9,99 €
Der Bestseller in neuer Ausstattung
Die Zwillingsschwestern Anna und Lotte haben sich fast ein ganzes Leben nicht gesehen, als sie sich mit 74 Jahren zufällig begegnen. Nach dem frühen Tod der Eltern wurden sie kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges auseinandergerissen. Während Anna beim Großvater in Deutschland blieb, wuchs Lotte bei niederländischen Verwandten auf. Ihre Begegnung führt sie zurück in die dunkelste Zeit des 20. Jahrhunderts, zu einer dramatischen Geschichte von Liebe, Schuld und Vergebung – und endlich wieder zueinander.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 661
Veröffentlichungsjahr: 2016
Zum Buch
Die Zwillingsschwestern Anna und Lotte begegnen sich erst mit 74 Jahren zufällig wieder. Nach dem Tod ihrer Eltern wurden sie kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs auseinandergerissen. Während Anna beim Großvater in Deutschland blieb, wuchs Lotte bei niederländischen Verwandten auf. Ihre Begegnung führt sie zurück in ein schmerzhaftes Kapitel der Geschichte, das sie ganz unterschiedlich erlebt haben. Können die Schwestern nach jahrzehntelanger Trennung wieder aufeinander zugehen?
Tessa de Loo zeichnet mit ihrer berührenden Geschichte das Porträt der dunkelsten Zeit des 20. Jahrhunderts und stellt dabei die großen Fragen nach Identität, Schuld und Vergebung.
Zur Autorin
Tessa de Loo, geboren 1946, ist eine der erfolgreichsten niederländischen Schriftstellerinnen. Der Durchbruch gelang ihr mit dem Roman Die Zwillinge, der auch in Deutschland wochenlang auf den Bestsellerlisten stand und verfilmt wurde. Heute lebt die Autorin in Portugal.
TESSA DE LOO
Die Zwillinge
ROMAN
Aus dem Niederländischen
von Waltraud Hüsmert
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.
Überarbeitete Taschenbuchneuausgabe 07/2016
Copyright © 1993 by Tessa de Loo
Die Originalausgabe erschien 1993 unter dem Titel
De Tweeling bei Uitgeverij De Arbeiderspers, Amsterdam
Copyright dieser Ausgabe © 2016
by Diana Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Copyright © der deutschsprachigen Übersetzung
by Waltraud Hüsmert
Die deutschsprachige Ausgabe erschien erstmals 1995
unter demselben Titel beim C. Bertelsmann Verlag,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München
Umschlagmotiv: © Trevillion Images
Satz: Leingärtner, Nabburg
Alle Rechte vorbehalten
e-ISBN 978-3-641-19422-2V002
www.diana-verlag.de
Besuchen Sie uns auch auf www.herzenszeilen.de
Für meine Mutter und Maria Hesse
Die Welt ist weit, die Welt ist schön,
wer weiß, ob wir uns wiedersehn.
TEIL 1
Zwischen den Kriegen
1
Meine Güte, was ist denn das? Ein Sterbehaus?«
Lotte Goudriaan schreckte aus einem wohligen Schlummer hoch, einer leichten Betäubung: alt sein und doch den Körper nicht spüren. Durch ihre Wimpern verfolgte sie die rundliche Gestalt, die, nackt wie sie selber unter einem Bademantel von unschuldigem Himmelblau, geräuschvoll die Tür hinter sich schloss. Mit sichtlichem Widerwillen schaukelte die Frau in den halbdunklen Ruhesaal, zwischen zwei Reihen Betten hindurch, die leer waren bis auf das eine, in dem Lotte lag – ihr Körper eine alte, langwierige Krankengeschichte zwischen makellos sauberen Laken. Instinktiv zog sie sich noch ein Stück weiter unter die Bettdecke zurück. Die Sprache, in der die Frau ihre unpassende Bemerkung gemacht hatte, war Deutsch. Deutsch! Was hatte eine Deutsche hier in Spa zu suchen, wo auf jedem Platz, in jeder Grünanlage ein Mahnmal stand, auf dem Namen von Gefallenen aus zwei Weltkriegen in Stein gemeißelt waren? In ihrem Land wimmelte es doch von Kurorten. Weshalb ausgerechnet Spa? Lotte schloss die Augen und versuchte, sich die Frau wegzudenken; krampfhaft lauschte sie dem Gurren der Tauben, die sich, unsichtbar hinter den Raffrollos aus weißer Seide, auf den Dachsimsen und Innenhöfen des Thermalbades versammelten. Aber jede Bewegung der Deutschen war eine akustische Provokation. Sie hatte sich für das Bett direkt gegenüber dem von Lotte entschieden und schlug deutlich hörbar die Decken zurück. Gähnend und mit einem tiefen Seufzer streckte sie sich aus; als sie endlich im Bett lag und sich der verordneten Ruhe hinzugeben schien, schmerzte sogar noch die Stille, die von ihr ausging, in den Ohren. Lotte schluckte. Eine innere Spannung kroch ihr vom Magen in den Hals, eine seelische Übelkeit, die sie schon am Vortag einmal überfallen hatte, als sie bis zum Kinn im Moorbad saß.
Während sie die Wärme des säuerlich riechenden Torfbreis genossen hatte, der ihre steif gewordenen Gelenke auftaute, war durch einen Türspalt ein altes Kinderlied ins Badezimmer gedrungen, gesummt von einem unsicheren Altfrauensopran. Dieses Lied, das aus einem der benachbarten Räume zum ersten Mal seit siebzig Jahren wieder in ihr Bewusstsein getreten war, hatte eine Mischung aus unbestimmten Ängsten und Ärger in ihr ausgelöst – Gefühle, vor denen eine betagte Patientin in einem vierzig Grad heißen Moorbad auf der Hut sein musste. In dem braunen Brei, zwischen herumschwimmenden kleinen Klumpen, Körnern und halb zersetzten Pflanzenteilen, lauerte ein Herzanfall. Plötzlich hatte sie die Wärme nicht mehr vertragen und sich mühsam hochgestemmt, bis sie schwankend mitten in der Metallwanne stand; ihr Körper war wie mit einer Schicht flüssiger Schokolade überzogen, die alle Unebenheiten kaschierte. Als ob ich schon tot und begraben bin, hatte sie gedacht. Als ihr bewusst wurde, dass sie in dieser Haltung einen verwirrten, hilflosen Eindruck auf die Frau machen würde, die gleich käme, um sie abzuspülen, hatte sie sich mit beiden Händen am Rand der Wanne festgehalten und sich langsam wieder in den Modder sinken lassen. Im gleichen Augenblick war das Lied so abrupt verstummt, wie es begonnen hatte, als sei es nicht mehr gewesen als das Aufflackern einer verloren geglaubten Erinnerung.
Die Deutsche hielt es nicht lange aus im Bett. Minuten später schlurfte sie wieder über das abgetretene Parkett zu einem kleinen Tisch, auf dem neben einem Turm aus ineinander gestapelten Plastikbechern zwei Flaschen Mineralwasser standen. Unwillkürlich verfolgte Lotte alles, was sie tat, als müsste sie auf der Hut sein.
»Excusez moi, madame …« Mit einer leichten Modulation, in mühsam artikuliertem Schulfranzösisch, wandte sich die Frau unerwartet an Lotte. »C’est permis … dass wir … dieses Wasser trinken?«
Zu allem Weiteren wäre es wahrscheinlich nicht gekommen, wenn Lotte auf Französisch geantwortet hätte. Aber in einer Anwandlung von Verwegenheit sagte sie auf Deutsch: »Ja, Sie können das Wasser ruhig trinken.«
»Ach so!« Die Frau vergaß das Wasser, machte auf dem Absatz kehrt und kam zu Lottes Bett. Erfreut rief sie aus: »Sie sind Deutsche!«
»Nein, ja, nein …«, stammelte Lotte. Aber da war die Lunte bereits angezündet, unaufhaltsam kam die Frau auf sie zu. Alles an ihr war breit und rundlich, eine betagte Walküre, die nicht weichen würde. Sie blieb am Fußende stehen, ihr Schatten fiel auf Lottes Bett. Offenherzig sah sie sie an: »Woher kommen Sie, wenn ich fragen darf?« Lotte versuchte, ihre Impulsivität ungeschehen zu machen: »Aus den Niederlanden!« »Aber Ihr Deutsch ist tadellos!«, beharrte die Frau und spreizte die molligen Finger. »Aus Köln«, gab Lotte im matten Ton eines erzwungenen Geständnisses zu, »jedenfalls ursprünglich.« »Köln! Aber da komme ich auch her!«
Köln. Während der Name der Stadt noch im Ruhesaal nachhallte, in dem sonst immer absolutes Schweigen geherrscht hatte, schien es Lotte für einen Augenblick so, als sei Köln eine verdammte Stadt, aus der man besser nicht stammte, eine Stadt, die für den Hochmut eines Volkes mit völliger Zerstörung bestraft worden war.
Die Tür ging auf. In sich gekehrt kam ein Mann mittleren Alters hereingeschlurft; er suchte sich ein Bett aus und schlüpfte geräuschlos unter die Decke, so dass im Dämmerlicht nur noch seine Totenmaske vage zu sehen war. Alles war wieder so, wie es sein musste; nur die Deutsche fiel aus der Rolle. Sie beugte sich vor und flüsterte: »Ich warte in der Halle auf Sie.«
Verwirrt und gereizt blieb Lotte zurück. In ihren Ohren klang es wie ein Befehl: Ich warte auf Sie! Sie beschloss, nicht darauf zu reagieren. Aber je länger sie liegen blieb, desto unruhiger wurde sie. Die aufdringliche Deutsche hatte es geschafft, sie um ihre teuer bezahlte Ruhe zu bringen. Sie konnte ihr nicht entkommen: Der Ruhesaal hatte nur eine Tür, und die führte in die Halle.
