Diese bescheuerte Fremdheit in meiner Seele - Mathias Kopetzki - E-Book

Diese bescheuerte Fremdheit in meiner Seele E-Book

Mathias Kopetzki

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Beschreibung

Mathias wächst in den siebziger Jahren in einem kleinen Örtchen in Niedersachsen auf. Als er mit fünf Jahren durch Zufall erfährt, dass er adoptiert wurde, ist das zwar eine Erklärung für sein »exotisches« Aussehen, doch die Geschichte seiner Herkunft bleibt weiterhin ein großes Rätsel. Auf verschiedene Weise gelingt es ihm, sich gegen rassistische Ressentiments und offene Angriffe zu behaupten. Auch als Erwachsener widerfahren ihm zuweilen absurde Erlebnisse, in denen er als Projektionsfläche für fremdenfeindliche Ängste, Vorurteile oder Sehnsüchte herhalten muss. Kann die Begegnung mit der leiblichen Herkunft Abhilfe schaffen?

Mit viel Humor, Sensibilität und Offenheit erzählt Mathias Kopetzki seine berührende und spannende Geschichte, berichtet von Fremdsein und Selbstbehauptung, vom Kampf und vom Loslassen und der jahrelangen Suche nach Identität.

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Seitenzahl: 262

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Für M.

Struktur

Titelseite

Impressum

Widmung

Inhaltsverzeichnis

Vorspann

Textanfang

Seitenzahlen im gedruckten Buch

Inhalt

Traumhaus und Glupschaugen

Streuselkuchen mit Nachschlag

Im Auftrag des Kalifen

Hatatitla in Hude

Schuhcreme und Pampelmusen

Nazi mit Samenerguss

Spiegeleier ohne Mama

Skateboards und Datteln

Hüpfende Lineale

Himmelfahrtskommando

Gene und Glockenspiel

Große Klöten

Mulattenhuder

Wassereis und Ranzen

Im Seelöwengehege

Schwein mit Cordhose

McEnroes Sohn

Prinzessin vom Plattensee

Tinnitus mit Haaren im Arsch

Kuss auf die Stirn

Nur Türken pinkeln auf Mopeds

Otthusen und die »Brother Deluxe«

Eingemauert an der Ostsee

Kaffee, der nicht schmeckt

Zerbrochenes Holz

Omar Ali Ben Salem

Kanak Power

Gib’s mir, Moslem!

Auferstehung der Toten

Currywurst im Volvo

Sindbad und Esmeralda

Epilog

Über den Autor

Impressum

Wo bist du?

Und wenn ich dich finde: Werde ich mich finden?

Wer bist du?

Und wo in mir hast du dich versteckt?

Pubertätsgedicht von Omar Ali Ben Salem

Ich habe nichts gegen Fremde.

Einige meiner besten Freunde sind Fremde.

Aber diese Fremden da sind nicht von hier!

Methusalix in »Asterix – Das Geschenk Caesars«

Traumhaus und Glupschaugen

Ich war fünf Jahre alt, als Steffen mir die Unschuld raubte.

Er ließ keinen Stein auf dem anderen und hinterher (um es mal pathetisch auszudrücken) war so ziemlich gar nichts mehr wie zuvor. Aber das begriff ich erst einige Zeit später.

Wir schrieben das Jahr 1978, und Steffen, mein zehnjähriger Bruder, war schlecht gelaunt. Er hatte sich mit seinen Freunden gestritten, was einigermaßen oft vorkam, und meist war das auch gleichbedeutend mit dem Ende ihrer Freundschaft.

Steffen, schon damals ein blonder Sonnyboy, den alle liebten, weil er gute Witze riss und einen einnehmenden Charme besaß, ein dünner Schlaks mit dicker Hornbrille, aber einem Zahnpastalächeln, das Felsbrocken erweichen ließ, hatte nämlich einen immensen Freundeverschleiß.

Die wenigen Tage jedoch zwischen diesen oft nur ein oder zwei Wochen dauernden »Freundschaften« hatten es wahrlich in sich. Da verzog sich mein Bruder sofort nach der Schule, ohne sein Mittagessen auch nur anzurühren, auf den Dachboden, wo der größte Teil seiner Spielsachen lagerte, und war für die kommenden Stunden nicht eine Millisekunde lang ansprechbar.

Falls man dann aber doch einmal gegen diese unausgesprochene »Steffen-auf-gar-keinen-Fall-ansprechen-Klausel« verstieß, und sei es auch nur, um ihn ein wenig zu trösten, bekam er umgehend einen Wut- und Heulanfall, aus dem die Worte: »Könnt ihr mich nicht alle mal in Ruhe lassen!« mehr schlecht als recht herauszuhören waren, und stürzte in die nächste freie Ecke, in der er dann die kommenden Stunden nahezu unbewegt kauerte. Mit dem Gesicht zur Wand, gern noch zusätzlich bedeckt von Teppichen, Handtüchern oder ähnlichem Weichkram, welcher weitere Annäherungen an ihn komplett verhinderte.

