und bleibe unerhört. Meine Mutter lässt sich durch nichts erweichen.
Die Eltern meiner Mutter wohnen in einem kleinen Reihenhaus aus den sechziger Jahren, in einer ruhigen Anliegerstraße. Jeder kennt jeden; Großvater grüßt über den Gartenzaun.
Wir besuchen meine Großeltern selten. Andere Kinder gehen am Nachmittag allein zu ihren Großeltern. Zu Oma und Opa, sagen sie. Ich nicht.
Wir nennen sie Großvater und Großmutter. Meine Mutter achtet auf Distanz, sowohl bei den Namen als auch bei den Besuchen.
Das Kind versteht das nicht.
Ein anderer Tag. Wir sind bei meinen Großeltern. Es muss einen Grund geben; ich weiß nicht mehr welchen. Ohne Grund besuchen wir sie nicht. Wir gehen nur hin, wenn es einen gibt. Den gibt es selten.
Großmutter hat mir ein Kästchen mit bunten Haarspangen und Bändern geschenkt, damit ich etwas Schönes habe, wenn meine Haare erst einmal gewachsen sind.
Sehnsüchtig betrachte ich die Schätze und bringe kein „Danke“ heraus, nur ein leises „Mama will das nicht.“
„Mein Gott Lotte, jetzt lass dem Kind doch endlich die Haare wachsen. Sie wünscht es sich so sehr.“
Meine Mutter steht an der geöffneten Terrassentür in der kleinen Küche meiner Großeltern, dreht uns den Rücken zu, schaut in den Garten, raucht und schweigt.
„Garçonschnitt“, sagt sie endlich, „der steht ihr am besten.“ Dabei kräuselt sich feiner Rauch über ihrem Kopf, als entweiche er aus einem Glutnest unter ihrer Schädeldecke, von dort, wo sie all ihre Gemeinheiten ersinnt.
Wenn die Grundschule kein Vergnügen war, dann ist die weiterführende Schule eine echte Herausforderung für meine zur Schau getragene Gleichgültigkeit.
Sie merken es sofort, ich bin nicht wie sie. Es ist, als verlachten die zukünftigen Erwachsenen schon im Vorgriff das absonderliche Wesen, das nicht in die vorgestanzten Schablonen passen will.
Nichts fällt mir schwer. Nicht die Sprachen, nicht die Naturwissenschaften, nicht einmal im Sport bin ich ganz schlecht. Mittelmaß, trotz meiner Größe und der schlaksigen, zu langen Extremitäten.
Trotzdem werde ich beim Brennball immer als Letzte ins Team gewählt. Nicht Bille auf den Strickstöcken tuscheln sie gerade so laut, dass ich es hören muss. Jedes Mal fühle ich mich wie auf heißen Kohlen, bemühe mich, es mir nicht anmerken zu lassen und hoffe, dass es diesmal anders kommt.
Doch selbst die dicke Betti, die ich in Gedanken immer die dicke Berta nenne, weil das nach noch dicker klingt, als sie ohnehin schon ist, weil es gemein ist, sie so zu nennen und weil es sich gut anfühlt, solche Gemeinheiten zu denken – selbst die dicke Berta ist vor mir dran, obwohl sie für keine Mannschaft eine Verstärkung ist.
Den Lehrern diene ich als Vorbild oder als letzter Ausweg. „Sibylle“, immer werde ich aufgerufen, wenn die anderen nicht mehr weiterwissen. Damit mache ich mir keine Freunde. Besser mal eine falsche Antwort geben, besser im trägen Mittelmaß schwimmen. Aber das nehmen sie mir nicht ab; sie haben mich längst durchschaut.
„Ilsebilse, niemand will se, kam der Koch, nahm se doch, weil se so nach Zwiebel roch“, ruft die dicke Berta zu mir hinüber, und die anderen lachen.
Ich verziehe keine Miene. Die können mich mal. Seit wann haben denn die Dicken was zu sagen? In meiner Welt kommen die gar nicht vor.
Einmal treffe ich die dicke Berta nach dem Sport allein in der Umkleidekabine. Eben noch haben wir beide saft- und kraftlos am Stufenbarren gehangen; erst Zirkeltraining, das fordert seinen Tribut, und dann Felgaufschwung.