Schließlich stand sie energisch auf, schlüpfte in ihre Badeschuhe, zog sich den Gürtel straff um die Taille und ging zur Tür, fest entschlossen, die Frau so schnell wie möglich abzuschütteln. Wenn man die lichtüberflutete Halle betrat, kam man sich wie in einem der Göttin der Gesundheit geweihten Tempelvor. DerFußboden aus großen, diagonal verlegten Marmorplatten in gebrochenem Weiß und der offene Raum mit freier Sicht auf die Balustrade des ersten Stocks erweckten die Illusion einer immensen Weiträumigkeit. Dieser Eindruck wurde noch durch ein Deckengemälde verstärkt, auf dem eine marzipanfarbene Venus in einer Muschel von den Wellen angespült wurde, umringt von molligen Putten. Ständig plätscherte Wasser, denn an beiden Seiten der Halle befand sich ein Springbrunnen aus graubraun geädertem Marmor, flankiert von massiven griechischen Säulen. Aus einem vergoldeten Frauenkopf ragte wie eine ausgestreckte Zunge ein kleiner, glänzender Wasserhahn, aus dem ein dünnes Rinnsal lief. Der eine Brunnen, braun verfärbt vom eisenhaltigen Wasser, von dem sich die reiche europäische Aristokratie in besseren Zeiten eine Heilung ihrer Blutarmut versprochen hatte, stand in direkter Verbindung mit der Source-de-la-Reine, der andere mit der Source Marie-Henrictte, einer Quelle, aus der samtweiches Wasser floss, das alle Giftstoffe aus dem Körper schwemmte.
In diesem Heiligtum der ewigen Jugend hatte die betagte Deutsche einen antiken Sessel in Beschlag genommen. Sie blätterte in einer Illustrierten, nippte an einem Glas Mineralwasser und wartete auf Lotte, die sich ihr widerstrebend mit der Ausrede näherte: »Entschuldigen Sie bitte, ich habe keine Zeit.« Die Frau stemmte sich aus dem schmalen Empiresessel hoch, und man sah ihr an, dass sie dabei Schmerzen hatte. »Bitte hören Sie doch«, sagte sie, »Sie kommen aus Köln. Ich möchte gern wissen, in welcher Straße Sie gewohnt haben.« Lotte suchte Halt an einer der Säulen, die Riffel drückten sich durch den Frotteestoff in ihren Rücken. »Das weiß ich nicht mehr, ich war erst sechs Jahre alt, als man mich in die Niederlande holte.« »Sechs Jahre«, wiederholte die Frau aufgeregt, »sechs Jahre!« »Ich erinnere mich nur daran«, sagte Lotte zögernd, »dass wir in einem Kasino gewohnt haben … oder in einem Haus, das früher einmal ein Kasino war.«
»Das kann doch nicht wahr sein! Das kann einfach nicht wahr sein!« Die Stimme der Deutschen überschlug sich, sie hob ihre Hände zum Kopf und drückte die Fingerspitzen an die Schläfen. »Das ist doch nicht möglich!« Ihr Geschrei erfüllte respektlos den geweihten Raum, sprang über den Marmorboden und stieg empor, um die friedliche Szene an der Decke zu stören. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie Lotte an. Voller Entsetzen? Voller Freude? War sie wahnsinnig geworden? Sie breitete die Arme aus, ging auf Lotte zu und umarmte sie. »Lottchen«, ächzte sie, »begreifst du denn nicht? Begreifst du es nicht?« Lotte, eingeklemmt zwischen der Säule und dem Körper der Deutschen, wurde schwindlig. Sie hatte nur noch den Wunsch, dieser absurden Intimität zu entrinnen, sich in Luft aufzulösen, unsichtbar zu werden. Aber sie war gefangen zwischen ihrer Herkunft und ihrem selektiven Gedächtnis, die schon vor langer Zeit ein feindliches Bündnis eingegangen waren. »Du … meine Liebe«, sagte die Frau ihr ins Ohr, »ich bin’s doch, Anna!«
Die Laterna magica aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert überlässt vieles der Phantasie. Die Lücke zwischen der Projektion von zwei Bildern müssen die Betrachter selbst füllen. Sie bekommen einen Jugendstilerker zu sehen; ein Stockwerk hoch hängt er über der Straße. Zwei Nasen drücken sich am Fenster platt, zwei Augenpaare verfolgen ängstlich die Passanten in der Tiefe. Von dort oben sehen sich alle Frauen ähnlich: ein Hut auf dem hochgesteckten Haar, ein langer, taillierter Mantel mit kleinen Knöpfen, Schnürstiefel. Aber nur eine ist darunter, die eine kleine Schatztruhe aus glänzendem Aluminium unter den Arm geklemmt hat. Jeden Abend beobachten sie, wie sie auf der anderen Straßenseite die doppelte Tür mit der Aufschrift Die Hoffnung hinter sich abschließt und mit den Tageseinnahmen in der Kassette die Straße überquert. Sobald sie zu Hause ist, verlieren die Mädchen ihr Interesse an der Kassette; wichtig ist ihnen nur ihre Mutter, die zuerst tausend Knöpfe aufmachen muss, bevor sie sie auf den Schoß nehmen kann. Nur ausnahmsweise dürfen sie mit in den Laden, dessen Namedem Passanten verrät, dass es sich um eine sozialistische Genossenschaft handelt. Ihre Mutter, die wie eine Königin hinter der hohen, braunen Kasse thront und für sie einen Negerkuss aus der Schachtel nimmt, ist der Mittelpunkt aller Geldhandlungen. Seitdem sie an der Kasse sitzt, hat sich der Umsatz verdoppelt. Sie ist intelligent, fleißig und zuverlässig. Außerdem ist sie krank, aber das weiß noch niemand. Die Krankheit höhlt sie langsam aus, während sie äußerlich eine mollige, blonde Westfälin bleibt.
Ein anderes Bild wird in die Zauberlaterne gesteckt – vorsichtig, sie müssen ja in der richtigen Reihenfolge bleiben. Im Haus gibt es ein Zimmer, das sie nur an der Hand des Vaters betreten. Das dort herrschende Halbdunkel ist von einem bittersüßen Duft durchtränkt. In einem Bett aus Eiche, unter einem bedrohlich wirkenden Stich mit schwarzen Felsen und hohen, schlanken Tannen, liegt die Mutter – eine Fremde mit eingefallenen Wangen und blauen Schatten unter den Augen. Sie schrecken zurück vor dem verzweifelten, duldsamen Lächeln, das auf ihrem Gesicht erscheint, als sie sich ihr nähern. Der Vater, der sie immer wieder sanft zur Bettstatt hinschiebt, liegt eines Tages selbst in einem improvisierten Bett im Wohnzimmer. Sie sollen mucksmäuschenstill sein, weil er krank ist und schlafen muss. Bedrückt knien sie nebeneinander auf dem Sofa im Erker, das Kinn auf die Fensterbank gestützt, blicken sie auf die Straße hinunter – trotz der Frau unter der Felslandschaft warten sie auf die Erscheinung der kleinen Kassette, die der bedrückenden Stille ein Ende bereiten soll. Es wird langsam dunkel. Sie haben kein Zeitgefühl; dass die Zeit verrinnt, ist für sie das Gleiche wie die Tatsache, dass die Schatztruhe nicht erscheint. Dann wird zaghaft geklingelt. Sie rennen zur Tür. Anna, seit ihrer Geburt von dem instinktiven Willen getrieben, immer die Erste zu sein, stellt sich auf die Zehenspitzen und schiebt den Riegel zurück. »Tante Käthe, Tante Käthe«, sie zieht sich an ihr hoch, »kommst du uns holen?« »Kommst du uns holen …«, echot Lotte.
Mit dem nächsten Bild will uns die Laterna magica allem Anschein nach eine larmoyante Geschichte zumuten. Auf dem Sofa steht eine längliche Holzkiste, und darauf sitzen, mit dem Rücken zu einem Zimmer voller fremder Leute aus der Verwandtschaft, Anna und Lotte. Dank der Kiste können sie die Füße auf die Fensterbank legen. Sie haben herausgefunden, dass sie die Klagelaute und das Gemurmel übertönen können, wenn sie mit den Sohlen der engen schwarzen Lackschuhe, die ihnen Tante Käthe angezogen hat, gegen den Fensterrahmen trampeln – zugleich verbannen sie mit ihren Tritten dieses Gefühl einer rätselhaften Verzögerung aus ihrem Leben und versuchen so zu bewirken, dass alles wieder normal wird. Zuerst neigen die Anwesenden noch zu Toleranz – es gibt ja auch keine Benimmregeln für Dreijährige, die ihre Mutter verloren haben –, aber als das Getrampel gar nicht mehr aufhört und die Mädchen für freundliche Ermahnungen taub bleiben, schlägt die Geduld in Ärger um. Hat das Getrampel nicht etwas von dem primitiven Getrommel, mit dem, wie man aus illustrierten Monatsschriften weiß, die Wilden in Afrika den letzten Gang ihrer Toten begleiten? Wenigstens einen Funken christlicher Andacht kann man unter diesen Umständen ja wohl von den Kindern erwarten. Man befiehlt ihnen, von der Kiste herabzusteigen, aber sie weigern sich störrisch, sie schlagen nach den Händen, die sie herunterheben wollen. Erst als die Träger des Bestattungsinstituts in ihrem düsteren Aufzug kommen und die Kiste hochwuchten wollen, lassen sich die beiden Mädchen von Tante Käthe auffangen. Danach betragen sie sich mustergültig, bis auf einen kleinen Zwischenfall in dem langen Zug, der unter einer unpassend warmen Frühlingssonne hinter dem Sarg schreitet. Im letzten Augenblick verhindert Tante Käthe, dass sie die schwarzen Wollmäntel ausziehen, die ihnen ihre Mutter noch eigens zu diesem Anlass im Bett genäht hat. Sie hat die Zähigkeit ihres Körpers unterschätzt und sich in der Jahreszeit verrechnet.