Eigentlich hatte ich ja schon gelernt, dass ich ihm in solchen Stimmungen besser nicht begegnete, aber da gab es etwas, das war stärker: Ich wollte ran an die Puppen. Steffen besaß nämlich ein mehrstöckiges Barbie-Traumhaus mit voller Ausstattung, größer als ich, welches er sich von dem Geld, das er von den zahlreichen Verwandten zu seiner Kommunionsfeier geschenkt bekommen hatte, im letzten Jahr gekauft hatte. Es war sein ganzer Stolz, sein meistgehüteter Schatz, der wie ein Altar im Zentrum des staubigen Dachbodens prangte – aber seltsamerweise eines seiner wenigen Besitztümer, die er den wechselnden Freundesgruppen akribisch vorenthielt.

In dieser rosa Villa wohnten nicht nur Ken und Barbie, sondern auch ihre Schwester Skipper, ihre Kusine Francie und die Zwillinge Tutti und Todd, die selbstverständlich alle ihr eigenes Zimmer besaßen. Das faszinierte mich ganz besonders, da wir drei Brüder uns im richtigen Leben zwei kleine Zimmerchen im Obergeschoss mit Dachschräge teilen mussten.

Axel, mein größter Bruder, neun Jahre älter als ich und damit stolze pubertierende vierzehn (also ein »Halbstarker«, wie mein Papa das gerne abschätzig formulierte, obwohl dieser Ausdruck schon damals etwas aus der Mode gekommen war), durfte das sechs Quadratmeter umfassende kleine Zimmer allein frequentieren und Steffen und ich zu zweit das große (acht Quadratmeter).

Ansonsten gab es eigentlich nicht so viele Gründe, warum ich unbedingt an Barbies Plastikvilla ran wollte, mit seinen langweiligen Bewohnern, diesen unförmigen Gummigeräten, die nicht einmal richtig sitzen konnten.

Außer, dass ich grundsätzlich mit Sachen spielen wollte, mit denen mein bewunderter großer Bruder gerade spielte. Und sei es auch nur mit dämlichen Puppen, die mich ansonsten herzlich wenig interessierten.

Ich schlich mich also auf Socken über die ausgefahrene Schiebeleiter auf den Dachboden und versuchte, keine Geräusche dabei zu machen, als ich mich von hinten an Steffen heranpirschte.

Der kniete etwa zwei Meter von der Luke entfernt auf dem knarzenden Holzboden und versank gerade mit seinem Oberkörper, vor sich hin murmelnd, im geräumigen Puppenhaus.

Ich beobachtete ihn von hinten, still auf eine Gelegenheit wartend, wenn schon nicht mit Ken, Barbie oder deren »großen« Verwandten, dann doch wenigstens mit einem ihrer Kinder, den Zwillingen Tutti und Todd, eine Zeitlang herumspielen zu dürfen, ohne eigentlich genau zu wissen, was ich mit denen überhaupt anfangen sollte.

Steffen, in sein Spiel vertieft, brabbelte in aller Seelenruhe in unterschiedlichen Stimmlagen, die er seinen Püppchen zuteilte. Doch so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte keine vollständigen Worte, geschweige denn Sätze heraushören.

Nach einer Weile begriff ich, dass das Puppenpärchen in der Küche wohl gerade Essen für die versammelte Familie kochte und sich angeregt über die Zutaten unterhielt – was umso skurriler war, da Steffen ja gerade auf sein eigenes Essen verzichtet hatte.

Ich, ein Allesvertilger, dem Appetitlosigkeit völlig fremd war, der sich aber nicht ansatzweise für das Zustandekommen von Mahlzeiten interessierte, hatte plötzlich das immer heftiger werdende Verlangen, Steffen, Barbie und Ken beim Kochen behilflich zu sein.

Fast hätte ich meinen Arm ausgestreckt und ihm einfach in die Küche gegrapscht, mitten hinein in den Herd und die kleinen Töpfe, aber im letzten Moment konnte ich mich gerade noch zusammenreißen. Die Zeit war noch nicht reif.

Ich übte mich weiter in Bewegungslosigkeit, tatenlos wie eine Sphinx hockte ich hinter seinem Rücken, obwohl es mir zunehmend schwerfiel. Ich hatte dabei das sichere Gefühl, dass mein Bruder mich bisher noch nicht bemerkt hatte.

Doch da täuschte ich mich: Auf einmal schob er seinen Oberkörper aus dem Spielgestell und drehte sich zu meinem Entsetzen direkt zu mir um.

»Hau endlich ab!«, giftete er mich an. »Ich will alleine spielen!«

Augenblicklich kräuselte ich meine Unterlippe zu einem »Flunsch«, wie es meine aus Schlesien stammende Mama immer so treffend formulierte. Ich sah ihn mit aufgerissenen Augen an, mit schwerem Atem, die Stirn zu einer Leidensmiene hochgezogen. Meist genügte das, um schließlich doch noch sein Mitleid zu erwecken und aus Gnade eines seiner Püppchen überlassen zu bekommen. Aber heute nicht. Heute leider nicht. Zumindest keines von denen, die ich gerne gehabt hätte.