Immer gibt es ein paar wenige, die den Schwung richtig draufhaben. Die einen stellen sich – je nachdem – Beifall heischend oder mit betont falscher Bescheidenheit wieder am Ende der Reihe auf; die meisten schaffen ihn mühsam mit tatkräftiger Hilfe, nur die Nieten, die hängen da wie nasse Säcke und spüren die Häme im Rücken. Ich gehöre meistens dazu, die dicke Berta immer.
„Ist doch egal, wenn wir wie die letzten Idioten aussehen“, sage ich und will uns beide damit ein wenig trösten.
Die dicke Berta schaut zu mir hinüber und richtet einen hasserfüllten Blick auf mich. „Halt die Klappe, Ilsebilse, niemand will se!“
Da brennen bei mir alle Sicherungen durch, und meine Faust zischt ihr mitten ins Gesicht.
Es ist der Sommer, nachdem ich auf die weiterführende Schule gewechselt bin. Es ist der Sommer, in dem sich alles verändert.
Beinahe nahtlos gleite ich auch heute noch, wenn ich an diese Zeit zurückdenke, in die Haut des Kindes, das ich damals war.
Die großen Ferien haben begonnen, die Versetzung war kein Problem. Meine Taktik, mich dumm zu stellen, habe ich bald wieder aufgegeben. Erstens hat sie nichts genützt und zweitens bringe ich es nicht fertig, falsche oder ungenaue Antworten zu geben, wenn ich die richtigen ganz genau weiß.
Jetzt hoffe ich auf Tage im Strandbad mit den Klassenkameradinnen, die mich nicht mehr schikanieren, seit ich der dicken Berta eins auf die Nase gegeben habe, sondern die sogar so etwas wie Respekt vor mir zu haben scheinen. Obwohl ich es mir nicht anmerken lasse, bin ich glücklich darüber, nun nicht mehr Bille auf den Strickstöcken zu sein.
Ich liege im Liegestuhl und döse in der Sonne, als mein Vater zu mir auf die Terrasse kommt. Er ist aschfahl im Gesicht.
„Bille, ich muss mit dir reden.“
Mir schwant, dass etwas vorgefallen ist, dass etwas vollkommen aus dem Ruder gelaufen ist. Ich rühre mich nicht. Vielleicht kann ich’s ja aussitzen.
Doch mein Vater gibt nicht nach. Er sieht mich an mit einem Blick, der keinen Ausweg anbietet, sagt, „Bille, komm mal zu mir“, setzt sich auf einen Gartenstuhl und wartet.
Zögernd stehe ich auf, gehe zu ihm und bleibe vor ihm stehen; meine langen Arme schlaksen vor und zurück, als könnten sie damit das aus den Fugen geratene Gleichgewicht wieder herstellen.
„Bille, hör mal“, sagt er und weist auf den Stuhl ihm gegenüber.
Ich setze mich, behalte ihn misstrauisch im Auge und warte auf das, was da kommen wird.
„Bille, hör mal“, sagt er noch einmal. Dann starrt er auf seine Hände und schweigt vor sich hin.
Der hat Nerven, denke ich. Sitzt hier mit ’ner Miene, bei der einem angst und bange werden kann, und redet nicht.
Da hebt mein Vater langsam den Kopf, und ich sehe, dass er Tränen in den Augen hat.
„Mama muss ins Krankenhaus. Sie muss essen.“
Klar muss sie essen. Sie kann doch essen. Wozu muss sie zum Essen ins Krankenhaus? Ich verstehe nicht, was er meint.
Mein Vater scheint zu erraten, was ich denke und schüttelt den Kopf.
„Zuhause geht das nicht, Bille“, sagt er. „Das Essen schmeckt ihr hier nicht.“
Mehr erklärt mein Vater mir nicht, mehr muss er mir auch gar nicht erklären, ich bin schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Ich sehe ja, dass es ihr nicht schmeckt, nie schmeckt. Sie pickt in ihrem Essen wie ein Vögelchen und lässt das meiste auf dem Teller zurück. Aber warum das so ist, das verstehe ich nicht.