Der große Abwesende bei der Beerdigung liegt im Krankenhaus. Jeden Abend um halb sieben stellt sich Tante Käthe vor einem der Seitenflügel auf, an jeder Hand ein Kind. Dann erscheint hinter einem der vielen Fenster ein Gesicht, gerade deutlich genug, um Anna und Lotte davon zu überzeugen, dass der Vater sich nicht auf die gleiche tückische Weise wie die Mutter in Luft aufgelöst hat. Sie winken, und er winkt zurück mit einer großen, weißen Hand, die sich vor seinem Gesicht hin und her bewegt, als wolle er sich selbst wegwischen. Danach gehen sie beruhigt ins Bett. Eines Tages kommt er nach Hause, abgemagert und von der Krankheit gezeichnet. Als sie an ihm hochklettern, um ihn zu umarmen, stellt er sie mit einem verlegenen, traurigen Lächeln wieder auf die Erde. »Ich darf euch keinen Kuss geben«, sagt er matt, »sonst werdet ihr auch noch krank.«
Die Bilder bekommen nun einen unbeschwerteren Charakter. Der Vater arbeitet wieder in dem ehemaligen Kasino als Leiter einer dort untergebrachten sozialistischen Einrichtung im Dienste der Arbeiter, die sich von ihrer Unwissenheit befreien möchten – Wissen ist Macht steht in Frakturschrift über dem Eingang zur Bibliothek. Es gibt praktisch keine Grenze zwischen ihrer Wohnung im ersten Stock und dem restlichen Teil des Gebäudes. Anna und Lotte, die zusammen mit den Kindern des Hausmeisters durch eine glückliche Schicksalsfügung in diesem proletarischen Kulturpalast aufwachsen, spielen in den breiten Marmorfluren Fangen, verstecken sich hinter massiven Säulen und in den Kulissen des Theaters, übertrumpfen sich gegenseitig beim Bockspringen in dem riesigen, runden Vestibül, in dem ihre Schreie aufsteigen zu einem hohen, bleiverglasten Fenster; wenn die Sonne hindurchscheint, werden sie in karminrotes und pfauenblaues Licht gehüllt. Lotte hat die Akustik entdeckt; sie steht genau unter dem höchsten Punkt der gewölbten Decke und singt mit dem Kopf im Nacken das Lied von der Kölschen Bummelbahn. Zu quirlig, um still sitzen zu können, benutzt Anna, angefeuert vom Nachbarsjungen, ein satinbezogenes Biedermeiersofa als Trampolin, bis die Federn quietschen und sie schwindlig vom Springen mit dem Mund auf die Armlehne aus Mahagoni fällt. Das Sofa steht im Foyer, welches noch immer mit dem mondänen Luxus des Fin de Siècle kokettiert. Über einem reich verzierten Schanktisch mit Kupferhähnen funkeln Kristalllüster unter der Decke, von der die Vergoldung abblättert; an den Wänden hängen Dutzende von stockigen Spiegeln, die, außer einem rot angelaufenen Mädchenkopf mit blutender Lippe, immer noch die Spielleidenschaft in den Augen des alten Geldadels und seiner Parasiten reflektieren. Der Vater hat ihnen streng verboten, diesen Raum zu betreten. Schuldbewusst läuft Anna in sein Büro. Mit ihrer verletzten Oberlippe ist sie seinem forschenden Blick gnadenlos ausgeliefert. »Wie ist denn das passiert?«, fragt er, einen Zeigefinger unter ihrem Kinn. In diesem Augenblick erfindet sie die Lüge. Spontan denkt siesich einen anderen Hergang aus, der so einleuchtend ist, dass er ihr sofort viel wahrscheinlicher vorkommt als der tatsächliche. Sie habe im Garten gespielt, beichtet sie mit gesenktem Blick, und sei auf die Kante des Holztisches gefallen, der dort im Gras steht. Nachdem der Vater in aller Ruhe die Blutung gestillt hat, geht er mit ihr in den Garten. »So«, sagt er, »nun zeig mir mal, wie es passiert ist.« Jetzt erkennt sie das Verräterische an der Lüge: Der Gartentisch ist so hoch, dass ein Mädchen von ihrer Größe geradewegs vom Himmel fallen müsste, um sich die Oberlippe an der Tischkante aufzuschlagen. »Ach sooo …«, sagt der Vater in melodischem Tonfall – eine Melodie, die sie misstrauisch macht. Er nimmt ein Stückchen Haut an ihrem nackten Oberarm zwischen Daumen und Zeigefinger, und sie spürt das Gefühl von tausend Nadelstichen. Es ist die einzige Strafe, an die sie sich Jahre später noch erinnert, eine Strafe, die sie für den Rest ihres Lebens zu einer starrköpfigen Wahrheitsliebe verurteilt.
Aber ihr unbändiges Temperament lässt sich nicht so leicht zügeln. Kurze Zeit darauf bricht sie sich bei einer Balgerei auf der Marmortreppe im Vestibül den Ellbogen. Sie schreit Zeter und Mordio wie eine hysterische Gräfin, die ihren gesamten Besitz verspielt hat, und auch Lotte stimmt in das Gejammer ein, denn ihre Fähigkeit, Panik und Schmerz zu empfinden, erstreckt sich symbiotisch auch auf den Körper der Schwester. Anna bekommt einen Gipsverband und muss den Arm in der Schlinge tragen. Als sie mit diesem Schmuck aus dem Krankenhaus kommt, bricht Lotte erneut in Tränen aus – ob aus Solidarität oder aus Neid, ist nicht ganz ersichtlich. Sie beruhigt sich erst wieder, als sie ebenfalls einen improvisierten Verband und ein Geschirrtuch als Schlinge um den linken Arm bekommt.
Nun ein Weihnachtsbild. Seitdem sich Tante Käthe um die Kinder kümmert, ist sie nicht mehr von ihrer Seite gewichen. Als der Vater aus dem Krankenhaus entlassen wurde, weil die Ärzte mit ihrer Kunst am Ende waren, heiratete er sie im Stillen, damit man ihn nicht zwingen konnte, die Kinder wegzugeben: ein Mann mit einer ansteckenden Krankheit, auf deren Verlauf nur die Zeit Einfluss – ob zum Guten oder zum Schlechten – haben konnte, galt als ungeeignet, Kinder großzuziehen. Anna und Lotte nehmen alles als selbstverständlich hin. Tante Käthe ist einfach da und stellt einen beschneiten Baum ins Zimmer, dessen Äste sich unter einem anarchischen Gewimmel von Hexen, Nikoläusen, Schornsteinfegern, Schneemännern, Zwergen und Engeln biegen. Der würzige Duft nach Tannengrün und Harz gibt ihnen eine Vorstellung von der Natur, die da anfängt, wo Köln aufhört. Der jüngste Bruder des Vaters, Heinrich, ein grobknochiger Junge von siebzehn, ist aus seinem Dorf am Rand des Teutoburger Waldes gekommen, um das Fest des Baumes mit ihnen zu feiern. Auch er hat natürliche Aromen mitgebracht: den Geruch von Heu und Schweinemist, gewürzt mit einem Hauch von Moder. Seinen Bonus als junger, kameradschaftlicher Onkel verspielt er, als er beim Singen der Weihnachtslieder mutwillig den Text verhunzt. Kichernd macht sein Bruder mit; schon bald wetteifern sie, wer die unsinnigsten Reimwörter findet. »Aufhören, aufhören«, schreit Anna und trommelt mit den Fäusten verzweifelt gegen die Brust des Vaters, »so geht das Lied doch nicht!« Aber die Männer lachen sie wegen ihrer kindlichen Orthodoxie aus und übertreffen sich selbst in Wortspielen. Nach einem vergeblichen Versuch, mit zitternder Stimme der richtigen Fassung zu ihrem Recht zu verhelfen, rennt Anna verzweifelt in die Küche, wo Tante Käthe Brot schneidet. »Sie machen das Weihnachtslied kaputt«, ruft sie, »Papi und Onkel Heini!« Tante Käthe rauscht wie eine Rachegöttin ins Wohnzimmer. »Was habt ihr mit dem Kind gemacht?« Anna wird auf den Arm genommen und getröstet, Taschentücher, ein Glas Wasser. »Es war doch nur ein Spaß«, sagt ihr Vater beschwichtigend, »vor neunzehnhunderteinundzwanzig Jahren wurde das Christkind geboren; wenn das kein Grund ist, fröhlich zu sein!« Er setzt sie auf seine Knie und rückt die große Schleife auf ihrem Kopf gerade, die durch die ganze Aufregung verrutscht ist. »Ich bringe dir jetzt ein richtiges Lied bei«, sagt er, »hör zu.« Mit heiserer Stimme, hin und wieder durch den Husten unterbrochen, singt er das melancholische Lied Nach Frankreich zogen zwei Grenadier, die waren in Russland gefangen.