»Du willst also mitmachen, was?«, fauchte er mich an. »Kannst du haben!«

Er kramte in seiner Stofftier- und Puppenkiste, einem mit zahlreichen Stickern übersäten ehemaligen Umzugskarton, den er in jahrelanger Sammelarbeit nach und nach gefüllt hatte, und zog eine (Achtung Vokabel-Polizei: So hieß die damals wirklich!) Negerpuppe heraus.

Die war aus Plüsch, schokoladenbraun, hatte rote, wulstige Lippen, schwarze, dichte Locken aus Wollkringeln und riesige, dunkle Knöpfe als Augen.

Er warf sie mir vor die Füße.

»Das da«, rief er. »Das bist du!«

Die Puppe starrte mich an, aus voluminösen Glupschaugen, und sie machte mir Angst.

Ich berührte sie nicht, auf keinen Fall, sorgsam hielt ich meine Arme auf dem Rücken verborgen, als würde auch nur der kleinste Kontakt mit ihr eine ansteckende Krankheit auslösen, betrachtete das Stoffungetüm nur verstohlen von der Seite, wie eine Frucht, von der man weiß, dass sie giftig ist, die einen aber trotzdem auf magische Weise anzieht.

Und als hätte mich mein Bruder mit dieser seltsamen Puppe und seiner bescheuerten Äußerung nicht schon genug irritiert, wies er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sein Traumhaus und die versammelte Barbie-Familie in der Puppenküche. Dabei imitierte er den Tonfall eines Show-Moderators, der seine Gäste ankündigte: »Und das hier sind …« Er zog die Worte in die Länge, um die Spannung zu steigern, auf das, was jetzt kommen würde: »Wir!« Nacheinander zeigte er auf Barbie, Ken, Todd und Tutti. »Das sind Mama, Papa, Axel und ich!«

Er grinste mich erwartungsvoll an, als hätte er mir gerade seine allerneueste Erfindung offenbart, und wäre gespannt, wie ich darauf reagieren würde.

Ich zuckte mit den Achseln. Ich hatte keinen Schimmer, was er mir damit sagen wollte.

Mir fiel an seiner eigenartigen Argumentation eigentlich nur auf, dass, wenn Axel Todd, der Junge sein sollte, dann ja wohl Steffen Tutti, das Mädchen war, und das fand ich lustig. Also begann ich zu lachen.

Das brachte ihn erst recht zur Weißglut. Er riss die Negerpuppe hoch und hielt sie mir direkt vor die Augen. Sie glotzte mich mit unveränderter Miene an.

»Fällt dir was auf?«, schrie er. »Was ist das? Was ist das?«

Ich sah abwechselnd zu ihm und zu der Puppe, mit offenem Mund und konnte nichts erwidern. Mein Bruder machte mir Angst.

»Das da, das ist braun! Und die da drinnen, die sind weiß!«, erklärte er mir mit erhobener Stimme, als wäre ich geistig zurückgeblieben. Und fuhr fort: »Du bist überhaupt nicht mein Bruder! Und das Kind von Mama und Papa, das bist du auch nicht!«

»Und du … du bist nicht Tutti!«, schrie ich umgehend zurück. Schließlich konnte ich seine lautstarken Beleidigungen und seine dummen Negerpuppen-Vergleiche nicht einfach so auf mir sitzen lassen.

Ich sprang auf und stapfte heulend über die ausgefahrene Holzleiter zurück nach unten. Mir war die Lust vergangen. Steffen war böse zu mir gewesen.

Ich verkroch mich in meiner Zimmerhälfte im Obergeschoss und spielte auf dem Kinderbett mit den Sachen, die mir gehörten, mir allein, meinem Playmobilschiff, meiner Playmobilkutsche und meinen Matchbox-Autos. Da würde ich Steffen nämlich nie und nimmer ranlassen, schwor ich mir, auch, wenn er noch so sehr darum bettelte. Ich war stinksauer.

Dabei ging es im Grunde nicht darum, was er mir da eigentlich gesagt hatte, das hatte ich eh nicht verstanden. Er hatte mich einfach nicht mitspielen lassen, wollte mich mit dieser hässlichen Negerpuppe abspeisen und hatte mich angeschrien. Er hatte mich angeschrien und mir Angst gemacht.