Mich packt die Wut. Soll sie doch essen wie jeder normale Mensch. Kann doch nicht so schwer sein. Viel schwerer ist es, es nicht zu tun, denke ich und habe die dicke Berta vor Augen. Ich schaue meinen Vater wütend an.
Der gibt sich einen Ruck. “Bille, du fährst über die Ferien zu Opa aufs Land. Ich muss arbeiten, und Mama kommt so bald nicht zurück.“
Das glaube ich jetzt nicht. Nur weil Mama das mit dem Essen nicht hinkriegt, soll ich ans Ende der Welt verfrachtet werden. Wer hat sich denn das ausgedacht?
„Ich will nicht zu Opa“, rufe ich und bin stinksauer.
Ich sehe meine Nachmittage mit den Klassenkameradinnen im Strandbad in Gefahr, sehe meine Felle davonschwimmen. Wenn ich jetzt, während der Ferien, keine Zeit mit ihnen verbringe, dann bin ich nach den Ferien wieder da, wo ich vor Wochen war: Bille auf den Strickstöcken; Ilsebilse, niemand will se.
„Bille, ich weiß, das ist nicht schön für dich. Opa ist ein seltsamer Kauz, aber es nützt nichts.“
Ob Opa ein Kauz ist, ist mir egal. Ich will da nicht hin. Das geht einfach nicht. Da kommt mir die rettende Idee.
„Ich kann doch zu Großmutter und Großvater gehen. Großmutter versorgt mich, und ich kann mich mit meinen Freundinnen treffen.“ Ich sage tatsächlich Freundinnen, damit er merkt, wie wichtig mir das ist.
„Das geht nicht, Bille“, erwidert mein Vater und schüttelt den Kopf.
„Warum denn nicht?“, rufe ich aufgebracht und merke, wie es ganz eng wird in meinem Hals.
„Es geht nicht. Wirklich, Bille, glaub es mir einfach!“ Eine Erklärung bleibt er schuldig.
„Aber ich will nicht zu Opa. Ich kann nicht.“ Verzweifelt schüttle ich den Kopf und beiße mir auf die Lippen, um die Tränen zurückzuhalten.
Meine Verzweiflung beeindruckt meinen Vater nicht.
„Schlag dir das mit Großmutter und Großvater aus dem Kopf.“ Seine Stimme klingt ärgerlich und abschließend.
Jetzt brechen die Dämme. Ich heule Rotz und Wasser und hoffe immer noch, dass er versteht, wie viel für mich auf dem Spiel steht.
Auf meine Tränen ist mein Vater nicht vorbereitet, das sehe ich ihm an. Er weiß nicht, wie er darauf reagieren soll.
„Du fährst zu Opa und Schluss“, sagt er schließlich, steht abrupt auf und geht mit langen Schritten zur Terrassentür.
Ich heule ihm hinterher.
An der Tür dreht er sich noch einmal zu mir um und sieht mich so zornig an, dass ich ein wenig zusammenzucke. Sein Gesicht ist kreideweiß und angespannt.
„Weißt du, ich habe gerade andere Sorgen als dieses Theater hier, das kannst du mir glauben“, stößt er zwischen den Zähnen hervor, dann geht er endgültig ins Haus.
Fassungslos starre ich ihm nach. Das hat er wirklich gesagt: dieses Theater hier.
Nachdem mein Vater mich bei Opa abgeladen hat, sitze ich verstockt in dessen Küche und starre aus dem Fenster. Sechs Wochen im Nirgendwo. Ich möchte die Stille anschreien.
Opa kommt in die Küche und schlurft, ohne ein Wort, in seinen ausgelatschten Hausschuhen über den Küchenboden mit den zersprungenen Fliesen zum Waschbecken, lässt Leitungswasser in eine verbeulte Schale laufen, schlurft zum Fenster und stellt dem struppigen Hund das Wasser neben seinen Liegeplatz. Mit dem Fressnapf in der Hand geht er zurück zum Tisch, stellt ihn auf die gefaltete Zeitung vom Vortag, nimmt ein Holzbrett von der Wand, schneidet zwei Scheiben Brot ab, bestreicht sie dick mit Butter und Leberwurst, zerteilt die Scheiben in kleine Stücke und schabt sie in den Napf, durchquert erneut die Küche, stellt ihn dem Hund zum Fressen hin und tätschelt ihm kurz den Kopf.