Die Laterna magica projiziert eine Theaterbühne, das Bühnenbild ist ein Wald aus hochgewachsenen Baumstämmen. Der Regisseur des Stücks braucht eine kleine Schauspielerin, sie darf nicht viel größer als einen Meter sein. »Herr Bamberg«, sagt er, »ich suche ein Mädchen für die Rolle eines armen Kindes, das sich im Wald verirrt hat. Ich dachte dabei an eine Ihrer Töchter …« »Welche von den beiden hatten Sie denn im Auge?« »Welche ist älter?« »Sie sind gleichaltrig.« »Ach so, Zwillinge … sonderbar …« »Welche hatten Sie im Auge?« wiederholt der Vater. »Tja, ich hatte gedacht … die Dunkelhaarige. Die Blonde kommt mir zu mollig vor, um ein ausgehungertes Kind zu spielen.« »Aber die ist wirklich gut im Auswendiglernen.« Stolz streicht er sich über den Schnurrbart. »Sie ist … in dieser Hinsicht wirklich ein Phänomen.« Getreu dem anspornenden Motto über der Bibliothekstür widmet er seine freien Abende meist der Lektüre klassischer Schriftsteller und Dichter. Zwischendurch, als spielerisches Experiment, hat er ihr ein Gedicht beigebracht. »Unsere Anna«, erklärt er, »hat ein Papageiengedächtnis. Sie kann Schillers ›Lied von der Glocke‹ vortragen, ohne auch nur eine Verszeile auszulassen.« »Gut«, kapituliert der Spielleiter, »Sie sind der Vater, Sie können das besser beurteilen als ich.«
»Davon halte ich aber gar nichts«, protestiert Tante Käthe, »das Kind ist noch zu klein für so einen Auftritt.« Aber gegen den Ehrgeiz dieses Vaters ist kein Kraut gewachsen. Trotzdem sitzt sie am Tag der Vorstellung mit Lotte und dem Vater strahlend in der ersten Reihe, flankiert von ihren sieben Schwestern. Hinter den Kulissen versteckt die Garderobiere Annas Kleid unter einem grauen, mottenzerfressenen Wintermantel und bindet ihre weiße Haarschleife lose hinten am Gürtel fest. Ohne zu ahnen, dass es eine Generalprobe für das wirkliche Leben ist und sie diese Rolle zehn Jahre lang ohne Publikum und ohne Applaus spielen wird, mimt Anna ein so glaubwürdig mitleiderregendes Kind, dass den Stieftanten die Tränen in den Augen stehen. Nachdem zwei Männer in Jägerkleidung sie in ihrer Mitte aus dem imaginären Wald geführt haben, lugt sie aus den Kulissen neugierig in den Zuschauerraum. Das Publikum, nicht mehr als eine Ansammlung von Köpfen, interessiert sie nicht. Sie sieht im Halbdunkel nur ein einziges, zur Bühne erhobenes Gesicht – das des kleinsten Menschen im Saal, winzig und unbedeutend zwischen den Erwachsenen. Anna starrt auf dieses Gesicht, und plötzlich überfällt sie eine bisher ungekannte Bangigkeit. Durch das Theaterstück und die Rolle, die sie darin spielt, sind Lotte und sie zum ersten Mal zwei voneinander getrennte, eigenständige Individuen, jedes mit seiner eigenen Perspektive – Lotte vom Saal aus, sie von der Bühne herunter. Dieses Bewusstsein von Trennung, von unerwünschter Zweiheit, beunruhigt sie plötzlich so sehr, dass siemitten in der Szene, in der sich ein lange getrenntes Liebespaar wiederfindet, über die Bühne stürmt – das aufgeknöpfte Armeleutemäntelchen flattert um sie herum, und der Gürtel mit dem Haarband schleift hinter ihr her über den Boden. Aufgeregt ruft Tante Käthes jüngste Schwester in breitem Kölsch: »Ach süch’ens, dat Klein!« lm Saal erhebt sich brüllendes Gelächter. Die Zuschauer applaudieren, als handle es sich um einen besonders originellen Einfall des Regisseurs. Anna springt unbeirrt von der Bühne. Schnurstracks läuft sie zu Lotte und beruhigt sich erst wieder, als sie sich neben sie auf denselben Sessel gequetscht hat.
Die Laterna magica beleuchtet wieein Strahl des Mondlichts ein Bett mit hellblauer Decke. Anna und Lotte schlafen abends darin ein, Arme und Beine ineinander verschlungen wie zwei Oktopusse bei der Paarung. Ohne dass sie es merken, entwirrt die Nacht umsichtig diesen Knoten, so dass sie morgens mit dem Rücken zueinander jede auf einer Seite des Bettes aufwachen.
Die Zauberlaterne hat überall Zugang – sie zeigt uns ein Klassenzimmer. Fast können wir hören, wie die Federn übers Papier kratzen. Annas überschäumendes Temperament hindert sie am Schönschreiben. Während sich Lotte mit ruhiger Hand das Alphabet aneignet, wollen die Buchstaben unter Annas Regie nicht gehorchen. Nach der Schule sitzt sie neben ihrem Vater im Büro und kratzt Buchstaben auf ihre Tafel, die er mit den Worten »So nicht, noch einmal« immer wieder wegwischt, bis sie seinen Maßstäben genügen. Ab und zu dreht er sich zur Seite und spuckt in eine kleine blaue Flasche, die er sofort fest verschließt, damit die bösen Geister nicht entweichen können. Als Belohnung für ihre Mühe darf sie anschließend beim Kassensturz helfen. Mit flinken Fingern sortiert sie die lappigen Inflationsgeldscheine in Zehnerstapel – die Einnahmen belaufen sich auf Billionen –, bis ein brennender Ausschlag an ihren Fingerspitzen diesem Zeitvertreib ein Ende macht.
Jeden Montagmorgen vor dem Unterricht durchbohrt die Lehrerin die Schüler mit ihrem Blick und fragt in drohendem Ton: »Wer von euch war gestern nicht in der Kirche?« Es bleibt still, kein Kind rührt sich, bis Anna den Finger hebt: »Ich.« Sofort folgt Lottes hohe, helle Stimme: »Ich auch.« »Dann seid ihr Kinder des Teufels«, sagt die Lehrerin spitz. Die Blicke der anderen Kinder lassen die Schwestern fühlen, dass sie nun exkommuniziert sind. »Aber ihr seid doch noch viel zu klein dafür«, protestiert der Vater, als sie ihm erzählen, dass die ganze Klasse verpflichtet sei, am Sonntagmorgen den Kindergottesdienst zu besuchen, »ihr würdet ja gar nichts verstehen.« Weder ihn noch Tante Käthe haben sie jemals in die Kirche gehen sehen. Jeden Sonntag betteln sie darum; sie können den vernichtenden Blick der Lehrerin und die Hänseleien der Klassenkameraden nicht mehr ertragen. Schließlich stellt der Vater seinen Becher mit verquirltem Ei auf den Tisch und legt seine Hände auf ihre Schultern. »Morgen«, verspricht er ihnen, »komme ich mit in die Schule.«
Aber als sie unterwegs sind, der Vater in der Mitte, scheint es eher so, als ob sie ihn beschütz en müssen, so fiebrig und verletzbar sieht er aus in dem schwarzen Mantel, der ihm um den abgemagerten Körper schlottert. Schwer auf seinen Stock gestützt muss er nach zehn Schritten pausieren, um wieder zu Atem zu kommen. Das Klopfen des Stocks auf dem Kopfsteinpflaster hallt hinter ihm wider – eine Kette von Echos, die ihn davor bewahrt, zu stürzen. Sie betreten das Schulgebäude; er lässt sie im Flur warten und klopft an die Tür des Klassenzimmers. Die Lehrerin, völlig fassungslos durch das ungewöhnliche Intermezzo, bittet ihn mit gespielter Höflichkeit herein. Anna und Lotte lehnen eng aneinandergedrückt an der Wand; den Blick starr auf die Tür gerichtet, lauschen sie. Plötzlich übertönt die heisere Stimme des Vaters die um Selbstbeherrschung ringende der Lehrerin. »Wie können Sie es wagen! Gegenüber Kindern, die schwächer sind als Sie!« Verblüfft sehen sich Anna und Lotte an. Ihre Körper straffen sich, sie brauchen sich nicht mehr anzulehnen. Eine herrliche, aufrührerische Kraft durchströmt sie. Stolz, Triumph, Selbstvertrauen – sie haben keinen Namen dafür, aber sie spüren es. Das haben sie ihm zu verdanken.