Obwohl mir der tiefere Sinn dieser Aktion auf dem Dachboden so überhaupt nicht einleuchtete, beschäftigte er mich zunehmend. Ich musste immer daran denken. Ob ich wollte oder nicht: Während ich spielte, kehrten seine Worte zurück und setzten sich in mir fest, so sehr ich auch versuchte, sie als dummes Geschwätz abzutun und darüber abfällig zu lachen: »Du bist nicht mein Bruder! Und das Kind von Mama und Papa, das bist du auch nicht!«

Hmm. Ich wusste ja bereits, dass ich ganz anders aussah als meine Eltern und meine Brüder. Das hatte ich auf Fotos entdeckt und auch im Spiegel. Aber ich hatte das immer als eine Besonderheit angesehen, eine Auszeichnung, und so war es mir von allen anderen auch verkauft worden: »Na, du bist aber ein Süßer, mit deinen schwarzen Locken und dunklen Augen! Ein ganz ein Schöner!« So oder so ähnlich klang es, wenn Verwandte oder sonstige Erwachsene auf mich zutraten, mich begutachteten, begrapschten, hochhoben und bestaunten. Das kannte ich nicht anders. Ich galt als besonders braun, besonders exotisch, besonders hübsch. Nicht im Traum wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass das damit zu tun haben könnte, kein korrektes Mitglied dieser Familie zu sein.

Meine Eltern waren beide brünett, genauso wie mein Bruder Axel, nur Steffen war blond. Äußerlich hatten sie miteinander auch nicht so viel gemeinsam, außer vielleicht, dass sie alle vier eine Brille trugen. Ich dagegen nicht. Aber waren sie deshalb nicht meine Eltern und Brüder?

Als mich meine Mutter am selben Abend ins Bett brachte, und mir mit zarter Stimme »Weißt du wie viel Sternlein stehen« als Gute-Nacht-Lied vorgesungen hatte, wagte ich es einfach mal, sie zu fragen.

»Steffen war heute böse zu mir. Er hat gesagt, dass du nicht meine Mama bist und er nicht mein Bruder. Stimmt das?«

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Vermutlich, dass sie darüber lachte und »Blödsinn« und »Vertragt euch« sagte, wie sie es ja meistens tat, wenn irgendeiner von uns irgendeinen beleidigt, gehauen oder sonst irgendetwas Dummes getan hatte. Aber ich hatte nicht geahnt, was dieser kleine Satz bei ihr auslösen würde.

Eben noch hatte ihr wundervoller Sopran mich sanft an die Pforte der Traumwelt geführt, wo ich nicht mal mehr anklopfen, sondern nur noch eintreten musste, so wie er das jeden Abend tat, und normalerweise Erfolg damit hatte. Nur nicht heute, wo mich etwas Anderes beschäftigte.

Eben noch hatte sie gelächelt, hatte mir liebevoll die Decke bis ans Kinn gelegt, damit ich in der Nacht nicht fror.

Doch nun bekam ihr Gesicht von einem Moment auf den anderen einen eigenartig verzerrten Ausdruck, so als hätte sie was Schlechtes zum Abendbrot gegessen und wäre kurz vorm Übergeben. Sie musste sich von mir wegdrehen, starrte auf den Teppich und faltete ihre Hände. Sie atmete schwerfällig und langsam und stöhnte beim Ausatmen.

Nach einer Weile hatte sie sich gefasst, wandte sich wieder meinem Gesicht zu, blickte mir tief in die Augen und sagte mit fester Stimme: »Nein, Mathias. Steffen hat Unrecht.«

Dann warf sie mir noch ein Lächeln zu, das allerdings einen Tick zu angestrengt wirkte, als dass ich es ihr hätte glauben können, drückte mir einen Kuss auf die Stirn und verschwand aus dem Zimmer.

Mein Herz wummerte. Ich konnte nicht einschlafen.

Das, was mir mein Bruder heute gesagt hatte, und die komische Reaktion meiner Mama arbeiteten immer noch in mir weiter, vermischten sich mit seltsamen Fantasien, in denen Geister und Monster vorkamen, die aussahen wie eine Kreuzung aus Ken und Barbie und der Negerpuppe, die mich aus dem Bett reißen und aus dem Haus ziehen wollten.

Als Soundtrack dazu erklang »Weißt du wie viel Sternlein stehen« mit dem glockenhellen Sopran meiner Mama in Endlosschleife, der sich immer schriller, verzerrter in meinem Kopf ausbreitete und mich so gar nicht mehr beruhigte.

Das lag vielleicht auch an dem sehr realen, lautstarken Streit, der eine Etage tiefer in unserem Wohnzimmer stattfand.

Ich vernahm die aufbrausende Stimme meines Vaters, die besorgten, beschwichtigenden Töne meiner Mutter und das Heulen und Kreischen von meinem Bruder Steffen.

Seine Worte hörte ich am deutlichsten: »Ihr Lügner! Ihr seid solche Lügner!«

Plötzlich ließ mich das Knallen einer Tür zusammenfahren und das Brüllen meines wutentbrannten Papas, der sie umgehend wieder aufriss: »Na warte! Du sollst mich kennenlernen!«

An der Treppe zum Obergeschoss, in welchem ich mittlerweile zitternd, schwitzend und mit panisch aufgerissenen Augen in meinem Bettchen lag, prügelte er endlose Minuten lang auf meinen wimmernden Bruder ein.