„Zuerst die Tiere“, sagt er zu mir gewandt. Erst dann fragt er: „Hast du Hunger?“
Ich nicke und sehe misstrauisch auf die fettige Leberwurst.
Opa folgt meinem Blick. „Das ist nichts für dich, oder?“, fragt er.
Ich schüttle den Kopf und weiß nicht recht, was ich antworten soll.
„Was hältst du von Tomaten und Rührei zum Brot?“
Das geht, denke ich und nicke.
Das Essen verläuft schweigsam.
Einmal fragt Opa mich: “Du wolltest nicht hierher, stimmt’s? Wärst lieber bei deinen Freundinnen in der Stadt geblieben.“
Ich sehe ihn an und nicke erneut.
„Kann ich verstehen“, sagt er. „Ist ja hier auch langweilig für dich.“
Als ich am nächsten Morgen in die Küche komme, ist niemand da, aber der Tisch ist noch für mich gedeckt.
Neben meinen Frühstücksbrett stehen ein gekochtes Ei und ein Salzfässchen, in einer Schale ein paar Tomaten, Käse unter einer Haube aus Fliegendraht, der von einer einzigen dicken, blauschwarzen Fliege umsurrt wird, Butter, Milchkännchen und Zuckerdose, eine Thermoskanne und ein Marmeladenglas, an dem noch ein Rest angetrockneter Marmelade klebt. Nicht sehr verlockend.
Ich gieße mir aus der verbeulten Thermoskanne ein, halte erschrocken inne, der Becher ist erst halb voll, und kann es kaum glauben: Kaffee.
Opa hat mir Kaffee hingestellt. Mama würde zu viel kriegen und Papa auch. Ich muss grinsen und trinke vorsichtig einen Schluck. Bitter.
Dann gieße ich Milch bis fast an den Rand des Bechers, schaufele Zucker hinein und schlürfe den Kaffee mit gespitzten Lippen vom Becherrand ab. Bittersüß. Lecker.
Die Sonne brennt vom Himmel, als ich von der Deele auf den Hof trete, wo der braungefiederte Hahn mit seinem im Sonnenlicht metallisch-grün schimmernden Federkragen gerade die Fanfare zum Aufbruch kräht, bevor er mit seinem gackernden Hühnerharem im Gefolge zielstrebig zur Wiese mit den Obstbäumen stolziert. Auf der Suche nach Opa schließe ich mich ihnen an und entdecke ihn schließlich an der Schafkoppel.
„Na, ausgeschlafen?“, begrüßt er mich und hebt kurz den Blick.
„Nach dem Kaffee bin ich hellwach,“ zwinkere ich vergnügt.
Für einen Moment huscht ein Lächeln über seine Züge.
„Ich dachte, du magst vielleicht keine Milch. Zu fett und so.“ Jetzt grinst er. „Ihr seid ja eigen, ihr Leute aus der Stadt.“
Aha, denke ich, mit den Leuten aus der Stadt hat er’s nicht so.
Trotz der Hitze bleibe ich bei ihm und sehe zu, wie er morsche Zaunpfähle austauscht. Einige sind über die Jahre im Boden fast weggefault und stehen ganz windschief.
Wie Opa. Der ist auch so hager und knorrig und windschief. Mit wenigen weißen Haaren, unter denen sein Schädel in der Sonne glänzt, mit sehnigen, sonnengebräunten Armen, mit dünnen Beinen, die in zu weiten Hosen stecken.
„Papa sagt, du bist ein Kauz,“ rutscht es mir heraus, als ich ihn so betrachte.
Kaum ausgesprochen, hätte ich die Worte gerne zurückgeholt, als er abrupt in der Bewegung innehält, den schweren Vorschlaghammer langsam zurück auf den Boden stellt, sich mir zuwendet und aussieht, als wolle er etwas erwidern, etwas, das nicht freundlich ist. Er sieht mich eindringlich an, überlegt es sich anders und wischt sich mit der Hand einige Schweißperlen von der Stirn.
Dann lacht er: „Und du bist mein Käuzchen.“
Mit einem einzigen Schlag rammt er den Zaunpfahl in das Loch.