Die Tür geht auf. »Kommt nur herein«, sagt er und hustet unterdrückt. Anna geht als Erste über die Schwelle, Lotte im Schlepptau. Vor der Tafel bleiben sie stehen. Die Lehrerin liegt nicht in Scherben auf dem Boden. Allerdings sieht sie so aus, als sei ihr Rückgrat an einigen Stellen geknickt. Mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern klammert sie sich an ihr Pult. Die Schulkinder, reglos in ihren Bänken, blicken respektvoll zu dem Vater von Anna und Lotte auf, der nun ganz die Regie übernommen hat. »So«, sanft schiebt er die beiden Mädchen zur Lehrerin, »und jetzt entschuldigen Sie sich vor der ganzen Klasse bei meinen Töchtern.« Die Lehrerin sieht die beiden mit schiefem Blick an und schaut gleich wieder weg, als hätte sie etwas Schmutziges berührt. »Ich möchte mich bei euch entschuldigen«, sagt sie tonlos, »für das, was ich zu euch gesagt habe. Es soll nicht wieder vorkommen.« Schweigen tritt ein. Was nun? Kann die Lehrerin noch mehr gedemütigt werden? »Und jetzt nehme ich sie mit nach Hause«, hören sie über sich die Stimme des Vaters, »aber morgen sind sie wieder in der Schule. Wenn mir so etwas noch einmal zu Ohren kommt, bin ich wieder hier.«
Zum Glück hält die Lehrerin das ihr abgerungene Versprechen, denn er könnte seine Drohung gar nicht wahrmachen. Zusehends schwindet seine Widerstandskraft gegen den Grabenkrieg, der in seiner Lunge wütet. Ein neues Bild: Auf dem Sofa hingestreckt wie ein Dichter aus der Zeit der Romantik erledigt er keuchend die Büroarbeit. Zwischendurch empfängt er seine Freunde, die ihre Besorgnis allzu offensichtlich hinter munterem Geplauder verbergen – seine vielversprechenden Töchter, in karierten Kleidern mit weißen, gestärkten Kragen, sind mit ihren Gedichten und Liedern eine willkommene Ablenkung. Dass Lotte beim Singen dreimal durch einen trockenen Husten unterbrochen wird, alarmiert nur Tante Käthe. Durch Erfahrung misstrauisch geworden, lässt sie Lotte vom Hausarzt untersuchen. Minutenlang klopft er ihren mageren Brustkorb ab; zugleich mit dem Stethoskop nähert sich sein Schnurrbart ihrer blassen Haut. Er fordert sie auf, zu husten, was ihr sehr leicht fällt, als hätte sie den Husten wie ein Lied eingeübt. »Das gefällt mir aber gar nicht«, murmelt er hinter ihrem Rücken, »ich höre ein schwaches Geräusch im rechten Lungenflügel.« Lotte steht vor einem künstlichen Menschen aus Plastik und fasst mit leichtem Schaudern an das rosa Herz. Mit einer Flasche Hustensirup und einem Röntgentermin lässt der Hausarzt sie gehen.
Es sind nicht nur die letzten Tage des Vaters, die wir auf dem staubigen, goldgelben Bild sehen, sondern auch die der Familie in dieser Zusammensetzung. Vom Kasino geht der gleiche Einfluss aus wie damals, als dort noch gespielt wurde: alles oder nichts, auf Leben und Tod. Es war ein Gebäude, das man erwartungsvoll betrat und gebrochen verließ, ein alchimistischer Trick, dessen geheime Anleitung in den vier Wänden des Heiligtums bewahrt blieb. Mit seinem langen, dünnen Zeigefinger winkt der Vater die Töchter zu sich. Schwer atmend sitzt er auf der Sofakante. »Hört mal«, sagt er langsam, als wäre seine Zunge geschwollen, »was meint ihr wohl, wie lange lebe ich noch?« Anna und Lotte runzeln die Stirn – für sie ist das eine Rechenaufgabe mit astronomischen Zahlen. »Zwanzig Jahre!«, rät Anna. »Dreißig!«, setzt Lotte noch eins drauf. »So, glaubt ihr das«, sagt er langmütig. Er sieht sie mit offenem Mund und fiebrig glänzenden Augen an, als wolle er noch etwas sagen, aber dann überfällt ihn ein rasselnder Hustenanfall, und er scheucht sie mit flatternder Hand weg.
Als sie ein paar Tage später aus der Schule kommen, führt Tante Käthe sie gleich ins Schlafzimmer. In der Wohnung riecht es nach Rotkohl mit Äpfeln und Zimt. Einen irritierenden Kontrast zu dem würzig-süßen Duft bildet die Gesellschaft, die sich um das Bett des Vaters versammelt hat. Onkel Heinrich, die Hände mit der zerknüllten Mütze vor dem Bauch verschränkt, starrt mit bäurischem Misstrauen auf seinen schlafenden Bruder. Ist das hier ein so besonderes Schauspiel, dass sie alle dabei zugucken müssen? Tante Käthe schiebt Anna und Lotte zum Bett. »Johann«, sagt sie, den Mund dicht an seinem Ohr, »hier sind die Kinder.« Als er seine Töchter erblickt, blitzen seine Augen, als amüsiere er sich insgeheim über das lächerliche Theater ringsum. Bestimmt steht er gleich auf, denkt Lotte, und schickt sie alle nach Hause. Aber dann schlägt seine Stimmung um. Sein Blick geht gehetzt von einem zum andern, er hebt den schweißnassen Kopf – aus seiner geheimen Innenwelt scheint er ihnen etwas mitteilen zu wollen, das keinen Aufschub duldet. »Anneliese …«, stößt er heraus. Der Kopf fällt sofort auf das Kissen zurück, und er versinkt wieder in einen Dämmerzustand. Auf den eingefallenen Wangen liegt der Schatten eines beginnenden Bartes. »Warum sagt er Anneliese zu uns?«, fragt Anna beleidigt. »Er hat an deine Mutter gedacht«, sagt Tante Käthe.
Nach dem Essen holt eine der sieben Schwestern die beiden Mädchen von dem Fest weg, das kein Fest ist. Sie werden in ein fremdes Bett gesteckt, ein Floß auf einem unbekannten Ozean, das sie nur dann vor dem Sinken bewahren kann, wenn sie eng umklammert und ohne sich zu rühren genau in der Mitte liegen bleiben. Nachts träumen sie, dass Tante Käthe sie weckt und mit nassem Gesicht küsst, aber als sie am Morgen erwachen, ist sie nirgends zu sehen.
Sieben Paar Hände holen Anna und Lotte morgens aus dem Bett und heben sie auf einen Stuhl, damit man sie leichter anziehen kann. »Euer Vater«, bemerkt eine der sieben Personen und zieht dabei einen Unterrock gerade, »ist heute Nacht gestorben.« Zuerst löst diese Mitteilung keine Reaktion aus, aber als die Stiefel umständlich zugeschnürt werden, seufzt Anna: »Dann braucht er nie mehr zu husten.« »Und die Brust tut ihm auch nicht mehr weh«, pflichtet Lotte ihr bei.
Das letzte Bild zeigt den Abschied. Was man nicht sieht, ist die Beerdigung und auch das ständige, verhasste Knicksen, das bei diesem Anlass von den Mädchen erwartet wird. Nicht zu sehen sind auch die Auseinandersetzungen, die Tränen von Tante Käthe, ihr Drohen mit einem Prozess, die gepackten Koffer. Das Letzte, was Lotte von Anna sieht: Sie steht mitten auf der Treppe im Vestibül, umringt von Verwandten, die von weither gekommen sind. Etwas abseits, bereits verstoßen, steht Tante Käthe, im Gesicht Spuren des vergeblichen Jammerns und Klagens. Anna ist voller Selbstvertrauen, in ihrem Trauerkleid und mit einer großen, schwarzen Schleife, die aussieht, als hätte sich eine Krähe auf ihre blonden Haare gesetzt. Neben ihr steht der Onkel, der die Weihnachtslieder verhunzt hat, auf der anderen Seite eine Tante mit einem Busen von faszinierendem Umfang, auf dem funkelnd ein goldenes Kreuz ruht. Einige schlecht zu erkennende Personen ohne besondere Merkmale schließen die Reihe ab. Hinter Anna, die knochigen Hände auf ihren Schultern, als hätte er sie sich schon angeeignet, steht ein alter, steifer Mann im Sonntagsanzug; er hat einen zerfransten Schnurrbart, und aus seinen Ohren wuchern verdorrte Grasbüschel.
Das Letzte, was Anna von Lotte sieht: Sie steht schon an der Tür, genau unter dem bleiverglasten Fenster. Nur an ihrem Gesicht erkennt man, dass sie es ist, der Rest ist eingemummelt, als würde sie zum Nordpol reisen. Neben ihr, auf einen Regenschirm gestützt, steht eine kokett wirkende alte Dame; sie trägt einen eleganten Hut mit Schleier und hält die dünnen Lederhandschuhe locker zwischen den Fingern. Den ganzen Tag hat sie den alten Mann, dessen Hände schwer auf Annas Schultern lasten, in einem überlegenen, neckenden Ton »mein lieber Bulli« genannt.
Weder Anna noch Lotte machen sich Sorgen. Sie fallen sich nicht um den Hals, sie weinen nicht, sie nehmen in keiner Weise voneinander Abschied – wie sollten sie auch, ihnen fehlt jedes Vorstellungsvermögen für das Phänomen Distanz, sowohl räumlich als auch zeitlich.
Die Einzige, die für einen Hauch von situationsgemäßem Abschiedspathos sorgt, ist Tante Käthe; in letzter Sekunde stürzt sie quer durch das Vestibül und drückt Lotte tränenüberströmt an ihre Brust.
2
J’ai retrouvée ma soeur, madame!« Anna sprach einfach einen vorbeigehenden Kurgast an, der erschrocken zurückfuhr. Unangenehm berührt erkannte Lotte das ungestüme, laute Wesen wieder, das sie noch von ganz früher in Erinnerung hatte.
»Ich kann es einfach nicht glauben.« Anna fasste sie mit ausgestreckten Armen bei den Schultern. »Lass dich anschauen.« Jeder Muskel in Lottes Körper spannte sich. Jetzt wurde sie auch noch gemustert! Diese familiäre Zudringlichkeit war ihr zuwider – sie wurde in etwas hineingezogen und brachte nicht die Kraft auf, dem Sog zu widerstehen. Aber vor vierundsiebzig Jahren fast gleichzeitig von derselben Mutter geboren worden zu sein war etwas, wovor sie nicht weglaufen konnte, wie raffiniert der Verdrängungsmechanismus auch funktionieren mochte, den sie im Laufe eines halben Jahrhunderts entwickelt hatte. Zwei kluge, hellblaue Augen sahen sie neugierig und leicht ironisch an.
»Du bist eine richtige Dame geworden«, stellte Anna fest.