Streuselkuchen mit Nachschlag

Als mich meine Mama am nächsten Tag zu Fuß vom Kindergarten abholte, trat sie mit mir völlig überraschend in die kleine Konditorei, die sich auf halbem Wege nach Hause befand und aus der es morgens immer so gut roch. Sie bestellte sich einen Tee und mir einen Streuselkuchen, den ich so sehr liebte, am liebsten aber von ihr selbst gebacken.

Ich war noch nie im Innern dieser Bäckerei gewesen, immer nur dran vorbeigelaufen, Essen gab es bei uns zu Hause und sonst nirgends.

Doch mir sollte der Abstecher recht sein. Ich hatte nach dem Kindergarten und dem ganzen Gespiele mit meinen Freunden sowieso meist einen Kohldampf, der mit Mittag- und Abendessen allein schwerlich gestillt werden konnte.

Ich kaute zufrieden meine Streusel, die ich vom Teigboden löste, und separat verspeiste, weil sie so schön süß waren und wunderbar zart im Vergleich zum trockenen Boden, den man endlos lang kauen musste. Und ich merkte, wie meine Mama mich lächelnd beim Futtern beobachtete.

Doch plötzlich fror ihr Lächeln ein. Sie räusperte sich und hob zu sprechen an. »Weißt du, Mathias, wir haben euch alle drei sehr, sehr lieb, und wir wollen niemals andere Kinder haben als euch drei«, sagte sie und blickte mir tief in die Augen, wie sie es gestern Abend ja auch schon getan hatte.

Ich kaute vor mich hin, blickte sie ebenfalls an, allerdings verdutzt. Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte, da sie plötzlich wieder so unheimlich ernst wurde.

Sie fuhr fort: »Was Steffen da gestern zu dir gesagt hat, … das stimmt … zum Teil … ein wenig …«

Ich hörte auf zu kauen. Eigentlich hatte ich diese Sache mit den Puppen längst zur Seite geschoben, am Tage hat man schließlich andere Sorgen als in der Nacht. Aber nun interessierte mich natürlich schon, wieso Steffen mit seiner dämlichen Aktion auf dem Dachboden denn auf einmal doch Recht gehabt haben sollte. Und wenn es auch nur »zum Teil« war.

»Nun ja«, fuhr sie fort. »Jedes Kind hat Papa und Mama, genau wie du, wir sind Mama und Papa für dich, und das werden wir auch immer bleiben. Aber weißt du, Mathias, da gibt es andere Menschen, die dafür gesorgt haben, dass du zur Welt kamst. Und da gab es wieder andere Menschen, die haben Axel zur Welt gebracht. Und noch einmal ganz andere, die sind dafür verantwortlich, dass es den Steffen gibt.«

Ich starrte sie aufmerksam an und wagte nicht zu atmen. Obwohl ich nicht viel von dem, was sie da sagte, begriff, wusste ich intuitiv, dass es jetzt nicht angebracht war, irgendetwas anderes zu machen, als ihr zuzuhören.

»Diese anderen Menschen«, fuhr sie fort, und ich merkte, wie schwer sie sich damit tat; sie sprach die Worte langsam, gedehnt und machte lange Pausen, »die haben dann irgendwann gemerkt, dass sie nicht gut für euch sind. Und haben euch lieber zu uns gegeben, zu Mama und Papa Kopetzki, wo ihr – wahrscheinlich – ein besseres Zuhause bekommt als bei ihnen. Verstehst du?«

Ich schüttelte den Kopf. Sie nickte.

»Irgendwann wirst du alles mal verstehen. Aber jetzt noch nicht. Und bis dahin ist das, was Steffen dir da gestern gesagt hat, eine große Dummheit gewesen. Denn wir sind genauso Eltern für dich wie für Steffen. Und das unterscheidet sich kein bisschen davon, wie andere Eltern zu ihren Kindern sind. Im Gegenteil: Wir haben uns für euch entschieden. Und ich sage es dir noch einmal: Wir wollen keine anderen!«

Hunger hatte mich wieder erfasst, ein entsetzlicher Hunger. Er verdrängte den guten Willen, ihrer Erzählung zu folgen, ohne mit so etwas Profanem wie Kuchenessen beschäftigt zu sein.

Ich schob mir nach den süßen Streuseln auch noch den trockenen Boden Stückchen für Stückchen in die Mundöffnung. Nur schwerlich ließ er sich zerbeißen. Wie Lehm klebte er hartnäckig am Gaumen und an den Milchzähnen.

Wie meine Mama schon richtig erkannt hatte: Ich verstand tatsächlich wenig von dem, was sie gesagt hatte – sehr, sehr wenig. Von welchen anderen Leuten redete sie denn da? Und wie, bitteschön, sollten diese komischen Leute »dafür gesorgt« haben, dass wir »auf die Welt kamen«? Warum waren sie »nicht gut« für uns? Und schließlich: Wie kamen wir dann überhaupt zu unserer Mama und unserem Papa? Zu Fuß? Mit dem Flugzeug?