Ich langweile mich, als wir am Abend zusammen im Wohnzimmer sitzen. Fernsehen kann man bei Opa vergessen. Er besitzt nur ein kleines Schwarz-Weiß-Gerät, das schon seit Jahren keinen Empfang mehr hat.
Opa liest Zeitung, denn am Morgen hat er keine Zeit dazu. Zuerst die Tiere. Das kenne ich schon.
„Warum sagt Papa, dass du ein Kauz bist?“, frage ich in die Stille.
Opa sieht von seiner Zeitung auf, zieht die Augenbrauen hoch, bis tiefe Furchen seine Stirn unterteilen, und schaut mich aufmerksam an.
„Ich glaube nicht, dass du das verstehst“, sagt er.
Ich schweige, schaue genauso aufmerksam zurück, bis er schließlich nachgibt und sich zu einer Antwort durchringt.
„Deinem Vater reichte das hier nicht.“ Einen einzigen Satz kaut er widerwillig hervor.
Mir würde das hier auch nicht reichen, denke ich und kann meinen Vater verstehen. Aber dass das alles sein soll, weswegen mein Vater seinen für einen Kauz hält, nehme ich meinem Opa nicht ab. Doch bevor ich genauer nachhaken kann, hat der sich schon wieder in seine Zeitung vertieft. Er wird mir den wahren Grund nicht verraten.
Mein Vater hat zwei ältere Schwestern, solche von der resoluten Sorte. Die eine hat auf einen großen Hof geheiratet und lebt mit ihrer Familie im Nachbardorf. Die andere ist Krankenschwester in der nahegelegenen Kleinstadt.
Die eine hat drei Söhne, die Jahre älter sind als ich und die mit mir ebenso wenig anfangen können wie ich mit ihnen. Die andere hat keine Kinder, dafür einen kranken Mann, der froh sein kann, mit ihr verheiratet zu sein.
Sie sind einander so ähnlich, dass ich sie in Gedanken nur Tante Eins und Tante Zwei nenne. Sie erinnern mich an die robusten Arbeitspferde des Nachbarn, die unermüdlich und pflichtschuldig die schweren Holzstämme aus dem Wald bis an die Straße rücken. Beide beklagen sich nie, sondern tun, was getan werden muss.
Die eine kocht tagtäglich für die vielköpfige Familien- und Helferschar; die andere wechselt tagtäglich den Stomabeutel am künstlichen Darmausgang ihres Mannes. Beide werfen Berge von Wäsche in Waschmaschinen und besuchen von Zeit zu Zeit meinen Opa, putzen, seitdem meine Oma vor einigen Jahren verstorben ist, sein Haus bis in die hintersten Winkel und überhören dabei sein unwilliges Knurren. Bedauernd streichen sie mir übers stoppelige Haar und verschwinden geschäftig wieder in ihr eigenes Leben.
Sie sind vollkommen anders als ihr Bruder. Auf mich wirkt es, als kämen die Geschwister aus unterschiedlichen Galaxien, so als gäbe es eine Schwesterngalaxie und eine für den kleinen Bruder, der aus ihrer Schwesternsicht sowieso auf einen ihnen fremden Stern ausgewandert ist.
Auch mir scheint es so, als sei mein Vater eher zufällig in diese Familie gestolpert, nur um sie bei der ersten sich bietenden Gelegenheit fluchtartig wieder zu verlassen.
So ähnlich hat es zumindest Tante Eins zu Tante Zwei einmal gesagt, als sie gemeinsam die großen Bettbezüge durch die heißen Rollen der Mangel schieben. Mich, das Kind, scheinen sie vollkommen vergessen zu haben.
„Nichts wie weg hat er gewollt. Das ganz große Rad drehen, das hat er immer gewollt. Von Anfang an.“
Mir ist klar, dass es sich um meinen Vater handeln muss.
„Und dann ist er dieser Frau in die Hände gefallen.“ Bedauernd schüttelt Tante Zwei ihren Kopf.
Mit dieser Frau ist offensichtlich meine Mutter gemeint.
Das Bedauern der Tante versteht das Kind.