»Noch immer so schlank und mit dem hochgesteckten Haar, ich muss schon sagen, du siehst wirklich gut aus.«
Lotte blickte reserviert auf Annas üppige Figur und die kurzen Haare, die ihr etwas Junges und Eigenwilliges gaben.
»Mir ist das nie gelungen«, sagte Anna, und aus ihrem kurzen Lachen waren sowohl Selbstironie als auch Stolz herauszuhören. Sie fasste Lottes Arm, sah ihr mit einem strahlenden Blick fest in die Augen und näherte ihr Gesicht dem von Lotte. »Und du hast die Nase von Vati, wie wunderbar!«
»Was … hat dich hierhergeführt?«, versuchte Lotte, in die Enge getrieben, abzulenken. Gott sei Dank, Anna ließ sie los.
»Ich leide unter Arthrose. Der ganze Bewegungsapparat ist verschlissen, weißt du.« Sie deutete auf ihre Knie, ihre Hüften. »Jemand hat mir von den Moorbädern in Spa erzählt – und von Köln aus ist es ja nicht so weit. Und du?«
Lotte zögerte, denn sie ahnte schon, dass sie der Schwester mit ihrer Antwort eine Freude machen würde. »Auch Arthrose«, murmeltesie.
»Also eine Familienkrankheit!«, rief Anna begeistert.
»Komm, wir suchen uns irgendwo einen Platz, ich kann nicht so lange stehen.«
Es war nichts zu machen. Etwas Unabwendbares nahm seinen Lauf, Widerstand war zwecklos.
»Meine Schwester, stell dir mal vor!«, jubelteAnna im Flur. Ein Greis, der auf einer Bank an der Wand gedöst hatte, die gekrümmten Finger um seinen Stock geklammert, fuhr erschrocken hoch.
Mit einem Becher Kaffee aus dem Automaten gingen sie in den Aufenthaltsraum, der von einem mächtigen Gemälde beherrscht wurde, das eine junge Frau mit einem Schwan zeigte. Als sie endlich bequem saß und ein paar Schlucke Kaffee getrunken hatte, fand Lotte ein wenig zu ihrer alten Gelassenheit zurück.
»Wer hätte je gedacht, dass wir uns wiedersehen würden.« Anna schüttelte den Kopf. »Und dann noch an einem so merkwürdigen Ort, das hat bestimmt einen tieferen Sinn.«
Lotte umklammerte ihren Plastikbecher fester. Sie glaubte nicht an einen tieferen Sinn, nur an den blinden Zufall, der sie ziemlich in Verlegenheit gebracht hatte.
»Spürst du schon eine Linderung durch die Moorbäder?« Anna wusste nicht, wie sie anfangen sollte.
»Ich bin erst drei Tage hier«, sagte Lotte zögernd, »bis jetzt spüre ich nichts als bleischwere Müdigkeit.«
»Das sind die Toxine, die frei werden.« Anna maßte sich einen ärgerlich professionellen Ton an. Plötzlich fuhr sie hoch: »Erinnerst du dich noch an unsere Badewanne in Köln? Mit den Löwentatzen? In der Küche?«
Lotte zog die Augenbrauen zusammen. Ihr fiel ein anderes Badezimmer ein. Gedankenverloren blickte sie aus dem Fenster. Die Wintersonne ließ die Häuser nackt erscheinen. »Jeden Samstagabend hat mein Vater uns nacheinander in einer Zinkwanne gewaschen.«
»Dein Vater?«
»Mein holländischer Vater.« Lotte lächelte verlegen.
»Wie war er … ich meine, was waren das für Leute … Als Kind habe ich mir alles Mögliche vorgestellt …« Anna griff mit beiden Händen in die Luft. »Weil ich überhaupt nichts von dir wusste, habe ich mir eben etwas ausgedacht. Ich habe davon geträumt, dich zu besuchen, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schlimm das für mich war, nichts von dir zu hören. Und alle haben so getan, als gäbe es dich gar nicht. Ja, also, was für Leute waren das eigentlich …?«
Lotte presste die Lippen zusammen. Von der Idee, alte Erinnerungen auszugraben, ging eine beunruhigende Anziehungskraft aus. In einem entlegenen Winkel ihres Gedächtnisses waren sie tief verborgen, wie unter einer dicken Schicht Staub und Spinnweben. War es nicht besser, sie in Ruhe zu lassen, statt darin herumzustochern? Dennoch waren sie ein Teil von ihr, es hatte etwas Verführerisches, sie zum Leben zu erwecken. In einer so absurden Umgebung wie dem Thermalbad und ausgerechnet auf Annas Bitte hin. Herausgefordert vom Widersinnigen, ja sogar Unstatthaften, das darin lag, schloss sie die Augen halb und begann, leise vor sich hin zu murmeln.
Jeden Samstagabend schrubbte er seine vier Töchter in einer mit warmem Seifenwasser gefüllten Zinkwanne sauber, wobei er von Zeit zu Zeit »Still gesessen!« brummte. Seine Frau nutzte währenddessen die langen Öffnungszeiten der Läden. Zum Abschluss des Rituals gab es ein Glas Milch, die er ihnen pfeifend warm machte. Vier Nachthemden, acht bloße Füße, so langsam wie möglich trinken, das Schlafengehen so lange es ging hinauszögern. Nachdem er vier Gutenachtküsse entgegengenommen hatte, schickte er sie resolut ins Bett. Im Sommer sah das Szenarium anders aus. Auf dem verwilderten Fußballrasen vor dem Haus traf sich eine Gruppe von Mädchen aus dem Dorf, die schon etwas älter waren, zur rhythmischen Gymnastik. Nebelschwaden, die aus dem Gras aufstiegen, umgaben sie. Vor dem rotgefärbten Abendhimmel zeichnete sich die Silhouette eines Kleintransporters ab, der sich auf dem Sandweg schnell näherte und Staubwolken aufwirbelte. Er hielt an der Gatterpforte vor dem Fußballplatz, die Ladeklappe wurde geöffnet, und dann vollzog sich das Wunder, das Lotte jeden Samstagabend den Atem raubte: Muskulöse Arme luden ein Klavier ab und stellten es, zwischen Butterblumen und Sauerampfer, an einen akustisch günstigen Platz auf der Wiese. Ein junger Mann in einem eierschalenfarbenen Sommeranzug setzte sich ans Klavier und sandte im Marschtempo klassische Melodien in den Abend.
Die Mädchen vom Turnverein warfen die Beine hoch und bogen sich weit nach hinten; mit hoch über den Kopf gestreckten Armen standen sie auf Zehenspitzen, als landeten sie gleichzeitig an unsichtbaren Fallschirmen auf der Erde. Alles im unerbittlichen Viervierteltakt des Pianisten. Mies, Maria, Jet und Lotte, noch warm vom Baden, schauten vom Zaun aus zu, bis sie in einiger Entfernung ihre Mutter auftauchen sahen, kerzengerade auf ihrem Gazelle-Rad, dessen Lenker sich unter dem Gewicht prall gefüllter Einkaufstaschen durchzubiegen schien.
Kein Bad für Anna. Schon in den ersten Tagen auf dem Gehöft ihrer Vorfahren an der Lippe musste sie feststellen, dass Baden dort als etwas Sonderbares galt und auf allgemeines Misstrauen stieß. Ihr Großvater – gleich nachdem sie angekommen waren, nickte er in seinem vertrauten Sessel ein, die Füße in den verfilzten Wollsocken auf dem Rand des gusseisernen Ofens, so dass sich beißender Schimmelgeruch in dem kleinen, vollgestellten Wohnzimmer verbreitete – würde vermutlich sterben, ohne seine bleiche Brust je mit einem Stück Seife behelligt zu haben. »Ich will baden«, quengelte Anna. Tante Liesl ließ sich erweichen durch die Hartnäckigkeit, mit der die kleine Nichte an ihren Grundsätzen festhielt, setzte einen großen Kessel Wasser aufs Feuer und füllte dann eine Zinkwanne auf dem Steinfußboden. Das war der Auftakt für eine jahrelange Gewohnheit, die Anna eigenmächtig beibehielt, nachdem Tante Liesl das Haus verlassen hatte. Als sie sich Jahre später dabei einschloss, rüttelte Onkel Heinrich einmal an der Tür und rief mit einem gereizten Lachen: »Du musst ja furchtbar schmutzig sein, wenn du so ein Trara machst.«
Die Kinder aus dem Dorf begegneten Annas städtischen Umgangsformen und ihrer gebildeten Art zu reden voller Misstrauen; einmal hefteten sie ihr einen Zettel an den Mantel mit der Aufschrift: »Hau ab!« Sie war Klassenbeste – die Mitschüler, die ihre Glanzleistungen mit einer Mischung aus Angst und Neid beobachteten, mieden ihre Gesellschaft. Langsam dämmerte ihr die Erkenntnis, was tot sein bedeutete: Jemand war für immer fort, und nicht einmal der heiße Wunsch, er würde durch sein energisches Auftreten kurzen Prozess mit den Quälgeistern machen, konnte ihn zurückbringen. Nach dieser Definition war auch Lotte tot. Anna drang immer wieder auf ihre Rückkehr und lief dabei um den Großvater herum, bis er lospolterte: »Sei doch nicht so ungeduldig! Wenn sie sich nicht richtig auskuriert, stirbt sie auch, willst du das vielleicht?« Verzweifelt drehte sie sich zu Tante Liesl um, die am Spinnrad saß und mit hoher, dünner Stimme sang: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …« Ihr weicher Busen wogte mit den Bewegungen des Rades. Über ihrem Kopf hing ein Bild an der Wand; die Familie hatte den Kupferstich im Krieg bekommen, nachdem einer der Söhne gefallen war. »Es gibt keine größere Liebe, als sein Leben für das Vaterland hinzugeben«, stand in verschnörkelten Buchstaben unter einem sterbenden Soldaten und einem Engel, der ihm die Siegespalme reichte. Anna trollte sich in der vagen Hoffnung, dass Onkel Heinrich etwas Licht in das Dunkel um Lotte bringen könnte. Doch der saß im Garten hinterm Haus auf dem Klosett, einem hohen, schmalen Verschlag aus dunkelgrün gestrichenem Holz, der wegen eines unterirdischen Arms der Lippe teilweise abgesackt war. Die Tür mit dem ausgesägten Herz stand weit offen. Breit thronend war er in ein Gespräch mit dem Nachbarn verwickelt, der jenseits eines eines kleinen Rübenackers in die gleiche Tätigkeit vertieft war, ebenfalls mit weit offener Tür. Das Gespräch von Mann zu Mann drehte sich um das Schützenfest und die Mädchen – in dieses Schussfeld wagte Anna sich nicht vor.