Das einzige, was ich verstand, war, dass, was auch immer mir da mit diesen komischen Leuten passiert sein sollte, meine Brüder etwas Ähnliches mit anderen komischen Leuten erlebt hatten. Axel hatte es erlebt, und vor allen Dingen auch Steffen.

Ja, auch Steffen kam später zu Mama und Papa! Er gehörte also genauso viel oder genauso wenig zu unserer »Barbie-Familie« wie ich. Und das würde ich ihm tüchtig aufs Brot schmieren, wenn er mir das nächste Mal wieder diese bekloppte Negerpuppe entgegenschleudern sollte.

Doch ich verstand auch etwas von diesem Gespräch, das mich sehr stolz machte: Nämlich, dass es für das, was sie mir da sagte, wert gewesen war, in eine Konditorei einzukehren – was wir ja sonst niemals taten – und Streuselkuchen zu essen.

Für immer sollte nun der Geschmack von Streuselkuchen mit dieser ersten, wichtigen Unterredung mit meiner Mutter verbunden bleiben.

»Darf ich Capri-Sonne?«, wagte ich nach einer nicht enden wollenden Pause zu fragen, in der wir uns schweigend begutachtet hatten, weil wir wohl beide nicht so recht wussten, wie wir diese Unterhaltung denn nun ordentlich zu Ende führen sollten.

Mama lächelte.

»Natürlich.«

Sie stand auf, ging zum Kühlschrank, der neben der Brötchentheke stand, nahm eine bunt bedruckte Kunststoffpackung heraus, bezahlte sie an der Kasse und stellte sie auf meinen Teller.

Kirsche.

Ich betrachtete die Packung und verzog das Gesicht. Eigentlich mochte ich Orange viel lieber, aber das traute ich mich dann doch nicht zu äußern. Schließlich wollte ich nicht die Stimmung dieser so heilig anmutenden Erwachsenen-Unterredung kaputtmachen; im Grunde war ich ja ziemlich glücklich, sie mit meiner Mutter führen zu dürfen. Ich war halt schon ein großer Junge.

Stattdessen fummelte ich den eingeschweißten Strohhalm von der Rückseite der Getränkepackung und rammte ihn mit ein wenig Fingerspitzengefühl in die Kunststoffhülle.

Dann fiel mir etwas ein.

»Kommen die Leute, die mich auf die Welt gebracht haben, aus Afrika?«

Augenblicklich verfinsterte sich das Gesicht meiner Mama und sie lehnte sich erschrocken zurück.

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte sie entsetzt.

»Na, wegen der Negerpuppe!«, rief ich, strotzend vor Stolz, ihr auch mal etwas erklären zu können, was sie vorher nicht gewusst zu haben schien. »Die Neger kommen doch aus Afrika und da kommt doch auch die Negerpuppe her! Und wenn Steffen sagt, ich sehe aus wie eine Negerpuppe, und Eltern sehen doch meistens so aus wie ihre Kinder, dann müssen meine früheren Eltern doch aus Afrika sein!«

Ich war zufrieden mit meiner wasserdichten Argumentationskette, doch meine Mama hatte von Wort zu Wort entsetzter gewirkt.

Ich spürte, dass sie schwer um ihre Fassung rang. Sie holte das Brillenetui aus ihrer Handtasche hervor und wedelte sich Luft zu.

»Also, erstens«, stellte sie fest, nachdem sie eine Weile wieder mal die richtigen Worte gesucht hatte, »siehst du nicht aus wie ein Neger. Ganz und gar nicht. Die sind viel brauner als du. Das, was Steffen da gesagt und getan hat, war sehr gemein, und das solltest du so schnell wie möglich vergessen. Mag sein, dass deine … diese …« Sie ruderte mit den Händen in der Luft herum, als müsste sie sich die korrekte Formulierung regelrecht herbeiwinken. Dann hatte sie es geschafft. »… also die Menschen, die dafür gesorgt haben, dass du zur Welt kamst«, fuhr sie fort, »und die dir vielleicht auch ein ganz klein wenig ähnlich sehen, aus einem anderen Land kommen als diesem, aber …« Sie machte eine Pause, atmete langsam ein und dann schnaufend wieder aus. »Aber wir wissen es nicht. Damit müssen wir alle leben. Und außerdem …« Jetzt sah sie mir erneut tief in die Augen, »möchte ich nie wieder, dass du diese Menschen deine Eltern nennst. Nie wieder. Hast du mich verstanden? Wir sind deine Eltern. Wir sind Mama und Papa. Da gibt es keine anderen!«

Ich hatte die Hälfte der Capri-Sonne ausgetrunken, mich eben mit dem ekelhaften Kirschgeschmack so halbwegs arrangiert, als diese Worte meiner Mama in meine Ohren drangen und dort geradezu schepperten. Sie hatten Gewicht, diese Worte, bleiernes Gewicht, das spürte ich. Sie klangen wie die, die ich im Gottesdienst hörte, in den meine Eltern mich seit einigen Wochen immer sonntags mitnahmen.