Während der Ferien bei Opa habe ich meine Haare wachsen lassen. Opa hat sich nicht dafür interessiert. Sie sind nicht lang, aber länger. Mit ihrer ungleichen Länge wachsen sie mir fransig über die Ohren, in die Stirn und kräuseln sich im Nacken zu Löckchen. Ich kann es nicht fassen, ich habe die Locken meiner Mutter geerbt.
Als mein Vater mich abholt, bemerkt er die Veränderung gar nicht. Er wechselt ein paar belanglose Worte mit seinem Vater, lehnt den angebotenen Kaffee dankend ab, begründet es mit zu viel Arbeit im Büro, lädt meinen Koffer ins Auto, und dann fahren wir los.
Im Rückfenster sehe ich, wie Opa windschief und alt auf dem Hof steht, den struppigen Hund an seiner Seite. Mir ist zum Heulen, als ich ihn immer kleiner werden sehe.
Irgendwann später frage ich meinen Vater, warum er seinen einen Kauz nennt, mal abgesehen von dem alten Fernseher, der Küche aus den Sechzigern, dem kleinen Auto mit wenig PS. Da zuckt er die Schultern und umreißt mit wenigen Worten, wie er die Dinge sieht.
„Weil er einer ist. So eine Art Stoiker, einer, der alles hinnimmt in stumpfsinniger Pflichterfüllung. Etwas überholt, wenn du mich fragst. Ich jedenfalls wollte immer Koch sein, nie Kellner.“
Mehr nicht. Das war’s. Und auch, wenn ich ihm nicht glaube, dass das alles ist, würde er mir auf weitere Fragen keine andere Antwort geben.
Mein Vater verfügt über einen breitbeinigen Witz und über erzählerisches Talent, wenn ihn ein Thema interessiert. Aber wenn es ans Eingemachte geht, dann wird er einsilbig, dann lässt er einen im Nebel stehen. In dieser Wortkargheit sind sich die beiden Männer ähnlich.
Überhaupt sind sich die beiden nicht gänzlich unähnlich. Was ihr Pflichtgefühl angeht, stehen sie einander in nichts nach. Den Anforderungen seines Berufs wird mein Vater immer und zuallererst gerecht, lediglich sein Getriebensein, sein Streben nach höher und weiter, unterscheidet ihn von seinem Vater.
Seit meine Mutter aus der Klinik zurück ist, sieht sie beinahe gesund aus. Sie hat zugenommen, dabei ist sie immer noch schlank wie eine Elfe, aber die paar Kilo mehr stehen ihr gut. Ihre Haare glänzen, ihre Augen leuchten, sie lächelt mich manchmal an.
Als sie meine gewachsenen Haare sieht, sagt sie „Steht dir.“ und streicht mir über den Kopf. Mein Glück ist vollkommen.
In der Schule hat sich wenig geändert. Zwar lassen mich die anderen jetzt in Ruhe, aber zu ihnen gehöre ich noch immer nicht.
Doch solange meine Mutter mich anlächelt und ein wenig mehr als ein Vögelchen isst, gibt es nichts zu beklagen. Gar nichts.
In den Herbstferien fahren wir an die See. Familienurlaub. Gemeinsam was Schönes machen, sagt mein Vater, und meine Mutter lächelt dazu.
In meiner Erinnerung sehe ich Strandtage im Sonnenschein, lachende Elterngesichter.
Lachen, dem ich misstraue; Heiterkeit, auf die ich mich nicht verlasse; Gesichter, in denen ich jede Unsicherheit registriere, jedes Erschrecken über ein unbedachtes Wort, jede Erleichterung über ein gelungenes. Ich spüre ihre fortwährende Vorsicht und gleichzeitig die stille Freude dieser Tage, während sie turteln, schabernacken und sich an den Händen halten.
Wie ein Minensucher bewege ich mich Schritt für Schritt durch unsicheres Gelände, wie er taste ich mich vorsichtig durch gefährliches Terrain; wie er gönne ich mir keinen Moment der Unaufmerksamkeit; genau wie er bleibe ich auf der Hut, spüre angespannt den Regungen in ihrem Mienenspiel nach, achte auf kleinste Veränderungen, die das Herannahen der immer möglichen Katastrophe ankündigen könnten.
Doch es geschieht nichts.