Mutlos trottete sie zum Fluss, ging über die Brücke und blieb mit hängenden Schultern vor einem Bildstock im Schatten eines überhängenden Holunderstrauchs stehen. Zu Füßen der Muttergottes stand ein Strauß dunkelroter Pfingstrosen. Maria blickte andächtig auf das Kind; von der Statue ging die Suggestion einer geheimnisvollen, verborgenen Intimität aus, die alle neugierigen Blicke ausschloss. Anna spürte den Impuls, diese Beschaulichkeit zu stören und das fromme Gesicht zu beschädigen. Statt dessen riss sie die Blumen aus der Vase, rannte damit auf die Brücke und warf sie mit einem wütenden Schwung in die Lippe. Sie sah ihnen nach, wie sie langsam in Richtung Holland trieben. Eine Pfingstrose verhielt sich anders als die übrigen: Sie drehte sich in einem Strudel wild im Kreis und wurde dann in die Tiefe gerissen. Neiderfüllt starrte Anna auf die Stelle, wo sich die Blume ihrem Blick entzogen hatte. Von einer Sekunde zur anderen verschwinden, das wollte sie am liebsten auch – um wieder bei den Menschen sein zu können, die sie liebte. Ein heftiger Wind kam auf, der den Geruch von feuchtem Gras und Schilf mit sich trug. Sie wehrte sich nicht, als er sie erfasste und mit flatterndem Kleid hochhob. Immer höher trug er sie, in ein ohrenbetäubendes Rauschen, geradewegs in den strahlend blauen Himmel. Tief unter sich, halb versteckt unter der Krone einer Linde, sah sie den Bauernhof des Großvaters. Sie sah die Felder, die grasbewachsenen diluvialen Sandwälle, auf denen Kühe weideten, die Schule, die Landelinuskirche – die ganze Ansiedlung zu beiden Ufern der Lippe. In verzweifelten Windungen versuchte der Fluss dem unbedeutenden Nest zu entkommen, dessen Bewohner die Geschichte des Fleckens mit Legenden über Widukind aufpolierten – angeblich hatte er mit seinen sächsischen Horden genau an dieser Stelle dem König des fränkischen Reiches blutigen Widerstand geleistet. Anna schwebte hoch über alledem und hatte nichts damit zu schaffen.
Lotte lag im Garten, in einer weißgestrichenen Laube, die auf einer drehbaren Achse ruhte, so dass man sie nach Belieben in die Sonne oder auch von ihr weg drehen konnte. Im Bett ausgestreckt drehte sie sich mit dem Wetter mit – das schmale Gesicht auf einem weißen, mit Spitze umrandeten Kissen. Ihre holländische Mutter stellte einen Küchenstuhl neben das Bett und brachte ihr Niederländisch bei; sie gab ihr aber auch ein Märchenbuch der Gebrüder Grimm mit romantischen Illustrationen, auf Deutsch, »damit du deine Muttersprache nicht verlernst«. Sie sah selbst so aus, als sei sie einem Märchenbuch entsprungen, groß, kerzengerade und stolz, und sie lachte gern – ihre Zähne waren so weiß wie die Tauben, die beim Taubenschlag am Waldrand aus und ein flogen. Alles an ihr glänzte: die Wangen, die blauen Augen und die langen braunen Haare, die sie mit geschickt gesteckten Schildpattkämmen bändigte. Ihre überschäumende Lebenslust teilte sich jedem mit, der ihren Weg kreuzte. Aber das Märchenhafteste an ihr war ihre unweibliche Kraft. Wenn sie sah, dass sich ihr Mann mit einem Sack Kohlen abschleppte, eilte sie herbei und nahm ihm die Last liebevoll ab – um sie wie einen Sack Federn zum Schuppen zu tragen. Lotte hatte bald gemerkt, dass sie bei einem verwandten Stamm gelandet war: dem der Langnasen. Das Stammesoberhaupt sah ihrem Vater zum Verwechseln ähnlich. Der gleiche scharfsinnig-melancholische Blick, die schmale, gebogene Nase, das dunkle, nach hinten gekämmte Haar und der Schnurrbart. Er war ja auch ein direkter Cousin ihres Vaters und hatte seine genetischen Eigenschaften unverschnitten an seine Töchter weitergegeben; die rundlichen Kindernasen ließen schon jetzt das gleiche stolze und empfindliche Riechorgan ahnen. Später, als es gefährlich wurde, mitten im Gesicht eine solange Nase zu tragen, hätte diese simple biologische Gegebenheit eine von ihnen fast das Leben gekostet.
Je nach dem Stand der Sonne bekam Lotte in ihrer Loge einen anderen Teil des Universums zu sehen. Dort, hinter dem breiten Wassergraben, der den Garten an zwei Seiten begrenzte, war der Wald. Eine Koniferengruppe neben dem Taubenschlag bildete eine natürliche Pforte, eine dunkle Höhle, die Lottes Blick in sich hineinzog – über einen bemoosten Steg direkt in das Halbdunkel zwischen den Bäumen. Aus einem anderen Blickwinkel sah sie den Obstgarten und die Gemüsebeete, wo die Kürbisse so schnell dicker wurden, dass Lotte – empfänglich durch die Märchen, in denen Äpfel und frisch gebackene Brote reden konnten – glaubte, sie vor Wachstumsschmerzen stöhnen zu hören. Dann gab es den Ausblick auf das Haus und einen massiven, achteckigen Wasserturm mit Zinnen-Mauerwerk mit Zierbogen aus grün glasierten Klinkern über Fenstern und Türen. Eines Tages sah sie, wie ihr holländischer Vater hinaufkletterte und eine große Fahne hisste. Ihr stockte der Atem – war es nicht das Schicksal von Vätern, plötzlich aus der Welt geweht zu werden?
Nachts schlief sie im Haus, in einemeigenen Zimmer. Dann entfaltete sich die Landschaft der Nacht: nie geschaute Berge und Felsen, Tannenwälder und Almen, Wildbäche. Darüber schwebte ihr Großvater auf den Schößen seines Beerdigungsrocks; in seinen Klauen hing Anna, mit lautlosem Schrei. Lotte rannte hügelauf und hügelab, um dem Schatten zu entkommen, den erauf sie warf. Das Geröll unter ihr geriet in Bewegung, sie stolperte über Felsbrocken – schreiend und hustend schreckte sie aus dem Schlaf auf. Jemand hob sie hoch und trug sie in ein anderes Bett, wo sie sich in die Achselhöhle ihrer holländischen Mutter schmiegte und ohne Unterbrechung weiterschlief.
»Warum haben sie uns damals Hals über Kopf mitgenommen, wie Diebe in der Nacht«, fragte sich Lotte, »gleich nach der Beerdigung?«
Anna lachte trocken. »Weil es ein Racheakt war. Und es hatte noch den willkommenen Nebeneffekt, dass sie eine zusätzliche Arbeitskraft für den Bauernhof bekamen. In dem Dorf lebten nur stockkonservative, katholische Bauern – so war das damals. Vater war mit neunzehn aus diesem Milieu geflohen. Er ging nach Köln und wurde Sozialist. Das hat der kurzsichtige Alte nie verwinden können, verstehst du. Und darum hat eruns gleich nach dem Tod seines abtrünnigen Sohnes aus dieser Brutstätte desHeidentums und Sozialismus gerettet. Eine Blitzaktion, weil er nicht wollte, dass Tante Käthe uns behielt.«
Lotte verspürte ein leichtes Schwindelgefühl. Sie konnte kaum glauben, dass diese groteske Familiengeschichte auch von ihr handelte. Plötzlich brach, einfach so, das Siegel eines bitteren Mysteriums, das sie vor unendlich langer Zeit fest verschlossen hatte: Psssst, nicht mehr daran denken, es ist ja gar nicht geschehen.
»Aber …«, wandte sie kleinlaut ein, »warum hat er … mich … dann mit in die Niederlande gehen lassen?« Ihr war, als ob sie nur das Echo ihrer Stimme hörte, als ob jemand anders für sie redete.