Da stand dieser Mann mit der bunten Kutte hinter dem Steintisch und sprach lauter so wichtiges Zeug, das in dem riesigen, hallenden Raum meistens echote und dadurch noch größere Wichtigkeit bekam.

»Aus einem anderen Land«, »Du siehst ihnen ähnlich«, »Wir wissen nicht, woher. Damit müssen wir leben«, »Aber niemals diese Menschen deine Eltern nennen!«, echote es nun auch in meinem Kopf, und ich fühlte mich ganz plötzlich unendlich müde.

Meine Mama hatte nie zuvor so mit mir gesprochen. Zwar war sie natürlich streng zu mir, wenn ich meine Spielecke nicht aufräumte, mit meinem Roller zu weit auf die Straße fuhr oder einen meiner Brüder zuweilen »Furzknoten« oder »Kackgesicht« nannte, aber das klang alles anders. Und es sollte auch noch Jahre dauern, bis sie wieder so oder so ähnlich mit mir sprechen würde.

Doch diese wichtigen, schweren, nachhallenden Worte, die ich ja im Grunde besser verstand, als ich mir eingestehen wollte, schufen Raum in mir, Raum für Gedanken und Gefühle, die sich nach und nach in mir breitmachten. Sie sorgten dafür, dass ich mir immer, wenn ich einem erwachsenen Menschen begegnete, der so schwarze Locken besaß wie ich, so dunkle Augen und eine so dunkle Haut, so dicke Lippen und eine so dicke Nase, vorstellte, er oder sie könnte »dafür gesorgt haben, dass ich auf die Welt gekommen war«.

Ganz tief in mir drin, in einer verborgenen Ecke meines Wunschdenkens, wartete ich mit einer Mischung aus angsterfülltem Schaudern und nervös gespanntem Kribbeln auf den Moment, in dem zwei dieser dunklen Menschen auf mich zutreten und zu mir sagen würden: »Hallo, Mathias. Wir sind deine richtigen Eltern. Komm mit. Wir gehen nach Hause.«

Im Auftrag des Kalifen

»Ein Prinz«, sagte ich und streckte meine Brust heraus. »Er war ein Prinz!«

Markus stierte mich mit herabhängendem Unterkiefer an. Er zeigte mir einen Vogel, wandte sich von mir ab und warf den Fußball in die Luft, den er bis jetzt in der Hand gehalten hatte, um ihn nun abwechselnd auf beiden Füßen tanzen zu lassen. Dabei zählte er die Ballkontakte – »Drei, vier, fünf, sechs, …« – und tat so, als wäre ich gar nicht mehr da.

Ich beobachtete ihn, während ich gleichzeitig überlegte, wie ich ihn davon überzeugen könnte, mir doch verdammt nochmal zu glauben.

»… zehn, elf, zwölf, …«

Das macht er gut, dachte ich. Er ist ja wirklich ein guter Kicker. Ein Künstler am Ball! Aber er soll bloß nicht denken, dass mir das Respekt einflößt!

Wir lungerten auf der Fußballwiese herum, die an unsere Grundschule grenzte und die auch mal wieder hätte gemäht werden können. Die langen Halme krochen zuweilen bis zu den nackten Oberschenkeln hinauf und manche ganz böswillige stachen uns sogar in die Waden. Aber das machte uns nichts aus, wir waren eh nur zu zweit, kickten nach Schulschluss ein wenig ziellos vor uns hin, weil wir noch keine Lust hatten, nach Hause zu radeln, und zeigten uns gegenseitig ein paar Dribblings, die wir für wahnsinnig genial hielten. Die anderen Kinder waren schon abgehauen.

»Im Ernst!«, versuchte ich es ein weiteres Mal, ohne sicher zu sein, dass er mir überhaupt noch zuhörte. »Es war ein Prinz, ein Prinz aus Italien!«

»Aus Italien?« Abrupt brach er seine angeberische Jonglage ab und ließ den Ball auf den Rasen kullern. Mit verkniffenem Gesicht blickte er mich von der Seite an. »Etwa ein Spaghetti?«

»Ja, genau ein Spaghetti!«, schrie ich, voller Übermut, da er nun endlich angedockt zu haben schien. Und ich senkte verschwörerisch die Stimme: »Der kam angeritten nach Deutschland, weil er mal richtig gutes Obst essen wollte. Das haben die da nämlich nicht, die haben da ja nur Spaghetti und Pizza, und besonders unsere Äpfel mögen die da richtig gerne. Und er wollte für seine Landsleute einen riesigen Sack davon einsammeln und die da unten mal ordentlich überraschen! Und eigentlich wollte er auch gleich wieder zurückreiten, aber dann hat er unterwegs ein Mädchen getroffen, die genauso braun war wie er. Die sammelte nämlich ebenfalls gerade einen Sack Äpfel ein, und zwar genau von dem Baum, an den er selber ran wollte, dem schönsten und größten in unserm Land, von dem in Italien schon Sagen berichtet haben. Und er wollte ihr sagen, dass sie die Finger von seinen Äpfeln lassen sollte, weil er die doch für sein Volk benötigte, aber sie hat ihn nur frech angesehen. Und dann hat er sie gefragt, woher sie eigentlich komme, und sie hat ihm geantwortet: Aus einem Land, wo Milch und Honig fließen und wo es nur glückliche Menschen gibt. Und dann hat er ihr ein wenig zu lang in die Augen geschaut, und so ist die Liebe in ihm ausgebrochen und in ihr auch. Und dann haben beide das mit den Äpfeln sein gelassen, weil die Säcke auch viel zu schwer gewesen wären für sie und ihre Pferde, und sind auf und davon. Ganz weit weg, also in das Land, wo Milch und Honig fließen und wo es nur glückliche Menschen gibt.«