Anna beugte sich vor und legte ihre mollige Hand auf die von Lotte. »Es gefiel ihm nicht, dass du krank warst. Ein gesundes Kind ist eine gute Investition, aber ein krankes … Ärzte, Medikamente, ein Sanatorium, eine Beerdigung: Das hätte nur Geld gekostet. Deshalb war es ihm ganz recht, als seine Schwester Elisabeth anbot, dich mitzunehmen – auch wenn er sie überhaupt nicht leiden konnte und ihr in ihrer mondänen Trauerkleidung nur misstraute. Sie hatte ihm erzählt, ihr Sohn wohne in einer trockenen, waldreichen Gegend unweit von Amsterdam, wo das Klima heilsam sei für Tbc-Kranke, in der Nähe sei sogar ein Sanatorium. Na ja, das alles weißt du ja viel besser als ich. Diese Tante war selber im vorigen Jahrhundert – stell dir vor, vor fast hundert Jahren – dem Landleben entflohen; sie war als Dienstmädchen nach Holland gegangen und hatte dort geheiratet. Ich habe das alles von Tante Liesl erfahren, Jahre nach dem Krieg. Opa war nichts mehr an dir gelegen, auch nicht, als du wieder gesund warst. Eine Katze, die als junges Tier kränkelt, wird nie richtig gesund und stark, das war sein Standpunkt.«
»Ich frage mich«, Lotte lächelte krampfhaft, »ob er mich auch hätte ziehen lassen, wenn er gewusst hätte, dass ich bei einem Stalinisten aufwachsen würde, der mich mit Schimpftiraden gegen die Pfaffen und die Kirche erzog.«
»Mein Gott, ist das wahr …?« Bestürzt schüttelte Anna den Kopf. »Was für eine Ironie des Schicksals – ohne die Kirche gäbe es mich längst nicht mehr.«
Brot und Nägel, Wurst und Sicherheitsnadeln, nichts war undenkbar in dem reich sortierten Laden mit angrenzendem Schankraum, in dem Anna mit heller Stimme ihren Einkaufszettel vorlas. »Willst du dir einen Groschen verdienen, Kind?«, lispelte die Frau hinter dem Ladentisch; dass in ihrem verfallenen Gebiss ein Schneidezahn fehlte, hielt sie nicht davon ab, mit Krämerschläue zu lächeln. Anna nickte. »Dann komm und lies meiner Mutter vor, zweimal die Woche.« In einem Hinterzimmer saß die durch grauen Star erblindete Mutter zusammengekauert in einem abgewetzten Sessel am Fenster; vor ihr auf dem Tisch lagen die mystischen Betrachtungen der Katharina von Emmerich. Jede Vorlesestunde musste mit der Lieblingspassage der alten Frau beendet werden: der Geißelung Jesu, bevor er gekreuzigt wurde. Ohne jede Zurückhaltung beschrieb die fromme Katharina die verschiedenen Stufen der Geißelung: Zuerst wurde der Heiland mit einer gewöhnlichen Peitsche geschlagen, dann nahm ein anderer, gut ausgeruhter Soldat mit einer neunschwänzigen Katze den Platz des vorigen ein, der wiederum, als sein Arm erlahmte, von einem Soldaten mit einem Flagellum abgelöst wurde, dessen Widerhaken tief in die Haut drangen. Bei jedem Schlagklopfte die alte Frau mit ihren knochigen Fingern auf die Sessellehne und stieß Laute aus, die zwischen Schmerz- und Ermunterungsrufen lagen. Auch Anna erreichte jedesmal einen Höhepunkt: das Verschmelzen ihres Mitleids mit Jesus und ihrer Wut auf die römischen Soldaten und die eigentlichen Anstifter, die Juden. Wenn sie das Buch mit zitternden Fingern geschlossen hatte, ließ ihre Empörung langsam nach. »Komm mal her …«, winkte die alte Frau. Widerwillig näherte sich Anna dem Sessel. Die alten Finger, die kurz zuvor noch rhythmisch auf die Sessellehne getrommelt hatten, betasteten Annas pummelige Arme und Hüften. Ungerührt registrierte Anna die Zeichen des Verfalls – Leberflecken in dem blassen Gesicht, Tränensäcke unter den glanzlosen, stieren Augen, schütteres Haar, durch das die Kopfhaut schimmerte. »Ach, streichle mir doch mal über den Kopf …«, sagte die Frau leise und drückte Annas Hand. Anna rührte sich nicht. »Bitte, bitte … streichle mir doch über den Kopf …« Gehörte das auch zum Vorlesen, als Zugabe? Schließlich tat Anna schnell und mechanisch, was von ihr verlangt wurde. »Unsere Anna betet gegen Bezahlung«, erzählte Onkel Heinrich kichernd jedem, der es hören wollte, »bis sie Schaum vor dem Mund hat.«
Anna ließ die Geißelung Jesu, der längst den Platz ihres Vaters eingenommen hatte, keine Ruhe. Jeden Sonntag saß sie zwischen Großvater und Tante in der romanischen Kirche, deren Fundamente noch aus der Zeit stammten, als sich die Germanen scharenweise zum Christentum bekehren ließen. Ihr umherschweifender Blick hatte längst an einer der weißgetünchten Wände ein Relief mit einer Darstellung des Ereignisses entdeckt. Eines Tages beobachtete der Pastor Alois Jacobsmeyer, als er in einem Seitenschiff gerade im Brevier las, wie sie mit einem Holzschemel in der Hand durch den Mittelgang marschierte. Zielstrebig bog sie nach rechts ab und ging zu den jahrhundertealten Reliefs, die den Kreuzesweg Christi darstellten. Sie kletterte auf den Schemel und begann, Jesu Peiniger kräftig mit den Fäusten zu bearbeiten. »So!«, hallte es rachsüchtig durch die Kirche. »So!« Jacobsmeyer kratzte sich besorgt am Kopf und überlegte, ob das Relief wohl einem derartigen Bildersturm gewachsen war.
3
Einen Augenblick drohte das Gespräch einen hitzigen Ton zu bekommen. Lotte war gereizt wegen der Szene in der Kirche, die Anna nicht ohne Rührung geschildert hatte. Plötzlich loderte ein messerscharfes, grimmiges Gefühl in ihr auf, das schon die ganze Zeit geschwelt hatte.
»Da hat euch die Kirche ja ein wunderbares Alibi verschafft, sechs Millionen Menschen zu ermorden«, sagte sie. Auf ihren Wangenknochen zeigten sich rote Flecke.
»Genau«, sagte Anna, »das ist es ja gerade! Ich erzähle dir das alles, damit du verstehst, dass schon in unserer Kindheit der Boden dafür vorbereitet wurde.«
»Ich glaube nicht«, Lotte stand langsam auf, »dass ich das Bedürfnis habe, es zu verstehen. Zuerst habt ihr die Welt in Brand gesteckt, und jetzt verlangt ihr auch noch, dass wir uns in eure Beweggründe vertiefen.«
»Ihr? Du redest von deinem eigenen Volk.«
»Ich habe mit diesem Volk nichts zu schaffen!«, rief Lotte voller Abscheu, mahnte sich dann jedoch zur Ruhe und setzte hochmütig hinzu: »Ich bin eine Holländerin, mit Leib und Seele.«
Lag ein Anflug von Mitleid in dem Blick, den Anna ihr zuwarf? »Meine Liebe«, sagte sie begütigend, »wir haben sechs Jahre lang beim selben Vater auf dem Schoß gesessen, du auf dem einen, ich auf dem anderen Knie. Das kannst du doch nicht wegwischen. Schau uns doch mal an, alt und nackt unter unseren Bademänteln, mit unseren Plastikschlappen. Alt und um einiges klüger, hoffe ich. Statt uns gegenseitig zu beschuldigen, sollten wir lieber unser Wiedersehen feiern. Ich schlage vor, dass wir uns anziehen und in eine Konditorei gehen, in der Straße, die nach Königin Astrid benannt ist. Dort gibt es …«, sie küsste ihre Fingerspitzen, »phantastische Törtchen.«
Lottes Zorn war verraucht. Beschämt, dass sie sich so hatte gehen lassen, nickte sie. Zusammen gingen sie durch den imposanten Korridor zu den Umkleidekabinen. Zusammen – was für ein Wort.
Eine Viertelstunde später stiegen sie die Treppen des monumentalen Kurhauses hinab. Unwillkürlich hielten sie sich aneinander fest, denn es schneite, und die Stufen waren glatt. Der Weg war nicht weit. Sie betraten einen unauffälligen Laden und gingen an einer Vitrine mit verlockenden Köstlichkeiten vorbei in den hinteren Raum, ein veredeltes Wohnzimmer, wo sich betagte Damen mit Pelzmützen auf dem Kopf in stillem Genuss dem matriarchalischen Ritus von Kaffee und Kuchen hingaben. Von der Decke hing ein Wagenrad mit elektrischen Kerzen herab, die ein schmeichelndes Licht auf die Gäste warfen, an der Wand verstärkten Gemälde mit Phantasielandschaften in unnatürlichen Farben die beruhigende, kitschige Atmosphäre.
Sie bestellten Merveilleux, die raffinierte Variante eines Bissens Luft, zusammengehalten durch Eischnee, Schlagsahne und Mandelblättchen.
»Jetzt ist mir auch klar, wen ich gestern singen gehört habe.« Das Stückchen Baiser, das sie gerade zum Mund führen wollte, kam auf halbem Weg zum Stillstand, und Lotte sah nachdenklich aus.
»Wen denn?«
»Als ich gestern mein Moorbad nahm, sang jemand das Lied von der Kölschen Bummelbahn.«
Anna lachte. »Hin und wieder kann ich die Badewannenkoloratur nicht lassen, wenn ich das Gefühl habe, dass mich niemand hört. Aber … Früher warst du doch diejenige, die so gern gesungen hat.«
Lotte runzelte die Stirn. Ringsum ertönte kultiviertes Geplauder; ab und zu bimmelte die Ladenglocke, und ein schneenasser Gast trat ein. »Richtig mit dem Singen angefangen habe ich erst«, korrigierte sie ihre Schwester, »nachdem ich damals im Eis eingebrochen war.«