Da war er wieder, Markus’ herabhängender Unterkiefer, der eher an einen VW Käfer mit kaputter Motorhaube erinnerte, als an einen siebenjährigen Jungen.

»Du spinnst!«, attestierte er mir nach einer endlosen Pause, in der ich noch die kleine Hoffnung verspürt hatte, er könnte mir meinen Schmarrn abgenommen haben.

Schließlich hatte ich doch beobachten können, wie er meine Erzählung mit geweiteten Pupillen verfolgt hatte, ich hatte förmlich dabei zugesehen, wie jedes meiner Worte ein unruhiges Flackern in seinen Augen auslöste, als hätte er meine kleine, feine Herkunftsgeschichte selber erlebt – umso erstaunlicher, da ich sie ja gerade jetzt, in diesem Augenblick erst erfunden hatte.

Aber nun schien er zu meiner Enttäuschung wieder aufgewacht zu sein aus seinem Tagtraum, in den ich ihn mit all meinen zur Verfügung stehenden Mitteln hineinfantasiert hatte. Er popelte in der Nase, als würde ihm keiner dabei zusehen, bohrte mit seinem Blick ein Loch in die Grasfläche und reckte anschließend triumphierend seinen Schädel in die Höhe.

Ich schob augenblicklich Panik. Vermutlich war ihm etwas eingefallen. Vermutlich das schlagende Argument, mit dem er mich kaltstellen konnte – so wie er mich ja auch regelmäßig ausdribbelte, so gut ich ihm mit seinen blöden, schlaksigen Beinen auch Paroli bot.

»Und wiiiie, bitteschön«, wollte er mit bedrohlichem Singsang in der Stimme wissen, als wäre ich der Täter und er der Kommissar, der mich des Mordes überführte. »Wiiiie sollst du dann bitteschön entstanden sein, wenn die sich gleich in dieses Dingsda …« Er schnippte ein paar Mal mit den Fingern, weil ihm die richtige Formulierung nicht gleich einfiel. »… in dieses … dieses Land da mit Milch und Honig aufgemacht haben?«

Ich senkte den Kopf. Da hatte er mich erwischt. Darüber hatte ich mir tatsächlich noch keine Gedanken gemacht.

Nun bohrte ich selber meinen Blick in den Rasen und ließ die Schultern in Richtung Boden sacken. Eine knifflige Frage. Wie entstand man denn überhaupt?

Um meinen Entstehungsbericht hieb- und stichfest zu machen, musste ich so etwas natürlich wissen! Denn dass der berühmte Storch für die ganze Sache verantwortlich sein sollte, glaubten mit sieben Jahren weder ich noch Markus. Im Gegenteil: Wir amüsierten uns über die Vorschüler oder Winzlinge aus dem Kindergarten, die auf unsere altkluge Frage: »Wisst ihr denn überhaupt, wo die Babys herkommen?« stolz antworteten: »Ja, klar, vom Storch!«

Dann lachten wir uns über sie kaputt, während die Kleinen ihr Gesicht verzogen: »Hast du gehört, der Winzling glaubt noch an den Storch! Ha ha! Ist der blöd!« Dabei hofften wir natürlich, dass niemand von denen auf die naheliegende Idee kommen würde, uns mal zu fragen, wie es sich denn wirklich verhielte mit diesen Babys. Denn dann wäre uns das Lachen wohl ganz schnell vergangen. Viel weiter als die Vorschüler waren wir da leider nicht.

Dann fiel es mir plötzlich ein. Da hatte mein Kumpel Lars – der war ja schon acht und wusste ganz sicher darüber Bescheid – vor Kurzem etwas erzählt. Etwas, was ich absolut nicht glauben konnte, doch von dem er geschworen hatte, dass es sich haargenau so abspielen würde.

»Ein Kuss!«, brüllte ich, überglücklich über meine Rettung in letzter Sekunde, bevor sich Markus wieder seinem angeberischen Gekicke hätte widmen können. Und ich nahm mir vor, meinem Retter Lars bei nächster Gelegenheit ein Hubba Bubba zu spendieren, ohne ihm aber genau zu erzählen, wieso ich das tat. »Sie haben sich vorher natürlich geküsst, gaaaanz lange, und dann bekam Esmeralda …«

»Esmeralda?« Markus zog die Stirn in Falten.